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Fromont junior

Alphonse Daudet: Fromont junior - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior
publisherVerlag von J. Engelhorn
volumeFromont junior und Risler senior - Erster Band
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidc66b260c
created20061018
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Viertes Kapitel.

Geschichte der kleinen Chèbe. – Die Johanniswürmchen von Savigny.

Savigny-sur-Orge.

»Meine liebe Sidonie!

»Gestern saß ich etwas verstimmt am Tische des großen, Dir bekannten Eßzimmers, dessen Thüren nach der mit Blumen bedeckten Terrasse offen standen. Großpapa war den ganzen Morgen übler Laune gewesen und meine arme Mutter wagte nicht ein Sterbenswort zu sagen, so eingeschüchtert wird sie durch die finsteren Brauen, die hier im Hause das Kommando führen. Ich bedachte, daß es traurig ist, in den schönen Sommertagen und so schöner Umgebung allein zu sein, und daß es mir angenehm sein würde, jetzt – nachdem ich das Kloster verlassen habe, und die ganze gute Jahreszeit auf dem Lande zubringen werde – wieder, wie ehemals, jemand zu haben, mit dem ich Wald und Heckenwege durchstreifen kann.

»Georges kommt wohl von Zeit zu Zeit heraus, aber immer sehr spät, nur zum Mittagessen und fährt am nächsten Morgen, noch ehe ich aufwache, wieder mit Papa in die Stadt. Ueberdies ist Monsieur Georges ein ernster Mann geworden; er arbeitet in der Fabrik und Geschäftssorgen umdüstern seine Stirne. So weit war ich in meinen Betrachtungen gekommen, als sich plötzlich Großpapa zu mir wendete und fragte: ›Was ist denn aus deiner kleinen Sidonie geworden? Es wäre mir angenehm, wenn sie auf einige Zeit hierher käme.‹

»Wie mich das freute, kannst Du Dir wohl denken: Welch ein Glück, sich wiederzusehen und die Freundschaft wieder anzuknüpfen, die nur das Leben gelockert hat, nicht unsre Schuld. Wieviel werden wir uns zu erzählen haben und wie sehr bedürfen wir der Heiterkeit, die Du uns mitbringst – Du, die allein im stande ist, dem gefürchteten Großpapa die Stirne zu glätten. Unser schönes Savigny ist gar zu öde! Denke Dir, daß ich zuweilen einen Anfall von Eitelkeit habe; ich putze mich, kräusle mein Haar, ziehe ein elegantes Kleid an und gehe in den Alleen spazieren, bis mir einfällt, daß ich mich nur für Schwäne, Enten, meinen Hund Kiß und die Kühe so schön gemacht habe, die sich nicht einmal umsehen, wenn ich auf der Wiese an ihnen vorüberkomme. Dann gehe ich ärgerlich nach Hause, um ein Linnenkleid anzuziehen, sehe im Pachthofe, in Küche und Speisekammer nach dem Rechten – und ich glaube wirklich, daß mir die Langeweile gut gethan hat, und daß ich einst eine gute Hausfrau sein werde.

»Glücklicherweise ist die Jagdzeit nahe und ich hoffe, daß sie mir einige Zerstreuungen bringen wird. Georges und mein Vater, die beide eifrige Jäger sind, werden häufiger kommen, und dann wirst Du hier sein. – Denn, nicht wahr, Du antwortest mir gleich, daß wir Dich erwarten dürfen. Herr Risler sagte neulich, Du befändest Dich nicht gut. – Die Luft von Savigny wird Dir wohl thun.

»Alle Hausgenossen erwarten Dich und ich vergehe vor Ungeduld

Deine Claire.«

Nachdem sie diesen Brief geschrieben hatte, setzte Claire Fromont einen großen Strohhut auf, denn es war ein schöner, heißer Tag zu Anfang August, und trug ihre Einladung selbst nach dem Briefkasten, aus welchem der Postbote die Korrespondenz der Schloßbewohner jeden Morgen im Vorübergehen mitnahm.

