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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Unterm Gottesurteilbaume

Quuhllk, bfff-wull-ck!

Als ob dem grünhaarigen Wassermanne dort unten spuckübel würde, gurgelt das mit aufbluckender Luftblase aus der Tiefe heraus.

Wbb, bfff!

Dann taucht der Riesenschädel der schnaufenden alten Wassersau aus dem schlammigen Tümpel auf, den der Strom hier in der Bucht des weichen Ufers ausgehöhlt hat. Ein Bündel Mais im Gebrech, zieht das Untier der leicht überspülten Bank am inneren Ufer des Strombogens zu und lagert sich dort neben den anderen Flußpferden. Welche Sippschaft von urweltlichen Ungetümen! Die brauchte der selige Noah nicht auf sein Fahrzeug zu nehmen. Die haben sich ohne ihn sauwohl gefühlt in der großen Flut, diese schnuckeligen Scheusäler mit dem fürchterlich bewehrten Pottfischmaule! Lächerlich diese kleinen, aber froschartig vorquellenden Schweinslichter und kurzen robbenartigen Lauscher!

Uhoquuhlck, w-wuff-ff!

Wer seid ihr eigentlich, ihr Rätselreste der Vorzeit? Pferde schon gar nicht! Nicht mal Seepferde aus fratzenhafter Fabelwelt. Das Wasser hat euch wohl so splitternackt gemacht? Das Allesfressergebiß habt ihr in den Backzähnen mit dem Schweine gemein; aber die mächtigen Schneidezähne und Hauer sind euer Eigenstes, zum Abreißen und Ausraufen der Haare des Wassermannes bestimmt Siehe Hiob, 40, über den Behomoth (Flußpferd) und Leviathan (Krokodil).! Der ganze Körper scheint nur den einen Zweck zu haben, das klaffende Riesenmaul zu tragen. Und doch seid ihr, bei Lichte betrachtet, nämlich im Skelett, Vorläufer des edlen, anmutvollen Hirsches mit allen Strahlen der vollen, unverkümmerten, unverklunkerten vierhufigen Hand! Ja, das seid ihr, wulstige Scheusäler, ob ihr es nun glaubt oder nicht!

Und daß eure Sippe bis zur Vereisung mitsamt Elefanten und Nashörnern in Nordeuropa gelebt hat, das glaubt ihr auch nicht, wie? Nun, dann laßt es bleiben; der Neger glaubt ja auch nicht, daß er aus Europa stammt! Es schickt sich auch nicht für euch, gescheiter als Flußpferde sein zu wollen. Aber deshalb braucht ihr doch nicht aller Welt euren Mist ins Gesicht zu quirlen!

Aha, dort kommt das Junge der zuletzt aufgetauchten Alten herbei! Mit anderen Kleinen hat es drüben an der Schlammbank gespielt. Jetzt klettert er auf den Rücken seiner lieben süßen Mutter. Spaßiger Kerl mit seinem Riesenkopf und dem winzigen Leib! So leicht, wie gedacht, geht das Klettern freilich nicht mit den kurzen, plumpen Stummelbeinen. Denn die Alte liegt hoch aus dem Wasser heraus, das kleine Ungeheuer purzelt deshalb zwei-, dreimal herunter. Endlich aber ist es oben, rutscht bis auf den Nacken vor und läßt sich's dort wohl sein im Scheine der scheidenden Abendsonne, indessen die Alte behaglich ihren Mais aufknurpst.

Still vor sich hindösend schauen, wie Reste aus der Zeit alter Drachensagen, auf den angrenzenden Sandbänken halbwüchsige Krokodile diesem Stilleben zu, das sie nichts angeht. Aber im Fluß hebt sich zuweilen ein mächtiges Hauptkrokodil auf. Über Wasser zeigt es nicht mehr als die Höcker hinter seinen Lichtern und die Luft schöpfenden Nüstern.

Die Flußpferde nehmen von seiner Anwesenheit gar nicht Kenntnis. Selbst die Mütter lassen sich nicht aus ihrer Ruhe bringen.

