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Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
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Zwanzigstes Kapitel.

Enthüllungen.

»Sieh da, Sigismund! – Wie geht's, Vater Sigismund? . . . Was macht das Geschäft? . . . Alles im rechten Gange bei Ihnen?«

Der alte Kassierer lächelte gutmütig, drückte dem Prinzipal, seiner Frau, seinem Bruder die Hand und sah sich während der Begrüßungen neugierig um. Er befand sich im Faubourg Saint-Antoine, in der Tapetenfabrik der kleinen Prochassons, deren Konkurrenz bedenklich zu werden anfing. Es waren ehemalige Commis des Hauses Fromont, die sich auf eigne Rechnung im bescheidensten Maßstabe etabliert hatten, nach und nach aber eine gewisse Bedeutung zu gewinnen wußten. Der Onkel Fromont hatte sie längere Zeit mit seinem Kredit sowohl, wie mit barem Gelde unterstützt; die Beziehungen zwischen den beiden Firmen waren daher von freundlichster Art geblieben, und die Fromonts hatten ein Guthaben von zehn- bis fünfzehntausend Franken nicht eingezogen, da sie das Geld bei den Prochassons in sicheren Händen wußten.

Der Anblick der Fabrik war in der That Vertrauen einflößend. Stolze Rauchwolken stiegen aus den Schornsteinen empor; das dumpfe Getön der Arbeit verriet, daß die Werkstätten gefüllt und in voller Thätigkeit waren; die Gebäude zeigten sich gut eingerichtet, die Fenster waren hell, alles machte den Eindruck der Rührigkeit, Heiterkeit und Ordnung, und hinter dem Gitter der Kassenstube saß die Frau des einen Bruders, einfach gekleidet, mit glatt gescheitelten Haaren, einen Ausdruck Achtung gebietenden Ernstes in dem jungen Gesicht, ganz vertieft in lange Zahlenreihen.

Der alte Sigismund dachte voll Bitterkeit an den Unterschied zwischen dem einst so reichen Hause Fromont, das nur noch von seinem alten Rufe zehrte, und dem wachsenden Wohlstande dieses kaum gegründeten Geschäfts. Seine spürenden Blicke drangen in alle Winkel, um irgendwo einen Mangel, etwas Tadelnswertes zu entdecken, und daß er nichts dergleichen zu finden vermochte, schnürte ihm das Herz zusammen und gab seinem Lächeln etwas Falsches und Unsicheres.

Was ihn am meisten in Verlegenheit brachte, war die Frage, wie er es machen solle, das Geld für seinen Prinzipal einzufordern, ohne den traurigen Zustand seiner Kasse zu verraten. Der arme Mann suchte eine sorglose, heitere Miene zu erzwingen; aber der Anblick derselben war beängstigend . . . Die Geschäfte gingen gut . . . sehr gut . . . Der Zufall hatte ihn in diese Stadtgegend geführt, und er war auf den Gedanken gekommen, einmal vorzusprechen . . . begreiflicherweise, denn nicht wahr? es ist immer angenehm, alte Freunde wieder zu sehen.

Aber alle diese Vorreden und immer weitere Umschweife brachten ihn nicht ans Ziel; im Gegenteil, sie entfernten ihn von seinem Vorhaben, und da er in den Augen seiner Zuhörer eine gewisse Verwunderung zu bemerken glaubte, kam er vollends in Verwirrung, stotterte, verlor den Kopf, griff als letztes Auskunftsmittel zu seinem Hute, that als ob er gehen wolle, kehrte an der Thür jedoch wieder um.

»Uebrigens da ich einmal hier bin . . .«

Dabei blinzelte er leicht mit den Augen, was seiner Meinung nach schlau und neckisch aussehen sollte, aber nur herzzerreißend war.

»Da ich einmal hier bin, könnten wir unsre alte Rechnung ins klare bringen.«

Die beiden Brüder und die junge Frau an der Kasse sahen sich untereinander an, als ob sie ihn nicht verstanden.

»Eine Rechnung? welche Rechnung denn?«

Dabei lachten alle drei laut auf, wie über einen etwas gewagten Scherz des alten Kassierers. – Ist er komisch, der Vater Planus! Auch er lachte, so wenig ihm danach zu Mut war, um es den andern gleich zu thun.

Endlich kam es zur Erklärung. Fromont Junior war vor einem halben Jahre selbst gekommen, um das Geld, das die Prochassons noch in Händen hatten, in Empfang zu nehmen.

Sigismunds Kniee wankten; dennoch hatte er die Kraft zu antworten: »Freilich, freilich, ich besinne mich . . . Sigismund Planus wird alt, das ist nicht zu leugnen . . . Es geht abwärts mit mir, liebe Kinder, es geht abwärts . . .«

Darauf ging der wackere Mann, indem er sich die Augen trocknete, denen, wohl infolge des herzlichen Lachens, dicke Thränen entquollen. Die jungen Leute sahen sich hinter seinem Rücken kopfschüttelnd an, sie hatten alles erraten.

