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Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
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Siebzehntes Kapitel.

Eine »Vermischte Nachricht«.

Am Vorabend dieses Unglückstages, wenige Minuten nachdem Franz sein Zimmer in der Rue de Braque heimlich verlassen hatte, kam der berühmte Delobelle tief niedergeschlagen, mit jenem Ausdruck der Enttäuschung und Mutlosigkeit nach Hause, mit dem er unangenehme Ereignisse aufzunehmen pflegte.

»Ach, mein Gott, lieber Mann, was ist dir widerfahren?« fragte Mama Delobelle, die trotz zwanzigjährigen Zusammenlebens für die theatralisch-übertriebene Mimik ihres Gatten noch immer empfänglich war.

Der alte Komödiant, der niemals versäumte, seinen Aussprüchen ein auf der Bühne gebräuchliches Mienenspiel vorauszuschicken, zog, ehe er antwortete, mit dem Ausdruck des Ekels und Widerwillens die Mundwinkel herab, als ob er soeben etwas Bitteres verschluckt hätte.

»Mir ist widerfahren,« sagte er, »daß ich mich aufs neue überzeugen muß, wie undankbar oder egoistisch diese Rislers sind . . . jedenfalls sind sie ganz ungebildete Leute. – Wißt ihr, was ich soeben von dem Portier unten im Hause – der mich dabei spöttisch von der Seite ansah – gehört habe? Denkt euch: Franz Risler ist fort . . . er hat das Haus, möglicherweise auch schon die Stadt verlassen, ohne mir auch nur die Hand zu drücken und mir für die freundliche Aufnahme zu danken, die ihm bei uns zu teil geworden ist. Wie findet ihr das? . . . denn nicht wahr, er hat auch euch nicht Lebewohl gesagt . . . und doch ist's kaum vier Wochen her, da war er – was ich ihm auch gar nicht zum Vorwurf machen will – täglicher Gast im Hause.«

Ein Ausruf der Mama Delobelle verriet ihr Erstaunen und ihre herzliche Betrübnis. Désirée dagegen sagte nicht ein Wort, machte nicht eine Bewegung – immer derselbe kleine Eisblock. Selbst der Messingdraht, den sie eben in den Fingern drehte, blieb in der bisherigen, gleichmäßigen Bewegung.

»Und da bildet man sich ein, Freunde zu haben!« fuhr der große Delobelle fort. »Was hat mir der nun wieder vorzuwerfen?«

Es war eine seiner fixen Ideen, sich vom Haß der ganzen Welt verfolgt zu glauben. Es gehörte zu seiner Stellung im Leben . . . er war nun einmal ein Märtyrer der Kunst.

Sanft, mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit – es liegt immer etwas Mütterliches in der nachsichtigen, verzeihenden Liebe, die solche große Kinder einflößen – suchte Mama Delobelle ihren Mann zu trösten, überhäufte ihn mit Liebkosungen und fügte seiner Mahlzeit einen Leckerbissen zu. Der arme Mann war übrigens ernstlich betrübt. Durch die Abreise Franz Rislers wurde das Amt eines ewigen Gastgebers, das ehemals dessen älterer Bruder verwaltet hatte, aufs neue erledigt und der Schauspieler gedachte der vielen Annehmlichkeiten, die ihm verloren gingen.

Aber zur Seite dieses eigennützigen, oberflächlichen Kummers befand sich ein wahrer, unermeßlicher Schmerz.  . . ein Schmerz von tödlicher Gewalt und die verblendete Mutter erkannte ihn nicht. – Sieh deine Tochter doch nur an, Unglückselige! ihre durchsichtige Blässe, ihre thränenlosen Augen, die mit starrem Glanze vor sich hinschauen, als ob sich die Gedanken wie die Blicke auf ein Etwas richteten, das nur ihnen sichtbar wird. Suche die arme, leidbelastete Seele zu erschließen: befrage dein Kind; bringe die Aermste zum Sprechen, zum Weinen vor allem, damit sie von ihrer erdrückenden Last befreit wird, damit ihre von Thränen verdunkelten Augen nicht mehr im Leeren jenes furchtbare, unbekannte Etwas zu sehen vermögen, an das sie sich so verzweiflungsvoll anklammern.

