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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
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III. Die Geschichte der kleinen Chèbe – Unächte Perlen.

Nach zwei oder drei Jahren vertraulichen Umgangs und gemeinsamen Spiels, während welcher Sidonie mit dem Luxus und den graziösen Manieren der reichen Kinder vertraut wurde, wurde der Verkehr plötzlich abgebrochen.

Vetter Georges, dessen Vormund Herr Fromont war, war schon seit Langem in ein Gymnasium eingetreten. Jetzt kam nun auch Clara mit der Ausstattung einer kleinen Königin in ein Klosterpensionat, und um dieselbe Zeit war auch bei den Chèbes davon die Rede, Sidonie in die Lehre zu geben. Man gelobte einander ewige Freundschaft und versprach, einander zweimal monatlich, an den freien Sonntagen, zu besuchen.

In der That stieg die kleine Chèbe noch mehrmals von ihrem fünften Stockwerk herab, um mit den Freunden zu spielen, aber je größer sie wurde, desto besser erkannte sie den Abstand, der sie von jenen schied, und ihre Toilette begann ihr für den Salon der Frau Fromont sehr einfach zu erscheinen.

Waren sie nur zu dreien beisammen, so ließ die Jugendfreundschaft, die sie gleich machte, keinen Zwang zwischen ihnen aufkommen; aber es kam Besuch, Pensionsfreundinnen, darunter besonders ein großes, immer prächtig gekleidetes Mädchen, das sonntags in Begleitung der Kammerzofe ihrer Mutter erschien, um mit den kleinen Fromonts zu spielen.

Schon wenn sie jene so geputzt und hochmüthig die Freitreppe heraufsteigen sah, empfand Sidonie Lust, auf der Stelle wegzulaufen. Die andere setzte sie mit ihren ungeschickten Fragen: wo sie wohne? wer ihre Eltern wären? ob sie auch einen Wagen habe? ... vollends in Verlegenheit.

Wenn sie dann die andern von der Pension und ihren Freundinnen plaudern hörte, so fühlte Sidonie, daß jene in einer andern Welt lebten, die tausend Meilen von der ihren entfernt lag, und eine unsägliche Traurigkeit überkam sie, besonders wenn ihre Mutter nach ihrer Heimkehr von ihrem Eintritt in die Lehre bei einem gewissen Fräulein Le Mire, einer Freundin der Delobelles, sprach, die in der Rue du Roi-Doré ein großes Lager von unächten Perlen hielt.

Risler legte auf den Gedanken einer Lehre für die Kleine viel Gewicht. – »Sie soll etwas lernen,« sagte die brave Seele. »Später soll es meine Sorge sein, ihr ein Geschäft zu kaufen« ...

Nun sprach jenes Fräulein Le Mire gerade davon, sich in einigen Jahren zur Ruhe zu setzen. Das war eine günstige Gelegenheit.

Eines Morgens, eines recht trübseligen Novembermorgens, führte ihr Vater sie nach der Rue du Roi-Doré in das vierte Stock eines alten Hauses, eines Hauses, das noch älter, noch düsterer war als jenes, in welchem die drei Familien wohnten.

Unten, an der Biegung des Corridors, hing eine Unzahl von Schildern mit goldener Aufschrift: » Fabrik von Arbeitskästchen«, » Plattirte Ketten«, » Kinderspielwaaren«, » Glasinstrumente«, » Brautbouquets«, » Specialität von Feldblumen«, und ganz oben ein kleines, verstaubtes Glasschild, auf welchem in einer Umrahmung von vergilbten Perlenschnüren, Glastrauben und Glaskirschen der hochtönende Name Angelina Le Mire prangte.

Das abscheuliche Haus!

Hier war nicht einmal der weite Flur der Chèbes zu sehen, der zwar vom Alter geschwärzt war, aber durch das Fenster und die schöne Aussicht auf die Fabrik heiterer erschien ... Eine enge Treppe, eine enge Thür, eine Reihe viereckiger, kleiner, kalter Zimmer, und im letzten eine alte Jungfer mit falschen Locken und gewebten schwarzen Halbhandschuhen, die in einem schmutzigen Hefte der »Zeitschrift für Alle« las und sehr verstimmt schien, daß man sie in ihrer Lectüre störe.

