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Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band

Alphonse Daudet: Fromont junior und Risler senior - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior und Risler senior - Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidf0aad2f1
created20061018
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der neue Commis des Hauses Fromont

Es war heller Tag, als Fromont junior erwachte. Zwischen dem Drama, das sich unter ihm abspielte, und dem Feste, das über ihm erklang, hatte er in jenem tiefen Schlafe gelegen, der dem Verbrecher in der Nacht vor der Hinrichtung, dem besiegten Feldherrn nach der verlorenen Schlacht zu teil wird – einen Schlaf, aus dem man nie zu erwachen wünscht; der uns, durch das Schwinden jedes Bewußtseins, zum voraus mit dem Tode vertraut macht.

Das grelle Licht, das durch die Fenstervorhänge drang und das der dichte Schnee, der den Garten und die umliegenden Dächer bedeckte, noch verstärkte, rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Wie ein Schlag ging es durch sein ganzes Wesen, und schon ehe er etwas denken konnte, überkam ihn jenes unbestimmte, bange Gefühl, das halbvergessenes Unglück in uns zurückläßt. Der gewohnte Lärm der Fabrik, das Schnauben und Stampfen der Maschinen, war bereits im vollen Gange. Die Welt existierte also noch! – Nach und nach wachte auch das Bewußtsein seiner Verpflichtungen in ihm auf.

»Heute ist der Tag,« sagte er zu sich selbst und wendete sich unwillkürlich dem dunkeln Hintergrunde des Alkovens wieder zu, als ob er aufs neue einzuschlafen wünsche.

Die Glocke der Fabrik ertönte, dann andre Glocken in der Nachbarschaft, dann das Mittagsgeläute.

»Zwölf Uhr schon . . . so lange habe ich geschlafen!«

Mit leisen Gewissensbissen, gleichzeitig aber mit einem Gefühl der Erleichterung sagte er sich selbst, daß das Drama der Zahlungseinstellung ohne ihn vorübergegangen sei. Was hatten die andern angefangen? warum hatten sie ihn nicht gerufen?

Er stand auf, schlug die Vorhänge zurück und erblickte Risler und Planus, die im Garten miteinander sprachen; die beiden – die sich so lange vermieden hatten. Was mochte geschehen sein? – Als er fertig war und hinuntergehen wollte, fand er Claire an seiner Thür.

»Du darfst nicht ausgehen,« sagte sie.

»Warum nicht?«

»Bitte, bleib' da . . . ich werde dir alles erklären,«

»Aber was ist denn geschehen? . . . Ist jemand von der Bank hier gewesen?«

»Ja, es ist jemand hier gewesen . . . die Tratten sind bezahlt.«

»Bezahlt?«

»Ja, Risler hat das Geld herbeigeschafft. Seine Frau muß prachtvollen Schmuck gehabt haben – ein Diamantenhalsband allein ist für zwanzigtausend Franken verkauft; auch das Landhaus in Asnières mit der ganzen Einrichtung hat er verkauft, und da die gerichtlichen Formalitäten einige Zeit in Anspruch nahmen, haben Planus und seine Schwester die Summe vorgeschossen.«

Sie wendete sich ab, während sie das sagte, und er senkte das Haupt, um ihrem Blick nicht zu begegnen.

»Risler ist ein rechtschaffener Mann,« fuhr sie fort, »und sobald er hörte, woher der Luxus seiner Frau gekommen war . . .«

»Wie,« rief Georges erschreckt, »er weiß?«

»Alles!« antwortete Claire mit gedämpfter Stimme.

Der Unglückliche erblaßte.

»Und . . . und du?« stammelte er.