Ach! es gibt Frauen, in denen die Mutter die Gattin ertötet – hier hatte die Mutter der Gattin weichen müssen. Für die Priesterin des Götzen Delobelle, die sich ganz in der Anbetung ihres Abgottes verlor, war ihre Tochter nur auf der Welt, um sich demselben Kultus zu weihen, vor demselben Altare auf den Knieen zu liegen. Sie beide hatten nur die eine Aufgabe im Leben, für den Ruhm des großen Mannes zu arbeiten und ihn über das Verkennen seines Talentes zu trösten. Alles übrige war nicht vorhanden. Niemals hatte Mama Delobelle Désirées plötzliches Erröten gesehen, sobald Franz ins Zimmer trat, niemals darauf geachtet, wie das liebende Mädchen auf den seltsamsten Umwegen immer und immer wieder die Rede auf ihn zu bringen, immer wieder seinen Namen in die Plaudereien zu verflechten wußte, womit sie sich bei der Arbeit unterhielten. Und doch war dies seit Jahren geschehen, seit jenen fernen Tagen, als Franz noch in aller Frühe, wenn Mutter und Tochter ihre Arbeitslampe anzündeten, nach der Ecole Centrale zu gehen pflegte. Auch um jenes träumerische Schweigen hatte sie sich nie gekümmert, in das sich glückliche, vertrauensvolle junge Herzen mit ihren Zukunftshoffnungen versenken; und wenn sie hin und wieder, über Désirsées Verstummen verwundert, flüchtig gefragt hatte: »Was fehlt dir?« so brauchte das junge Mädchen nur zu antworten: »Gar nichts«, um den auf Augenblicke unterbrochenen Gedankengang der Mutter ohne weiteres seiner Lieblingsrichtung wieder zuzulenken.

So hatte diese Frau, die im Herzen ihres Mannes zu lesen und jede Falte seiner olympischen, nichtssagenden Stirn zu deuten wußte, für ihre arme Zizi nicht einen Augenblick jener hellsehenden Zärtlichkeit gehabt, durch welche sich auch eine bejahrte, verblühte Mutter so weit verjüngt, daß sie die Freundin ihres Kindes, seine Vertraute und Ratgeberin werden kann.

Das ist der verderblichste Einfluß des unbewußten Egoismus eines Mannes wie Delobelle; er zieht auch die Selbstsucht andrer in seiner Umgebung groß.

Die Gewohnheit gewisser Familien, alles einer einzigen Persönlichkeit unterzuordnen, hat zur unausbleiblichen Folge, daß Freuden und Schmerzen, welche mit dieser nichts zu thun haben, vollständig übersehen werden. – In welcher Beziehung aber konnte das herbe Liebesleid, das ein junges Mädchenherz mit Thränen füllte, zu dem Ruhme des großen Schauspielers stehen?

Und doch war Désirée tief unglücklich!

Seit einem Monat etwa, seit jenem Tage, als Sidonie gekommen war, um Franz in ihrem Wagen mitzunehmen, wußte die arme Kleine, daß sie nicht mehr geliebt wurde, und kannte den Namen ihrer Nebenbuhlerin. Sie grollte den beiden nicht, beklagte sie eigentlich nur. – Aber warum war er zurückgekommen? – Warum hatte er so leichtsinnig diese falsche Hoffnung in ihr erweckt? Wie der unglückliche Gefangene sich an die Finsternis seines Kerkers, an die Enge des ihn umschließenden Raumes gewöhnt, seine Zelle aber doppelt traurig, seine Dunkelheit doppelt schwer zu ertragen findet, wenn er für einen Augenblick ins Freie geführt worden ist, so hatte auch das helle Licht, das plötzlich in das Leben des armen Kindes gefallen und ebenso plötzlich wieder verschwunden war, ihr Dasein nur um so finsterer und öder gemacht. Wie viele Thränen hatte sie seitdem im Verborgenen geweint! wie schweres Leid ihren Vögelchen zu klagen gehabt! Denn auch jetzt wieder hatte die Arbeit sie aufrecht erhalten, die angestrengte, unaufhörliche Arbeit, deren Einförmigkeit, mit der Wiederkehr derselben Aufgaben und Handgriffe, auch ihre Gedanken gleichsam in gewissen Schranken hielt.

Und wie unter ihren Händen die kleinen toten Vögel einen Anschein des Lebens erhielten, so regten von Zeit zu Zeit auch die erstorbenen Hoffnungen und Wünsche, umweht von einem feineren, durchdringenderen Gift, als das vom Arbeitstische aufsteigende war, in ängstlichem Auferstehungsverlangen die Flügel. Franz war nicht auf immer für sie verloren. Obwohl er nur noch selten kam, wußte sie ihn in der Nähe, hörte ihn kommen und gehen, unruhig im Zimmer auf und nieder schreiten, und konnte zuweilen durch die halbgeöffnete Thür sein geliebtes Profil erblicken, wenn er hastig über den Treppenflur eilte. Er sah nicht glücklich aus . . . welches Glück hatte er überhaupt zu hoffen . . . die Frau, die er liebte, war seines Bruders Weib! Bei dem Gedanken aber, daß Franz unglücklich war, konnte das gute Wesen den eignen Kummer beinahe vergessen, um nur den des Freundes mit zu fühlen.

Daß er niemals als Liebender zu ihr zurückkehren konnte, wußte sie nur zu gut; aber sie dachte sich, daß er eines Tages, zum Tode verwundet, hereintreten, sich auf den niedrigen Schemel setzen, seinen Kopf auf ihren Schoß legen, ihr seine Leiden klagen und aufschluchzend bitten würde: »Tröste mich!«

Von dieser armen Hoffnung nährte sie sich seit drei Wochen schon – sie bedurfte so wenig zum Leben!

Doch nun war ihr auch dies wenige genommen! Franz war fort – fort, ohne Abschiedsblick, ohne Lebewohl für sie . . . Nach dem Verrat des Geliebten den Verrat des Freundes; es war entsetzlich . . .