Die Erschütterung des Kassierers war so tief, daß er sich, nachdem er das Haus verlassen hatte, auf eine Bank setzen mußte. Darum also nahm Georges kein Geld aus der Kasse! er zog seine Außenstände ein . . . denn was bei den Prochassons geschehen war, konnte sich auch bei andern Schuldnern wiederholt haben. So war es denn überflüssig, sich weiteren Demütigungen auszusetzen! . . . aber der Verfalltag . . . der Verfalltag! . . . Der Gedanke daran gab Planus neue Kräfte: er trocknete sich die schweißbedeckte Stirn und machte sich wieder auf den Weg, um noch bei einem andern Kunden in der Vorstadt einen Versuch zu machen. Diesmal ging er jedoch vorsichtiger zu Werk. Von der Schwelle aus rief er, ohne wirklich einzutreten, dem Kassierer zu: »Guten Tag, Papa So und so . . . ich möchte um eine kleine Auskunft bitten.«

Er hielt die Thür halb geöffnet, seine Hand umschloß die Klinke mit krampfhaftem Griff.

»Wann haben wir unsre letzte Rechnung abgeschlossen? ich habe vergessen den Posten einzutragen,«

Es war lange, sehr lange her, daß ihre letzte Rechnung bezahlt wurde. Die Quittung Fromont juniors trug das Datum September – es war also fünf Monate her.

Die Thür wurde heftig geschlossen.

Nummer zwei! und sicherlich verhielt es sich überall ebenso.

»Oh, Monsieur Schorsch . . . Monsieur Schorsch!« murmelte der arme Sigismund, und während er mit gebeugtem Rücken und zitternden Knieen seine Wanderschaft fortsetzte, fuhr Madame Fromont junior dicht an ihm vorbei, in der Richtung des Bahnhofes von Orleans. Aber Claire sah den alten Planus ebensowenig, wie sie kurz zuvor, als sie ihr Haus verließ, den langen Ueberzieher Monsieur Chèbes und den Cylinderhut des berühmten Delobelle bemerkt hatte; auch diese beiden waren Märtyrer des Verfalltages und bogen fast gleichzeitig um die Ecke der Rue des Vieilles Haudriettes, um auf die Fabrik und Rislers Börse zuzusteuern. Die junge Frau war durch den Schritt, den sie zu thun hatte, zu sehr in Anspruch genommen, um auf die Straße hinaus zu sehen.

Es war in der That eine schwierige, geradezu erschreckende Aufgabe! Sollte sie doch hunderttausend Franken von dem alten Gardinois erbitten, einem Manne, der sich rühmte, nie im Leben auch nur einen Sou geliehen oder verborgt zu haben, und bei jeder Gelegenheit erzählte, daß er die vierzig Franken, die er sich einst zur Bezahlung einer Hose von seinem Vater geben lassen mußte, in kleinen Raten zurück erstattet habe. Nicht nur andern Menschen, auch seinen Kindern gegenüber hielt der alte Gardinois an den Lehren der Habgier fest, die der Erdboden, welcher sich denen, die ihn beackern, hart und oft sehr undankbar beweist, allen Bauern einflößt. Solange er selbst noch lebte, sollte von seinem ungeheuren Vermögen nichts auf seine Kinder übergehen.

»Sie bekommen alles, was ich habe, wenn ich tot bin,« sagte er oft.

Von diesem Grundsatz ausgehend, hatte er seiner Tochter, Claires Mutter, als sie heiratete, keine Mitgift gegeben, konnte später aber seinem Schwiegersohne nie verzeihen, daß sich derselbe ohne seine Beihilfe ein beträchtliches Vermögen erwarb; denn zu den Eigenheiten dieses ebenso eiteln wie selbstsüchtigen Charakters gehörte das Verlangen, daß jedermann seiner Hilfe bedürfe und sich vor seinem Gelde beuge. Wenn sich die Fromonts in seiner Gegenwart des guten Fortgangs ihrer Geschäfte freuten, leuchteten seine kleinen, blauen, pfiffigen Augen spöttisch auf, sein übliches: »Es ist noch nicht aller Tage Abend!« wurde in einem Tone gesprochen, der Schauder einflößte, und oft, wenn er den Park von Savigny, die Alleen, die blauen Schieferdächer des Schlosses, die roten Backsteinmauern der Stallungen, die Teiche, den Fluß im goldigen Glorienschein eines schönen Sonnenunterganges glänzen sah, warf der seltsame Emporkömmling einen Blick in die Runde und sagte in seiner Kinder Gegenwart: »Was mich einigermaßen über mein Sterben zu trösten vermag, ist, daß niemand in der Familie reich genug sein wird, dies Schloß zu behalten, dessen Unterhaltungskosten jährlich fünfzigtausend Franken betragen,«

Und doch hätte der alte Gardinois seiner Enkelin jene großväterliche Zärtlichkeit beweisen mögen, die sich auch in den vertrocknetsten Herzen geltend macht; aber von klein auf empfand Claire einen unüberwindlichen Widerwillen gegen die Härte und prahlerische Selbstsucht des alten Bauern. Wenn aber Familienglieder von verschiedenem Bildungsgrade nicht durch das Band der Zuneigung aneinandergeknüpft werden, wird die Antipathie zwischen ihnen durch tausend Kleinigkeiten genährt. Als Claire Georges Fromont heiratete, hatte der alte Bursche zu ihrer Mutter gesagt: »Wenn deine Tochter will, soll sie ein fürstliches Hochzeitsgeschenk von mir haben: aber darum bitten muß sie mich.«

Claire wollte nicht bitten, und so hatte sie nichts bekommen.

