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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectida3f3270f
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III. Arme kleine Mamsell Zizi.

O, wie glücklich Désirée war!

Franz kam jeden Tag und setzte sich wie früher auf den niedrigen, kleinen Stuhl zu ihren Füßen – und nicht mehr, um blos von Sidonie zu reden.

Wenn sie sich morgens an die Arbeit setzte, sah sie leise die Thür aufgehen: »Guten Morgen, Mamsell Zizi!« Er nannte sie jetzt immer bei ihrem Kindernamen, und man hätte nur hören sollen, wie lieb und freundlich er das sagte: »Guten Morgen, Mamsell Zizi!«

Abends warteten sie zusammen auf »Vatern«, und während sie arbeitete, erzählte er ihr von seinen weiten Reisen, so daß sie oft vor Angst zusammenbebte.

»Was hast du denn nur? Du bist gar nicht mehr die alte,« sagte Mama Delobelle, erstaunt darüber, sie so heiter und vor allem so lebendig und beweglich zu sehen. Denn anstatt wie früher mit der Resignation einer jungen Großmutter beständig in ihrem Sessel hocken zu bleiben, stand die kleine Lahme jetzt alle Augenblicke auf, eilte nach dem Fenster, als ob ihr Flügel wüchsen, bemühte sich, sich aufrecht zu halten und gerade zu stehen, und fragte dabei die Mutter leise:

»Sieht man etwas davon, wenn ich nicht gehe?«

Von dem kleinen, hübschen Kopfe aus, wo sie sich bis dahin auf die Anordnung der Coiffüre beschränkt hatte, verbreitete sich jetzt ihre Eitelkeit über ihre ganze Person gerade wie ihr langes, feines, krauses Haar, wenn sie es frei herabwallen ließ. Sie war jetzt sehr, sehr kokett, und alle Welt merkte es. Sogar die Vögel und Käfer hatten jetzt ein ganz eigentümliches, zierliches Aussehen.

O gewiß, Désirée Delobelle war glücklich. Franz sprach seit einigen Tagen von einem gemeinschaftlichen Ausfluge aufs Land, und da der immer so gute, so großmüthige Vater den Damen von Herzen gern einen Ruhetag gönnte, so brachen alle vier eines Sonntags morgens zusammen auf.

Es ist gar nicht zu beschreiben, wie schön an jenem Tage das Wetter war. Als Désirée um sechs Uhr das Fenster öffnete, im Morgennebel die warme, leuchtende Sonne funkeln sah und an die Bäume, die Felder und die Straßen, an die ganze wunderbare Natur dachte, die sie so lange nicht gesehen hatte und nun am Arme Franzens sehen sollte – da traten ihr Thränen in die Augen. Das Glockengeläut, der Straßenlärm, der bereits vom Pflaster unten heraufscholl, das Anlegen der Sonntagskleidung, dies Fest der Armen, wobei selbst die Wangen der kleinen Kohlenträger licht und rosig werden – der ganze Beginn dieses wunderbaren Morgens wurde von ihr langsam und mit Wollust durchgekostet.

Franz hatte ihr am Abend vorher einen Sonnenschirm, einen kleinen Sonnenschirm mit elfenbeinernem Griff mitgebracht, womit sie ihre sehr sorgfältige, wenn auch sehr einfache Toilette, wie sich eine solche eben für ein armes, gebrechliches Wesen schickt, das nicht auffallen möchte, vervollständigt hatte. Aber man sagt doch zu wenig, wenn man nur einräumt, daß die arme, gebrechliche Kleine reizend war.

Schlag neun Uhr kam Franz mit einem auf den ganzen Tag gemietheten Fiacre und eilte hinauf, um die Eingeladenen abzuholen. Ohne Zögern stieg Mamsell Zizi kokett, sich auf das Geländer stützend, ganz allein die Treppe hinab. Hinter ihr kam Mama Delobelle; um auf sie Acht zu geben, und der berühmte Komödiant eilte mit dem Paletot über dem Arm in Begleitung des jungen Risler voran, um den Wagenschlag zu öffnen.

O, wie schön war die Fahrt im Wagen, die Gegend, der Fluß, die Bäume ...

