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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectida3f3270f
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II. Enthüllungen.

»Ah! sieh da, Sigismund! ... Wie geht's, Papa Sigismund? Was macht das Geschäft? ... Steht alles gut bei Ihnen?«

Der alte Kassirer lächelte gutmüthig, drückte dem Chef, dessen Frau und dessen Bruder die Hand und sah sich während des Gesprächs neugierig allenthalben um. Diese Scene spielte nämlich in einer Tapetenfabrik des Faubourg Saint-Antoine, bei jenen Prochassons, deren Concurrenz bedrohlich zu werden begann. Diese ehemaligen Commis des Hauses Fromont, die jetzt selbstständig waren, hatten ganz klein angefangen, sich aber allmählich eine angesehene Stellung am Platze zu erringen gewußt. Fromont der Onkel hatte sie lange mit seinem Credit und seinem Gelde unterstützt, und das hatte fortdauernd freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Häusern und ein kleines Guthaben der Fromonts – zehn- oder fünfzehntausend Franken – zur Folge gehabt, die man einzuziehen verabsäumt hatte, weil man wußte, daß sich bei den Prochassons das Geld in guten Händen befand.

Der Anblick der Fabrik war in der That vertraueneinflößend. Die Schornsteine ließen stolz ihre Rauchfahnen flattern. Am dumpfen Arbeitsgeräusch rings umher erkannte man, daß die Werkstätten voller Menschen und in rühriger Thätigkeit waren. Die Gebäude waren gut eingerichtet, die Glaswände hell und klar, alles hatte einen Anstrich von guter Laune, von Schwung und Disciplin, und hinter dem Gitter an der Kasse saß einfach gekleidet und mit glatt gescheiteltem Haar die Frau des einen der beiden Brüder mit einem Zug von Autorität auf dem jungen Gesichte, das sich aufmerksam und bedächtig über eine lange Reihe von Ziffern beugte.

Der alte Sigismund dachte bei diesem Anblick mit einem bittern Gefühle an den Unterschied, der zwischen dem Hause Fromont, das früher so reich gewesen und jetzt nur noch von seinem alten Rufe zehrte, und dem immer wachsenden Wohlstande dieser jungen Schöpfung bestand. Sein forschender Blick spürte in allen Winkeln umher und suchte nach einem Mangel, einem heiklen Punkte, und als er nichts fand, preßte sich ihm das Herz zusammen und in seinem Lächeln zeigte sich etwas Gemachtes, etwas Verstörtes.

Besonders verlegen machte ihn die Frage, wie er es anstellen solle, um das Geld seiner Prinzipale zurückzufordern, ohne die Bedrängnis seiner Kasse errathen zu lassen. Der arme Mann nahm eine heitere, sorglose Miene an, die wirklich peinlich wirkte ... Das Geschäft ging gut ... sehr gut ... Er kam heute zufällig in dies Viertel, und da war ihm eingefallen, daß er ja einmal mit vorsprechen könne ... Das war sehr natürlich, nicht wahr? Man sieht ja die alten Freunde gern einmal wieder ...

Aber diese Vorreden, diese sich immer mehr in die Länge spinnenden Umschweife führten ihn nicht zum Ziele. Im Gegentheil, sie entfernten ihn davon, und da er in den Augen der jungen Leute, die ihn schweigend anhörten, ein unverhohlenes Erstaunen zu lesen glaubte, so verwickelte er sich schließlich in seinen Reden, stammelte, verlor den Kopf, nahm dann – als letztes Auskunftsmittel – seinen Hut, und machte Miene, sich zu entfernen. An der Thür wurde er plötzlich andern Sinnes:

»Ja so! da ich einmal hier bin« – – –

Und dabei blinzelte er mit den Augen, seiner Meinung nach mit einem pfiffigen, in Wahrheit aber mit einem in die Seele schneidenden Ausdruck.

»Da ich einmal hier bin, können wir ja die alte Rechnung gleich reguliren.«

Die beiden Brüder und die junge Frau an der Kasse sahen eine Secunde lang einander an, ohne zu verstehen:

»Die Rechnung? Welche Rechnung denn?«

Dann fingen alle drei gleichzeitig zu lachen an, und zwar von ganzem Herzen, als handle es sich um einen etwas starken Scherz des alten Kassirers. Verwünschter Papa Planus auch! ... Und er lachte ebenfalls, der Alte. Er lachte, ohne Lust dazu zu haben, nur um dem Beispiele der andern zu folgen.

Endlich verständigte man sich. Fromont junior hatte vor einem halben Jahre persönlich jene Restsumme bei ihnen erhoben.

Sigismund fühlte, daß seine Kniee wankten. Trotzdem besaß er noch Muth genug, um zu erwidern:

»Richtig! das ist ja auch wahr. Ich hatte es vergessen ... Ach, Sigismund Planus wird entschieden alt ... Es geht abwärts mit mir, Kinder, es geht abwärts« ...

Und der brave Mann ging fort, indem er sich die Augen trocknete, in denen noch große Thränen perlten – unzweifelhaft in Folge des Gelächters, in das er eingestimmt hatte. Nachdem er fort war, sahen die jungen Leute sich kopfschüttelnd an. Sie hatten begriffen.

