Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectida3f3270f
Schließen

Navigation:

IV. Im Wartesaal.

»Nun denn, ja, ich liebe Dich, liebe Dich – mehr denn je und für immer ... Wozu noch kämpfen und uns sträuben? Die Sünde ist stärker als wir ... Und ist denn unsere Liebe eine Sünde? ... Wir waren für einander bestimmt. Haben wir nicht das Recht, uns wieder zu vereinen, dem Leben zum Trotze, das uns getrennt hat? Wohlan, komm! Es ist beschlossen, wir reisen ... Morgen Abend um zehn Uhr am Lyoner Bahnhof ... Ich werde Billets nehmen und Dich erwarten ...

Franz.«

Seit einem Monat hatte Sidonie auf diesen Brief gewartet, seit einem Monat hatte sie ihre ganze Liebenswürdigkeit und Verschmitztheit aufgeboten, um ihren Schwager zu diesem schriftlichen Erguß seiner Leidenschaft zu verleiten. Es hatte ihr viel Mühe gekostet, dies Ziel zu erreichen. Es war nicht leicht, ein junges, redliches Gemüth wie Franz bis zum Verbrechen zu verderben, und oft fühlte sie sich in diesem eigenthümlichen Kampfe, wo der wahrhaft Liebende gegen seine eigene Sache focht, an den Grenzen ihrer Kraft und beinahe völlig entmuthigt. Gerade wenn sie ihn für völlig gefesselt hielt, empörte sich plötzlich sein natürlicher Rechtssinn von neuem, und er war bereit, zu fliehen und ihr abermals zu entschlüpfen.

Welcher Triumph daher für sie, als ihr eines Morgens jener Brief überbracht wurde. Frau Dobson war gerade bei ihr. Sie war soeben eingetreten, beladen mit den Klagen Georges Fromonts, der sich fern von der Geliebten langweilte und wegen dieses Schwagers, der hartnäckiger, eifersüchtiger und anspruchsvoller war als ein Ehemann, besorgt zu werden begann.

»O, der arme Freund, der arme Freund,« sagte die sentimentale Amerikanerin, »wenn du sähest, wie unglücklich er ist.«

Dabei schüttelte sie ihre Locken, knüpfte die Notenrolle auf und zog Briefe von dem armen Freunde daraus hervor, die sie immer sorgfältig zwischen ihren Romanzen zu verstecken pflegte. Sie war überglücklich, in diese Liebesgeschichte verwickelt zu sein und sich in einer Atmosphäre voller Geheimnisse und Intriguen tummeln zu können, einer Atmosphäre, die ihren kalten Augen und ihrem trocknen Gesicht einen Schimmer von Weichheit verlieh.

Das Seltsamste dabei war, daß diese junge, hübsche Dobson, während sie sich bereitwillig zum Liebesboten hergab, doch nie in ihrem Leben einen Liebesbrief für ihre eigene Rechnung geschrieben oder empfangen hatte.

Immer mit einer Liebesbotschaft unter dem Flügel zwischen Asnières und Paris unterwegs, blieb diese Brieftaube doch ihrem Schlage treu und girrte nur aus Mitgefühl.

Nachdem Sidonie ihr Franzens Billet gezeigt hatte, fragte Frau Dobson:

»Was wirst du antworten?«

»Ich habe bereits geantwortet und zwar ein Ja.«

»Wie? Du willst mit diesem Narren in die Welt gehen?«

Sidonie begann zu lachen:

»Nein, wahrhaftig nicht. Ich habe ja gesagt, damit er mich auf dem Bahnhofe erwartet. Mehr will ich nicht. Es ist doch das Gelindeste, daß ich ihm eine Viertelstunde lang Noth und Angst bereite. Er hat mich seit einem Monat unglücklich genug gemacht. Bedenke doch, daß ich dieses Herrn wegen meine ganze Lebensweise geändert habe. Ich mußte auf meine Empfangstage verzichten, mußte meinen Freunden die Thür schließen, allem, was ich Jugendliches und Liebenswürdiges kenne, mit Georges angefangen, und sogar auch dir. Denn du weißt, meine Beste, auch du mißfielst ihm, und er hätte dich wegschicken mögen wie die andern.«

