Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel.

Sie hat versprochen, es nicht wieder zu thun.

Nein, nein, sie thut es nicht wieder – der Herr Polizeikommissär kann ganz ruhig sein – es ist nicht zu fürchten, daß sie dergleichen je wieder versucht. Wie sollte sie es machen, jetzt nur bis an den Fluß zu kommen, da sie nicht mehr im stande ist, das Bett zu verlassen? Wenn sie der Herr Kommissär in diesem Augenblick sehen könnte, würde er ihrem Versprechen nicht länger mißtrauen. Die Todessehnsucht, das Verlangen zu sterben, das an jenem Morgen so deutlich in ihrem blassen Antlitz zu lesen war, ist wohl auch jetzt noch ihrem ganzen Wesen aufgeprägt; aber es ist sanfter, ergebungsvoller geworden. Die »gewisse Delobelle« weiß jetzt, daß sie nur kurze Zeit, sehr kurze Zeit zu warten braucht, um ihre Wünsche erfüllt zu sehen.

Die Aerzte behaupten, sie stürbe an einer Lungenentzündung, welche sie sich in jener Nacht durch ihre nasse Kleidung zugezogen habe. Die Aerzte irren sich . . . sie stirbt nicht an Lungenentzündung. So ist's wohl ihre Liebe, die ihr den Tod gibt? . . . Nein! Seit jener schrecklichen Nacht wagt sie nicht mehr an Franz zu denken, fühlt sich nicht mehr würdig, zu lieben oder geliebt zu werden. Ihr reines Leben ist nicht mehr fleckenlos, und das ist es, was ihr den Tod gibt.

Jeder einzelne Umstand in dem traurigen Drama ist in ihren Augen eine Befleckung. Daß sie in Gegenwart so vieler Männer aus dem Wasser gezogen wurde; daß sie auf der Polizeiwache einschlafen konnte; die gemeinen Lieder, die sie mit angehört; die Wahnsinnige, die sich am Ofen wärmte; alles Lasterhafte, Ungesunde, Herzzerreißende, an das sie auf der Treppe zum Polizeibüreau angestreift; die Verachtung in gewissen Blicken, die Frechheit in andern; die Scherze ihres Retters, die Artigkeiten des Polizisten, die tiefen Verletzungen, die ihr weibliches Zartgefühl erduldet; die Notwendigkeit, ihren Namen zu nennen; selbst ihr Gebrechen, dessen Pein sie in allen Phasen dieses langen Martyriums empfunden und das ihrem Selbstmorde aus Liebesleid den Stempel des Lächerlichen aufgedrückt hat . . .

Sie stirbt aus Scham – glaubt es nur! in ihren nächtlichen Fieberphantasieen wiederholt sie ohne Aufhören: »Ich schäme mich . . . ich schäme mich!« und in ruhigen Augenblicken hüllt sie sich tief in ihre Decke und zieht sie über ihr Gesicht, als ob sie sich zu verbergen, zu begraben suche.

Neben Désirées Krankenlager, im Lichtschein des Fensters, sitzt Mama Delobelle mit der Arbeit. Von Zeit zu Zeit blickt sie davon auf und beobachtet die stumme Verzweiflung, die unerklärliche Krankheit ihres Kindes, dann arbeitet sie hastig weiter. – Zu dem Schwersten, das dem Armen auferlegt ist, gehört, daß er sich nicht ungestört seinem Schmerze überlassen darf; er muß unaufhörlich thätig sein, und selbst wenn der Tod den Seinigen nahetritt, den unabweislichen Anforderungen des Lebens zu genügen suchen. Der Reiche kann sich in seinen Schmerz versenken, sich darin einhüllen, davon leben, sein Dasein damit ausfüllen, daß er weint und leidet.

Dem Armen bleibt das versagt; er kann und darf es nicht. In meiner Heimat, auf dem Lande, kenne ich eine alte Frau, die in einem Jahre ihre Tochter und ihren Mann verloren hatte, zwei schwere, schnell aufeinanderfolgende Schicksalsschläge. Aber sie hatte einen Sohn zu erziehen, eine Landwirtschaft zu führen. Vom ersten Tagesgrauen mußte sie thätig sein, allem genügen, die verschiedensten Arbeiten auf weit auseinanderliegenden Feldern überwachen. »Die ganze Woche,« sagte mir die trauernde Witwe, »habe ich keinen Augenblick Zeit zum Weinen, aber am Sonntage – am Sonntage hole ich's ein.« Und so war es! während die Kinder draußen spielten oder herumliefen, schloß sie sich ein und brachte den Nachmittag damit zu, daß sie weinend und klagend Mann und Tochter in ihr verödetes Heim zurückrief.