Welche Qual nun, drei Jahre später von der damals zurückgewiesenen Großmut hunderttausend Franken zu erbitten, sich zu demütigen, endlose Predigten anzuhören, alberne Spöttereien, gewürzt durch grobe Bauernspäße, durch Aussprüche jener nüchternen, unerbittlichen Volksweisheit, deren plumper Ton verletzt, wie ein Schimpfwort aus dem Munde eines Untergebenen.

Arme Claire! auch ihr Gatte, ihr Vater wurden mit ihr gedemütigt. Sie mußte den Mißerfolg des einen, den Zusammensturz des Hauses, das der andre gegründet hatte und worauf er so stolz gewesen war, eingestehen. Aus dem Gedanken, daß sie alles, was ihr auf Erden das Liebste war, zu verteidigen haben würde, entsprang gleichzeitig ihre Kraft und ihre Schwäche.

Es war elf Uhr, als sie in Savigny ankam. Da niemand von ihrem Besuch unterrichtet war, fand sie keinen Wagen am Bahnhofe und mußte den Weg zu Fuß zurücklegen.

Der Tag war bitter kalt, der Weg hart und trocken. Der Nordwind strich ungehemmt über die kahlen Felder, über den Strom und drang ohne Widerstand durch die entlaubten Baume und Gebüsche. Unter niedrig hängendem Gewölk zeigte sich das Schloß mit den weit gedehnten Mauern und Hecken, die es von den angrenzenden Feldmarken trennen. Die Schieferdächer waren dunkel, wie der Himmel, den sie widerspiegeln, und der herrliche Sommeraufenthalt, den der Winter starr und stumm gemacht, der kein Blatt mehr am Baume, keine Taube auf dem Dache hatte, schien von allem früheren Leben nichts bewahrt zu haben als das feuchte Erschauern seiner Gewässer, das klagende Rauschen der hohen Pappeln, die sich gegeneinander neigten und die Elsternnester in ihren Wipfeln hin und her wiegten.

Von weitem schon machte die Heimat ihrer Kinderjahre einen düsteren, unfreundlichen Eindruck auf die junge Frau; ihr war, als hätte Savigny jetzt auch für sie das vornehm-kalte Gesicht, mit dem es den Wanderer ansah, der auf der Landstraße daran vorüberkam und an den Eisenstäben seines Gitters stehenblieb.

Auch leblose Dinge können grausam aussehen.

Aber nein, es war keine Grausamkeit, denn das verödete Aussehen Savignys schien ihr zu sagen: »Geh . . . tritt nicht herein,« und wäre Claire der Mahnung gefolgt, hätte sie die Unterredung mit dem Großvater aufgegeben, wäre sie schnell nach Paris zurückgekehrt, so hätte sie die Ruhe ihres Lebens gerettet. – Leider verstand das arme Kind die Warnung nicht, und schon kam der große Neufundländer, der sie erkannt hatte, durch das dürre Laub in mächtigen Sätzen heran und stand schnaubend an der Eingangsthür.

»Guten Morgen, Françoise, wo ist Großpapa?« sagte die junge Frau, als die Gärtnerin demütig, falsch und zitternd, wie alle Dienstleute des Schlosses unter den Augen der Herrschaft waren, herbeikam, um sie einzulassen.

Großpapa war in seinem Bureau, einem kleinen vom Hauptgebäude getrennten Pavillon, wo er tagelang in Mappen, Schubfächern und großen Rechnungsbüchern mit grünem Rücken umherstöberte, erfüllt von einer Art Leidenschaft für büreaukratisches Gebaren – eine Nachwirkung seiner früheren Unwissenheit und des überwältigenden Eindrucks, den ihm in seiner Jugend das Arbeitszimmer des Dorfnotars gemacht hatte.

In diesem Augenblick befand er sich dort in Gesellschaft seines Feldhüters, einer Art ländlichen Spions und besoldeten Angebers, der ihn von allem unterrichten mußte, was in der Umgegend geschah und gesagt wurde.

Er war ein Günstling seines Herrn, hieß Fouinat und hatte den platten Kopf, das verschmitzte, blutgierige Aussehen seines Namensvetters.

Als der Alte seine Enkelin trotz ihrer Pelze bleich und zitternd eintreten sah, begriff er, daß etwas Besondres, Ungewöhnliches geschehen sein müsse, gab Fouinat ein Zeichen, und dieser verschwand, indem er sich aus der halbgeöffneten Thür schob, als ob er in die Mauer hineinschlüpfte.

»Na, Kleine, was ist denn los? siehst ja ganz verblustert aus!« sagte der Großvater, der hinter seinem ungeheuren Schreibtische sitzen blieb.