Um kurz zu sein, Fräulein Le Mire empfing Vater und Tochter, ohne aufzustehen, sprach lange von ihren frühern Verhältnissen, von ihrem Vater, einem alten Edelmann aus dem Rouergue – es ist unerhört, was das Rouergue schon an alten Edelleuten hervorgebracht hat! – und von einem treulosen Verwalter, der mit ihrem ganzen Vermögen das Weite gesucht hatte. Herrn Chèbe, für den alle Herabgekommenen einen unwiderstehlichen Reiz besaßen, war sie sofort sehr sympathisch, und der Biedermann ging entzückt fort mit dem Versprechen, dem getroffenen Übereinkommen gemäß, seine Tochter um sieben Uhr abends abzuholen.

Die neue Elevin wurde sofort in das noch leere Arbeitszimmer geführt. Fräulein Le Mire wies ihr einen Platz vor einer großen Schublade an, die mit Perlen, Stecknadeln und Pfriemen, untermischt mit Groschenheften von Colportageromanen, gefüllt war.

Sidonie sollte Perlen aussuchen und sie auf Schnüre von gleicher Länge ziehen, die dann zum Verkauf an die Kleinkrämer in Bündel zusammengebunden wurden. Übrigens würden sogleich die übrigen Damen kommen und ihr genau zeigen, was sie zu thun habe, denn kurz und gut, Fräulein Le Mire befaßte sich mit nichts und überwachte ihr Geschäft von weitem, von jenem düstern Hinterzimmer aus, in welchem sie ihr Leben mit der Lectüre von Feuilletons verbrachte.

Um neun Uhr erschienen die Gehilfinnen, fünf große, bleiche, welke Mädchen, schlecht gekleidet, aber gut frisirt wie all die armen Arbeiterinnen, die barhaupt durch die Straßen von Paris wandern.

Zwei oder drei gähnten, rieben sich die Augen und sagten, sie fielen vor Müdigkeit um. Wie mochten die die Nacht verlebt haben! ...

Endlich machte man sich längs eines langen Tisches, an welchem jede ihren Schubkasten und ihre Werkzeuge hatte, an die Arbeit. Man hatte eine Bestellung auf Trauergeschmeide empfangen und mußte sich beeilen. Sidonie, der die Directrice im Tone unendlicher Überlegenheit ihre Aufgabe angewiesen und klar gemacht hatte, begann traurig eine Menge schwarzer Perlen, schwarzer Johannisbeeren und Trauerähren auszulesen.

Während der Arbeit plauderten die übrigen mit einander, ohne sich um den Neuling zu kümmern. Es war von einer glänzenden Hochzeit die Rede, die am selben Tage in der Kirche Saint-Gervais stattfinden sollte.

»Wie wär's, wenn wir hingingen?« meinte ein starkes, rothhaariges Mädchen, die Malvina genannt wurde. »Die Trauung findet um zwölf Uhr statt ... Wir hätten gerade Zeit, schnell hinzulaufen und wiederzukommen.«

In der That stürmte die ganze Bande um die Frühstücksstunde, immer drei Stufen überspringend, die Treppen hinab.

Sidonie hatte ihr Essen wie ein Schulmädchen in einem kleinen Korbe mitgebracht. Mit schwerem Herzen aß sie an einer Ecke des Tisches zum ersten Male allein ... O Gott! wie traurig und elend kam ihr das Leben vor, welche furchtbare Genugthuung wollte sie später für diese trüben Stunden nehmen! ...

Um ein Uhr kamen die Mädchen lärmend und äußerst erregt zurück.

»Habt ihr das weiße, geköperte Kleid gesehen? ... Und den Spitzenschleier? ... Die hat wahrhaftig Glück!«

Und nun wiederholten sie in der Arbeitsstube die Bemerkungen, die sie, während der ganzen Dauer der Trauungsceremonie an der Balustrade lehnend, in der Kirche mit leiser Stimme hingeworfen hatten. Diese Unterhaltung über die reiche Heirath und den glänzenden Putz dauerte den ganzen Tag über und beeinträchtigte die Arbeit keineswegs, ganz im Gegentheil.

