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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
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II. Die Geschichte der kleinen Chèbe – Drei Familien auf einem Flur.

In Paris ist der gemeinsame Flur für die armen Familien, die in ihren zu kleinen Räumen beengt sind, gleichsam ein Zimmer mehr, ein Zusatz zu der Wohnung. Von dorther dringt im Sommer ein wenig frische Luft von außen herein, dort plaudern die Frauen, dort spielen die Kinder.

Wenn die kleine Chèbe zu viel Lärm in der Wohnung machte, so sagte die Mutter zu ihr: »Geh! du störst mich ... lauf, spiel' draußen auf dem Flur.« Und das Kind lief eilends hinaus.

Dieser Treppenflur im obersten Stockwerk eines alten Hauses, in welchem man nicht mit dem Raume gegeizt hatte, bildete einen großen, hohen, an der Treppenseite durch das schmiedeeiserne Geländer verwahrten Corridor, der durch ein breites Fenster erleuchtet wurde, durch welches man Dächer, Höfe, andere Fenster und weiterhin den Garten der Fromont'schen Fabrik erblickte, der zwischen den riesigen alten Mauern wie ein grünes Tüpfelchen erschien.

Das alles machte keinen sehr heitern Eindruck, aber dem Kinde behagte es hier weit besser als in der Wohnung. Dort war es so traurig und düster, besonders wenn es regnete und Ferdinand zu Haus blieb.

Ferdinand Chèbe, ein anschlägiger Kopf, der immer voll neuer Ideen steckte, die leider nie zu einem Resultate führten, gehörte zu jenen trägen, ewig pläneschmiedenden Spießbürgern, wie es deren so viele in Paris giebt. Seine Frau, der er anfangs imponirt hatte, hatte bald seine Nichtigkeit erkannt und sich schließlich daran gewöhnt, seine beständigen Träume von Glück und Reichthum und die unmittelbar darauf folgenden Enttäuschungen geduldig und mit Gleichmuth zu ertragen.

Von den achtzigtausend Franken, die sie ihm als Mitgift eingebracht, und die er bei lächerlichen Speculationen verschleudert hatte, war ihnen nur noch eine kleine Rente geblieben, die ihnen noch den Nachbarn gegenüber ein gewisses Ansehn verlieh, ebenso wie der aus allen Schiffbrüchen gerettete Kaschmirshawl der Frau Chèbe, ihre Braut-Spitzen und zwei sehr kleine, sehr bescheidene Brillantknöpfe in einem altfränkischen Kästchen aus weißem Sammet, auf welchem der Name des Juweliers in dreißig Jahr alten, vergoldeten Buchstaben langsam verblich, und das Sidonie zuweilen aus der Tiefe des Kommodenkastens hervorholen und sich zeigen ließ. Das war das einzige Prunkstück in dieser ärmlichen Rentierwohnung.

Lange, sehr lange hatte Herr Chèbe nach einer Stelle gesucht, die ihm gestatten sollte, ihre geringen Einkünfte um etwas zu vermehren. Diese Stelle aber suchte er nur im, wie er es nannte: »Wanderverkehr«, da ihm sein Gesundheitszustand jede sitzende Beschäftigung untersagte.

Es scheint in der That, daß der kleine Mann in der ersten Zeit seiner Ehe, als er noch große Geschäfte machte und der Geschäftswege wegen Pferd und Wagen hielt, eines Tages in nicht ungefährlicher Weise aus dem Wagen gestürzt war. Dieser Sturz, von dem er bei jeder Gelegenheit erzählte, diente seiner Trägheit zur Entschuldigung.

Man konnte nicht fünf Minuten mit Herrn Chèbe zusammen sein, ohne daß er in vertraulichem Tone sagte:

»Sie kennen den Unfall, der dem Herzog von Orleans zustieß?« ...

Und seinen kahlen Schädel betastend, fügte er hinzu:

»Das Gleiche ist mir in meiner Jugend widerfahren.«

Seit diesem berühmten Sturze verursachte jede Comptoirarbeit ihm Schwindel, und er hatte sich daher fatalerweise auf den »Wanderverkehr« angewiesen gesehen. So war er denn der Reihe nach Makler für Wein, Bücher, Trüffeln, Uhren und noch viele andere Dinge gewesen, unglücklicherweise aber wurde er schnell jeder Sache überdrüssig, fand er nie eine Stellung, wie sie sich für einen ehemaligen Großhändler mit Pferd und Wagen schickte, und so war er nach und nach, da er jede Beschäftigung für unter seiner Würde hielt, alt und unbrauchbar, kurzum, ein richtiger Müßiggänger, der am Bummeln Geschmack fand, ein Pflastertreter geworden.