Was Sidonie nicht sagte und was die Hauptursache ihres Grolls gegen Franz bildete, war das, daß er ihr Furcht und zwar große Furcht eingejagt hatte, indem er ihr mit ihrem Gatten drohte. Von jenem Augenblicke ab hatte sie sich sehr unbehaglich gefühlt: ihr Leben, ihr kostbares Leben, das sie über alles schätzte, schien ihr ernstlich bedroht. Diese zu blonden und anscheinend kalten Menschen wie Risler sind im Zorne schrecklich; ihr Zorn ist still, aber in seinen Folgen unberechenbar gerade wie jene farb- und geschmacklosen Sprengstoffe, vor deren Anwendung man sich scheut, weil man ihre Gewalt nicht kennt. Kurzum, der Gedanke, daß ihr Gatte eines Tages von ihrer Aufführung in Kenntnis gesetzt werden könnte, erfüllte sie mit Entsetzen.

Aus ihrem frühern Leben, dem armseligen Leben in einem volkreichen Stadtviertel, tauchten schreckliche Erinnerungen in ihr auf, Erinnerungen an zerrüttete Ehen, gerächte Gatten, verspritztes Blut, das der Schande des Ehebruchs wegen geflossen war, Todesvisionen verfolgten sie. Und der Tod, die ewige Ruhe, das athemlose Schweigen waren so recht dazu angethan, dies kleine Wesen, das nach Vergnügen lechzte und bis zur Tollheit nach Lärm und Leben lüstern war, mit Entsetzen zu erfüllen.

Jener glückliche Brief machte nun allen diesen Schrecken ein Ende. Jetzt, wo er eine solche Waffe in ihren Händen wußte, konnte Franz sie unmöglich verklagen, selbst nicht in der ersten Wuth der Enttäuschung. Und wenn er doch sprach, so zeigte sie den Brief, und alle seine Beschuldigungen wurden in Rislers Augen zu reinen Verleumdungen. Ah, Herr Rächer, jetzt haben wir Sie!

»Ich lebe wieder auf ... ich lebe wieder auf!« ... sagte sie zu Frau Dobson. Dann lief sie in den Garten, wand große Sträuße für den Salon, sperrte angelweit die Fenster auf, um den Sonnenschein einzulassen, und ertheilte der Köchin, dem Kutscher, dem Gärtner die mannigfachsten Befehle. Das Haus sollte schön sein, Georges kam wieder, und um den Anfang zu machen, wollte sie am Ende der Woche ein großes Diner veranstalten. Wahrhaftig, es hatte den Anschein, als wäre sie einen Monat lang abwesend gewesen und käme nun von einer langweiligen und ermüdenden Geschäftsreise zurück, so sehr beeilte sie sich, wieder Leben und Bewegung um sich her zu schaffen.

Am Abend des folgenden Tages befanden sich Risler, Sidonie und Frau Dobson zusammen im Salon. Während der gute Risler in einem dicken Werke über Mechanik blätterte, begleitete Frau Dobson den Gesang Sidoniens auf dem Klavier. Plötzlich brach diese mitten in ihrer Romanze ab und schlug eine tolle Lache auf. Es hatte soeben zehn Uhr geschlagen.

Risler schaute hastig auf.

»Worüber lachst du denn?«

»O, nichts ... ein Einfall,« entgegnete Sidonie, indem sie durch ein Augenzwinkern Frau Dobson die Pendule bezeichnete.

Es war die für das Stelldichein bestimmte Stunde, und sie dachte an die Qualen des Verliebten, der sie erwartete.

*

Seit der Rückkehr des Boten, der Franz das fieberhaft ersehnte Ja Sidoniens überbrachte, hatte sich eine tiefe Ruhe wie eine plötzliche Abspannung seines gemarterten Geistes bemächtigt. Keine Ungewißheit, kein Schwanken mehr zwischen Leidenschaft und Pflicht. Er fühlte sich auf der Stelle erleichtert, als ob er kein Gewissen mehr hätte. Mit der größten Ruhe traf er seine Vorbereitungen, schnallte auf dem Fußboden seine Koffer, leerte die Kommode und die Schränke, und schon lange vor der zur Abholung des Gepäcks bestimmten Stunde saß er auf einer Kiste mitten in seinem Zimmer und betrachtete die an der Wand befestigte Landkarte, gleichsam ein Sinnbild seines Wanderlebens, indem er mit dem Auge der geraden Linie der Straßen und dem wie eine Woge gebogenen Striche folgte, der die Meere bezeichnet.