Diese kleinen Pariser Geschäfte, die sich mit den zierlichsten Einzelheiten der Toilette befassen, machen die Arbeiterinnen mit der Mode vertraut und lenken ihre Gedanken beständig auf Luxus und Eleganz. Für die armen Mädchen, die bei Fräulein Le Mire in dem kleinen Zimmer des vierten Stocks arbeiteten, existirten die düstern Mauern und die enge Straße nicht. Sie dachten beständig an andere Dinge und brachten ihre Zeit damit hin, einander zu fragen:

»Laß hören, Malvina, was würdest du thun, wenn du reich wärest?«

»Ich – ich wohnte auf den Champs-Elysées« ...

Und wie eine minutenlange, entzückende, erfrischende Vision tauchten die hohen Bäume des Rondells und die zierlichen, langsam dahinrollenden Wagen, die dort eine Rundfahrt machten, vor ihnen auf.

Die kleine Chèbe hörte in ihrem Winkel zu, ohne ein Wort zu sagen, und ordnete währenddem mit der frühzeitigen Geschicklichkeit und dem Geschmack, den sie sich durch den Umgang mit Désirée angeeignet hatte, sorgfältig ihre Trauben. Daher sagte man auch Herrn Chèbe am Abend, als er kam, um seine Tochter abzuholen, ihretwegen die größten Schmeicheleien.

Von da ab glich ein Tag dem andern. Am nächsten Tage zog sie statt der schwarzen weiße Perlen und rothe Glaskorallen auf, denn bei Fräulein Le Mire wurde nur im Unächten, im Flitter gearbeitet, und eben hier mußte die kleine Chèbe die Lehre für das Leben durchmachen.

Während der ersten Zeit stand die neue Elevin – jünger und besser erzogen als die andern – unter ihren Gefährtinnen einsam da. Später, als sie größer wurde, wurde sie deren Freundin und Vertraute, ohne jedoch je an ihren Vergnügungen theilzunehmen. Sie war zu stolz, um mittags hinunterzulaufen und sich die Trauungen anzusehen, und wenn sie von einem nächtlichen Ball in »Vaux-Hall« oder den »Délices du Marais«, von einem feinen Souper bei Bonvalet oder in den »Quatre Sergents de la Rochelle« reden hörte, so geschah das immer mit größter Geringschätzung.

Wir wollten höher hinaus, nicht wahr, kleine Chèbe?

Überdies holte ihr Vater sie jeden Abend ab. Zuweilen jedoch, namentlich in der Neujahrszeit, war sie gezwungen, mit den übrigen die Nacht hindurch zu arbeiten, um die dringenden Aufträge zu erledigen. Beim Scheine des Gaslichts boten diese bleichen Pariserinnen, die Perlen auslasen, welche so krankhaft weiß aussahen wie sie selbst, einen schmerzlichen Anblick: sie schienen von demselben trügerischen Glanze, von derselben Gebrechlichkeit zu sein wie das unächte Geschmeide. Um diese Zeit wurde nur von Maskenbällen und vom Theater gesprochen.

»Hast du Adele Page in den »Drei Musketieren« gesehen? ... Und Mélingue? Und Marie Laurent? ... O, Marie Laurent!« ...

Und im weißen Widerschein der Perlenschnüre, die sie in den Händen hielten, tauchten die verbrämten Mäntel der Schauspieler und die gestickten Roben der Theaterprinzessinnen vor ihnen auf.

Im Sommer gab es weniger zu thun: das war die sogenannte »todte Saison«. Während der großen Hitze, wenn man hinter den geschlossenen Jalousien unten auf der Straße Mirabellen und Reineclauden ausrufen hörte, stützten dann die Arbeiterinnen den Kopf auf den Tisch und versanken in tiefen Schlaf. Oder Malvina ging auch wohl in das Hinterzimmer, bat Fräulein Le Mire um ein Heft der »Zeitschrift für Alle« und las den übrigen mit lauter Stimme daraus vor.

Aber die kleine Chèbe liebte die Romane nicht. Sie trug einen im Kopfe, der weit interessanter war als alle andern.

Nichts hatte die Fabrik bei ihr in Vergessenheit bringen können. Wenn sie morgens am Arme ihres Vaters ihre Wohnung verließ, warf sie immer einen Blick nach dieser Seite. Das Werk begann in diesem Augenblicke seine Thätigkeit. Der hohe Schornstein stieß seine erste schwarze Rauchwolke aus. Sidonie vernahm im Vorübergehen die Rufe der Arbeiter, die starken, dumpfen Schläge der Stangen an den Druckpressen, das gewaltige, rhythmische Stampfen der Maschinen – und all dies Arbeitsgeräusch, das in ihrem Gedächtnisse mit der Erinnerung an prächtige Feste, an blaue Kutschen verschmolz, verfolgte sie allenthalben auf das hartnäckigste.

