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Frost in Blüthen

Marie von Olfers: Frost in Blüthen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNeue Novellen
authorMarie von Olfers
year1876
firstpub1876
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleFrost in Blüthen
pages138
created20140518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Frost in Blüthen.

Novelle

von

Marie von Olfers.

 


 

Sag mir,
Was mein Herz begehrt?
       

 

An einem duftigen Frühlingstage, der sich schon dem Sommer zuneigte, führte der neue Gutsherr seine Familie auf dem eben angekauften Gut Vogelnest ein. Vogelnest war das lieblichste Fleckchen der fruchtbaren Gegend; klein an Ausdehnung, aber reich an malerischer Schönheit und wirthschaftlichem Werth.

In einem Hain schwer belaubter Linden lag das zierliche Wohnhaus mit behaglichem Vorbau, an dem sich die Bäume trennten wie ein mächtiges Thor, den Blick weit hinaus führend über sprudelnde Bäche und üppig grüne Wiesen, bis der dunkle Wald, ein voller Kranz, das Ganze abschloß.

Vogelnest war mit einigem Angeld gekauft, aber der frische Mann, in der vollen Kraft des Lebens, zweifelte nicht daran, die Sache durchzuführen.

Schon Manches hatte er dem Schicksal abgerungen, woran Schwächere erlahmt waren. Siegesgewiß ging er in den Kampf.

Es war ein schöner Mann, frisch von Gemüth und frisch von Angesicht, dessen Blick Einen wohlthätig und glückverheißend traf.

86 Seine Tochter, ihm verwandt, wie der Zweig dem Stamm, sprang eben übermüthig vom hochaufgethürmten Wagen.

»O, wie ist es köstlich hier!« rief sie wonnetrunken dem Knaben zu, der sie empfing, »hier scheint die Welt ein einziger großer Blumenstrauß!«

»'s ist Sommer jetzt,« antwortete der bedenklich; »warte nur, wenn der Winter kommt,« und sein feines, ernstes Gesicht stach recht ab gegen ihre sorglose Kindermiene.

Der Wagen schien eine Arche Noah, als ob nach einer Sündfluth die Menschheit sich neu ansiedele auf diesem sonnigen Fleckchen Erde.

Zuletzt stieg eine schlanke Frau heraus mit demselben feierlichen Gesicht, wie es der Knabe hatte, im Arm lag ihr das Kleinste, ein Bübchen vom halben Jahr.

Alles belebte sich umher, lief durcheinander, fragte, rief, suchte und fand seine Stätte, nur die wilde Dorothee und ihr anderer Bruder Gabriel konnten kein Ende finden. In allen Ecken krochen sie umher, die blühenden Büsche schüttelnd, um nur ja alle Reize dieses neuen Märchenlandes zu entdecken.

Nichts blieb ihnen verborgen, spät in finstrer Nacht mußte man sie mühsam aufsuchen und in die Betten stecken.

Als endlich Ruhe war, saßen Mann und Frau allein neben einander in der neuen Heimath. Die Fenster standen weit offen, denn es war warm. Rosenduft strömte in Fluthen herein, zahllose Johanniswürmchen tauchten auf, als wären die Sterne lebendig geworden. Der Mond umfing 87 mit weichem Strahl das Ganze, das kleine Zimmer durchdringend, bis Alles darin wie Silber glänzte.

»Sibille,« sagte der Mann, und küßte den feinen Mund seiner Frau auf das herzhafteste, »jetzt bin ich auf der Höhe des Glücks – Dich – die Kinder und ein eigenes Nest – größere Wonne kann es nicht geben! Warum jubelst Du nicht? bist Du nicht eben so froh als ich? – Hast Du nicht den Augenblick eben so brennend herbeigewünscht als ich?« –

»Ich bin eine dumme, bedenkliche Seele«, antwortete sie, »mir ist noch gar nicht, als ob's unser wäre, eh' wir es ganz bezahlt haben.«

»Frauensorgen!« erwiederte er lustig, »nach euch gäb's weder Handel noch Staat; auf Vertrauen ist Alles gebaut, anders geht es nicht in der Welt, wagen muß, wer gewinnen will.«

»Ich versteh' es wol,« antwortete sie schüchtern, »aber was setzen wir ein? Wenn's unser Glück nur wär', – nein das Glück, die Zukunft unsrer Kinder. Gehört uns das Beides? – dürfen wir damit spielen? Wenn Du es nun nicht durchhalten kannst? – wenn es verloren ginge« –

Er schloß ihr den Mund wieder mit einem Kuß.