Das Wort »verblustert« bedeutete in seiner Redeweise verwirrt, außer Fassung, niedergeschlagen und paßte durchaus auf den Zustand, in dem sich Claire befand. Ihr schnelles Gehen durch die Kälte, die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um sich zum Herkommen zu entschließen, hatten ihren Zügen einen fremdartigen Ausdruck gegeben. Ohne vom Großvater dazu aufgefordert zu sein, setzte sie sich, nachdem sie den alten Herrn umarmt hatte, an das Kamin, in dem große Holzscheite, trockenes Moos und die im Park zusammengelesenen Tannenzapfen fröhlich knisternd verbrannten. Sie nahm sich nicht einmal Zeit, den Reif abzuschütteln, der von ihrem Schleier tropfte und begann – ihrem Vorsatz getreu – sogleich den Zweck ihres Besuchs zu erklären, ehe die Atmosphäre von Furcht und Scheu, die den Großvater umgab und ihn zu einer Art Schreckensgott machte, ihre Wirkung auf sie auszuüben vermochte.

Es gehörte Mut dazu, vor dem scharfen Blick, der sich von ihren ersten Worten an mit dem Ausdruck boshafter Freude auf sie richtete, vor dem harten Munde, dessen Lippen sich wie in beabsichtigtem Schweigen fest zusammenpreßten und jeder Herzensregung Trotz zu bieten schienen, nicht zu stocken und in Verwirrung zu geraten. Aber in einem Zuge ging sie bis zu Ende, war ehrfurchtsvoll ohne sich zu demütigen, verbarg ihre Erregung und gewann in der Wahrhaftigkeit ihres Berichts eine gewisse Festigkeit der Stimme und des Ausdrucks. Wer die beiden einander gegenüber gesehen – ihn kalt und ruhig in seinem Lehnstuhl ausgestreckt, die Hände in den Taschen seiner grauen, wollenen Jacke, sie ängstlich bemüht, das rechte Wort zu finden, als ob jedem derselben die Macht gegeben wäre, sie zu verurteilen oder frei zu sprechen – hätte sicher nicht geahnt, daß er hier Enkelin und Großvater vor sich habe, sondern eine Angeklagte in Gegenwart des Untersuchungsrichters zu erblicken geglaubt.

Seine einzige Empfindung war die der Freude, des Stolzes über den Triumph, den er feierte. – So waren sie denn endlich besiegt, diese hochnäsigen Fromonts und bedurften des alten Gardinois! Die Eitelkeit, seine Hauptleidenschaft, wurde gegen seinen Willen in seiner ganzen Haltung sichtbar. Als Claire zu Ende gekommen war, nahm er das Wort, begann, wie sich's von selbst verstand mit: »Ich habe es ja gewußt . . . habe alles vorhergesagt . . . war überzeugt, daß es zum schlimmen Ende kommen müsse . . .« fuhr eine Weile in demselben harten, verletzenden Tone fort, um mit der Erklärung zu schließen, daß er in Anbetracht seiner, der ganzen Familie bekannten Grundsätze nicht einen Sou herleihen werde.

Claire begann von ihrem Kinde zu sprechen, von dem Namen ihres Gatten, welcher auch der ihres Vaters gewesen, und den der Bankerott zu entehren drohe. Der Alte blieb kalt und ungerührt wie zuvor und benutzte ihre Demütigung, um sie noch tiefer zu beugen. Er gehörte zu dem Schlage jener würdigen Bauern, die den zu Boden gefallenen Gegner nie verlassen, ohne ihm die Nägel ihrer Schuhe ins Gesicht gedrückt zu haben.

»Alles, was ich dir sagen kann, Kleine, ist, daß euch Savigny offen steht. Dein Mann soll nur herkommen . . . ich brauche einen Schreiber. Für zwölfhundert Franken jährlich und außerdem Wohnung und Kost für die ganze Familie soll er meine Papiere in Ordnung halten. Sag' ihm das in meinem Namen und macht, daß ihr herkommt.«

Entrüstet stand sie auf; als sein Kind hatte sie sich an ihn gewendet, und er nahm sie auf wie eine Bettlerin! Gott sei Dank, so weit waren sie noch nicht.

»Glaubst du wirklich?« fragte Monsieur Gardinois, und seine Augen blinzelten sie boshaft an.

Bebend, ohne zu antworten, wendete sich Claire der Thür zu; mit einer Gebärde hielt sie der Alte zurück.