Wie oft hat man den Künstlern ihre Absonderlichkeiten, ihre angeborenen Launen, jenen Abscheu vor dem Alltäglichen, der sie auf Abwege drängt, zum Vorwurf gemacht – wer aber wird je alle die lächerlichen Einfälle, alle die aberwitzigen Überspanntheiten zählen, auf die der unbeschäftigte Spießbürger verfällt, um die Leere seines Daseins auszufüllen? Herr Chèbe unterwarf seine Wanderungen und Spaziergänge gewissen Gesetzen. Die ganze Zeit über, während man am Boulevard Sebastopol baute, ging er täglich zweimal hin, um zu sehen, »ob das Ding vom Fleck käme«.

Niemand kannte besser als er die Läden von Ruf und die Specialitäten, und sehr häufig, wenn Frau Chèbe beim eifrigen Ausbessern der Familienwäsche durch den Anblick ihres Mannes, dessen albernes Gesicht durch die Scheiben schaute, gestört ward, entledigte sie sich seiner, indem sie ihn fortschickte, um ... »Du weißt ja, da unten, an der Ecke der Straße Soundso, wo man so ausgezeichnete Butterkuchen verkauft ... Das wird etwas zum Dessert für uns sein« ...

Und Herr Chèbe ging aus, schlenderte über den Boulevard, musterte die Läden, wartete auf den Omnibus und brachte den halben Tag außer dem Hause zu, um zwei Butterkuchen zu kaufen, die er dann im Triumph nach Hause brachte, worauf er sich erschöpft die Stirn trocknete.

Herr Chèbe schwärmte für den Sommer, für die Sonntage, für weite Fußmärsche im Staube von Clamart oder Romainville, für den Lärm bei festlichen Gelegenheiten und für dichtes Menschengewühl. Er gehörte zu denen, die volle acht Tage lang vor dem 15. August die schwarzen Pechpfannen, die Taxusbäume und die Gerüste begafften. Und seine Frau beklagte sich darüber durchaus nicht. Wenigstens strich dann der ewige Greiner nicht wie sonst Tage lang um ihren Stuhl mit seinen Entwürfen zu riesigen Speculationen, mit seinen schon im voraus verfehlten Combinationen, mit seinen ewigen Erinnerungen an die Vergangenheit und mit seiner Wuth, daß er kein Geld verdiene.

Sie verdiente auch keins, die arme Frau, aber sie wußte so gut zu sparen, ihr wunderbarer Wirthschaftssinn wußte so mit allem hauszuhalten, daß es der Noth, der nahen Verwandten dieser großen Dürftigkeit, noch nie gelungen war, in die drei immer saubern Zimmer einzudringen und die sorgsam ausgebesserten Kleidungsstücke oder die unter ihren Überzügen versteckten Möbel zu schädigen.

Der Thür der Chèbes gegenüber, deren kupferner Knopf bürgerlich-behäbig auf dem Flur glänzte und funkelte, befanden sich zwei andere, kleinere Thüren.

An der ersten war, wie dies bei den kunstgewerblichen Handwerkern Sitte ist, mit vier kleinen Nägeln eine Visitenkarte befestigt, die den Namen » Risler, Musterzeichner« trug. An der andern befand sich eine kleine Tafel aus gummirtem Leder mit der Inschrift:

Mmes DELOBELLE
VÖGEL UND KÄFER FÜR MODEARTIKEL.

Die Thür der Delobelles stand häufig offen und ließ ein großes, viereckiges Zimmer sehen, in welchem zwei Frauen, Mutter und Tochter, die letztere fast noch ein Kind, beide gleich ermüdet und bleich, einen jener unzähligen Phantasiegegenstände verfertigten, die man » articles de Paris« nennt.

Es war damals Mode, die Hüte und Ballkleider mit jenen niedlichen südamerikanischen Vögeln zu schmücken, deren Farbenpracht an den bunten Glanz von Geschmeide und Edelsteinen erinnerte. In dieser Specialität arbeiteten die Damen Delobelle.

Ein Engrosgeschäft, welches directe Sendungen von den Antillen erhielt, ließ ihnen uneröffnet leichte, lange Kistchen zugehen, aus denen beim Abheben des Deckels ein fader Geruch und eine Wolke von Arsenikstaub aufstieg. Dieselben enthielten die leuchtenden Käfer, die im voraus auf eine Nadel gespießt waren, und die kleinen Vögel, die eng an einander geschichtet lagen, und deren Flügel durch einen Streifen feinen Papiers festgehalten wurden. Das alles mußte zurecht gemacht werden: die Käfer waren auf leicht schwingenden Messingdrähten zu befestigen, das Gefieder der Kolibris auseinander zu breiten und mit neuem Glanze zu versehen, hier und da die Schäden an einem korallenrothen Beinchen mit einem seidenen Faden auszubessern, an Stelle der erloschenen Augen zwei glänzende Perlen einzusetzen und dem Insecte oder dem Vogel die anmuthige Haltung und den Schein des Lebens wiederzugeben.