Die Betäubung, die dem eben empfangenen Schlage folgte, war so furchtbar, daß der alte Kassirer, als er sich draußen befand, genöthigt war, sich auf eine Bank zu setzen. Darum also nahm Georges kein Geld mehr aus der Kasse! Er zog die Außenstände selbst ein. Ohne Zweifel hatte er das nicht nur bei den Prochassons, sondern auch bei allen andern gethan. Es war also überflüssig, daß er sich neuen Demüthigungen aussetzte. Ja, aber der Wechsel, der Wechsel! ... Dieser Gedanke gab ihm seine Kräfte wieder. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und machte sich wieder auf den Weg, um noch bei einem ihrer Kunden im Faubourg einen Versuch zu machen. Nur nahm er diesmal seine Vorsichtsmaßregeln und rief, ohne einzutreten, von der Schwelle aus dem Kassirer zu:

»Guten Tag, Gevatter ... Auf ein Wort, wenn ich bitten darf« – – –

Er hielt die Thür in der Hand und umklammerte krampfhaft die Klinke.

»Wann haben wir doch unsere letzte Rechnung geregelt? ... Ich habe vergessen, es zu buchen.«

O, das war schon lange, schon sehr lange her. Die von Fromont junior ausgestellte Quittung war vom September datirt. Vor fünf Monaten also.

Die Thür wurde hastig wieder geschlossen.

Bei zweien also! Augenscheinlich mußte bei allen andern dasselbe der Fall sein.

»O, Herr Schorsch, Herr Schorsch« ... murmelte der arme Sigismund, und während er mit gekrümmtem Rücken und wankenden Knieen seine Wanderschaft fortsetzte, fuhr dicht bei ihm der Wagen der Frau Fromont junior vorüber und schlug die Richtung nach dem Bahnhof der Linie Paris-Orleans ein. Aber Clara sah den alten Planus nicht, so wenig wie sie eben beim Herausfahren aus der Fabrik den langen Überzieher Herrn Chèbes und den frisch aufgebügelten Cylinder des berühmten Delobelle gesehen hatte, die, ebenfalls Märtyrer des Zahltages, jeder um eine Ecke der Rue des Vieilles-Haudriettes bogen und auf die Fabrik und Rislers Börse zusteuerten. Die junge Frau war viel zu sehr mit dem Vorhaben beschäftigt, das sie eben ausführen wollte, als daß sie auf die Straße Acht gegeben hätte.

Bedenkt, es war eine fürchterliche Aufgabe, hunderttausend Franken von Herrn Gardinois zu verlangen, einem Manne, der sich rühmte, nie in seinem Leben einen Sou entliehen oder verliehen zu haben, und der bei jeder Gelegenheit erzählte, daß er ein einziges Mal, als er genöthigt gewesen war, seinen Vater um vierzig Franken zum Ankauf einer Hose zu bitten, diesem die Summe in kleinen Raten wieder zurückgezahlt habe! Aller Welt und sogar seinen Kindern gegenüber folgte der alte Gardinois jener traditionellen Habsucht, die der Erdboden, der harte und oft gegen die Bebauer undankbare Erdboden, allen Landleuten einzuprägen scheint. Von dem kolossalen Vermögen des Biedermanns sollte nach seiner Absicht zu seinen Lebzeiten nichts an die Familie übergehen.

»Sie sollen mein Hab und Gut erhalten, wenn ich todt bin,« sagte er oft.

Diesem Grundsätze gemäß hatte er seine Tochter, Frau Fromont senior, ohne jede Mitgift verheirathet, und später verzieh er es dann seinem Schwiegersohne nicht, daß derselbe ohne seine Hilfe zu Reichthum gelangt war. Denn eine andere Eigenheit dieser ebenso eiteln wie eigennützigen Natur war die, daß er wünschte, jeder solle von ihm abhängig sein und sich vor seinem Geldsack beugen. Wenn die Fromonts sich in seiner Gegenwart über den Aufschwung freuten, den ihr Geschäft zu nehmen begann, so lächelte sein kleines, verschmitztes blaues Auge fein und ironisch, und er warf ein »Es ist noch nicht aller Tage Abend« dazwischen, dessen Klang einen Schauder erregte. Abends in Savigny, wenn der Park, die Alleen, die blauen Schieferplatten auf dem Dache des Schlosses und die rothen Ziegel auf den Ställen, die Teiche und Tümpel im goldigen Schimmer eines schönen Sonnenuntergangs erglänzten, sagte der seltsame Emporkömmling nach einem Rundblicke auf dies alles zuweilen in Gegenwart seiner Kinder ganz laut:

»Was mich darüber tröstet, daß ich eines Tages sterben muß, ist der Umstand, daß nach meinem Tode niemand in der Familie reich genug sein wird, um ein Schloß zu behalten, das jährlich fünfzigtausend Franken Unkosten macht.«

Dennoch hätte der alte Gardinois mit jenem Nachwuchs von Liebe und Zärtlichkeit, der sich im Herzen sogar der härtesten Großväter findet, gern sein Enkelkind verzogen. Aber Clara empfand schon als Kind einen unbezwinglichen Widerwillen gegen die Herzenshärte und den prahlerischen Egoismus des alten Bauern. Wenn aber nicht die Liebe ein Band zwischen denen bildet, die eine verschiedene Stufe der Bildung von einander trennt, so wächst die Abneigung auf tausenderlei Arten. Als Clara sich mit Georges verheirathete, hatte der Biedermann zu Frau Fromont gesagt:

»Wenn deine Tochter will, soll sie ein fürstliches Hochzeitsgeschenk von mir erhalten – aber sie muß darum bitten.«

Und Clara hatte nichts erhalten, weil sie nicht hatte bitten wollen.