»Nimm dich in acht . . . du weißt nicht, was du ausschlägst. In deinem Interesse, das laß dir gesagt sein, habe ich dir angeboten, deinen Mann hierher kommen zu lassen. Du hast keine Ahnung von dem Leben, das er dort in Paris führt, kannst sie nicht haben, sonst wärst du nicht gekommen, mein Geld zu erbitten, damit es denselben Weg geht, den das deinige gegangen ist . . . Ich aber weiß Bescheid um das Thun und Treiben deines Herrn Gemahls, denn ich habe meine Aufpasser in Paris und Asnières ebensogut wie in Savigny: ich weiß, wie der Bursche seine Tage und seine Nächte zubringt, und will nicht, daß meine Thaler die Orte kennen lernen, die er aufsucht . . . sie sind nicht anständig genug für ehrlich erworbenes Geld.«

Mit verwunderten, angstvoll geöffneten Augen sah ihn Claire an; sie fühlte, daß in diesem Augenblick durch die elende Hinterthür der Klatscherei ein großes Unheil in ihr Leben drang. Hohnlachend fuhr der Alte fort: »Echte Raubtierzähne hat sie . . . diese kleine Sidonie . . .«

»Sidonie!«

»Nun ja, da ich den Namen einmal gesagt habe . . . Uebrigens hättest du ihn ja früher oder später erfahren müssen . . . Es ist sogar merkwürdig, daß du alle die Zeit her . . . aber ihr Weiber seid so eitel . . . daß man euch untreu sein könnte, will euch nicht in den Kopf . . . Es ist nun einmal so! . . . Sidonie hat alles weggeschnappt, was er besaß, und ihr Mann ist damit einverstanden gewesen.«

Und ohne jedes Erbarmen erzählte er der jungen Frau, woher das Geld für das Landhaus in Asnières, für Wagen und Pferde gekommen war und wie sie das hübsche Nest in der Avenue Gabriel eingerichtet hatten. Er wußte alles, beschrieb alles bis in jede Einzelheit. Es war unverkennbar, daß er seiner Leidenschaft zum Spionieren bei dieser Gelegenheit volle Genüge gethan hatte. Vielleicht hätte man auch als Untergrund zu dem allem eine stille Wut gegen seine kleine Chèbe, den Aerger einer greisenhaften, niemals eingestandenen Verliebtheit entdecken können.

Claire hörte ihm wortlos zu, mit dem schönen Lächeln des Unglaubens. Dies Lächeln ärgerte den Alten und stachelte ihn zu neuer Bosheit auf. »So, du glaubst mir nicht . . . du willst Beweise haben!« Und er gab ihr Beweise, häufte einen über den andern und bohrte sie ihr wie Dolchstöße ins Herz. Sie brauchte nur zu Darches zu gehen, dem Juwelier in der Rue de la Paix. Dort hatte Georges vor etwa vierzehn Tagen ein Diamantenhalsband für dreißigtausend Franken gekauft. Es war Sidoniens Neujahrsgeschenk.

Für dreißigtausend Franken Diamanten, während der Bankerott vor der Thür stand!

Er hätte den ganzen Tag so fortreden können, ohne von Claire unterbrochen zu werden. Sie fühlte, daß bei der geringsten Anstrengung die Thränen, die ihr in den Augen standen, fließen würden, und sie wollte lächeln, bis ans Ende lächeln, die teure, tapfere Frau. Von Zeit zu Zeit aber warf sie einen Blick auf die Landstraße, denn sie sehnte sich, fortzugehen, um der boshaften Stimme zu entfliehen, die sie so mitleidslos peinigte.

Endlich hielt er inne; er hatte alles gesagt. Sie verbeugte sich und ging nach der Thür.

»Du gehst . . . warum so eilig?« fragte der Großvater, indem er sie hinaus begleitete.

Im stillen schämte er sich seiner Grausamkeit.

»Willst du nicht mit mir frühstücken?«

Sie schüttelte den Kopf, sprechen konnte sie nicht.

»Warte wenigstens, bis angespannt ist . . . ich lasse dich nach dem Bahnhofe fahren . . .«

Nein, wieder nein.

Dabei ging sie weiter, und der Alte folgte ihr auf den Fersen.

Stolz und aufrecht durchschritt sie den Hof, der für sie an Kindheitserinnerungen so reich war, ohne sich nur einmal umzusehen. Und doch, wie mancher Nachhall ihres fröhlichen Lachens, wie mancher Sonnenstrahl ihrer Jugendjahre war am kleinsten Sandkorn dieses Hofes haften geblieben. Ihr Baum, ihre Lieblingsbank standen noch auf dem alten Flecke – sie hatte nicht einen Blick dafür, auch nicht für die Fasanen im Vogelhause, nicht einmal für Kiß, den großen Hund, der ihr sanftmütig folgte, um eine Liebkosung in Empfang zu nehmen, die ihm nicht zu teil wurde. Als Kind des Hauses war sie eingetreten, als eine Fremde ging sie fort, belastet mit quälenden Sorgen, die jede Erinnerung an vergangene, ruhig glückliche Tage nur noch drückender gemacht hätten.

»Lebe wohl, Großvater!«

»Lebe wohl!«

Dabei fiel die Thür erbarmungslos hinter ihr zu, und sobald sie draußen war, eilte sie schnell, immer schneller von dannen; es war beinahe ein Laufen zu nennen. Sie ging nicht fort, sie flüchtete. Plötzlich, als sie das Ende der Umfassungsmauer erreicht hatte, erblickte sie die kleine grüne, von Geißblatt und Glycinien umrankte Pforte mit dem Briefkasten des Schlosses. Unwillkürlich blieb sie stehen, gepackt von einer jener Erinnerungen, die uns in Stunden der Entscheidung mit überraschender Klarheit auch die kleinsten Vorkommnisse zurückrufen, welche mit den Leiden oder Freuden der Gegenwart irgendwie zusammenhängen. Kam es von dem plötzlich aufleuchtenden, schräg einfallenden rosigen Sonnenschein, der die weite Ebene an diesem Winternachmittag überflutete, wie im August beim Sonnenuntergang? oder kam es von dem tiefen Schweigen rings umher, das nur durch ein leises, harmonisches Getön, das zu allen Jahreszeiten fast gleichartige Atmen der Natur unterbrochen wurde?