Der Kasten befand sich am Ende des Parkes, an einer Biegung der Landstraße. Einen Augenblick blieb Claire stehen, um die Bäume am Wege und die umliegenden, im Sonnenschein schlummernden Wiesen zu betrachten. In der Ferne brachten Schnitter die letzten Garben ein, noch weiter hin wurde gepflügt, aber für das junge Mädchen wurde der schwermütige Eindruck dieser lautlosen Arbeit durch die Vorfreude auf das Wiedersehen der Freundin verdrängt, und kein Windhauch kam von den Hügeln am Horizonte herüber, keine warnende Stimme erklang aus den Baumwipfeln, keine Ahnung hielt sie davon ab, den verhängnisvollen Brief fortzuschicken. Sobald sie wieder im Schlosse war, ging sie eifrig ans Werk, ein hübsches Zimmer neben dem ihrigen für Sidonie einrichten zu lassen.

Von dem grünen, mit Glycinien und Geißblatt umrankten Gartenpförtchen des Schlosses legte der Brief seinen Weg nach Paris glücklich zurück und gelangte denselben Abend, mit dem Poststempel von Savigny und wie durchhaucht von frischer Landluft, in die fünfte Etage der Rue de Braque.

Das war ein Ereignis! Dreimal wurde der Brief gelesen und acht Tage lang blieb er, bis zur Abreise, auf dem Kaminsims neben den Heiligtümern der Madame Chèbe, einer Stutzuhr und zwei Schalen aus der Kaiserzeit, ausgestellt. Für Sidonie war er wie ein wunderbarer, entzückender, verheißungsvoller Roman, den sie ohne ihn zu öffnen lesen konnte, indem sie nur das weiße Couvert betrachtete, das mit Claires Namenschiffre geschmückt war.

Von ihrer Heirat war jetzt nicht mehr die Rede. Die Hauptsache war jetzt, sich für den Besuch im Schlosse auszurüsten. Damit hatte man vollauf zu thun, mußte überlegen, zuschneiden, Kleider anprobieren, eine kleidsame Haartracht auswählen. Armer Franz! . . . wie schwer wurde ihm das Herz bei diesen Vorbereitungen. Der Ausflug nach Savigny schob die Hochzeit – die Sidonie ohnehin, warum wußte er nicht – zu verzögern suchte, noch weiter hinaus. Besuchen durfte er sie nicht, und wer mochte sagen, wie lange sie ausblieb, wenn sie dort von Vergnügen und Festlichkeiten umgeben war?

Die beiden Delobelles wurden die Vertrauten des verzweifelnden Bräutigams und er achtete weder darauf, wie schnell Désirée aufstand, wenn er erschien, um ihm an ihrer Seite am Arbeitstische Platz zu machen, noch wie lebhaft gerötet ihr Gesicht, wie glänzend ihre Augen waren, wenn sie sich wieder setzte.

Seit einigen Tagen wurde nicht mehr in »Käfern und Vögeln für Modeartikel« gearbeitet. Mutter und Tochter säumten rosa Volants für Sidoniens Kleid, und niemals hatte die kleine Lahme mit solcher Freude genäht. Sie war nicht umsonst die Tochter Delobelles!

Von ihrem Vater hatte Désirée die Fähigkeit geerbt, sich in Täuschungen einzuwiegen, ihre Hoffnungen bis an die Grenzen des Möglichen festzuhalten und selbst darüber hinaus. Während Franz ihr sein Liebesleid klagte, sagte sie sich, daß er nach Sidoniens Abreise täglich kommen würde – wenn auch nur, um von der Abwesenden zu sprechen, daß sie ihn wieder und wieder an ihrer Seite haben werde, daß sie miteinander aufbleiben würden – den Vater zu erwarten, und daß ihm vielleicht eines Abends, während er sie beobachtete, zum Bewußtsein kommen würde, welch ein Unterschied zwischen dem Frauenherzen ist, das liebt, und dem, das sich nur lieben läßt.

Der Gedanke, daß jeder ihrer Stiche Sidoniens ungeduldig erwartete Abreise beschleunige, gab ihrer Nadel eine ungewöhnliche Arbeitskraft und mit Schrecken sah der arme Liebende, wie Volants und Rüschen sichtlich wuchsen und sich zu kleinen wellenartigen Bergen aufhäuften.

Sobald das rosa Kleid fertig war, reiste Mademoiselle Chèbe nach Savigny ab.