Mama Delobelle hatte nicht einmal diese Sonntagsfeier, denn auf ihr lag jetzt die ganze Arbeitslast, und ihren Händen fehlte die seltene Geschicklichkeit, die Désirées zierlichen Fingern eigen war, und die Arzneien kosteten viel, und für nichts in der Welt hätte sie dem Vater irgend eine seiner liebgewordenen Gewohnheiten versagen mögen. Zu jeder Tageszeit, mochte die Kranke im bleichen Morgenlicht die Augen öffnen, oder beim Schein der Lampe, immer sah sie ihre Mutter arbeiten, unermüdlich arbeiten, und wenn die Vorhänge ihres Bettes zugezogen waren, hörte sie das leise, kurze, metallische Klirren der Scheere.

Diese anstrengende Thätigkeit der Mutter, ihre Nachtwachen am Lager der Fieberkranken waren eine Qual für Désirée; oft besiegte diese alle andre Pein.

»Bitte, gib mir meine Arbeit,« sagte sie dann, indem sie versuchte, sich im Bette aufzurichten. Das war wie ein Lichtstrahl in dem täglich dunkler werdenden Schatten, und Mama Delobelle, die im Wunsch der Kranken ein leises Erwachen der Lebenslust zu sehen glaubte, machte ihr alles bequem und rückte den Tisch heran. Aber die Nadel war zu schwer, die Augen waren zu schwach und jedes Geräusch eines vorüberfahrenden Wagens, jeder andre zu den Fenstern heraufschallende Lärm erinnerte Désirée, daß die Straße, die entsetzliche Straße ganz in der Nähe war. Nein, sie hatte nicht die Kraft, weiter zu leben. Ja, wenn es möglich gewesen wäre, erst zu sterben und dann wieder aufzuleben . . . jetzt aber starb sie und versenkte sich mehr und mehr in völliges Entsagen. Hin und wieder sah die Mutter von ihrer Arbeit zu der immer bleicher werdenden Tochter auf: »Fühlst du dich wohl?«

»Sehr wohl!« antwortete die Kranke mit einem matten, jammervollen Lächeln, das ihr Antlitz für einen Augenblick erhellte und die traurige Veränderung, die damit vorgegangen, deutlich erkennen ließ, wie ein Sonnenstrahl, der die Wohnung des Armen nicht erheitert, sondern nur ihre Kahlheit und Dürftigkeit bis ins Einzelne beleuchtet. Darauf schwiegen sie beide; die Mutter wagte nicht zu sprechen, weil sie fürchtete, weinen zu müssen, und die Tochter, weil das Fieber sie betäubte und jene unsichtbaren Schleier sie umhüllten, die der Tod mitleidsvoll auf die langsam Dahinsterbenden sinken läßt, um ihre letzte Widerstandskraft zu lähmen und sie sanft, ohne Kampf hinüberzutragen.

Der große Delobelle war nie zu Haus, denn seine Lebensweise als unbeschäftigter Komödiant war dieselbe geblieben, obwohl er wußte, daß seine Tochter im Sterben lag – der Arzt hatte es ihm gesagt – und obwohl er tief davon erschüttert wurde, denn im Grunde hatte er sein Kind herzlich lieb. Aber in dieser seltsamen Natur nahmen die wahrsten, aufrichtigsten Gefühle eine falsche, unnatürliche Gestalt an, wie ja auch nichts, was sich auf schiefer Ebene befindet, den Eindruck des Geradestehens machen kann.

Delobelle war vor allem darauf bedacht, seinen Schmerz zu zeigen und umherzutragen; von einem Ende des Boulevards zum andern stellte er den unglücklichen Vater dar. Man sah ihn mit rotgeweinten Augen und blassem Gesicht vor den Theatern, in den Kaffeehäusern, wo Schauspieler verkehrten, und es that ihm wohl, gefragt zu werden: »Nun, lieber Alter, wie steht's bei dir zu Hause?« Dann schüttelte er den Kopf mit nervöser Bewegung: sein Mienenspiel verriet, daß er Thränen verschluckte, Verwünschungen zurückdrängte, während er mit zornerfüllten, durchbohrenden Blicken zum Himmel aufsah, wie er zu thun pflegte, wenn er im ›Kinderarzt‹ auftrat. Bei alledem ließ er es aber auch an Freundlichkeiten und zarten Aufmerksamkeiten für seine Tochter nicht fehlen.

