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Fromont junior

Alphonse Daudet: Fromont junior - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior
publisherVerlag von J. Engelhorn
volumeFromont junior und Risler senior - Erster Band
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidc66b260c
created20061018
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Zehntes Kapitel.

Sigismund Planus zittert für seine Kasse.

»Ich Equipage, lieber Schorsch? . . . ich Equipage? . . . aber wozu denn?«

»Sie ist Ihnen unentbehrlich, lieber Risler, mein Wort darauf. Unsre Verbindungen und Geschäfte breiten sich täglich weiter aus, das Coupé genügt nicht mehr. Ueberdies ist es unpassend, wenn der eine Compagnon zu Wagen, der andre beständig zu Fuß gesehen wird. Glauben Sie mir, es ist eine notwendige Ausgabe, die selbstverständlich auf das Conto der Handlung geschrieben wird. Also bitte, keine Einwendung mehr . . . ergeben Sie sich darein!«

Eine Ergebung war es in der That, denn Risler hatte die Empfindung, einen Diebstahl zu begehen, indem er sich den unerhörten Luxus einer Equipage gestattete. Endlich ließ er sich jedoch durch Georges' Zureden bestimmen und dachte dabei: »Wie sich Sidonie freuen wird!«

Der arme Mann konnte freilich nicht ahnen, daß Sidonie schon vor Monatsfrist das Coupé bei Binder ausgesucht hatte, das Georges ihr schenken wollte, und das nun, um den Gatten nicht stutzig zu machen, auf das Conto der Handlung geschrieben wurde.

Der wackere Risler war so recht dazu gemacht, sein Leben lang betrogen zu werden. Seine angeborene Ehrlichkeit und das unbedingte Vertrauen, das er Menschen und Dingen entgegenbrachte – diese leicht zu durchschauenden Grundzüge seines Charakters wurden seit einiger Zeit noch durch den Eifer unterstützt, mit dem er an der Vollendung seiner Druckmaschine arbeitete. Diese Erfindung, die seiner Ansicht nach die ganze Tapetenfabrikation umgestalten mußte, sollte gleichsam seine Kapitaleinlage in dem Handlungshause von Fromont junior und Risler senior werden. Selbst wenn er seine Zeichnungen, sein kleines Atelier im Vorderhause verließ, behielt er das zerstreute Aussehen der Menschen, deren Geistesleben von dem Aeußerlichen weit abliegt. So war es denn ein großes Glück für ihn, daheim jetzt immer Ruhe und Frieden und seine Frau in guter Laune, geputzt und heiter zu finden. Ohne dem Grunde dieser Umwandlung nachzuspüren, empfand er mit stiller Befriedigung, daß die »Kleine« seit einiger Zeit anders gegen ihn war. Sie gestattete ihm die Wiederaufnahme seiner alten Gewohnheiten: die Pfeife beim Dessert, das Nachmittagsschläfchen, die Zusammenkünfte mit Delobelle und ihrem Vater in der Brauerei der Rue Blondel. Auch ihre Häuslichkeit war eine andre, schönere geworden. Von Tag zu Tag wurde das Behagliche mehr und mehr vom Luxus verdrängt. Von den vielgesehenen zierlichen Blumentischen im roten Salon ging Sidonie zu den feineren Modeliebhabereien, zu alten Möbeln und Majoliken über. Ihr Schlafzimmer war jetzt wie ein Schmuckkästchen mit blauer Seide ausgeschlagen. Statt des Klaviers stand ein Flügel aus berühmter Fabrik im Salon, und nicht mehr zweimal in der Woche, sondern Tag für Tag erschien Madame Dobson, ihre Gesanglehrerin, mit der Notenrolle in der Hand.

Diese junge Frau, eine Amerikanerin von Geburt, war eine sonderbare Erscheinung. Ihr Haar, von dem sauern Blond einer Citrone, scheitelte sich über einer hohen eigensinnigen Stirn und blauen Augen von metallischem Glanze.

Da ihr Mann nicht gestattete, daß sie zum Theater ging, gab sie Privatstunden, sang in einigen bürgerlichen Salons und hatte sich durch das Leben und Atmen in der Gefühlswelt der Lieder zu einer hochgradigen Empfindsamkeit aufgeschraubt. Sie war das personifizierte Lied; in ihrem Munde schienen die Worte »Liebe«, »Leidenschaft« achtzig Silben zu haben, so viel Ausdruck legte sie hinein. Ja, der Ausdruck! er war die Hauptsache, ging Madame Dobson über alles . . . aber vergebens versuchte sie, ihn ihrer Schülerin Sidonie beizubringen.