Das tönte lauter als das Gerassel der Omnibusse, die Stimmen der Ausrufer, das Rauschen der Rinnsteine, und sogar im Atelier, wenn sie ihre unächten Perlen sortirte, und abends bei ihren Eltern, wenn sie nach dem Diner am Flurfenster frische Luft schöpfte und durch die Nacht nach der öden, düstern Fabrik hinüberstarrte, klang ihr das rastlose Gebrause in die Ohren wie eine stete Musikbegleitung zu ihren stillen Gedanken.

*

»Die Kleine langweilt sich, Frau Chèbe ... Sie muß Zerstreuung haben ... Nächsten Sonntag führe ich Sie alle aufs Land.«

Diese sonntäglichen Spaziergänge, die der gute Risler veranstaltete, um Sidonie zu zerstreuen und aufzuheitern, erhöhten ihre Unzufriedenheit nur noch mehr.

An solchen Tagen mußte sie schon um vier Uhr morgens aufstehen, denn die Armen müssen alle ihre Vergnügungen durch irgend eine Anstrengung erkaufen, und immer gab es noch im letzten Augenblicke ein Stück Zeug auszubessern oder einen Besatz anzunähen, um das unvermeidliche weißgestreifte lila Kleidchen aufzufrischen, das Frau Chèbe in jedem Jahre gewissenhaft verlängerte.

Die Chèbes, die Rislers und der berühmte Delobelle brachen stets zusammen auf. Nur Désirée und ihre Mutter blieben zu Hause: die arme Kleine, die ihr Gebrechen demüthigte, wollte ihren Lehnstuhl nicht verlassen, und Mama Delobelle blieb daheim, um ihr Gesellschaft zu leisten. Überdies besaßen beide keine passende Toilette, um sich da draußen neben dem großen Manne sehen zu lassen: das hätte die ganze Wirkung seiner Erscheinung zerstört.

Bei der Abfahrt wurde Sidonie ein wenig heiterer. Paris im rosigen Nebel eines Julimorgens, die Bahnhöfe voll heller Sommerkleider, die Landschaft, die an den Wagenfenstern vorüberglitt, dann die freie Bewegung, jenes Baden in der frischen Luft, die durch das Seinewasser gekühlt, durch ein Gehölz erfrischt, durch blühende Wiesen und ährentragende Getreidefelder mit Düften geschwängert wurde – das alles betäubte sie für einen Augenblick. Bei der Plattheit und Alltäglichkeit ihrer Sonntagsfeier aber kehrte die Bitterkeit bald wieder in ihr Herz zurück ...

Es war immer dieselbe Geschichte.

Man machte vor einer Schenke Halt, in nächster Nähe eines äußerst geräuschvollen, stark besuchten ländlichen Festes, denn Delobelle brauchte überall ein Publikum. Von seinem ewigen Traume umgaukelt, ging er, den kleinen Hut keck aufs Ohr gedrückt, in grauem Anzug und grauen Kamaschen und mit einem hellen Überzieher über dem Arm durch die Menge, indem er sich einbildete, die Scene stelle eine Landschaft aus der Umgegend von Paris dar und er selbst spiele einen Pariser in der Sommerfrische.

Was Herrn Chèbe betrifft, der sich rühmte, wie der selige Jean Jacques die Natur zu lieben, so verstand er darunter nur Schießstände, Carroussels, Sackhüpfen, Staubwolken und eine derbe, reichliche Kost, die auch für Frau Chèbe das Ideal des Landlebens bildete.

Sidonie hatte ein anderes Ideal, und diese Pariser Sonntage, die man auf den lärmenden Dorfstraßen verschleuderte, verursachten ihr unendliches Leid. Ihre einzige Freude in all diesem Gewühl und Getümmel bildete das Gefühl, daß sie Aufmerksamkeit errege. Irgend ein plumpes Wort der Bewunderung, das in naivem Tone neben ihr laut wurde, machte sie für den ganzen Tag vergnügt, denn sie gehörte zu denen, die kein Compliment verachten.