Nicht ein einziges Mal kam ihm der Gedanke, daß auf der andern Seite des Flurs jemand seinetwegen weine und seufze. Nicht ein einziges Mal dachte er an die Verzweiflung seines Bruders, an das grauenvolle Drama, das ihrer Flucht folgen mußte. Er war allem diesen schon weit voraus: er sah sich bereits mit Sidonie in dunkeln Flüchtlingskleidern auf dem Perron des Bahnhofs, ja, noch weiter, am Rande des blauen Meeres, wo sie eine Zeitlang Halt machten, um die Nachforschungen auf eine falsche Spur zu lenken, und schließlich in einem fremden Lande, wo niemand sie von ihm zurückforderte, niemand sie ihm nahm. Dann dachte er wieder an den rollenden Waggon, der nachts durch die verlassenen Gefilde sauste. Er sah einen lieblichen, bleichen Kopf an den Kissen lehnen, blühende Lippen im Bereiche seines Mundes und zwei dunkle Augen, die ihn beim sanften Schimmer der Lampe anschauten, während der schnaubende Dampf und die rasselnden Räder sie beide leise wiegten.

Und nun schnaube und dröhne, Maschine. Erschüttre die Erde, röthe den Himmel, spei' Rauch und Flammen, bohre dich in die Nacht der Tunnels, sause über Berg und Strom, fliege, flamme, brause, aber führe uns fort, führe uns weit fort aus der bewohnten Welt, fort aus den Fesseln ihrer Gesetze, aus dem Banne ihrer Begierden, entreiß' uns dem Leben, entreiß' uns unserm Selbst! ...

Schon zwei Stunden vor der Eröffnung des Schalters für den bezeichnten Zug befand sich Franz auf dem Lyoner Bahnhof, jenem Bahnhof, der in Folge seines trübseligen Aussehens und seiner Lage in einem entfernten Stadttheil den Anschein eines Stationsgebäudes in der Provinz hat. Er setzte sich in den düstersten Winkel und blieb dort regungslos, wie erstarrt hocken. In seinem Kopfe wogte und summte es in diesem Momente ebenso wie auf dem Bahnhof selbst. Er fühlte sich von einer Menge unzusammenhängender Gedanken, dunkler Erinnerungen, wunderlicher Einfälle verfolgt und gemartert. In einem Momente trug es ihn so weit in seine Erinnerungen zurück, daß er sich zwei- oder dreimal fragen mußte, warum er denn hier sei und worauf er warte. Aber durch alle diese wirren Phantasien blitzte immer wieder der Gedanke an Sidonie hindurch und beleuchtete sie mit hellem Glanze.

Sie wollte kommen.

Und obgleich die Stunde des Rendezvous noch ziemlich fern war, schaute er doch mechanisch unter diesen Leuten umher, die sich drängten und einander riefen, und spähte, ob er nicht jene elegante Silhouette entdecken könne, die plötzlich aus der Menge auftauchen und dieselbe im Glanze ihrer Schönheit bei jedem Schritte theilen mußte.

Nach der Ankunft und Abfahrt einer Menge von Zügen, nach zahllosen Signalpfiffen, deren unter der Glasbedachung zusammengepreßter Klang jenem Tone glich, den man beim Zerreißen von Zeugstücken vernimmt, entstand eine große Leere auf dem Bahnhofe, der plötzlich verlassen stand wie eine Kirche an einem Wochentage. Der Zehnuhrzug nahte. Vor ihm ging kein anderer mehr ab. Franz stand auf.

Jetzt war es kein Traum mehr, keine Chimäre, die noch in den weiten, unbestimmten Grenzen der Zeit schwamm.

In einer Viertel-, spätestens in einer halben Stunde mußte sie kommen.

Nun begann für ihn die furchtbare Marter des Wartens, jenes Hangen und Bangen des ganzen Wesens, eine eigenthümliche Lage für Geist und Körper, wo das Herz nicht mehr schlägt, wo der Athem stockt wie der Gedanke, wo die Geberden, die Worte unvollendet bleiben, wo alles wartet. Die Poeten haben sie hundertmal beschrieben, diese schmerzliche Angst des Liebenden, der das Rollen eines Wagens in der einsamen Straße, das Geräusch eines verstohlenen Schrittes auf der Treppe hört.

