Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel.

Das Märchen vom kleinen blauen Manne.

Ihr mögt es halten, wie ihr wollt, was mich betrifft, so glaube ich fest an das kleine blaue Männchen, obwohl ich es nie mit Augen gesehen habe. Ein mir befreundeter Dichter aber, dem ich volles Vertrauen schenke, hat mir oft erzählt, wie er mit dem seltsamen Kobold bekannt geworden ist. Es geschah unter folgenden Umständen.

In einer schwachen Stunde hatte sich mein Freund dazu verleiten lassen, seinem Schneider einen Wechsel auszustellen, hatte sich – wie es phantasievollen Menschen zu geschehen pflegt – durch seine Namensunterschrift von seiner Schuld befreit gefühlt und den Wechsel vollständig vergessen. – Da geschah es, daß plötzlich, mitten in der Nacht, unser Dichter durch ein fremdartiges Geräusch aus dem Schlafe geschreckt wurde. Es kam vom Kamin her, und im ersten Augenblick glaubte mein Freund, daß es durch einen frierenden Sperling, der die Wärme der verglühenden Asche aufsuche, oder durch eine vom Winde bewegte Wetterfahne hervorgebracht werde. Dann aber wurde es deutlicher, so daß er das Klirren eines Geldsackes unterschied, das vom Rasseln einer Kette begleitet war, und gleichzeitig hörte er eine feine Stimme, scharf wie der Pfiff einer fernen Lokomotive und hell wie ein Hahnenschrei, die ihm vom Dache herab zurief: »Verfalltag! Verfalltag!«

»Großer Gott, mein Wechsel!« sagte der arme Junge zu sich selbst, dem es nun plötzlich einfiel, daß er in acht Tagen seinen Schneider bezahlen müsse, und bis zum Morgengrauen warf er sich hin und her, suchte den Schlaf in allen Ecken seines Bettes, fand aber nichts als den Gedanken an das verruchte Papier mit seiner Namensunterschrift. In der nächsten, der übernächsten und jeder folgenden Nacht wurde er zu derselben Stunde, in derselben Weise geweckt. Immer wieder klirrten die Thaler, rasselten die Ketten, während ihm die feine Stimme höhnisch »Verfalltag, Verfalltag!« zurief. Das Schrecklichste war, daß dieser Zuruf um so schärfer und boshafter klang, je näher der unheilvolle Tag herankam. Es war, als ob er mit Pfändung und Vorladung drohe.

Unglücklicher Dichter! nicht genug, daß er den ganzen Tag in der Stadt umherlief, um das Geld aufzutreiben, auch die Ruhe seiner Nächte, der stärkende Schlaf wurden ihm durch diese spukhafte Stimme geraubt. Wer war dieser boshafte Geist, der sich's zum Vergnügen machte, ihn zu quälen? Darüber wollte er ins klare kommen. Als es wieder Nacht wurde, ging er nicht zu Bett, verlöschte nur das Licht, öffnete das Fenster und wartete.

Daß mein Freund, in seiner Eigenschaft als lyrischer Dichter, sehr hoch, geradezu unter dem Dache wohnte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Stundenlang sah er nichts, als das malerische Bild zusammengedrängter, gegeneinander geneigter Dächer, die nach allen Richtungen von Straßen, wie von tiefen Abgründen durchschnitten wurden, während ihnen zahllose Schornsteine und vielgestaltige, vom Monde beschienene Giebel ein wunderliches Ansehen gaben. Ueber dem dunkeln, schlafenden Paris bildeten sie gleichsam eine zweite, luftige Stadt, die zwischen der finsteren, öden Tiefe und dem blendenden Mondlicht zu schweben schien.