So hatte er, seit sie krank war, die Gewohnheit angenommen, ihr von seinen Spaziergängen durch Paris Blumen mitzubringen: aber er begnügte sich nicht mit gewöhnlichen Blumen, mit bescheidenen Veilchen, wie sie an jeder Straßenecke für Börsen mit geringem Inhalt blühen. Er wollte in diesen späten, düsteren Herbsttagen Rosen, Nelken, besonders aber weißen Flieder haben, jenen Flieder des Gewächshauses, dessen Blüten, Blätter und Stiele von demselben grünlichen Weiß sind, als hätte sich die Natur in ihrer Eile mit einer Farbe begnügt.

»O, es ist zu viel . . . zu viel . . . ich werd' dich ausschelten müssen!« sagte die kleine Kranke, wenn sie ihn triumphierend, mit seinem Strauß in der Hand eintreten sah; aber sein »Laß doch . . . laß doch gut sein« klang so vornehm und er sah dabei so großartig aus, daß sie nicht darauf zurückzukommen wagte.

Und doch war es eine bedeutende Ausgabe, und den Lebensunterhalt für alle zu erwerben fiel der Mutter sehr schwer. Aber weit entfernt, sich darüber zu beklagen, fand Mama Delobelle das Verhalten ihres großen Mannes sehr schön.

Seine Verachtung des Geldes, seine stolze Sorglosigkeit erfüllten sie mit Bewunderung; mehr als je glaubte sie an das Talent, an die künstlerische Zukunft ihres Gatten.

Auch er bewahrte, inmitten aller dieser Ereignisse, ein unerschütterliches Vertrauen. Dennoch war es nahe daran, daß seine Augen sich endlich der Wahrheit öffneten; nahe daran, daß eine kleine, glühende Hand, indem sie sich auf dieses stolze, verblendete Haupt legte, die Einbildungen vernichtete, die es so lange bethört hatten. Das ging folgendermaßen zu: In einer Nacht erwachte Désirée in einem seltsamen Zustande. Am Abend zuvor hatte sie der Arzt zu seiner Verwunderung um vieles kräftiger, ruhiger und ganz ohne Fieber gefunden. Ohne sich den Grund dieser unerwarteten Besserung erklären zu können, war er mit einem tröstlichen: »Wir wollen das Beste hoffen« fortgegangen, indem er auf die Widerstandsfähigkeit der Jugend, auf die Lebenskraft zählte, die oft über alle Anzeichen des Todes den Sieg erringt. – Ein Blick unter Désirées Kopfkissen, wo ein Brief mit dem Poststempel Kairo lag, hätte ihm jedoch das Geheimnis dieser schnellen, glücklichen Veränderung verraten können; vier Seiten mit der Unterschrift »Franz«, in denen er seiner lieben, kleinen Zizi alles beichtete und erklärte.

Das war der Brief, den die Kranke ersehnt hatte. Wenn sie ihn selbst zu schreiben gehabt hätte, sie würde keine bessern Worte gefunden haben, ihr Herz zu rühren oder ihre Wunden zu heilen. Franz bereute, bat um Verzeihung, und ohne irgend etwas zu versprechen oder irgend etwas von ihr zu verlangen, erzählte er seiner teueren Freundin alle seine Kämpfe, Gewissensbisse und Leiden. Er war voll bitteren Zornes gegen Sidonie, beschwor Désirée, ihr zu mißtrauen, und mit einer Härte, der seine ehemalige Leidenschaft etwas Hellsehendes und Mitleidsloses gab, schilderte er ihr dies zugleich oberflächliche und verderbte Wesen, sprach von ihrer hellen, kalten, zur Lüge geschaffenen Stimme, aus der nie ein Herzenston hervorklang, weil sie – wie alle, auch die leidenschaftlichsten Lebensäußerungen dieser Pariser Puppe – nur ihrem Kopfe entstammte.

