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Fromont jun. & Risler sen.

Alphonse Daudet: Fromont jun. & Risler sen. - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleFromont jun. & Risler sen.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1882
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectida3f3270f
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Drittes Buch.

I. Der Rächer.

Die Personen, welche durch ihre Beschäftigung oder durch körperliche Gebrechen immer auf den nämlichen Raum angewiesen und an dasselbe Fenster gefesselt sind, und deren Gesichtskreis sich auf Mauern, Dächer und benachbarte Fenster beschränkt, interessiren sich auch für die Vorübergehenden.

Bei ihrer Unbeweglichkeit wird das Leben der Straße für sie zu einem Theile ihres Seins, und die Geschäftigen, die da zuweilen täglich zu bestimmten Stunden an ihnen vorübereilen, ahnen nicht, daß sie für andere Existenzen Uhren sind, daß ihnen befreundete Augen folgen, und daß dieselben sie sogleich vermissen, wenn sie zufällig einmal einen andern Weg wählen.

Auch die Damen Delobelle, die den ganzen Tag in ihrem Zimmer saßen, machten dergleichen stille Beobachtungen. Da das Fenster nur schmal war, setzte sich die Mutter, deren Augen in Folge der Arbeit schwächer zu werden begannen, dicht an die bei Seite geschobene Gardine. Etwas weiter vom Lichte entfernt, aber dicht an ihrem Sessel stand der große Lehnstuhl ihrer Tochter. Während der Arbeit nannte sie dann die Vorübergehenden. Das war eine Zerstreuung, ein Gesprächsstoff, und die langen Stunden der Arbeit erschienen kürzer, wenn sie durch das regelmäßige Erscheinen ebenfalls beschäftigter Leute abgemessen wurden. Die Damen Delobelle interessirten sich namentlich für zwei kleine Schwestern, einen Herrn im grauen Paletot, ein Kind, das zur Schule geführt und später wieder von dort abgeholt wurde, und einen Invaliden mit einem Stelzfuße, dessen Schritte dumpf und traurig auf dem Trottoir widerhallten.

Den letztern bekam man freilich kaum zu Gesichte: er ging erst vorüber, wenn die Nacht bereits hereingebrochen war. Aber man hörte ihn, und dies Geräusch kam der kleinen Lahmen immer wie ein lautes Echo ihrer traurigsten Gedanken vor. Alle diese Straßenbekanntschaften ahnten nicht, wie sehr sie die beiden Frauen beschäftigten. Regnete es, so hieß es:

»Sie werden naß werden ... Wird das Kind wohl noch vor dem Regen nach Hause gekommen sein?« ... Und beim Wechsel der Jahreszeiten, wenn die Märzsonne die triefenden Trottoire mit ihren Strahlen übergoß oder der Decemberschnee sie mit weißen Flocken oder schwarzem Kothe bedeckte, brachte das Auftauchen eines neuen Gewandes bei einem ihrer Freunde die beiden Einsiedlerinnen auf den Gedanken: »Der Sommer ist da!« oder auch »Der Winter kommt«.

Es war im Mai, an einem jener milden, hellen Abende, wo das Leben der Häuser sich durch die offenen Fenster nach außen verbreitet. Désirée und ihre Mutter regten fleißig Finger und Nadel und nutzten das schwindende Tageslicht bis zum letzten Strahle aus, bevor sie ihre Lampe anzündeten. Man vernahm den Lärm der auf den Höfen spielenden Kinder, halbverwehtes Klavierspiel und ab und zu den Ruf irgend eines kleinen umherziehenden Händlers, der mit seinem halbgeleerten Karren vorüberzog. Der Frühling zog durch die Luft mit einem unbeschreiblichen Duft von Hyacinthen und Flieder.

Mama Delobelle hatte eben ihre Arbeit bei Seite gelegt und lauschte nun, bevor sie das Fenster schloß, mit auf das Fensterbrett gestützten Ellbogen auf all den Lärm der großen, geschäftigen Stadt, die sich freute, nach beendetem Tagewerke die Straßen durchwandern zu können. Von Zeit zu Zeit sprach sie, ohne sich umzudrehen, mit ihrer Tochter.

»Sieh, da kommt Herr Sigismund. Wie frühzeitig er heute Abend die Fabrik verläßt ... Vielleicht scheint es nur so, weil die Tage schon länger werden, aber mir kommt es doch vor, als könnte es noch nicht sieben Uhr sein ... Wen hat denn der alte Kassirer da bei sich? ... Das ist doch seltsam! ... Man sollte meinen – ja, gewiß – – man sollte meinen, es wäre Herr Franz ... Aber das ist ja unmöglich ... Herr Franz ist in diesem Augenblicke weit entfernt von hier, und dann hatte er auch keinen Bart ... Doch gleichviel! der Herr sieht ihm sehr ähnlich ... Sieh nur, Kind.«

Aber das Kind verläßt seinen Sessel nicht, es regt sich nicht einmal. Mit träumendem Auge und in der Luft schwebender Nadel, festgebannt in der lieblichen Geberde ihrer rastlosen Thätigkeit, ist sie nach dem blauen Wunderlande aufgebrochen, jenem wunderbaren Lande, wo man frei von jedem Gebrechen seine Straße geht. Der Name Franz, den ihre Mutter anläßlich einer Ähnlichkeit mechanisch ausgesprochen hatte, ist für sie eine Vergangenheit voll süßer Illusionen, voll heißer Hoffnungen, die flüchtig waren wie die Röthe, die ihr ins Gesicht stieg, wenn er abends beim Nachhausekommen noch einen Augenblick ins Zimmer trat, um mit ihr zu plaudern. Wie lange das schon her ist! Ja, wohnte er wirklich einst da nebenan, hörte sie einst wirklich seinen Schritt auf der Treppe, vernahm sie einst wirklich das Geräusch, wenn er den Tisch zum Zeichnen ans Fenster rückte? Wie viel Leid und Lust hatte sie empfunden, wenn er da auf dem niedrigen Stuhl zu ihren Füßen saß und ihr von Sidonie erzählte, während sie an ihren Käfern und Vögeln arbeitete.