Welche Strafe nun, drei Jahre später diese damals schnöde zurückgewiesene Großmuth um hunderttausend Franken anbetteln zu müssen! Sie sollte sich demüthigen und endlose Predigten, einfältige Spöttereien über sich ergehen lassen, alles gewürzt mit normannischen Bauernspäßen, Provinzialismen und jenen im allgemeinen richtigen Sprichwörtern, die von beschränkten, aber logisch denkenden Köpfen erfunden werden, und deren triviale Sprache verletzend ist wie die Beleidigung seitens eines geistig tiefer Stehenden.

Arme Clara! Ihr Gatte, ihr Vater sollten in ihrer Person gedemüthigt werden. Sie mußte das Mißgeschick des erstern und zugleich den Verfall jenes Hauses eingestehen, das der andere gegründet hatte, und auf das er bei seinen Lebzeiten so stolz gewesen war. Eben dieser Gedanke, daß sie alles zu vertheidigen habe, was ihr auf Erden das Liebste war, bildete zugleich ihre Stärke und ihre Schwäche ...

*

Es war elf Uhr, als sie in Savigny ankam. Da sie niemand von ihrem Besuche benachrichtigt hatte, befand sich der Wagen des Schlosses nicht am Bahnhofe, und sie war gezwungen, den Weg zu Fuß zu machen.

Es war bitter kalt und der Weg hart und trocken. Der Wind pfiff ungehindert über die erstorbene Ebene und den Fluß und fuhr, ohne Widerstand zu finden, durch die entlaubten Bäume und Büsche am Ufer. Unter dem tief herabhangenden Himmel zeigte sich das Schloß mit einer langen Linie von niedrigen Mauern und Hecken, die es von den angrenzenden Feldern schieden. Der Schiefer auf dem Dache war düster wie der Himmel, der sich in ihm spiegelte, und der ganze herrliche Sommersitz schien bei seiner Umwandlung durch den Winter, der ihn streng und stumm gemacht, der die Blätter von den Bäumen gerissen und die Tauben vom Dache verjagt hatte, nichts Lebendiges bewahrt zu haben als das leichte Gezitter der Wasserflächen und das Gestöhn der großen Pappeln, die sich im Winde gegen einander neigten und dabei die Elsternnester in ihren Wipfeln schüttelten.

Von weitem fand Clara das Haus ihrer Kindheit starr und düster. Es schien ihr, als sähe Savigny ihr mit jener kalten, aristokratischen Miene entgegen, die es für die Vorübergehenden annahm, welche an den lanzenförmigen Eisenstäben des Parkgitters Halt machten.

Wie grausam war diese Miene!

Doch nein, sie war nicht so grausam, denn eben durch dies wenig einladende Aussehn schien Savigny ihr zuzurufen: »Entferne dich ... tritt nicht ein« ... Und hätte Clara darauf hören wollen, so würde sie auf ihr Vorhaben, mit dem Großvater zu reden, verzichtet haben und schleunigst nach Paris zurückgekehrt sein, um die Ruhe ihres Lebens zu bewahren. Aber sie verstand die Warnung nicht, das arme Kind, und schon sprang der große Neufundländer, der sie erkannt hatte, in großen Sätzen durch die dürren Blätter heran und schnaufte am Thore ihr entgegen.

»Guten Tag, Franziska ... wo ist Großpapa?« fragte die junge Frau die Gärtnerin, die ihr demüthig, falsch und zitternd öffnete, wie alle Dienstboten im Schlosse, wenn sie sich vom Auge des Gebieters beobachtet wußten.

Großpapa war in seinem Bureau, einem kleinen, vom Hauptgebäude getrennten Pavillon, wo er seine Zeit damit verbrachte, in Aktenbündeln, Fächern und schweren, grün gebundenen Büchern umherzustöbern. Dieser bureaukratische Hang war eine Folge seiner ursprünglichen Unwissenheit und des phantastischen Eindrucks, den seiner Zeit die Studirstube des Notars in seinem Dorfe auf ihn gemacht hatte.

In diesem Augenblicke befand er sich dort in Gesellschaft seines Feldhüters, einer Art von Dorfspion und bezahltem Angeber, der ihn über alles, was in der Gegend gethan und gesprochen wurde, auf dem Laufenden erhielt.

Das war der Günstling des Herrn. Er hieß Mardermann, und mit seinem spitzen, verschmitzten, blutlechzenden Kopfe machte er diesem Namen alle Ehre.

Als der Alte seine Enkelin bleich und zitternd, trotz ihres Pelzes, in das Zimmer treten sah, begriff er, daß etwas Ernstes, Ungewöhnliches geschehen war, und gab dem Mardermann ein Zeichen, worauf dieser sich zurückzog und sich dabei so behend durch die halbgeöffnete Thür wand, als schlüpfe er geraden Wegs durch die Mauer.

»Was hast du denn, Kleine? ... Du siehst ja ganz verbiestert aus,« fragte der Großpapa hinter seinem großen Schreibtische hervor.