Die Vorarbeit besorgte die Mutter nach Anleitung ihrer Tochter, denn Désirée besaß, obgleich noch ganz jung, einen gewählten Geschmack, eine feenhafte Erfindungsgabe, und niemand verstand es gleich ihr, diesen kleinen Vogelköpfen an Stelle der Augen zwei Perlen einzusetzen und die schlaffen Flügel wieder aufzuspannen.

In Folge eines Unfalls, der jedoch die Anmuth ihres feinen, regelmäßigen Gesichtchens durchaus nicht beeinträchtigt hatte, war Désirée Delobelle von Kindheit an lahm, verdankte aber der durch dies Gebrechen bedingten Unbeweglichkeit, die sie am Ausgehen hinderte, einen gewissen aristokratischen Teint und sehr weiße Hände. Mit ihrem stets aufs zierlichste geordneten Haarputz verbrachte sie ihre Tage in dem großen Lehnstuhl vor dem mit Modebildern und Vögeln von allen Farben bedeckten Tische und fand in der phantastischen, eiteln Eleganz ihrer Beschäftigung Vergessenheit für ihr Leid und so zu sagen einen Ersatz für ihr verunglücktes Leben.

Bei der Arbeit dachte sie daran, wie all diese kleinen Flügelchen von ihrem unbeweglichen Tische fortschwirren sollten zu wahren Reisen um die Pariser Welt, um auf den Festen und unter den Kronleuchtern zu glänzen, und schon aus der Stellung, welche sie ihren Käfern und Vögeln gab, hätte man die Art ihrer Gedanken errathen können. In den Tagen der Niedergeschlagenheit und des Trübsinns waren die schmalen Schnäbel nach vorn ausgestreckt und die Flügel weit geöffnet, als ob sie einen wilden, weiten Flug nehmen wollten, einen Flug weit weg von den Wohnungen im fünften Stockwerk, von den eisernen Öfen, von Noth und Entbehrung. An andern Tagen, wenn sie zufrieden war, hatten ihre Vögel ein lebensfrohes Aussehen, die verwegene, muthwillige Miene einer Laune der Mode ...

Aber ob glücklich oder unglücklich, Désirée arbeitete stets mit demselben Eifer. Vom Morgen bis tief in die Nacht hinein war der Tisch mit Arbeit beladen. Beim letzten Schimmer des Tages, wenn rings umher die Fabrikglocken in den benachbarten Höfen erklangen, zündete Frau Delobelle die Lampe an, und nach einem mehr als einfachen Mahl machte man sich wieder an die Arbeit.

Die beiden unermüdlichen Frauen hatten ein Ziel, eine fixe Idee, die sie gegen die Last der anstrengenden Nachtwachen unempfindlich machte. Dies Ziel war der Schauspielerruhm des berühmten Delobelle.

Seitdem Delobelle die Provinzial-Bühnen verlassen hatte, um in Paris aufzutreten, wartete er auf einen einsichtsvollen Director, jenen idealen, die Vorsehung vertretenden Director, dem kein Genie verborgen bleibt, der ihn aufsuchen und ihm eine seinem Talente angemessene Rolle anbieten sollte. Vielleicht hätte er, besonders im Anfang, bei einem Theater dritten Ranges eine mäßige Anstellung finden können, aber Delobelle wollte sich nicht wegwerfen.

Lieber wollte er abwarten, kämpfen, wie er sagte! ... Aber man höre, was er kämpfen nannte.

Morgens ging er in seinem Zimmer, oft sogar noch im Bett, die Rollen seines ehemaligen Repertoires durch, und die Damen Delobelle erbebten unwillkürlich, wenn sie hinter dem Verschlage Tiraden aus »Anthony« oder dem »Arzt der Kinder« erschallen hörten, von einer mächtig rollenden Stimme vorgetragen, die mit den unzähligen Ausrufen der Gewerbtreibenden des großen Bienenkorbs Paris verschmolz. Nach dem Frühstück ging dann der Schauspieler aus bis zum späten Abend, um »seinen Boulevard zu machen«, d. h. um mit kleinen Schritten, den Zahnstocher im Munde, mit ein wenig schief gesetztem Hute und immer behandschuht, gebürstet, glänzend, zwischen dem Château-d'Eau und der Madeleine-Kirche auf und ab zu spazieren.

Die Toilettenfrage war von höchster Wichtigkeit für ihn. Sie bildete eine Hauptbedingung für sein Fortkommen, die Lockspeise für den Director, jenen famosen, einsichtsvollen Director, dem es ja nicht in den Sinn kommen konnte, einen abgerissenen, schlecht gekleideten Menschen zu engagiren.