Und während dieser Arbeit ermuthigte und tröstete sie ihn, denn Sidonie hatte dem armen Franz manches kleine Leid angethan, ehe sie ihm das große zufügte. Der Ton seiner Stimme, wenn er von dieser Nebenbuhlerin sprach, der Glanz seiner Augen, wenn er an sie dachte, entzückten sie trotz alledem, so daß er, als er voll Verzweiflung in die Ferne gezogen war, eine größere Liebe zurückließ, als er mit sich nahm, eine Liebe, die in der immer gleichen Umgebung und bei der zurückgezogenen, stillen Lebensweise mit all ihrem herben Dufte unverletzt bleiben mußte, während die seine sich in der frischen Luft der offenen Heerstraßen allmählich auflöste und verflüchtigte.

... Es dunkelt immer mehr. Eine namenlose Traurigkeit überfällt das arme Mädchen mit den dichter werdenden Schatten dieses milden Abends. Der Glanz des Glückes der Vergangenheit nimmt für sie ab wie das Tageslicht dort am Fenster, aus dem sich die Mutter noch immer hinauslehnt.

Plötzlich geht die Thür auf ... Es steht dort jemand, den man nicht recht erkennen kann ... Wer mag es nur sein? Die Damen Delobelle empfangen ja nie Besuch. Die Mutter hat sich umgedreht und meint zunächst, es sei jemand aus dem Geschäfte, der die Wochenarbeit abholen wolle.

»Mein Mann ist eben auf dem Wege zu Ihnen, mein Herr ... Wir haben nichts mehr hier. Herr Delobelle bringt Ihnen alles zurück.«

Der Mann tritt, ohne zu antworten, weiter ins Zimmer, und je mehr er sich dem Fenster nähert, desto schärfer tritt sein Profil hervor. Es ist ein großer, starker, sonnengebräunter Bursche mit dichtem, blonden Barte, starker Stimme und etwas schwerer Aussprache.

»Ah, Mama Delobelle, Sie erkennen mich also nicht wieder?«

»O, Herr Franz, ich – ich habe Sie auf der Stelle wiedererkannt,« sagte jetzt Désirée ruhig in kaltem, förmlichen Tone.

»Himmel! es ist Herr Franz.«

Und in größter Eile stürzt Mama Delobelle zur Lampe, zündet dieselbe an und schließt das Fenster.

»Wie! Sie sind's, Herr Franz? ... Und wie ruhig die Kleine das sagt: ich habe Sie auf der Stelle erkannt ... Der kleine Eiszapfen! Sie wird immer dieselbe bleiben.«

In der That, ein wahrer kleiner Eiszapfen. Sie ist blaß, sehr blaß, und die Hand, die sie Franz hinreicht, ist schneeweiß und eiskalt.

Er findet sie schöner und noch feiner als bei seiner Abreise.

Sie findet ihn schön und herrlich wie immer, mit einem Anflug von Müdigkeit und Trübsinn in den Augen, der ihn männlicher erscheinen läßt als bei seiner Abreise.

Die Müdigkeit rührt von der eiligen Reise her, die er sofort nach Empfang des schrecklichen Briefes des alten Sigismund angetreten hat. Von dem Worte »Schande« aufgerüttelt, hat er sein Glück und seine Stelle aufs Spiel gesetzt und ist auf der Stelle abgereist, ohne die Urlaubsbewilligung abzuwarten. Vom Dampfer ist er sogleich in die Eisenbahn gestiegen und hat erst in Paris Halt gemacht. Das reicht hin, um müde zu werden, besonders wenn man Eile hat, am Bestimmungsorte anzukommen, und der Geist in beständigen Zweifeln, Schrecken und Ängsten während der Zeit die Reise zehnmal zurücklegt.

Der Trübsinn stammt aus früherer Zeit. Er schreibt sich von jenem Tage her, wo die, welche er liebte, sich weigerte, seine Frau zu werden, um sechs Monate später seinen Bruder zu heirathen – zwei schreckliche, kurz auf einander folgende Schläge, von denen der zweite noch schmerzhafter war als der erste. Freilich hat Risler senior vor Abschluß dieser Ehe an ihn geschrieben und ihn um seine Einwilligung gebeten, und das in so herzlichen, so rührenden Ausdrücken, daß dadurch die Heftigkeit des Schlages ein wenig gemildert worden ist. Auch haben die neue Umgebung, die Arbeit und die weiten Reisen schließlich seinen Kummer gebannt. So ist ihm denn von allem nur eine tiefe Schwermuth geblieben – zum wenigsten wenn der Haß und der Zorn, den er in diesem Augenblicke gegen das Weib empfindet, das seinen Bruder entehrt, nicht noch ein Rest seiner alten Liebe ist.

Aber nein! Franz Risler denkt nur daran, die Ehre der Rislers zu rächen. Er kommt nicht als Liebhaber, sondern als Richter, und Sidonie mag sich hüten.

Gleich nachdem er aus dem Waggon gestiegen, war der Rächer zuerst geraden Wegs zur Fabrik gegangen: er hoffte, die durch seine unvermuthete Ankunft hervorgerufene Überraschung würde ihm in einem Momente alles enthüllen.

Unglücklicherweise hatte er niemand angetroffen.

Die Jalousien des kleinen herrschaftlichen Hauses hinten im Garten waren seit vierzehn Tagen geschlossen.

Vater Achille theilte ihm mit, daß die Damen jetzt ihre Landhäuser bewohnten, wohin die beiden Associés sich ebenfalls allabendlich begaben.

Fromont junior hatte die Fabrik schon sehr frühzeitig verlassen, und Risler senior war auch soeben aufgebrochen.

Franz beschloß, mit dem alten Sigismund zu reden. Aber es war Sonnabend d. h. Zahltag, und er mußte daher warten, bis die lange Reihe der Arbeiter, die bei der Loge des Vater Achille begann und am Gitter des Kassirers endete, sich allmählich verlaufen hatte.

