Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectida3f3270f
Schließen

Navigation:

II. Die Erklärung.

Wahrhaftig, es war Zeit, daß der Rächer kam.

Die kleine Frau wirbelte selbstvergessen in dem Pariser Mahlstrom herum. Noch schwamm sie oben, von ihrer Leichtigkeit unterstützt, aber ihre übertriebenen Ausgaben, der Luxus, den sie zur Schau trug, die Mißachtung, die sie mehr und mehr gegen die geringsten Gebote der Schicklichkeit zeigte – das alles deutete an, daß sie dem Untersinken nahe sei und die Ehre ihres Gatten, wie auch vielleicht das Vermögen und den Namen eines bedeutenden, durch ihre Thorheit ruinirten Handlungshauses mit sich in den Abgrund reißen würde.

Die Umgebung, in der sie jetzt lebte, beschleunigte ihren Untergang noch. In Paris, in den Krämervierteln, die in Bezug auf böswilligen Klatsch wahre Kleinstädte sind, war sie zu mehr Vorsichtsmaßregeln gezwungen, in Asnières aber, wo sie allenthalben von Actricenvillen, zweideutigen Wirtschaften, feiernden Ladendienern umgeben war, that sie sich keinen Zwang mehr an. Hier umgab sie eine lastergeschwängerte Atmosphäre, die ihr behagte, und die sie ohne Ekel einathmete. Die Tanzmusik im Balllokale ergötzte sie abends in ihrem kleinen Garten.

Eines Nachts wurde in einem der benachbarten Häuser ein Pistolenschuß abgefeuert. Die ganze Nachbarschaft beschäftigte sich in Folge dessen mit einer dummen, alltäglichen Liebesgeschichte, und Sidonie träumte fortan von ähnlichen Abenteuern. Sie hätte gar zu gern auch ein romantisches Erlebnis haben mögen. Sie hielt kein Maß mehr, weder in ihrer Sprache, noch in ihrem Benehmen, und an den Tagen, wo sie nicht im kurzen Röckchen und mit einem langen Spazierstocke in der Hand wie eine Modedame von Trouville oder Houlgate auf dem Damme in Asnières promenirte, blieb sie wie ihre Nachbarinnen zu Hause im Negligée, völlig unthätig und sich kaum noch um die Wirtschaft bekümmernd, wo sie wie eine Cocotte bestohlen wurde, ohne daß sie etwas davon merkte. Die nämliche Dame, die man jeden Morgen hoch zu Roß vorübersprengen sah, schwatzte oft ganze Stunden lang mit den Dienstmädchen über die sonderbaren Haushaltungen um sie her.

Nach und nach sank sie auf die frühere Stufe zurück, ja, noch tiefer. Aus der reichen, gut situirten Bürgerklasse, zu der ihre Heirath sie erhoben hatte, sank sie zum Range einer » femme entretenue« herab. Sie war so oft mit seltsam aufgeputzten Frauenzimmern zusammen gefahren, mit Mädchen, die das Haar à la chien bis auf die Augen herabgekämmt oder à la Geneviève de Brabant den Rücken herabwallend trugen, daß sie denselben schließlich ähnlich sah. Für zwei Monate wurde sie sogar blond, zum großen Erstaunen Rislers, der sich nicht wenig wunderte, daß man ihm sein Püppchen ausgetauscht hatte. Was Georges betrifft, so ergötzten ihn alle diese Excentricitäten und ließen ihn zehn Frauen in der einen finden. Er war der eigentliche Gatte, der Herr des Hauses.

Um Sidonie zu zerstreuen, hatte er ihr eine Art von Gesellschaft verschafft, die Freunde seiner Junggesellenzeit, einige lebenslustige Kaufleute, aber fast nie Frauen: Frauen haben zu scharfe Augen. Mithin blieb Frau Dobson ihre einzige Freundin.

Man veranstaltete große Diners, Wasserfahrten, Gartenfeste mit Feuerwerk. Die Stellung des armen Risler wurde von Tag zu Tag lächerlicher und anstößiger. Wenn er abends abgespannt und schlecht gekleidet ankam, mußte er schnell auf sein Zimmer gehen, um noch etwas Toilette zu machen.