Auch wachten die Damen Delobelle auf das sorgfältigste darüber, daß ihm nichts fehle, und man kann sich denken, wieviel Vögel und Käfer erforderlich waren, um einen flotten Bruder dieses Schlages herauszuputzen! Der Schauspieler fand das sehr natürlich.

Seiner Meinung nach schafften und entbehrten seine Frau und seine Tochter nicht eigentlich für ihn, sondern für den geheimnisvollen, unbekannten Genius, als dessen Gefäß er sich gewissermaßen betrachtete.

Zwischen den Familien Chèbe und Delobelle existirte eine gewisse Ähnlichkeit in der äußern Lage. Nur war es bei den Delobelles weniger traurig. Die Chèbes fühlten ihr Leben als kleine Rentierfamilie beengt, eintönig, ohne Horizont, während Hoffnungen und Träume der Familie des Schauspielers allenthalben glänzende Aussichten eröffneten.

Die Chèbes glichen den Bewohnern einer Sackgasse. Die Delobelles bewohnten eine enge, schmutzige, luft- und lichtlose Straße, durch die jedoch nächstens ein großer Boulevard gelegt werden sollte. Ferner glaubte Frau Chèbe nicht mehr an ihren Gatten, während ihre Nachbarin in Folge der Kraft des einzigen Zauberworts »Die Kunst!« nie an dem ihren gezweifelt hatte.

Und dennoch trank Herr Delobelle seit langen Jahren vergeblich mit den Theater-Agenten Wermuth-Liqueur, mit den Chefs der Claque Absynth, mit den Lustspieldichtern, den Dramenfabrikanten und dem berühmten Autor, der mehrere große Kunstwerke auf die Scene gebracht hatte, spanischen Bittern. Die Engagements blieben immer aus. Und so war der arme Mann, ohne ein einziges Mal aufgetreten zu sein, allmählich von den ersten Liebhabern zu den Charakter-Rollen, dann zu den reichen Bonvivants, dann zu den Heldenvätern und schließlich zu den geprellten Tölpeln übergegangen ...

Dabei blieb er stehen!

Zu wiederholten Malen hatte man ihm Gelegenheit geboten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem man ihm eine Stelle als Geschäftsführer eines Clubs oder Cafés oder als Aufseher in einem großen Ladengeschäfte wie den »Phares de la Bastille« oder dem »Colosse de Rhodes« antrug. Dazu bedurfte es nur guter Manieren, und daran fehlte es Delobelle wahrhaftig nicht! ... Trotzdem aber wies der große Mann alle Vorschläge, die ihm gemacht wurden, mit einem heroischen Nein zurück.

»Ich habe nicht das Recht, der Bühne zu entsagen!« ... meinte er.

Im Munde dieses armen Teufels, der seit Jahren mit keinem Fuße die weltbedeutenden Bretter betreten hatte, hatten diese Worte etwas unwiderstehlich Komisches. Aber das Lachen verging einem, wenn man seine Frau und sein Kind bei Tag und bei Nacht den Arsenikstaub schlucken sah und sie, während ihre Nadeln am Messingdrahte zerbrachen, mit Nachdruck wiederholen hörte:

»Nein! nein! Herr Delobelle hat nicht das Recht, der Bühne zu entsagen.«

Glücklicher Mann, dem seine lächelnde, herablassende Miene, die Gewohnheit, in Dramen zu gebieten, für das Leben die Ausnahmestellung eines verhätschelten, bewunderten Königskindes geschaffen hatten! Wenn er ausging, grüßten ihn die Ladeninhaber der Rue des Francs-Bourgeois bei der Vorliebe der Pariser für alles, was mit dem Theater zusammenhängt, auf das ehrerbietigste. Er war immer so gut gekleidet. Und dann war er so gut, so zuvorkommend ... Man bedenke nur, daß er, er, Ruy-Blas, Antony, Raphael aus den »Marmorherzen«, Andrès aus den »Piraten der Savanne« – daß er jeden Sonnabend Abend die Arbeit der Frauen eigenhändig in einem Carton nach einem Blumengeschäfte in der Rue Saint-Denis trug ...

Aber selbst wenn er sich eines solchen Auftrags entledigte, hatte dieser Teufelskerl so viel edlen Anstand, so viel natürliche Würde, daß die mit der Ausgleichung des Contos Delobelle beauftragte Dame sehr in Verlegenheit war, wie sie einem so tadellosen Gentleman den kleinen, sauer erworbenen Wochenverdienst einhändigen solle.

