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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
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VI. Sidoniens Rache.

Während der zwanzig Jahre, die er in Montrouge wohnte, war Sigismund noch nie so spät nach Hause gekommen, ohne seine Schwester vorher davon in Kenntnis zu setzen. Fräulein Planus befand sich daher auch in großer Sorge. Da sie Gedanken und alles mit ihrem Bruder theilte und ein Herz und eine Seele mit ihm war, so hatte die alte Jungfer auch mehrere Monate lang alle Sorgen und allen Ärger des Kassirers getheilt, und daher war ihr noch jetzt eine große Erregbarkeit und Ängstlichkeit geblieben. Bei der geringsten Verspätung Sigismunds dachte sie:

– Ach Gott! ... wenn nur in der Fabrik nichts vorgefallen ist!

Das war also der Grund, weshalb sich Fräulein Planus an diesem Abend, nachdem der Hühnerhof zu Bett gegangen und eingeschlafen und das Diner unberührt wieder abgetragen worden war, in den kleinen, niedrigen Vorsaal setzte und in großer Erregung wartete.

Endlich gegen elf Uhr wurde geklingelt: ein scheuer, trauriger Zug an der Glocke, der nicht im geringsten dem kräftigen Griffe Sigismunds ähnelte.

»Sind Sie es, Herr Planus?« ... fragte die alte Jungfer oben von der Treppe herab.

Er war's, aber er kam nicht allein. Ein großer, gebeugt gehender alter Mann folgte ihm und sagte beim Eintreten mit schleppender Stimme guten Abend. Da erst erkannte Fräulein Planus Risler senior, den sie seit dem Neujahrsbesuche, d. h. einige Zeit vor den Katastrophen in der Fabrik, nicht gesehen hatte. Sie konnte kaum einen Ausruf des Mitleids unterdrücken. Angesichts der ernsten Schweigsamkeit der beiden Männer aber begriff sie, daß auch sie schweigen müsse.

»Fräulein Planus, meine Schwester, Sie werden mein Bett frisch überziehen. Unser Freund Risler erweist uns die Ehre, diese Nacht bei uns zu schlafen.«

Die alte Jungfer machte mit beinahe zärtlicher Sorgfalt eiligst das Zimmer zurecht, denn man weiß ja, daß außer »Herrn Planus, meinem Bruder« Risler der einzige Mann war, der bei dem allgemeinen Verdammungsurtheil, das sie über alle fällte, eine Ausnahme machte.

Beim Herauskommen aus dem Café chantant war Sidoniens Gatte zuerst eine Beute furchtbarster Erregung gewesen. Am ganzen Leibe bebend, schleppte er sich am Arme Sigismunds fort. Jetzt war nicht mehr die Rede davon, nach Montrouge zu gehen und den Brief und das Packet zu holen.

»Laß mich ... geh« ... sagte er zu Sigismund. »Ich will allein sein« ...

Aber Sigismund hütete sich, ihn so seiner Verzweiflung zu überlassen. Ohne daß Risler es gewahr wurde, führte er ihn weit ab von der Fabrik, und dabei gab der Verstand des Herzens dem alten Kassirer ein, wovon er unter diesen Umständen mit seinem Freunde reden müsse: während des ganzen Weges sprach er ihm nur von Franz, seinem kleinen Franz, den er so sehr liebte.

»Ja, das war Liebe, und ächte, treue ... Von solchen Herzen wie dem ist kein Verrath zu fürchten.«

Während dieses Gesprächs hatten sie das geräuschvolle Paris des Stadtmittelpunktes verlassen. Sie gingen jetzt die Quais entlang, streiften am Jardin des Plantes hin und wanden sich durch das Faubourg Saint-Marceau. Risler ließ sich führen. Die Worte Sigismunds thaten ihm so wohl!