Trotz seiner Ungeduld und seiner Traurigkeit fand der brave Bursche, der von Jugend auf unter Pariser Arbeitern gelebt hatte, doch Vergnügen daran, sich wieder einmal von diesem regen Treiben und diesen besondern Gebräuchen und Gewohnheiten umgeben zu sehen. Auf all diesen ehrlichen und verschmitzten Gesichtern war die Zufriedenheit über die vollendete Woche zu lesen. Man fühlte, daß für diese Leute der Sonntag schon am Sonnabend Abend um sieben Uhr bei der kleinen Lampe des Kassirers begann.

Man muß unter Arbeitern gelebt haben, um den ganzen Reiz dieses Ruhetages und seine Feierlichkeit zu kennen. Viele von diesen armen Leuten, die sich einer ungesunden Beschäftigung gewidmet haben, erwarten diesen gesegneten Tag wie einen Hauch frischer Luft, der für ihre Gesundheit und ihr Leben unentbehrlich ist. Welche Freude aber auch, welch Verlangen nach geräuschvoller Lust! Es hat den Anschein, als ob die Last der Wochenarbeit sich gleichzeitig mit dem Dampfe der Maschinen verflüchtigt, der zischend und qualmend über die Abflußrinnen hin entflieht.

Alle Arbeiter zählten beim Zurücktreten vom Gitter das blitzende Geld in ihren schwarzen Händen sorgfältig nach. Da gab es denn Enttäuschungen, Gemurr und Reklamationen wegen versäumter Arbeitsstunden oder vorschußweise erhaltener Beträge, und zwischen dem Klingen der großen Geldstücke vernahm man die ruhige, unerbittliche Stimme Sigismunds, der den Vortheil seiner Principale bis zur Härte vertheidigte.

Franz kannte alle diese Dramen des Zahltages, die gemachten Gefühlstöne und die ächten. Er wußte, daß der eine hier für seine Familie feilschte, um den Bäcker, den Apotheker, das Schulgeld bezahlen zu können, der andere dagegen für die Schenke oder noch etwas Schlimmeres. Und die düstern, verkümmerten Schatten, die da draußen vor dem Portale der Fabrik auf- und abgingen und lange Blicke in die Höfe warfen – er wußte, worauf sie warteten, wußte, daß sie alle einen Vater oder einen Gatten beobachteten, um ihn schnell mit grollenden und überzeugenden Worten nach Hause zu führen.

O, die barfüßigen Kinder, die Säuglinge in den alten Shawltüchern, die schmutzigen Weiber, deren thränengetränktes Gesicht weiß war wie die linnenen Hauben, die sie auf dem Kopfe trugen ...

O, das auf den Lohntag lauernde Laster draußen, die düstern Kammern in den finstern Straßen, in denen jetzt die Lichter aufflammen, die trüben Scheiben der Schenken, in denen die tausend Gifte des Alkohols mit ihren falschen Farben prahlen ...

Franz kannte all dies Elend, aber nie war es ihm so fürchterlich, so herzzerreißend vorgekommen wie an diesem Tage.

Die Auslöhnung war beendet. Sigismund trat aus seinem Bureau.

Die beiden Freunde erkannten und umarmten sich, und dann setzte der Kassirer unter dem Schweigen der Fabrik, deren menschenleere Räume nun eine vierundzwanzigstündige Ruhe genossen, dem kleinen Franz den Stand der Dinge auseinander. Er unterrichtete ihn von dem Treiben Sidoniens, von ihren wahnsinnigen Ausgaben, von ihrem auf immer zerstörten Rufe. Rislers hatten ein Landhaus in Asnières angekauft, die ehemalige Villa einer Schauspielerin, und sich dort auf das Prunkvollste eingerichtet. Sie hielten sich Pferd und Wagen und trieben einen ungeheuren Luxus, ein Leben auf großem Fuße. Am meisten aber beunruhigte den braven Sigismund die Zurückhaltung, die Fromont junior jetzt beobachtete. Er entnahm seit einiger Zeit kein Geld mehr aus der Kasse, und doch verschwendete Sidonie mehr als je.

»Hab' kain Vertrauen!« ... sagte der unglückliche Kassirer, indem er den Kopf schüttelte ... »hab' kain Vertrauen« ...

Und mit leiserer Stimme fuhr er dann fort:

»Aber dein Bruder, kleiner Franz, dein Bruder? ... Wie soll man sich sein Benehmen erklären? Er geht bei alledem mit den Händen in den Taschen umher, starrt in die Luft und denkt nur an seine Erfindung, die unglücklicherweise nicht recht vom Fleck kommt ... Weißt du, soll ich dir offen meine Meinung sagen? ... Er ist ein Schuft oder ein Schafkopf.«

Während dieser Unterredung spazierten sie in dem kleinen Garten auf und ab, standen still und gingen wieder weiter. Franz glaubte sich von einem bösen Traum befangen. Die schnelle Reise, die jähe Veränderung des Klimas und der Umgebung, der ununterbrochene Wortschwall von Seiten Sigismunds, die neue Vorstellung, die er sich von Risler und Sidonie machen sollte, von dieser Sidonie, die er so sehr geliebt hatte – das alles betäubte ihn, machte ihn so zu sagen toll.

Es war spät. Die Nacht brach herein. Sigismund bot ihm ein Nachtlager in Montrouge an. Franz schützte Müdigkeit vor und schlug es aus. So befand er sich denn allein im Marais zu der traurigen, unbehaglichen Stunde, wo der Tag scheidet und die Laternen noch nicht angezündet sind. Mechanisch schlug er den Weg nach seiner ehemaligen Wohnung in der Rue de Braque ein.

An der Flurthür war ein Zettel befestigt: Möblirtes Zimmer zu vermiethen.

Es war gerade das Zimmer, in welchem er so lange Zeit mit seinem Bruder gewohnt hatte. Er erkannte die geographische Karte, die mit vier Stecknadeln an der Wand befestigt war, das Flurfenster und das kleine Schild der Damen Delobelle: Vögel und Käfer für Modeartikel.