An solchen Abenden kehrte der Schauspieler nicht zum Essen nach Hause zurück. Die Damen wußten das im voraus. Er traf dann stets auf dem Boulevard einen alten Kameraden, einen Verkannten gleich ihm – es giebt deren so viele bei diesem verwünschten Handwerk – für den er bereitwillig im Restaurant und im Café die Zeche bezahlte ... Später lieferte er dann getreulich, und man wußte ihm Dank dafür, den Rest des Geldes zu Hause ab. Zuweilen brachte er auch einen Strauß für seine Frau, ein kleines Geschenk für Désirée, ein Nichts, eine Spielerei mit. Warum auch nicht? Das ist einmal Theaterbrauch. Wie leicht wirft man in den Melodramen eine Handvoll Goldstücke aus dem Fenster:

»Da, Halunke! Nimm diese Börse und sag' deiner Herrin, daß ich sie erwarte.«

Daher waren die Damen Delobelle trotz ihres guten Muthes, und obgleich ihre Arbeit ziemlich einträglich war, doch oft in Noth, namentlich zur Zeit der todten Saison für die Pariser Artikel.

Glücklicherweise aber war der gute Risler da, immer bereit, seinen Freunden zu helfen.

*

Wilhelm Risler, der dritte Miethsmann auf dem Flur, wohnte mit seinem Bruder Franz zusammen, der etwa fünfzehn Jahre jünger war als er. Diese beiden großen, blonden, starken, rothbäckigen Schweizer brachten gesunde, von der Landluft gebräunte Gesichter in die Stickluft des düstern Arbeiterhauses mit. Der ältere war Musterzeichner in der Fromont'schen Fabrik und bezahlte die monatlichen Collegiengelder für seinen Bruder, der zunächst die Vorlesungen im Collège Chaptal besuchte, um später in die » École centrale« einzutreten.

Bei seiner Ankunft in Paris hatte Wilhelm, den die Einrichtung seines kleinen Hausstands nicht wenig in Verlegenheit setzte, bei den Damen Chèbe und Delobelle Rath und Auskunft und eine Hilfe gefunden, die für den treuherzigen, schüchternen, ein wenig unbeholfenen und dabei noch durch seinen fremden Accent und sein fremdes Aussehn behinderten Jungen unerläßlich war. Nach einiger Zeit nachbarlicher Beziehungen und gegenseitiger Dienstleistungen bildeten dann die beiden Risler einen Theil der beiden Familien.

An Festtagen wurde immer bei einer der beiden Familien auch für sie mitgedeckt, und die beiden Fremdlinge waren von Herzen froh, in diesen ärmlichen Haushaltungen, so bescheiden und dürftig es in denselben herging, ein wenig Liebe und häusliches Behagen zu finden. Die Einkünfte des Musterzeichners, der in seinem Fache sehr geschickt war, erlaubten ihm dagegen, den Delobelles beim Quartalschluß gefällig zu sein und die Chèbes als reicher Onkel zu besuchen, der immer mit Überraschungen und Geschenken bei der Hand war, so daß die Kleine, sobald sie ihn nur erblickte, sich an seine Taschen drängte und ihm auf die Kniee kletterte.

Sonntags führte er die ganze Gesellschaft ins Theater, und beinahe jeden Abend ging er mit Delobelle und Herrn Chèbe in eine Brauerei in der Rue Blondel, wo er sie mit Bier und Salzbretzeln bewirthete. Bier und Bretzeln bildeten seine Leidenschaft.

Es gab für ihn kein größeres Vergnügen, als zwischen seinen beiden Freunden vor einem Schoppen zu sitzen und ihnen zuzuhören, denn er selbst betheiligte sich nur mit einem linkischen Gelächter oder einem Kopfschütteln an der Unterhaltung, die gemeiniglich in einer endlosen Flut von Klagen gegen die Gesellschaft bestand.

Eine kindliche Schüchternheit und zahlreiche Germanismen in seiner Redeweise, die er in Folge seines völlig von der Arbeit in Anspruch genommenen Lebens niemals völlig abzulegen vermochte, waren ihm beim Aussprechen seiner Gedanken äußerst hinderlich. Außerdem flößten ihm seine Freunde zu großen Respect ein. Sie besaßen ihm gegenüber die unendliche Überlegenheit des Müßiggängers über den Arbeiter, und Herr Chèbe, weniger großmüthig als Delobelle, trug auch kein Bedenken, ihn das fühlen zu lassen. Er behandelte ihn sehr von oben herab, dieser Herr Chèbe! Seiner Meinung nach war ein Mensch, der wie Risler zehn Stunden täglich arbeitete, nach gethanem Tagewerk völlig unfähig, eine vernünftige Ansicht zu haben. Zuweilen schickte sich der Musterzeichner, wenn er abends abgespannt aus der Fabrik zurückkehrte, noch an, dringender Arbeiten wegen die Nacht zu durchwachen. Dann hätte man das aufgebrachte Gesicht des Herrn Chèbe sehen sollen.

