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Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Im Café chantant

Es war ein seltener Diener von großer Gewissenhaftigkeit, den das Haus Fromont in seinem neuen Commis gewonnen hatte.

Tag für Tag war seine Lampe die erste, welche die Fenster der Fabrik erhellte, und die letzte, die verlöscht wurde. Man hatte ihm oben, unter dem Dache, eine kleine Stube eingerichtet, die ganz der Trappistenzelle glich, welche er früher mit Franz bewohnt hatte, und deren Einrichtung aus einem eisernen Feldbett und einem Tische von rohem Tannenholz bestand, über dem das Bild seines Bruders hing. Auch das alte, thätige, regelmäßige, einsame Leben von damals hatte er wieder aufgenommen.

Er arbeitete unablässig und ließ seine Mahlzeiten aus dem kleinen Milchladen an der Straßenecke holen, aber ach! Jugend und Hoffnung waren auf immer dahin und damit auch der Reiz aller dieser Erinnerungen entschwunden. Ein Glück nur, daß ihm Franz und Madame Schorsch geblieben waren – die einzigen Wesen, an die er ohne Bitterkeit denken konnte. Madame Schorsch war immer für ihn da, immer darauf bedacht, ihn zu pflegen und zu trösten, und Franz schrieb häufig, ohne jemals Sidoniens Namen zu erwähnen. Risler glaubte, daß er von irgend einer Seite von dem Geschehenen unterrichtet sei und aus Schonung jede Anspielung darauf vermeide. »Wenn ich ihn nur erst zurückrufen könnte!« – Der Fabrik den alten Glanz zu geben und den Bruder heimkehren zu lassen, das war sein Traum, sein einziges Bestreben.

Inzwischen flossen seine Tage in immer gleicher Weise dahin, im geräuschvollen Treiben des Geschäftslebens und der herzbeklemmenden Einsamkeit seines Kummers. Jeden Morgen ging er hinunter, um die Arbeitssäle zu durchwandern, in denen die Achtung, die er allgemein einflößte, und sein ernstes, strenges Wesen die auf kurze Zeit gestörte Ordnung wiederhergestellt hatten. Anfangs hatte man viel geschwatzt und Sidoniens Verschwinden verschiedene Deutungen gegeben. Die einen sagten, sie sei mit einem Geliebten entflohen, die andern, Risler habe sie fortgejagt.

Was aber allen Vermutungen widersprach, war das Verhältnis der beiden Associés, die so einfach wie früher miteinander verkehrten. Zuweilen freilich, wenn sie im Comptoir allein waren, fuhr Risler plötzlich zusammen, eine Vision des an ihm verübten Verrats stieg vor ihm auf und er sagte sich selbst, wie tausendfach ihn die Augen, die er da vor sich sah, der Mund, das ganze Antlitz belogen hatten.

Dann kam wohl ein leidenschaftliches Verlangen über ihn, den Elenden an der Gurgel zu packen und mitleidslos zu erwürgen; aber der Gedanke an Madame Schorsch hielt ihn immer wieder davon zurück. Sollte er weniger Mut beweisen als diese junge Frau? – Weder Claire, noch Fromont, noch irgend ein andrer ahnten, was in ihm vorging. Die einzige Veränderung in seinem Wesen war eine gewisse Härte und Unbeugsamkeit, die er früher nicht besessen hatte. Für die Arbeiter war Risler senior zur Respektsperson geworden, und auch diejenigen unter ihnen, die sich nicht vor seinem in einer Nacht ergrauten Haar, seinen eingefallenen, gealterten Zügen beugten, zitterten vor dem eigentümlichen Blick seiner Augen, die an den schwarzblauen Glanz einer Stahlklinge erinnerten. Er, der sonst im Verkehr mit den Arbeitern sanft und freundlich gewesen war, zeigte sich jetzt bei der geringsten Versäumnis oder Unordnung von unerbittlicher Strenge. Es war, als ob er damit eine frühere, blinde und verderbliche Nachsicht wieder gut machen wolle.

Gewiß, der neue Commis des Hauses Fromont war ein wunderbar treuer Diener.

Ihm war es zu verdanken, daß die alte Glocke der Fabrik, trotz ihrer klanglosen, zitternden Stimme, bald wieder ihre frühere Gewalt ausübte, und während er alles leitete und überwachte, gönnte er sich selbst nicht die mindeste Erholung. Mäßig wie ein Lehrbursche ließ er durch den alten Planus drei Viertel seines Gehalts dem Chèbeschen Ehepaar zukommen, fragte aber nie nach ihrem Ergehen. Pünktlich am letzten jedes Monats erschien der kleine Mann, um die geringe Summe in Empfang zu nehmen, und war dabei dem alten Sigismund gegenüber so steif und herablassend, wie sich's für einen Rentenbesitzer gebührt. Madame Chèbe hatte versucht, bis zu ihrem Schwiegersohn zu gelangen, den sie beklagte und von Herzen liebte; aber sobald die Palmen ihres türkischen Shawls am Hofthor sichtbar wurden, ergriff der Gatte Sidoniens die Flucht.