Zuweilen wanderte Risler, während Delobelle und die Chèbes auf dem Festplatze zurückblieben, mit seinem Bruder und der »Kleinen« querfeldein, um Blumen zu suchen, Muster zu seinen Tapeten. Dann bog Franz mit seinen langen Armen die hohen Zweige des Weißdorns herab oder kletterte auf eine Parkmauer, um leichtes Blattwerk zu pflücken, das auf der andern Seite sichtbar war. Die reichste Ernte aber fanden sie am Rande des Wassers.

Dort standen jene biegsamen Pflanzen mit den langen, gewundenen Schäften, die auf den Tapeten einen so hübschen Eindruck machen, hohe, schnurgerade Rohrstengel und Winden, deren Blüte sich plötzlich in den phantastischen Schnörkeln einer Zeichnung aufthut und einem Gesichte gleicht, als ob jemand aus dem reizenden Gewirr des Blattwerks herüberschaue. Dort stellte Risler seine Bouquets zusammen und gab ihnen eine künstlerische Anordnung, indem er sich an der Natur der Pflanzen selbst begeisterte und ihre lebendige Schönheit, ihr natürliches Wesen, das schon unerkennbar wird, wenn ein ermüdender Tag über sie hingegangen, zu erfassen suchte.

War dann der Strauß fertig und mit einem breiten Halme wie mit einem Bande umwunden, so wurde er Franz aufgepackt, und nun weiter! Ganz mit seiner Kunst beschäftigt, suchte Risler im Gehen nach neuen Mustern, neuen Zusammenstellungen.

»Sieh doch, Kleine ... da ... der Maiblumenzweig mit seinen weißen Glöckchen zwischen den wilden Rosen ... He? Was meinst du? ... auf einem wassergrünen oder aschgrauen Grunde müßte sich das ganz hübsch ausnehmen.«

Aber Sidonie liebte weder die Maiglöckchen noch die wilden Rosen. Die Feldblumen kamen ihr wie Blumen für arme Leute, wie Seitenstücke zu ihrem lila Kleide vor.

Sie erinnerte sich, bei Herrn Gardinois in den Treibhäusern, auf den Balustraden und rings auf dem mit Kies bestreuten und mit großen Vasen geschmückten Hofe des Schlosses Savigny andere Blumen gesehen zu haben.

Das waren Blumen, wie sie sie gern hatte! Das war ein Landleben, wie es ihr zusagte!

Savigny kam ihr bei jedem Schritte in den Sinn. Wenn sie an einem Parkgitter vorüberkamen, blieb sie stehen und betrachtete die gerade, saubere Allee, die zur Freitreppe führen mußte ... Die Rasenplätze, die von hohen Bäumen beschattet wurden, die stillen Terrassen am Rande des Wassers riefen ihr andere Terrassen, andere Rasenplätze ins Gedächtnis zurück. Diese Bilder des Wohllebens, die sich mit ihren Erinnerungen verbanden, machten die Sonntage noch trauriger für sie. Das Trostloseste aber war die Heimfahrt.

Wie entsetzlich überfüllt und voller Stickluft sind an solchen Abenden die kleinen Bahnhöfe in der Umgegend von Paris! Wie viel erkünstelte Lust, wie viel albernes Gelächter, wie viel mattstimmiges Singen aus Kehlen, die eben nur noch brüllen können! ... Dort fühlte Herr Chèbe sich so recht in seinem Elemente ...

Er konnte sich um den Schalter drängen, konnte über die Verspätung des Zuges außer sich gerathen, konnte auf den Bahnhofsinspector, die Eisenbahngesellschaft und die Regierung schimpfen und ganz laut, so daß es die Umstehenden hörten, zu Delobelle sagen:

»He? ... wenn dergleichen in Amerika vorkäme!« ...

Und dank der ausdrucksvollen Mimik des berühmten Komödianten und der überlegenen Miene, mit welcher derselbe erwiderte: »Das wollt' ich meinen!« ... mußte jeder auf den Gedanken kommen, diese beiden Herren wüßten ganz genau, was in einem solchen Falle in Amerika geschehen würde. Nun wußte zwar der eine genau so wenig davon wie der andere, aber der Menge gegenüber imponirte dies Auftreten.