»Mir sollte einer mit solcher Arbeit kommen!« sagte er, indem er sich in die Brust warf, und Risler mit dem prüfenden Blick eines Arztes, der einen Kranken besucht, ins Auge fassend, fügte er hinzu: »Sobald sie einen tüchtigen Schlaganfall gehabt haben werden« – – –

Delobelle war nicht so unbarmherzig, aber er betrachtete ihn noch mehr von oben herab:

Die Ceder sieht die Rose zu ihren Füßen nicht –

Delobelle sah Risler einfach nicht.

Wenn er zufällig einmal geruhte, von seiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, so hatte er eine gewisse Manier, sich zu ihm hinzubeugen, um ihn anzuhören, und zu seinen Worten zu lächeln, daß es schien, als unterhielte er sich mit einem Kinde. Oder er ergötzte sich wohl auch damit, ihm durch Coulissengeschichten zu imponiren, und gab ihm Vorschriften über sein Benehmen und Adressen von Kleiderlieferanten, da er nicht begreifen konnte, wie ein Mann, der soviel Geld verdiente, sich immer wie ein Schuljunge kleiden könne. Der gute Risler, überzeugt, daß er seinen beiden Freunden unendlich nachstehe, suchte durch eine Menge von Aufmerksamkeiten und kleinen Gefälligkeiten ihre Verzeihung zu erlangen, wobei er selbstverständlich zu allen möglichen Rücksichten verbunden war – denn er war ja der ewige Wohlthäter.

Zwischen diesen drei Hausständen auf demselben Flur stellte die kleine Chèbe durch ihr beständiges Gehen und Kommen die Verbindung her.

Zu jeder Tageszeit schlüpfte sie in das Arbeitszimmer der Delobelles, ergötzte sich an den Arbeiten, betrachtete alle die kleinen, glänzenden Thierchen, und da sie schon jetzt mehr putzsüchtig als spiellustig war, so versuchte sie, wenn ein Käfer auf der Reise einen seiner Flügel, ein Kolibri ein Stück seines Flaumkleides verloren hatte, sich aus diesen Bruchstücken einen Schmuck zu machen und diese lebhafte Farbennüance in ihrem feinen, krausen Haare zu befestigen. Désirée und ihre Mutter lachten, wenn sie sahen, wie die Kleine sich auf die Fußspitzen stellte, um in den alten, trüben Spiegel zu blicken, und sich dabei zierte und mit sich selber kokettirte. Hatte dann das Kind an der eigenen Bewunderung genug, so öffnete es mit allen in den kleinen Fingern vorhandenen Kräften die Thür und ging gravitätisch und mit gerade gehaltenem Kopfe, um nur nicht den Putz in Unordnung zu bringen, hinaus, um bei den Rislers anzuklopfen.

Dort war tagsüber nur Franz zu Hause, der Schüler, der, über seine Hefte gebeugt, sehr verständig seine Arbeiten machte. Sidonie trat ein – ade Studium! Er mußte alles im Stich lassen, um die schöne, mit einem Kolibri geschmückte Dame zu empfangen, die ihm wie eine Prinzessin erschien, welche ihm im Collège Chaptal einen Besuch abstattete, um beim Director um seine Hand anzuhalten.

Es war wirklich seltsam zu sehen, wie dieser große, zu schnell in die Höhe geschossene Junge mit dem achtjährigen Mädchen spielte, wie er sich in ihre Launen fügte und ihr durch Nachgiebigkeit seine Verehrung bezeugte, so daß später, als er sich völlig in sie verliebte, niemand sagen konnte, wann diese Liebe eigentlich begonnen habe.

So sehr sie aber auch in diesen beiden Familien gehätschelt wurde, so trat immer ein Moment ein, wo die kleine Chèbe sich an das Flurfenster zurückzog. Dort fand sie immer die meiste Zerstreuung, einen immer für sie offenen Horizont, etwas wie eine Offenbarung der Zukunft, der sie sich neugierig und furchtlos entgegenbeugte – denn Kinder kennen keinen Schwindel.

Zwischen den gegen einander geneigten Schieferdächern erschienen ihr die hohen Mauern der Fabrik, die Wipfel der Platanen im Fromont'schen Garten und die Werkstätten mit den zahllosen Fensterscheiben wie ein gelobtes Land, das Land ihrer Träume.

Das Haus Fromont war für sie der Inbegriff des Reichthums.

Der Raum, den es in diesem Winkel des Marais einnahm, das zu gewissen Tagesstunden vom Dampf und Geräusch seiner Maschinen erfüllt wurde, der Enthusiasmus Rislers, seine fast unglaublichen Erzählungen von dem Reichthum, der Herzensgüte und der Geschäftskenntnis seines Herrn – das alles hatte die Neugier des Kindes erweckt, und was es nur immer von dem Wohnhause zu sehen bekam, die feinen Holzjalousien, die runde Terrasse mit den Gartenmöbeln davor, die große Volière aus Zinkdraht, der in der Sonne blitzte und mit vergoldeten Stäben durchflochten war, die blaue Kutsche im Hofe – das alles war Gegenstand seiner beständigen Bewunderung.