Bei den ersten Worten ihres Vaters fühlte sie sich in einen tiefen, dunkeln, eisigkalten Abgrund gestoßen, in dem sie schnell und willenlos versank. Sie wußte, daß sie das Licht nie wiedersehen würde, war dem Ersticken nahe; sie hätte sich sträuben, sich widersetzen, um Hilfe rufen mögen.

Aber wen? Daß ihre Mutter sie nicht hören würde, wußte sie.

Sidonie! oh, jetzt hatte sie die einstige Freundin erkannt. – Eher hätte sie sich an die kleinen Vögel mit dem glänzenden Gefieder wenden können, deren Augen sie mit so gleichgültiger Heiterkeit ansahen.

Das Schrecklichste war die sich ihr augenblicklich aufdrängende Ueberzeugung, daß sie fortan auch in der Arbeit keine Hilfe finden würde . . . auch diese hatte ihren wohlthätigen Einfluß verloren; die schlaffen Arme hatten keine Kraft mehr, die müden Hände sanken unthätig, in tiefer Mutlosigkeit nieder.

Was hätte sie in ihrem Unglück aufrecht erhalten sollen?

Gott! – der sogenannte Himmel?

Nicht einmal der Gedanke daran kam ihr. In Paris, besonders in den Arbeitervierteln, sind die Häuser zu hoch, die Straßen zu eng, die Luft ist zu dick, um den Anblick des Himmels zu gestatten; er verschwindet im Rauch der Fabriken, im Dunst, der von den feuchten Dächern aufsteigt. Ueberdies ist das Leben, das die meisten dieser Menschen führen, ein so schweres, daß wenn inmitten ihres Elends der Glaube an eine Vorsehung in ihnen erwachte, sie derselben die Faust zeigen und ihr fluchen würden. Darum gibt es so viele Selbstmorde in Paris. Seine Bevölkerung, die das Beten verlernt hat, ist immer bereit zum Sterben. Der Tod erscheint ihr als das Ende aller ihrer Leiden, er befreit, er tröstet.

Er war es, den die kleine Lahme so unverwandt anstarrte.

Ihr Entschluß stand augenblicklich fest: sie mußte sterben.

Aber wie?

Während das gemeine Leben rings um sie her im gewohnten Gleise weiterging, ihre Mutter das Essen zubereitete und der große Mann sich in einem langen Monologe über die Undankbarkeit des Menschengeschlechts aussprach, saß Désirée still in ihrem Sessel und überlegte, welche Todesart sie wählen solle. Da sie fast nie allein war, konnte von dem Kohlenbecken, das man entzündet, nachdem Thüren und Fenster verstopft sind, nicht die Rede sein, und da sie nie aus dem Hause kam, war auch an das Gift nicht zu denken, das beim Droguisten zu haben ist; das kleine Päckchen weißen Pulvers, das man mit Fingerhut und Nadelbüchse tief in die Tasche steckt. Es gab zwar noch den Phosphor der Streichhölzer, den Grünspan alter Kupfermünzen, das offne Fenster, das nach der Straße hinausgeht; aber der Gedanke, ihren Eltern das entsetzliche Schauspiel ihres selbstgewählten Todeskampfes zu geben, oder den Anblick ihrer traurigen Ueberreste, die inmitten eines Volkshaufens aufgehoben wurden, veranlaßte sie, auf diese Hilfsmittel zu verzichten.

Nun blieb ihr noch der Strom.

Das Wasser kann den Körper so weit forttragen, daß er nicht wieder gefunden wird, so daß der Tod in geheimnisvolles Dunkel gehüllt bleibt.

Der Strom . . .

Sie schauderte, wenn sie daran dachte, aber nicht vor dem Bilde der tiefen, dunkeln Flut . . . die erschreckt ein Pariser Mädchen nicht! Man wirft die Schürze über den Kopf, um nichts zu sehen, und springt hinein . . . Aber Désiree mußte allein die Treppe hinunter, allein über die Straße gehen, und die Straße beängstigte sie.

Während so das arme Kind schon im voraus mit dem Grauen des Todes, der Vernichtung rang und mit verstörtem Blick, in dem der Wahnsinn des Selbstmords aufleuchtete, in den dunkeln Abgrund niederstarrte, begann der große Delobelle sich zu fassen. Seine Deklamationen verloren an Heftigkeit, und da es heute Kohl gab, den er besonders gern aß, wurde er im Verlauf der Mahlzeit immer milder gestimmt, gedachte seiner einstigen Erfolge, des goldnen Kranzes der Abonnenten zu Alençon, und sobald er mit dem Essen fertig war, begab er sich, gebügelt und geschniegelt, mit weißen Manschetten und einem neuen, glänzenden Hundertsousstück in der Tasche, das ihm seine Frau gegeben, damit er sich als flotter Kamerad zu zeigen vermochte, ins Odeon-Theater, wo sein Freund Robricart im ›Misanthrop‹ debütierte.