»Verbiestert« bedeutet in der Sprache der Provinz verwirrt, verstört, niedergedrückt und paßte auf Clara vollkommen. Der schnelle Marsch bei der Kälte draußen und die Anstrengung, welche dieser Schritt ihr gekostet hatte, gaben ihrem Gesichte, das weniger ruhig erschien als sonst, einen ungewöhnlichen Ausdruck. Ohne daß er sie mit einem Worte dazu aufgefordert hätte, küßte sie ihn und setzte sich dann ans Feuer, in welchem mit trocknem Moos bedeckte Scheite und in den Parkgängen zusammengelesene Tannenzapfen unter lebhaftem Geknister und leisem Zischen des Saftes verbrannten. Sie nahm sich nicht einmal die Zeit, die Reifflocken abzuschütteln, die an ihrem Schleier hingen, sondern theilte, ihrem Entschlusse gemäß, sogleich beim Eintritt den Zweck ihres Besuches mit, bevor die mit Furcht und Respect geschwängerte Atmosphäre, die den Großvater umgab und ihn zu einer Art schreckenerregender Gottheit machte, ihren Einfluß auf sie üben konnte.

Es gehörte Muth dazu, um nicht in Verwirrung zu gerathen und nicht zu stocken vor diesem klaren Blicke, der fest und starr an ihrem Gesichte haftete und schon bei den ersten Worten eine boshafte Freude verrieth, vor diesem unbarmherzigen Munde, dessen zusammengepreßte Lippen durch gewollte Stummheit, durch Starrsinn und Verläugnung jeden Gefühls geschlossen zu sein schienen. Sie sprach in steter Folge ohne Stocken, ohne Unterbrechung, mit Achtung, aber ohne Selbsterniedrigung, indem sie ihre Erregung unterdrückte und ihre Stimme an der Wahrheit ihres Berichtes stählte. Wahrhaftig, wenn man die beiden so einander gegenüber sitzen sah, er ruhig, kalt und mit in den Taschen der grauen wollenen Weste vergrabenen Händen im Sessel ausgestreckt, sie die geringfügigsten Worte sorgfältig abwägend, als hinge von jedem einzelnen ihr ganzes Wohl und Wehe ab, so hätte man eher eine Angeklagte vor dem Untersuchungsrichter als ein Kind vor seinem Großvater zu sehen geglaubt.

Er seinerseits dachte nur an den stolzen Triumph, den er jetzt feierte. Endlich also waren sie gedemüthigt, diese dünkelhaften Fromonts! Man brauchte also den alten Gardinois doch noch! Die Eitelkeit, seine vorherrschende Leidenschaft, kam unwillkürlich in seiner ganzen Haltung zum Vorschein. Als sie ausgeredet hatte, nahm er das Wort und begann natürlich mit Redensarten wie: »Dessen war ich im voraus sicher ... ich hatte es ja vorausgesagt ... ich wußte ja, daß es am Ende zum Klappen kommen würde«, und in diesem banalen, verletzenden Tone ging es fort, bis er endlich mit der Erklärung schloß, daß er »in Anbetracht seiner der Familie wohlbekannten Grundsätze« keinen Sou hergeben werde.

Nun sprach Clara von ihrem Kinde, vom Namen ihres Mannes, der ja zugleich der Name ihres Vaters wäre und durch den Bankerott entehrt werden würde. Der Alte aber blieb kalt und unerbittlich und benutzte ihre Selbstdemüthigung nur, um sie noch mehr zu demüthigen, denn er gehörte zu jenem Schlage derber Bauern, die den Gegner, wenn er zu Boden gefallen ist, nie verlassen, ohne ihm die Nägel unter ihren Schuhen aufs Gesicht geprägt zu haben.

»Ich kann dir weiter nichts sagen, Kleine, als daß Savigny euch jederzeit offen steht ... Dein Mann mag herkommen, ich brauche gerade einen Buchhalter. Georges kann gegen zwölfhundert Franken Gehalt jährlich und freie Station für euch alle meine Schreibereien besorgen ... Sag' ihm das in meinem Namen und kommt« ...

Empört stand sie auf. Sie war als seine Enkelin gekommen und er behandelte sie wie eine Bettlerin. Gott sei Dank! so weit waren sie denn doch noch nicht.

»Meinst du?« bemerkte Herr Gardinois mit einem leichten, grausamen Zwinkern der Augen.

Zitternd schritt Clara, ohne ihm zu antworten, der Thür zu. Der Alte hielt sie durch eine Handbewegung auf.

»Sieh dich vor, du weißt nicht, was du ausschlägst ... Wohlverstanden, nur in deinem Interesse schlug ich dir vor, deinen Mann hierher kommen zu lassen ... Du weißt nicht, was für ein Leben er in Paris führt ... Du weißt es sicher nicht, denn sonst würdest du nicht kommen und mir mein Geld abverlangen, damit er es da unterbringe, wo er deins untergebracht hat ... Ja, ja, ich bin über die Angelegenheiten deines Mannes völlig auf dem Laufenden. Ich habe meine Polizei so gut in Paris und sogar in Asnières wie in Savigny ... Ich weiß, was er mit seinen Tagen und seinen Nächten anfängt, der Bruder, und will nicht, daß meine Thaler an die Orte kommen, wo er hingeht. Für redlich erworbenes Geld ist das nicht recht schicklich.«