Herrn Gardinois' Schloß lag im Thale der Orge, am Ufer des lieblichen, launenhaften Flüßchens, das zwischen Mühlen, Inselchen, Schleusen und weiten Rasenflächen hinfließt. Das Herrenhaus, ein altes Gebäude aus der Zeit Ludwig XV. mit niedrigen Mauern und hohem Dach, trug das schwermütige Gepräge veralteter Vornehmheit. Breite Freitreppen, verrostete Eisengitter, alte, vom Regen zerfressene Steinvasen, mit blühenden Blumen gefüllt; soweit das Auge reichte, lange zerbröckelnde Mauern, die sich an einem sanften Abhange bis an den Fluß hinunter zogen und von den massigen Schieferdächern des Schlosses überragt wurden. In ihrer Umfriedigung lagen auch die Backsteingebäude der Meierei und der herrliche Park mit seinen Linden, Eschen, Pappeln und Kastanienbäumen, deren dichte, dunkle Massen nur hie und da durch die Wölbung einer Allee unterbrochen wurden.

Den schönsten Schmuck des alten Besitztums bildete jedoch das Wasser, das seine Stille belebte und ihm etwas Festliches verlieh. Savigny besaß außer dem Flusse mehrere Quellen, Brunnen und große Teiche, die den Sonnenuntergang in aller Herrlichkeit wiederspiegelten und sich dem alten, moosigen, einem verwitterten Steine am Bachufer gleichenden Bauwerk vortrefflich anpaßten.

Leider waren, wie in vielen der bewunderungswürdigen Sommerwohnungen bei Paris, deren sich die Parvenus des Handels und der Börse bemächtigt haben, die Schloßbewohner nicht in Harmonie mit ihrem Aufenthalt.

Seitdem der alte Gardinois sein Schloß gekauft hatte, war er emsig bemüht, das Schöne, das ihm der Zufall in die Hände gegeben, nach Möglichkeit zu zerstören. Er ließ der Aussicht wegen Bäume fällen, verunstaltete seinen Park durch geschmacklose Zäune, um Vagabunden den Eintritt zu wehren, und verwendete seine ganze Sorgfalt auf einen prachtvollen Nutzgarten, der ihm einen reichen Ertrag an Früchten und Gemüsen lieferte und ihm infolgedessen mehr als alles übrige wie sein Eigentum, ein gutes Ackerland – des Bauern Stolz und Freude – erschien.

Auch die großen Säle, deren Wandgemälde im Herbstnebel verblaßten, die mit Wasserrosen überwucherten Teiche, die Brückchen und Muschelgrotten hatten nur Wert für ihn, weil sie die Bewunderung der Fremden erregten und überdies zu dem Dinge gehörten, das der Eitelkeit des ehemaligen Viehhändlers schmeichelte: zu dem Schlosse nämlich.

Da ihn sein vorgerücktes Alter am Jagen und Fischen verhinderte, brachte er seine Zeit mit Überwachung der erbärmlichsten Kleinigkeiten zu. Das Futter der Hühner, der Preis des letzten Grummets, die Zahl der ausgedroschenen, in einem prachtvollen Speicher aufgestapelten Garben, gaben ihm zu tagelangem Schelten Veranlassung, und wer von ferne das schöne Savigny erblickte, das Schloß in der Mitte des Abhanges, das Flüßchen, das am Fuße desselben einen breiten Spiegel bildete, die hohen von Epheu bewachsenen Terrassen, die gewaltigen Grundpfeiler, die den Parkmauern als Stütze dienten, ahnte schwerlich, wie engherzig und geistesarm der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten war.

Monsieur Gardinois, der sich in Paris in der Unthätigkeit des Reichtums langweilte, blieb das ganze Jahr über draußen, wo ihm während der Sommermonate die Familie Fromont Gesellschaft leistete. Madame Fromont, seine Tochter, war eine sanfte, beschränkte Frau, die des Vaters rohe Tyrannei von Jugend auf an blinden Gehorsam gewöhnt hatte. Auch ihrem Gatten gegenüber verharrte sie in derselben gedrückten Haltung, und alle seine Güte, alle seine unwandelbare Nachsicht war nicht im Stande, das verschüchterte Wesen aufzurichten, das immer demütig, schweigsam, gleichgültig und unzurechnungsfähig blieb. Da sie sich nie um Geschäftsangelegenheiten gekümmert hatte, war sie reich geworden, ohne etwas davon zu bemerken und ohne es zu genießen. Ihre schöne Wohnung in Paris und das prächtige Schloß ihres Vaters waren ihr nur unbequem; sie machte sich darin so klein wie nur irgend möglich, ihr ganzes Dasein wurde von ihrer einzigen Leidenschaft, ihrer wahnsinnigen Ordnungsliebe ausgefüllt und ihre einzige Beschäftigung war, eigenhändig und ohne Aufhören Spiegel, Thüren und Vergoldungen abzustäuben und blank zu reiben.