Sie kannte alle Gewohnheiten des Hauses Fromont: die Zeit, zu der die Glocke geläutet wurde, die Feierstunde der Arbeiter, die Zahl-Sonnabende, an denen die kleine Lampe des Kassirers bis spät am Abend brannte, und dann die langen Sonntagnachmittage, an denen die Arbeitsräume geschlossen, die Öfen erloschen waren, mit ihrer tiefen Stille, die so zu sagen die Spiele Fräulein Claras, die mit ihrem Vetter Georges im Garten umherlief, ihrem Auge näher brachte. Die Einzelheiten erfuhr sie von Risler.

»Zeig' mir die Fenster des Salons,« sagte sie zu ihm ... »und wo ist Claras Zimmer?« ...

Über diese ungewöhnliche Sympathie für seine theure Fabrik entzückt, bezeichnte Risler dem Kinde von da oben die Lage und Einrichtung der Gebäude: er zeigte ihm die Druckerei, den Vergoldersaal, den Farbensaal, den Zeichensaal, in welchem er selbst arbeitete, den Maschinenraum, von welchem der ungeheure Schornstein in die Höhe stieg, der alle umliegenden Mauern mit seinem Rauche schwärzte und sicherlich nicht ahnte, daß da eine kleine, unter dem Nachbardache versteckte Seele ihre innersten Gedanken an sein Schnauben, das laute Schnauben eines unermüdlichen Arbeiters, knüpfte.

Eines Tages endlich that sich dies lange aus der Ferne beobachtete Paradies für Sidonie auf.

Frau Fromont, der Risler oftmals von der Zierlichkeit und der Klugheit seiner kleinen Nachbarin erzählt hatte, bat den braven Schweizer, sie doch zu dem Kinderball herüberzuschicken, den sie zu Weihnachten geben wollte. Herr Chèbe schlug diese Einladung zuerst rundweg aus. Schon damals ärgerten und kränkten ihn diese Fromonts, deren Namen Risler immer auf der Zunge hatte, durch ihren Reichthum. Außerdem handelte es sich um einen Maskenball, und Herr Chèbe – er, der ja nicht mit Tapeten handelte! – besaß keine Mittel, um seine Tochter als Seiltänzerin auszustaffiren. Aber Risler bestand auf seinem Willen, erklärte, daß er für alles sorgen werde, und machte sich auf der Stelle daran, ein Costüm zu entwerfen.

Es war ein denkwürdiger Abend.

Désirée Delobelle, von Kleidungsstücken, Stecknadeln und allerlei kleinen Toilettengegenständen umgeben, leitete im Zimmer der Frau Chèbe die Costümirung Sidoniens. Das kleine Mädchen, das in dem kurzen Röckchen aus rothem, schwarzgestreiften Flanell größer erschien als sonst, stand unbeweglich im Glanze seines Staates vor dem Spiegel. Sie sah reizend aus. Das weiße Corsett mit den Sammetstreifen, die langen Flechten ihres herrlichen braunen Haares, die unter einem leichten Strohhute hervorquollen, alle die etwas gewöhnlichen Einzelheiten ihres Schweizercostüms wurden schön durch den klugen Gesichtsausdruck des Kindes und seine durch die lebhaften Farben dieses theatralischen Aufputzes zur Geltung kommende Anmuth.

Die ganze Nachbarschaft war herbeigeeilt und erschöpfte sich in Ausrufen der Bewunderung. Während man dann Delobelle herbeiholte, zupfte Désirée die Falten an dem Röckchen zurecht, ordnete die Bänder an den Schuhen und warf, ohne ihre Nadel bei Seite zu legen, noch einen letzten prüfenden Blick auf ihr Werk: auch sie, das arme, lahme Kind, fühlte sich von der aufregenden Trunkenheit ergriffen, die dies Fest erzeugte, dem sie gar nicht beiwohnen sollte. Endlich trat der große Mann ein. Er ließ Sidonien zwei oder drei schöne Verbeugungen wiederholen, die er sie gelehrt hatte, und zeigte ihr, wie sie zu gehen, sich eine Haltung zu geben und mit leiser, runder Öffnung des Mundes, so daß gerade der kleine Finger Platz darin fände, zu lächeln habe. Die Sicherheit, mit der das Kind seinen Anweisungen nachkam, war wirklich komisch.

»Sie hat Komödiantenblut in den Adern!« ... rief der alte Schauspieler begeistert und ohne zu begreifen, warum Franz, der große Pinsel, Lust zum Weinen hatte ...