»Ich? ich wußte alles . . . früher als Risler – gestern – erinnerst du dich – als ich aus Savigny zurückkam, sagte ich dir, daß ich dort Schreckliches gehört hätte und gern zehn Jahre meines Lebens darum hingäbe, diese Fahrt ungeschehen zu machen.«

»Claire!«

Eine heiße Regung der Zärtlichkeit kam über ihn; er näherte sich seiner Frau, aber ihr Gesicht war so kalt, so voll trauriger Entschlossenheit, ihre Verzweiflung sprach sich mit so unerbittlicher Kälte in ihrem ganzen Wesen aus, daß er nicht wagte, sie – wie sein Verlangen war – ans Herz zu ziehen, und nur leise bat: »Vergib! . . . vergib!«

»Du findest mich gewiß sehr ruhig, sehr gefaßt,« sagte die tapfere Frau; »aber alle meine Thränen habe ich schon gestern geweint. Du glaubtest wahrscheinlich, sie flössen um unsre Geldverluste . . . das war ein Irrtum. Wenn man jung und kräftig ist, wie wir beide, ist solche Feigheit nicht erlaubt; wir sind gegen das Elend gewappnet und sind im stande, ihm Trotz zu bieten. Was ich beweinte, war unser vernichtetes Glück und deine Thorheit, die dich deiner einzigen, wahren Freundin beraubt hat . . .«

Sie war schön, während sie so sprach, schöner, als es Sidonie je gewesen, denn der reine Glanz, der sie umfloß, stammte aus wolkenloser Himmelshöhe, indes die unregelmäßigen Züge jener andern ihren frechen, pikanten Reiz dem trüben Licht einer kleinen Theaterrampe zu verdanken schienen. Die frühere kühle Unbeweglichkeit in Claires Antlitz war jetzt von Zweifeln, von Schmerzen, von allen Qualen der Leidenschaft belebt und durchgeistigt, und wie ein Goldbarren erst seinen vollen Wert erhält, wenn er dem Stempel der Münze unterworfen worden ist, so hatte auch dies schöne Frauenangesicht durch den Stempel des Leidens einen unvertilgbaren Eindruck erhalten, der seiner Schönheit die Vollendung gab.

Georges sah sie voll Bewunderung an. Durch alles, was zwischen ihnen lag, erschien sie ihm lebensvoller, weiblicher, anbetungswürdiger als je. Reue, Verzweiflung, Scham drangen ihm mit dieser neuen Liebe ins Herz, und er wollte niederknieen.

»Nein, nein, steh' auf!« sagte Claire. »Wenn du wüßtest, woran du mich erinnerst . . . welch lügenhaftes, haßerfülltes Gesicht ich diese Nacht zu meinen Füßen gesehen habe.«

»Ich . . . ich lüge nicht!« rief Georges mit stillem Beben. »Claire, ich beschwöre dich im Namen unsres Kindes . . .«

In diesem Augenblicke wurde an die Thür geklopft.

»Steh auf! Du siehst, das Leben macht seine Ansprüche an uns,« sagte sie leise, mit bitterem Lächeln; dann erkundigte sie sich, was man von ihnen wolle.

Risler schickte: er ließ den Herrn bitten, in das Büreau herunterzukommen.

»Es ist gut,« gab sie zur Antwort; »sagen Sie nur, es würde gleich geschehen.«

Georges wendete sich der Thür zu, aber sie hielt ihn zurück.

»Nein, laß mich gehen; es ist besser, wenn er dich noch nicht sieht.«

»Aber ich dächte . . .«

»Bleib hier . . . ich bestehe darauf. Du weißt nicht, in welchem Zustande von Zorn und Erbitterung sich der Unglückliche befindet, den ihr beide betrogen habt. Wenn du gesehen hättest, wie er diese Nacht seine Frau an den Armen packte . . . sie zu Boden schleuderte . . .«

Bei diesen Worten sah sie ihm fest in die Augen; in ihrem Verlangen nach Wahrheit vergaß sie jede Rücksicht gegen sich selbst. Aber Georges verriet keinerlei Gemütsbewegung und erwiderte einfach: »Mein Leben gehört diesem Manne.«