Sidonie saß währenddem in Erwartung des Abendzuges wie betäubt von diesem Tumulte neben Franz, dessen Bouquet zur Hälfte auf ihren Knieen ruhte. Vom Wartesaale aus, der von einer einzigen Lampe erleuchtet wurde, erblickte sie draußen die dunkeln Gebäude, die hier und da von den letzten Lichtern des Festes durchbrochen erschienen, eine düstere Dorfstraße, zum Bahnhof eilende Haufen Leute, eine Laterne, die über einem verlassenen Perron brannte.

Von Zeit zu Zeit brauste hinter den Glasthüren funkensprühend und dampfspeiend ein Zug vorüber, ohne anzuhalten. Dann brach auf dem Bahnhofe ein Sturm von Rufen und lautem Stampfen mit den Füßen los, ein Sturm, den der schrille Sopran Herrn Chèbes übergellte, welcher mit seiner Seemövenstimme in einem fort schrie: »Schlagt die Thüren ein! Schlagt die Thüren ein!« ... Das selbst zu thun, würde aber der kleine Mann sich verflucht gehütet haben, denn er hatte eine rasende Angst vor den Gensdarmen. Nach wenigen Minuten legte sich dann der Aufruhr wieder. Die Frauen, deren Haar der Luftzug in Unordnung gebracht hatte, schliefen vor Ermüdung auf den Bänken ein. Allenthalben erblickte man zerknitterte Roben, zerrissene Kleidungsstücke, staubbedeckte weiße Toiletten.

Und Staub athmete man, wo man ging und stand!

Er fiel aus allen Kleidungsstücken, wirbelte bei jedem Schritte in die Höhe, verdüsterte das Licht der Lampe, trübte die Augen und hüllte die Gesichter in eine Wolke ein. Auch die Waggons, in die man endlich nach stundenlangem Warten einstieg, waren voll davon ... Sidonie öffnete das Fenster und erblickte draußen die düstere Ebene, eine endlose schwarze Linie. Dann blitzten wie unzählige Sterne die ersten Laternen der äußern Boulevards in der Nähe der Festungswerke auf.

Damit war der furchtbare Ruhetag all dieser armen Leute zu Ende. Der Anblick von Paris lenkte die Gedanken auf die Arbeit des nächsten Tages, und wie traurig ihr Sonntag auch gewesen sein mochte, Sidonie begann ihn doch mit Bedauern zurückzuwünschen. Sie dachte an die Reichen, für die alle Tage des Lebens Ruhetage sind, und undeutlich wie ein Traumbild tauchten die während des Tages erspähten langen Baumgänge vor ihr auf, wo jene Glücklichen auf dem feinen Sande lustwandelten, während da draußen am Gitter der Sonntag der Armen eilig im Staube der Straße vorüberschritt und sich kaum Zeit nahm, einen Augenblick still zu stehen, um zu schauen und zu beneiden.

In solcher Weise verfloß das Leben der kleinen Chèbe von ihrem dreizehnten bis zu ihrem siebzehnten Jahre.

Die Jahre vergingen, ohne die geringste Veränderung herbeizuführen. Der Kaschmir Frau Chèbes wurde etwas abgetragener, das lila Kleidchen erlitt noch einige Aufbesserungen, und das war alles. Nur je mehr Sidonie heranwuchs, desto öfter bezeigte Franz, der jetzt zum jungen Manne geworden war, ihr stille, rührende Aufmerksamkeiten und Liebesdienste, die für alle Welt deutlich waren, und die nur das junge Mädchen allein nicht zu bemerken schien.

Die kleine Chèbe interessirte übrigens überhaupt nichts.

Während der Arbeitsstunden that sie regelmäßig, aber schweigend ihre Pflicht, ohne im geringsten an Zukunft oder Behaglichkeit zu denken. Alles, was sie that, hatte den Anschein, als geschehe es in Erwartung eines bessern.

Franz dagegen arbeitete seit einiger Zeit mit ungemeinem Eifer, mit dem Ungestüm derer, die als Ende ihrer Anstrengungen ein bestimmtes Ziel erkennen, so daß er mit vierundzwanzig Jahren die » Ecole centrale« als Zweitbester und mit dem Zeugnis als Ingenieur verließ.

An jenem Abend hatte Risler die Familie Chèbe ins Gymnase-Theater geführt und sich den ganzen Abend über hinter dem Rücken der Kinder mit Frau Chèbe geheime Zeichen gegeben und ihr verstohlen zugeblinzelt. Beim Herausgehen aus dem Theater hatte dann Frau Chèbe Sidoniens Arm feierlich in den ihres Liebhabers gelegt, mit einer Miene, als wolle sie zu Franz sagen: »Jetzt erkläre dich ... das ist deine Sache!« ...