So gelangten sie dicht an die Bièvre, an der an jener Stelle zahlreiche Gerbereien liegen, deren große Trockengerüste in regelmäßigen Zwischenräumen Streifen des blauen Himmels durchscheinen ließen, und kamen schließlich auf die weiten Ebenen von Montsouris, weite, kahle Gefilde, die verbrannt und verdorrt sind unter dem glühenden Hauche, den Paris bei seiner Arbeit ausströmt wie ein gigantischer Drache, dessen qualmender, feuriger Odem keine Vegetation in seinem Bereiche aufkommen läßt.

Von Montsouris bis zu den Festungswerken bei Montrouge sind nur wenige Schritte. Als sie erst dort waren, fiel es Planus nicht schwer, den Freund mit sich nach Hause zu ziehen. Er war mit Recht der Meinung, seine ruhige Häuslichkeit und das Schauspiel einer brüderlichen, stillen und hingebenden Freundschaft würden dem Herzen des Unglücklichen gleichsam einen Vorgeschmack von dem Glücke geben, das bei seinem Bruder Franz seiner harrte. Und in der That waren sie kaum eingetreten, als schon der Zauber des kleinen Haushalts zu wirken begann.

»Ja, du hast recht, alter Freund,« sagte Risler, indem er mit großen Schritten in dem niedrigen Saale auf und ab ging, »ich darf nicht mehr an dies Weib denken. Sie ist jetzt todt für mich. Ich habe nur noch meinen kleinen Franz auf der Welt ... Ich weiß noch nicht, soll ich ihn zurückkommen lassen, oder soll ich ihn selbst da unten aufsuchen – das aber steht fest, wir werden fortan beisammen bleiben ... Ich sehnte mich so sehr nach einem Sohne. Da habe ich ihn nun gefunden, meinen Sohn. Ich will keinen andern. Wenn ich bedenke, daß es einen Augenblick meine Absicht war, zu sterben ... Weg mit dem Gedanken! Madam Dingsda würde zu vergnügt darüber sein! ... Im Gegentheil, ich will leben, leben mit meinem Franz, und nur für ihn.«

»Bravo!« sagte Sigismund, »so wollte ich dich sehen.«

In diesem Augenblicke trat Fräulein Planus ein und meldete, daß das Zimmer bereit sei.

Risler entschuldigte sich bei ihr wegen der Störung, die er verursachte.

»Ihr befindet euch so wohl, so glücklich hier ... Es ist wirklich zu bedauern, daß ich euch meinen Trübsinn ins Haus bringe.«

»Ei, alter Freund, du kannst dir ein ganz gleiches Glück schaffen,« sagte der brave Sigismund freudestrahlend. »Ich habe meine Schwester, du hast deinen Bruder. Was fehlt uns also?«

Um Rislers Lippen spielte ein halbes Lächeln. Er sah sich schon mit Franz in einem ruhigen, quäkerhaft saubern Häuschen wie dem hier.

Papa Planus hatte entschieden einen guten Einfall gehabt.

»Nun geh' zu Bett,« sagte er mit triumphirender Miene ... »Komm, wir wollen dir dein Zimmer zeigen.«

Das Zimmer Sigismunds war ein Raum im Erdgeschoß, ein großes, einfach, aber sauber möblirtes Gemach mit Kattunvorhängen an den Fenstern, ebensolchen Bettgardinen und kleinen, viereckigen Teppichen unter den Stühlen auf dem blitzenden Fußboden. Selbst Frau Fromont Mutter würde nichts an der Ordnung und der Sauberkeit des Zimmers auszusetzen gefunden haben. Auf einem Brette, das den Bücherschrank bildete, standen einige Bücher: »Der Führer des Anglers«, »Die vollkommene Hausfrau auf dem Lande«, »Barême's Rechenknecht«. Das war der geistige Theil in der Wohnung.

Papa Planus schaute mit Stolz um sich. Das Glas Wasser stand auf dem Nußbaumtische, wie's sich gehört, das Rasirzeug lag auf dem Waschtische.