»Ich bin sehr froh,« sagte Mama Delobelle, während sie den Tisch abdeckte, »daß es dem Vater so gut geschmeckt hat. Das hat den armen, lieben Mann etwas getröstet, und sein Theater wird ihn vollends aufheitern . . . er hat es so nötig . . .«

. . . Ja, das war das Entsetzliche: sie mußte allein über die Straße gehen, mußte warten, bis das Gas ausgelöscht war, und dann, wenn die Mutter schlief, leise die Treppe hinuntergehen, die Klingel ziehen, und wenn die Thüre geöffnet war, hinaushuschen, um das schreckliche Paris zu durchwandern, wo man an Männern vorüberkommt, die einem keck ins Gesicht sehen, und an Kaffeehäusern, die in hellem Lichtglanz strahlen. Schon als Kind hatte Désirée die Straßen gefürchtet; wenn sie als kleines Mädchen fortgeschickt wurde, um eine Besorgung zu machen, folgten ihr die Gassenjungen lachend nach und sie wußte kaum, was ihr peinlicher war, das spöttische Nachäffen ihres hinkenden Ganges, in dem sich diese frechen kleinen Burschen gefielen, oder das Bedauern der Vorübergehenden, die den Blick mitleidig abwendeten. Ueberdies fürchtete sie die Wagen, die Omnibusse . . . es war weit bis zur Seine, sie zu erreichen eine große Anstrengung . . . aber es blieb nichts andres übrig.

»Ich gehe zu Bett, Töchterchen, und du . . . willst du noch aufbleiben?«

Ohne die Augen von der Arbeit zu erheben, antwortet das Töchterchen, daß es noch aufbleiben, das Dutzend fertigmachen will.

»Gute Nacht denn!« sagt Mama Delobelle, deren angegriffene Augen das Lampenlicht nicht lange ertragen können. »Vaters Abendessen steht am Feuer; du siehst wohl einmal danach, ehe du dich niederlegst.«

Désirée hat keine Unwahrheit gesagt, sie will das Dutzend fertigmachen, damit es der Vater morgen forttragen kann. Wer das zierliche Köpfchen im Lampenlicht so still über die Arbeit gebeugt sähe, würde nie erraten, von welchen düsteren Gedanken es erfüllt ist.

Endlich ist das letzte Vögelchen des Dutzends vollendet, ein wundervolles kleines Geschöpf, dessen Flügel wie in Meerwasser getaucht, wie Saphir glänzen.

Sorgsam und zierlich befestigt es Désirée auf den Messingdraht, in der anmutigen Haltung des aufgescheuchten, davonfliegenden Vogels.

Oh! wie schnell es davonfliegt, das blaue Vögelchen . . . wie ungestüm es sein Flügelschlag in die Weite trägt . . . wir fühlen, daß es sich um die weite, ewige Reise handelt . . . die Reise ohne Wiederkehr.

Die Arbeit ist vollendet, der Tisch aufgeräumt, jeder Seidenfaden sorgsam aufgelesen, jede Stecknadel auf das Kissen gesteckt.

Wenn der Vater heimkehrt, wird er unter der halbeingeschraubten Lampe sein Abendessen in der warmen Asche stehen sehen, und dieser unheilvolle Abend wird ihm durch die Ordnung der Wohnung und die Beachtung aller seiner Eigenheiten so friedlich behaglich erscheinen, wie jeder andre. Leise öffnet Désirée den Schrank, nimmt ein kleines Umschlagetuch heraus, in das sie sich einhüllt . . . dann geht sie.

Wie? nicht ein Blick für ihre Mutter, nicht ein stummes Lebewohl, nicht eine Regung der Wehmut? Nein, nichts von alledem. Mit der erschreckenden Klarheit, welche die Nähe des Todes gibt, hat sie plötzlich erkannt, welcher egoistischen Liebe sie selbst während ihrer Kindheit und Jugend aufgeopfert wurde, und weiß, daß ein zärtliches Wort ihres großen Mannes genügen wird, die Schlafende zu trösten. Fast möchte ihr Désirée zürnen, daß sie nicht erwacht, daß sie ihr Kind fortgehen lassen kann, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken.

Wer in der Jugend stirbt, selbst wenn es freiwillig geschieht, wird sich immer dagegen sträuben. Auch Désirée hadert mit ihrem Geschick, während sie aus dem Leben scheidet.

Nun ist sie auf den Straßen. Wohin wird sie sich wenden? Ringsum ist es öde; diese tagsüber so belebten Straßen werden abends frühzeitig still; man arbeitet hier zu emsig, um nicht schnell einzuschlafen. Während das Paris der Boulevards noch in voller Bewegung ist und den rosigen Widerschein seines Lichtes, wie den Abglanz einer fernen Feuersbrunst über die ganze Stadt verbreitet, sind hier die Hausthüren geschlossen, die Fenster mit Läden versehen. Von Zeit zu Zeit wird ein Thürklopfer hörbar; oder der Schritt eines Stadtsergeanten, der ungesehen vorbeigeht, oder das Selbstgespräch eines Betrunkenen unterbricht die nächtliche Stille; oder ein Windstoß, der von den benachbarten Quais herüber weht, rüttelt an den Laternenscheiben, an den Stricken eines Kranes, fegt um eine Straßenecke oder erstirbt mit ächzendem Laut in den Ritzen eines Thorweges,

In ihr Tuch gewickelt, mit erhobenem Kopfe und trocknen Augen geht Désirée rasch dahin. Ohne den Weg zu kennen, geht sie gerade aus, immer gerade aus.