Gewiß ist, daß sie sich plötzlich selbst erblickte, wie sie vor drei Jahren gewesen war, als sie hier an derselben Stelle, in denselben Kasten einen Brief gesteckt, der Sidonie einlud, auf vier Wochen zu ihr nach Savigny zu kommen. Ein gewisses Etwas sagte ihr, daß mit jenem Augenblick das Unheil ihres Lebens begonnen habe. »Wenn ich geahnt hätte . . . wenn ich geahnt hätte!« murmelte sie, und ihr war, als fühle sie wieder die Glätte des Briefumschlags, den ihre Finger in den Kasten gleiten ließen.

Dann erinnerte sie sich, welch ein argloses, hoffnungsvolles, glückliches Kind sie damals gewesen war, und in ihrer sonst so sanften Seele wallte eine bittere Empörung gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens auf.

»Weshalb denn?« fragte sie sich selbst: »was habe ich verschuldet?«

Plötzlich klang es in ihr: »Nein, es ist nicht wahr . . . nicht möglich! man hat mich belogen!« und während sie den Weg zum Bahnhofe verfolgte, suchte sich die Unglückliche zu überreden, zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht.

Eine halberkannte Wahrheit gleicht der verschleierten Sonne, die dem Auge weher thut, als die glühendsten Strahlen. In dem Halbdunkel, das ihr Unglück umgab, sah die unglückliche Frau viel klarer, als sie wollte. Jetzt verstand sie, jetzt erklärte sie sich alles Auffallende in der Lebensweise und dem Benehmen ihres Mannes. Seine häufige Abwesenheit, seine Unruhe, seine Verlegenheit an gewissen Tagen und den Eifer, mit welchem er ihr zuweilen bei der Heimkehr über sein Thun und Treiben Rechenschaft gegeben und Namen genannt hatte, als ob er Beweise beibringen wolle, die niemand von ihm verlangte. Aus alledem ergab sich ihr die Gewißheit seines Vergehens, und doch sträubte sie sich, daran zu glauben, wollte erst in Paris dem Zweifel ein Ende machen.

Sie war allein in dem kleinen melancholischen Bahnhofe, den zur Winterszeit nur selten ein Reisender betritt; aber während sie dasaß, den Zug erwartete und gedankenlos in das öde Gärtchen des Bahnhofinspektors hinaussah und auf die kahlen Ranken der Kletterpflanzen, die von den Barrieren der Bahn herabhingen, fühlte sie plötzlich einen warmen, feuchten Hauch auf ihrer Wange. Ihr Freund Kiß war ihr nachgegangen und suchte sie durch Wedeln, durch halbe Sprünge, durch demütige Freudenbezeigungen, die mit dem Ausstrecken seines prächtigen weißen Pelzes zu ihren Füßen, auf die kalten Steine des Wartsaales endeten, an ihre schönen Spiele von ehemals zu erinnern. Bei diesen Liebkosungen, die eine so schüchterne, treue Anhänglichkeit verrieten, brachen die Thränen, die sie schon lange zurückhielt, gewaltsam hervor; aber plötzlich schämte sie sich ihrer Schwäche, stand auf, wies den Hund zurück, mitleidslos, mit Hand und Wort, indem sie ihm von weitem das Haus zeigte und dabei strenger aussah, als es der arme Kiß je von ihr erfahren. Dann trocknete sie hastig Augen und Hände, denn der Pariser Zug kam heran, und sie wußte, daß sie in wenigen Minuten ihres ganzen Mutes bedürfen werde.

Sobald Claire den Waggon verlassen hatte, fuhr sie nach der Rue de la Paix, zu dem Juwelier, von dem, wie ihr Großvater behauptete, Georges das Diamantenhalsband gekauft hatte. Wenn sich dies als wahr herausstellte, mußte sie auch alles Uebrige glauben – aber ihre Furcht, darüber Gewißheit zu erlangen, war so groß, daß sie, an das Ziel gelangt, vor dem prächtigen Schaufenster stehen blieb und nicht einzutreten wagte. Um eine gewisse Haltung zu gewinnen, gab sie sich den Anschein, als betrachte sie die Schmuckgegenstände, die auf dem Samt der Kästchen zur Schau lagen. Wer sie beobachtet hätte, während sie sich in ihrer einfachen Eleganz all den funkelnden Zierlichkeiten zuneigte, würde sie weit eher für eine glückliche Frau gehalten haben, im Begriff, sich irgend ein Geschmeide auszusuchen, als für eine schmerzerfüllte, unruhevolle Seele, die dem Unglück ihres Lebens nachspürte.