Die Thür der Damen stand etwas offen. Er brauchte sie nur aufzustoßen und einzutreten.

Sicherlich gab es in ganz Paris keinen sicherern Zufluchtsort für ihn, keine Stelle, die besser als diese stille, unveränderliche Behausung dazu angethan gewesen wäre, sein bewegtes Gemüth aufzunehmen und zu beruhigen. Für seine augenblickliche Erregung war dies der Hafen mit seinem tiefen, ruhigen Wasser, der friedliche, sonnenbeglänzte Strand, wo die Frauen arbeitend auf die Männer und Väter harren, während draußen der Wind heult und das Meer schäumt. Vor allem aber zog ihn, ohne daß er sich dessen bewußt war, das Band unerschütterlicher Neigung dorthin, jenes süße Wunder, das uns die Liebe, die man zu uns empfindet, lieb und werth macht, selbst wenn wir dieselbe nicht erwidern.

Und dieser liebe, kleine Eiszapfen Désirée liebte ihn so sehr. Wie glänzten ihre Augen, während sie von ganz gleichgiltigen Dingen mit ihm sprach. Wie alle mit Phosphor getränkten Gegenstände leuchten, so verklärten auch die unbedeutendsten Worte, die sie sprach, ihr hübsches, lachendes Gesicht. Und wie wohl that ihm diese Ruhe nach all den rücksichtslosen Worten Sigismunds.

Die beiden plauderten lebhaft mit einander, während Mama Delobelle den Tisch deckte.

»Sie essen doch bei uns, nicht wahr, Herr Franz? ... Vater trägt eben die Arbeit fort, aber zum Diner ist er sicher wieder hier.«

Zum Diner ist er sicher wieder hier!

Die treffliche Frau sagte das mit einem gewissen Stolze.

In der That aß der berühmte Delobelle seit dem Scheitern seiner Directionspläne nicht mehr außer dem Hause, selbst nicht an den Abenden, wo er den Wochenlohn einzog. Der unglückliche Director hatte in seinem Restaurant so viel Mahlzeiten auf Credit eingenommen, daß er nicht mehr dahin zurückzukehren wagte. Dafür aber versäumte er sonnabends nie, zwei oder drei ausgehungerte und unerwartete Gäste, »alte Kameraden«, mitzubringen. Auch heute Abend trat er in Begleitung eines Bonvivant vom Theater zu Metz und eines Komikers vom Theater zu Angers, die gerade beide außer Stellung waren, ins Zimmer.

Der glatt rasirte, am Licht der Rampen welk und runzlig gewordene Komiker sah wie ein bejahrter Gassenjunge aus; der Bonvivant trug spanische Schuhe, und hatte nicht einen Faden weißer Wäsche am Leibe. Delobelle meldete sie schon von der Schwelle aus in hochtrabenden Worten an, beim Anblick Franz Rislers aber unterbrach er die Vorstellung.

»Franz! ... mein Franz!« ... rief der alte Schauspieler in melodramatischem Tone aus und focht dabei krampfhaft mit den Händen in der Luft herum. Nach einer langen, nachdrücklichen Umarmung stellte er dann seine Gäste einander vor.

»Herr Robricart vom Theater zu Metz.«

»Herr Chandezon vom Theater zu Angers.«

»Franz Risler, Ingenieur.«

Im Munde Delobelles klang der Titel Ingenieur wie etwas ungeheuer Erhabenes.

Désirée verzog den Mund zu einem reizenden Schmollen, als sie die Freunde ihres Vaters erblickte. Es wäre ja so schön gewesen, wenn man einen Tag wie diesen im engsten Familienkreise verlebt hätte. Aber den großen Mann kümmerte das nicht. Er hatte vollauf mit dem Ausleeren seiner Taschen zu thun. Zunächst förderte er eine prächtige Pastete zu Tage – »für die Damen«, sagte er, vergaß aber dabei, daß er selbst sie leidenschaftlich liebte. Dann erschien ein Hummer, eine Bratwurst, überzuckerte Kastanien und endlich Kirschen, die ersten in diesem Jahre!

Während der Bonvivant voll Begeisterung einen unsichtbaren Hemdkragen in die Höhe zupfte, und der Komiker sich mit einer Geberde räusperte, wie sie vor zehn Jahren auf den Pariser Theatern Sitte gewesen war, dachte Désirée mit Schrecken an das große Loch, das dies improvisirte Mahl in das geringe Wochengeld reißen mußte, und warf Mama Delobelle in ihrem Eifer alles im Schranke durcheinander, um das nöthige Tischgeschirr hervorzusuchen.

Das Mahl verlief sehr heiter. Die beiden Schauspieler langten tapfer zu, zur großen Freude Delobelles, der mit ihnen über alte Coulissenerlebnisse plauderte. Nichts Kläglicheres als das! Man stelle sich nur zerfetzte Costüme, erloschene Lampen und einen Haufen alter, verschimmelter, zerbröckelnder Decorationen und Requisiten vor.

In einer Art platten, vertraulichen Rothwälsch erzählten sie einander von ihren ungeheuren Erfolgen, denn ihren Reden nach waren sie alle drei unzählige Male mit Zurufen begrüßt, mit Kränzen bedeckt und im Triumph durch ganze Städte getragen worden.

Dabei aßen sie während des Gesprächs, wie Schauspieler zu essen pflegen, d. h. nur zu drei Vierteln sitzend, das Gesicht dem Publikum zugewandt, und mit der falschen Hast der Darsteller auf der Bühne, wenn dieselben vor einem Souper aus Pappe sitzen, abwechselnd essen und reden und durch das Niedersetzen des Glases oder das Rücken mit dem Stuhle einen Effect zu erzielen oder durch die geschickte Handhabung eines Messers oder einer Gabel Theilnahme, Erstaunen, Freude, Furcht und Überraschung auszudrücken suchen. Mama Delobelle hörte ihnen lächelnd zu.

Man ist nicht dreißig Jahre lang mit einem Schauspieler verheirathet, ohne ein wenig von dieser eigenthümlichen Lebensweise angenommen zu haben.