»Wir haben Gesellschaft zu Tisch,« sagte seine Frau – »beeilen Sie sich!«

Und dann setzte er sich als der letzte zu Tisch, nachdem er allen seinen Gästen, Freunden Fromont juniors, die er kaum dem Namen nach kannte, die Hand geschüttelt hatte. Und seltsam! oft wurde an dieser Tafel über Geschäfte verhandelt, denn Georges brachte mit der Sicherheit des Herrn, der bezahlt, auch seine Bekannten aus dem Club mit.

»Dejeuners und Diners im Geschäftsinteresse!« –dies Wort erklärte in den Augen Rislers alles: die beständige Anwesenheit seines Associés, die Wahl der Gäste und die prachtvollen Toiletten Sidoniens, die sich nur im Interesse des Geschäfts so schön und kokett machte. Diese Koketterie seiner Geliebten brachte den jungen Fromont zur Verzweiflung. Zu jeder Tagesstunde eilte er unruhig und mißtrauisch herbei, um sie zu überraschen, da er sich scheute, dies heuchlerische, verderbte Wesen lange sich selbst zu überlassen.

»Was macht denn dein Mann?« fragte der alte Gardinois seine Enkelin spöttisch. »Warum kommt er nicht häufiger?«

Clara entschuldigte Georges, aber diese beständige Vernachlässigung begann sie doch zu beunruhigen. Jetzt weinte sie bereits beim Empfange der kurzen Billets und der Depeschen, die ihr täglich zur Zeit des Diners zugingen: »Erwarte mich heute Abend nicht, liebes Kind. Ich werde erst morgen oder übermorgen mit dem Nachtzuge nach Savigny kommen können.«

Traurig speiste sie seinem leeren Platze gegenüber allein. Ohne zu wissen, daß sie betrogen wurde, fühlte sie doch, daß ihr Gatte ihr fremder wurde. Er war so zerstreut, wenn ein Familienfest oder irgend ein anderer Umstand ihn zum Bleiben zwang, so schweigsam hinsichtlich dessen, was ihn beschäftigte. Da Clara nur noch äußerst selten mit Sidonie zusammenkam, so wußte sie nichts von dem, was in Asnières vorging, wenn aber Georges mit einem Lächeln auf den Lippen eilig wieder aufbrach, dann marterte die Verlassene ein uneingestandener Argwohn, und wie diejenigen, derer ein großes Leid harrt, fühlte sie plötzlich eine ungeheure Leere im Herzen, einen Raum, der für hereinbrechende Katastrophen frei war.

Ihr Gatte war kaum glücklicher als sie. Diese grausame Sidonie schien ein Vergnügen daran zu finden, ihn zu quälen. Sie ließ sich von aller Welt den Hof machen. Gerade jetzt kam ein italienischer Tenor aus Toulouse, der Cazabon hieß und sich Cazaboni nennen ließ, täglich zu ihr ins Haus und sang beunruhigende Duette mit ihr. Georges eilte in seiner Eifersucht schon nachmittags nach Asnières, vernachlässigte alles und begann gewahr zu werden, daß Risler seine Frau nicht genug überwache. Er hätte gewünscht, daß derselbe nur hinsichtlich seiner blind wäre.

Ha! wenn er der Gatte gewesen wäre, wie würde er sie im Zaume gehalten haben! Aber er hatte kein Anrecht auf sie, und man entblödete sich nicht, ihm das ins Gesicht zu sagen. Zuweilen bedachte er auch mit jener unwiderstehlichen Logik, die oft selbst den Dümmsten einleuchtet, daß er, der selbst betrog, vielleicht betrogen zu werden verdiene. Alles in allem führte er ein trauriges Leben. Er verbrachte seine Zeit damit, bei den Juwelieren und in den Stoffmagazinen umherzulaufen und Geschenke und Überraschungen für sie zu ersinnen. Ja, er kannte sie nur zu gut. Er wußte, daß man sie mit Schmucksachen ergötzen, aber nicht fesseln konnte, und daß der Tag, an welchem sie sich langweilen würde – – –

Noch langweilte sich Sidonie nicht. Sie führte das Leben, welches ihr zusagte, genoß das Glück, welches sie erreichen konnte. Ihre Liebe zu Georges hatte nichts Leidenschaftliches, nichts Romantisches. Er war für sie nur ein zweiter Gatte, der jünger und vor allem reicher war als der erste. Um dem ehebrecherischen Verhältnisse vollends einen kleinbürgerlichen Anstrich zu geben, hatte sie ihre Eltern nach Asnières kommen lassen und dieselben in ein Häuschen am Ende des Ortes einquartiert. Der eitle, absichtlich blinde Vater und die zärtliche, immer geblendete Mutter bildeten eine ehrbare Umgebung für sie, deren sie, wie sie fühlte, um so dringender bedurfte, je tiefer sie sank.