»Wenn, wenn,« sagte er, »wenn ich mir Alles so überlegte wie Du, würde nie etwas zu Stande kommen, und ich säße am Ende noch und zweifelte, ob ich das Recht hatte, Dich aus des Vaters Haus zu holen. – Ich hatte das größte auf Dich – das der Liebe. – Ich sollte Dich nicht haben, hieß es, ich könne Dich nicht ernähren, ich dürfe Dein 88 Schicksal nicht an mein unsicheres binden; ich ließ sie reden und that es doch, ich stahl Dich. – Ich hätte es gethan, und wäre die ganze Welt wider mich gewesen.«

»Ich selbst wäre wider Dich gewesen,« sagte sie, und ihre Wangen flammten peinlich auf im Angedenken jener Nacht – »für Niemand hätt' ich Unrecht gethan, nicht einmal für Dich.«

»Weißt Du noch,« fuhr der Mann fort und sein fröhliches Auge lachte bei der Erinnerung; »das ganze Haus wurde wach, Alles lief zusammen, aus allen Ecken tauchten Verwandte hervor, wie Pilze beim Gewitter, Alles mit Licht, bis Dein Stübchen erglänzte von Kerzenschein, gleich einem Tanzsaal – Du standest mitten inne, zornig, tiefglühend, verdammtest mich und sagtest: ich habe keinen Theil an seiner Sünde.« –

»Unrecht bleibt Unrecht,« fiel sie ein, »so gütig auch der Vater gegen Dich war.«

»Ja, der war besser als Du,« fuhr Andreas fort, »der sah, wie es mit uns stand. Ein toller Bursch, sprach er, verdient mit Schanden weggejagt zu werden; aber weil ich ihn lieb hab' und andere Leute auch, meine Sibille dafür doppelt verständig ist, so mag sie ihn haben, wenn sie will und er heut über's Jahr Beweise bringt, daß sie nicht schon in den Flitterwochen verhungern.«

Daraus holte ich Dich heim. – Habe ich nicht die Feuerprobe bestanden? Hast Du je die Noth von fern gesehen? Bin ich nicht sogar manchem Verwandten, der damals die Nase rümpfte, zu Hilfe gekommen? Was sorgst Du noch?«

89 »Verzeih',« sagte sie, sich fest an ihn drückend, »meine Natur ist nun einmal so engherzig; gewiß, ich schäme mich oft ihrer Dir gegenüber, komme mir selbst so knauserig, so unedel vor; Du streust um Dich, wie ein voller Baum seine Früchte, mir wird das Geben so schwer, immer sorg' ich, ob's auch an den Rechten komme, ob's nicht Unheil stifte, ob's nicht einmal im Hause fehle.«

»Warte nur,« sagte er entschuldigend, »wenn wir erst reich sind, lernst Du es leicht. Jetzt bist Du meine Vernunft, was Du zu wenig thust, thu' ich zu viel. Kenntest Du nur die Seligkeit, Alles rings zu beleben, erquicken, ein wohlthätiger Strom, um den die Ufer grünen, blühen und der sich sagt, ich schuf dies Alles! Ihr Glück ist meins! – Oft hat mir die Mutter erzählt, wie mich die Wärterin ihr an die Seite gelegt und gesprochen hat – ›der Jung ist mit offener Hand geboren.‹ Die Mutter hat damals geseufzt, wie Du jetzt, denn wir waren arm, aber nachher hat sie mich darum lieb gehabt, wie Du auch.«

»Ja,« rief Sibille, stolz zu ihm aufblickend, »ich wollte, ich könnte sein wie Du, könnte genesen von all den Zweifeln, an denen ich krank bin, und frisch in den Tag hineinleben, wie Eures Gleichen.«