Zu jener Zeit schwärmte ganz Paris für das schöne Lied »Chiquita«; auch Sidonie gab sich Mühe, dasselbe einzustudieren; den ganzen Morgen hörte man sie singen:

»Ist's möglich, du willst dich vermählen?«
»Geliebte, du brichst mir das Herz« . . .

»Bri–i–ichst mir das Herz« fiel Madame Dobson ein, indem sie, um das Brechen des Herzens anschaulicher zu machen, den Ebenholztasten langgezogene Töne entlockte, die hellen Augen zum Himmel erhob und im Uebermaß der Empfindung den Kopf zurücksinken ließ. Sidonie war nicht im stande, das zu lernen; ihre spöttischen Augen, ihre lebensfrischen Lippen waren für die Empfindsamkeiten einer Aeolsharfe nicht geeignet. Offenbachsche oder Hervésche Melodieen mit ihren prickelnden, unerwarteten Uebergängen, deren Bedeutung eine Gebärde, eine Bewegung des Kopfes oder der Hüfte verstärkt, waren mehr nach ihrem Geschmack; aber sie wagte nicht, es ihrer gefühlvollen Lehrerin zu gestehen. Uebrigens war ihre Stimme, obwohl sie bei Mademoiselle Le Mire, auf allgemeines Verlangen, viel gesungen hatte, frisch und ziemlich hübsch geblieben.

Da sie sonst keine Bekannten hatte, befreundete sie sich mehr und mehr mit ihrer Gesanglehrerin, behielt sie zum Frühstück, fuhr mit ihr im neuen Coupé spazieren und ließ sich von ihr begleiten, wenn sie Putzsachen einkaufte. Madame Dobsons gefühlvoller Klageton schien Vertrauen zu fordern und zu Klagen zu ermutigen. Sidonie erzählte ihr von Georges, von ihrer Liebe und entschuldigte ihr Vergehen mit der Grausamkeit ihrer Eltern, die sie zu der Heirat mit einem reichen, so viel älteren Manne gezwungen hatten. Madame Dobson zeigte sich augenblicklich bereit, den Liebenden zu helfen; nicht etwa, daß sie bestechlich gewesen wäre, aber die kleine Frau hatte eine Leidenschaft für Leidenschaften und Liebesintriguen. Da sie in ihrer Ehe unglücklich war und einen Zahnarzt zum Manne hatte, von dem sie geprügelt wurde, war in ihren Augen jeder Ehemann ein Ungeheuer und der arme Risler erschien ihr wie ein abscheulicher Tyrann, den zu hassen und zu betrügen seine Frau in vollem Rechte war.

So wurde sie denn eine ebenso thatkräftige als nützliche Vertraute. Zwei- bis dreimal wöchentlich brachte sie ein Logenbillet für die große oder die italienische Oper oder für eins der kleineren Theater, die zuweilen mit einem sensationellen Stück »ganz Paris« veranlassen, Paris zu durchwandern. In Rislers Augen waren diese Billets ein Geschenk von Madame Dobson, die für Opern und Operetten jederzeit so viele bekam, wie sie haben wollte. Der Unglückliche ahnte nicht, daß jede solche Loge zu einer »ersten Vorstellung«, die eben Mode war, seinen Associé zehn bis fünfzehn Louisdor gekostet hatte. Es war wirklich Kinderspiel, diesen Mann zu täuschen, der sich in unerschütterlicher Leichtgläubigkeit jede Lüge gefallen ließ und mit den Verstellungskünsten der Welt, in welcher seine Frau bereits anfing, Aufmerksamkeit zu erregen, völlig unbekannt war. Dazu kam, daß er sie nie mehr begleitete, denn als er sie in den ersten Zeiten ihrer Ehe ein paarmal ins Theater geführt hatte, war er zu ihrer Beschämung eingeschlafen. Einfach und schwerfällig wie er war, konnte er sich weder für das Publikum noch für das Stück interessieren und war Madame Dobson von Herzen dankbar, daß sie sich mit so großer Liebenswürdigkeit dazu verstand, seine Stelle zu ersetzen.