Freilich: unlängst hatte ein altes Hauptkrokodil versucht, sich an einem jungen Flußpferdchen zu vergreifen; dort drüben auf der feuchten Sandbank die Fährte zeigt, wie übel ihm das bekommen ist. Gesund führt sie aus dem Fluß heraus, dort stößt sie mit einer alten Wassersau zusammen, deren Junges dem Krokodil entkommen ist und sich aufs Ufer hinaufgerappelt hat. Herrgott, wie ist der Kampfplatz zerwühlt! Tiefe Löcher noch jetzt voll roten Wassers, und in der Rückfährte, die das Krokodil zum Strome genommen hat, auf dem Sande ganze Klumpen geronnenen Schweißes, um den sich weißbrüstige Krähen mit jungen Krokodilen zanken. Dort, wo die Bank unterhalb steil abfällt in den krüselnden Strom, hat sich die schwerverwundete Panzerechse ins Wasser gelassen – wer weiß, wie weit stromab sie jetzt verendet ihren Artgenossen zum Mahle dient!

Auch die Fährte des Flußpferdes spürt sich anfangs im rechten Vordertritt etwas schweißig, aber dreißig Schritte weiter schon wieder sauber: auf dem Frechling mit dem Schnapprachen wird es wohl gründlich heruntergetrampelt haben, daß er vor Schmerz und Wut mit dem Schuppenschweife den Boden gepeitscht hat! Das merkt sich die ganze Bande! Itsch, dort haben die Krähen ein paar saftige Brocken vor; da hat die Wassersau dem Angreifer einen Klumpen zerquetschter Lunge zum Weidloch herausgedrückt. Siehst du wohl, das kommt davon! – –

Der Tag zieht ab, der Abend glüht auf. Leise rauscht es in der weitschattenden Krone des zum Wasser geneigten Riesenstammes. Sein harter Schaft zeigt in Mannesbrusthöhe zahlreiche Narben in der Rinde, Urkunden von ebenso vielen qualvollen Todesmartern. Denn aus dieser Rinde wird das Muawi bereitet, das zur Giftprobe dient. Eine dieser Rindenwunden ist frisch von heute. Wer fragt danach!

Drei seidenschöpfige Reiher haben sich auf dem Wipfel eingeschwungen. Nun kommen in ihren Nestern die Webervögel, im Gebüsch am unterspülten Ufer die zierlichen, schillernden Prachtfinken zur Ruhe. Von fern und nah rucksen und gurren die Tauber ihr Abendlied. Torr-rétt-tock! Torr-rétt-tock!« ruft eine Art. Weich und dunkel wie der deutsche Hohltauber lockt ein anderer: »Huhúhhuh, hu-húh!« Dazwischen Flügelklatschen der Abstreichenden und Einfallenden, bis der Saum der Nacht den Uferwald streift.

Drüben auf der vom Grasbrande verkohlten Steppe, die sich über der Flußniederung erhebt, leuchtet im Abendschein ein grauer Riesenprotz auf, der dicke Affenbrotbaum. Entblättert glotzt er kahl und schmucklos in die Öde hinein, klotzig und trotzig wie ein alter Elefant. Aber im Schatten seines dicken Stammes hat das Gnurudel wohlig geruht, das jetzt zur Tränke zieht. Ein Wasserbock, der mit seinem Sprung im Röhricht geplätzt hatte, ist ihm schon zuvorgekommen. Unbekümmert um die Krokodile tritt er zum Wasser, und nach ihm schöpft der ganze Sprung, allezeit rückwärts nach dem erhöhten Uferrande sichernd, wo sie ihren Feind, den ärgerlich und bösartig grunzenden Leoparden, gewittert und vernommen haben. Laut schnatternd fallen auf der nächsten Bank, gleichfalls neben lagernden Krokodilen, einige Gänse ein, und ein Schoof Enten klingelt den Strom entlang.

Plötzlich am Ufer ein wüster Lärm: schurrende Erdmasse, krachendes Geäst, schwerer Fall und mächtiger Plunsch. Hat nichts zu bedeuten; unser Flußpferd kehrt mit neuer Ladung Mais zum Flusse zurück und ist der Einfachheit halber in blitzgeschwinder Fahrt die steile Uferbank hinabgerutscht. Ungefähr so, wie ein deutscher Husar auf der Hinterhand seines Gaules; aber viel lauter! Im Wasser angekommen, bläst sie vor Lust und Wonne; und dann hört man nichts mehr als ihr Maisknurpsen unter Begleitung von Froschgesang und Grillenschwirren.

Nur ab und zu ein Knacken im Gebüsch von ziehendem Wilde oder der schwere Tritt eines an Land gegangenen Flußpferdes, das dem Maisfelde des Häuptlings Dschaula Besuch abstattet, um reine Bahn mit dem Reste zu machen, ehe der würdige Biergreis etwa auf den Einfall kommt, es abernten zu wollen. Der Junge, der auf einen Baum geschickt ist, um mit alten Blechkannen Lärm zu schlagen, ist längst eingeschlafen; die Flußpferde fragen ja ohnehin nicht nach seiner Musik.