Eine kleine Ecke des Tisches jedoch war wie durch eine Wolke, welche die geistlosen Späße, das schallende Gelächter und die einfältigen Prahlereien auffing, von den übrigen Tischgenossen geschieden. Franz und Désirée plauderten dort halblaut mit einander, ohne etwas von dem zu vernehmen, was um sie her gesprochen wurde. Kindergeschichten, Anekdoten aus der Zeit, wo sie noch Nachbarn waren, die Vergangenheit, die nur durch die Gemeinsamkeit der wachgerufenen Erinnerungen, durch den Glanz, den sie in ihren Augen hatte, Werth erhielt – das war der Stoff dieser süßen Plauderei.

Plötzlich zerriß die Wolke, und die donnernde Stimme Delobelles unterbrach das Gespräch.

»Du hast deinen Bruder noch nicht gesehen?« fragte er Franz, um den Schein einer Vernachlässigung dieses Gastes zu vermeiden. »Hast auch wohl seine Frau noch nicht gesehen? ... Ja, da wirst du eine große Dame finden: Toiletten, mein Bester, und einen Chic! Mehr sage ich nicht. Sie haben in Asnières ein wahres Schloß. Die Chèbes wohnen ebenfalls dort ... Ja, alter Junge, das hat uns sehr entfremdet. Man ist reich, man verachtet seine ehemaligen Freunde und Kameraden ... Nie ein Wort, nie ein Besuch ... Mir ist das ganz gleichgiltig, wie du dir denken kannst, aber für die Damen ist das wirklich verletzend« ...

»O, Papa,« unterbrach ihn Désirée lebhaft, »Sie wissen doch, daß wir Sidonie zu sehr lieben, um deshalb böse auf sie zu sein.«

Der Schauspieler schlug heftig mit der geballten Faust auf den Tisch.

»Das ist gerade das Unrecht, das ihr begeht! ... Man muß böse auf die Leute sein, die einen nur zu verletzen und zu demüthigen suchen.«

Er hatte noch die Verweigerung des Geldes für sein Theater auf dem Herzen und verbarg auch diesen Groll nicht.

»Wenn du wüßtest,« sagte er zu Franz, »wenn du wüßtest, wie sie das Geld verschleudern ... es ist zum Erbarmen ... Keine Solidität, keine Einsicht ... Ich selbst, der ich mit dir rede, ich habe deinen Bruder um eine geringe Summe gebeten, um mir eine Zukunft zu schaffen, und habe ihm beträchtliche Zinsen zugesichert – er hat es mir rundweg abgeschlagen ... Nun ja! die gnädige Frau braucht eben gar zu viel. Sie reitet, sie fährt spazieren und führt ihren Mann tüchtig an der Nase herum ... Unter uns gesagt, ich glaube nicht, daß er glücklich ist, der brave Risler ... Dies kleine Weibchen spielt ihm allerlei Streiche« ...

Der Exkomödiant beendete seine Rede mit einem Augenzwinkern an die Adresse des Komikers und des Bonvivants, und einen Moment lang entstand zwischen den dreien ein Austausch von hergebrachten Grimassen, von »Hes« und »Hms«, kurzum, die ganze Pantomime des Einverständnisses.

Franz war niedergeschmettert. Ohne sein Zuthun drängte sich ihm die furchtbare Gewißheit von allen Seiten auf. Sigismund hatte nach seiner Weise gesprochen, Delobelle ebenfalls in der seinen. Das Ergebnis war dasselbe.

Glücklicherweise war das Diner zu Ende. Die drei Schauspieler erhoben sich und gingen nach der Brauerei in der Rue Blondel. Franz blieb mit den beiden Frauen allein.

Als Désirée ihn nun so liebreich und sanft an ihrer Seite sah, fühlte sie sich plötzlich Sidonien aufs Wärmste verpflichtet. Sie sagte sich, daß sie bei alledem doch nur deren Großmuth dies Scheinbild des Glücks verdanke, und diese Vorstellung verlieh ihr den Muth, die ehemalige Freundin zu vertheidigen.

»Sehen Sie, Herr Franz,« sagte sie, »Sie müssen nicht alles glauben, was mein Vater Ihnen von Ihrer Schwägerin erzählt hat. Papa übertreibt stets ein wenig. Ich weiß ja am besten, daß Sidonie gar nicht fähig ist, all das Schlechte zu thun, dessen man sie beschuldigt. Ja, ich bin fest überzeugt, ihr Herz hat sich nicht verändert, und sie liebt ihre Freunde noch immer, wenn sie dieselben auch ein wenig vernachlässigt ... Das ist nun einmal im Leben nicht anders. Man wird getrennt, ohne es selbst zu wollen. Nicht wahr, Herr Franz?«

O, wie schön fand er sie, während sie so zu ihm sprach. Nie waren ihm ihre feinen Züge, ihr aristokratischer Teint so aufgefallen wie heute, und als er, gerührt von dem Eifer, mit dem sie ihre Freundin vertheidigt hatte, und von all den reizenden, echt weiblichen Gründen, die sie für das Schweigen und die Nachlässigkeit Sidoniens vorzubringen wußte – als er an diesem Abend Abschied nahm, da bedachte Franz Risler mit naivem Egoismus, daß dies Kind ihn geliebt habe, daß es ihn vielleicht noch liebe und ihm in seinem Herzen jenen warmen, geschützten Platz bewahre, zu dem man wie zu einem Zufluchtsorte zurückkehrt, wenn das Leben uns verwundet hat.

Die ganze Nacht hindurch, eingewiegt von der Schnelligkeit der Reise und jenem Wind- und Wogengeräusch, das nach langen Fahrten in unsern Ohren nachzuklingen pflegt, träumte er in seinem alten Zimmer von seiner Jugendzeit, von der kleinen Chèbe, von Désirée Delobelle, von ihren Spielen, ihren Arbeiten und von der Ecole Centrale, deren weitläufige Gebäude ganz in seiner Nähe still und düster in die dunklen Straßen des Marais hineinschauten.