Welch ein Unglück, daß dieser Brief nicht um einige Tage früher gekommen war! Jetzt konnten alle diese guten Worte der armen Désirée nicht mehr sein als köstliche Gerichte, die dem vor Hunger Sterbenden zu spät gereicht werden – er atmet ihren Duft, er möchte sie genießen, aber es fehlt ihm die Kraft dazu. – Den ganzen Tag hatte die Kranke den Brief wieder und wieder gelesen, ihn aus dem Umschlag gezogen, liebevoll wieder zusammengefaltet und ihn selbst mit geschlossenen Augen bis in jede Kleinigkeit, bis auf den Poststempel vor sich gesehen. Franz hatte ihrer gedacht! schon das genügte, sie in süße Ruhe zu wiegen, so daß sie endlich einschlummerte, als ob ihr schwaches Haupt von den Armen des Freundes gestützt würde.

Plötzlich wachte sie auf und zwar, wie schon gesagt, in einem seltsamen Zustande. Unsägliche Schwäche und Angst durchzitterte ihr ganzes Sein – sie hatte das Gefühl, als hinge ihr Leben nur noch an einem straff gespannten Faden, der gleich zerreißen müsse und dessen nervöses Beben ihren Sinnen übernatürliche Feinheit und Schärfe verlieh. – Es war Nacht; das Zimmer, in dem sie sich befand – man hatte ihr das Schlafgemach der Eltern eingeräumt, weil es größer und luftiger war als ihr Alkoven – lag halb im Dunkeln. An der Decke drehten sich die hellen Punkte, die von der Nachtlampe aufstrahlten, das traurige Gestirn der Kranken, das sie in ihrer Schlaflosigkeit beschäftigt, und die herabgeschraubte, durch den Lichtschirm verdunkelte Lampe, die auf dem Tische stand, beleuchtete nur die umherliegenden Arbeitszuthaten und das Profil der Mama Delobelle, die in ihrem Sessel eingeschlummert war.

In dem Kopf der Kranken, den sie jetzt leichter zu heben vermochte als seit langer Zeit, entstand plötzlich ein rasches Hin- und Herfluten von Gedanken und Erinnerungen. Die kleinsten Erlebnisse aus der Kinderzeit, Scenen, die sie damals nicht begriffen, Worte, die sie wie im Traum gehört hatte, kamen ihr wieder in den Sinn.

Sie wunderte sich über diesen Zustand, erschrak aber nicht, denn es war ihr unbekannt, daß zuweilen vor der großen Vernichtung im Tode solche Augenblicke der Ueberreizung eintreten, in denen das ganze Sein alle seine Kräfte und Fähigkeiten zu einem letzten, unbewußten Kampfe zusammenrafft.

Von ihrem Lager aus sah sie die Eltern, die Mutter ganz in ihrer Nähe, den Vater im Arbeitszimmer, dessen Thür offen stand. Mama Delobelle lag schlafend im Sessel; sie hatte endlich der übermäßigen Ermüdung nachgegeben, und alle Narben und Säbelhiebe, mit denen Alter und Leiden das Antlitz bedecken, wurden jetzt, in dem Sichgehenlassen des Schlafes, mit herzzerreißender Deutlichkeit in zahllosen Falten und Fältchen sichtbar. Tagsüber drücken Arbeit und Willensanstrengung den Zügen gleichsam eine Maske auf, aber die Nacht gibt ihnen den wahren Ausdruck zurück. So waren denn auch in diesem Augenblick die tiefen Runzeln der tapferen Frau, ihre geröteten Lider, ihr dünn gewordenes, an den Schläfen ergrautes Haar, ihre in Arbeitsanstrengung krampfhaft gekrümmten Finger deutlich zu sehen . . . und Désirée sah es. Wie sehnte sie sich, stark genug zu sein, um aufzustehen und diese schöne ruhige Stirn zu küssen, die von ihren Runzeln durchfurcht, aber nicht entstellt wurde.

Wie im Gegensatz dazu zeigte sich der große Delobelle den Augen seiner Tochter in einer seiner Lieblingsstellungen. Durch die halbgeöffnete Thür sah sie ihn in Dreiviertelswendung vor dem weißgedeckten Tische sitzen, wo er sein Abendessen verzehrte und dabei eine Broschüre durchflog, die er an die Wasserflasche gelehnt hatte. Der große Mann war erst vor kurzem nach Haus gekommen – wahrscheinlich hatte das Geräusch seiner Schritte die Kranke geweckt – und noch ganz erfrischt von seinem Gange und dem Eindruck einer schönen Vorstellung soupierte er allein, ernst und feierlich, die Serviette unter dem Kinn; sein Haar war leicht gebrannt, und er hatte sich in seinen neuen Rock fest eingeknöpft.