Auf diese Weise war in dem kleinen, schlimmen Kopfe, der das Laster kaltblütig überdachte, alles aufs beste geordnet, und es schien, als dürfe sie ihr Leben ruhig in der bisherigen Weise weiterführen, als plötzlich Franz Risler erschien.

Schon als sie ihn eintreten sah, hatte sie sofort begriffen, daß ihre Ruhe bedroht sei, und daß etwas Ernstes, Gewichtiges zwischen ihnen vorgehen werde.

Auf der Stelle war auch ihr Plan gemacht. Jetzt nun handelte es sich um die Ausführung desselben.

Der Pavillon, in den sie sich zurückgezogen hatten, war ein großes, rundes Gemach, dessen vier Fenster verschiedene Aussichten gewährten, und für die Sommersiesten, für jene heißen Stunden eingerichtet, wo man eine Zuflucht vor der Sonne und dem Insektengesumm im Garten sucht. Ein breiter, niedriger Divan lief ringsum an der Wand entlang. In der Mitte stand ein ebenso niedriges, roth lackirtes Tischchen, auf welchem einzelne Nummern modischer Journale lagen.

Die Tapeten waren neu, und die Zeichnung derselben – Vögel, die zwischen bläulichen Schilfbüscheln umherflatterten – machte den Eindruck eines sommerlichen Traums, eines leichten Bildes, das vor den entschlummernden Augen hin und her schwankt. Die geschlossenen Vorhänge, die den Fußboden bedeckende Matte, der amerikanische Jasmin, der am Gitterwerke draußen emporrankte, ertheilten dem Gemache eine angenehme Kühle, die durch das Rauschen des nahen Flusses, der beständig in Bewegung war, und das Anschlagen seiner leichten Wogen an das Ufer noch vermehrt wurde.

Sidonie nahm sofort nach dem Eintreten auf dem Divan Platz, indem sie den langen, weißen Rock nach seitwärts zurückschlug, so daß er wie ein Schneefall auf die Matte herabsank. Und mit klaren Augen und lächelndem Munde, den kleinen Kopf, dessen seitwärts sitzender Haarknoten den Ausdruck eigensinniger Widerspenstigkeit noch vermehrte, ein wenig herabneigend, wartete sie.

Franz war todtenbleich. Er blieb stehen, schaute sich um und sagte dann nach einer kurzen Pause:

»Ich mache Ihnen mein Compliment, Madame. Sie verstehen sich auf den Comfort.«

Und eiligst, als fürchte er, eine mit so fernliegenden Dingen beginnende Unterhaltung möchte nicht schnell genug zu dem Punkte gelangen, auf den er sie hinlenken wollte, fuhr er in brutaler Weise fort:

»Wem verdanken Sie all diesen Luxus? ... Ihrem Gatten oder Ihrem Geliebten?«

Ohne sich zu rühren, ohne auch nur die Augen zu ihm aufzuschlagen, erwiderte sie:

»Beiden.«

So viel Sicherheit brachte ihn ein wenig aus der Fassung.

»Sie geben also zu, daß dieser Mensch Ihr Geliebter ist?«

»Allerdings! ... Gewiß!« ...

Franz sah sie eine Minute lang schweigend an. Auch sie war jetzt bleich, trotz ihrer Ruhe, und das ewige leise Lächeln war von ihren Lippen verschwunden.

Dann fuhr er fort:

»Geben Sie Acht, Sidonie. Der Name meines Bruders, der Name, den er seiner Frau gegeben hat, ist auch der meine. Da Risler toll und blind genug ist, denselben von Ihnen mit Schmach und Schande bedecken zu lassen, so liegt es mir ob, ihn vor Ihren Angriffen zu schützen ... Ich verlange deshalb von Ihnen, daß Sie Herrn Fromont mittheilen, er habe sich schleunigst eine andere Maitresse zu suchen und möge sich anderswo ruiniren lassen ... Wenn nicht« – – –

»Wenn nicht?« fragte Sidonie, die währenddem unaufhörlich mit ihren Ringen gespielt hatte.