Mein Freund wartete – wartete lange. Endlich, zwischen zwei und drei Uhr morgens, als sich die ins Dunkel der Nacht aufragenden Türme einmal wieder den Verlauf der Stunden zugerufen hatten, lief in seiner Nähe ein leichter Fuß über Ziegel und Schieferplatten und eine scharfe, dünne Stimme rief das widerwärtige: »Verfalltag, Verfalltag!« in den Schornstein seines Kamines. Rasch beugte sich der Dichter aus dem Fenster und erblickte den abscheulichen kleinen Kobold, den Quälgeist der Menschen, der auch ihn seit acht Tagen um den Schlaf betrogen hatte. Wie groß er war, wußte mein Freund nicht genau zu sagen; das Mondlicht spielt uns allerlei Streiche, indem es alle Körper und ihre Schatten gespenstisch ausdehnt; aber er sah, daß dies seltsame Teufelchen den Anzug eines Pariser Börsendieners trug: einen blauen Rock mit silbernen Knöpfen und Tressen an den Aermeln, dazu einen Claquehut und unter dem Arme eine lederne Mappe, die beinahe so groß war wie er selbst. Der Schlüssel dazu hing an einer langen Kette, die bei jedem Schritt des Kleinen ebenso wahnsinnig rasselte, wie der Geldsack, den er in der andern Hand hielt und unablässig schüttelte. So hat mein Freund das kleine blaue Männchen gesehen, während es in einem Streiflicht des Mondes vorüberhuschte, denn es schien sehr eilig zu sein, sehr viel zu thun zu haben, sprang mit einem Satz über die Straßen und lief auf dem Dachfirst von einem Schornstein zum andern.

Er hat eine große Kundschaft, der verwünschte kleine Kerl. Es gibt so viele Kaufleute in Paris, so viele, die des Ultimo gedenken müssen, so viele Unglückliche die einen Wechsel unterschrieben, oder ihr »acceptiert« querüber geschrieben haben. Allen diesen Leuten schrie der kleine blaue Mann im Vorüberlaufen seinen Warnungsruf zu. Er ließ ihn über Fabriken erschallen, die jetzt stumm und dunkel waren; über den prächtigen, von stillen Gärten umgebenen Wohnhäusern reicher Börsenmänner; über Häusern von fünf und sechs Stockwerken, über den ungleichen, verschobenen, winkeligen Dächern der Armenviertel.

»Verfalltag! Verfalltag!« Von einem Ende der Stadt bis zum andern klang die helle, durchdringende, mitleidslose Stimme durch die kristallene Luft der kalten Mondnacht; überall, wo der Kleine vorüberkam, verscheuchte sie den Schlaf, weckte die Sorge, bedrückte die Gedanken, die müden Augen und ließ in zahllosen Pariser Häusern, in allen ihren Stockwerken dumpfes Unbehagen, fröstelnde Schlaflosigkeit zurück.

Mögt ihr von diesem Märchen halten was ihr wollt, jedenfalls kann ich euch – um den Bericht meines Freundes zu bekräftigen – die Versicherung geben, daß Sigismund Planus, der alte Kassierer des Hauses Fromont junior und Risler senior einmal mitten in der Nacht – es war gegen Ende Januar – in seinem Häuschen zu Montrouge, durch dieselbe boshafte Stimme, dasselbe Kettengerassel aufgeschreckt wurde und denselben widerwärtigen Zuruf: »Verfalltag, Verfalltag!« zu hören bekam.

»Es ist ja wahr!« dachte der wackere Mann, indem er sich im Bette aufrichtete; »übermorgen ist Ultimo, und ich bin im stande zu schlafen!«

Es handelte sich in der That um eine bedeutende Summe. Auf zwei Tratten mußten hunderttausend Franken gezahlt werden und das in einem Augenblicke, in dem die Kasse des Hauses Fromont, zum erstenmal seit dreißig Jahren, völlig leer war. Was sollte geschehen? Vergeblich hatte Sigismund wiederholt den Versuch gemacht, mit Fromont junior darüber zu sprechen. Der junge Mann schien die schwere Verantwortlichkeit der Geschäfte zu fliehen; in fieberhafter Hast durchschritt er die Comptoire, ohne zu sehen und zu hören, und auf die ängstlichen Fragen des Kassierers antwortete er, indem er an seinem feinen Schnurrbart kaute: »Gut, gut, lieber Planus! Sorgen Sie nicht . . . ich werde Rat schaffen.« Dabei sah er jedoch aus, als ob er mit ganz andern Dingen beschäftigt und in Gedanken tausend Meilen weit wäre. In der Fabrik, wo sein Verhältnis mit Madame Risler allgemein bekannt war, ging das Gerücht, Sidonie betrüge ihn und mache ihn sehr unglücklich, und in der That beschäftigten ihn die Thorheiten seiner Geliebten viel mehr, als die Sorgen seines Kassierers. Risler aber ließ sich gar nicht sehen; er brachte seine Tage in einer Bodenkammer zu, wo er die geheimnisvolle Anfertigung seiner Druckmaschine überwachte, die niemals fertig wurde.