Die engen, düsteren Straßen des Marais, in denen nur hin und wieder ein mattes Gaslicht blinkt, winden und kreuzen sich, so daß sie in ihrem fieberhaften Suchen immer wieder in dieselbe Gegend kommt. Es ist, als ob sie beständig durch irgend etwas vom Flusse fern gehalten würde, obwohl ihr der feuchte Wind seinen Hauch ins Gesicht weht. Das Wasser scheint vor ihr zurückzuweichen, dicke Mauern, hohe Häuser sich zwischen sie und den Tod zu stellen. Aber die lahme Kleine ist tapfer und schreitet auf dem holprigen Pflaster der alten Straßen immer weiter und weiter.

Habt ihr jemals am Abend eines Jagdtages ein verwundetes Rebhuhn in einer Furche dahin fliehen sehen? es duckt sich, indem es, den blutenden Flügel nachschleppend, einem Versteck zueilt, in welchem es in Ruhe sterben kann. Der unsichere Gang der kleinen schattenhaften Gestalt, die das Trottoir entlang längs der Mauern hinhuscht, macht ganz denselben Eindruck. Und zu derselben Stunde irrt – fast in demselben Stadtviertel – ein andrer wartend, spähend, verzweifelnd durch die Straßen. Ach! wenn sie sich doch begegneten, sie ihn anredete, den wie vom Fieber Gejagten, ihn nach ihrem Wege fragte: »Verzeihen Sie, Monsieur . . . wie komme ich nach der Seine?«

Er würde sie augenblicklich erkennen.

»Wie, Sie sind es, Mamsell Zizi? was haben Sie so spät auf der Straße zu thun?«

»Ich will sterben, Franz! die Freude am Leben ist mir durch Sie verloren gegangen.«

Dann würde er sie tiefbewegt umfassen, sie an sich drücken, in seinen Armen forttragen und bitten: »Nein, nein, stirb nicht! ich bedarf deiner, um mich zu trösten, mich zu heilen von allem Weh, das jene Frau mir zugefügt hat.«

Aber das ist ein Dichtertraum, eine jener Begegnungen, die im wirklichen Leben nicht stattfinden. Es ist ein grausames, ein hartes Leben! Wie oft, wenn nur die geringste Kleinigkeit erforderlich wäre, um ein Menschendasein zu retten, versagt es diese Kleinigkeit . . . darum sind alle wahren Geschichten so traurig.

Straßen und wieder Straßen, dann ein Platz und eine Brücke, deren Gaslaternen sich im dunkeln Wasser spiegeln. Da endlich ist der Strom! im Nebel der milden, feuchten Herbstnacht sieht sie das ihr unbekannte Paris in wirrer, beängstigender Größe vor sich ausgebreitet . . . hier muß sie sterben.

Sie fühlt sich so klein, so verlassen, so verloren in der unermeßlichen Weite dieser großen, hellerleuchteten, öden Stadt; ihr ist, als ob sie bereits gestorben wäre. Sie nähert sich dem Quai; plötzlich wird sie durch einen Duft von Blumen, Laub und feuchter Erde einen Augenblick festgehalten. Zu ihren Füßen, auf dem Trottoir dicht am Ufer stehen eine Menge mit Stroh umwickelter Gewächse und zierlicher, in weißes Papier gehüllter Blumentöpfe, die für den Markt des nächsten Morgens bestimmt sind. Schlaftrunken lehnen sich die Verkäuferinnen, in Tücher gewickelt, ein Kohlenbecken unter den Füßen, in ihre Stühle. Da sind Astern in allen Farben, späte Rosen und Reseda erfüllen die Luft mit Wohlgeruch, werfen im blassen Mondenschein einen leichten Schatten um sich her und sind, ihrem heimatlichen Boden entrissen, bereit, den Launen des erwachenden Paris zu dienen.

Arme, kleine Désirée! Es ist, als ob ihre ganze Jugend, ihre wenigen Freudentage, ihre verratene Liebe mit den Wohlgerüchen dieses wandernden Gartens an ihr Herz drängen. Langsam geht sie zwischen den Blumen hin; zuweilen schlägt ein Windstoß die höheren Stauden zusammen, daß es klingt wie leises Waldesrauschen und aus den flachen, mit Küchenkräutern gefüllten Körben steigt der Brodem feuchter Erde empor.

Sie erinnert sich der Fahrt aufs Land, die sie mit Franz gemacht hat. Der frische Hauch der Natur, den sie damals zum erstenmal geatmet, umweht sie wieder in der Todesstunde. »Entsinnst du dich?« scheint er sie zu fragen, und in Gedanken gibt sie zur Antwort: »Jawohl, ich entsinne mich!« . . . die Erinnerung ist nur zu lebendig.