Es war drei Uhr nachmittags – die Stunde, in welcher zur Winterszeit die Rue de la Paix einen wahrhaft blendenden Anblick gewährt. Zwischen dem kurzen Morgen und der früh hereinbrechenden Nacht drängt sich das Leben dieser glänzenden Stadtviertel zusammen. Unaufhörlich rollen die Wagen vorüber, wogen auf den Trottoirs Eitelkeit und Gefallsucht auf und nieder, streifen sich Seide und Pelzwerk. Um Paris, die Stadt des Teufels, im vollen Glanze zu sehen, muß man sein Leben und Treiben zur Winterszeit beobachten, unter niedrigem, mit Schneegewölk bedecktem Himmel. Die Natur ist sozusagen von diesem Bilde ausgeschlossen. Kein Wind, kein Sonnenschein, nur eben Licht genug, um auch die leisesten Farbentöne zur vollen Geltung zu bringen, von dem rötlichen Grau der Denkmäler bis zu den Schmelzperlen, die am Gewände der Frauen schimmern. Dazu glänzen die Theaterzettel, die Konzertanzeigen, als wären sie schon vom Lampenlicht der Rampe angestrahlt. Die Läden sind überfüllt; es sieht aus, als wären alle diese hin und her wogenden Menschen mit den Vorbereitungen unaufhörlicher Feste beschäftigt. Wenn sich aber irgend ein Schmerz inmitten dieses Lärmens und Treibens befindet, wird er um vieles schwerer und qualvoller. Auch Claire erlitt fünf Minuten lang ein Martyrium, das schlimmer war als der Tod. Draußen, auf der Landstraße von Savigny, in der Oede der weitgedehnten Feldmarken schien sich ihre Verzweiflung in der frisch bewegten Luft zu verlieren und leichter zu werden; hier wurde sie davon zu Boden gedrückt. Die Stimmen, die an ihr Ohr schlugen, das Geräusch der Schritte, das unwillkürliche Anstreifen der Vorübergehenden – alles verschärfte ihre Pein.

Endlich trat sie in den Laden.

»Jawohl, Madame . . . es ist ganz richtig . . . Monsieur Fromont . . . ein Halsband von Diamanten und Rosetten, Wir können Ihnen ganz dasselbe für fünfundzwanzigtausend Franken anfertigen.«

Fünftausend Franken weniger, als er gezahlt hatte!

»Besten Dank, Monsieur«, sagte Claire, »ich will es mir überlegen.«

In einem Spiegel, der gegenüber hing, erblickte sie ihre dunkel umränderten Augen, ihr leichenblasses Gesicht; sie erschrak, eilte hinaus und nahm sich straff zusammen, um nicht zu Boden zu fallen.

Sie hatte nur ein Verlangen: den Straßen und dem Straßenlärm zu entfliehen, um allein, ganz allein zu sein und sich in den Wust herzzerreißender Gedanken und schwarzer Vorstellungen zu versenken, die ihre Seele bis in die innerste Tiefe erfüllten. O, der Schändliche, der Elende. Und sie hatte ihn noch in der vergangenen Nacht getröstet, in den Armen gehalten!

Plötzlich, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen war, befand sie sich im Hofe der Fabrik. Welchen Weg hatte sie eingeschlagen? war sie zu Fuß gekommen oder gefahren? Sie konnte sich nicht darauf besinnen, hatte sich unbewußt, wie im Traume, zurechtgefunden, aber als sie die Freitreppe ihres Hauses erreichte, wurde das Gefühl der Wirklichkeit scharf und schneidend wieder in ihr wach. Risler war eben damit beschäftigt, große Blumenkübel für das glänzende Fest, das seine Frau heute abend geben wollte, hinauf schaffen zu lassen. Mit seiner gewöhnlichen Ruhe gab er den Arbeitern seine Anweisungen und hielt die Zweige in die Höhe, die in Gefahr kamen, abgebrochen zu werden. »Nicht so . . . geht aus dem Wege . . . nehmt den Teppich in acht!«

Die Atmosphäre der Freuden und Festlichkeiten, welche sie vorhin schon mit Ekel erfüllt hatte, verfolgte sie bis in ihr eignes Haus. Das war zu viel der Ironie, dagegen lehnte sie sich auf, und während Risler sie freundlich und ehrfurchtsvoll wie immer begrüßte, bekam ihr Gesicht einen Ausdruck tiefen Widerwillens, und sie schritt stumm an ihm vorüber, ohne die Bestürzung zu beobachten, mit welcher er seine treuen Augen weit aufriß.

Von diesem Augenblick an war ihr Entschluß gefaßt. Der Zorn, der gerechte, ehrliche Zorn war es, der ihre Handlungsweise bestimmte.

Sobald sie eingetreten war und die frischen Wangen des Kindes geküßt hatte, eilte sie nach dem Zimmer der Mutter.

»Geschwind, Mama, ziehe dich an . . . wir gehen fort.  . . gehen fort . . .«

Die alte Dame erhob sich langsam von ihrem Lehnstuhl; sie war eben damit beschäftigt, ihre Uhrkette zu reinigen, indem sie mit unendlicher Sorgfalt in jedes Glied derselben eine Nadel bohrte. Claire unterdrückte eine Regung der Ungeduld.