»Dein Arzt will ich sein,« rief er fröhlich, »vertraue Dich meiner Leitung an!«

»Ganz und gar,« sagte sie, »mach' mit mir, was Du willst, nur die Kinder –«

»Die Kinder,« wiederholte er, »warum trennst Du sie immer von uns? –«

»Für die Kinder,« sagte sie ängstlich, »ist mir keine 90 Sorge zu groß, darin will ich mich auch nicht verändern, Andreas, weil dort Sorge Liebe ist; von meiner Liebe aber will ich nichts einbüßen, und sollt' ich darüber auch noch so vergnügt und leichtherzig werden.«

Sie zog ihn hinauf zu den Kammern der Kinder – »es ist anvertrautes Gut,« fuhr sie fort –»für sie leben wir, für sie sind wir verantwortlich. – Gott gebe, daß wir einst mit freier Seele sagen können: ›Siehe, hier bin ich und die Kinder, die Du mir gegeben hast.‹«

»Von Herzen Amen dazu!« vollendete er lachend. – »Du sollst der Seelsorger sein, ich für das Uebrige. Jonathan wird Dir dabei an die Hand gehen, er ist Dein echter Sohn!«

Dabei zeigte er auf den Knaben, dessen feine Züge in stillem Schlummer ruhten, »mit dem wirst Du keine Noth haben; wie sorgsam ist die Decke glattgezogen, wie ordentlich Alles zum nächsten Morgen zurechtgelegt!«

»Desto mehr mit Deiner Tochter,« fuhr sie fort und hob die Decke auf, die hinabgefallen, weil das schöne wilde Kind sich unruhig im Schlaf hin und her warf, umgeben von Waldblumen, zusammengerafft in der Eile – Rock und Schuhe noch naß vom Abendthau. –

Großmüthig theilte sie ihr Lager mit dem Lieblingshund.

»Es ist doch zu schlimm mit dem Mädchen,« sagte die Mutter, die duftenden Blumen vom Boden zusammenraffend, die mit ihrem süßen Hauche schwere Träume machten, wie sie sagte, und Kopfweh am Morgen. – »Es ist zu schlimm 91 mit der Dorothee, immer sieht sie liederlich, zerrissen und beschmutzt aus.«

»Und doch ist sie so schön dabei, daß man ihr nicht bös sein kann,« ergänzte der Vater, die tiefschlafende mit entschiedenem Beifall betrachtend.

»Das ist es eben,« sprach die Mutter weiter, »weil ihr Alles gut steht, sieht man darüber hinweg, daß es unrecht ist; sie geht in das zwölfte Jahr und ist wild wie ein Bube.«

»Besser als ein Zierlieschen,« meinte er zufrieden.

»Nun ja,« gab sie zu »aber warum eins von beiden?«

An alle Betten der Kinder trat sie noch heran, ordnete, brachte, was fehlte, und dann bekam Jeder seinen frommen Spruch, den sie feierlich ertheilte, wie der Prediger auf der Kanzel. –

Andreas stand dabei und lächelte. »Hast Du nicht auch einen Zauberspruch für mich, oder ist das wieder nur für die Kinder?« –

»Es wäre wohl schön für euch Männer,« sagte sie ernsthaft, »aber ihr achtet's nicht und habt keine Zeit dafür.«

»Mag sein,« antwortete er, »hätte ich so viel Muße wie Du, ich käme am Ende auch auf solche Grillen; wir, die wir erwerben, sind in einem wüsten Kampf, Tag für Tag, s'ist als wären wir im Krieg. Ihr zu Haus mögt für uns bitten.«

»O,« rief sie, »wenn das hülfe, wenn wir alles Unheil abwenden könnten, was in dieser Hast nach Erwerb euch begegnet!«

»Siehst Du,« sagte er lustig, »ihr könnt's auch nicht. 92 Worte sind nichts als Worte. Seid froh, daß ihr davon bleiben könnt, während unser eins über die Klippen springt.«

 


 

Rein
Soll Herz und Haus sein.
       

Nun ging es an ein reges Leben und Wirthschaften. Andreas hatte Recht, unter seinem glücklichen Stern blühte Alles auf. Elendes Land, das sonst brach gelegen, verwandelte sich in fruchtbringendes, elendes Vieh verwandelte sich in kräftiges, es war eine Lust anzusehen. – Vielen schien es ein Zauber, sie nannten es Glück, der Himmel begünstigte ihn auf alle Weise; Andere wußten wol, daß es der Zauber der Arbeit sei, der den Schatz hob, der Jahre lang in diesen Schollen geschlafen hatte.