»Wenn nicht, so setze ich meinen Bruder von dem in Kenntnis, was in seinem Hause vorgeht, und mit Schrecken werden Sie dann Risler ebenso heftig und furchtbar sehen, als er gewöhnlich still und zurückhaltend ist. Meine Enthüllungen werden ihn vielleicht tödten, aber Sie dürfen überzeugt sein – vorher tödtet er Sie.«

Sie zuckte die Achseln:

»Nun, so mag er mich tödten ... Was liegt mir daran?«

Sie sprach diese Worte mit einem so schmerzlichen, so entsagenden Ausdruck, daß Franz wider Willen ein wenig Mitleid mit diesem schönen, jungen, glücklichen Wesen fühlte, das mit einer solchen Selbstverläugnung vom Tode sprach.

»Sie lieben ihn also sehr?« fragte er sie in bereits milderm Tone. »Sie lieben ihn also sehr, diesen Fromont, da Sie lieber sterben als ihm entsagen wollen?«

Sie richtete sich lebhaft auf.

»Ich? Ich sollte dieses Püppchen, diese Null, dies alberne Frauenzimmer in Männerkleidern lieben? ... Nie! ... Ich nahm ihn, wie ich jeden andern genommen hätte« – – –

»Warum?«

»Weil ich mußte, weil ich toll war, weil ich eine verbrecherische Liebe im Herzen trug und noch trage, die ich herausreißen will, es koste, was es wolle.«

Sie war aufgesprungen, und am ganzen Leibe bebend sprach sie zu ihm Auge in Auge, Mund gegen Mund.

Eine verbrecherische Liebe! ... Wen liebte sie denn?

Franz bebte vor dieser Frage zurück.

Noch ahnte er nichts, aber er begriff, daß dieser auf ihn geheftete Blick, dieser zu ihm herüberwehende Athem ihm etwas Furchtbares enthüllen wollten.

Doch sein Amt als Rächer und Richter verpflichtete ihn, alles zu erkunden.

»Wen lieben Sie?« ... fragte er.

Und mit dumpfer Stimme erwiderte sie:

»Sie wissen's ja – ich liebe Sie.«

Sie war das Weib seines Bruders!

Seit zwei Jahren hatte er ihrer immer nur noch wie einer Schwester gedacht. Für ihn glich des Bruders Frau in keiner Weise mehr der ehemaligen Verlobten: er hätte es für ein Verbrechen gehalten, auch nur in einem einzigen Zuge ihres Gesichtes die wiederzuerkennen, zu der er einst so oft gesagt hatte: »Ich liebe dich.«

Und jetzt war sie es, die ihm sagte, daß sie ihn liebe.

Der unglückselige Rächer stand niedergeschmettert, betäubt und wußte kein Wort zu erwidern.

Sie sah ihn an und wartete ...

Es war einer jener fieberhaft erregenden, sonnigen Frühlingstage, wo der Wind, noch vom jüngst gefallenen Regen feucht, voll milder Erschlaffung und seltsamer Melancholie ist. Die Luft war lau und mit dem Duft der neu erblühten Blumen geschwängert, die an diesem ersten warmen Tage einen starken Duft ausströmten wie Veilchen in einem Muff. Durch seine hohen Fenster athmete der Raum, in welchem sie sich befanden, alle diese berauschenden Gerüche ein. Draußen vernahm man die Töne der sonntäglichen Leierkasten, ferne Rufe auf dem Flusse und näher, im Garten, die kosende Stimme Frau Dobsons, die hinsterbend seufzte:

»Man sagt, du nähmst eine andre,
Du weißt, das wär' mein Tooood!« ...

»Ja, Franz, ich habe Sie stets geliebt,« sagte Sidonie. »Diese Liebe, der ich damals entsagte, weil ich ein junges Mädchen war, und weil junge Mädchen nicht wissen, was sie thun – diese Liebe hat nichts in mir verlöschen oder vermindern können. Als ich vernahm, daß auch Désirée Sie liebte, Désirée, die so unglücklich, so elend ist, da wollte ich in hochherziger Aufwallung mein eigenes Glück opfern, um das ihre zu begründen, und ich wies Sie zurück, damit Sie sich ihr zuwenden sollten. Aber ach! sobald Sie fort waren, begriff ich, daß das Opfer meine Kräfte überstieg. Arme Désirée! Ich habe sie im Grunde meines Herzens oft genug verflucht und habe es – werden Sie es glauben? – seit jener Zeit immer vermieden, sie zu besuchen oder ihr zu begegnen. Ihr Anblick bereitete mir zu viel Weh.«

»Aber wenn Sie mich liebten,« fragte Franz ganz leise, wenn Sie mich liebten, warum heiratheten Sie denn meinen Bruder?«

Sie zuckte mit keiner Wimper.