Der Mut, mit dem er sich so tapfer wappnete, war im Grunde doch nur äußerliche Festigkeit. Der Gedanke an seine Frau verließ ihn keinen Augenblick. Was war aus ihr geworden? was fing sie an? – Er machte Planus beinahe einen Vorwurf daraus, daß dieser ihm nichts von ihr berichtete. Der Brief besonders kam ihm nicht aus dem Sinn, der Brief, den zu lesen er sich versagt hatte. Unablässig mußte er daran denken – ach! wenn er nur den Mut gehabt hätte – wie gern würde er Sigismund darum gebeten haben.

Eines Tages wurde die Versuchung zu stark. Der alte Kassierer war zum Frühstück fortgegangen und hatte, gegen seine Gewohnheit, den Schreibtischschlüssel stecken lassen. Risler konnte nicht widerstehen; er öffnete die Schublade, suchte, kramte in den Papieren – der Brief lag nicht mehr da; wahrscheinlich hatte ihn Sigismund – vielleicht in der Voraussicht schwacher Augenblicke – noch sorgfältiger verwahrt. Im Grunde war Risler auch mit seinem Mißerfolg nicht unzufrieden; er fühlte nur zu gut, daß ihn das Auffinden des Briefes der thatkräftigen Resignation beraubt hätte, in welcher er so mühevoll verharrte.

Die Woche hindurch ging es noch leidlich; das Dasein war erträglich, denn den ganzen Tag füllten die tausend Aufgaben für die Interessen des Hauses, und wenn die Nacht hereinbrach, fiel Risler bewußtlos vor Ermüdung auf sein Lager. Der Sonntag dagegen war endlos und qualvoll für ihn. Die Stille in den Höfen, den verödeten Arbeitssälen gab seinen Gedanken einen weiten Spielraum. Er versuchte zu arbeiten, aber die Anfeuerung, die gemeinsamer Thätigkeit entquillt, fehlte ihm. Er allein sollte in dieser weitläufigen Arbeitsstätte, deren Atem sogar stillstand, fleißig sein! – Die vorgeschobenen Riegel, die herabgelassenen Rouleaux, die laute Stimme des Vater Achilles, der im menschenleeren Hofe mit seinem Hunde spielte, alles sprach von Ruhe und Einsamkeit, das ganze Stadtviertel machte denselben Eindruck; in den Straßen, wo nur selten ein Vorübergehender sichtbar wurde, hatte das Glockengeläut, das zur Vesper rief, einen melancholischen Klang, und wenn hin und wieder, wie ein fernes Echo des Pariser Treibens, Räderrollen, Leierkastentöne oder das Glöckchen einer Kuchenverkäuferin in die Stille herüberschallte, schien dieselbe dadurch nur um so tiefer zu werden.

Risler entwarf neue Zusammenstellungen von Blumen und Blättern, aber während er den Bleistift arbeiten ließ, schweiften seine Gedanken, die hierbei nicht völlig in Anspruch genommen waren, in die Weite, suchten das verlorene Glück, riefen unvergeßliche Katastrophen wach, ließen ihn sein ganzes Martyrium noch einmal erleben und – kehrten sie endlich zu dem armen Nachtwandler zurück, der noch immer an seinem Zeichenbrette saß, so fragten sie: »was hast du in unsrer Abwesenheit gethan?« – Ach, er hatte nichts zu stande gebracht.

O, diese langen, traurigen, qualvollen Sonntage! Wir dürfen auch nicht vergessen, daß seine Seele von der frommen Vorliebe des Volkes für den geheiligten Feiertag erfüllt war, für die vierundzwanzigstündige Ruhe, die dem Arbeiter Kraft und Mut zurückgibt. Wenn er ausgegangen wäre, hätte er beim Anblick eines von Weib und Kind begleiteten Arbeiters vielleicht laut aufschluchzen müssen, aber seine klösterliche Abgeschiedenheit bereitete ihm andre Qualen, erfüllte ihn mit der Verzweiflung, den bitteren Seelenkämpfen des Einsiedlers, wenn der Gott, dem er sich geweiht hat, sein Opfer nicht anzuerkennen scheint. Der Gott Rislers aber war die Arbeit, und da er nun auch in ihr weder Ruhe noch Heiterkeit wiederfand, verlor er den Glauben an sie und war nahe daran, ihr zu fluchen.

Zuweilen wurde in diesen Stunden voll bitteren Kampfes die Thür des Zeichensaales leise geöffnet und Claire Fromont trat herein. Die Einsamkeit des unglücklichen Mannes in diesen langen Sonntagnachmittagen ging ihr zu Herzen, und sie kam, ihm mit ihrer Kleinen Gesellschaft zu leisten; wußte sie doch aus Erfahrung, wie besänftigend der Verkehr mit Kindern zu wirken vermag. Die Kleine, die jetzt allein gehen konnte, entwand sich den Armen der Mutter, um zu dem Freunde zu laufen. Risler hörte ihre kurzen, eiligen Schritte, fühlte ihren leichten Atem hinter sich und hatte davon augenblicklich einen beruhigenden, erfrischenden Eindruck. Sie schlang ihm so freundlich die runden Aermchen um den Hals, lachte ihm so fröhlich und unbefangen zu und küßte ihn mit dem lieblichen Munde, der noch keine Lüge gesagt hatte. Claire Fromont, die noch an der Thür stand, sah die beiden lächelnd an.