»Es gehört auch mir, und ich will nicht, daß du hinuntergehst. Es hat im Hause meines Vaters bereits genug Skandal gegeben. Bedenke doch nur, daß die ganze Fabrik von allem was geschehen ist, genau Bescheid weiß. Wir werden beobachtet, belauscht; die Werkmeister haben mit aller Strenge auftreten müssen, um die Leute bei ihrer Arbeit festzuhalten und alle diese neugierigen Augen zu zwingen, sich ihrem Tagewerk zuzuwenden.«

»Man wird glauben, ich versteckte mich . . .«

»Und wenn man das glaubte! Aber so sind die Männer . . . vor dem größten Verbrechen scheuen sie nicht zurück . . . sie betrügen ihr Weib, ihren Freund, während der Gedanke, daß man sie für Feiglinge halten könnte, ihnen ganz unerträglich scheint. Uebrigens höre noch eins: Sidonie ist fort . . . fort für immer, und wenn du jetzt gehst, so muß ich annehmen, daß du sie aufsuchen willst.«

»Gut, ich bleibe,« sagte Georges; »ich werde alles thun, was du verlangst.«

Claire begab sich in das Bureau des alten Kassierers; Risler senior war da und schritt, die Hände auf dem Rücken, ruhig auf und nieder. Wer ihn so gesehen, hätte nimmermehr geahnt, welche Stürme seit gestern über ihn hingegangen. Der alte Planus aber strahlte; er hatte von alledem nichts im Auge, als den glücklich überstandenen Zahltag, die gerettete Ehre der Firma.

Als Madame Fromont erschien, lächelte ihr Risler wehmütig zu und schüttelte den Kopf. »Ich dachte mir schon, daß Sie an seiner Statt kommen würden,« sagte er; »aber mit Ihnen habe ich nichts zu thun . . . muß unbedingt mit Georges sprechen. Heute morgen sind wir im stande gewesen, unsern Verbindlichkeiten nachzukommen . . . das Schlimmste ist somit überstanden, indessen bleibt noch manches übrig, das wir miteinander zu besprechen haben.«

»Risler, lieber Freund, ich bitte Sie inständig, warten Sie noch ein wenig . . .«

»Warum denn, Madame Schorsch? wir dürfen wirklich keinen Augenblick verlieren. Aber ich weiß schon: Sie fürchten, daß ich mich durch meinen Zorn hinreißen lasse . . . beruhigen Sie sich und beruhigen Sie Ihren Mann! Sie wissen, was ich Ihnen gesagt habe: Die Ehre des Hauses Fromont steht mir noch höher als meine eigne; da jene durch meine Schuld in Gefahr gekommen ist, muß ich vor allen Dingen das Unrecht gut machen, das ich gethan oder doch zugelassen habe.«

»Sie sind edel und großmütig gegen uns, lieber Risler, das weiß ich.«

»O Madame, wenn Sie alles mit angesehen hätten . . . er ist ein Heiliger!« sagte der gute Planus, der nicht den Mut hatte, mit dem Freunde zu sprechen, und ihm auf diese Weise seine Reue zeigen wollte.

»Aber fürchten Sie nicht? . . . menschliche Kraft hat ihre Grenzen . . . wenn Sie dem Manne gegenüber stehen, der Ihnen so viel Böses gethan hat . . .«

Risler ergriff ihre Hände und sah ihr mit dem Ausdruck tiefer Bewunderung in die Augen.

»Edles Geschöpf! Sie sprechen nur von dem Bösen, das mir widerfahren ist . . . wissen Sie denn nicht, daß ich ihn ebenso sehr, um des Verrates willen, hasse, den er an Ihnen begangen hat? In diesem Augenblicke ist jedoch für mich von alledem nicht die Rede. Ich bin nur ein Kaufmann, der sich mit seinem Associé über das Wohl des Hauses zu verständigen hat. Lassen sie ihn also ohne jede Besorgnis herkommen, und wenn Sie meiner Heftigkeit mißtrauen, so hören Sie unsre Unterredung mit an. Wenn ich die Tochter meines alten Herrn vor Augen habe, werde ich mich sicherlich meines Wortes und meiner Pflicht erinnern.«

»Ich glaube Ihnen, lieber Freund,« sagte Claire und ging hinauf, ihren Mann zu holen.