»Risler heirathen hieß Ihnen näher treten. Ich sagte mir: ›Du hast nicht seine Frau werden können. Gut, werde seine Schwester. Wenigstens wird es dir dann erlaubt sein, ihn noch immer zu lieben, und ihr werdet nicht euer ganzes Leben fern von einander verbringen.‹ Ach, das sind kindische Träume, wie man sie mit zwanzig Jahren träumt, Träume, deren Nichtigkeit die Erfahrung uns nur zu schnell enthüllt ... Ich konnte Sie nicht mehr wie eine Schwester lieben, Franz, und ebenso wenig konnte ich Sie vergessen, mein Eheleben ließ es nicht zu. Bei einem andern Gatten wäre es mir vielleicht doch gelungen, neben Risler aber war meine Lage fürchterlich. Er sprach beständig von Ihnen, von Ihren Erfolgen, von Ihrer Zukunft ... Franz sagte dies, Franz that das ... Er liebt Sie so sehr, der arme Freund. Und dann – und das war das Schrecklichste für mich – Ihr Bruder sieht Ihnen ähnlich. Im Gange, in den Zügen und besonders in der Stimme herrscht eine solche Familienähnlichkeit zwischen ihm und Ihnen, daß ich oft bei seinen Liebkosungen die Augen schloß und mir sagte: – Er ist's ... es ist Franz ... Als ich dann sah, daß dieser verbrecherische Gedanke zu einer Marter für mich wurde, die mich Tag und Nacht verfolgte, da suchte ich mich zu betäuben. Ich ergab mich darein, diesen Georges zu erhören, der mich schon seit langem verfolgte, meine Lebensweise zu ändern und ein geräuschvolles, bewegtes Dasein zu führen. Aber ich schwöre Ihnen, Franz, auch mitten im Wirbel der Lust, der ich mich hingab, habe ich doch nie aufgehört, an Sie zu denken, und wenn jemand das Recht hatte, hier Rechenschaft über mein Benehmen von mir zu fordern, so waren doch sicher Sie es nicht, Sie, der Sie mich, ohne es zu wollen, zu dem gemacht haben, was ich bin!«

Sie schwieg ...

Franz wagte nicht mehr, die Augen zu ihr aufzuschlagen. Seit einigen Minuten fand er sie zu schön, zu begehrenswert. Und sie war das Weib seines Bruders!

Er wagte auch nicht mehr zu reden. Der Unglückliche fühlte, daß die alte Leidenschaft wieder in despotischer Weise von seinem Herzen Besitz nahm, und daß jetzt seine Blicke, seine Worte, alles von Liebe reden würde.

Und sie war das Weib seines Bruders!

»O, wie elend, elend wir sind,« sagte der arme Rächer, indem er neben sie auf den Divan sank.

Diese wenigen Worte waren schon eine Feigheit, der Anfang vom Ende, als ob das Geschick, indem es sich so grausam zeigte, ihm auch die Kraft geraubt hätte, sich zu vertheidigen. Sidonie hatte ihre Hand auf die seine gelegt: »Franz ... Franz« ... und so saßen sie schweigend, aber glühend vor Verlangen neben einander, eingewiegt von den Klängen der Romanze, die stoßweise durch das Gebüsch zu ihnen herübertönten:

»Deine Lieb' ist mein Verlangen,
Ist alles, was mir nooooth!« ...

Plötzlich tauchte Rislers breite Gestalt an der Thür auf:

»Hierher, Chèbe, hierher! Sie sind im Pavillon!«

Und gleichzeitig trat der brave Mann ein, begleitet von den Schwiegereltern, die er herbeigeholt hatte.