Von früh bis spät war Andreas unermüdlich, nie sah ihn einer gedrückt oder muthlos, immer stand die fröhliche Hoffnung, die beste Gefährtin des Gelingens, ihm zur Seite.

Sorgsam hütete Sibille das Haus, kein Bröckchen ging verloren, kein Krümchen kam um. Eine liebliche Verkörperung der Ordnung erschien sie, immer sorgfältig gekleidet, die vollen Haare glatt wie ein Spiegel. Nie sah man etwas Schiefes oder Unrechtes an ihr. Wo sie eine Minute fand, schniegelte und glättete sie an den Kindern herum.

Wie Friedensluft wehte es einen in ihrer Nähe an, denn es war keine Hast in ihrem Schaffen, sondern eine stille Ruhe, die an das Entfalten der Blumen erinnerte.

Andreas fiel da hinein wie aus einer andern Welt; ihm war das Alles zu eng; er fühlte sich nicht wohl darin, 93 wenn er mit zerzaustem Haar und offenem Hemdskragen seine Bierbrüder zum Frühstück mitbrachte.

»Du bist zu fein für mich,« sagte er dann, »eine wahre Prinzeß, laß es doch einmal ein bischen bunt über Eck gehen, das ist viel lustiger und bequemer.«

Aber das konnte sie nicht, putzte und säuberte hinter ihnen her, bis das Haus wieder glänzte wie ein Schmuckkästchen.

Herrliche vornehme Buchengänge bildeten einen Park vor dem Hause, aber sie war selten dort zu finden, ihr Liebling war der Küchengarten, den hielt sie wie ihren Augapfel. In zierlicher Reihe standen Kohl, Salat, alle nutzbaren Pflanzen dazwischen, zur Erquickung Rosen, Lavendel, die schlanke Lilie, die hohe Malve.

Jedes Bäumchen gesäubert von Allem, was ihm schädlich werden konnte, blättergrün, als wär's immerfort Frühjahr. Liebliche Ordnung, wohin man sah. Jene, die dem Leben edle Form giebt, wie der Rhythmus der Poesie.

So war in ihrer feinen Schönheit die Herrin dieser reizenden Umgebung, geliebt von allen Guten, getadelt nur von den Schlechten, denn ihre klare Seele duldete nichts Unreines. Unbewußt stieß sie es ab, wie die Sonne das Dunkel. Ihr sanftes, edles Gesicht, den Bösen ein Schrecken und ein Vorwurf. Nur in der äußersten Noth kamen solche um Hülfe bitten.

»Die Frau sieht grad' aus wie der Engel des Gerichts auf unserm Altarblatt,« hatte die alte Jakobe gesagt, die auch einmal bei ihr war um ein Röckchen fragen für ihr Enkelchen. Die Mutter war todt, der Vater saß im Zuchthaus, es war eine elende Wirthschaft gewesen. Das Kind 94 hatte das Röckchen nicht lange getragen, da war es auch gestorben, keiner hatte sich darum gegrämt, als nur die alte Frau.

Sie war schuld an Allem, sagte man im Dorf, sah sie scheel an und achtete sie nichts. –

Jetzt hätte sie verhungern können, wenn sich nicht Andreas ihrer erbarmt hätte.

Auf dem Felde konnte sie nicht mehr fort, im Hause mochte sie keiner, ein Kind warten, das konnte sie noch, deshalb schickte er sie seiner Frau, die eine Wärterin brauchte für ihr Jüngstes.

Sie stand vor Sibillen, die, den Knaben auf dem Schoß, mit ihr redete. Es klang sanft, was sie sagte, aber es traf scharf, denn dann und wann erröthete die Alte bis hinauf zu den silberweißen Haaren und wischte ängstlich mit dem kleinen Sacktuch die feuchte Stirn.