Durch diese Gleichgültigkeit der Prinzipale und diesen gänzlichen Mangel an Aufsicht war in der Fabrik nach und nach alles in Unordnung geraten. Arbeiter und Commis gönnten sich Zeit, kamen spät und gingen früh wieder fort, ohne sich an die alte Glocke zu kehren, welche – nachdem sie so lange zur Arbeit geläutet hatte, jetzt zur Sturmglocke geworden schien, die den Verfall einläutete. Es wurden zwar noch immer Geschäfte gemacht, denn ein angesehenes Handlungshaus geht scheinbar eine ganze Weile im alten Geleise fort. Aber welche Unordnung, welche Verwirrung lagen unter dieser scheinbaren Wohlfahrt verborgen.

Sigismund wußte das besser als irgend jemand, und darum hatte ihn der Warnungsruf des blauen Männchens so ungestüm aus dem Schlafe geschreckt. Er zündete sein Licht an, als ob ihm das helfen könnte, aus den trüben, quälenden Gedanken, die sich in seinen Kopf drängten und verwirrten, zur Klarheit zu gelangen, saß aufrecht im Bett und grübelte. Wie sollten diese hunderttausend Franken herbeigeschafft werden? – Selbstverständlich betrugen die Außenstände der Firma mehr als diese Summe. Eine Anzahl alter Rechnungen lag unbezahlt bei den Kunden; die Prochassons und andre schuldeten einen Rest; aber welche Demütigung, diese Posten plötzlich einzuziehen! Im Großhandel ist das nicht üblich . . . nur ein Krämer darf dergleichen thun. Und doch war es immerhin besser als ein Protest. Oh! wenn er sich's vorstellte, wie der Bankbote mit zuversichtlicher Miene ankam, an den Schalter trat, die Wechsel auf den Zahltisch legte und er – Sigismund Planus – dem Manne sagen mußte: »Nehmen Sie die Tratten wieder mit, ich habe kein Geld, sie einzulösen,«

Nein, nein, das war nicht möglich! Jede andre Demütigung war dieser vorzuziehen.

»Es bleibt nichts andres übrig . . . morgen muß ich die Runde machen,« seufzte der arme Kassierer.

Und während er sich in seinen Sorgen umherwarf und kein Auge schließen konnte, setzte das blaue Männchen seine Wanderung fort und schüttelte Geldsack und Kette auch über einer Dachstube des Boulevard Beaumarchais, die nach Désirées Tode der berühmte Delobelle mit seiner Frau bezogen hatte.

»Verfalltag, Verfalltag!«

Ach! die kleine Lahme hatte sich in ihren Ahnungen nicht geirrt. Nachdem sie geschieden war, hatte Mama Delobelle nicht lange mehr in »Vögeln und Käfern« arbeiten können. Ihre Augen wurden durch das viele Weinen vollends zu Grunde gerichtet, und ihre alten Hände zitterten zu sehr, um den Kolibris die rechte Frische wiederzugeben; so sehr sie sich abmühte, die kleinen Geschöpfe behielten ein elendes, jämmerliches Ansehen. – Als sie auf diese Beschäftigung verzichten mußte, begann die gute Frau zu nähen, besserte Spitzen und Stickereien aus und sank nach und nach zur gewöhnlichen Arbeiterin herab. Ihr Verdienst, der immer kleiner wurde, genügte jedoch kaum, um die unentbehrlichsten Ausgaben für den Haushalt zu bestreiten, und Delobelle, den seine traurige Stellung als Schauspieler in partibus zu unaufhörlichen Ausgaben veranlaßte, sah sich genötigt, Schulden zu machen. Er war seinem Schneider, seinem Schuhmacher, seinem Wäschelieferanten schuldig; was ihn aber am meisten quälte, waren die ausgezeichneten Déjeuners, die er zur Zeit seiner Schauspieldirektion auf dem Boulevard zu sich genommen hatte.