Clara blickte ihn mit ihren durch die Angst vergrößerten Augen entsetzt an. Sie fühlte, daß in diesem Augenblicke ein fürchterliches Drama durch die niedrige Pforte der Denunciation in ihr Leben eindrang. Der Alte fuhr lachend fort:

»Denn sie hat kein schlechtes Kauwerk, die kleine Sidonie.«

»Sidonie?!«

»Meiner Treu, um so schlimmer, wenn ich den Namen genannt habe ... Doch eines schönen Tages würdest du es ja doch erfahren haben ... Es ist sogar merkwürdig, daß du so lange – – – Aber ihr Weiber seid so eitel ... Daß man euch betrügen könne, ist das letzte, was euch in den Kopf kommt ... Nun gut, da haben wir's. Sidonie hat alles verputzt, was er hatte – übrigens mit Bewilligung ihres Mannes.«

Und erbarmungslos erzählte er nun der jungen Frau, wo das Geld für das Landhaus in Asnières, für die Pferde, für die Wagen herstammte, und wie das kleine, reizende Absteigequartier in der Avenue Gabriel möblirt sei. Er erklärte und beschrieb alles Stück für Stück bis aufs kleinste. Man spürte, daß er, da er hier eine neue Gelegenheit gehabt hatte, seiner Spionirsucht zu fröhnen, diese Gelegenheit in ausgedehntester Weise benutzt hatte. Vielleicht lag dem allen auch eine geheime Wuth gegen seine kleine Chèbe zu Grunde, ein Unwille über eine verspätete, uneingestanden gebliebene Liebe.

Clara hörte ihn an, ohne etwas zu sagen. Auf ihrem Gesichte zeigte sich ein ungläubiges Lächeln. Dies Lächeln reizte den Alten, stachelte seine Bosheit an ... Ah! du glaubst mir nicht ... Ah! du willst Beweise ... Und nun gab er ihr Beweise, häufte er einen auf den andern und bohrte sie ihr wie Dolche ins Herz. Sie brauchte nur zu Darches zu gehen, dem Juwelier in der Rue de la Paix. Dort hatte Georges noch vor vierzehn Tagen eine Diamantenschnur für dreißigtausend Franken gekauft. Das war das Neujahrsgeschenk für Sidonie gewesen. Dreißigtausend Franken für Diamanten in dem Augenblicke, wo der Bankerott vor der Thür stand!

Er hätte den ganzen Tag fortreden können, Clara würde ihn nicht unterbrochen haben. Sie fühlte, daß die geringste Anstrengung die Thränen zum Fließen bringen würde, mit denen ihre Augen gefüllt waren, und sie wollte im Gegentheil lächeln, lächeln bis zu Ende, das liebe, tapfere Geschöpf. Von Zeit zu Zeit nur blickte sie nach der Straße hinüber. Sie hatte Eile, fortzukommen, dem Tone dieser boshaften Stimme zu entgehen, die ihr unbarmherzig in die Ohren gellte.

Endlich hielt er inne, er hatte alles gesagt. Sie verneigte sich und schritt der Thür zu.

»Du gehst? ... Hast du's so eilig?« ... sagte der Großvater, indem er ihr nach draußen folgte.

Im Innern schämte er sich ein wenig seiner Grausamkeit.

»Willst du nicht mit mir frühstücken?«

Sie machte mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen, da sie nicht die Kraft hatte, ein Wort zu erwidern.

»Warte wenigstens, bis angespannt ist ... man soll dich zur Bahn fahren.«

Nein, immerfort nein.

Und sie setzte ihren Weg fort. Der Alte schritt dicht hinter ihr drein.

Mit stolz emporgerichtetem Haupte ging sie über den Hof, der mit Erinnerungen an ihre Kinderjahre gefüllt war, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Und doch, wie manches Echo ihres frohen Gelächters, wie mancher Sonnenstrahl ihrer jungen Jahre war an dem kleinsten Sandkorn dieses Hofes hängen geblieben.

Ihr Lieblingsbaum und ihre Lieblingsbank standen immer noch an derselben Stelle. Aber sie schenkte ihnen keinen Blick; sie schaute auch nicht die Fasanen in der Volière an, nicht einmal Kiß, den großen Neufundländer, der ihr getreulich folgte und auf eine Liebkosung wartete, die ihm nicht zu Theil ward. Als Kind des Hauses war sie eingetreten, als Fremde ging sie hinaus, mit entsetzlichen Gedanken beschäftigt, die die geringste Erinnerung an ihre glückliche, ruhige Vergangenheit nur noch hätte verdüstern können.

»Adieu, Großpapa.«

»Adieu denn.«

Und die Thür fiel dröhnend hinter ihr zu. Als sie sich allein sah, begann sie schnell, immer schneller zu gehen, fast zu laufen. Sie machte ja keinen einfachen Weg, sie floh. Am Ende der Parkmauer angelangt, befand sie sich plötzlich vor der mit Bohrkraut und Geisblatt umrankten Thür, neben welcher der Briefkasten des Schlosses hing. Unwillkürlich blieb sie stehen, von einer jener plötzlichen Erinnerungen erfaßt, die in entscheidungsschweren Stunden in unserm Gedächtnisse auftauchen und uns mit größter Klarheit die geringfügigsten Umstände aus unserm Leben, die sich auf die augenblicklichen Katastrophen oder Freuden beziehen, wieder vor Augen führen. War es der schräg herabfallende, rosige Sonnenschein, der plötzlich durch die Wolken brach und die weite Ebene an diesem Winternachmittage mit Strahlen übergoß wie im August zur Zeit des Sonnenuntergangs? War es die Stille um sie her, die nur durch jene harmonischen, beinahe zu allen Jahreszeiten gleichen Laute der Natur unterbrochen wurde?