Aber man frage nicht, wo das war – Désirée hat es nie erfahren. Sie könnte nur erwidern, daß die Sonne niemals prächtiger geschienen habe, die Vögel niemals heiterer, die Gebüsche niemals lauschiger gewesen seien, und sie würde nicht lügen.

In ihrer Kindheit hatte sie wohl zuweilen ganze Tage in der freien Luft, auf weiten Spaziergängen zugebracht. Später aber hatten die beständige Arbeit, die Noth und die den Gebrechlichen so angenehme sitzende Lebensart sie in dem alten Stadtviertel von Paris festgehalten, in welchem sie wohnte, und dessen hohe Dächer und mit eisernen Balkons versehene Fenster nebst den Fabrikschornsteinen, deren Ziegelroth grell von den düstern Mauern der alten historischen Paläste abstach, einen immer gleichen, ihr genügenden Horizont für sie bildeten. Schon seit langem kannte sie keine andern Blumen mehr als die Winden an ihrem Fenster, keine andern Bäume als die Akazien im Fromont'schen Garten, die sie von ferne durch den Rauch erblickte.

Welche Freude schwellte daher ihre Brust, als sie sich auf freiem Felde befand. Von Freude und Jugendlust beflügelt, verfiel sie von einem Erstaunen in das andere, klatschte in die Hände, stieß einen leichten Schrei aus wie ein Vögelchen, und die Ausbrüche ihrer naiven Neugier verdeckten die Unsicherheit und Ängstlichkeit ihres Ganges. In der That, man wurde wirklich nicht allzu viel gewahr davon. Überdies war auch Franz beständig an ihrer Seite, immer bereit, sie zu stützen, ihr beim Überschreiten der Gräben die Hand zu reichen, und das mit solchem Eifer, mit einem so zärtlichen Ausdruck in den Augen. Wie ein Traum ging dieser köstliche Tag vorüber. Der weite, blaue Himmel, der so duftig durch die Zweige schimmerte, das Unterholz, das sich so lauschig und geheimnisvoll zu den Füßen der Bäume hinstreckt, wo die Blumen schlanker und höher sprießen, wo das goldgelbe Moos an den Eichenstämmen verirrten Sonnenstrahlen gleicht, der plötzliche Ausblick in die hellen Lichtungen – alles, sogar die Ermattung von dem weiten Spaziergange in freier Luft, entzückte und bezauberte sie.

Am Abend, als sie vom Waldessaume aus beim schwindenden Tageslichte die weißschimmernden Feldwege, den wie ein silbernes Band blitzenden Fluß und weit hinten, in der Einsenkung zwischen zwei Hügeln, einen wirren Haufen von grauen Dächern, Kuppeln und Thurmspitzen erblickte, den man ihr als Paris bezeichnte – da trug sie mit einem langen Blicke die ganze blühende, von Liebe und Weißdorn durchduftete Landschaft in einen Winkel ihres Gedächtnisses ein, als ob sie dieselbe nie, nie mehr wiedersehen sollte.

Der Strauß, den die kleine Lahme von diesem schönen Ausfluge mit heimgebracht hatte, füllte acht Tage lang ihr Zimmer mit seinem Duft. Er enthielt zwischen den Hyacinthen, Veilchen und Weißdornzweigen auch eine Menge anderer, kleiner, namenloser, bescheidener Blumen, wie sie aus achtlos verwehtem Samen beinahe allenthalben an den Wegrändern erblühen.

Beim Anblick dieser zarten, blaßblauen oder dunkelrothen Blumenkronen und dieser feinen Farbentöne, welche die Natur lange vor den Malern erfand, wiederholte Désirée ihren Ausflug während jener acht Tage noch sehr häufig. Die Veilchen erinnerten sie an den kleinen Mooshügel, wo sie dieselben gepflückt und unter dem Blattwerk hervorgesucht hatte, und bei welchem Geschäfte ihre Finger Franzens Händen begegnet waren. Jene großen Wasserpflanzen waren am Rande eines noch vom Winterregen feuchten Grabens gebrochen worden, und um sie zu erreichen, hatte sie sich fest auf Franzens Arm gestützt. Alle diese Erinnerungen hielten während der Arbeit Einkehr bei ihr, und dabei blitzten und funkelten die Federn der Kolibris im Sonnenscheine, der durch das offene Fenster ins Zimmer fiel. Frühling, Jugend, Sang und Duft wandelten das traurige Gemach im fünften Stockwerk völlig um, und Désirée sagte in allem Ernste zu ihrer Mutter, wenn sie den Duft vom Strauße des Freundes einathmete:

»Hast du bemerkt, Mama, wie schön die Blumen in diesem Jahre riechen?« ...