Am Morgen, als das durch die unverhangenen Fenster fallende Licht seine Augen traf und das Gefühl der Pflicht und der Sorgen des Tages wieder in ihm wachrief, träumte er dann, es sei Zeit, zur Schule zu gehen und sein Bruder öffne die Thür, ehe er in die Fabrik ging, und rufe ihm zu:

»Auf, du Faulpelz! Auf!« ...

Diese liebe, gute Stimme klang aber für einen Traum doch gar zu lebhaft, zu echt, und veranlaßte ihn, die Augen zu öffnen.

Da stand Risler an seinem Bett und wartete mit liebem, ein wenig bewegtem Lächeln auf sein Erwachen. Und der Beweis dafür, daß es wirklich Risler war, lag schon darin, daß er in der Freude über das Wiedersehen mit seinem Bruder Franz nichts anderes zu sagen wußte als:

»Ich bin zufrieden ... Ich bin zufrieden.«

Trotzdem es Sonntag war, war Risler doch nach seiner Gewohnheit zur Fabrik gekommen, um deren Stille und Ruhe für die Arbeit an seiner Druckpresse zu verwerthen. Gleich bei seiner Ankunft hatte Vater Achille ihm mitgetheilt, daß sein Bruder in der Rue de Braque abgestiegen wäre, und er eilte nun herbei, freudig überrascht, aber auch ein wenig ärgerlich darüber, daß er nicht im voraus benachrichtigt worden war, und besonders, daß Franz nicht den ersten Abend nach der Rückkehr bei ihm zugebracht hatte. Darüber beklagte er sich immer wieder von neuem während dieses abgebrochenen Gespräches, wo alles, was er zu sagen hatte, unvollendet blieb, weil er sich fortwährend durch Fragen und Ausbrüche der Freude und der Zärtlichkeit selbst unterbrach. Franz entschuldigte sich mit seiner Müdigkeit und dem Vergnügen, welches ihm der Gedanke bereitet hatte, sich wieder einmal in ihrer frühern Wohnung zu befinden.

»Schon gut, schon gut,« sagte Risler, »jetzt aber lasse ich dich nicht mehr los ... du mußt auf der Stelle mit mir nach Asnières ... Ich beurlaube mich heute, denn du kannst dir wohl denken, daß von dem Augenblicke ab, wo du da bist, von keiner Arbeit mehr die Rede sein kann ... Wie überrascht die Kleine sein wird ... und wie zufrieden ... Wir sprachen so oft von dir ... Welches Glück! Welches Glück!«

Und der arme Mann strahlte vor Freude. Er, der Schweigsame, wurde geschwätzig, bewunderte seinen Franz, fand, daß derselbe gewachsen war. Freilich hatte der Zögling der Ecole Centrale schon bei der Abreise eine leidliche Länge gehabt, jetzt aber waren seine Züge schärfer ausgeprägt, seine Schultern breiter geworden, und zwischen dem langen Burschen mit dem Seminaristenwesen, der vor zwei Jahren nach Ismaïlia abgegangen war, und diesem schönen, wettergebräunten, ernsten und milden Hünen bestand ein bedeutender Unterschied.

Während Risler ihn betrachtete, beobachtete Franz seinen Bruder nicht weniger aufmerksam, und als er ihn noch immer so naiv, immer so liebreich und zeitweise zerstreut fand, sagte er zu sich selbst:

»Nein, es ist nicht möglich! ... Er ist immer noch der alte, ehrenhafte Mensch.«

Und bei dem Gedanken an das, was man von seinem Bruder zu glauben wagte, wandte sich sein ganzer Zorn gegen dies heuchlerische, lasterhafte Weib, das den Gatten so schamlos frech betrog, daß derselbe für ihren Mitschuldigen gelten mußte. O, welche furchtbare Auseinandersetzung wollte er mit ihr haben, wie hart wollte er mit ihr reden: – Ich verbiete Ihnen, verstehen Sie mich recht, Madame, ich verbiete Ihnen, meinen Bruder zu entehren! ...

Daran dachte er während der ganzen Fahrt, indessen er die noch kahlen Bäume an den Böschungen der Eisenbahn von Saint-Germain vorübertanzen sah. Risler saß ihm gegenüber und plauderte unaufhörlich. Er sprach von der Fabrik, vom Geschäft. Sie hatten jeder vierzigtausend Franken im letzten Jahre verdient, aber wenn erst die Druckpresse im Gang ist, wird es noch ganz anders kommen. »Eine rotirende Presse, kleiner Franz, rotirend und zwölfeckig, die bei einer einzigen Umdrehung des Rades den Abdruck eines Musters mit zwölf bis fünfzehn Farben liefert, roth auf rosa, dunkelgrün auf hellgrün, ohne daß ein Strich verwischt, ohne daß eine Farbe aufgesogen wird, ohne daß eine Linie die andere beeinträchtigt, ohne daß eine Nüance die andere erdrückt oder verschlingt ... Begreifst du, Bruder? ... Eine Maschine, die künstlerisch arbeitet wie ein Mensch! ... Das bedeutet eine völlige Umwälzung in der Tapetenfabrikation.«

»Aber,« fragte Franz ein wenig unruhig, »hast du sie denn schon gefunden, deine Presse, oder suchst du sie noch?«

»Gefunden! ... Dreimal gefunden! ... Morgen zeige ich dir alle meine Pläne. Ich bin bei der Gelegenheit sogar noch auf die Construction einer Vorrichtung gekommen, mittelst welcher die Tapete an den Leisten des Trockenbodens aufgehängt wird ... Nächste Woche richte ich mich ganz oben in der Fabrik, auf den Böden, ein und lasse dort meine erste Maschine unter meinen eigenen Augen anfertigen. In drei Monaten muß das Patent genommen und die Presse in Thätigkeit sein ... Du sollst sehen, Franz, das macht uns alle zu reichen Leuten ... und du kannst dir denken, wie zufrieden ich sein werde, wenn ich den Fromonts etwas von dem Guten vergelten kann, das sie an mir gethan haben ... Ja, wahrhaftig! der liebe Gott hat mich im Leben mit Wohlthaten überhäuft!« ...