Der erste Augenblick des Zusammentreffens war entsetzlich. Georges trat bleich, bewegt, gedemütigt heran und hätte tausendmal lieber der Pistole dieses Mannes auf zwanzig Schritt Entfernung gegenüber gestanden. Jetzt aber mußte er ihm als ein Schuldbeladener begegnen, den die Strafe noch nicht ereilt hat, und mußte seine Aufregung soweit bemeistern, daß er zur ruhigen Besprechung von Geschäftsinteressen fähig war.

Risler sah ihn nicht an; er fuhr fort mit großen Schritten auf und ab zu gehen und begann: »Unser Haus hat eine schwere Krisis zu überstehen. Heute ist es uns möglich gewesen, unsern Verpflichtungen nachzukommen, aber weitere Zahlungen stehen uns bevor. – Meine unglückselige Erfindung hat mich seit langer Zeit von dem Geschäft fern gehalten, jetzt aber bin ich frei und kann mich wieder ganz den Interessen des Hauses widmen. Auch Sie müssen das wieder thun . . . auch Sie! Unsre Arbeiter und Commis sind nur zu sehr dem Beispiel der Prinzipale gefolgt, so daß jetzt große Unordnung und Lässigkeit herrschen. Heute morgen hat zum erstenmal seit Jahresfrist die Arbeit zur bestimmten Stunde angefangen. Ich zähle darauf, daß Sie das alles wieder ins rechte Gleis bringen werden. Was mich betrifft, so kehre ich zu meinen Zeichnungen zurück. Unsre Muster sind veraltet . . . für die neuen Maschinen müssen neue Muster herbeigeschafft werden. In meine Erfindung setze ich große Hoffnungen . . . Meine Versuche damit sind über alle Erwartung gelungen, und ich bin überzeugt, daß wir in dieser Druckmaschine das sichere Mittel besitzen, unserm Geschäft einen neuen Aufschwung zu geben. Ich habe Ihnen das nicht früher gesagt, weil ich Sie überraschen wollte . . . wir wollen uns aber dergleichen nie wieder bereiten . . . nicht wahr, Georges?«

Dabei war seine Stimme von so herzzerreißender Ironie, daß Claire zitternd einen Ausbruch seines Zornes erwartete; aber in einfach-ruhigem Tone fuhr er fort: »Ja, ich glaube, versichern zu dürfen, daß nach Verlauf eines halben Jahres die Rislersche Druckmaschine herrliche Resultate ergeben wird. Dies halbe Jahr wird jedoch schwer zu überstehen sein. Wir müssen uns einschränken, unsre Ausgaben vermindern, sparen wo wir irgend können. Wir beschäftigten fünf Zeichner – von jetzt an werden wir nur noch zwei haben; die drei andern werde ich, wenn ich meine Nächte zu Hilfe nehme, ersetzen können. Ueberdies verzichte ich von heute ab auf meine Einnahme als Associé; ich werde wie ehemals meinen Gehalt als Werkmeister beziehen, weiter nichts.«

Fromont junior wollte ihm antworten, aber mit einer Handbewegung hielt ihn Claire zurück und Risler fuhr fort: »Ihr Associé, Georges, bin ich nicht mehr. Von Stund an werde ich wieder der Angestellte Ihres Hauses, der ich immer hätte bleiben sollen. Von Stund an ist unsre Firma aufgelöst . . . ich will es so – verstehen Sie mich recht; ich will es! Wir bleiben in dem eben bezeichneten Verhältnis zu einander, bis der Tag gekommen ist, wo das Haus wieder fest steht, wie ehemals, und wo es mir vergönnt sein wird . . . aber was ich dann zu thun gedenke, geht niemand an, als mich selbst. Das war es, was ich Ihnen zu sagen hatte, Georges. Sie müssen sich mit allem Eifer um die Fabrik bekümmern, müssen sich zeigen, müssen die Gegenwart des Herrn wieder fühlbar machen; wenn Sie das thun, so glaube ich, daß von dem Unheil, das uns betroffen, das eine oder andre wieder gut zu machen ist.«