»Ich seh schon,« sagte sie endlich, »Ihr wollt mich nicht, der Kinder halb tauge ich nicht in ein ehrliches Haus. Ich habe Schuld, daß der Bub' nicht gerathen ist, so muß ich auch die Schande mittragen. Die Leute im Dorf haben auch recht erzählt, ich hab' immer gemeinsame Sache mit ihm gemacht gegen die Obrigkeit; Ihr könnt nicht wissen, wie hart den Unglücklichen die Gerichte drücken; hat eins Eurer Kinder gehungert wie meins? Als er die erste Kartoffel nahm, war's noch ein klein unschuldig Ding, sie faßten ihn aber und von da ab hieß er Dieb – ›der Apfel fiele nicht weit vom Stamme,‹ sagten die Dorfleute, sie sind nicht barmherziger als Euer eins. Ich sah, wie's 95 kam, Schritt für Schritt, gehetzt wie ein Wild – vom Unglück in die Sünde ist nicht weit.«

»Es giebt einen andern Weg,« sagte Sibille, »vom Unglück aufwärts zum Himmel, den habt Ihr ihm wol nie gezeigt?«

»Mögt Ihr nicht erleben,« erwiederte die Alte, »wie schwer es ist, ihn zu finden, das Herz vergiftet, vergällt, Alles einem gram, als wär' man zu Unrecht in die Welt gekommen und hätte keinen Platz darin. Mein Jung'! mein armer Jung',« schluchzte sie, »es war grad' solch' ein herziger Bub, wie Eurer da. Gewiß, ich hätt' ihn Euch gut gehalten, ich lieb' ja die Kinder; aber im Grund ist's mir eins, ob Ihr mich nehmt, ob nicht, wäre ich nur erst weg, wo Keiner mehr fragt nach mir und nach meinem Sohn!«

»Alte Jakobe,« sagte Andreas dazutretend, gerührt vom Jammer der alten Frau, »Ihr bleibt in meinem Haus, das hat sich noch keinem Elenden verschlossen, die Frau ist nicht so streng, wie's erst scheint; nicht wahr, Sibille, die Jakobe bleibt?« –

Was er wünschte, geschah immer, ja sie schämte sich wieder ihrer Herzenshärtigkeit, wie sie es nannte.

Nächsten Tages zog die Alte mit ihrem Bündelchen in das Vogelnest als Kinderfrau für den kleinen David.

Trotz dessen legte die Mutter widerstrebend ihr Kind Jakobe in den Arm und sprach in ihrem Herzen eine Art Schutzformel gegen alles Unreine.

Andreas zu widerstehen, kam ihr nicht in den Sinn, 96 er stand in ihrer Seele als der Höhere, dem sie sich unterzuordnen hätte, wie der Kräftigere, der ihre Stütze war.

Gütig gegen Jedermann, entstand bald eine wahre Begeisterung für den Herrn, der überall fünf gerade sein ließ. Diejenigen, die die Frau tadelten, weil an ihnen selbst viel zu tadeln war, erhoben ihn in den Himmel. Im ganzen Dorfe hieß er der Großmüthige; er wußte es und freute sich darüber.

Um das Vogelnest. sammelte sich ein Heer fröhlicher Gäste, es wurde nicht leer davon, einer zog immer den andern nach sich.

Gesegnete Jahre kamen, wo die reichen Heuschober vor den vollen Scheunen standen und die Aehre den zehnfachen Betrag lieferte.

Die wilde Dorothee blühte auf wie die wilden Rosen im Walde, dornig und frisch.

Kein Pferd war ihr zu muthig, ohne Zaum und Zügel jagt sie darauf herum, wie ein Junge.

Meist war der Gabriel zur Hälfte in ihren tollen Streichen. Die Mutter zitterte für sie und mehr als einmal verbot sie es, aber der überquellende Jugendmuth brach immer wieder wie ein lebendiger Funke hervor, erfinderisch in Wagnissen, von denen sich die schüchterne Frau nichts träumen ließ.