Wenn Sidonie, wie immer prachtvoll gekleidet, abends ausging, sah er sie voll Bewunderung an, ohne zu ahnen, wieviel diese kostbaren Toiletten kosteten, und noch weniger, wer sie bezahlte. Ohne jeden Verdacht saß er zeichnend am Kamin und erwartete ihre Heimkehr, indem er vergnügt zu sich selber sagte: »Nun amüsiert sie sich wieder einmal!«

In der unteren Etage, bei Fromonts, spielte dasselbe Stück, nur mit umgekehrten Rollen; hier war es die Frau, die zu Hause blieb. Jeden Abend, wenn Sidonie fortgefahren war, wurde das Portal zum zweitenmal für das Fromontsche Coupé geöffnet, das den jungen Herrn nach seinem Klub brachte. Das ist nicht anders! Der Großhandel geht seine eignen Wege; die bedeutendsten Geschäfte werden im Klub, am Spieltische angeknüpft, man muß also hingehen, wenn nicht das Interesse der Firma leiden soll. Claire nahm das alles auf Treu und Glauben hin. War Georges weggefahren, so hatte sie wohl einen Augenblick stiller Traurigkeit. Wie gern hätte sie ihn zu Hause behalten oder wäre an seinem Arme zu einem gemeinschaftlichen Vergnügen ausgegangen; aber der Anblick der Kleinen, die vor dem Feuer plapperte oder, wenn sie ausgezogen wurde, mit den rosigen Füßchen strampelte, brachte ihr Mutterherz schnell wieder zur Ruhe und das Hauptwort der Handelswelt, »die Geschäfte«, that das Seinige, sie in ergebungsvoller Stimmung zu erhalten.

Georges und Sidonie trafen sich im Theater und die erste Empfindung, die ihnen das Zusammensein gewährte, war die der befriedigten Eitelkeit, denn sie fielen auf, wurden angesehen. Sidonie war jetzt wirklich sehr hübsch; ihr pikantes Gesichtchen war ganz dazu gemacht, durch Modethorheiten und Uebertreibungen gehoben zu werden und sie wußte sich dieselben so kunstvoll anzupassen, als ob sie eigens in ihrem Interesse erfunden wären. Nach kurzer Zeit gingen die beiden fort und ließen Madame Dobson allein in der Loge. Sie hatten Avenue Gabriel, am Rond point der Champs-Elysées, diesem Paradiese aller Mädchen, bei Mademoiselle Le Mire ein paar luxuriöse Zimmer gemietet, deren Stille nur hin und wieder durch eine vorüberrollende Equipage unterbrochen wurde und wo sich ihre Liebe sicher geborgen fühlte. Nach und nach aber, als Sidonie sich an ihr Vergehen gewöhnte, wurde sie kühner und ließ ihren Einfällen freien Lauf. In ihrer Lehrzeit hatte sie von Bällen und berühmten Restaurants gehört und das Verlangen, sie kennen zu lernen, war ebenso lebhaft wie die Freude, mit der sie durch weit geöffnete Flügelthüren in die Salons der großen Modistinnen trat, von denen sie früher nur die Aushängeschilder gekannt hatte. Was sie zunächst in ihrer Liebe suchte, war eine Entschädigung für die Entbehrungen und Demütigungen ihrer ersten Jugend, und nichts war ihr angenehmer, wenn sie aus dem Theater oder von einer Spazierfahrt im Bois de Boulogne zurückkam, als im Café Anglais, umgeben von prunkendem Laster, zu soupieren. Von diesen oft wiederholten Vergnügungen brachte sie aber eine Art des Sprechens und Benehmens, gewagte Lieder und noch gewagtere Kleiderausschnitte heim, welche der bürgerlichen Atmosphäre des alten Handlungshauses die scharf ausgeprägte Silhouette der damaligen Pariser Cocotte aufzwangen. In der Fabrik begann etwas ruchbar zu werden, denn die Frauen aus dem Volke, auch die ärmsten, verstehen sich darauf, den Preis einer Toilette nachzurechnen. Wenn Madame Risler um drei Uhr ausging, folgten ihr aus den Fenstern der Werkstätten fünfzig scharfe, neidische Augenpaare, die durch ihren schwarzen Samtdolman und ihre mit Schmelz übersäte Panzertaille bis auf den Grund ihres schuldbewußten Herzens zu sehen vermochten.