Gleichviel – sie sah sich in diesem Momente, wie sie eines Tages, vor drei Jahren, an dem nämlichen Platze stand und einen Brief in den Kasten warf, durch welchen sie Sidonie zu einem vierwöchentlichen Besuche nach Savigny einlud. Eine innere Stimme raunte ihr zu, daß all ihr Unglück von jener Minute herstamme. »O, wenn ich gewußt hätte ... wenn ich gewußt hätte« ... Und noch glaubte sie mit den Fingerspitzen das seidenglatte Couvert zu fühlen, wie es eben in den Kasten glitt.

Und als sie dabei bedachte, was für ein naives, hoffnungsvolles und glückliches Kind sie damals gewesen war, da erfaßte sie, die Sanfte, eine tiefe Empörung über die Ungerechtigkeit des Lebens. »Warum das mir?« fragte sie sich. »Was habe ich gethan?«

Dann durchzuckte es sie plötzlich: »Nein! es ist nicht wahr! Es ist nicht möglich ... Es ist erlogen« ... Und während sie ihren Weg nach dem Bahnhofe fortsetzte, suchte die Unglückliche sich selbst zu überreden, sich Gewißheit zu geben. Aber es gelang ihr nicht.

Eine nur halb erwiesene Wahrheit gleicht der verschleierten Sonne, welche das Auge weit mehr ermüdet als die glühendsten Strahlen. Die arme Frau sah in dem Halbdunkel, das ihr Unglück noch umhüllte, weit klarer, als sie wünschte. Jetzt begriff und erklärte sie sich alle Eigenheiten in der Lebensweise ihres Mannes, sein häufiges Ausbleiben, seine Sorgen, seine verlegene Miene an gewissen Tagen und jene Fülle von Einzelheiten, die er ihr zuweilen beim Nachhausekommen über seine Gänge und Wege mittheilte, indem er dabei Namen nannte gleich Beweisen, die sie gar nicht verlangt hatte. Aus allen diesen Umständen ergab sich für sie die Gewißheit seines Vergehens. Dennoch zögerte sie noch immer, daran zu glauben, und verschob die Hebung ihrer Zweifel bis zu ihrer Ankunft in Paris.

Auf dem isolirt liegenden, trübseligen kleinen Bahnhof, wo im Winter sich kein Reisender zeigt, war kein Mensch zu sehen. Als Clara dort auf den Zug wartete und in Gedanken verloren den winterlich melancholischen Garten des Bahnhofsinspectors und die Reste der Schlingpflanzen betrachtete, die sich längs der Barrieren am Wege hinzogen, fühlte sie plötzlich einen warmen, feuchten Hauch an ihrem Handschuh: ihr Freund Kiß war ihr gefolgt und erinnerte sie nun durch seine verhaltenen Sprünge und kurzen Sätze demüthig erfreut an die schönen, gemeinsamen Streifereien der frühern Zeit. Schließlich streckte er sich in ganzer Länge mit seinem schönen weißen Pelze zu den Füßen seiner Herrin auf den kalten Fußboden des Wartesaales hin. Diese demüthigen Liebkosungen, die ihr mit so sympathischer, scheuer Ergebenheit dargebracht wurden, brachten endlich das Schluchzen zum Ausbruch, das sie lange zurückgehalten hatte. Plötzlich aber schämte sie sich dieser Schwäche. Sie erhob sich und schickte den Hund zurück, schickte ihn ohne Erbarmen mit Stimme und Geberde zurück, indem sie ihm das Haus in der Ferne zeigte mit einem Zug von Strenge im Gesichte, wie der arme Kiß ihn noch nie bei ihr kennen gelernt hatte. Dann trocknete sie eilig ihre nassen Augen und die feuchte Hand, denn der pariser Zug brauste heran, und sie wußte, daß sie in wenig Minuten ihren ganzen Muth nöthig haben würde.

Sogleich nachdem sie den Waggon wieder verlassen hatte, war es Clara's erste Sorge, sich zu dem Juwelier in der Rue de la Paix fahren zu lassen, der nach Großpapa's Behauptung Georges einen Diamantschmuck geliefert hatte. Wenn dies der Fall war, so mußte auch alles übrige wahr sein. Ihre Furcht, die Wahrheit zu erfahren, war so groß, daß sie, als sie vor dem prächtigen Schaufenster angelangt war, stehen blieb und nicht einzutreten wagte. Um Fassung zu gewinnen, stellte sie sich, als betrachte sie mit größter Aufmerksamkeit die ausgestellten Kleinodien in den mit Sammt gefütterten Schmuckkästen, und wer sie hier gesehen hätte, diese trotz der einfachen Toilette elegante Erscheinung, die sich vornüber beugte, um das helle und eigenthümlich lockende Gefunkel der Steine zu betrachten, der hätte sie eher für eine glückliche Frau, die eben irgend einen Schmuck für sich auswählte, als für eine schmerzerschütterte und gemarterte Seele gehalten, die hier das Geheimnis ihres Lebens erforschen wollte.