Während der Pause, die jetzt eintrat, wurde im Garten Räderrollen hörbar und zwei große Möbelwagen hielten an der Freitreppe.

»Verzeihen Sie,« sagte Risler; »ich muß mich einen Augenblick entfernen . . . Die Wagen des Hotel des Ventes sind da, um mein Mobiliar abzuholen.«

»Wie? Sie wollen auch Ihre Möbel verkaufen?« fragte Madame Fromont.

»Gewiß! bis zum letzten Stücke . . . ich gebe sie der Firma wieder, der sie gehören.«

»Unmöglich!« rief Georges; »das kann ich nicht zugeben.«

Mit einer Bewegung des Unwillens sah sich Risler nach ihm um.

»Was sagen Sie? was dürfen Sie nicht zugeben?«

Claire wendete sich zu ihm mit flehender Gebärde.

»Sie haben recht . . . Sie haben recht,« murmelte er und eilte hinaus, um der Versuchung, sein Herz endlich zu erleichtern, aus dem Wege zu gehen.

Das zweite Stockwerk war verödet; die schon in aller Frühe abgelohnte Dienerschaft hatte die Wohnung in der vollen Unordnung des Morgens nach einem Feste zurückgelassen. Dazu kam noch der eigentümliche Anblick, der Orten anhaftet, wo sich irgend ein Drama zugetragen und die nun gleichsam in Erwartung schweben zwischen dem, was geschehen ist und noch geschehen wird. Die offnen Thüren, die in Winkeln aufgehäuften Teppiche, die Präsentierteller mit Gläsern, die Vorbereitungen zum Souper, die gedeckte, unberührte Tafel, der Staub des Balles, der auf den Möbeln lag, der gemischte Geruch von Punsch, welken Blumen, Puder – alle diese Einzelheiten bedrückten Risler, sobald er eintrat.

Im Salon, wo ein wüstes Durcheinander herrschte, stand der Flügel offen, und der Galopp aus »Orpheus in der Unterwelt« lag aufgeschlagen auf dem Notenpulte. Die glänzenden Tapeten, von denen diese Unordnung umrahmt war, die umgefallenen, gleichsam erschreckten Stühle gaben dem Raum das Aussehen eines Schiffssalons nach einer angstvollen Sturmnacht, in welcher inmitten eines Festes der Angstruf erschallt, daß das Fahrzeug ein Leck erhalten, und daß von allen Seiten das Wasser hereindringt.

Man fing an, die Möbel hinunter zu schaffen.

Risler sah den Arbeitern mit einer so gleichgültigen Miene zu, als ob er sich in einem fremden Hause befände. All der Glanz, der ihn bisher so stolz und glücklich gemacht, flößte ihm jetzt unüberwindlichen Ekel ein; aber eigentümlich bewegt fühlte er sich, als er das Schlafzimmer seiner Frau betrat.

Es war ein großes Gemach, dessen Wände von blauem Atlas und weißen Spitzen bekleidet waren – das echte Nest einer Cocotte. Hier und da lagen zerrissene Tüllfalbeln, zerknitterte Bandschleifen und künstliche Blumen; die Kerzen des Ankleidespiegels waren vollständig niedergebrannt und hatten die gläsernen Lichtmanschetten zersprengt. Das Bett aber mit seinen schweren, zurückgeschlagenen Vorhängen und seiner blauen, spitzenbesetzten Decke war inmitten dieses Wirrwars unberührt geblieben und schien das Lager einer Toten zu sein – ein Paradebett, in dem niemand mehr schlafen sollte.