Es folgten nun eine stürmische Begrüßung und zahllose Umarmungen. Dabei hätte man aber sehen müssen, mit welcher Protectormiene Herr Chèbe den großen Burschen betrachtete, der einen Kopf größer und noch einmal so breit war wie er:

»Nun, Kleiner, geht es nach Wunsch mit eurem Suezcanal?«

Frau Chèbe, für welche Franz immer ein wenig der künftige Schwiegersohn geblieben war, umarmte ihn aufs stürmischste, während Risler, in seiner Freude und seinen Gefühlsausbrüchen linkisch wie gewöhnlich, auf der Freitreppe umhersprang, davon sprach, zur Feier der Rückkehr des verlorenen Sohnes mehrere fette Kälber zu schlachten, und mit schallender Stimme, die in allen benachbarten Gärten vernehmbar sein mußte, der Gesanglehrerin zurief:

»Frau Dobson, Frau Dobson ... ich will Ihnen keine Vorschriften machen, aber was Sie da singen, klingt gar zu traurig ... Zum Teufel mit dem Ausdruck heute! ... Spielen Sie lieber etwas Lustiges, einen Tanz, damit ich einmal mit Frau Chèbe walzen kann« ...

»Risler, Risler, sind Sie denn von Sinnen? Schwiegersohn!«

»Vorwärts, vorwärts, Mama ... Sie müssen ... Hopp!«

Und schwerfällig begann er einen Walzer im Sechsachteltakt zu tanzen, einen wahren Automatenwalzer, und zog dabei die athemlose Schwiegermutter durch die Alleen mit sich fort. Frau Chèbe aber blieb bei jedem Schritte stehen, um die flatternden Bänder ihres Hutes und die Spitzen ihres Shawltuches, des schönen Shawltuches von Sidoniens Hochzeit her, wieder in die gewohnte Ordnung zu bringen.

Er war toll vor Freude, der arme Risler.

Für Franz war dies ein unvergeßlich langer und qualvoller Tag. Man fuhr aus, machte dann eine Wasserpartie, nahm im Grase auf der sogenannten Räuberinsel ( île des Ravageurs) einen Imbiß ein – kurzum, man schenkte ihm keinen von den Reizen von Asnières. Und während der ganzen Zeit, in der Sonnenglut der Landstraße wie beim Glitzern der Wellen, mußte er lachen, schwatzen, von seiner Reise erzählen, über den Isthmus von Suez reden, von den unternommenen Arbeiten Nachricht geben und die geheimen Klagen des immer mit seinen Kindern grollenden Herrn Chèbe sowie die speciellen Angaben seines Bruders über die Druckpresse anhören. Eine zwölfeckige, rotirende Druckpresse, kleiner Franz! Sidonie ließ die Herren unter sich plaudern und schien in tiefe Gedanken versunken. Nur von Zeit zu Zeit warf sie Frau Dobson ein Wort, ein trübes Lächeln zu, und Franz verfolgte, ohne daß er ihr ins Gesicht zu sehen wagte, die Bewegungen ihres blaugefütterten Sonnenschirms, das Wallen ihres Kleides ...

Wie hatte sie sich seit zwei Jahren verändert! Wie schön war sie geworden! ...

Dann kamen ihm entsetzliche Gedanken. Es war an diesem Tage Corso in Longchamps, und dicht an ihrem Wagen fuhren andere Equipagen vorbei, die von geschminkten, in dichte Schleier gehüllten Frauen gelenkt wurden. Regungslos wie Automaten, die lange Peitsche in der Rechten, saßen dieselben auf ihrem Sitze, und scheinbar lebte nichts an ihnen als die großen, feurigen Augen, die unverrückt am Kopf der Pferde hafteten. Wo sie vorüberkamen, wandte man sich um. Alle Blicke folgten ihnen wie fortgerissen von der Hast, mit der sie dahinjagten.

Sidonie glich diesen Geschöpfen. Auch sie hätte in dieser Weise den Wagen Fromonts lenken können, denn Franz befand sich im Wagen Fromonts. Er hatte den Wein Fromonts getrunken – aller Überfluß in der Familie kam von Fromont.

Das war schmachvoll, empörend. Er hätte es seinem Bruder zurufen mögen, ja, es war seine Pflicht, es zu thun, er war ja ausdrücklich dazu gekommen. Aber er fühlte nicht mehr den Muth dazu.

O, der unglückselige Rächer! ...

Am Abend, nach dem Diner, als sie in dem der Luft vom Flusse her offenstehenden Salon saßen, bat Risler seine Frau, etwas zu singen. Er wollte, daß sie vor Franz alle ihre neuen Talente zeige.