Es war drei Uhr nachmittags. Im Winter hat die Rue de la Paix um diese Tageszeit eine wahrhaft blendende Physiognomie. Zwischen dem kurzen Vormittag und dem schnell hereinbrechenden Abend drängt sich das Leben in diesen glänzenden Vierteln eilig vorwärts. Das ist ein hastiges Hin und Her von Equipagen, ein ununterbrochenes Rollen, und auf den Trottoirs eine kokette Hast, ein Streifen von Seide und Pelzwerk. Der Winter ist die eigentliche Jahreszeit für Paris. Um es in seiner Schönheit, in seinem Glücke, in seinem Reichthum zu sehen, dies Teufels-Paris, muß man es bei tief herabhangendem, schneebeschwerten Himmel sehen. Die Natur ist so zu sagen von dem Bilde ausgeschlossen, Wind wie Sonnenschein. Nur gerade Licht genug, um die leisesten Farbentöne, die geringsten Reflexe zur Geltung kommen zu lassen, vom röthlichen Grau der Monumente an bis zu den schwarzen Glasperlen an den Frauenkleidern. Die Theaterzettel und Concert-Ankündigungen glänzen wie beleuchtet vom Lichte der Rampe. Die Kaufläden werden niemals leer. Es scheint, als ob alle diese Leute unausgesetzt wegen der Zurüstungen zu mannigfachen Festen auf den Beinen wären. Die Folge davon ist, daß ein Schmerz inmitten dieses Geräusches und dieser Bewegung noch weit herber wird. Fünf Minuten lang litt Clara ein Martyrium, das schlimmer war als der Tod. Dort draußen auf der Landstraße von Savigny, auf der öden, unabsehbaren Ebene verstreute sich ihre Verzweiflung in die freie Luft und schien weniger Platz in ihrem Innern einzunehmen. Hier schnürte ihr dieselbe die Brust zusammen und benahm ihr den Athem. Die Stimmen um sie her, die Schritte, das unbewußte Anstreifen der Spaziergänger, alles vermehrte ihre Qual.

Endlich trat sie ein ...

»Ah! gewiß, gnädige Frau, ganz recht ... Herr Fromont ... Ein Halsband mit Diamanten und Rubinen. Wir könnten Ihnen ein gleiches für fünfundzwanzigtausend Franken liefern.«

Also fünftausend Franken billiger, als er es erhalten!

»Besten Dank, mein Herr,« sagte Clara ... »ich werde mir's überlegen.«

Ein Spiegel ihr gegenüber, in welchem sie ihre umränderten Augen und ihre Todtenblässe sah, erschreckte sie. Sie ging schnell hinaus, indem sie alle ihre Kräfte zusammenraffte, um nicht umzusinken.

Sie hatte nur einen Wunsch: der Straße, dem Geräusche zu entrinnen und allein, ganz allein zu sein, um sich in den Abgrund bitterer Gedanken und düsterer Bilder, die in ihrer Seele durcheinander wirrten, versenken und darin untertauchen zu können. O der Jämmerliche, der Abscheuliche ... Und sie hatte ihn noch in dieser Nacht getröstet, ihn mit ihren Armen umschlungen!

Plötzlich, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen, befand sie sich auf dem Hofe der Fabrik. Welchen Weg hatte sie eingeschlagen? War sie zu Fuß oder im Wagen gekommen? Sie erinnerte sich dessen nicht mehr. Sie hatte unbewußt gehandelt wie im Traum. Erst als sie an der Freitreppe ihres kleinen Wohnhauses stand, kehrte ihr scharf und schneidend das Gefühl für die Wirklichkeit zurück. Risler war eben dabei, die Blumenkübel hinaufschaffen zu lassen, die bei dem glänzenden Feste paradiren sollten, welches seine Frau an demselben Abend gab. Mit seiner gewöhnlichen Ruhe gab er den Arbeitern die nöthigen Weisungen, stützte er selbst die hohen Zweige, die sie hätten abbrechen können: »So nicht ... Gehen Sie doch aus dem Wege ... Nehmt den Teppich in Acht« ...

Diese lustgeschwängerte, festliche Atmosphäre, die ihr schon auf der Straße das Herz so schwer gemacht hatte, verfolgte sie also bis in ihr Haus. Das war am Ende doch zu viel Hohn! Eine tiefe Empörung bemächtigte sich ihrer, und während Risler sie liebevoll und ehrerbietig wie immer grüßte, schritt sie mit dem Ausdrucke tiefsten Abscheus auf dem Gesichte geraden Wegs an ihm vorüber, ohne mit ihm zu reden und ohne die Überraschung zu sehen, die sich in seinen gutmüthigen, großen Augen ausprägte.

Von diesem Augenblicke ab stand ihr Entschluß fest.

Der Zorn, ein ehrenhafter, gerechter Zorn, brachte sie zum Handeln.

Sie nahm sich kaum die Zeit, einzutreten und das Kind auf die frischen Wangen zu küssen – unverzüglich eilte sie zum Zimmer ihrer Mutter.

»Schnell, Mama, kleiden Sie sich an ... Wir verreisen« ...