»Andreas,« sagte sie oft, »unterstütze mich, Dorothee verwildert; mit allen Dorfbuben ist sie auf Du und Du, sie wird zu groß für dergleichen.«

»Mütterchen,« erwiederte er meist lächelnd. »Laß das Kind, das verstehst Du nicht, sie und der Gabriel sind 97 von meinem Blut, das muß sich ein wenig austoben. Böses thut sie ja nicht.«

»Böses nicht, aber Unmädchenhaftes. Wann wird sie ein Gefühl bekommen für das, was uns ziemt?«

»Wenn sie liebt!« sagte Andreas leicht hin, »dabei wird aus der Wildesten oft die Zahmste.«

»Jede Macht, die sie erregt, fürchte ich,« erwiederte Sibille, »es ist etwas Maßloses, Sündhaftes in ihrer Unbändigkeit. Wird sie im ernsten Moment die Zügel erfassen, die sie jetzt so sorglos ihrer Natur schießen läßt?«

»Die Natur ist noch das Beste an uns Allen.«

Mit dem Gabriel gab's dieselbe Noth. Es waren eben seine Kinder, begabt mit einer Fülle der Kraft, jede Grenze überschreitend, die ihnen gesteckt wurde.

Andreas freute sich daran, es war ihm ein verwandter Ton, dem seine Seele antwortete.

»Sie werden es weit bringen in der Welt,« rief er nach den tollsten Streichen, »die haben gerad das Zeug dazu.«

Eben stand er auch vor der Mutter, die mit unsäglicher Geduld bemüht war, Gabriel bei der Arbeit zu halten. Allein lernte er nie, es mußte immer einer dabei sein, der es ihm mit Gewalt einzwang. Bei den Lehrstunden der Schulmeister, dem der Angstschweiß dabei ausbrach; bei den Arbeiten die Mutter.

Der Vater wollte ihn heut, wie oft, mit hinausnehmen auf das Feld, wenn die Lection aus wäre, aber wie der Junge es trieb, war wenig Aussicht auf ein baldiges Ende.

98 Ungeduldig ging Andreas bald zu den Lernenden, bald an das Fenster. Endlich riß ihm die Geduld.

Draußen blinkte und lockte die Sonne wie verführerisches Gold, guckte bald hier, bald dort durch die grünumrankten Scheiben, huschte über die schwarzen Lettern, und als der Vater die Thür aufthat, um allein fortzugehen, drang ein ganzer Strom von der äußeren Herrlichkeit eines thauigen Morgens in das dunkle Kämmerchen.

Das war zu viel für den Bursch, er brach in ein zorniges Wehgeheul aus.

»Mütterchen,« sagte Andreas, der nichts der Art vertrug; »der Tag ist so schön, als hätt' ihn der liebe Gott selbst zum Genuß gemacht – gieb den Jungen los, 's wird nie ein Student – braucht auch nicht, kräftige Leute fordert die Welt.«

»Es ist aber keine Kraft, sondern Schwäche, wenn man seine Pflicht vernachlässigt. Wahrhaftig, unsere Kraft braucht er auf, unsere Geduld; wären wir nicht so zähe, längst ließen wir ihn laufen.«

»Laß ihn laufen, er lernt auf eine andere Manier.«

Mit dem Ausdruck dankbarsten Entzückens flog Gabriel dem Vater zu.

»Heute einmal?« sagte der wieder wie eine Frage.

»Du weißt, Du hast nur zu sagen,« antwortete Sibille, »aber neulich schon schenktest du ihm die Aufgabe, er lernt nichts als dumme Streiche.«

»Durch dumme Streiche wird man klug,« fuhr Andreas fort, »einer lernt aus den Büchern, der Andere aus dem Leben.«

99 »Das ist eine harte Schule,« antwortete die Mutter, »besser er lernte bei mir.«

»Laß mich bei Dir lernen,« bat der Bursch und faßte fest des Vaters Hand, »ich will lernen Pferd und Ochsen führen, und folgen sie nicht, so hau' ich sie mit der Peitsche.«

»So müßte man's auch mit Dir machen,« sagte Andreas lachend, damit gingen sie hinaus in die strahlende Sonne.

Sibille sah ihnen unbefriedigt nach.

Bis auf den Jonathan waren alle Kinder lieber beim Vater, als bei der Mutter. – War sie schuld? – Warum ihr diese Seele, die immer die strenge Seite zeigen mußte? Warum sollte sie die Pflicht aufnehmen, die er liegen ließ? Warum auf ihr Theil nehmen, was überall des Vaters Theil sonst war? Konnte sie es ihm nicht überlassen und auch so geliebt und vergnügt sein?