»Risler, lieber Freund,« sagte sie herzlich, »kommen Sie mit in den Garten; Sie überarbeiten sich, werden sich krank machen.«

»Nein, nein, Madame Schorsch; die Arbeit allein ist's, die mich aufrecht erhält . . . sie hindert mich am Denken und Grübeln.«

Nach langer Pause begann sie aufs neue: »Mein guter, lieber Risler, nehmen Sie sich zusammen, suchen Sie zu vergessen . . .« –

Er schüttelte den Kopf.

»Vergessen . . . kann man das? – Es gibt Dinge, die über unsre Kräfte gehen. Man kann vergeben, aber man vergißt nicht.«

Fast immer gelang es dem Kinde, ihn in den Garten hinunter zu locken. Mochte er Lust haben oder nicht, die Kleine bestand darauf, daß er ihr helfen müsse, mit Sand oder mit dem Balle zu spielen. Aber nur zu bald bemerkte sie, wie ungeschickt und gleichgültig ihr Spielgefährte war, und dann begnügte sie sich damit, ruhig an seiner Seite zwischen den Buchsbaumeinfassungen der Beete hin und her zu gehen und die Hand des Freundes festzuhalten. Nach wenigen Augenblicken hatte Risler dann zwar kein Bewußtsein von ihrer Gegenwart, aber ohne daß er darauf achtete, übte die kleine, warme Hand, die in der seinigen lag, einen magnetischen Einfluß auf ihn aus und linderte die Pein seines verwundeten Herzens.

»Man kann vergeben, aber man vergißt nicht!«

Auch die arme Claire wußte das, denn trotz ihres mutigen Wollens, trotz ihres tiefen Pflichtgefühls hatte sie nicht vergessen. Für sie wie für Risler wurde die Umgebung, in der sie lebte, zur beständigen Erinnerung an ihr Unglück; mitleidslos rissen die Gegenstände um sie her alle Wunden wieder auf, wenn sie eben vernarben wollten. Die Treppe, der Garten, der Hof, alle die Zeugen und stummen Mitschuldigen des Ehebruchs hatten an gewissen Tagen ein geradezu unerbittliches Aussehen. Selbst die Beflissenheit, mit der ihr Georges peinliche Erinnerungen fernzuhalten suchte, sein ängstliches Bemühen, sie abends nicht allein zu lassen und ihr von seinen Ausgängen Rechenschaft zu geben, alles mahnte sie aufs neue an seinen Verrat. Mehr als einmal war sie im Begriff, ihn um Gnade zu bitten, ihm zu sagen: »Thue nicht zu viel!« – Aber ihr Glaube an ihn war vernichtet, und die furchtbare Qual des Priesters, der dem Zweifel anheim gefallen ist und dennoch seinem Gelübde treu zu bleiben trachtet, verriet sich auch in ihrem bittern Lächeln, in ihrer stillen, klaglosen Freundlichkeit. Georges war sehr unglücklich. Jetzt liebte er seine Frau; die Größe ihres Wesens hatte ihn besiegt. Seine Liebe war mit Bewunderung gemischt, und – warum sollten wir es nicht gestehen – Claires Herzenskummer ersetzte in den Augen ihres Mannes jenen Mangel an Koketterie, den er ihr in der Stille vorgeworfen hatte. Er gehörte zu der Klasse von Männern, denen es wohlthut, Eroberungen zu machen, Widerstand zu besiegen. Die kalte, launenhafte Sidonie hatte dieser Herzensverirrung Genüge gethan. Nachdem sie sich heute in der zärtlichsten Weise von ihm getrennt hatte, fand er sie morgen gleichgültig und zerstreut, und diese Notwendigkeit, sie immer aufs neue zu fesseln, trat für ihn an die Stelle wirklicher Leidenschaft. Ein stilles Liebesglück wurde ihm langweilig, wie dem Seemann eine sturmlose Fahrt. Nun aber war seine Ehe dem Schiffbruch nah gewesen, und noch immer war nicht alle Gefahr vorüber. Er wußte, daß Claire sich von ihm abgewendet hatte, daß ihr Herz ganz dem Kinde gehörte und daß dieses fortan das einzige Bindemittel zwischen ihnen war. Diese Entfremdung ließ sie ihm schöner und begehrenswerter erscheinen als je, und er bot alle seine Liebenswürdigkeit auf, sie wiederzugewinnen. Er fühlte, daß es eine schwere Aufgabe sei und daß er es mit einem ungewöhnlichen Wesen zu thun habe, aber er verzweifelte nicht; denn zuweilen leuchtete in der Tiefe ihrer sanften, scheinbar gleichgültigen Augen, beim Anblick der Mühe, die er sich gab, ein stiller Glanz auf, der ihm sagte, daß er hoffen dürfe.