Rislers erste Regung, als er eintrat, war ein wilder Zorn. Er hätte sich auf alle diese Dinge stürzen, sie zerreißen, zertrümmern, zerschmettern mögen. Denn nichts gibt ein treueres Abbild von dem Wesen einer Frau als ihr Schlafgemach; selbst wenn sie abwesend ist, lächelt uns ihr Gesicht aus den Spiegeln entgegen, in denen sie sich so oft beschaut: etwas von ihr selbst, von ihrem Lieblingsparfüm haftet an allem, was sie berührt hat; ihre Haltung läßt sich an den Kissen des Diwans erkennen und ihr Kommen und Gehen vom Spiegel zum Waschtisch ist auf dem Muster des Teppichs zu sehen. Was hier jedoch vor allem an Sidonie erinnerte, war eine mit Nippsachen beladene Etagere, unbedeutende Chinoiserieen, mikroskopische Fächer, ein Puppenservice, vergoldete Schuhe, Schäfer und Schäferinnen, die sich gegenüberstanden und kalte, glänzende Porzellanblicke wechselten. Diese Etagere war Sidoniens Seele; ihre alltäglichen, kleinlichen, eitlen, leeren Gedanken glichen diesem nichtigen Tand. Hätte Risler, als er sie diese Nacht in seinen Händen hielt, ihren kleinen, zerbrechlichen Kopf zerschmettert, sicherlich wären statt des Hirnes eine Anzahl solcher Nippsachen herausgefallen.

Während der unglückliche Mann inmitten des Hämmerns, des Kommens und Gehens der Arbeiter sich in schwermütige Betrachtungen verlor, ließen sich hinter ihm kurze, halb zögernde, halb zudringliche Schritte hören und Monsieur Chèbe, der kleine Monsieur Chèbe erschien, rot, atemlos, glühend vor Aufregung. Wie immer setzte er sich auch jetzt seinem Schwiegersohn gegenüber auf das hohe Pferd.

»Was hat das zu bedeuten? . . . Was muß ich hören? . . . Wollen Sie denn ausziehen?«

»Ausziehen? nein, Monsieur Chèbe . . . ich verkaufe.«

Der kleine Mann schnellte in die Höhe wie ein verbrühter Karpfen.

»Verkaufen? . . . was denn?«

»Alles!« antwortete Risler mit tonloser Stimme, ohne ihn auch nur anzusehen.

»Aber lieber Schwiegersohn . . . so nehmen Sie doch Vernunft an! Du lieber Gott, ich will Sidoniens Benehmen . . . übrigens weiß ich nichts, gar nichts . . . habe nie etwas hören wollen! . . . Erlauben Sie nur, daß ich Sie an das erinnere, was Sie Ihrer eignen Würde schuldig sind. Zum Teufel auch! – seine schmutzige Wäsche wäscht man doch im Familienkreise, gibt sich nicht, wie Sie seit heute früh gethan, den spöttischen Blicken der Leute preis. Sehen Sie doch nur, wie sie aus allen Fenstern der Fabrik neugierig herausschauen! Und unter dem Thorwege erst . . . Sie sind wahrhaftig die Fabel des ganzen Stadtviertels!

»Um so besser! Da die Schande eine öffentliche war, muß es auch die Sühne sein.«

Rislers scheinbare Ruhe, seine Gleichgültigkeit gegen alle guten Lehren versetzten Monsieur Chèbe in zornige Ungeduld. Er zog andre Saiten auf und begann mit seinem Schwiegersohne in dem ernsten, befehlenden Tone zu reden, der Kindern und Narren gegenüber angestimmt wird.

