Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Fromont junior

Alphonse Daudet: Fromont junior - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont junior
publisherVerlag von J. Engelhorn
volumeFromont junior und Risler senior - Erster Band
translatorClaire von Glümer
year1887
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidc66b260c
created20061018
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

In Savigny.

Ein großes Unglück war der vierwöchentliche Aufenthalt der Familien Fromont und Risler in Savigny.

Nach zwei Jahren trafen Georges und Sidonie in der früheren Umgebung zusammen – einem Besitztum, das zu alt war, um sich nicht gleich zu bleiben, und das mit seinem unveränderten Gestein, seinen Teichen und Bäumen alles Flüchtigen, Vergänglichen zu spotten schien. Sie hätten edlere Naturen, festere Charaktere sein müssen, um diesem Wiedersehen nicht zu erliegen.

Claire Fromont war nie so glücklich gewesen, wie jetzt, hatte Savigny nie so schön gefunden. Welche Lust, ihres Kindes Schritte auf den Rasenplätzen zu leiten, die sie selbst als kleines Mädchen so oft betreten hatte; sich als junge Mutter in den Schatten der Bäume zu setzen, unter denen sie – von ihrer Mutter behütet – einst gespielt, oder am Arme des Gatten alle die Winkelchen wieder aufzusuchen, die der Schauplatz ihrer Kindheitsfreuden gewesen waren. Eine stille Befriedigung erfüllte ihre Seele; sie genoß das volle Glück eines ruhigen Daseins, das in stillem Behagen verfließt, und den ganzen Tag leuchteten ihre langen Morgenkleider zwischen dem Buschwerk auf, während sie langsam den kleinen Schritten des Kindes folgte, seine Freudenlaute zu verstehen, seine Wünsche zu erfüllen suchte.

Sidonie schloß sich diesen mütterlichen Spaziergängen nur selten an. Sie gab vor, daß der Kinderlärm sie ermüde, und stimmte darin mit dem alten Gardinois überein, der jeden Anlaß, seiner Enkelin weh zu thun, mit Freuden ergriff. Am besten hoffte er dies Ziel zu erreichen, indem er sich ausschließlich mit Sidonie beschäftigte und sie noch mehr feierte, als bei ihrem ersten Besuch. Die Equipagen, die seit zwei Jahren in der Remise standen und wöchentlich nur einmal abgestaubt wurden, um die seidenen Polster von Spinnweben zu befreien, wurden ihr zur Verfügung gestellt. Dreimal täglich wurde angespannt, das eiserne Gitterthor war in unaufhörlicher Bewegung und das ganze Hauswesen geriet in einen lebhafteren Schritt. Der Gärtner pflegte seine Blumen sorgfältiger als bisher, weil Madame Risler sich die schönsten auswählte, um sie zum Diner ins Haar zu stecken. Besuche kamen; Goûters und Landpartieen wurden veranstaltet, bei denen zwar Madame Fromont junior den Vorsitz führte, deren Seele und Mittelpunkt jedoch die heitere Sidonie war. Hin und wieder machte ihr Claire auch vollständig Platz, denn die Stunden, in denen die Kleine schlief oder ins Freie geführt wurde, durften durch kein Vergnügen beeinträchtigt werden. Bei solchen Gelegenheiten zog sich die junge Mutter jedesmal zurück, und häufig kam es vor, daß sie abends, wenn die beiden Associés von Paris erwartet wurden, nicht im stande war, mit nach dem Bahnhofe zu fahren.

»Bitte, entschuldige mich,« sagte sie dann und begab sich in ihr Zimmer.

Sidonie war hocherfreut darüber; elegant, in träger Haltung schmiegte sie sich in die Kissen, ließ die Pferde dahinjagen, ohne ihren rasenden Galopp zu beachten, ohne zu denken.

Der frische Windhauch, der durch ihren Schleier drang, war die einzige Lebensempfindung, deren sie sich bewußt wurde. Hin und wieder nur weckte ein Wirtshaus am Wege, oder der Anblick schlecht gekleideter Kinder, die im Grase neben der Landstraße hingingen, eine unklare Erinnerung an ehemalige Sonntagsspaziergänge mit Risler und den Eltern, und der leise Schauder, der sie dabei durchrieselte, ließ sie noch inniger das Behagen der Gegenwart empfinden, die Freude an den frischen, weichen Stoffen, die sie umhüllten, an dem sanften Schaukeln des Wagens, das sie in glückselige Zuversicht einwiegte.