Und nun begann er alles aufzuzählen, was sein Glück ausmachte. Sidonie war das beste Wesen von der Welt, ein Schatz von einer kleinen Frau, der ihm viel Ehre machte. Sie hatten eine reizende Wohnung. Sie sahen Gesellschaft bei sich, sehr feine Gesellschaft. Die Kleine sang wie eine Nachtigall, dank der ausdrucksvollen Methode der Frau Dobson. Auch ein sehr liebes Wesen, diese Frau Dobson – – – Nur ein einziger Umstand quälte ihn, den armen Risler: die ihm unbegreifliche Entzweiung mit Sigismund. Vielleicht würde Franz ihm helfen, das Räthsel zu lösen.

»O gewiß! ich werde dir helfen, Bruder,« erwiderte Franz mit zusammengebissenen Zähnen, und die Röthe des Zorns stieg ihm ins Gesicht bei dem Gedanken, daß man gegen diese Arglosigkeit und Offenherzigkeit hatte Verdacht hegen können. Glücklicherweise war er jetzt da, er, der Rächer, und er wollte schon alles wieder ins rechte Gleis bringen.

Inzwischen näherte man sich dem Landhause in Asnières. Franz hatte es schon von weitem an einem wunderlichen Treppenthurm aus neuem, blauglänzendem Schiefer erkannt. Es schien ihm ausdrücklich für Sidonie geschaffen, das rechte Bauer für diesen Vogel mit dem modisch glänzenden Gefieder.

Es war ein zweistöckiges Schweizerhaus, dessen helle Fensterscheiben und schwere, rosafarbene Vorhänge man am Ende eines grünen Rasenplatzes mit einer riesigen Gartenkugel aus englischem Metall schon von der Eisenbahn aus erblickte.

Ganz in der Nähe floß der Strom vorüber, der hier noch völlig das Pariser Gepräge trug, d. h. mit Ketten, Badeetablissements und großen Böten überfüllt war und beim geringsten Wellenschlage Haufen kleiner, leichter Kähne schaukelte, die, mit einer dicken Schicht Kohlenstaub auf ihren anspruchsvollen, frisch übermalten Namen, am Ufer angebunden lagen. Von ihren Fenstern aus konnte Sidonie die Schenken am Wasser erblicken, die in der Woche still und menschenleer waren, sonntags aber eine buntscheckige, lärmende Menge aufnahmen, deren laute Lust mit dem klatschenden Geräusch der Ruder verschmolz und von beiden Ufern in die Höhe stieg, um sich über dem Wasser zu jenem Strom von Liedern, Freudenrufen, Gelächter, Geschrei und Lärm zu verbinden, der die Seine an Festtagen ununterbrochen zehn Stunden weit hinauf- und hinabwogt.

In der Woche sah man unordentlich gekleidete, müßige, arbeitsscheue Leute dort umherlungern, Männer in wollenen Kitteln mit großen breitkrempigen, spitz zulaufenden Strohhüten, Frauen, die sich mit dem träumerischen Blick der Kühe auf der Weide unthätig auf das zertretene Gras der Böschungen setzten. Alle Fremden, die herumziehenden Orgeldreher, die Harfenspieler, die Seiltänzer machten dort wie an einem Schlagbaum Halt. Der Damm war damit bedeckt, und an den Fenstern der kleinen Häuser, die ihn einfaßten, und die sich bei ihrem Nahen öffneten, zeigten sich weiße, schlecht geschlossene Unterjacken, unfrisirte Köpfe, Faulenzer mit der Pfeife im Munde und schauten diesen Plattheiten zu, wie voll Sehnsucht nach dem nahen Paris.

Das war traurig und häßlich.

Das kaum hervorgesproßte Gras vergilbte unter den zahllosen Schritten, schwarzer Staub wirbelte empor, und doch fuhr an jedem Donnerstage die feine Demimonde hier vorüber, wenn sie in vollem Staate auf leichten Rädern und mit Lohnkutschern zum Casino rollte. Das alles gefiel Sidonien, die ja mit Leib und Seele Pariserin war. Außerdem hatte die kleine Chèbe in ihrer Kindheit viel von Asnières reden hören, namentlich von Seiten des berühmten Delobelle, der gern in dieser Gegend ein Häuschen gehabt hätte wie so viele andere Schauspieler, einen Landsitz, zu dem man mit dem Halbeinuhr-Zuge, nach Schluß des Theaters, zurückkehren kann.

Alle Träume der kleinen Chèbe verwirklichte Sidonie Risler jetzt.

Die beiden Brüder kamen zu der Pforte am Damme, die unverschlossen zu sein pflegte. Sie traten ein und gingen dann durch noch junges Buschwerk. Ein Billardsaal, die Wohnung des Gärtners, ein kleines Gewächshaus machten den Eindruck, als gehörten sie zu jenen Schweizerwirthschaften, die man den Kindern als Spielzeug schenkt. Alles war leicht, kaum im Boden haftend, bereit, beim leisesten Hauche eines Bankerotts oder einer Laune davonzufliegen – eine rechte Villa für eine Cocotte oder einen Börsenjobber.

Franz schaute ein wenig geblendet um sich. Im Hintergrunde führte eine mit Vasen voll blühender Blumen geschmückte Freitreppe zum Salon, dessen hohe Jalousien aufgezogen waren. Nahe bei der Thür erblickte er Gartensessel, einen amerikanischen Schaukelstuhl und einen kleinen Tisch, auf dem noch der Morgenkaffee stand. Aus dem Hause ertönte Klavierspiel und gedämpftes Gemurmel.