»Nun wohl! so lassen Sie sich sagen, daß Sie nicht berechtigt sind, hier etwas fortzuschaffen. Ich widersetze mich diesem Verfahren mit meiner ganzen Manneskraft, meiner ganzen väterlichen Autorität. Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen gestatten, mein Kind auf das Stroh zu werfen? . . . Nein, durchaus nicht! . . . durchaus nicht! . . . Es sind der Thorheiten genug geschehen . . . auch nicht ein Stück weiter wird hier fortgeschafft.«

Dabei machte Monsieur Chèbe die Thür zu und pflanzte sich in heldenhafter Haltung davor auf. Zum Kuckuck auch! sein eignes Interesse war gefährdet. Lag erst, wie er gesagt hatte, seine Tochter auf Stroh, so kam auch er in Gefahr, nicht mehr auf Federn zu schlafen. Wie er so dastand als zürnender Vater, war er prächtig anzuschauen, aber leider nicht für lange Zeit. Zwei Hände, zwei Schraubstöcke bemächtigten sich seiner Handgelenke, und plötzlich befand er sich mitten im Zimmer, so daß die Thür für die Arbeiter frei blieb.

»Chèbe, mein Junge, hören Sie mich aufmerksam an!« sagte Risler, indem er sich zu ihm niederbeugte. »Meine Geduld ist zu Ende . . . seit heute morgen gebe ich mir unsägliche Mühe, mich zu beherrschen, aber es bedarf nur einer Kleinigkeit, meinen Zorn zum Ausbruch zu bringen, und wehe dem, der davon betroffen wird! Ich bin ganz der Mann dazu, einen umzubringen . . . also machen Sie, daß Sie fortkommen . . . schnell!«

Er sagte das mit einem solchen Nachdruck, und die Art und Weise, mit welcher er seinen Schwiegervater schüttelte, war so beredt, daß dieser sofort zur Einsicht kam und sogar einige Entschuldigungen stammelte. Sicherlich war Risler zu seiner Handlungsweise berechtigt; alle rechtschaffenen Leute mußten auf seiner Seite stehen. . . . Dabei zog sich Monsieur Chèbe rücklings nach der Thür zurück, und als er dort angelangt war, erlaubte er sich die schüchterne Frage, ob die kleine Jahresrente der Mutter Chèbe auch ferner ausgezahlt würde. »Jawohl,« antwortete Risler; »aber überschreiten Sie dieselbe nie, denn meine Stellung hier ist nicht mehr wie bisher . . . ich bin nicht mehr Teilhaber der Firma.«

Monsieur Chèbe machte große, verwunderte Augen und sein Gesicht nahm jenen blödsinnigen Ausdruck an, der viele Leute zu dem Glauben brachte, daß der Unfall, der ihm widerfahren – Sie wissen, dem Herzog von Orleans war dasselbe begegnet – nicht von ihm erfunden sei. – Uebrigens erlaubte er sich nicht die leiseste Bemerkung. Sein Schwiegersohn war ja geradezu wie umgewechselt! . . . konnte diese Tigerkatze, deren Haare sich bei jedem Worte sträubten und die sich bereit erklärte, einen Menschen umzubringen, konnte sie wirklich Risler sein?

Der kleine Mann zog sich eilig zurück, fand jedoch am Fuße der Treppe seine Haltung wieder und ging im Siegerschritt über den Hof.

Nachdem alle Zimmer ausgeräumt waren und Risler sie noch einmal durchwandert hatte, schloß er die Wohnung ab und ging mit dem Schlüssel in die Kassenstube, um ihn Madame Fromont einzuhändigen.

»Sie können die Wohnung vermieten,« sagte er; »auch das ist wieder eine Zubuße für das Geschäft.«

»Und Sie, lieber Freund?«

»Ich? – meine Ansprüche sind nicht groß: ein Feldbett in einer der Mansardenstuben, das ist für den Commis genug. Denn – lassen Sie mich das wiederholen – fortan bin ich nur noch Ihr Commis . . . und ein guter Commis werde ich sein, fleißig und zuverlässig, über den Sie nicht zu klagen haben werden – das versichere ich Sie!«

Georges, der mit Planus Rechnungen durchsah, wurde von diesen Worten des unglücklichen Mannes so ergriffen, daß er hastig aufstand und fortging; er war dem Aufschluchzen nahe. Auch Claire war tief gerührt, und auf den neuen Commis des Hauses Fromont zutretend, sagte sie: »Risler, ich danke Ihnen im Namen meines Vaters.«

»An ihn habe ich die ganze Zeit gedacht«, gab er einfach zur Antwort.