Auch Franz begann dem Zauber zu erliegen. Mamsell Zizi bemächtigte sich allmählich seines Herzens und verdrängte sogar die Erinnerung an Sidonie daraus. Allerdings that auch der arme Rächer in dieser Hinsicht alles, was er konnte. Zu jeder Tagesstunde fand er sich bei Désirée ein und schmiegte sich an sie wie ein Kind. Nicht ein einziges Mal hatte er nach Asnières zurückzukehren gewagt. Sidonie flößte ihm noch zu viel Furcht ein.

»Komm doch ein wenig zu uns heraus ... Sidonie verlangt nach dir,« sagte von Zeit zu Zeit der brave Risler zu ihm, wenn er den Bruder in die Fabrik treten sah. Aber Franz hielt tapfer Stand und schützte alle möglichen Geschäfte vor, um seinen Besuch immer auf den folgenden Tag verschieben zu können. Bei Risler hielt das nicht schwer, da derselbe mehr als je von seiner Druckpresse, mit deren Bau man eben begonnen hatte, in Anspruch genommen wurde.

Jedes Mal, wenn Franz von seinem Bruder herunterkam, paßte ihm der alte Sigismund, mit großen Arbeitsärmeln und Feder und Federmesser in der Hand, beim Vorübergehen auf und begleitete ihn einige Schritte weit. Er hielt den jungen Mann über den Stand der Angelegenheiten in der Fabrik auf dem Laufenden. Seit einiger Zeit hatte es den Anschein, als ob die Dinge eine bessere Wendung nähmen. Herr Georges kam regelmäßig zum Bureau und kehrte jeden Abend nach Savigny zurück. An der Kasse wurden keine Rechnungen mehr präsentirt. Es schien sogar, als ob die gnädige Frau da draußen sich ebenfalls ruhiger verhielte.

Der Kassirer triumphirte.

»Siehst du, Kleiner, wie gescheidt es war, daß ich an dich schrieb ... Deine Ankunft hat hingereicht, um alles wieder in Ordnung zu bringen ... Aber trotzdem,« fügte der Biedermann gewohnheitsmäßig hinzu, »trotzdem ... hab' kain Vertrauen« ...

»Seien Sie unbesorgt, Herr Sigismund, ich bin da,« entgegnete der Rächer.

»Du reisest noch nicht wieder ab, nicht wahr, kleiner Franz?«

»Nein, nein ... noch nicht ... ich habe vorher erst noch eine wichtige Angelegenheit zu erledigen.«

»Ah! Um so besser!«

Franzens wichtige Angelegenheit war seine Verheirathung mit Désirée Delobelle. Noch hatte er mit niemand, selbst mit ihr nicht, darüber gesprochen, aber Mamsell Zizi mußte wohl etwas ahnen, denn sie wurde von Tag zu Tag heiterer und hübscher, als ob sie voraussähe, daß bald der Augenblick eintreten würde, wo ihr alle Heiterkeit und alle ihre Schönheit nöthig wäre.

An einem Sonntag Nachmittag befanden sich beide allein im Zimmer. Mama Delobelle war ausgegangen, strahlend vor Stolz, daß sie sich einmal am Arme ihres großen Mannes zeigen durfte, und hatte Franz bei ihrer Tochter zurückgelassen, damit er derselben Gesellschaft leiste. Franz war an diesem Tage äußerst sorgfältig gekleidet. Über seine ganze Person lag ein festlicher Schimmer ausgegossen, auf seinem Gesichte prägte sich eine eigenthümliche Mischung von Scheu und Entschlossenheit, Rührung und Feierlichkeit aus, und schon an der Art und Weise, in welcher der kleine, niedrige Sessel sich an seine Seite schob, erkannte der große Lehnstuhl, daß man ihm eine sehr wichtige Mittheilung zu machen habe, und er ahnte auch einigermaßen, was es war. Das Gespräch begann zunächst mit nichtssagenden Worten, die aber alle Augenblicke durch lange Pausen unterbrochen wurden, so wie man auf der Reise nach jedem Tagemarsche Halt macht, um sich zu erholen.