Quer über den Acker schritten die Beiden seelenscontent ohne Arg, ohne Schatten in ihrer Seele.

Der kleine Herr war ein Liebling der Leute, weit mehr als der stille Jonathan.

Kräftig und flink griff Gabriel ein, sie waren gerad' beim Heu. Stolz sah ihm der Vater zu.

»Als ob der nicht fleißig ist, nur auf seine Art!«

Seine Art war aber, wenn es ihm paßte. – Wie einen Spaß that er die Arbeit. Von den Büchern war nicht mehr die Rede.

Nach Tisch nahm ihn der Vater wieder mit hinaus. Der Bursch blieb in einem Rausch von Seligkeit.

Den hab' ich glücklich gemacht, sagte sich Andreas, nie 100 war wol ein eingesperrter Vogel vergnügter, als er die Freiheit bekam, wie dieser lockere Zeisig.

Wozu all' die Käfige, all' der Zwang?

Sogar als der Vater heimging, blieb der Bursche noch draußen, um auf dem letzten Fuder nach Haus zu fahren.

Er that's an Uebermuth dem derbsten Bauernjungen zuvor, hielt grobe Reden, trank Schnaps.

Unter dem schallenden Gelächter und Hurrah der Leute wurde er endlich auf den schwankenden Wagen gehoben und im Triumph heimgeleitet. Nebenher gingen die jauchzenden Mägde und Knechte, aber er überschrie sie alle mit seiner scharfen Knabenstimme.

Schon von fern hörte ihn die Mutter, es verletzte sie der rohe, fast thierische Ton.

»Er thut mir weh damit,« sagte sie zum Jonathan.

»Vieles, was bei den Leuten nicht einmal schlecht ist, wird für unsereins zur Rohheit – Kraft und Rohheit sind Geschwisterkind, mancher meint, er besitzt die Erste, und hat die Zweite. Gabriel ist auf dem Weg, sich uns zu entfremden.«

»Schon trägt er sich anders, red't anders, ißt anders als es bei uns Sitte.«

»Jeder Stand hat seine Manier, ich will nicht sagen, welche die beste ist, aber paßt Jemand nicht mehr in die Umgebung, zieht er fort wie die Schwalbe zum Süden.«

»Dorothee ist nicht besser, da läuft sie wieder hin zum Wald, trotz Abendthau ohne Tuch.«

»Einen Bedienten müßte sie haben, der ihr Alles nachträgt – Andere können für sie laufen – Du oder ich. Geh', bring ihr das Tuch, aber sie soll ja heim sein zum 101 Nachtessen, ich hab' nicht Lust, wieder in Angst und Dunkelheit auf sie zu warten.«

Sie band sich ein Tuch von den Schultern, ein altmodiges Ding, noch von der Mutter her, deshalb doppelt geehrt, schärfte dem Jonathan ein, »Dorothee soll es wie einen Schatz halten.«

Als das Abendbrot auf dem Tisch stand, kam Andreas mit einigen Freunden.

Sie setzten sich, schwatzten, tranken, machten ihre Späße, nicht die feinsten.

Dorothee fehlte. – Der Vater merkte es nicht. Auch geschah es oft, daß das Mädchen nicht zu rechter Zeit da war.

Sibille vermißte die Tochter gleich, unruhig ging sie hin und her, schickte bald diesen, bald jenen hinab in das Dorf – deckte das Essen zu, klagte, daß es kalt werden würde.

Draußen war stockfinstre Nacht und ihr besorgter Blick konnte nicht durch die finstere Dunkelheit dringen, wie sehr auch ihre geängstete Seele sich danach sehnte.

Endlich that sich die Thür auf und herein stürzte Dorothee, wie immer sehr aufgeregt, die Augen strahlten ihr ordentlich und trotz der nächtlichen Kühle glühten die Wangen, auf den Schultern fehlte das Tuch und Alles am Anzug, was sie irgend missen konnte.

So stand sie vor der Mutter in Rock und Hemd, die Haare gelöst, malerisch anzusehen.

Die Männer schlugen ein lautes Gelächter auf.