»Sidonie wird nicht wenig überrascht sein,« sagte der gute Risler, indem er leise auf dem Sande des Gartens voranschritt. »Sie erwartet mich nicht vor Abend ... In diesem Augenblicke macht sie Musik mit Frau Dobson.«

Und indem er hastig die Thür aufstieß, rief er noch von der Schwelle aus, ehe er eintrat, mit seiner lauten, gutmüthigen Stimme:

»Rathe einmal, wen ich mitbringe!«

Frau Dobson, die ganz allein am Klaviere saß, fuhr erschrocken von ihrem Sessel in die Höhe, und im hintern Theile des großen Salons, hinter den exotischen Gewächsen, die über einen Tisch emporragten, von dessen reiner, schwungvoller Zeichnung sie die Fortsetzung zu sein schienen, standen Georges Fromont und Sidonie hastig von ihren Sitzen auf.

»O, wie du mich erschreckt hast!« ... sagte diese, indem sie Risler entgegeneilte.

Die Rüschen ihres weißen Morgenkleides mit den blauen Bändern, die kleinen Stückchen eines mit Wolken bedeckten Himmels glichen, wirbelten über den Teppich hin, ihre Verlegenheit war bereits überwunden, und aufrecht, mit liebenswürdiger Miene und dem ewigen Lächeln auf den Lippen, trat sie zu ihrem Gatten, umarmte denselben und reichte dann Franz die Stirn zum Kusse hin mit den Worten:

»Guten Tag, Schwager.«

Risler überließ die beiden sich selbst und trat zu Fromont junior, über dessen Anwesenheit er aufs höchste erstaunt war.

»Wie, Schorsch, Sie hier? ... Ich meinte, Sie wären in Savigny« ...

»Allerdings, aber denken Sie sich ... Ich kam hierher ... Ich glaubte, Sie blieben sonntags in Asnières ... Ich wollte über eine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen reden« ...

Und hastig begann Georges seinem Associé eine bedeutende Bestellung mitzutheilen, wobei er sich häufig in seine Sätze verwickelte. Sidonie war nach einigen nichtssagenden, mit Franz gewechselten Worten verschwunden. Frau Dobson fuhr in ihren gedämpften Tremolos fort, die denen glichen, welche im Theater die kritischen Situationen zu begleiten pflegen.

Die Situation war in der That kritisch genug. Rislers gute Laune jedoch verscheuchte jeden Zwang. Er entschuldigte sich bei seinem Associé, daß er sich nicht zu Hause befunden habe, und wünschte dann seinem Bruder das Haus zu zeigen. Man ging also vom Salon in den Stall, vom Stall zu den Wirthschaftsräumen, den Remisen, dem Gewächshaus. Alles war neu, strahlend, glänzend, aber zu klein und unbequem.

»Es hat aber auch eine schwere Menge Geld gekostet!« sagte Risler mit einem gewissen Stolze.

Er wollte Sidoniens Kauf bis ins kleinste bewundert wissen und zeigte daher auch die Gas- und die Wasserleitung, die elektrischen Klingeln, die Gartenmöbel, das englische Billard, die Hausapotheke, und das alles mit lauten Ausbrüchen der Erkenntlichkeit gegen Fromont junior, der ihn dadurch, daß er ihn zum Associé nahm, zum reichen Manne gemacht hatte.

Bei jedem neuen Herzensergusse Rislers wandte sich Georges unter dem eigenthümlichen Blicke des jungen Ingenieurs beschämt und verlegen ab.

Beim Frühstück drohte die Unterhaltung völlig ins Stocken zu gerathen.

Frau Dobson sprach fast ganz allein. Sie war glücklich darüber, die romantische Intrigue im vollen Gange zu sehen. Da sie die Geschichte ihrer Freundin aufs genaueste kannte oder doch zu kennen glaubte, so begriff sie den dumpfen Zorn des Ankömmlings, eines ehemaligen Liebhabers, der wüthend darüber war, seinen Platz besetzt zu finden, und ebenso die Unruhe Fromonts, den das Auftauchen eines Nebenbuhlers ängstigte. Sie ermuthigte den einen mit einem Blicke, tröstete den andern durch ein Lächeln, bewunderte die unerschütterliche Ruhe Sidoniens und sparte all ihren Haß für den abscheulichen Risler auf, diesen ungeschlachten, wilden Tyrannen. Ihre Bemühungen waren besonders darauf gerichtet, am Tische nicht jene fürchterliche Stille aufkommen zu lassen, die durch das Geklapper der Gabeln lächerlich und lästig wird.

Sobald man das Frühstück eingenommen hatte, erklärte Fromont junior, daß er nach Savigny zurückkehren müsse. Risler senior wagte ihn nicht zurückzuhalten, da sonst seine liebe »Madam Schorsch« den Sonntag ganz allein hätte zubringen müssen. Der Liebhaber war also genöthigt, ohne ein Wort mit der Geliebten gesprochen zu haben, in der größten Sonnenhitze zur Bahn zu gehen, immer begleitet von dem Gatten, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn bis zum Bahnhof zu führen.

Frau Dobson nahm einen Augenblick bei Franz und Sidonie in der kleinen Laube Platz, an der eine Kletterrebe mit ihren rothbraunen Blattknospen emporrankte. Bald aber begriff sie, daß sie überflüssig sei, kehrte in den Salon zurück und begann wieder wie eben, als Georges da war, leise und ausdrucksvoll zu spielen und zu singen. In dem stillen Garten klang diese gedämpfte, durch die Zweige gleitende Musik wie Vogelgezwitscher vor dem Sturm.

Endlich waren sie allein.

Unter dem noch nackten, von keinem Blatt bedeckten Stabwerk der Laube brannte die Maisonne gar zu sehr. Sidonie legte die Hand über die Augen und beobachtete die Passanten auf dem Damme. Auch Franz blickte hinaus, aber nach einer andern Seite hin. Plötzlich jedoch wandten sich beide, während sie sich doch stellten, als hätten sie nichts mit einander zu schaffen, im gleichen Augenblicke mit gleicher Miene und gleichem Gedanken nach einander um.

»Ich habe mit Ihnen zu reden,« sagte er genau in dem Momente, wo auch sie den Mund öffnete.

»Ich ebenfalls,« erwiderte sie ernst. »Aber kommen Sie ... wir suchen uns einen bequemem Platz.«

Und sie traten zusammen in einen kleinen Pavillon hinten im Garten.

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