Wenn die sonderbare Frau im Hause nichts zu säubern fand, nahm sie Uhrketten, Ringe und Broschen vor, reinigte ihre Kameen, ihre Perlen, und hatte im Trauringe ihren und ihres Mannes Namenszug so lange blank geputzt, bis die Buchstaben vollständig verschwunden waren. Ihre Manie begleitete sie auch nach Savigny. In den Gartenwegen suchte sie die trockenen Zweige zusammen, kratzte mit der Spitze des Sonnenschirmes das Moos von den Bäumen, hätte die Baumblätter abstäuben, die alten Stämme abkehren mögen und fühlte eine Regung von Neid, wenn sie mit der Eisenbahn an den Reihen kleiner, weißgetünchter Villen mit glänzenden Messingschildern und einer blanken Glaskugel in den kleinen, langgestreckten Gärten, die wie Kommodeschubladen aussahen, vorüberkam – das war ihr Ideal eines Landhauses.

Auch ihr Mann, der nur im Fluge und immer von Geschäftsangelegenheiten in Anspruch genommen nach Savigny kam, hatte wenig Genuß davon: Claire war die einzige, die sich in seinem herrlichen Park wirklich heimisch fühlte. Sie kannte jedes Winkelchen desselben, hatte – wie alle einsamen Kinder, die auf sich selbst angewiesen sind – ihre Lieblingspflanzen, deren Gedeihen sie überwachte, ihre Lieblingswege und Plätze, ihre Lieblingsbäume und ihre Lieblingsbank zum Lesen. Die Tischglocke überraschte sie oft am andern Ende der Besitzung, dann kam sie atemlos, vergnügt, wie gebadet in frischer Luft zum Essen. Es war als ließen die Schatten der hohen Hecken, die so oft über ihre Stirne glitten, einen sanften Ernst darauf zurück und in ihren großen Augen spiegelte sich das geheimnisvoll aufleuchtende Grün der Teiche.

Die Schönheit dieser Besitzung hatte das junge Mädchen vor der Kleinlichkeit und Trivialität ihrer Hausgenossen bewahrt. Der alte Gardinois konnte sie stundenlang von der Schlechtigkeit seiner Lieferanten und Dienstboten unterhalten oder ihr vorrechnen, um wie viel er in jedem Monat, jeder Woche, jedem Tage, jeder Minute bestohlen werde, während sich ihre Mutter in lauten Klagen über Mäuse, Motten, Staub und Feuchtigkeit erging, die sämtlich auf die Zerstörung ihres Eigentums erpicht und gegen ihre Schränke verschworen sein müßten. Aber nicht eine Silbe dieser blödsinnigen Gespräche haftete in Claires Gedächtnis; ein rascher Gang um den Rasenplatz, eine Lesestunde am Teich gaben dieser edeln, kraftvollen Seele Ruhe und Gleichgewicht wieder.

Für den Großvater war Claire ein seltsames Wesen, das nicht in seinen Familienkreis gehörte. Schon als Kind war sie ihm durch ihre großen, klaren Augen, ihr gerades Urteil lästig geworden, vor allem aber vermißte er in ihr die Gleichgültigkeit und Unterwürfigkeit seiner Tochter.

»Die wird 'mal ebenso hochmütig und wunderlich wie ihr Vater,« sagte er, wenn er verdrießlich war.

Nein, viel besser gefiel ihm die kleine Chèbe, die zuweilen mit nach Savigny kam, um im Garten zu spielen. Hier fühlte er sich einer verwandten Natur gegenüber, einem Wesen, das aus demselben gewöhnlichen Stoff gebildet war, wie er selbst und das schon damals durch einen lächelnden Zug um die Mundwinkel Regungen des Neides und der Begehrlichkeit verriet. Ueberdies zeigte das kleine Mädchen ein Erstaunen, eine naive Bewunderung für seinen Reichtum, die der Eitelkeit des Parvenus schmeichelten, und wenn er sie zuweilen neckte, antwortete sie ihm mit den drollig-witzigen Wendungen eines Pariser Vorstadtkindes und das ausdrucksvolle Mienenspiel ihres feinen, blassen Gesichtchens gab der Trivialität der Ausdrucksweise einen gewissen pikanten Reiz. So kam es, daß der gute Mann sie nicht vergessen hatte.