»Um Himmelswillen, was ist Dir begegnet? Wer hat Dich so zugerichtet?« rief Sibille, die immer ein Unglück ahnte.

102 Das Mädchen aber lächelte, daß die weißen Zähne wie Licht glänzten, und hob hoch empor an dem Fell ein verhungertes zottliches Geschöpf von Hund, das aussah, als müßte es im nächsten Augenblick verenden.

»Wo war ich, Mutter!« rief sie triumphirend – »bei den Zigeunern in Wald und das hab' ich euch mitgebracht. Sie kommen oft betteln an der Thür, jetzt ist der ganze Wald voll – Kleine, Große – sitzen bei den Feuern und erzählen – ich wär' noch nicht hier, aber jetzt zogen sie fort.«

»Du bist ja eine abscheuliche kleine Hexe,« sagte Andreas, und das Mädchen erkannte am Ton, daß ihm die Geschichte gefiel.

Sibille hatte aber keinen Sinn für derlei Romantik. »Bei dem Lumpengesindel, bei den Dieben! Wo ließest Du das Tuch, Deine Kleider, schämst Du Dich nicht, so vor uns zu stehen?«

Dorothee erröthete, sagte aber: »nein, ich gab Alles den armen Leuten, die hatten noch weniger als ich.«

»Was,« rief die Mutter, »all' die guten Sachen, in denen Du noch Jahr und Tag gehen solltest, mein Tuch, mein theures Tuch von der Großmutter her!«

»Die Leute brauchten es mehr als wir,« sagte das Mädchen trotzig.

»Aber es war nicht Dein –«

»Laß gut sein,« warf Andreas dazwischen, »um das alte Tuch wirst Du doch nicht so ein Aufhebens machen, ich schenke dir ein neues.

Komm her, Dorothee, ich hätt' es grad' so gemacht.«

103 Sibille schwieg, aber etwas in ihr lehnte sich auf gegen die Art, mit der Andreas die Sache nahm, ihren Verlust geringschätzend und all' die Noth, die sie haben würde, aus dem schmalen Wirthschaftsgelde neues Zeug zu schaffen, leicht abwerfend, weil sie ihn nicht drückte. Was er von dem neuen Tuch gesagt, das war so in die Luft gesprochen, nicht, als ob er ihr nicht dann und wann etwas schenkte, er kam hie und da mit Dingen an, die ihm gefallen hatten, nie aber schenkte er, was sie wünschte oder brauchte. Dazu waren sie zu verschieden; man schenkt doch meistens nur, was man selbst begehrenswerth hält.

»Zeig uns Deinen Schatz,« rief ein junger Mann, Florian, Andreas' bester Freund, oder vielmehr täglicher Gefährte und nächster Nachbar.

Dorothee reichte ihm den Hund.

»Ein gräuliches Ding und boshaft dazu,« erklärten Alle, indem sie auf alle Weise das Thier wild machten, hin und her zerrten.

Komisch sah es aus, wie die kleine Bestie sich wehrte, Alle lachten. Dorothee wollte erst böse werden, als aber der Vater auch lachte, fing sie an mit zu lächeln.

Die Mutter zog sie am Rock.

»Ich verstehe die Barmherzigkeit anders wie ihr; geh' zu Bett. Besser, Du hättest das arme Ding im Walde sterben lassen und Dein Tuch behalten.«

Eben warfen sie den Hund, der, auf's Aeußerste gereizt, Florian gebissen, in die Ecke.

Das Thier kroch zerschlagen nach der Thür und Dorothee verband ihm seine Wunden.

104 Die Männer tranken lustig fort und dachten nicht weiter an die Geschichte.

Sibille lag wach und rechnete. Woher sollte sie das Geld zum neuen Anzug nehmen? keine Kasse war darauf eingerichtet. Sie brauchte selbst einen neuen Rock, daran sparte sie schon lange, das Geld mußte sie nehmen, es war doch hart.

So hatte Dorothee fortgegeben, was ihrer Mutter gehörte, und diese hatte statt der Freude die im Schenken liegt, nichts davon als böse Träume, die in unbestimmten Umrissen ihre Seele verdüsterten, und schwere Sorgen, die wie Nebel aufstiegen, aus der Andern Sorglosigkeit.

 


 

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