An Sidonie dachte er nicht mehr, und diese plötzliche, seelische Trennung hat durchaus nichts Ueberraschendes. Diese zwei oberflächlichen Wesen besaßen nichts, was sie fest aneinanderketten konnte. Georges war nur dann zu einer dauernden Empfindung fähig, wenn dieselbe beständig neue Anregung erhielt, und überdies war Sidonie nicht im stande, eine große, nachhaltige Neigung einzuflößen. Es war eben nur das Liebesverhältnis einer Dirne und eines Lebemannes, das auf Eitelkeit und Selbstliebe gegründet ist, weder Hingebung noch Treue einflößt und zuweilen zu tragischen Katastrophen, zu Duellen und Selbstmorden führt; eine Art Neigung, die gewöhnlich überwunden und ohne Narben geheilt wird. Hätte Georges Sidonie wiedergesehen, so wäre er vielleicht aufs neue in ihren Bann geraten, aber der Windstoß, der sie fortgetrieben hatte, war so plötzlich hereingebrochen und hatte sie so weit entführt, daß keine Rückkehr möglich war. Jedenfalls aber empfand er es als Erleichterung, daß er nicht mehr zu lügen und zu heucheln brauchte, und sein neues Leben voll Arbeit und Entbehrungen mit der Aussicht auf ein fernes, ersehntes Ziel erschreckte ihn nicht – ein wahres Glück! denn zur Rettung des Hauses hatten beide Associés ihren ganzen Fleiß, ihre ganze Willenskraft aufzubieten.

Von verschiedenen Seiten hatte das arme Handelshaus einen Leck erhalten, der das Wasser eindringen ließ, und Vater Planus verbrachte manche schlaflose Nacht, die vom Alpdruck bevorstehender Zahltage und der Erscheinung des blauen Männchens heimgesucht wurde. Durch große Sparsamkeit gelang es jedoch, allen Verpflichtungen nachzukommen.

Nach kurzer Zeit waren in der Fabrik vier Rislersche Druckmaschinen in Thätigkeit, und der gesamte Tapetenhandel begann darauf aufmerksam zu werden. In Lyon, Caen, Rixheim, den bedeutendsten Mittelpunkten dieses Industriezweiges, entstand eine große Aufregung über die neue rotierende Maschine, und eines schönen Tages erschienen die Prochassons und boten dreimalhunderttausend Franken für einen Anteil am Patente.

»Was sollen wir thun?« fragte Fromont junior den Erfinder. – Risler zuckte die Achseln mit gleichgültiger Miene.

»Das haben Sie zu entscheiden . . . ich habe nichts damit zu thun . . . bin nur Ihr Commis.«

Diese Antwort, so ruhig und ohne Zorn sie gegeben war, dämpfte Georges' unbesonnene Freude und erinnerte ihn einmal wieder an den Ernst seiner Lage, den er nur zu oft außer acht ließ. – Als Risler dann aber mit seiner lieben Madame Schorsch allein war, gab er ihr den Rat, auf das Anerbieten der Prochassons nicht einzugehen.

»Warten Sie . . . übereilen Sie nichts . . . in einiger Zeit werden Sie besser verkaufen . . .«

Er sprach immer nur von ihnen, wenn von dieser Angelegenheit die Rede war, obwohl er den größten und ruhmreichsten Anteil daran hatte. Es war nicht zu verkennen, daß er sich schon im voraus von ihrer Zukunft lossagte.

Indessen häuften sich die Bestellungen; die Güte der Tapeten und ihr infolge der leichten Herstellung sehr ermäßigter Preis machten jede Konkurrenz unmöglich. Bald war nicht mehr daran zu zweifeln, daß der Firma eine glänzende Zukunft bevorstand. Die Fabrik hatte ihr früheres, blühendes Aussehen wieder gewonnen; es summte darin wie in einem Bienenstocke; alle Räumlichkeiten waren in Anspruch genommen, hunderte von Arbeitern beschäftigt. Vater Planus hatte nicht mehr Zeit, die Augen aufzuheben; vom Garten aus war er zu sehen, wie er über seine großen Rechnungsbücher gebeugt, in langen, schön geschriebenen Zahlenreihen den Ertrag der Druckmaschine eintrug.

Auch Risler arbeitete ohne Rast und Ruh. Der zurückkehrende Wohlstand änderte nichts in seiner einsamen Lebensweise; nach wie vor mußte das Geräusch seiner Druckmaschine zu dem höchsten Dachfenster des Wohnhauses aufsteigen, wenn es ihn erreichen sollte, und er war nicht weniger mäßig, nicht weniger schweigsam als bisher. Eines Tages aber wurde in der Fabrik bekannt, daß ein Exemplar der Druckmaschine auf der großen Ausstellung zu Manchester mit der goldnen Medaille gekrönt worden sei und damit gleichsam die offizielle Beglaubigung ihres Wertes erhalten habe. Madame Georges rief Risler zur Frühstückszeit in den Garten, um ihm diese gute Nachricht selbst zu verkünden.