Zum erstenmal im Leben kam Désirée der Unterschied zwischen ihrer abgehärmten, in ihren alten, verschlissenen Kleidern noch hagerer und elender aussehenden Mutter und ihrem glücklichen, wohlgenährten, müßigen, sorglosen Vater zum Bewußtsein. Mit einem Blick begriff sie die Verschiedenheit dieser beiden Naturen. Der enge Kreis der Gewohnheit, in welchem der Kinder Augen in falschem Lichte sehen lernen, war plötzlich für sie zerstoben und sie beurteilte ihre Eltern von einem andern, ferneren Standpunkt aus. Dies Hellsehen der letzten Stunde war eine neue Qual; was sollte aus den beiden werden, wenn sie nicht mehr da war? Entweder mußte sich ihre Mutter überarbeiten und der Anstrengung erliegen, oder sie wurde arbeitsunfähig, während ihr selbstsüchtiger Gefährte, in Künstlerehrgeiz befangen, sie beide tiefer und tiefer in Armut versinken ließ, den dunkeln Abgrund, dessen Schlund immer breiter wird, je länger man hinabsteigt.

Und doch – das hatte er mehr als einmal bewiesen – war er kein böser Mann. Er wurde nur von einer Verblendung beherrscht, die bisher durch nichts zu zerstören gewesen war. Wenn sie nun vor dem Scheiden – ein gewisses Etwas sagte ihr, daß dies bald kommen würde – wenn sie nun vor dem Scheiden die Binde abrisse, die er absichtlich und gewaltsam auf seinen Augen festhielt?

Nur eine leichte, liebevolle Hand wie die ihrige durfte wagen, diesen Versuch zu machen. Nur Désirée hatte das Recht, den Vater zu ermahnen: »Verdiene dir dein täglich Brot . . . entsage der Bühne . . .«

Da die Zeit drängte, nahm Désirée Delobelle allen ihren Mut zusammen.

»Papa . . . Papa!« rief sie leise.

Auf den ersten Anruf seiner Tochter eilte der große Mann herbei. Im Ambigutheater hatte an jenem Abend eine erste Vorstellung stattgefunden, aus welcher er entzückt, begeistert nach Hause gekommen war. Die strahlenden Kronleuchter, der Beifall, die Gespräche in den Gängen, alle die aufregenden Eindrücke, die seiner Thorheit immer neue Nahrung zuführten, hatten ihn mehr als je in seiner Verblendung bestärkt.

Hoch aufgerichtet, mit heiterem Gesicht, die Lampe in der Hand und eine Kamelie im Knopfloch, trat er in das Krankenzimmer.

»Guten Abend, Zizi! . . . schläfst du denn nicht?«

Seine Worte hatten einen fröhlichen Klang, der in dieser traurigen Umgebung seltsam wirkte.

Désirée winkte ihm schweigend zu, indem sie auf die schlafende Mutter deutete: »Bitte, stelle deine Lampe hin, ich habe mit dir zu sprechen.«

Der Ton ihrer tiefbewegten Stimme überraschte ihn und ebenso das Aussehen ihrer Augen, die weitgeöffnet, mit durchdringendem Blick zu ihm aufschauten.

Mit einer gewissen Befangenheit, seine Kamelie in der Hand, um sie der Tochter zu überreichen, und einem Knarren seiner neuen Stiefel, das er sehr vornehm fand, trat er heran. Seine Haltung hatte etwas Verlegenes, vielleicht infolge des Gegensatzes zwischen dem hellerleuchteten, geräuschvollen Theater, das er eben verlassen hatte, und der engen Krankenstube, wo die gedämpften Töne, das verdunkelte Licht von einer Fieberatmosphäre umhüllt schienen.

»Was hast du denn, Lämmchen? . . . fühlst du dich kränker als sonst?«

Eine Bewegung des kleinen, blassen Köpfchens antwortete, daß sie sich in der That kränker fühle und daß er nahe, ganz nahe herankommen müsse, um sie verstehen zu können. Und dann, als er sich über ihr Kopfkissen beugte, legte sie die brennende Hand auf den Arm des großen Mannes und flüsterte ihm leise ins Ohr, daß es ihr schlecht, sehr schlecht gehe und daß sie von ihrem baldigen Ende überzeugt sei.