Jetzt besonders, als Sidonie nach langer Abwesenheit mit ihren welligen Haaren, ihrer zierlichen Gestalt, ihrem lebhaften, ausdrucksvollen Gesichtchen – Vorzügen, welche die etwas gezierte Anmut eines Ladenmädchens würzte – in Savigny erschien, gefiel sie sehr. Der alte Gardinois, der voll Erstaunen statt des Kindes, das er erwartete, ein erwachsenes Mädchen ankommen sah, fand sie hübscher und besser angezogen, als seine Enkelin.

In der That war Sidoniens Haltung als sie in der großen Kutsche von der Eisenbahn abgeholt wurde, gar nicht übel; es fehlte ihr nur, was ihre Freundin so schön und reizend erscheinen ließ: der ruhige Anstand, die sichere Gewandtheit, das ungekünstelte Wesen. Sidonie war gewissermaßen ihrer Kleidung gleich; geringer, billiger Stoff, aber nach dem Geschmack des Tages verwendet; wertloser Flitterkram, wenn man will, dem aber die Mode, diese launenhafte, bezaubernde Fee, Farbe, Form und Ausputz gegeben hatte. Paris liefert für diese Art der Kleidung eine besondre Art von Gesichtern, denen jeder Anzug, jede Haartracht steht, weil sie keinen besondern Charakter haben; zu diesen Gesichtern gehörte das der kleinen Chèbe. Welch ein Entzücken war es für sie, als der Wagen in die lange, dunkle Allee hundertjähriger Ulmen einbog, an deren Ende das Gitterthor von Savigny für sie geöffnet stand. Von diesem Tage an wurde ihr das märchenhafte Dasein zu teil, das sie so lange nur geträumt hatte; von jeder Art Luxus sah sie sich umgeben, in der prächtigen Einrichtung der hohen Gemächer, dem Reichtum der Gewächshäuser und des Pferdestalles, in allen jenen Kleinigkeiten, in denen er sich gleichsam zum köstlichen Parfüm verdichtet, von welchem ein Tropfen genügt, um das ganze Zimmer zu durchduften. So wirkten auf sie die Blumenkörbe der Tafel, der gemessene Ton der Dienstboten, der Ausdruck der Gleichgültigkeit und Langeweile, in dem Madame Fromont das Anspannen befahl.

Und wie behaglich fühlte sie sich inmitten der verfeinerten Lebensgewohnheiten der Reichen! Das war die ihr zusagende Existenz; es kam ihr vor, als ob sie niemals eine andre gekannt hätte.

Plötzlich wurde sie durch einen Brief Franz Rislers ihrer Trunkenheit entrissen und in die Wirklichkeit zurückgerufen, auf ihr zukünftiges elendes Dasein als Frau eines kleinen Beamten verwiesen, an die ärmliche kleine Wohnung erinnert, die sie mit ihrem Gatten im oberen Stockwerk eines düsteren Hauses bewohnen würde, dessen dumpfe, vom Hauch der Armut erfüllte Luft sie schon jetzt zu atmen glaubte.

Sollte sie ihre Verlobung lösen?

Das war leicht geschehen, da sie nur durch ein Versprechen gebunden war. Aber ob sie es nicht zu bereuen hatte, wenn sie den Bewerber zurückstieß?

In ihrem von Ehrgeiz bethörten Köpfchen tauchten allerlei seltsame Einfälle auf. Zuweilen, wenn Großvater Gardinois – der ihr zu Ehren seine altmodischen Jagdjoppen und wollenen Westen abgelegt hatte – mit ihr scherzte und sich ein Vergnügen daraus machte, ihr zu widersprechen, um eine ihrer pikanten Antworten zu erhalten, sah sie ihm, ohne etwas zu erwidern, starr in die Augen. Ach! wenn er doch nur zehn Jahre jünger gewesen wäre! – Aber der Gedanke, Madame Gardinois zu werden, nahm sie nicht lange in Anspruch, denn bald traten eine neue Persönlichkeit und neue Hoffnungen in ihr Leben ein.

Georges Fromont, der bisher eigentlich nur Sonntags nach Savigny gekommen war, hatte – seit Sidoniens Ankunft – begonnen, sich beinahe täglich zum Diner einzustellen.