»Du siehst, Risler ... hier ist alles, was du brauchst ... Wenn dir übrigens etwas fehlen sollte – die Schlüssel stecken überall in den Möbeln ... du brauchst nur aufzuschließen ... Und sieh nur, welche schöne Aussicht man von hier hat ... In diesem Augenblicke ist's etwas dunkel, morgen früh aber, beim Aufwachen, wirst du sehen, es ist prächtig.«

Er öffnete das Fenster. Schwere Regentropfen begannen zu fallen, und einzelne Blitze, die die Luft durchzuckten, zeigten die lange, unabsehbare Linie der schweigenden Wälle mit den regelmäßig vertheilten Telegraphenstangen oder der düstern Thür einer Kasematte. Von Zeit zu Zeit erinnerte der Schritt einer Patrouille auf dem Rundenwege, das Klirren eines Gewehrs oder eines Säbels daran, daß man sich in der Militärzone befand. Das war die von Planus gerühmte Aussicht, eine melancholische Aussicht, wenn es überhaupt eine war.

»Und nun gute Nacht ... Schlaf wohl.«

Aber in dem Momente, wo der alte Kassirer hinausgehen wollte, rief sein Freund ihn zurück:

»Sigismund!«

»Zu Befehl« ... sagte der Brave und wartete.

Risler erröthete leicht und bewegte die Lippen, als ob er etwas sagen wolle. Dann aber bezwang er sich gewaltsam:

»Nein ... nichts ... Gute Nacht, alter Freund.«

Bruder und Schwester sprachen dann noch lange im Eßzimmer leise mit einander. Planus erzählte den schrecklichen Vorfall vom Abend, das Zusammentreffen mit Sidonie, und man kann sich denken, wie oft dabei die beiden Leibsprüche: »O die Frauen!« und »O die Männer!« zum Vorschein kamen. Endlich ging Fräulein Planus, nachdem man die Gartenthür sorgfältig verschlossen hatte, in ihr Zimmer hinauf, und Sigismund richtete sich, so gut er konnte, in dem kleinen Nebenzimmer ein.

Gegen Mitternacht wurde der Kassirer plötzlich von seiner Schwester geweckt, die ihn leise und tief erschrocken rief:

»Herr Planus, mein Bruder?«

»He?«

»Haben Sie gehört?«

»Nein ... Was denn?«

»O, es war schrecklich! ... Etwas wie ein Seufzer, aber so schwer, so traurig ... Es kam aus dem Zimmer unten.«

Sie lauschten. Draußen fiel der Regen in Strömen und rauschte mit jenem Geräusche durch die Blätter, das auf dem Lande ein Gefühl völliger Vereinsamung und Abgeschiedenheit erzeugt.

»Es ist der Wind« ... sagte Planus.

»Ich bin sicher, der Wind ist's nicht ... Still! ... Hören Sie.«

Unter dem Tosen des Gewitters draußen stieg ein Klagelaut zu ihnen empor wie ein Schluchzen, das aus einem mit Mühe ausgesprochenen Namen bestand:

»Franz! ... Franz!« ...

Wie schauerlich und kläglich das klang.

Als Christus am Kreuze seinen Verzweiflungsschrei zum leeren Himmel emporsandte: »Eli, Eli, lama sabathani!« mußten die, welche ihn hörten, den abergläubischen Schrecken empfinden, der plötzlich Fräulein Planus ergriff.

»Ich fürchte mich,« murmelte sie ... »wenn Sie nachsähen?« ...

»Nein, lassen wir ihn. Er denkt an seinen Bruder. Der arme Bursche! Nur dieser Gedanke ist noch im Stande, ihm wohl zu thun.«

Und der alte Kassirer schlief wieder ein.