In diesem Augenblick trat der Vater Achilles herein und brachte die Morgenpost.

Risler nahm den Haufen Briefe, öffnete einen nach dem andern und reichte die gelesenen Planus zu.

»Da ist eine Bestellung aus Lyon. . . . Warum hat man versäumt, nach Saint-Etienne zu schreiben?«

Mit aller Willenskraft versenkte er sich in die Einzelheiten der Geschäfte, und sein dringendes Verlangen nach Ruhe und Vergessenheit gab ihm eine seltene Schärfe und Klarheit des Urteils.

Plötzlich erblickte er zwischen den großen, mit Firmenstempeln versehenen Briefen, deren Form und Papier kaufmännisches Herkommen und hastige Beförderung verrieten, einen kleinen, zierlichen, sorgsam versiegelten Brief, der sich so verräterisch zwischen die andern eingeschlichen, daß er ihn anfangs nicht bemerkt hatte. Die feine, schlanke, feste Handschrift erkannte er sogleich. »An Herrn Risler – zu eignen Händen« – das hatte Sidonie geschrieben. Wieder stieg das Gefühl in ihm auf, das er oben in ihrem Schlafzimmer gehabt hatte.

Seine ganze Liebe, der ganze Zorn des betrogenen Ehemannes überfluteten sein Herz und erfüllten ihn mit der Entrüstung, die zum Mörder machen kann. Was hatte sie ihm zu schreiben? welche neue Lüge hatte sie ersonnen? . . . Er war im Begriff, den Brief zu öffnen, besann sich aber eines andern, denn er sagte sich selbst, daß ihn das Lesen dieser Zuschrift seiner mühsam behaupteten Kraft berauben könnte, und wendete sich an den Kassierer.

»Sigismund, lieber Alter,« flüsterte er; »willst du mir einen Gefallen thun?«

»Natürlich!« rief der wackere Mann, ganz entzückt, daß der Freund wieder in dem vertraulichen Ton von ehedem mit ihm sprach.

»Sieh her, da ist ein Brief an mich, den ich jetzt nicht lesen möchte. Ich bin überzeugt, daß er mich um Leben und Denken bringen würde. Du hebst ihn mir auf, nicht wahr? und auch das noch.«

Dabei zag er ein sorgsam verschnürtes Päckchen aus der Tasche und reichte es Planus durch das Gitter zu.

»Dies ist alles, was mir von der Vergangenheit und von dem Weibe geblieben. . . . Ich will sie nicht wiedersehen und nichts, was mich an sie erinnern könnte, bis ich meine Aufgabe hier im Hause zu Ende und zwar gut zu Ende geführt habe. Dazu – das wirst du begreifen – bedarf ich meines ganzen Kopfes. – Den Chèbes wirst du ihre kleine Jahresrente zukommen lassen . . . und wenn sie um etwas bitten sollte, thust du, was nötig ist, sagst mir aber nichts davon. . . . Und was ich dir gegeben habe, hebst du mir sorgfältig auf, bis ich es zurückverlange.«

Planus schloß Brief und Päckchen in ein Geheimfach seines Sekretärs, das allerlei Wertpapiere enthielt, wahrend Risler zu der Durchsicht der Handelskorrespondenz zurückkehrte. Aber wieder und wieder sah er bei seiner Beschäftigung die zierlichen Schriftzüge vor Augen, die jene kleine, feine Hand geschrieben, welche er so oft, so warm ans Herz gedrückt hatte.

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