Die Rechnung darüber belief sich auf zweihundertundfünfzig Franken, welche Ende Januar zu zahlen waren; auf längere Stundung durfte er nicht hoffen, und so ging ihm bei dem Warnungsruf des blauen Männchens ein Schauder der Angst durch alle Glieder . . .

Nur ein Tag noch bis zur Zahlung! nur ein Tag noch, um diese zweihundertundfünfzig Franken aufzutreiben! Gelang es ihm nicht, sie herbeizuschaffen, so kam alles, was sie besaßen, unter den Hammer. Ihre dürftigen Möbel – immer dieselben, seit sie ihren Hausstand begründet hatten – die ihnen aber, so unbequem und unzulänglich sie waren, durch tausend, selbst mit ihren Schäden verknüpfte Erinnerungen, lieb und wert geworden; der lange Arbeitstisch, der den Vögeln und Käfern gedient und an dessen Ecke Delobelle seit zwanzig Jahren sein Abendbrot verzehrt hatte; Zizis großer Lehnstuhl, den die Eltern nie ohne Thränen ansehen konnten, weil er etwas von der Geliebten, ihren Bewegungen, ihrer Haltung, wenn sie sich träumend und arbeitend darin zurückgelehnt, festgehalten zu haben schien – alles wurde verkauft. Es war sicherlich der Tod der armen Mutter, wenn sie alle diese teueren Andenken verschwinden sah. Bei diesem Gedanken warf sich der unglückliche Komödiant, dessen dickhäutiger Egoismus ihn doch nicht immer vor Gewissensbissen zu schützen vermochte, in seinem Bette hin und her, seufzte tief und hatte dabei unablässig das bleiche Gesichtchen seiner Désirée vor Augen und den flehenden Blick, den sie im Sterben auf ihn gerichtet, während sie ihn bat: »zu verzichten . . . zu verzichten!« – Was war es denn, worauf er verzichten sollte? . . . Sie war gestorben, ohne das aussprechen zu können, aber Delobelle ahnte, was sie gemeint hatte, und in seine bisher so unerschütterliche Zuversicht hatte sich ein gewisser Zweifel, eine gewisse Unruhe eingedrängt, die sich in dieser schrecklichen Nacht mit seinen Geldsorgen vereinigten, ihn auf das grausamste zu quälen.

»Verfalltag, Verfalltag!«

Diesmal rief der kleine blaue Mann seine unheildrohende Mahnung in den Kamin des kleinen Herrn Chèbe.

Herr Chèbe hatte sich nämlich seit einiger Zeit in bedeutende Geschäfte eingelassen, Geschäfte die er »stehenden Fußes« betrieb und die außerordentlich unbestimmter Natur waren, aber sehr viel Geld verschlangen. Zu wiederholtenmalen hatten sich Sidonie und Risler genötigt gesehen, die Schulden des Vaters zu bezahlen, hatten das jedesmal unter der ausdrücklichen Bedingung gethan, daß er sich ferner ruhig verhalte und keine weiteren Geschäfte mache. Aber diese kleinen Schiffbrüche waren ihm unentbehrlich, erhielten ihm Frische und Lebensmut. Wenn Monsieur Chèbe kein Geld hatte, gab er seine Unterschrift, mit welcher er überhaupt einen beklagenswerten Mißbrauch trieb, indem er jederzeit auf den Gewinn des Unternehmens rechnete, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Das Schlimme war nur, daß sich dieser Gewinn niemals einstellte, während die unterschriebenen Wechsel, nachdem sie monatelang ganz Paris durchwandert hatten, mit verzweifelter Pünktlichkeit, geschwärzt von zahllosen, unterwegs gesammelten Hieroglyphen zu Monsieur Chèbe zurückkamen.