Am andern Morgen erwachte er, wie immer, als in den Forts die Reveille geschlagen wurde, denn das rings von Kasernen umgebene kleine Hauswesen richtete sich völlig nach den militärischen Signalen. Seine Schwester war bereits aufgestanden und fütterte die Hühner. Als sie Sigismund ebenfalls auf den Beinen sah, kam sie etwas aufgeregt zu ihm.

»Es ist eigentümlich,« sagte sie, »ich höre kein Geräusch bei Herrn Risler ... Und doch steht das Fenster angelweit offen.«

Sigismund klopfte sehr erstaunt bei seinem Freunde an:

»Risler! ... Risler!« ...

Er rief mit einer gewissen Unruhe.

»Risler, bist du da? ... schläfst du?«

Niemand antwortete. Er öffnete die Thür.

Im Zimmer war es sehr kalt. Man spürte, daß während der ganzen Nacht die feuchte Luft von draußen durch das offene Fenster eingedrungen war. Beim ersten Blick, den er aus das Bett warf, dachte Planus: – Er hat sich gar nicht niedergelegt ... In der That war das Bett völlig unberührt, und die geringsten Kleinigkeiten im Zimmer: die noch qualmende Lampe, die man auszulöschen vergessen hatte, die im Fieber der Schlaflosigkeit völlig geleerte Karaffe, deuteten auf eine in höchster Aufregung schlaflos verbrachte Nacht. Am meisten aber erschreckte den Kassirer der Umstand, daß der Kommodenkasten offen stand, in welchem er den ihm von seinem Freunde anvertrauten Brief nebst dem Packete verwahrt hatte.

Der Brief war nicht mehr da. Das Packet lag aufgebrochen auf dem Tische: es enthielt eine Photographie Sidoniens als fünfzehnjähriges Kind. Mit ihrem einfachen Kleide, dem widerspenstigen, in der Mitte gescheitelten Haar und der verlegenen Haltung des noch linkischen Mädchens glich die kleine Chèbe von damals, der Lehrling Fräulein Le Mires, der Sidonie von heute fast gar nicht. Und gerade deshalb hatte auch Risler diese Photographie aufgehoben als ein Andenken, nicht an seine Frau, sondern an die »Kleine«.

Sigismund war bestürzt.

»Das ist meine Schuld,« sagte er sich. »Ich hätte die Schlüssel abziehen sollen ... Aber wer konnte denn ahnen, daß er noch immer daran denkt? ... Er hatte mir doch hoch und theuer geschworen, daß dies Weib nicht mehr für ihn existire.«

In diesem Augenblicke trat Fräulein Planus mit ganz bestürztem Gesichte ein.

»Herr Risler ist fort« ... sagte sie.

»Fort? ... Die Gartenthür war doch verschlossen?«

»Er ist über die Mauer geklettert ... Man sieht die Spuren.«

Sie sahen sich erschreckt an.

– Der Brief! ... dachte Planus.

Augenscheinlich mußte dieser Brief seiner Frau Risler von etwas Unerwartetem in Kenntnis gesetzt haben, und um seine Wirthe nicht zu wecken, war er geräuschlos durch das Fenster davongegangen wie ein Dieb. Aber warum? In welcher Absicht?

»Sie werden sehen, Schwester,« sagte der arme Planus, während er sich in aller Eile völlig ankleidete, »Sie werden sehen, daß diese Dirne ihm noch irgend einen Streich gespielt hat.«

Und als die alte Jungfer ihn zu beruhigen versuchte, kam der brave Mann fortwährend auf sein Lieblingswort zurück:

»Hab' kain Vertrauen!«

Sobald er dann fertig war, eilte er hinaus.