Aber auf einem Bahnhofe, in einem Wartesaale auf die Geliebte harren, das ist noch weit trauriger. Die düster brennenden Hängelampen, die keinen Reflex auf den staubbedeckten Fußboden werfen, die großen Glasfenster, das unaufhörliche Geräusch von Schritten und das Knarren der Thüren, das an das besorgt lauschende Ohr schlägt, die Höhe der kahlen Wände, die Plakate an denselben: »Vergnügungsreise nach Monaco«, »Rundreise durch die Schweiz«, die reiselustige, veränderungssüchtige, theilnahmlose, immer wechselnde Umgebung – das alles ist so recht dazu angethan, das Herz zusammenzuschnüren und die Angst zu vermehren.

Franz ging hin und her und überwachte die ankommenden Wagen, die an den langen Steinstufen anhielten. Die Schläge öffneten sich, wurden geräuschvoll wieder geschlossen, und aus dem Dunkel draußen traten die Gesichter in das Licht der Vorhalle, ruhige und erregte, glückliche und gramvolle Gesichter, Federhüte mit hellen Schleiern, ländliche Hauben, schlaftrunkene Kinder, die an der Hand vorwärtsgezogen wurden. Bei jeder neuen Gestalt überfiel ihn ein Zittern. Er glaubte Sidonie zu erkennen, zögernd, verschleiert, ein wenig verlegen. Wie schnell wollte er an ihrer Seite sein, um sie zu beruhigen, sie zu beschützen.

Je mehr sich der Bahnhof füllte, um so schwieriger wurde dies Wachehalten. Die Wagen folgten jetzt ununterbrochen auf einander. Er war genöthigt, von einer Thür zur andern zu laufen. Dann ging er hinaus, da er meinte, das Achtgeben werde draußen leichter sein, und er die Beklemmung, die ihm die Brust zusammenzuschnüren begann, in der Stickluft des Saales nicht länger ertragen konnte.

Es war gegen Ende September. Das Wetter war gelind. Ein leichter Nebel wogte umher, und die Wagenlaternen erschienen am Fuße des abschüssigen Fahrdamms matt und trübe. Jede schien ihm beim Näherkommen zuzurufen: »Ich bin's ... da!« ... Aber nie war es Sidonie, die ausstieg, und den Wagen, den er, das Herz von Hoffnung geschwellt, als ob derselbe mehr als sein Leben enthielte, von weitem hatte herankommen sehen – diesen Wagen sah er leicht und leer wieder nach Paris zurückkehren.

Die Abfahrtszeit rückte näher. Er schaute nach der Uhr: es fehlte nur noch eine Viertelstunde. Das erschreckte ihn, aber die Glocke rief ihn an den eben geöffneten Schalter. Er lief eilig hin und nahm seinen Platz in der langen Reihe ein.

»Zwei Billets erster Klasse nach Marseille!« rief er. Es schien ihm das schon eine Art Besitzergreifung.

Durch die mit Gepäckstücken beladenen Karren und das Gewühl der Nachzügler kehrte er auf seinen Beobachtungsposten zurück. Die Kutscher schrieen ihm »Vorgesehen!« zu, er aber blieb auf dem Fahrdamme, im Bereiche der Pferdehufe, mit tauben Ohren, aber weit geöffneten Augen. Nur noch fünf Minuten! Es war beinahe unmöglich, daß sie noch zur rechten Zeit kam. Man drängte sich eilig in die innern Säle. Die Koffer rollten in die Gepäckkammer, und die schweren, in Leinwand genähten Packete, die mit Kupfernägeln beschlagenen Felleisen, die kleinen Mantelsäcke der Handlungsreisenden sowie Körbe von allen Größen und allen Formen verschwanden, geschüttelt und gewogen, mit gleicher Hast an derselben Thür.

Endlich erschien sie ...

*

Ja, da ist sie, sie ist's, eine schwarzgekleidete, schlanke, zarte Dame in Begleitung einer kleinern – ohne Zweifel Frau Dobson. Aber ein zweiter Blick brachte die Enttäuschung. Es war eine junge Frau, die ihr ähnelte, eine elegante Pariserin mit glückstrahlendem Gesichte. Ein junger Mann trat auf sie zu und reichte ihr seinen Arm. Das Paar mußte auf der Hochzeitsreise sein – die Mutter begleitete sie zur Bahn. Umrauscht vom Strome des Glücks, der sie forttrug, gingen sie an Franz vorüber. Mit einem Gemisch von Wuth und Neid sah er sie eng an einander geschmiegt, von der Menge dicht zusammengedrängt, durch die Flügelthür schreiten.