Ein Lächeln des Stolzes überstrahlte sein verdüstertes, gealtertes Gesicht; die Eitelkeit des Erfinders, das Bewußtsein des Erfolges, besonders die Zuversicht, das Unheil, welches seine Frau über die Firma gebracht hatte, in glänzender Weise wieder gut gemacht zu haben, gewährten ihm einen Augenblick echten Glückes; er drückte Claires Hände und murmelte wie in guten alten Tagen: »Ich bin so glücklich . . . so glücklich!«

Und doch – welch' ein andrer Klang lag in den Worten! kein Schwung, keine Hoffnung, nur die Befriedigung über eine wohlgelöste Aufgabe – weiter nichts!

Die Glocke läutete zur Wiederaufnahme der Arbeit, und wie jeden andern Tag kehrte auch heute Risler zu seinen Zeichnungen zurück. Nach kurzer Zeit kam er jedoch wieder herunter; die Nachricht hatte ihn doch tiefer berührt, als er zeigen wollte. Er irrte im Garten umher, kam wiederholt am Kassenfenster vorüber und lächelte dem Vater Planus durch das Gitter wehmütig zu.

»Was hat er nur?« fragte sich der Alte. »Was kann er von mir wollen?«

Endlich, als der Abend gekommen und Planus im Begriff war, das Comptoir zu schließen, faßte sich Risler das Herz hineinzutreten und ihn anzureden: »Planus, lieber Alter, ich möchte . . .« Er zögerte einen Augenblick. »Ich möchte dich bitten, mir den Brief zu geben . . . du erinnerst dich? . . . den kleinen Brief und das Päckchen . . .«

Ueberrascht sah ihn Sigismund an; in seiner Harmlosigkeit hatte er sich eingebildet, Risler dächte nicht mehr an Sidonie, hätte sie vollständig vergessen.

»Wie . . . du wolltest? . . .«

»Nun ja . . . ich glaube, daß ich es redlich verdient habe und daß ich auch einmal an mich selbst denken darf, nachdem ich so lange Zeit nur an andre gedacht.«

»Du hast recht!« antwortete Planus. »Höre denn, was wir thun wollen. Den Brief und das Päckchen habe ich zu Haus, in Montrouge. Wir könnten nun im Palais Royal zusammen essen, wie in der guten, alten Zeit –, weißt du noch? – ich bin Gastgeber und wir feiern deine Medaille mit einer Flasche Gesiegeltem . . . etwas Feinem. Dann gehst du mit mir nach Montrouge, ich übergebe dir deine Siebensachen, und wenn es zu spät für dich wird, nach Haus zurückzukehren, gibt dir Mademoiselle Planus, meine Schwester, ein Bett, und du schläfst bei uns. – Es wohnt sich gut da draußen . . . wie auf dem Lande. Morgen früh um sieben Uhr fahren wir mit dem ersten Omnibus nach der Fabrik . . . Komm, Landsmann, mache mir die Freude! Sonst muß ich glauben, daß du deinem alten Sigismund noch immer böse bist . . .«

Risler willigte ein; es lag ihm nichts daran, seine Medaille zu feiern, wohl aber ein paar Stunden früher in den Besitz des kleinen Briefes zu kommen, den zu lesen er so redlich verdient hatte.

Er mußte sich ankleiden: das war ein Ereignis, denn seit einem halben Jahre trug er beständig seine Arbeitsjacke. Die ganze Fabrik geriet in Aufregung und Madame Fromont wurde sofort benachrichtigt: »Madame . . . Madame . . . Monsieur Risler geht aus!«

Claire sah ihm vom Fenster aus nach, und seine große, vom Kummer gebeugte Gestalt, die sich schwer auf Sigismunds Arm stützte, machte ihr einen tiefen, seltsamen, unvergeßlichen Eindruck. – Auf der Straße wurde Risler von allen Seiten mit Interesse gegrüßt; jedes freundliche »Guten Tag« erwärmte ihm das Herz – er bedurfte des Wohlwollens; aber der Wagenlärm betäubte ihn.

»Mir schwindelt der Kopf,« sagte er zu seinem Freunde.

»Stütze dich fest auf, lieber Alter . . . ängstige dich nicht!«

Dabei richtete sich der wackere Planus straff in die Höhe und zog seinen Freund mit dem kindlich-fanatischen Stolz durch die Straßen, mit der ein Bauer der südlichen Provinzen das Bild des Ortsheiligen trägt.