»Dann, lieber Vater, bleibst du mit der Mutter allein zurück . . . zittere doch nicht so . . . du wußtest ja, daß es so kommen würde, sehr bald so kommen würde . . . vorher möchte ich dir aber sagen . . . möchte dich darauf aufmerksam machen, daß ich fürchte, Mama wird, wenn ich nicht mehr bin, außer stande sein, das Hauswesen zu erhalten. Sieh nur, wie blaß und angegriffen sie ist.«

Der Schauspieler betrachtete seine »Heilige« und schien aufs höchste überrascht, sie so elend zu finden. Aber er tröstete sich mit der egoistischen Bemerkung: »Sie ist nie besonders kräftig gewesen.«

Diese Worte und vor allem der Ton, in dem sie gesprochen wurden, empörten Désirée und bestärkten sie in ihrem Vorhaben. Ohne Mitleid für die Illusionen des Schauspielers fuhr sie fort: »Was wollt ihr beide anfangen, wenn ich nicht mehr bin? . . . Ich weiß, daß du allerlei schöne Hoffnungen hast, aber sie wollen gar nicht in Erfüllung gehen. Die Glücksfälle, die du schon so lange erwartest, können auch jetzt noch ausbleiben . . . was willst du inzwischen beginnen? . . . Glaube mir, lieber Vater, ich will dir nicht weh thun, aber es scheint mir, daß in deinem Alter, klug wie du bist . . . daß es, meine ich, ein Leichtes sein würde . . . Herr Risler senior, davon bin ich überzeugt, wäre gern bereit . . .«

Sie sprach langsam, mit Anstrengung, suchte die Worte und unterbrach ihre Sätze durch Pausen, in denen sie auf eine Bewegung, einen Ausruf ihres Vaters wartete. Aber der Schauspieler begriff nicht, was sie wollte. Mit seinen großen, runden Augen sah er sie an, hörte, was sie ihm sagte, hatte das unklare Bewußtsein, daß sich in dieser reinen, unerbittlichen Kinderseele eine Anklage gegen ihn erhob, wußte jedoch nicht, was es sein könnte.

»Ich glaube, du thätest wohl«, fing Désirée schüchtern wieder an, »du thätest wohl zu verzichten . . .«

»Was? . . . Wie? . . .«

Sie verstummte, als sie den Eindruck ihrer Worte sah. Das bewegliche Gesicht des alten Komödianten hatte sich mit dem Ausdruck tiefer Verzweiflung geradezu verzerrt, und Thränen, echte Thränen, die er nicht einmal, wie es auf der Bühne hergebracht ist, mit der Hand zu verbergen suchte, traten – ohne Herabzufließen – in seine Augen, so groß war die Angst, die ihm die Kehle zusammenschnürte. Der Unglückliche begann zu verstehen. . . . Von den beiden, deren Bewunderung ihm treu geblieben war, wandte sich die eine von ihm ab . . . seine Tochter glaubte nicht mehr an ihn! Es war nicht möglich . . . er mußte falsch gehört, falsch verstanden haben. Was war es, worauf er verzichten sollte? was? . . . was? Aber der stummen Bitte seines um Gnade flehenden Blickes gegenüber hatte Désirée nicht den Mut zu vollenden. Ueberdies war die Lebenskraft des armen Kindes erschöpft.

Zwei oder dreimal flüsterte sie noch »Zu verzichten . . . zu verzichten . . .« dann sank ihr Köpfchen auf das Kissen zurück und sie starb, ohne ihm offenbart zu haben, in welcher Weise er verzichten sollte.

Die gewisse Delobelle ist tot, Herr Polizeikommissär! Ich sagte Ihnen ja, daß sie es nicht wieder thun würde. Diesmal hat ihr der Tod Mühe und Weg erspart . . . er ist selbst gekommen, sie abzuholen, und nun – ungläubiger Mann – bürgen Ihnen vier fest vernagelte Tannenbretter für das Versprechen des Kindes. Sie hatte ihr Wort darauf gegeben, es nicht wieder zu thun – das wird sie halten.

Die kleine Lahme ist tot! Das ganze Stadtviertel des Francs-Bourgeois gerät über diese Nachricht in Bewegung. Nicht als ob Désirée allgemein bekannt und beliebt gewesen wäre; sie ging ja nicht aus, und selten nur war das blasse Gesicht der kleinen Klausnerin mit den dunkel umränderten, von unermüdlicher Arbeit zeugenden Augen am Fenster zu sehen gewesen. Aber wenn die Tochter des berühmten Delobelle begraben wurde, mußten viele Schauspieler zusammenkommen und Paris schwärmt für diese Menschenklasse: es ist ihm eine Wonne, die Götzen des Abends im hellen Tageslicht auf der Straße zu sehen, ihr wahres Antlitz, befreit vom trügerischen Zauberschein der Bühne, kennen zu lernen. Darum war, als am Begräbnismorgen mit lauten Hammerschlägen weiße Trauerdraperieen an der Thür des Sterbehauses angenagelt wurden, das Trottoir der Rue de Braque mit Neugierigen voll gedrängt.