Alle Geheimnisse ihres thörichten Köpfchens flogen, wie die Bänder, die ihren entblößten Nacken schmückten, um Sidonie her, die keine Ahnung davon hatte, und ihre Füße, in zierlichen, goldledernen, zehnknöpfigen Stiefelchen, erzählten von den heimlichen Wegen, die sie gingen, von teppichbelegten Treppen, die sie nachts emporstiegen, um zum Souper zu gehen, und von dem warmen Pelzwerk, das sie umhüllte, wenn das Coupé, im vorüberhuschenden Licht der Gaslaternen, um den See fuhr.

Die Arbeiterinnen flüsterten sich spottend zu: »Seht doch nur, diese Zierliese! Ist das eine Manier, sich für die Straße anzuziehen? . . . Jedenfalls hat sie sich nicht so geputzt, um zur Messe zu gehen! . . . Wenn man bedenkt, daß sie noch vor drei Jahren jeden Morgen in ihrem Regenmantel zur Arbeit ging und für zwei Sous heiße Kastanien in der Tasche hatte, um sich die Finger zu wärmen . . . jetzt aber fährt sie im eignen Wagen!« und manches arme Mädchen dachte, von Talkstaub umweht, in der Hitze der Sommer und Winter rotglühenden Oefen an die Launen des Glücks, die dem Leben des Weibes oft urplötzlich eine andre Wendung geben, und begann von einer Zukunft voll Pracht und Herrlichkeit zu träumen, die möglicherweise auch ihr beschieden war.

Für alle Welt war Risler ein betrogener Ehemann. Zwei Drucker der Fabrik – Stammgäste der Folies dramatiques – behaupteten, Madame Risler mehrmals in ihrem Theater gesehen zu haben, und zwar in Begleitung eines männlichen Individuums, das sich im Hintergrund der Loge verbarg. Auch Vater Achilles erzählte seltsame Dinge. Niemand bezweifelte, daß Sidonie einen oder selbst mehrere Liebhaber hatte, nur an den jungen Fromont hatte man bisher nicht gedacht.

Dennoch gebrauchte sie im Verkehr mit ihm nicht die mindeste Vorsicht. Im Gegenteil ging sie mit einer gewissen Ostentation zu Werke und vielleicht wurde gerade dadurch ihr Geheimnis behütet. Wie oft hatte sie ihn auf der Freitreppe kühn und keck angesprochen, um das Stelldichein des Abends zu verabreden, wie oft sich das Vergnügen gemacht, ihn erbeben zu sehen, wenn sie ihm vor allen Leuten mit heißem Blick in die Augen sah. Hatte Georges seine erste Bestürzung überwunden, so wußte er ihr Dank für solche Kühnheiten, die er dem Uebermaße ihrer Leidenschaft zuschrieb . . . das war jedoch ein Irrtum.

Was Sidonie, vielleicht halb unbewußt, damit bezweckte, war, daß Claire aufmerksam werden, ihre Fenstervorhänge zurückschieben und Verdacht schöpfen sollte. Die Herzensunruhe ihrer Nebenbuhlerin war das einzige, was ihr noch zur Vollendung ihres Glückes fehlte. Aber was sie auch thun mochte, Claire Fromont bemerkte nichts und lebte, wie Risler, in unerschütterlicher, heiterer Ruhe.

Der einzige, der sich ernsten Sorgen hingab, war der alte Kassierer Sigismund, und auch er dachte nicht an Sidonie, wenn er, die Feder hinter dem Ohre, eine Weile in seinen Berechnungen innehielt und die Augen durch das Gitter seines Verschlages auf den feuchten Boden des kleinen Gartens richtete. Er dachte dann nur an seinen Prinzipal, Monsieur Schorsch, der jetzt so viel Geld für seine persönlichen Ausgaben aus der Kasse nahm und dadurch Sigismunds Bücher in Unordnung brachte. Jedesmal hatte er einen andern Verwand. Mit leichter, sorgloser Miene trat er an den Verschlag: »Haben Sie etwas Geld, lieber Planus? Das Bouillottespiel hat mir gestern abend wieder die Taschen geleert und ich möchte um solcher Kleinigkeit willen nicht nach der Bank schicken.« Sigismund Planus öffnete widerstrebend seine Kasse, um die verlangte Summe auszuzahlen, und erinnerte sich dabei mit Schrecken des Tages, als Georges, der damals kaum zwanzig Jahre alt war, seinem Onkel gestehen mußte, daß er einige tausend Franken im Spiel verloren habe. Von Stund an hatte der wackere Sigismund den Klub gehaßt und seine Mitglieder verachtet, und als kürzlich eines derselben, ein reicher Kaufmann, in die Fabrik gekommen war, hatte er ihm in seiner derben Offenheit gesagt: »Ich wollte, der Teufel holte Ihren Klub im Chateau d'Eau; in Zeit von zwei Monaten hat Monsieur Georges über dreißigtausend Franken dort verloren.«