Sie erreichten das Palais Royal. Der Garten war mit Menschen angefüllt, die der Musik wegen gekommen waren. Im Staub und im Lärm der Stühle suchte jeder einen Platz zu erobern, die Freunde aber traten rasch in das Restaurant, um dem Gewühl zu entgehen. Sie setzten sich in einen der großen Säle im ersten Stock, von wo aus die grünen Bäume, die Spaziergänger und der Wasserstrahl des Springbrunnens zwischen den Blumenbeeten des traurigen Gartens zu sehen sind. Für Sigismund war dieser Saal der Inbegriff aller Pracht; überall Vergoldungen, um die Spiegel, am Kronleuchter, selbst auf der gepreßten Papiertapete. Auch die weiße Serviette, das Brötchen, die Speisekarte des Diners zu festem Preise entzückten ihn.

»Hier ist's gut, nicht wahr?« wiederholte er immer wieder, und bei jeder neuen Schüssel seines Festmahls zu zwei Franken fünfzig Centimes brach er in Lobeserhebungen aus und füllte halb mit Gewalt seinem Freunde den Teller.

»Davon mußt du essen; das schmeckt gut.«

Obwohl Risler sich bemühte, dem Mahle Ehre zu erweisen, schien er zerstreut zu sein und sah beständig aus dem Fenster. »Weißt du noch, Sigismund?« fragte er nach einer Pause.

Der alte Kassierer, dessen Gedanken beständig weit in die Vergangenheit, bis zu Rislers Eintritt in die Fabrik zurückgingen, erwiderte: »Natürlich weiß ich's noch! . . . Das erste Mal, daß wir im Palais Royal zusammen gegessen haben, war im Februar 46, in dem Jahre, als die neuen Walzen in der Fabrik eingeführt wurden.«

Risler schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, ich spreche von einem Tage vor drei Jahren; dort drüben haben wir damals gespeist,«

Dabei zeigte er ihm die großen Fenster des Véfourschen Saales, die von der untergehenden Sonne wie von den Kronleuchtern eines Hochzeitsmahles beglänzt wurden.

»Ja, ja, das ist wahr!« murmelte Sigismund in einer gewissen Verlegenheit. Welch ein unglückseliger Einfall, den Freund an einen Ort zu führen, der so peinliche Erinnerungen in ihm erwecken mußte!

Risler, der des Freundes Stimmung nicht trüben wollte, erhob plötzlich sein Glas.

»Auf deine Gesundheit, alter Kamerad!«

Er suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, aber gleich darauf brachte er es wieder auf das frühere Thema. Leise, als ob er sich seiner Worte schäme, fragte er den alten Planus: »Hast du sie wiedergesehen?«

»Deine Frau? . . . Nein, niemals!«

»Hat sie auch nicht geschrieben?«

»Nein, nie wieder.«

»Aber du mußt doch etwas von ihr wissen? Was hat sie in diesem halben Jahre angefangen? . . . Ist sie bei ihren Eltern?«

»Nein.«

Risler erblaßte.

Er hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß Sidonie zu ihrer Mutter zurückkehren und arbeiten würde, wie er es that, um zu büßen und zu vergessen. Er hatte sich oft gesagt, daß die Gestaltung seines künftigen Lebens, wenn er erst wieder berechtigt wäre, an sich selbst zu denken, von den Nachrichten abhängen würde, die er über sie erhielt, und in einer fernen Zeit, deren Bild etwas von der Unbestimmtheit eines Traumes hatte, sah er sich mit ihr und ihren Eltern in irgend ein unbekanntes Land geflüchtet, wo ihn nichts an seine frühere Schmach erinnern konnte. Es war noch kein fester Plan, aber es lag als stille Hoffnung im Grunde seines Herzens, wie das Sehnen, das jeden Menschen antreibt, nach Glück zu streben.

»Ist sie in Paris?« fragte er abermals nach kurzem Nachdenken.

»Nein; vor einem Vierteljahre ist sie fortgegangen – man weiß nicht wohin.«

Planus fügte nicht hinzu, daß sie mit ihrem Cazaboni fortgegangen war, dessen Namen sie angenommen hatte, und daß die beiden in den Provinzstädten auftraten; daß ihre Mutter tief betrübt war, sie nicht mehr sehen wollte und nur hin und wieder durch Delobelle Nachricht von ihr erhielt. Dies alles glaubte Sigismund verschweigen zu müssen, und nachdem er gesagt hatte, daß sie Paris verlassen habe, verstummte er.

Risler wagte nicht, ihn weiter zu befragen.