Er war ein großer, schlanker, blasser, junger Mann von eleganter Haltung. Früh verwaist, war er von seinem Onkel Fromont erzogen, sollte dereinst sein Nachfolger im Geschäft und aller Wahrscheinlichkeit nach Claires Gatte werden. Diese vorausbestimmte Zukunft ließ ihn ziemlich kalt. Für den Handel interessierte er sich nicht und zu Claire hatte er jene brüderliche Zuneigung, jenes durch gemeinsame Erziehung bedingte Vertrauen, das – von seiner Seite wenigstens – wärmere Gefühle ausschloß.

Im Verkehr mit Sidonie dagegen fühlte er sich gleichzeitig befangen, verschüchtert und angeregt, hatte den Wunsch zu gefallen, war ein andrer Mensch, als bisher. Sie besaß jene gemachte, etwas dirnenhafte Anmut, welche diesem jungen Lebemann gefallen mußte, und es währte nicht lange, bis sie den Eindruck bemerkte, den sie auf ihn hervorbrachte.

Wenn die beiden jungen Mädchen im Park spazieren gingen, dachte immer Sidonie zuerst an den Pariser Zug. Dann eilten sie an das Gitterthor, um nach den Ankommenden zu sehen, und Georges' erster Blick fiel immer auf Mademoiselle Chèbe, die etwas hinter ihrer Freundin stand, aber mit jener Haltung und Miene, welche die Aufmerksamkeit herausfordern. Dies stumme Spiel wurde eine Weile fortgesetzt; sie sprachen nicht von Liebe, aber jedes Wort, jedes Lächeln, das sie austauschten, war ein Geständnis, oder ein Abwehren.

An einem bewölkten, schwülen Sommerabend, als die Freundinnen gleich nach dem Diner in einem der langen Heckenwege spazieren gingen, gesellte sich auch Georges zu ihnen. Sie plauderten von gleichgültigen Dingen, während sie den Kies unter ihren langsamen Schritten knirschen ließen, als vom Schlosse her Madame Fromonts Stimme nach der Tochter rief. Georges und Sidonie blieben allein und gingen, den weißleuchtenden Weg verfolgend, langsam weiter, ohne zu sprechen oder sich einander zu nähern.

Ein warmer Hauch zog durch die Hecken, die Wellen des Teiches schlugen leise an die Pfeiler der kleinen Brücke und die vom Winde verstreuten Blüten der Akazien und Linden durchdufteten die schwere Luft; eine gewitterschwüle, zitternde Atmosphäre umgab die beiden, und aus der Tiefe ihrer verschleierten Augen brach hin und wieder eine Glut, dem Wetterleuchten gleich, das am Horizont aufzuckte.

»Oh! die schönen Johanniswürmchen!« rief Sidonie; das geheimnisvolle Getön, das in ihr Schweigen hineinklang, bedrückte sie.

Rings um den Rasenplatz schwebten die ruhelosen, grünlichen Funken und erleuchteten einzelne Grashalme. Sie bückte sich, um einen derselben auf ihren Handschuh zu legen; Georges kniete dicht neben ihr nieder und, tief auf den Rasen gebeugt, so daß ihre Haare, ihre Wangen sich streiften, sahen sie sich im Licht der Glühwürmchen eine Minute lang an. Wunderbar reizend erschien sie ihm, in dem grünlichen Schimmer, der zu ihrem geneigten Antlitz aufleuchtete und sich in den Wellen des feinen lockigen Haares verlor. Leise legte er den Arm um ihre Hüfte, und als er fühlte, daß sie zurücksank, preßte er sie leidenschaftlich an sich.

»Was sucht ihr denn?« fragte plötzlich eine Stimme; Claire stand im Dunkeln hinter ihnen.

Georges erschrak so heftig, daß er zitterte und mit seiner zugeschnürten Kehle kein Wort zu sagen vermochte. Sidonie dagegen stand ruhig auf und erwiderte, indem sie ihre Röcke schüttelte: »Johanniswürmchen . . . sieh nur, wie viele heute abend da sind . . . und wie sie glänzen . . .«

Auch ihre Augen strahlten in ungewöhnlichem Glanze.

»Das kommt wohl vom Gewitter,« murmelte Georges, noch immer bebend.