Ihm war, als ob die beiden ihn bestohlen hätten, als ob es sein und Sidoniens Platz wäre, den sie jetzt im Zuge einnahmen ...

Nun folgt das Gewirr der Abfahrt, das letzte Glockensignal, das dumpfe Brausen des ausströmenden Dampfes, in das sich das Geräusch der eiligen Schritte der Nachzügler, das Knarren der Thüren und das Gerassel der schweren Omnibusse mischt. Sidonie kommt nicht. Und Franz wartet immer noch. In diesem Augenblicke legt sich eine Hand auf seine Schulter.

Gott!

Er fährt herum. Vor sich erblickt er den dicken Kopf des Herrn Gardinois, der tief in einer Mütze mit Ohrwärmern steckt.

»Ich täusche mich nicht, es ist Herr Risler. Sie fahren also auch mit dem Marseiller Expreßzug? Ich ebenfalls, wenn auch nicht weit.«

Er setzt Franz auseinander, daß er den Zug nach Orleans versäumt hat und deshalb mit der Lyoner Bahn nach Savigny zurückkehren will. Dann spricht er von Risler senior, von der Fabrik.

»Es scheint, daß das Geschäft seit einiger Zeit stockt ... Auch sind sie bei dem Bankerott Bonnardel betheiligt gewesen ... Ja, unsere jungen Leute müssen sich vorsehen, sich in Acht nehmen ... Bei der Weise, in der sie jetzt ihr Schiff führen, könnte es bei ihnen leicht ebenso kommen wie bei den Bonnardels ... Aber entschuldigen Sie, ich glaube, man wird gleich den Schalter schließen. Auf Wiedersehen!«

Franz hat kaum gehört, was jener da eben zu ihm gesprochen hat. Der Ruin seines Bruders, der Einsturz der ganzen Welt – für ihn ist nichts mehr von Bedeutung. Er wartet ...

Aber da fällt dröhnend der Schalter zu, gleichsam ein letzter Schlagbaum seiner hartnäckigen Hoffnung gegenüber. Der Bahnhof ist von neuem leer. Der Lärm hat den Platz gewechselt, hat sich auf den Schienenweg verpflanzt, und plötzlich gellt ein schriller Pfiff, der in der Nacht verhallt, dem Liebenden wie ein spöttischer Abschiedsruf in die Ohren.

Der Zehnuhrzug ist fort.

Er versucht ruhig zu sein und zu überlegen. Augenscheinlich hat sie in Asnières den Zug versäumt, da sie aber weiß, daß er sie erwartet, wird sie in der Nacht kommen, gleichviel zu welcher Stunde. Warten wir also. Der Saal ist ja dazu da.

Der Unglückliche setzt sich auf eine Bank. Die großen Fenster, an denen die Dunkelheit den Glanz schwarzen Lackpapiers annimmt, sind geschlossen. Der schlaftrunkene Bücherverkäufer ist beschäftigt, seinen Kram zu ordnen. Franz starrt mechanisch diese Reihen buntscheckiger Bücher an, die ganze Eisenbahnbibliothek, deren Titel er während der vier Stunden, die er sich auf dem Bahnhofe befindet, auswendig gelernt hat.

Er erkennt darunter Bücher, die er in seinem Zelte zu Ismaïlia oder auf dem Dampfboot gelesen, das ihn von Suez zurückbrachte nach Frankreich, und diese platten, unbedeutenden Romane haben sämmtlich einen Meeresduft, einen exotischen Hauch für ihn bewahrt. Bald aber wird der Bücherstand geschlossen, und nun fehlt ihm auch dies Mittel, um Müdigkeit und Aufregung zu vertreiben. Auch die Spielwaarenbude hat sich mit ihrem Bretterverschlusse umgeben. Die Pfeifen, Schubkarren, Gießkannen, Schaufeln, Harken, das ganze Handwerkszeug der kleinen Pariser auf dem Lande ist im Nu verschwunden. Die Verkäuferin, eine kränkliche Frau mit trauriger Miene, hüllt sich in einen alten Mantel und geht mit ihrer Wärmpfanne in der Hand fort.

Alle diese Leute haben ihr Tagewerk vollendet, nachdem sie mit der Unverdrossenheit und dem Starrsinn der Riesenstadt, die ihre Laternen erst bei Tagesanbruch löscht, bis zur letzten Minute ausgeharrt haben.