»Schnell, schnell . . . packe deine Sachen . . .«

Ihre Stimme bebte; das Zimmer der armen Geisteskranken, das in der Sauberkeit glänzte, die bei der alten Frau nach und nach zur Manie geworden war, erschien ihr fürchterlich. Sie befand sich in einem jener verhängnisvollen Augenblicke, in denen uns mit dem Schwinden einer Illusion auch alle andern verloren gehen und das ganze Elend des Menschendaseins uns klar vor Augen steht. Zum erstenmal empfand sie die tiefe Vereinsamung, in der sie zwischen ihrer halbwahnsinnigen Mutter, ihrem ungetreuen Gatten, ihrem kleinen Kinde dahinlebte: aber das bestärkte sie noch in ihrem Entschlusse.

In der nächsten Minute war das ganze Haus mit den Vorbereitungen zu dieser eiligen, unerwarteten Abreise beschäftigt. Claire trieb die verwirrten Dienstleute an, half ihre Mutter ankleiden und das Kind, das über alle diese Unruhe fröhlich lachte. Sie wollte fort, ehe Georges zurückkam, er sollte die Wiege leer, das Haus verödet finden. Wohin sie gehen wollte, wußte sie noch nicht; vielleicht zu ihrer Tante nach Orleans, vielleicht nach Savigny – das Ziel war gleichgültig, nur fort, fort aus dieser Umgebung von Verrat und Lüge.

Sie war in ihrem Schlafzimmer mit dem Packen eines Koffers beschäftigt; – eine herzzerreißende Aufgabe, denn jeder Gegenstand, den sie in die Hand nahm, erweckte in ihr eine Welt von Gedanken und Erinnerungen. Es liegt so viel von uns selbst in den Dingen, deren wir uns bedienen! Hin und wieder wurde Claire durch den Duft eines Riechkißchens, das Muster einer Spitze bis zu Thränen gerührt. – Plötzlich hörte sie im Salon, dessen Thür halb geöffnet war, einen schweren Tritt, dann ließ sich ein leises Husten hören, als ob sich jemand bemerklich machen wollte. Sie glaubte, daß es Risler sei, denn nur er hatte die Erlaubnis, so ohne weiteres bei ihr einzutreten. Der Gedanke, dies heuchlerische Gesicht, dies lügnerische Lächeln wiederzusehen, war ihr so unerträglich, daß sie mit dem Ausruf: »Ich bin für niemand zu sprechen!« nach der Thür stürzte, um sie zu schließen.

Die Thür leistete jedoch Widerstand, und der dicke Kopf Sigismunds erschien in der Oeffnung.

»Ich bin's, Madame,« sagte er leise; »ich komme, um das Geld zu holen.«

»Welches Geld?« fragte Claire; sie hatte vergessen, warum sie nach Savigny gegangen war.

»Leise . . . ich meine die Deckung für die Zahlungen, die ich morgen zu machen habe. Monsieur Georges hat mir beim Fortgehen gesagt, daß Sie mir die Summe einhändigen würden.«

»Ach ja . . . das ist wahr! . . . die hunderttausend Franken . . . aber ich habe sie nicht, lieber Herr Planus . . . ich habe nichts!«

»Dann,« erwiderte der Kassierer in seltsamem Tone und als ob er mit sich selber spräche, »dann sind wir bankerott.«

Mit diesen Worten ging er langsam hinaus.

Bankerott! . . .

Erschreckt, vernichtet setzte sie sich nieder.

Seit mehreren Stunden hatte sie über dem Zusammensturz ihres persönliches Glückes den Zusammensturz des Hauses vergessen . . . nun kam die Erinnerung wieder.

Ihr Mann war also wirklich zu Grunde gerichtet!

Wenn er binnen kurzem heimkehrte, erfuhr er sein Unglück und erfuhr gleichzeitig, daß ihn seine Frau, sein Kind verlassen hatten, daß er in seinem Elend allein war.

Allein, er . . . dies schwache, weiche Wesen, das nur weinen, klagen und dem Leben die Faust zeigen konnte wie ein Kind. Was sollte aus dem Unglücklichen werden?

Trotz seines Verbrechens hatte sie Mitleid mit ihm.

Und dann kam sie auf den Gedanken, daß er glauben könnte, sie wäre dem Bankerott, dem Elend entflohen. Georges sagte sich vielleicht: »Wenn ich reich wäre, hätte sie mir verziehen!«

Sollte sie ihm diesen Zweifel lassen?

Für Claires stolze, edle Seele war das genug, ihren Entschluß zu ändern. In einem Augenblick hatte sie allen Ekel, alle Empörung überwunden, und wie von plötzlichem Licht überstrahlt, erkannte sie deutlich, was ihre Pflicht war. Als ihr gemeldet wurde, daß die Kleine fertig angezogen und das Gepäck bereit sei, war ihr neuer Entschluß gefaßt.

»Es ist unnötig,« gab sie sanft zur Antwort, »wir reisen nicht.«

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