Während sich die beiden in verlegenem Schweigen gegenüber saßen, begann die Militärmusik unter den Bäumen des Gartens mit einer italienischen Opernouverture, einem jener heiteren Tonstücke, welche gleichsam für den freien Himmel und öffentliche Spaziergänge geschaffen sind, und deren heitere Klänge sich mit dem Zirpen der Schwalben und dem perlenden Geplätscher des Springbrunnens vereinigen. Die rauschenden Blechinstrumente bilden einen erfrischenden Gegensatz zu den stillen, schwülen Sommertagen, die in Paris so ermüdend wirken, und sind das einzige, was die Aufmerksamkeit fesselt. Das ferne Rollen der Wagen, der Kinderlärm, die Schritte der Spaziergänger werden von diesen belebenden Tonwellen verschlungen, und sie sind dem Pariser ebenso unentbehrlich, wie das tägliche Besprengen seiner Promenaden. Es ist, als ob die müden Blumen, die staubbedeckten Bäume, die von der Hitze matt und bleich gewordenen Gesichter, alles Leid, alles Elend der großen Stadt, das traurig, in sich zusammengesunken auf den Bänken ringsumher ausruht, davon erfrischt und gekräftigt würde – wie die Luft, die von den fröhlichen Klängen erfüllt ist, neues Leben zu gewinnen scheint.

Auch dem armen Risler war, als ob die Spannung seiner Nerven nachließe.

»Wie wohl es thut, ein bißchen Musik zu hören!« sagte er mit glänzenden Augen, und mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Mein Herz ist schwer, alter Freund . . . wenn du wüßtest . . .«

Schweigend, mit aufgestütztem Ellbogen saßen sie am Fenster, während ihnen der Kaffee serviert wurde.

Endlich verstummte die Musik; der Garten wurde leer; das Tageslicht stieg von den Ecken der Gebäude zu den Dächern empor und sandte seine letzten Strahlen den Fenstern der Mansardenstuben, während die Schwalben, die sich auf den Dachrinnen aneinanderschmiegten, den scheidenden Tag mit einem letzten Gezwitscher begrüßten.

»Sag an, was wollen wir jetzt thun?« fragte Planus, als sie das Restaurant verließen.

»Was du willst . . .«

Ganz in der Nähe, in einem ersten Stock der Rue Montpensier befand sich ein Café chantant, dem viele Menschen zuströmten.

»Wollen wir hinaufgehen?« fragte Planus, der die Schwermut seines Freundes um jeden Preis zu besiegen wünschte: »das Bier ist ausgezeichnet.«

Risler ließ sich bereden; er hatte seit einem halben Jahre kein Bier getrunken.

Sie betraten ein ehemaliges, in einen Konzertsaal verwandeltes Restaurant. Man hatte die Zwischenwände dreier großer, zusammenhängender Zimmer weggenommen, deren Decke nun von vergoldeten Säulen getragen wurde, die im maurischen Stile mit Rot und Hellblau, kleinen Halbmonden und Turbanen dekoriert waren.

Trotz der frühen Stunde waren die Räume überfüllt, und schon auf der Schwelle hatte man den Eindruck des Erstickens, wenn man die von Menschen umringten Tische sah und im Hintergrunde, von den Säulen halb verborgen, die Menge weißgekleideter Frauengestalten, die sich auf dem Podium zusammendrängten.

Es wurde den beiden Freunden schwer, einen Platz zu finden; endlich setzten sie sich hinter eine Säule, welche ihnen die Hälfte des Podiums verbarg. In diesem Augenblick stand vorn auf demselben ein schöner Herr in schwarzem Frack und gelben Glacéhandschuhen, mit wohl frisiertem und pomadisiertem Haar, der mit tremolierender Stimme fang:

»Ihr goldbemähnten Löwen,
nun mäßigt eure Wut!
Zurück von meiner Herde,
ich halte treue Hu–u–ut!«

Das Publikum – kleine Kaufleute des Stadtviertels mit Frauen und Töchtern – schien entzückt zu sein, besonders der weibliche Teil der Versammlung. War er doch so recht das Ideal aller Ladenträumereien, dieser prächtige Schäfer der Wüste, der die Löwen mit solcher Entschlossenheit anredete und seine Herde im Gesellschaftsanzuge weidete. Trotz ihrer kleinbürgerlichen Manieren, ihres bescheidenen Anzuges und ihres herkömmlichen Ladenmädchen-Lächelns bissen alle diese Damen auf den Gefühlsköder an und warfen dem Sänger schmachtende Blicke zu. Komisch war es, wie ihr Blick sich änderte, wie verächtlich und beinahe drohend er wurde, wenn er auf den Gatten fiel, den armen Gatten, der seiner Frau gegenüber saß und ruhig ein Glas Bier trank. »Du wärst freilich nicht im stande, den Löwen trotzend, treue Hut zu halten und noch dazu im Frack und mit gelben Handschuhen . . .«

Und das Auge des Ehemannes schien zu antworten: »Nun ja . . . der ist ein Prachtkerl.«

Risler und Planus, welche für ein derartiges Heldentum wenig Empfindung hatten, tranken ruhig ihr Bier, ohne sonderlich auf die Musik zu achten; als aber das Lied zu Ende war, rief der alte Kassierer inmitten des Klatschens und Bravoschreiens: »Wie sonderbar . . . es kam mir vor, aber nein, ich irre mich nicht . . . er ist es wirklich . . . Delobelle!«

Er war es in der That, der große Schauspieler, den er vorn in der ersten Reihe, dicht am Podium entdeckt hatte. Sein ergrauender Kopf war in dreiviertel Profil zu sehen; nachlässig lehnte er an einer der Säulen, hielt den Hut in der Hand und war in Großgala wie zu einer ersten Vorstellung, das heißt, er prangte in blendend weißer Wäsche, leicht gebranntem Haar, schwarzem Frack, und trug wie ein Ordensband eine rote Kamelie im Knopfloch. Von Zeit zu Zeit warf er einen überlegenen Blick auf die Menge, meist aber wandte er sich mit liebenswürdigem, ermunterndem Lächeln und stummem Applaudieren dem Podium zu und irgend einer Persönlichkeit, die Planus von seinem Platze aus nicht zu sehen vermochte.