Der arme Liebhaber suchte sich wirklich zu erklären.

Der Weg vom Gymnase bis ins Marais ist weit. Schon nach wenigen Schritten verschwindet der Lichtglanz des Boulevards, die Trottoirs werden immer dunkler, die Passanten immer seltner. Franz begann damit, daß er von dem Stücke sprach ... Er liebte die Dramen, in denen das Gefühl zur Geltung kam.

»Und Sie, Sidonie?«

»O, ich ebenfalls, Franz – vorausgesetzt, daß man schöne Toiletten zu sehen bekommt.«

In der That beschäftigte sie sich im Theater mit nichts anderm. Sie war keine von jenen Sentimentalen à la Madame Bovary, die mit auswendig gelernten Liebesphrasen und einem hergebrachten Ideale aus dem Schauspiel zurückkehren. Nein, bei ihr erweckte das Theater nur ein tolles Verlangen nach Prunk und Eleganz, sie trug aus demselben nur Muster und Modelle zu Kleidern und Coiffüren im Kopfe nach Hause ... Die neuen, überladenen Toiletten der Schauspielerinnen, deren Benehmen und sogar ihr erkünstelter Gesellschaftston, der ihr von höchster Vornehmheit zu sein schien, dazu das banale Gefunkel der Vergoldungen, der Lichter, der glitzernde Anschlagzettel an der Thür, die draußen haltenden Wagen, all das etwas krankhafte Geräusch, welches ein beliebtes Stück mit sich bringt – das war's, was sie gern hatte, was sie fesselte.

»Wie gut sie die Liebesscene gespielt haben!« fährt der Liebhaber fort.

Und indem er das Wort Liebe aussprach, neigte er sich zärtlich zu dem hübschen kleinen Kopfe in der weißen Wollenkapuze, aus der die krausen Haare hervorschauten.

Sidonie seufzte.

»Ach ja, die Liebesscene ... Die Schauspielerin hatte wirklich schöne Diamanten!«

Nun entstand eine Pause. Dem armen Franz kostete eine Erklärung unendlich viel Mühe. Die Worte, nach denen er suchte, wollten ihm nicht einfallen, und nun bekam er Angst. Er stellte sich bestimmte Fristen, nach deren Ablauf er reden wollte:

– Wenn wir über die Porte Saint-Denis hinaus sind ... Wenn wir den Boulevard hinter uns haben ...

Aber Sidonie begann dann jedes Mal von so gleichgiltigen Dingen zu reden, daß ihm seine Erklärung auf den Lippen einfror, oder sie wurden auch wohl von einem Wagen aufgehalten, der den Eltern Zeit gab, sie wieder einzuholen.

Endlich im Marais kam er plötzlich zu einem festen Entschlusse:

»Hören Sie mich an, Sidonie! ... Ich liebe Sie!« ...

*

In dieser Nacht war man bei den Delobelles sehr lange aufgeblieben.

Die beiden fleißigen Frauen pflegten die Arbeitszeit stets so viel wie möglich in die Nacht hinein zu verlängern, so daß ihre Lampe in der stillen Rue de Braque zu denen gehörte, die am letzten erloschen. Sie warteten, ehe sie sich niederlegten, die Heimkehr des großen Mannes ab, für den in der Asche des Herdes ein kleines, stärkendes Abendbrot warm gehalten wurde.

Früher, als er noch spielte, hatte das seinen guten Grund: die Schauspieler, genöthigt, frühzeitig und sehr mäßig zu diniren, kehren mit einem wahren Wolfshunger aus dem Theater zurück und essen dann zu Hause. Delobelle spielte nun zwar schon lange nicht mehr, da er aber, wie er sagte, nicht das Recht hatte, der Bühne zu entsagen, so nährte er seine Manie durch eine Menge von Schauspielergewohnheiten, zu denen eben dies Souper und seine späte Heimkehr gehörten, die erst dann erfolgte, wenn die letzte Gaslaterne an den Auffahrten der Boulevard-Theater erloschen war. Ohne Souper und zur selben Zeit wie andere Leute zu Bett zu gehen, das wäre für ihn mit Entsagung, mit Verzichtleistung auf den Kampf gleichbedeutend gewesen. Und er entsagte durchaus nicht, Teufel auch! ...