Die Schauspieler, diese Gerechtigkeit muß man ihnen widerfahren lassen, sind gut gegeneinander. Wenigstens veranlaßt sie ein kameradschaftliches Band und Herkommen, sich bei jeder öffentlichen Kundgebung ihrer Standeszusammengehörigkeit, Bällen, Konzerten, Gastmählern und Begräbnissen zu beteiligen.

Obwohl der große Delobelle der Bühne längst nicht mehr angehörte, und sein Name schon über fünfzehn Jahre lang aus den Theaterberichten verschwunden war, genügte die kurze Notiz einer untergeordneten Theaterzeitung: »Herr Delobelle, früher erster Heldenspieler an den Theatern von Metz und Alençon, hat das Unglück gehabt u. s. w. Das Begräbnis findet statt u. s. w.«, um die Schauspieler von allen Enden der Stadt und der Vorstädte in Scharen herbeizurufen.

Groß oder klein, unbekannt oder berühmt – sie waren alle da! Diejenigen, welche mit Delobelle in der Provinz gespielt, sowie die, welche ihm nur in den Theatercafés begegnet waren; er gehörte für sie zu den immer wieder auftauchenden Gesichtern, die sie mit keinem bestimmten Namen in Verbindung zu bringen wußten, und sie zählten ihn einfach dem Kreise zu, in dem er sich bewegte. Selbst durchreisende Schauspieler und solche, die aus der Provinz gekommen waren, um in Paris einen Direktor, ein Engagement zu suchen, hatten sich eingestellt.

Und alle diese Unbekannten und Berühmten, Pariser und Provinzialen, waren von dem Wunsche beseelt, in den Zeitungsberichten über das Begräbnis genannt zu werden. Diesen von Eitelkeit erfüllten Wesen ist jede Art öffentlicher Erwähnung hochwillkommen, und so groß ist ihre Besorgnis, bei dem Publikum in Vergessenheit zu geraten, daß, wenn sie sich nicht zeigen können, das Verlangen in ihnen erwacht, wenigstens besprochen zu werden, und daß sie alles aufbieten, um nicht aus der rasch wechselnden Reihe der Pariser Tagesberühmtheiten zu verschwinden.

Von neun Uhr an wartete die ganze, kleinbürgerliche Bevölkerung des Marais – der in Wahrheit eine klatschsüchtige Provinzialstadt ist – an den Fenstern, den Thüren, auf der Straße – auf das Erscheinen der Komödianten. Arbeiter spähten durch die staubigen Scheiben der Werkstätten, Pfahlbürger durch zugezogene Gardinen, Köchinnen warteten mit dem Marktkorbe am Arm, Lehrjungen mit Paketen auf dem Kopfe.

Endlich kamen sie; zu Fuß oder zu Wagen, einzeln oder truppweise. Man erkannte sie an ihren glattrasierten Gesichtern mit dem bläulichen Schimmer an Kinn und Wangen, an ihrem unnatürlichen Mienenspiel, das bald zu pathetisch, bald erzwungen einfach war, an ihren konventionellen Gebärden und vor allem an dem übertriebenen Ausdruck ihrer Empfindung, der ihnen auf der Bühne zur Gewohnheit wird. Es war interessant zu beobachten, auf wie viele verschiedene Arten die wackeren Leute ihre Gefühle bei diesem traurigen Anlaß zum Ausdruck brachten. Jeder von ihnen betrat den kleinen, dunkeln, gepflasterten Hof des Sterbehauses, als ob er eine Bühne wäre, und jedes Auftreten war, je nach dem Rollenfach des Künstlers, ein andres. Die großen Heldenspieler erschienen mit düsterer Miene und gerunzelten Brauen, wischten mit der Spitze des behandschuhten Fingers eine unaufhaltsame Thräne ab, seufzten, blickten zum Himmel empor und blieben mitten auf der Bühne, das heißt im Hofe stehen und drückten den Hut an die Hüfte, während sie, um ihren Schmerz zu bemeistern, ein leises »sei still, mein Herz, sei still!« mit dem linken Fuße stampften. Die Komiker dagegen »machten« in Einfachheit. Sie begrüßten sich mit gutmütig-jämmerlicher Miene, nannten sich gegenseitig »alter Junge« und tauschten wehmütige Händedrücke aus, indes die zitternden Wangen, die herabgezogenen Augen und Mundwinkel den Ausdruck ihrer Rührung zur Possenhaftigkeit erniedrigten.