Noch nach Jahresfrist hätte man Sidonie fragen können, was für Blumen an jenem glücklichen Abend die Vorzimmer schmückten, von welcher Farbe die Möbel gewesen und welche Tanzmelodie man im Augenblicke ihres Eintritts in den Saal gespielt hatte – einen so tiefen Eindruck hatte das genossene Vergnügen bei ihr hinterlassen. Sie vergaß nichts, weder die Costüme, die sie umgaukelten, noch das helle Kinderlachen, noch all die kleinen Füßchen, die auf dem glatten Parquet durcheinander wirrten. Einmal, als sie eben auf der Kante eines großen, mit rother Seide überzogenen Sophas saß und zum ersten Male in ihrem Leben von der ihr gereichten Platte eine Schale Sorbet nahm, dachte sie plötzlich an die dunkle Treppe, an die kleine, unansehnliche Wohnung ihrer Eltern, und ihr Heim erschien ihr wie ein fernes, fernes Land, das sie für immer verlassen hatte.

Übrigens fand man sie überall reizend: sie wurde von allen bewundert und gehätschelt. Clara Fromont, eine von oben bis unten mit Spitzen bedeckte Miniatur-Bäuerin aus der Normandie, stellte sie ihrem Vetter Georges vor, einem prächtigen Husaren, der sich bei jedem Schritte umwandte, um den Effect seiner Säbeltasche zu beobachten.

»Du hörst, Georges, sie ist meine Freundin ... Sie wird sonntags mit uns spielen ... Mama hat es erlaubt.«

Und mit der naiven Herzlichkeit eines glücklichen Kindes umarmte sie die kleine Chèbe von ganzem Herzen.

Und doch mußte sie wieder fort ... Noch lange, auf der dunkeln Straße, wo der Schnee niederrieselte, auf der lichtlosen Treppe, in dem stillen Zimmer, wo ihre Mutter auf sie wartete, tanzte das helle Licht der Salons vor ihren geblendeten Augen.

»War es schön? ... hast du dich gut amüsirt?« fragte leise Frau Chèbe, während sie einen nach dem andern die Häkchen an dem glänzenden Costüme öffnete.

Aber Sidonie, von Müdigkeit überwältigt, schlief, ohne zu antworten, im Stehen ein und begann einen schönen Traum zu träumen, der ihre ganze Jugend hindurch dauern und ihr viele Thränen kosten sollte.

Clara Fromont hielt Wort. Sidonie spielte oft in dem schönen Garten mit den kiesbestreuten Wegen und konnte die zierlich geschnitzten Jalousien sammt dem Vogelhaus mit den goldenen Drähten ganz in der Nähe betrachten. Sie lernte alle Ecken und Winkel der weitläufigen Fabrik kennen, und in der Stille der Sonntagnachmittage spielte sie oftmals hinter den Druckpressen Verstecken. An Festtagen wurde auch für sie am Kindertisch gedeckt.

Jeder liebte sie, ohne daß sie selbst jemals eine besondere Zuneigung zu jemandem zeigte. So lange sie sich von jenem Prunk und Luxus umgeben sah, fühlte sie sich weich, glücklich, gleichsam verschönt, war sie aber nach Hause zurückgekehrt und erblickte sie dann die Fabrik durch die trüben Scheiben des Flurfensters, dann regte sich in ihr eine unerklärliche Sehnsucht, ein unbeschreiblicher Zorn.

Und doch begegnete ihr Clara Fromont durchaus als Freundin.

Zuweilen nahm man sie in der berühmten blauen Kutsche mit ins Boulogner Wäldchen, zu den Tuilerien oder auch aufs Land nach Savigny-sur-Orge zum Schlosse des Großvaters Gardinois, wo sie hin und wieder eine ganze Woche zubrachte. Dank den Geschenken Rislers, der auf die Erfolge seiner Kleinen nicht wenig stolz war, war sie immer hübsch, immer gut gekleidet ... Frau Chèbe machte das zu einer Ehrensache, und das hübsche lahme Mädchen war immer bereit, die unverwendbaren Schmuckschätze ihrer kleinen Freundin zur Verfügung zu stellen.

Herr Chèbe, der den Fromonts immer abhold war, betrachtete diese wachsende Vertraulichkeit mit bösen Blicken. Der wahre Grund war der, daß man nicht auch ihn einlud, nur gab er andere dafür an und sagte zu seiner Frau:

»Du siehst also nicht, daß deine Tochter immer in gedrückter Stimmung von da drüben zurückkommt und dann stundenlang am Fenster träumt?«

Aber die arme, seit ihrer Verheirathung unglückliche Frau Chèbe war kurzsichtig und unachtsam geworden. Sie behauptete, man müsse aus Furcht vor der Zukunft die Gegenwart zu genießen und das Glück zu ergreifen suchen, sobald es nur nahe sei, denn oft habe man nur die Erinnerung an eine glückliche Kindheit zur Stütze und zum Troste fürs ganze Leben.

Dies eine Mal fand sich's, daß Herr Chèbe Recht hatte.

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