Bei diesem Bilde langer Nachtwachen wenden sich seine Gedanken einem wohlbekannten Zimmer zu, wo noch um diese Stunde die Lampe auf den mit Kolibris und Glanzkäfern bedeckten Tisch scheint. Aber diese Vorstellung verschwindet schnell wieder in dem Chaos von unzusammenhängenden Gedanken, welche das Fieber der Erwartung in ihm erzeugt.

Plötzlich wird er gewahr, daß ihn ein rasender Durst quält. Das Bahnhofsrestaurant ist noch offen. Er tritt hinein. Die Nachtkellner schlafen auf den Bänken. Der Fußboden ist in Folge des Gläserspülens naß und feucht. Es dauert unendlich lange, ehe man ihn bedient. In dem Augenblicke aber, wo er trinken will, kommt ihm der Gedanke, daß Sidonie vielleicht während seiner Abwesenheit angelangt ist und ihn im Wartesaale sucht. Er springt auf, stürmt wie ein Toller hinaus und läßt das volle Glas stehen und das Geld auf dem Tische liegen.

Sie wird nicht kommen.

Er fühlt es.

Sein Schritt, der eintönig und regelmäßig auf der ganzen Länge der Treppe vor dem Gebäude widerhallt, reizt ihn als ein Zeugnis für seine Einsamkeit und sein Mißgeschick.

Was mag nur geschehen sein? Was hat sie zurückhalten können? Ist sie krank geworden, oder hat vorzeitige Reue sie erfaßt? Aber in diesem Falle würde sie ihn benachrichtigt, würde sie Frau Dobson geschickt haben. Hatte Risler vielleicht den Brief gefunden? Sie war so unbesonnen, so unvorsichtig.

Und während er sich in solcher Weise in allerlei Muthmaßungen erging, rückte der Tag näher. Schon nahmen die Giebel der im Dunkel ruhenden Gebäude von Mazas eine lichtere Farbe an und zeichneten sich in scharfen Umrissen am Himmel ab. Was nun anfangen? Er mußte sich auf der Stelle nach Asnières begeben und versuchen, dort etwas zu erfahren, sich Aufklärung zu verschaffen. Er hätte nun bereits dort sein mögen.

Nachdem sein Entschluß gefaßt war, stieg er schnellen Schritts die Rampe hinunter. Auf dem Wege begegneten ihm Soldaten mit ihren Tornistern, arme Leute, die den Frühzug benutzen wollten, den Zug für das Elend, das sich zu früher Stunde erhebt.

Er durchschritt das Paris der frühen Morgenzeit, ein trauriges, fröstelndes Paris, in welchem hier und da der rothe Schein der Laterne vor den Polizeiwachen aufblitzte, und das die Stadtsergeanten, an den Straßenecken stehen bleibend und mit dem Blick das Dunkel durchspähend, zu zwei und zweien abpatrouillirten.

Vor einer jener Wachen sah er einen Menschenhaufen stehen, Lumpensammler, Frauen vom Lande. Ohne Zweifel ein nächtliches Drama, das da seinen Abschluß bei dem Polizeicommissar fand ... Ach, hätte Franz gewußt, worin dies Drama bestand! Aber er konnte keine Ahnung davon haben und schaute gleichgiltig aus der Ferne herüber.

Nur versenkten ihn all diese häßlichen Bilder, diese Morgenröthe, die mit bleichem, müden Schimmer über Paris heraufzog, diese Laternen, die am Seineufer flammten wie die Kerzen bei einer Leichenwacht, und die durch die schlaflos verbrachte Nacht hervorgerufene Abspannung in eine tiefe Traurigkeit.

Als er nach einem zwei- oder dreistündigen Marsche nach Asnières kam, erwachte er wie aus einem Traume.

Die in all ihrer Herrlichkeit aufgehende Sonne übergoß die Ebene und den Fluß mit rothem Schimmer. Die Brücke, die Häuser, der Damm, alles glänzte in jener morgendlichen Frische und Sauberkeit, die der junge Tag, der glänzend und lächelnd aus den Nebeln der Nacht hervorbricht, allen Gegenständen zu verleihen pflegt. Er erblickte von weitem das Haus seines Bruders. Dort war man bereits munter, die Jalousien waren geöffnet, die Blumen an den Rand der Fenster gerückt. Er irrte eine Zeitlang umher, ehe er einzutreten wagte.

Plötzlich rief ihn jemand vom Ufer her an.