Die alte Dame erhob sich langsam aus dem Lehnstuhle, in welchem sie saß und ihre Uhrkette putzte, indem sie mit unendlicher Sorgfalt jedes Glied mit einer Stecknadel säuberte. Clara unterdrückte eine Bewegung der Ungeduld.

»Vorwärts, schnell, schnell ... Packen Sie Ihre Sachen« ...

Ihre Stimme bebte. Das Zimmer der armen Schwachsinnigen, das in jener peinlichen Sauberkeit glänzte, die bei der alten Frau zur Manie geworden war, machte einen bittern Eindruck auf sie. Sie befand sich in einem jener düstern Momente, wo das Schwinden einer einzigen Illusion auch alle übrigen zerstört und die ganze Tiefe des menschlichen Elends aufdeckt. Zum ersten Male erfaßte sie jetzt das Gefühl ihrer Einsamkeit zwischen der halb verrückten Mutter, dem treulosen Gatten und dem noch zu jungen Kinde, aber das bestärkte sie nur in ihren Entschlüssen.

Binnen einer Minute war das ganze Haus mit den Zurüstungen zu dieser eiligen, unerwarteten Reise beschäftigt. Clara trieb die bestürzten Leute zur Eile an, half ihrer Mutter und kleidete das Kind an, das bei diesem Durcheinander freudig lachte. Sie wollte fort sein, ehe Georges zurückkam, damit er bei der Heimkunft die Wiege leer, das Haus verlassen fände. Wohin sollte sie sich wenden? Das wußte sie noch nicht. Vielleicht zu einer Tante nach Orleans, vielleicht nach Savigny, gleichviel wohin. Vor allem wollte sie fort, fort aus dieser verrätherischen, lügnerischen Umgebung.

Sie war in diesem Augenblicke in ihrem Zimmer mit dem Packen eines Koffers und dem Zusammentragen ihrer Effecten beschäftigt. Eine schmerzliche Beschäftigung! Jeder Gegenstand, den sie von seinem Platze nahm, rief eine Welt von Gedanken und Erinnerungen in ihr wach. Unsere Umgebung ist ja fast ein Theil unseres Seins. Der Duft eines Täschchens, die Zeichnung einer Spitze genügten zuweilen, um ihr Thränen in die Augen zu locken. Plötzlich ließ sich im Salon, dessen Thür nur angelehnt war, ein schwerer Schritt hören. Dann hustete jemand leise, wie um seine Anwesenheit bemerklich zu machen. Sie glaubte, Risler wär's, denn nur dieser hatte das Recht, mit solcher Vertraulichkeit bei ihr einzutreten. Der Gedanke, dies heuchlerische Gesicht, dies lügnerische Lächeln nochmals wiedersehen zu sollen, widerte sie dermaßen an, daß sie zur Thür stürzte, um dieselbe zu schließen.

»Ich bin für niemand zu sprechen.«

Aber die Thür gab nicht nach, und in der Öffnung zeigte sich der dicke Kopf des alten Kassirers.

»Ich bin's, Madame,« sagte er leise. »Ich komme, um das Geld zu holen.«

»Was für Geld?« fragte Clara, die sich gar nicht mehr erinnerte, weshalb sie nach Savigny gefahren war.

»St! ... Die Summe für den morgen fälligen Wechsel. Herr Georges hatte mir beim Weggehen gesagt, daß Sie mir den Betrag sogleich zustellen würden.«

»Ach ja! ... das ist wahr ... die hunderttausend Franken ... Ich habe sie nicht, Herr Planus. Ich habe gar nichts.«

»Dann,« sagte der alte Kassirer in eigenthümlichem Tone, als ob er mit sich selber spräche – »dann ist der Bankerott fertig.«

Und er ging langsam in sein Bureau zurück.

Der Bankerott! ...

Entsetzt, vernichtet sank sie auf einen Stuhl.

Seit einigen Stunden hatte sie über dem Untergang ihres Glücks den Untergang des Hauses vergessen. Jetzt aber erinnerte sie sich dessen wieder.

Ihr Gatte war also ruinirt.

Bei der Heimkunft sollte er sein Unglück erfahren und dabei zugleich vernehmen, daß sein Weib und sein Kind fort seien, daß er dem Unheil allein gegenüber stände.

Ganz allein, er, dies schwache, schwanke Wesen, das nur weinen, nur klagen, dem Schicksal nur die Faust zu zeigen wußte wie ein Kind. Was sollte aus dem Unglücklichen werden?

Sie hatte Mitleid mit ihm, trotz seines Verbrechens.

Dann fiel ihr plötzlich ein, daß es den Anschein haben könne, als sei sie vor dem Bankerott, dem Elend geflohen.

Georges würde sich sagen dürfen:

»Wenn ich reich gewesen wäre, würde sie mir verziehen haben.«

Mehr bedurfte es bei dieser hochherzigen und stolzen Seele nicht, um ihren Entschluß umzustoßen. Im Nu verschwand all' ihr Abscheu, all' ihre Entrüstung vor der plötzlichen Einsicht, die sie besser über ihre Pflicht belehrte. Als man ihr meldete, daß das Kind angekleidet und die Koffer gepackt seien, war ihr neuer Entschluß gefaßt.

»Es ist überflüssig,« erwiderte sie ruhig ... »wir reisen nicht.«

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