An das Klavier gelehnt, suchte Sidonie mit trauriger Miene dies Verlangen zurückzuweisen, während Frau Dobson, ihre langen Locken schüttelnd, präludirte.

»Aber ich kann ja nichts. Was soll ich denn singen?«

Schließlich entschloß sie sich dennoch. Bleich, traurig, weltvergessen sang sie beim zitternden Scheine der Wachskerzen, an denen Wohlgerüche zu verbrennen schienen, so betäubend dufteten Flieder und Hyacinthen im Garten, ein kreolisches Lied, ein Volkslied aus Louisiana, das Frau Dobson selbst für Gesang mit Klavierbegleitung eingerichtet hatte:

»Arme kleine Mamsell Zizi –
Die Liebe, die Liebe
Hat ihr den Kopf verdreht.«

Und als Sidonie von der armen kleinen Zizi sang, die vor Liebe wahnsinnig wurde, da hatte sie selbst das Aussehen einer Liebeskranken. Mit herzzerreißendem Ausdruck wie eine verwundete Taube wiederholte sie den melancholischen Refrain, der in der kindlichen Mundart der Colonien so unendlich traurig klingt:

»Die Liebe, die Liebe
Hat ihr den Kopf verdreht.«

Auch er sollte toll werden, der unglückliche Rächer.

Aber nein. Die Sirene hatte ihr Lied schlecht gewählt. Als er nur den Namen »Mamsell Zizi« hörte, fühlte sich Franz plötzlich weit weg aus Sidoniens Salon in ein trübseliges Gemach des Marais entrückt, und inniges Mitleid beschwor ihm das Bild der kleinen Désirée Delobelle herauf, die ihn seit so lange liebte. Bis zu ihrem fünfzehnten Jahre hatte man sie immer nur Zirée oder Zizi genannt, und so war sie in der That die »arme kleine Zizi«, die immer einsam, immer treu Liebende, von der das kreolische Volkslied erzählte. Sidoniens Gesang war nun verlorene Liebesmüh', Franz hörte sie nicht mehr, sah sie nicht mehr. Er saß jetzt da unten neben dem großen Lehnstuhl auf dem kleinen, niedrigen Sessel, auf dem er schon so oft die halbe Nacht durchwacht hatte, wenn sie den »Vater« erwarteten. Ja, nur dort war Heil für ihn zu hoffen, nur dort allein. Er mußte sich in die Liebe dieses Kindes flüchten, mußte sich mit Leib und Seele ihr hingeben, mußte ihr sagen: »Nimm mich hin ... rette mich« ... Und wer weiß? Sie liebte ihn ja so sehr. Vielleicht rettete, vielleicht heilte sie ihn wirklich von seiner verbrecherischen Leidenschaft.

»Wo willst du hin?« ... fragte Risler, als er seinen Bruder hastig aufspringen sah, sobald der letzte Ton verhallt war.

»Ich breche auf ... Es ist schon spät.«

»Was? Du schläfst nicht hier? Aber dein Zimmer steht bereit.«

»Völlig bereit,« fügte Sidonie mit einem seltsamen Blick hinzu.

Franz lehnte das Anerbieten hastig ab. Seine Anwesenheit in Paris war einiger wichtiger Aufträge wegen, mit denen die Suezgesellschaft ihn betraut hatte, unumgänglich nothwendig. Man suchte ihn noch immer zurückzuhalten, als er bereits im Vorzimmer stand, im Mondschein den Garten durchschritt und unbekümmert um all den Festtagslärm in Asnières schnellen Schritts zum Bahnhof eilte.

Als er sich entfernt hatte und Risler auf sein Zimmer gegangen war, lehnten Sidonie und Frau Dobson noch lange an den Fenstern des Salons. Mit dem Rufen der Schiffer auf dem Flusse und dem Tanzgeräusch, das wie rhythmisches, dumpfes Tambouringerassel klang, tönte die Musik aus dem benachbarten Casino zu ihnen herüber.

»Ist das ein Störenfried!« ... sagte Frau Dobson.

»O, ich habe ihn matt gesetzt«,« entgegnete Sidonie. »Nur muß ich mich in Acht nehmen ... ich werde jetzt sehr unter Aufsicht stehen ... er ist so eifersüchtig ... Ich will an Cazaboni schreiben, daß er jetzt einige Zeit nicht mehr kommen soll, und du magst Georges morgen früh sagen, daß er vierzehn Tage in Savigny zubringen muß.«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.