»Es ist schönes Wetter heute.«

»O, sehr schön.«

»Unser Bouquet riecht immer noch gut.«

»O, sehr gut« ...

Und schon beim Aussprechen dieser einfachen Worte bebten ihre Stimmen vor Erregung über das, was nun folgen sollte.

Endlich rückte der kleine, niedrige Sessel dem großen Lehnstuhl noch ein wenig näher, die Blicke kreuzten, die Hände fanden sich, und die beiden Kinder nannten sich ganz leise, ganz langsam bei Namen.

»Désirée.«

»Franz.«

In diesem Augenblicke wurde an die Thür geklopft.

Es war das leichte, leise Klopfen einer fein behandschuhten Hand, die sich bei der geringsten Berührung zu beschmutzen fürchtet.

»Herein!« ... rief Désirée mit einer leichten Bewegung der Ungeduld, und schön, kokett und freundlich lächelnd trat Sidonie ein. Sie wollte im Vorübergehen ihre kleine Zizi einmal besuchen und umarmen. Sie hatte sich schon so lange danach gesehnt.

Die Anwesenheit Franzens schien sie sehr zu wundern, und in der Freude, wieder einmal mit ihrer alten Freundin plaudern zu können, beachtete sie ihn kaum. Nach Liebkosungen, Schmeicheleien und herzlichem Geplauder über die Vergangenheit wollte sie auch das Flurfenster und die Wohnung der Rislers wiedersehen. Es machte ihr Vergnügen, auf diese Weise ihre ganze Jugend nochmals zu durchleben.

»Erinnern Sie sich noch, Franz, wie Prinzessin Kolibri in Ihr Zimmer kam, und wie aufrecht sie den kleinen Kopf unter dem Federdiademe trug?«

Franz gab keine Antwort. Er war zu erregt dazu. Eine innere Stimme sagte ihm, daß diese Frau nur um seinetwillen kam, daß sie ihn wiederhaben, ihn hindern wollte, sich einer andern hinzugeben, und mit Schrecken ward der Unglückliche gewahr, daß es ihr nicht viel Mühe kosten würde, das zu bewerkstelligen. Schon als er sie hatte eintreten sehen, war sein Herz ihr wieder zugeflogen.

Désirée – Désirée ahnte nichts. Sidonie sah so freundschaftlich, so offenherzig aus. Und dann waren die beiden ja jetzt auch Bruder und Schwester. Da war Liebe zwischen ihnen nicht mehr möglich.

Dennoch überfiel es die kleine Lahme wie ein dunkles Vorgefühl ihres Unglücks, als Sidonie, während sie bereits, zum Weggehen bereit, auf der Schwelle stand, sich nachlässig umwandte und zu ihrem Schwager sagte:

»Eben fällt mir ein, Franz – Risler hat mir aufgetragen, Sie heute Abend zum Diner mitzubringen ... Der Wagen steht unten ... Wir wollen ihn zusammen aus der Fabrik abholen.«

Dann wandte sie sich mit dem reizendsten Lächeln von der Welt an Désirée:

»Du überläßt ihn uns doch heute Abend, nicht wahr, Zirée? Sei unbesorgt, wir geben ihn dir zurück.«

Und er hatte wirklich den Muth, wegzugehen, der Undankbare!

Er ging, ohne eine Minute zu zögern, ohne sich nur noch einmal umzudrehen, fortgerissen von seiner Leidenschaft wie von einem rasenden Meere, und weder an diesem Tage, noch an den folgenden, überhaupt nie und nimmer hat der große Lehnstuhl Mamsell Zizis erfahren, was der kleine, niedrige Sessel ihm so Besonderes zu sagen hatte.

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