Am Ende des wie zu einem Feste geschmückten Quais, an der Treppe, die zum Wasser hinunter führt, bleibt der kleine, leichte Schatten stehen.

Gleich darauf erhebt sich den ganzen Quai entlang Lärm und Geschrei. »Schnell einen Kahn . . . einen Bootshaken!« Von allen Seiten eilen Schiffer und Stadtsergeanten heran; ein Nachen mit einer Laterne am Bug stößt vom Ufer.

Die Blumenhändlerinnen erwachen, und da eine von ihnen gähnend fragt, was geschehen ist, gibt die Kaffeeverkäuferin, die an der Ecke der Brücke kauert, ruhig zur Antwort: »Ein Frauenzimmer ist ins Wasser gesprungen.«

Aber der Strom hat das Opfer verschmäht; er hat Mitleid mit so viel Anmut und Güte. – Im Lichte der Laternen, die unten am Ufer hin und her schwanken, bildet sich eine dunkle Gruppe, setzt sich in Bewegung. Désirée ist gerettet – ein Schiffsarbeiter hat sie dem Strome entrissen; Stadtsergeanten tragen sie; Schiffer und Auslader gehen nebenher und aus der Dunkelheit hört man eine heisere Stimme sagen: »Hat mir das Wasserhühnchen Mühe gemacht! . . . schlüpfte mir immer wieder aus den Händen . . . hat mir offenbar die Rettungsprämie nicht gegönnt!« Nach und nach legt sich die Aufregung; die Neugierigen verschwinden, und während sich die dunkle Gruppe einer Polizeiwache zuwendet, schlafen die Blumenverkäuferinnen wieder ein und auf dem verödeten Quai zittern die Astern im Nachtwinde.

Armes Kind! Du glaubtest, es wäre so leicht, sich aus dem Leben fortzustehlen und plötzlich zu verschwinden. Du ahntest nicht, daß der Strom, anstatt dich schnell dem ersehnten Nichts zuzutragen, dich aller Schmach, allem Elend eines verfehlten Selbstmordes überantworten würde. – Zuerst der Polizeiwache, einem abscheulichen Aufenthaltsorte, mit schmutzigen Bänken und staubigem, feuchtem, wie von Straßenschmutz bedecktem Fußboden. Hier mußte Désirée den Rest der Nacht zubringen. Man hatte sie auf ein Feldbett vor dem Ofen gelegt, der aus Mitleid für sie stark geheizt war und in dessen ungesunder Glut ihre schweren, wassergetränkten Kleidungsstücke dampften. Wo befand sie sich? . . . Sie vermochte sich darüber keine Rechenschaft zu geben; undeutlich, ohne zu begreifen, wo sie war, sah sie auf Lagerstätten, die der ihrigen glichen, mehrere Männer liegen und hörte an der Hinterthür des Saales zwei eingesperrte Trunkenbolde unter fürchterlichen Flüchen klopfen und herumtappen.

In ihrer Nähe kauerte eine in Lumpen gehüllte Frau mit herabhängenden Haaren vor der Ofenthür; aber der Feuerschein war nicht im stande, ihr hageres, blasses Gesicht zu röten. Es war eine Irrsinnige, die man im Laufe der Nacht aufgegriffen hatte, ein armes, unglückliches Geschöpf, das mechanisch den Kopf bewegte und unaufhörlich, fast ohne die Lippen zu regen, vor sich hinmurmelte: »Ja, ja, die Not . . . das kann ich sagen . . . ja, ja die Not, das kann ich sagen . . .« Diese jämmerliche Klage inmitten des Schnarchens der schlafenden Männer war für Désirée unsäglich qualvoll. Sie schloß die Augen, um dies irre Gesicht nicht mehr zu sehen, in dem sie mit Entsetzen das Bild ihrer eignen Verzweiflung zu erkennen glaubte. Von Zeit zu Zeit wurde die Thür nach der Straße geöffnet; der Wachhabende rief ein paar Namen; zwei Stadtsergeanten gingen hinaus, zwei andre traten herein und warfen sich tief ermüdet auf die Feldbetten, wie Matrosen, die auf Deck ihre Quartierwache gethan haben.

Endlich kam der Tag mit seinem kalten, den Kranken so verderblichen Schauern. Auch Désirée erwachte plötzlich aus ihrer Betäubung, richtete sich im Bette auf, warf den Mantel ab, in den man sie gehüllt hatte, und versuchte trotz Fieber und Ermattung aufzustehen, um wieder von sich selbst, von ihrem Willen Besitz zu ergreifen. Sie hatte nur den einen Wunsch, sich den Augen zu entziehen, die sie anstarrten, dem entsetzlichen Orte zu entrinnen, wo selbst der Schlaf so schweren Atem, so unbehagliche Stellungen annahm.