Der Kaufmann lachte.

»Sie irren sich, Vater Planus,« antwortete er: »seit einem Vierteljahr wenigstens ist Ihr Prinzipal nicht bei uns gewesen.«

Der Kassierer ließ die Sache fallen, aber ein entsetzlicher Gedanke stieg in ihm auf und gönnte ihm den ganzen Tag keine Ruhe.

Wo brachte Georges, wenn er nicht in den Klub ging, seine Abende zu und wo gab er das viele Geld aus? . . . Sicherlich war ein Weib dabei im Spiele.

Sobald Sigismund Planus auf diesen Gedanken gekommen war, begann er ernstlich für seine Kasse zu zittern. Der alte, aus dem Kanton Bern gebürtige Bär, der sein Leben lang Junggeselle geblieben war, hatte von den Frauen im allgemeinen und von den Pariserinnen im besondern eine entsetzliche Angst und glaubte, um sein Gewissen zu beruhigen, vor allen Dingen Risler aufmerksam machen zu müssen. Anfangs begnügte er sich mit unbestimmten Andeutungen.

»Monsieur Schorsch gibt sehr viel Geld aus,« sagte er eines Tages.

Risler schien das nicht zu beunruhigen.

»Das geht mich nichts an, lieber Sigismund . . . er hat das Recht dazu,« lautete seine Antwort, und sie drückte vollständig seine Meinung aus. In seinen Augen war Fromont junior unumschränkter Herr und Gebieter im Hause; wie hätte er, Risler, der ehemalige Zeichner der Fabrik, sich erlauben dürfen, ihm Verhaltungsmaßregeln zu geben? Auch Planus wagte nicht, weitere Bemerkungen zu machen, bis ihm eines Tages aus einer großen Shawlhandlung eine Rechnung über sechstausend Franken für einen Kaschmirshawl eingesandt wurde.

Er ging damit in Georges' Bureau.

»Soll diese Rechnung bezahlt werden, Monsieur?«

Georges Fromont wurde etwas verlegen. Sidonie hatte vergessen, ihn von diesem Einkauf zu benachrichtigen; überhaupt wurde sie immer rücksichtsloser gegen ihn.

»Zahlen Sie, zahlen Sie, lieber Planus,« sagte er mit einer gewissen Verwirrung und fügte hinzu: »buchen Sie die Summe auf mein Privatconto, es ist ein Auftrag, den ich übernommen habe . . .«

Denselben Abend sah der Kassierer, als er seine kleine Lampe anzündete, Risler durch den Garten gehen und klopfte ans Fenster, um ihn herbeizurufen.

»Jetzt hab' ich den Beweis, daß ein Weib dahinter steckt . . .« sagte er mit gedämpfter Stimme, und als er die schrecklichen Worte: »ein Weib« aussprach, geschah es mit einem Zittern der Stimme, das im Lärm der Fabrik verklang. Selbst das Arbeitsgetöse ringsumher machte einen unheimlichen Eindruck auf den Kassierer. Es kam ihm vor, als ob die in voller Thätigkeit befindlichen Maschinen, die große, ihren Dampf in dichten Wirbeln ausstoßende Esse, die Arbeiter, die bei ihren verschiedenen Aufgaben fleißig beschäftigt waren, sich nur um eines kleinen, geheimnisvollen, in Samt gekleideten, mit Juwelen bedeckten Wesens willen plagten und abmühten.