Am Bahnhofe warteten noch andre Equipagen. Sidonie erregte Aufmerksamkeit; zwei oder dreimal hörte sie in ihrer Nähe flüstern: »Das ist die junge Madame Fromont,« und der Irrtum war begreiflich, wenn man die drei vom Bahnhofe heimfahren sah. Sidonie lachend und plaudernd neben Georges, im Fond des Wagens; Risler ihnen gegenüber, etwas bedrückt von der Pracht der Equipage, die großen Hände flach auf die Kniee gelegt und still vor sich hinlächelnd. Das Bewußtsein, für Madame Fromont gehalten zu werden, schmeichelte Sidoniens Eitelkeit und von Tag zu Tag fühlte sie sich wohler darin. Nach der Ankunft im Schlosse trennten sich die beiden Paare bis zur Tischzeit; aber an der Seite seiner Frau, die still den Schlaf des Kindes überwachte, beschäftigte sich Georges, unbefriedigt von dem stillen Behagen seiner Häuslichkeit, immer wieder mit der glänzenden Sidonie, deren Stimme in schmetternden Rouladen aus den Heckenwegen des Gartens heraufschallte.

Indes sein ganzes Schloß sich nach den Launen einer jungen Frau umgestaltete, lebte der alte Gardinois in der bisherigen Weise, gelangweilt, unthätig, trotz seines Reichtums freudlos dahin. Das einzige, was ihm ein gewisses Vergnügen machte, war das Herumspionieren. Das Thun und Lassen der Dienstboten, die Unterhaltungen in der Küche, soweit sie ihn selbst betrafen, der Korb mit Obst und Gemüse, den der Gärtner jeden Morgen zu liefern hatte, wurden sorgfältig von ihm überwacht und nichts machte ihm so viel Freude, als wenn er jemand eines Fehltritts zu überführen vermochte. Es beschäftigte ihn, gab ihm ein Gefühl von Wichtigkeit und gewährte ihm den Genuß, bei Tische seinen schweigenden Gästen von der Unthat erzählen zu können, die List zu schildern, die er bei der Entdeckung angewendet, die bestürzte Miene des Schuldigen, seine Angst und seine Bitten um Verzeihung.

Bei der Ueberwachung seiner Leute pflegte sich der gute Mann besonders einer steinernen Bank zu bedienen, die hinter einer ungeheuren Paulownia versteckt lag. Hier saß er, ohne zu lesen oder zu denken, und beobachtete die Ein- und Ausgehenden. Für die Nachtzeit hatte er etwas andres ausgesonnen: in die Decke der großen Vorhalle, zu der eine mit Blumen besetzte Freitreppe führte, hatte er eine Oeffnung machen lassen und sie mit einem Schallrohr versehen, das in sein darüberliegendes Schlafzimmer mündete. Auf diese Weise hoffte er alles zu hören, was unten vorging, und selbst die Gespräche der Dienstleute belauschen zu können, wenn sie abends auf der Freitreppe Luft schöpften.

Unglücklicherweise wurden jedoch alle Töne durch das Instrument verstärkt, verlängert und durcheinander gemischt. Legte Gardinois das Ohr an sein Schallrohr, so hörte er den regelmäßigen Pendelschlag einer großen Wanduhr, das Geschrei des Papageis, der unten im Hause auf seiner Stange saß oder das Glucksen irgend eines futtersuchenden Huhnes. Die menschlichen Stimmen aber drangen nur als undeutliches Summen, wie das Murmeln einer Volksmenge an sein Ohr; einzelnes darin zu unterscheiden war unmöglich. So hatte er denn eine vergebliche Ausgabe gemacht und verbarg sein wunderbares Schallrohr in den Falten seiner Bettvorhänge,

In einer stillen Sommernacht wurde der alte Mann, der eben eingeschlafen war, durch das Knarren einer Thür wieder aufgeschreckt. Um diese Stunde war das etwas Ungewöhnliches. Das ganze Haus lag in tiefem Schlafe; nur das Hin- und Hergehen der Wachthunde auf dem Kies der Gartenwege war zu hören, oder ihr plötzliches Stehenbleiben am Fuße eines Baumes, auf dem ein Käuzchen schrie. Welch gute Gelegenheit zur Verwertung des Schallrohres! Als Gardinois sein Ohr daran legte, überzeugte er sich, daß er sich nicht getäuscht hatte: das Geräusch im Hause dauerte fort. Jetzt wurde eine Thüre geöffnet, dann eine andre. Der Riegel der Freitreppenthür wich nach einiger Anstrengung, aber weder Pyramus noch Thisbe, nicht einmal Kiß, der böse Neufundländer, rührten sich. Leise stand Gardinois auf, um die seltsamen Diebe zu belauschen, die das Haus verließen, statt hereinzukommen, und was er durch die Latten seiner Jalousieen erspähte, war folgendes:

Ein großer, schlanker Mann, dessen Wuchs und Haltung an Georges erinnerten, führte eine mit Spitzen verhüllte Dame am Arm. Auf der Bank unter der Paulownia, die in voller Blüte stand, machten sie Halt.