Auf der vom nächtlichen Regen durchnäßten Erde konnte man Rislers Tritte mit Leichtigkeit bis zur Gartenthür verfolgen. Er mußte sich noch vor Tagesanbruch entfernt haben, denn die Gemüsebeete und die Blumeneinfassungen wiesen hier und da tiefe, weit auseinander liegende Fußspuren auf. Die Mauer hinten zeigte weiße Schrammen und auf dem Kamme eine kleine Lücke. Bruder und Schwester traten nun auf die Ringstraße hinaus. Dort aber konnte man die Spuren nicht weiter verfolgen. Nur soviel war zu erkennen, daß Risler sich in der Richtung nach der Heerstraße nach Orleans zu entfernt hatte.

»Im Grunde genommen,« bemerkte Fräulein Planus schüchtern, »sind wir vielleicht recht thöricht, daß wir uns solche Sorge machen. Er ist vielleicht ganz einfach zur Fabrik zurückgekehrt.«

Sigismund schüttelte den Kopf. O, wenn er gesagt hätte, was er dachte!

»Gehen Sie wieder hinein, Schwester ... Ich will sehen« ...

Und der alte »Hab' kain Vertrauen« brauste wie ein Windstoß fort. Seine weiße Mähne starrte noch struppiger als sonst.

Auf der Ringstraße bewegten sich um diese Tagesstunde Soldaten, Gemüsehändler, Wachtmannschaften, Offizierspferde, die spazieren geführt wurden, und Marketender mit ihren Karren – kurzum das ganze Gewühl, das ganze Treiben, das sich morgens in der Umgebung der Forts entspinnt, wirrte hier durcheinander. Planus eilte mit großen Schritten durch die Menge. Plötzlich blieb er stehen. Zur Linken, am Fuße der Wallböschung, vor einem kleinen, viereckigen Gebäude, an welchem man auf dem rohen Mörtel in schwarzer Schrift die Worte las:

STADT PARIS.
EINGANG ZU DEN STEINBRÜCHEN.

hatte er einen Menschenhaufen bemerkt: Soldaten- und Zollbeamten-Uniformen neben den loddrigen, beschmutzten Blousen der Barrièrenbummler. Instinktmäßig trat der Alte näher. Unter einer gewölbten, mit eisernen Gitterstangen verschlossenen Ausfallspforte saß ein Zollbeamter auf dem Bordsteine und sprach unter lebhaften Handbewegungen, als ob er etwas erkläre.

»Er saß hier, wo ich jetzt sitze,« sagte er, »und erhängte sich im Sitzen, indem er mit aller Kraft am Stricke zog ... so ... hupp! ... Und man muß wohl glauben, daß es ihm mit dem Sterben Ernst war, denn man hat in seiner Tasche ein Rasirmesser gefunden, dessen er sich ohne Zweifel bedient haben würde, falls der Strick gerissen wäre.«

»Der arme Teufel!« ... sagte eine Stimme aus der Menge.

Dann fragte eine andere, zitternde, vor Aufregung halb erstickte Stimme schüchtern:

»Ist es auch gewiß, daß er todt ist?«

Alles lachte und sah Planus an.

»Seht den alten Zeisig,« sagte der Zollbeamte. »Wenn ich Ihnen doch sage, daß er bereits ganz blau war, als wir ihn heute Morgen abschnitten, um ihn nach der Jäger-Kaserne zu tragen!«

Diese Kaserne lag nicht weit entfernt, und doch kostete es Sigismund ungeheure Mühe, sich dorthin zu schleppen. Vergeblich hielt er sich immer wieder vor, daß Selbstmorde in Paris und namentlich in dieser Gegend nicht selten sind, daß kein Tag vergeht, an dem nicht auf der langen Linie der Festungswerke ein Leichnam aufgehoben wird wie am Strande eines gefährlichen Meeres, nichts konnte die düstere Ahnung bannen, die ihm seit heute Morgen die Brust zusammenschnürte.