»Sieh da, Herr Franz! ... Sie sind heute früh aufgestanden.«

Es war Sidoniens Kutscher, der seine Pferde in die Schwemme ritt.

»Nichts Neues im Hause?« ... fragte ihn Franz zitternd.

»Nein, Herr Franz.«

»Ist mein Bruder hier?«

»Nein, der Herr hat in der Stadt geschlafen.« Der Autor vergeht sich hier ein wenig gegen die Wahrscheinlichkeit: nach S. 202 befand sich ja Risler senior noch um zehn Uhr des vorhergehenden Abends in Asnières. D. Übers.

»Es ist jemand krank?«

»Nein, Herr Franz, niemand, so viel ich weiß.«

Damit gingen die Pferde bis an die Brust ins Wasser und ließen den Schaum hoch aufspritzen.

Franz entschloß sich, an der kleinen Pforte zu klingeln.

Im Garten wurden die Wege gesäubert und geglättet. Das Haus war in reger Bewegung, und trotz der frühen Stunde hörte er Sidoniens Stimme klar und schmetternd wie Vogelsang aus den Rosenbüschen am Hause vorüberschallen.

Sie sprach mit großer Lebhaftigkeit.

Franz trat erregt näher, um zu lauschen.

»Nein, keinen Rahm ... Das Gelée wird ausreichen ... Es muß aber recht kalt und vor allem um sieben Uhr fertig sein ... Ja, und als Entrée ... laßt einmal sehen« ...

Sie hielt wegen des Diners für den nächsten Tag mit ihrem Mädchen großen Rath. Das plötzliche Erscheinen ihres Schwagers störte sie nicht im geringsten.

»Ah, guten Morgen, Franz,« sagte sie ganz gelassen. »Ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten. Wir haben morgen Tischgäste, Kunden, ein großes Geschäftsdiner ... Sie erlauben also, nicht wahr?«

Frisch und lächelnd saß sie im weißen, weiten Morgenkleide und in der kleinen Spitzenhaube da und fuhr ruhig in der Aufstellung der Speisekarte fort. Dabei athmete sie in vollen Zügen die frische Luft ein, die von der Wiese und dem Fluß herüberwehte. Auf ihrem frischen Gesichte zeigte sich nicht die geringste Spur von Kummer oder Unruhe. Die glatte Stirn, der reizend erstaunte Blick, der sie so lange jung erhalten sollte, und die halbgeöffneten, rosigen Lippen bildeten einen seltsamen Gegensatz zu dem Gesichte des Liebhabers, das die Angst und die Anstrengung dieser Nacht verzerrt hatten.

Eine volle Viertelstunde lang mußte Franz, der sich in einem Winkel des Salons niedergelassen hatte, alle herkömmlichen Gerichte eines bürgerlichen Diners in ihrer gewöhnlichen Ordnung aufzählen hören, von den kleinen, warmen Pasteten und der normannischen Scholle mit allen ihren unzähligen Zuthaten an bis zu den Pfirsichen von Montreuil und den Trauben von Fontainebleau. Sie schenkte ihm nicht das kleinste Zwischengericht.

Als sie endlich allein waren und er sprechen durfte, fragte er mit beklommener Stimme:

»Sie haben also meinen Brief nicht erhalten?« ...

»O doch, gewiß.«

Sie war aufgestanden, um vor dem Spiegel einige kleine Löckchen zurecht zu rücken, die zwischen die flatternden Bänder gerathen waren, und fuhr dabei, während sie sich im Spiegel betrachtete, fort:

»Gewiß habe ich ihn erhalten, Ihren Brief. Ich war sogar sehr entzückt über den Empfang desselben ... Wenn Sie jetzt die Lust anwandeln sollte, Ihrem Bruder das häßliche Geklätsch mitzutheilen, mit dem Sie mir drohten, so werde ich ihm mit Leichtigkeit beweisen, daß der Groll einer verbrecherischen, von mir nach Gebühr zurückgewiesenen Liebe die alleinige Ursache dieser lügenhaften Anschuldigungen ist. Lassen Sie sich das gesagt sein, mein Lieber ... und auf Wiedersehen.«

Glücklich wie eine Schauspielerin, die eine effectvolle Phrase ins Publikum geschleudert, schritt sie an ihm vorüber und verließ den Salon, lächelnd, mit emporgezogenen Mundwinkeln, triumphirend, ohne Groll.

Und er tödtete sie nicht!

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.