»Meine Herren, ich bitte,« sagte sie, am ganzen Körper bebend, »lassen Sie mich nach Haus, zu meiner Mutter.«

Wie verhärtet auch die wackeren Leute gegen die vielfachen Schauerscenen des Pariser Lebens sein mochten, dennoch fühlten sie, daß ihnen hier etwas Edleres, Rührenderes gegenüberstand als gewöhnlich. Aber Désirée ohne weiteres zu ihrer Mutter zu bringen, ging nicht an; vorher mußte sie dem Polizeikommissär vorgeführt werden – das war nicht zu umgehen. Aus Mitleid für das arme Mädchen wurde ein Wagen herbeigeholt. Doch nun mußte sie das Haus verlassen und vor der Thür standen eine Menge Menschen, um die kleine Lahme mit ihren nassen, an den Schläfen klebenden Haaren und ihrem dicken Uniformmantel, unter dem sie vor Kälte zitterte, vorübergehen zu sehen. Im Polizeibüreau mußte sie eine dunkle, feuchte Treppe hinaufsteigen, auf der allerlei Galgengesichter an ihr vorüberkamen. Dann erreichte sie eine Flügelthür, die im lebhaften Geschäftsverkehr ohne Aufhören hin und her schlug, ging durch kalte, dunkle Zimmer, auf deren Bänken eine Anzahl schweigender, betäubter, schlaftrunkener Leute saßen: Vagabunden, Diebe, Dirnen; endlich erreichte sie einen Tisch mit einer alten grünen Decke, an dem der Schreiber des Polizeikommissärs saß: hier wurde vorläufig Halt gemacht.

Als Désirée eintrat, kam aus dem dunkeln Hintergrunde ein Mann auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es war der fürchterliche Mensch, der sie für die übliche Belohnung von fünfundzwanzig Frank gerettet hatte.

»Nun, Mütterchen,« sagte er mit cynischem Lachen und einer heiseren, an die Nebelnächte auf dem Flusse erinnernden Stimme, »wie befinden wir uns nach unserm Untertauchen?«

Und dann erzählte er den Anwesenden, wie er sie erst so angepackt habe, und dann so, und versicherte, daß sie ohne ihn jetzt auf dem Wege nach Rouen dahinschwimmen müßte.

Die Unglückselige war dunkelrot vor Scham und Fieber und so verwirrt, daß es ihr schien, als hätte das Wasser einen Schleier auf ihren Augen und ein Brausen in ihren Ohren zurückgelassen. Endlich wurde sie in ein kleineres Gemach geführt, vor einen feierlich aussehenden Herrn mit einem Orden, den Herrn Polizeikommissär in eigner Person, der eben seinen Kaffee trank und dazu die Gerichtszeitung las.

»So, Sie sind es!« sagte er in barschem Ton und tauchte, ohne den Blick zu erheben, ein Stückchen Semmel in die Tasse, worauf der Polizeidiener, der Désirée herein geführt hatte, seinen Rapport zu lesen begann:

»Um elf dreiviertel Uhr hat am Quai de la Mégisserie, vor dem Hause Nr. 17 eine gewisse Delobelle, vierundzwanzig Jahre alt, Blumenmacherin, wohnhaft Rue de Braque bei ihren Eltern, einen Selbstmord versucht, indem sie sich in die Seine stürzte; sie ist jedoch durch den Schiffsarbeiter Parcheminet, wohnhaft Rue de la Butte-Chaumont, wohlbehalten aus dem Wasser gezogen worden.«

Der Herr Polizeikommissär aß immer weiter und hörte zu mit der ruhigen, gelangweilten Miene eines Mannes, den nichts mehr überraschen kann; dann richtete er einen strengen, prüfenden Blick auf die ›gewisse Delobelle‹ und hielt ihr eine gewaltige Strafrede. Sie hatte sich eines schweren Unrechts, einer großen Feigheit schuldig gemacht. Was hatte sie zu einer so verwerflichen That getrieben? . . . warum war sie im Begriff gewesen, einen Selbstmord zu begehen? . . . die gewisse Delobelle wurde dringend ermahnt, aufrichtig zu antworten.

Aber die gewisse Delobelle ließ sich nicht dazu bewegen; sie hatte die Empfindung, ihre Liebe zu beflecken, wenn sie sich hier zu derselben bekannte. »Ich weiß es nicht . . . ich weiß es nicht!« gab sie leise und zitternd zur Antwort.

Aergerlich und ungeduldig erklärte der Herr Polizeikommissär, daß man sie zu ihren Eltern zurückbringen werde, aber nur unter der Bedingung, daß sie verspräche, dergleichen nie wieder zu thun.

»Wollen Sie das versprechen?«

»Ja, ja, Monsieur!«

»Sie wollen es niemals wieder thun?«

»Nein, gewiß nicht . . . nein, nie wieder!«

Trotz dieser Versicherungen schüttelte der Herr Polizeikommissär den Kopf, als ob er nicht an ihre Besserung glaube.

Nun ist sie auf der Straße, auf dem Wege nach Haus, nach Verborgenheit und Stille.  . . aber noch ist ihre Qual nicht zu Ende.