»Ah, Sie kommen des Erhängten wegen,« sagte der wachthabende Unteroffizier an der Thür der Kaserne. »Sehen Sie! da ist er.«

Man hatte den Leichnam in einer Art Schuppen auf einen Bocktisch gelegt. Ein darüber ausgebreiteter Reitermantel bedeckte ihn vollständig und fiel in jenen Leichentuchfalten herab, wie sie die Starrheit des Todes immer mit sich bringt. Eine Gruppe von Offizieren und einige Soldaten in Leinwandhosen standen etwas entfernt und sprachen leise mit einander wie in einer Kirche, und auf dem Brett eines hohen Fensters schrieb ein Feldwebel den Rapport über den Todesfall. An diesen wandte sich Sigismund.

»Ich möchte ihn sehen,« bat er leise.

»Sie dürfen.«

Er näherte sich dem Schragen, zögerte eine Minute, ermannte sich dann und enthüllte ein aufgedunsenes Gesicht und einen großen, starken Körper in regendurchnäßten Kleidern ...

»Also hat sie dich doch endlich ums Leben gebracht, mein alter Kamerad« ... murmelte Planus und sank schluchzend aufs Knie.

Die Offiziere waren neugierig näher getreten, um den Todten zu betrachten.

»Sehen Sie doch, Feldwebel,« sagte einer von ihnen. »Er hält die Hand geschlossen, als ob er etwas festhielte.«

»In der That,« erwiderte der Feldwebel, indem er an die Leiche herantrat. »Das kommt zuweilen im Todeskampfe vor ... Wissen Sie noch, bei Solferino? Der Commandant Bordy hielt gerade so das Medaillon mit dem Bilde seiner kleinen Tochter in der Hand. Wir hatten schwere Mühe, es ihm zu entreißen.«

Bei diesen Worten suchte er die arme, krampfhaft geballte Todtenhand zu öffnen.

»Sieh da!« sagte er. »Ein Brief!« ...

Er wollte ihn lesen, aber einer von den Offizieren nahm ihm das Papier aus der Hand und reichte es dem immer noch knieenden Sigismund.

»Sehen Sie, mein Herr. Vielleicht ist da noch ein letzter Wille zu erfüllen.«

Sigismund Planus stand auf. Da der Raum düster war, näherte er sich wankenden Schritts dem Fenster und las mit thränenverschleierten Augen:

»Nun denn, ja, ich liebe dich, liebe dich – mehr denn je und für immer« ... – – – – – – – – – –

*

Es war der Brief, den Franz ein Jahr zuvor an seine Schwägerin geschrieben hatte. Sidonie hatte ihn am Morgen nach der Katastrophe an ihren Gatten geschickt, um sich zugleich an ihm und an seinem Bruder zu rächen.

Den Verrath der Frau hätte Risler überleben können, der Verrath des Bruders aber hatte ihn getödtet.

Als Sigismund begriffen hatte, war er wie vernichtet ... Mit dem Briefe in der Hand stand er da und schaute mechanisch vor sich hin durch das große, offen stehende Fenster.

Es schlug sechs Uhr.

Da hinten, über der Stadt, die man brausen hörte, ohne sie zu sehen, erhob sich eine schwere, schwüle, langsam wogende Wolke mit roth und schwarz gefärbtem Saume wie eine Pulverwolke über einem Schlachtfelde ... Nach und nach tauchten Thürme, weiße Façaden, vergoldete Kuppeln aus dem Nebel auf und funkelten im Glanz der Morgensonne. Dann begannen die unzähligen Fabrikschornsteine, die über das bunte Gewirr der Dachgruppen emporragten, mit der Heftigkeit eines abfahrenden Dampfers alle zugleich ihren keuchenden Dampf auszustoßen ... Das Leben begann von neuem ... Vorwärts, Maschine! Und um so schlimmer für den, der auf dem Wege liegen bleibt!

Da packte den alten Planus eine furchtbare Entrüstung.

»Dirne! Dirne!« ... rief er und drohte mit der geballten Faust, und man wußte nicht, meinte er das Weib oder die Stadt.

 

Ende.

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