Die Anwesenheit des berühmten Delobelle in einem Café chantant hatte an und für sich nichts Auffallendes, da der Künstler jeden Abend außer dem Hause zu verleben pflegte. Dennoch fühlte sich der alte Kassierer beunruhigt, besonders als er in der ersten Zuschauerreihe auch den blauen Kapothut und die stählernen Augen der gefühlvollen Gesangslehrerin, Madame Dobson, erblickte. Inmitten des Tabaksqualms und der lärmenden Menge machte die Anwesenheit dieser beiden Gesichter auf Sigismund den Eindruck eines bösen Traumes. Er fürchtete für seinen Freund, ohne eigentlich zu wissen was und warum, und fühlte das lebhafte Verlangen, ihn fortzuführen.

»Komm Risler, laß uns gehen . . . man erstickt in dieser Hitze.«

Im Augenblick, als sie aufstanden – Risler war es völlig einerlei, ob sie gingen oder blieben – begann das Orchester, das aus einem Klavier und mehreren Violinen bestand, ein eigenartiges Vorspiel, und eine gewisse neugierige Aufregung wurde bemerklich; von allen Seiten ertönte der Ruf: »Ruhe! . . . Ruhe! . . . sitzen bleiben!«

Die beiden Freunde mußten ihre Plätze wieder einnehmen. Auch Risler begann unruhig zu werden.

»Die Melodie ist mir bekannt,« sagte er zu sich selbst: »wo kann ich sie gehört haben?«

Ein donnernder Applaus und ein Ausruf Sigismunds veranlaßten ihn, sich umzusehen.

»Komm, komm, wir wollen fort!« sagte der Kassierer und machte den Versuch, ihn fortzuziehen, aber es war zu spät!

Risler hatte seine Frau bereits gesehen, die oben an den Rand des Podiums trat und sich mit dem Lächeln einer Tänzerin verbeugte.

Sie trug ein weißes Kleid, wie in jener Ballnacht, aber ihr Anzug war nicht so kostbar wie damals, und ihre Haltung wie ihr Wesen trugen den Stempel einer herausfordernden Keckheit.

Ihr Gewand schien im Begriff, von den Schultern herabzugleiten, das Haar flatterte wie ein blonder Nebel um Stirn und Augen, und um den Hals schlang sich ein Halsband von Perlen, die viel zu dick waren, um echt zu sein. Delobelle hatte recht, sie bedurfte des Zigeunerlebens. Ihre Schönheit hatte in demselben einen sorglos kecken Ausdruck angenommen, der ihr etwas Eigentümliches gab, sie gleichsam als Typus der davongelaufenen, allen Zufälligkeiten des Lebens preisgegebenen Frau erscheinen ließ, die von Stufe zu Stufe bis in den tiefsten Schlund der Pariser Hölle hinabsinken muß und durch keine Macht der Erde in Sonnenlicht und reine Luft zurückgeführt werden kann.

Wie wohl schien sie sich in ihrem Komödiantentum zu fühlen! mit welcher Sicherheit trat sie vorn auf das Podium! Hätte sie den drohenden, verzweiflungsvollen Blick gesehen, der aus dem Saale, hinter einer Säule hervor auf sie gerichtet war, ihr Lächeln hätte gewiß nicht diese freche Ruhe bewahrt, ihre Stimme gewiß nicht in so zärtlich schmachtenden Tönen das einzige Lied zu singen vermocht, das ihr Madame Dobson jemals beibringen konnte:

»Mamsell Zizi, armes Kind,
Liebe, Liebe hat geschwind
Ihr den Kopf verdreht!«

Trotz aller Anstrengungen des alten Kassierers war Risler aufgestanden.

»Sitzen bleiben! . . . Sitzen bleiben!« rief man ihm zu. Der Unglückliche hörte nichts . . . er sah nur sein Weib.

»Liebe, Liebe hat geschwind
Ihr den Kopf verdreht!«

wiederholte Sidonie mit kokettem Ausdruck.

Einen Augenblick fragte sich Risler, ob er nicht auf das Podium stürzen und sie erdrosseln solle. – Ihm war, als sähe er Blut vor den Augen.

Plötzlich aber erfaßten ihn Scham und Ekel. Er stürzte fort, indem er Tische und Stühle umwarf, und die Verwünschungen der bestürzten, erbosten Kleinbürger schallten hinter ihm her.

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