In der Nacht, von der wir reden, war der Schauspieler noch nicht heimgekehrt, und die beiden Frauen warteten auf ihn, indem sie trotz der vorgerückten Stunde noch immer fleißig arbeiteten und dabei lebhaft mit einander plauderten. Den ganzen Abend über war nur von Franz die Rede gewesen, von seinem Examen und der Zukunft, die ihm nun offen stand.

»Jetzt,« meinte Mama Delobelle, »ist weiter nichts mehr nöthig, als daß er eine gute kleine Frau findet.«

Das war auch die Meinung Désirées. Nur das fehlte noch zu Franzens Glück, eine gute, tüchtige, fleißige kleine Frau, die an Arbeit gewöhnt war und nur für ihn lebte. Und wenn Désirée mit solcher Sicherheit sprach, so geschah das, weil sie die Frau, die für Franz Risler paßte, sehr genau kannte ... Sie zählte nur ein Jahr weniger als er, war also gerade in dem richtigen Alter, um jünger zu sein als der Gatte und ihn trotzdem bemuttern zu können.

... Schön?

Nein, schön gerade nicht, aber doch eher hübsch als häßlich, trotz ihres Gebrechens, denn sie hinkte, die arme Kleine! ... Und dann so verständig, so, aufgeweckt und so verliebt! Niemand außer Désirée wußte, wie sehr diese kleine Frau ihren Franz liebte, und wie sie seit Jahren Tag und Nacht an ihn dachte. Er selber war es nicht einmal gewahr geworden und schien nur für Sidonie, den Backfisch, Augen zu haben. Aber das ist gleichgiltig! Stille Liebe ist so beredt, in den verhehlten Empfindungen lebt eine solche Kraft – – – Wer weiß! Eines schönen Tages vielleicht – – –

Und die arme, über ihre Arbeit gebeugte Kleine trat eine jener großen Reisen in das Reich der Träume an, wie sie deren in ihrem Krankenstuhl, die Füße unbeweglich auf den Schemel stützend, schon so viele gemacht hatte, eine jener wunderbaren Reisen, von denen sie, sich mit dem ganzen Vertrauen einer geliebten Gattin auf Franzens Arm stützend, immer glücklich und heiter zurückkehrte. Dabei folgten ihre Finger dem Traume ihres Herzens, und der kleine Vogel, den sie in diesem Augenblicke in den Händen hielt, um seine zerdrückten Flügel wieder einzurichten, schien ebenfalls reiselustig und weit, weit in die Ferne zu entflattern, leicht und heiter wie sie.

Plötzlich öffnete sich die Thür.

»Ich störe doch nicht?« fragte eine triumphirende Stimme.

Die Mutter, die ein wenig eingenickt war, fuhr hastig auf:

»Ei! Herr Franz! ... Treten Sie doch näher, Herr Franz ... Sie sehen, wir warten auf den Vater ... Diese Herumtreiber von Künstlern – das kehrt immer so spät heim ... Nehmen Sie Platz ... Sie sollen mit ihm zu Abend essen« ...

»Nein, nein, danke bestens,« entgegnete Franz, dessen Lippen in Folge der Gemütsbewegung noch jetzt bleich waren, »danke, ich will mich nicht aufhalten ... Ich sah eben noch Licht bei Ihnen und bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen ... um Ihnen eine große Neuigkeit mitzutheilen, die Sie gewiß freuen wird, denn ich weiß ja, daß Sie mich lieben« ...

»Großer Gott! was denn?«

»Herr Franz Risler hat sich mit Fräulein Sidonie verlobt!« ...

»Und eben sagte ich erst noch, jetzt fehle ihm nichts mehr als eine gute kleine Frau!« rief Mama Delobelle, indem sie aufsprang und Franz um den Hals fiel.

Désirée war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Sie beugte sich noch tiefer auf ihre Arbeit herab, und da Franz ausschließlich an sein Glück dachte und Mama Delobelle nur für die Uhr Augen hatte, um zu sehen, ob ihr großer Mann bald nach Hause kommen würde, so bemerkte niemand die Erregung und die Blässe der Lahmen noch das krampfhafte Zittern des kleinen Vogels in ihren Händen, der mit zurückgeworfenem Kopfe, wie zum Tode verwundet, dalag.

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