Es war eine köstliche, silberhelle Nacht. Der Mond, der sich eben über die Wipfel der Bäume erhob, streute tausend Lichtfunken durch das dichte Laub. Die weißbeschienenen Terrassen, auf denen die zottigen Hunde umherliefen und Nachtschmetterlingen nachspürten, die tiefen, glatten, weitgedehnten Gewässer, alles schimmerte in stummem, ruhigem Glanze wie in einem Silberspiegel und am Rande der Rasenplätze leuchteten hier und da Glühwürmchen auf.

Einen Augenblick blieben die nächtlichen Wanderer im Schatten der Paulownia, wie verschlungen von der Dunkelheit, die der helle Mondschein umgrenzte. Plötzlich traten sie in das volle Licht heraus, gingen dicht aneinander geschmiegt über die Terrasse und verschwanden zwischen den Heckenwänden.

»Dacht' ich's doch!« sagte der alte Gardinois zu sich selbst, als er sie erkannte. Und was brauchte er sie noch zu erkennen? Hatte ihm nicht schon das Schweigen der Hunde und der Anblick des schlafenden Hauses gesagt, welches Verbrechen frech, straflos, ungeahnt allnächtlich durch die Wege seines Parkes schlich? – Aber das war ihm gleichgültig, der alte Bauer freute sich sogar über seine Entdeckung, ging, ohne Licht anzuzünden, still vor sich hinlachend, in sein Bett zurück und in dem kleinen Gewehrzimmer, das er – in der Erwartung, mit Dieben zu thun zu haben – zum Beobachtungsposten gewählt hatte, fiel das Mondlicht nur noch auf die Gewehrläufe an den Wänden und die Kasten mit den Patronen aller Nummern.


Die beiden hatten in der alten Umgebung ihr Lieben wiedergefunden; das letzte Jahr mit seinem Zögern, Sträuben und kraftlosen Widerstreben schien nur eine Vorbereitung auf diese Wiedervereinigung gewesen zu sein, und nachdem das Unrecht einmal begangen war, wunderten sie sich nur noch, daß sie so lange gezaudert hatten. Georges besonders war von rasender Leidenschaft erfüllt – er betrog sein Weib, seine beste Freundin, betrog Risler, seinen Compagnon, den treuen Gefährten jeden Augenblicks.

Allein die Größe seines Vergehens und selbst die nicht zu besiegenden Vorwürfe seines Gewissens schienen seiner Liebe immer neue Nahrung zu geben. Sidonie erfüllte alle seine Gedanken und er sagte sich selbst, daß er bis jetzt nicht gelebt habe. Ihre Liebe dagegen war eigentlich nur ein Gemisch von Eitelkeit und befriedigtem Haß. Was ihr am meisten wohl that, war die Demütigung, die Claire durch sie erlitt; hätte sie ihr sagen dürfen: »Dein Gatte betrügt dich . . . betrügt dich mit mir!« so wäre ihre Freude noch größer gewesen. Was Risler betraf, so hatte er – ihrer Meinung nach – durchaus verdient, was ihm geschah. Nach dem Jargon ihrer Lehrzeit, in dem sie noch immer dachte, wenn sie denselben auch nicht mehr sprach, war der arme Mann ein »alter Knacks«, den sie nur geheiratet hatte, um reich zu sein. Daß »alte Knackse« betrogen werden, versteht sich von selbst.

Tagsüber gehörte Savigny Claire Fromont und dem Kinde, das fröhlich aufwuchs, im Sande umherlief und Vögeln und Wolken zulachte. Mutter und Kind mochten das Licht, die sonnigen Gartenwege in Besitz nehmen – die duftig-blauen Nächte aber gehörten dem Ehebruch, dem keck sich eindrängenden Verbrechen, das flüsternd, mit unhörbaren Schritten, unter den geschlossenen Jalousieen dahinschlich, während das schlafende Haus stumm und blind zu werden und in steinerne Gefühllosigkeit zu versinken schien, als ob es sich schäme, etwas zu hören oder zu sehen.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.