Risler aber lachte ihn aus und wollte ihm nicht glauben; seit langer Zeit kannte er die Sucht seines Landsmannes, in allem, was geschah, dem verderblichen Einfluß der Frauen nachzuspüren. Dennoch fielen ihm zuweilen Sigismunds Worte wieder ein; besonders in seinen einsamen Abendstunden, wenn Sidonie mit Madame Dobson ins Theater ging und die Wohnung, nachdem ihre lange Schleppe über die Schwelle geglitten war, ganz verödet schien. Vor dem Ankleidespiegel brannten noch die Kerzen, kleine Toilettengegenstände lagen im Zimmer verstreut und gaben Zeugnis von verschwenderischen Gewohnheiten, übertriebenen Ausgaben. Risler bemerkte das alles nicht, aber wenn er Georges' Wagen fortfahren hörte, überschlich ihn ein Gefühl fröstelnden Unbehagens bei dem Gedanken, daß im unteren Stock Madame Fromont ihren Abend einsam verleben mußte. Arme Frau! Wenn Planus doch vielleicht recht hätte . . . wenn Georges irgendwo in der Stadt eine zweite Familie besäße . . . es wäre abscheulich!

Dann ging Risler, statt sich an die Arbeit zu setzen, leise die Treppe hinunter und fragte, ob Madame Fromont zu sprechen sei; er hielt es für seine Pflicht, ihr Gesellschaft zu leisten.

Das Kind war bereits zu Bett gebracht, aber das kleine Häubchen, die blauen Schuhe lagen noch, mit einigen Spielsachen, vor dem Feuer. Claire las oder war mit einer Handarbeit beschäftigt, während ihre Mutter stumm, mit fieberhafter Eile, abwischte oder irgend einen Gegenstand blank putzte, bald immer von neuem auf den Deckel ihrer Uhr hauchte, bald – mit dem Starrsinn beginnender Geisteskrankheit – dasselbe Ding in nervöser Hast zehnmal in die Hand nahm, um es wieder auf denselben Platz zu stellen. Auch der wackere Risler war nicht unterhaltend; dennoch nahm ihn die junge Frau jederzeit freundlich auf. Sie wußte, was von Sidonie in der Fabrik gesagt wurde, und obwohl sie kaum die Hälfte für wahr hielt, schnürte ihr der Anblick dieses armen Mannes das Herz zusammen. Mitleid war die Grundlage ihres freundlichen Verkehrs und es gab nichts Rührenderes, als diese beiden Verlassenen, die sich gegenseitig beklagten und zu zerstreuen suchten.

Wenn Risler in Claires Salon an dem kleinen, hellerleuchteten Mitteltische saß, wurde er nach und nach von der Wärme des häuslichen Herdes, dem Behagen der harmonischen Umgebung durchdrungen. Hier fand er die Möbel wieder, die ihm seit zwanzig Jahren vertraut waren, das Bild seines verstorbenen Prinzipals und seine teure Madame »Schorsch«, die, über eine Näherei gebeugt, an seiner Seite saß und ihm inmitten dieser alten Erinnerungen nur um so jugendlicher und liebenswürdiger erschien. Von Zeit zu Zeit stand sie auf, um nach dem Kinde zu sehen, das im Nebenzimmer schlief und dessen leichte Atemzüge in den Pausen des Gesprächs hörbar wurden. Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, fühlte sich Risler in dieser Umgebung wohler und wärmer als in der eignen Häuslichkeit. Seine hübsche Wohnung, in der zu gewissen Tagen ein unaufhörliches, hastiges Kommen und Gehen stattfand, kam ihm vor wie eine thür- und fensterlose, allen Winden offenstehende Halle. Sie war nur ein Feldlager, hier dagegen fand er die Wohnstätte, in der eine sorgsame Hand Ordnung und Eleganz zu schaffen weiß. Die im Kreise stehenden Stühle schienen leise miteinander zu plaudern, das Feuer brannte mit freundlichem Knistern und das Kinderhäubchen hatte in seinen blauen Schleifchen einen Abglanz der hellen Augen, des holden Lächelns der Kleinen festgehalten. Und während Claire zu sich selber sagte, daß ein so vortrefflicher Mann wohl eine bessre Lebensgefährtin verdient habe, fragte sich Risler beim Anblick des schönen, ruhigen Gesichts, das mit klugen, guten Augen zu ihm aufsah, für welches verlorene Geschöpf Georges Fromont diese liebenswerte Frau verlassen könne.

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