Die Summe, die er Ende Januar zu zahlen hatte, war besonders groß, und als er das blaue Männchen vorüberkommen hörte, fiel ihm plötzlich ein, daß er nicht einen Sou besaß, um seinen Verbindlichkeiten gerecht zu werden. Es war zum Rasendwerden! . . . Er mußte sich abermals vor diesem Risler demütigen, sich der Gefahr einer Zurückweisung aussetzen, gestehen, daß er sein Wort gebrochen habe. Die Angst des armen Teufels, während er diese Möglichkeiten überdachte, wurde noch verstärkt durch das nächtliche Dunkel, das dem Auge keine Beschäftigung, dem Geist keine Zerstreuung bietet, während der liegende Zustand des Körpers, der diesem völlige Ruhe zu teil werden läßt, die Seele um so widerstandsloser allen Schrecken und Sorgen preisgibt. Wieder und wieder zündete Monsieur Chèbe seine Lampe an, nahm seine Zeitung zur Hand und versuchte – wenn auch vergeblich – sie zu lesen, zum großen Mißvergnügen seiner guten Frau, die sich, um nicht den Lichtschein zu sehen, leise stöhnend der Wand zukehrte.

Inzwischen war das teuflische blaue Männchen, voll Freude an der eignen Bosheit, hohnlachend weitergeeilt, um Geldsack und Kette anderswo klirren zu lassen. Jetzt befand es sich in der Rue des Vieilles Haudriettes, über einem großen Fabrikgebäude, dessen Fenster bis auf ein einziges hinten im Garten finster waren.

Trotz der späten Nachtstunde war Georges Fromont noch nicht zu Bett gegangen. Er saß am Kamin, hatte den Kopf in die Hände gelegt und befand sich in jenem Zustande tiefer, starrer Versunkenheit, der rettungslosem Unglück eigen ist. Er dachte an Sidonie, die abscheuliche Sidonie, welche zu dieser Stunde in der oberen Etage ruhig schlief, während er um ihretwillen in Gefahr kam, den Verstand zu verlieren. Sie war ihm untreu – das konnte er nicht länger bezweifeln – war ihm untreu um des toulousischen Tenoristen willen, jenes Cazabon, genannt Cazaboni, den Madame Dobson bei ihr eingeführt hatte. Wiederholt hatte Georges flehentlich gebeten, Sidonie möge diesen Menschen nicht mehr empfangen, aber sie beachtete das nicht im mindesten und hatte noch heute, als sie von dem Balle gesprochen, den sie nächstens geben wollte, mit aller Entschiedenheit erklärt, daß sie sich nicht daran hindern lassen werde, ihren Tenoristen einzuladen.

»Er ist also dein Geliebter!« hatte Georges zornig ausgerufen und ihr dabei fest in die Augen gesehen.

Sie hatte nicht nein gesagt, nicht einmal den Blick abgewendet, ihm aber ganz ruhig, mit ihrem boshaft-feinen Lächeln die Erklärung gegeben, daß sie keinem Menschen das Recht zugestehe, ihr Thun und Lassen zu beurteilen oder gar einzuengen; daß sie frei sei und bleiben wolle und sich weder durch ihn, noch durch Risler tyrannisieren lassen werde. Eine volle Stunde hatten sie so mit zugezogenen Vorhängen nebeneinander im Wagen gesessen, sich gestritten, beschimpft, beinahe geschlagen.

Und diesem Weibe hatte er alles aufgeopfert, sein Vermögen, seine Ehre, selbst die reizende Claire, die mit ihrem Kindchen in der Nebenstube schlief – ein volles Lebensglück, nach dem er nur die Hand auszustrecken brauchte, das er aber um dieser Elenden willen verschmähte! . . . Und nun hatte sie ihm gestanden, daß sie ihn nicht mehr liebe, sondern einen andern . . . und er, der Erbärmliche sehnte sich doch nach ihr! . . . welchen Zaubertrank hatte sie ihm denn eingeflößt?

Von tiefer Empörung durchglüht, hatte sich Georges Fromont seinem Sessel entrissen, ging mit fieberhafter Hast im Zimmer auf und nieder, und seine Schritte ertönten in der Stille des Hauses wie die der verkörperten Schlaflosigkeit. Sie schlief da oben . . . schlief mit dem Vorrecht ihrer herz- und gewissenlosen Natur . . . oder dachte sie vielleicht an ihren Cazaboni?