Der Polizeidiener, der mit ihr im Wagen sitzt, ist gar zu höflich, zu übertrieben freundlich. Sie that, als ob sie ihn nicht verstände, rückte von ihm weg, entzog ihm ihre Hand . . . welche Pein!. . . Das Entsetzlichste war jedoch ihre Ankunft in der Rue de Braque, die Aufregung im Hause, die Neugier der Nachbarn. Seit den ersten Morgenstunden wußte das ganze Stadtviertel, daß sie verschwunden war, und es ging das Gerücht, sie wäre mit Franz Risler auf und davon gegangen. In aller Frühe hatte man den großen Delobelle fortstürzen sehen, den Hut verkehrt auf dem Kopfe und mit zerknitterten Manschetten – sicheres Anzeichen einer außergewöhnlichen Gemütsbewegung – und als die Portiersfrau Milch und Weißbrot hinaufgetragen, hatte sie die arme Mama Delobelle in wahnsinniger Angst von einem Zimmer ins andre irren sehen, um irgend ein Wort des Kindes zu finden, irgend eine noch so geringe Spur, die zum Anhalt einer Vermutung werden könnte.

Der unglücklichen Mutter war plötzlich, leider zu spät, über das Benehmen ihrer Tochter, das Schweigen derselben bei der Abreise Franz Rislers, ein Licht aufgegangen.

»Weine nicht, liebe Frau . . . ich bringe sie dir wieder,« hatte der Vater beim Weggehen gesagt, und seit er fortgeeilt war, teils um Nachforschungen anzustellen, teils um ihrem Jammer zu entfliehen, war sie unaufhörlich von der Treppenflur an ihr Stubenfenster, vom Fenster nach dem Treppenflur gegangen. Bei jedem Schritt, der sich draußen hören ließ, riß sie mit klopfendem Herzen die Thür auf, und wenn sie dann wieder in ihrem einsamen Zimmer allein war, dessen Verödung noch durch Désirées leeren, dem Arbeitstische zugewendeten Sessel erhöht wurde, brach sie in einen Strom von Thränen aus.

Plötzlich hielt ein Wagen vor dem Hause . . . auf der Treppe wurden Stimmen und Schritte laut.

»Mama Delobelle, da ist sie . . . Ihre Tochter ist wieder da! . . .«

Ja, es war Désirée, die bleich, halb ohnmächtig, am Arme eines Unbekannten, ohne Hut und Tuch, in einen braunen Kapuzenmantel gehüllt, die Treppe heraufkam. Als sie ihre Mutter erblickte, lächelte sie ihr beinahe einfältig zu.

»Erschrick nicht . . . es ist nichts . . .« suchte sie hervorzustoßen, brach aber plötzlich auf der Treppe zusammen. Nie hätte sich Mama Delobelle für so kräftig gehalten – ihre Tochter emporreißen, auf die Arme nehmen, hineintragen und niederlegen war das Werk eines Augenblickes. Dabei sprach sie ihr zu und überhäufte sie mit Liebkosungen.

»Bist du es wirklich? bist du wieder da? . . . Woher kommst du denn, armes Kind? . . . Sag, ist es wahr . . . Hast du dir wirklich das Leben nehmen wollen? . . . Welches große Herzeleid hattest du denn? . . . Und warum hast du es mir verschwiegen?«

Beim Anblick ihrer Mutter, die, in Thränen aufgelöst, in wenigen Stunden zur alten Frau geworden war, fühlte sich Désirée von Reue gepackt. Sie erinnerte sich, daß sie fortgegangen war, ohne der Mutter Lebewohl zu sagen, mit dem stillen Vorwurf im Herzen, daß sie nicht von ihr geliebt werde.

Nicht geliebt!

»Ich wäre dir nachgestorben, das kannst du mir glauben,« sagte die arme Frau. »Wie schrecklich, als ich heute morgen fand, daß dein Bett nicht berührt war . . . auch in der Arbeitsstube warst du nicht . . . wie tot bin ich hingefallen . . . Bist du jetzt warm? liegst du gut? . . . du wirst es nicht wieder thun . . . versprich es mir! . . . wirst nicht mehr sterben wollen?«

Dabei deckte sie ihr Töchterchen fest zu, wärmte ihr die Füße, schloß sie in die Arme, um sie einzuwiegen wie ein Kind.

Indessen sah Désirée, die mit geschlossenen Augen im Bette lag, alle Einzelheiten ihres Selbstmordversuches, alles Widrige, Quälende, das sie zu ertragen gehabt, nachdem sie dem Tode entrissen war, aufs neue vor sich auftauchen. In ihrer wachsenden Fieberhitze, in dem schweren Schlafe, der sie allmählich befiel, quälte sie sich abermals mit ihrer traurigen Flucht durch Paris. Tausende von dunklen Straßen dehnten sich vor ihr aus und am Ende einer jeden floß die Seine.

Der schreckliche Strom, den sie vergangene Nacht so lange nicht zu finden vermocht hatte, schien sie jetzt zu verfolgen. Sie fühlte sich von seinem Schlamm, seinem Wellenschaum besudelt, und außer stande, sich dem Alpdruck ihrer Erinnerungen zu entziehen, flüsterte das arme Kind der Mutter zu: »Verstecke mich . . . verstecke mich . . . ich schäme mich so sehr!«

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