Das Gewitter war in der That dem Ausbruch nahe. Hin und wieder trieb der Wind ein Gemisch von Staub und Blättern von einem Ende des Heckenweges zum andern. Nach wenigen Schritten kehrten die drei in den Salon zurück. Die jungen Mädchen nahmen ihre Arbeit zur Hand, Georges versuchte eine Zeitung zu lesen und Madame Fromont rieb ihre Ringe blank, während der alte Gardinois mit seinem Schwiegersohn im angrenzenden Zimmer Billard spielte.

Wie lang wurde Sidonie dieser Abend! Sie sehnte sich unbeschreiblich nach dem Alleinsein, um ihren Gedanken nachhängen zu können. Und als sie endlich in ihrem stillen Zimmer war und das Licht, das am Träumen hindert, weil es die Wirklichkeit zu grell beleuchtet, gelöscht hatte, überließ sie sich ihrem Freudentaumel, ihren Zukunftsplänen. Sie wurde von Georges geliebt . . . von Georges Fromont, dem Erben der Fabrik . . . er heiratete sie . . . und sie wurde reich! . . . In dieser kleinlichen, habgierigen Seele hatte der erste Liebeskuß nur den Gedanken an Luxus, an Geld und Gut geweckt.

Um sich von dem Ernst der Neigung, die sie eingeflößt hatte, zu überzeugen, rief sie sich die Scene im Heckengange bis in die kleinsten Einzelheiten zurück. Den Ausdruck in Georges Blick, die Glut seiner Umarmung, die Mund an Mund gestammelten Liebesschwüre und jenes magische Licht, das sie in diesem feierlichen Augenblick umfing. Oh, die Johanniswürmchen von Savigny!

Die ganze Nacht glitzerten sie wie Sterne vor ihren geschlossenen Augen. Der ganze Park war bis in seine dunkelsten Alleen damit angefüllt. Zu Feuerrädern vereinigt, leuchteten sie von den Rasenflächen, von den Bäumen, aus den Gebüschen. Ueber den Kies der Wege, über die Wellen des Teiches waren grüne Funken verstreut und alle diese mikroskopischen Lichter tauchten ganz Savigny in festliche Beleuchtung, um die Verlobung von Georges und Sidonie zu feiern.

Als sie am folgenden Morgen aufstand, war ihr Plan gefaßt. Daß Georges sie liebte, war gewiß – aber ob er beabsichtigte, sie zu heiraten? – das bezweifelte die schlaue Kreatur, aber es erschreckte sie nicht. Sie fühlte sich stark genug, um Georges' ebenso schwache als leidenschaftliche Kinderseele zu lenken. Sie brauchte ihm nur Widerstand zu leisten . . . und das that sie denn auch.

Wahrend einiger Tage war sie kalt, gleichgültig, gleichsam blind für ihn und ohne Gedächtnis. Er sehnte sich, sie zu sprechen, den seligen Augenblick noch einmal zu erleben, sie aber wich ihm aus, wußte immer einen dritten zwischen sich und ihn zu schieben. Nun begann er ihr zu schreiben.

Er trug seine Briefe in eine kleine Felsenspalte neben einer klaren Quelle am Ende des Parkes, die das »Phantom« genannt wurde und von einem Strohdach beschattet war.

Sidonie fand das reizend. Wenn der Abend gekommen war, mußte sie lügen, einen Vorwand finden, um allein nach der Quelle gehen zu können. Der Schatten, den die Bäume auf ihren Weg warfen, das nächtliche Dunkel, die rasche Bewegung, die seelische Aufregung verursachten ihr wonniges Herzklopfen. Dann fand sie den Brief, vom Tau benetzt, vom eisigen Hauch der Quelle durchdrungen und so weiß glänzend im Mondenschein, daß sie ihn schnell verbarg, um nicht überrascht zu werden.

Und welche Freude, ihn zu öffnen, wenn sie allein war, die zauberischen Buchstaben zu entziffern, die Liebesworte zu lesen, die vor ihren Augen in blendenden gelben und blauen Lichtkreisen glänzten, als ob sie den Brief im vollen Sonnenschein läse.

»Ich liebe Dich . . . liebe mich auch,« schrieb Georges in allen Tonarten.

Anfangs antwortete sie ihm nicht; aber als sie fühlte, daß er ganz gefesselt, ganz ihr eigen und durch ihre Kälte der Verzweiflung nahe war, gab sie ihm die bündige Erklärung: »Ich werde nur meinen Gatten lieben.«

Ja, sie war schon ein vollendetes Weib, die kleine Chèbe!

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