Als ihm dies durch den Sinn ging, erfaßte ihn ein wahnsinniges Verlangen, die Treppe hinaufzugehen, Risler zu wecken, ihm alles zu sagen und sich mit Sidonie ins Verderben zu stürzen. Der betrogene Gatte war auch gar zu einfältig! warum beaufsichtigte er sie nicht besser? War sie doch hübsch und schlecht genug, um jede Vorsichtsmaßregel zu rechtfertigen.

Und während er sich mit diesen ebenso peinlichen als unfruchtbaren Grübeleien quälte, ertönte plötzlich durch das Windgeräusch der Warnungsruf des blauen Männchens: »Verfalltag! . . . Verfalltag!«

Der Unglückliche! in seiner Wut hatte er nicht mehr daran gedacht, und doch sah er diesem schrecklichen letzten Januar schon lange sorgenvoll entgegen. Wie oft hatte er, in der Zwischenzeit von einem Stelldichein zum andern, wenn sein Geist, auf Augenblicke von Sidonie losgelöst, sich dem Geschäfte zuwendete, schon zu sich selbst gesagt: »an dem Tage bricht alles zusammen!« Aber wie alle, die im Wahnsinn eines Rausches dahinleben, hatte er sich feige eingeredet, daß es zu spät sei, um noch irgend etwas gut zu machen, und immer schneller und eifriger eilte er auf dem Wege des Verderbens dahin, um zu vergessen, um sich zu betäuben.

Jetzt aber gelang ihm das nicht mehr. Mit unerbittlicher Deutlichkeit, im vollen Umfange stand ihm sein Unglück vor Augen, und das Antlitz des alten Planus stieg vor ihm auf, ernst und streng, wie aus Holz geschnitten, ohne jeden mildernden Ausdruck, und die hellen Augen des deutschen Schweizers, die ihn seit einiger Zeit mit so durchdringendem Blick verfolgten, sahen ihn an.

Nein, nein, er hatte sie nicht, die notwendigen hunderttausend Franken und wußte nicht, wie er sie herbeischaffen sollte. Um den verschwenderischen Launen seiner Geliebten genügen zu können, hatte er seit einem halben Jahre viel und hoch gespielt und bedeutende Summen verloren. Dazu kam noch der Bankerott eines Bankiers, eine jammervolle Inventur . . . er hatte nichts mehr als die Fabrik . . . aber in welchem Zustande.

Wohin sollte er sich wenden? was sollte er beginnen?

Bisher waren ihm seine Verhältnisse wie ein Chaos erschienen, wie ein Wirbelsturm, in dem er nichts deutlich zu erkennen vermochte, dessen Dunkelheit ihm aber noch eine Hoffnung ließ; in diesem Augenblick zeigte sich ihm jedoch alles in erschreckender Klarheit: leere Kassen, geschlossene Thüren, Proteste, Bankerott, das nur sah er, wohin er sich auch wenden mochte, und zu alledem kam noch Sidoniens Verrat. Der Unglückliche, der nicht wußte, woran er sich in diesem allgemeinen Schiffbruch klammern sollte, brach plötzlich in einen Angstschrei, ein Aufschluchzen aus, als ob er eine Vorsehung zu Hilfe rufen wolle.

»Georges, Georges, ich bin es . . . was fehlt dir?«

Seine Frau stand vor ihm – seine Frau, die ihn jetzt allnächtlich erwartete und seiner Rückkehr aus dem Klub, wo er ihrer Meinung nach seine Abende zubrachte, angstvoll entgegenharrte. Claire, die ihren Gatten von Tag zu Tag düsterer werden sah, war der Meinung, daß er schwere Geldsorgen haben müsse, wahrscheinlich infolge großer Spielverluste. Daß er spielte, hatte sie erfahren, und obwohl er sie vernachlässigte, sorgte sie sich um ihn, wünschte seine Vertraute zu sein und Gelegenheit zu finden, sich liebevoll und großmütig zu beweisen. In dieser Nacht hatte sie ihn sehr spät noch in seinem Zimmer auf und ab schreiten hören, und da ihre Kleine heftig hustete und unaufhörlicher Pflege bedurfte, hatte sie ihre Sorge zwischen den Leiden des Kindes und denen des Gatten geteilt. In schmerzlicher Erregung lauschte sie auf jedes Geräusch. Es war eine der kummervollen, liebereichen Nachtwachen, in denen das Weib alles aufbietet, was es an Mut besitzt, um seinen vielseitigen Pflichten zu genügen. Endlich war die Kleine eingeschlafen, und als Claire den Gatten weinen hörte, war sie herbeigeeilt.