Sie alle waren geziert und dennoch aufrichtig.

Sobald sie eingetreten waren, teilten sich die Herren in zwei Gruppen. Die Künstler von Ruf und Ansehen blickten verächtlich auf die unbekannten, ärmlichen Robricarts nieder, deren Neid die Verachtung der Großen mit allerlei hämischen Bemerkungen vergalt. »Haben Sie schon bemerkt, wie der und der gealtert hat? . . . wie übel er aussieht? . . . er wird es nicht mehr lange machen können.«

Zwischen diesen beiden Gruppen ging der große Delobelle, sorgfältig in Schwarz gekleidet, mit schwarzen Handschuhen, verweinten Augen und zusammengepreßten Lippen hin und wieder und schüttelte bald diesem, bald jenem schweigend die Hand. Dem armen Menschen war das Herz von Thränen schwer, und doch hatte ihn das nicht gehindert, sich für diese Feierlichkeit frisieren und die Haare brennen zu lassen. Eine seltsame Natur! Niemand, der in seiner Seele zu lesen vermochte, hätte sagen können, wo der wirkliche Schmerz sich von der theatralischen Darstellung desselben trennte, so sehr flossen sie ineinander. – Unter den Schauspielern zeigten sich aber auch einige unsrer alten Bekannten. Monsieur Chèbe, der wichtiger that als je und mit großem Eifer die beliebtesten Schauspieler umkreiste, während seine Frau oben bei der armen Mutter war. Sidonie hatte nicht kommen können, aber Risler senior war da, fast ebenso betrübt wie der Vater, der gute Risler, der treue Freund bis ans Grab, der alle Kosten der traurigen Feierlichkeit bezahlt hatte. Darum waren die Trauerkutschen so prächtig, die Draperieen der Thür mit Silberfransen besetzt, der Katafalk mit weißen Rosen und Veilchen bestreut. Dies im Kerzenlicht schimmernde Weiß, diese zitternden, mit Weihwasser besprengten Blumen im dunkeln, elenden Hausgange der Rue de Braque waren gleichsam ein Abbild des Geschickes der armen Verstorbenen, die immer nur unter Thränen gelächelt hatte.

Langsam, Schritt für Schritt, bewegte sich der Zug durch die gewundenen Straßen,

Voran ging der leise schluchzende Delobelle, fast ebenso ergriffen über sich selbst, den armen Vater, der sein Kind begraben mußte, als über den Tod der Tochter. Im tiefsten Grunde seines aufrichtigen Schmerzes lag die alte, persönliche Eitelkeit wie ein Stein im Bache, den die vorüberrauschenden Wellen nicht von der Stelle bewegen. Die Pracht des Begräbnisses, der lange, schwarze Zug, der den Straßenverkehr hemmte, die drapierten Trauerkutschen, das Rislersche Coupé, das Sidonie in eitler Prahlerei geschickt hatte, das alles schmeichelte ihm, versetzte ihn inmitten seiner Betrübnis in wohlthuende Aufregung. Endlich konnte er sich nicht mehr beherrschen; er neigte sich Robricart zu, der neben ihm ging: »Hast du es wohl bemerkt?«

»Was denn?«

Und indem sich der unglückliche Vater die Augen trocknete, flüsterte er mit einem gewissen Stolz: »Es sind zwei herrschaftliche Equipagen dabei.«

Arme, gute, einfache kleine Zizi, dies eitle Schaugepränge, dies feierliche Trauergefolge war nicht für dich gemacht!

Gut, daß oben am Fenster der Arbeitsstube Mutter Delobelle hinter den zugezogenen Vorhängen stand. Sie hatte sich nicht daran hindern lassen, ihre Kleine fortfahren zu sehen.

»Gott befohlen . . . Gott befohlen!« flüsterte die Mutter vor sich hin, indem sie unbewußt, halb greisenhaft, halb irrsinnig mit der Hand winkte. Und so leise dies »Gott befohlen!« geflüstert war, Désirée hat es hören müssen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.