Als er sie dastehen sah, so teilnehmend, so bewegt, so schön, kam ein tiefes Gefühl der Reue über ihn. Ja, sie war seine Gefährtin, seine Freundin . . . wie hatte er sie verlassen können? Er legte den Kopf an ihre Schulter und weinte lange, lange, ohne Worte zu finden, und es war gut, daß er nicht zu sprechen vermochte, denn er hätte ihr alles gestanden – alles. Der Unglückliche fühlte das Bedürfnis, sich auszusprechen, das unwiderstehliche Verlangen, sich anzuklagen, um Verzeihung zu bitten, die erdrückende Last, die auf seinem Gewissen lag, zu erleichtern.

Claire ersparte ihm jedes Geständnis.

»Du hast gespielt, nicht wahr? . . . hast verloren . . . viel verloren?«

Er nickte bejahend, und als er endlich zu sprechen vermochte, sagte er ihr, daß er schon übermorgen hunderttausend Franken zu zahlen habe und nicht wisse, wie er sie sich verschaffen solle.

Sie machte ihm keinen Vorwurf, denn sie war eine der Frauen, welche dem Unheil gegenüber nur auf Abhilfe bedacht sind. Im Innersten ihres Herzens segnete sie sogar das Mißgeschick, das ihn wieder zu ihr führte und nach der langen Trennung zwischen ihnen beiden zu einem neuen Bande werden konnte. Einen Augenblick versank sie in Nachdenken, dann sagte sie mit einer Anstrengung, die bewies, wie schwer ihr der Entschluß geworden war: »Noch ist nichts verloren . . . ich werde morgen nach Savigny gehen, das Geld vom Großvater zu erbitten.« Er hätte nie gewagt, sie dazu aufzufordern, hätte wohl kaum an dies Auskunftsmittel gedacht. Sie war so stolz und der alte Gardinois so hartherzig! Jedenfalls brachte sie mit diesem Schritt ihrem Gatten ein großes Opfer, gab ihm einen großen Beweis ihrer Liebe. Es wurde ihm plötzlich warm ums Herz, und das Frohgefühl überstandener Gefahr kam über ihn. Claire erschien ihm wie ein überirdisches Wesen, das die Gabe besaß, Frieden und Freude zu spenden, wie jene andre Wahnsinn und Verderben über ihn brachte. – Gern hätte er die Kniee gebeugt vor diesem schönen Antlitz, das von dem herrlichen, schwarzen, für die Nacht zusammengewundenen Haar wie von einem bläulichen Heiligenschein umrahmt wurde, und dessen regelmäßig-strenge Züge ein Ausdruck holder Zärtlichkeit mildernd überstrahlte.

»Claire, Claire, wie gut du bist!«

Ohne zu antworten, führte sie ihn an die Wiege ihres Kindes.

»Küsse die Kleine,« bat sie leise; aber als sie beide, von dem Musselinvorhange umwallt, nebeneinanderstanden und sich über das Köpfchen des schlafenden Kindes beugten, dessen Atem, so gleichmäßig er jetzt war, die überstandene Anstrengung des Hustens verriet, scheute sich Georges, sein Töchterchen zu wecken und küßte statt seiner die Mutter mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit.

Sicherlich war es das erste Mal, daß die Erscheinung des blauen Männchens eine derartige Wirkung hervorbrachte. Gewöhnlich trennt der abscheuliche Gnom überall, wo er sich zeigt, Hände und Herzen, lenkt die Seele von ihren teuersten Neigungen ab und erfüllt sie mit den tausendfachen Sorgen, die jedesmal erwachen, wenn das Klirren seiner Kette und sein düsterer Mahnungsruf: »Verfalltag! Verfalltag!« über den Dächern erschallt.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.