Um die vierte Stunde aber, die zehnte auf der Uhr des Europäers, als der Mond bereits Wald und Felder mit fahlem Licht übergießt, wacht er auf. Kein Wunder bei dem Lärme, der da vor ihm losbricht!

Es war nur ein halbersticktes, grobes Knurren, aber die Luft bebt vor dem rauhen, kurz abgebrochenen Wutstoße, der den erschreckten Negerjungen beinahe von seinem Baume herabgeworfen hätte. Dazu ein wildes Rumoren und ein dumpfes Stöhnen, und dann ein letztes, furchtbares Röcheln. Ein Löwenpaar hat ein halbwüchsiges Flußpferd gerissen, die Kehle durchbissen und schneidet nun, nachdem der Kampf ausgetobt hat, mit leisem Graulen an der Bauchseite an. Und der stille Schmaus beginnt. Leise haben sich die Jungen herbeigeschlichen und nehmen teil an der Beute, lecken die köstliche Leber auf und kauen die zarten Eingeweide, die ihnen die Mutter gereinigt vorlegt. Die Alte selbst hält sich an das Hinterviertel und der Löwe an das Bruststück. Dann nach beendetem Schmause wird der Riß in ein mit Dornengebüsch besetztes Loch gezerrt. Und lautlos, um nicht ihr Versteck zu verraten, ziehen die Löwen ab.

Drüben aber: Uu-umpff, uh-uumpff, uh-oh! Weit jenseits des Flusses rollt stoßweise das Brüllen eines alten Löwen hin, der seiner Löwin ein Rudel verängstigter Kuhantilopen zutreibt. Dann wieder Stille ringsum. Nur vom fernen Negerdorfe her Trommel- und Blechgetöse der Hirsewächter.

Wie geisternde Schatten der Wald im hellen Mondlichte wirft! Die dicke Ranke der Schlingpflanze, die vom Gottesurteilbaum auf das Wasser herabhängt, gleicht einer mächtigen Pythonschlange, das Ichneumon, das drüben auf der Sandbank Kegel macht, einem großen Paviane. Und die silbernglänzenden Rücken der Flußpferde heben sich gespenstisch aus der dunklen Flut heraus.

Aus der Ferne gegen Wind herauf dringt verhallend und verworren der matte Abschall wüsten Plärrens und Gerassels herüber. Im Dorfe des dicken Häuptlings Fimbo hält der Zauberpriester Gottesgericht. Stromabwärts vom Dorfe haben vorgestern zwei von Fimbos Leuten gefischt, zusammen mit einem Mann aus dem unterhalb gelegenen Dorfe Mtakalala. Während sie ihre Reusen stellten, ist ein Krokodil stromauf gekommen und hat einen von Fimbos Männern verschlungen. Da es von Mtakalala gekommen ist und den Mann aus diesem Dorfe verschont hat, so ist dieser der Schuldige! Und wenn er den kochend heißen Muawitrank nicht herunterschluckt, ohne sich zu verbrühen, ist er verloren und muß die scharfe Giftprobe machen oder wird verbrannt. Meistens drängt der Verdächtige sich selbst zur Giftprobe, im Bewußtsein seiner Unschuld oder in der Hoffnung, das Gift herausbrechen zu können.

Die Herrschaft der Weißen kann diesem tief eingewurzelten Unwesen nur schwer wehren. Die Hyänennatur des Volkes lechzt nach ihnen und den Totenopfern als nach seinen höchsten Festen. Kein Wettstreittanz, Ngoma maschindano, keine Geschlechtsweihe der Mädchen mit ihrer schwülen Sinnlichkeit unter dem Muyombobaume, keine Hochzeitfeier, kein Geistertanz und keine Teufelsaustreibung kommt der grausam wollüstigen Gier nach Gottesgerichtsopfern gleich. Giftqual oder Feuerstoß, dazu der Lärm der Trommeln, das Rasseln der Kalabassen, der Hexenwahn zu höchster Grausamkeit aufgepeitscht. Die Burschen brüllen, kreischen und quäken ihr »Oläääh-ääh-äh!« und die Weiber trillern ihre nichtswürdig schrillen Triller, die wie aus Geilheit und Blutdurst zusammengequirlt klingen!

O ja, Gevatter Tod versteht zu leben in Afrika! Aber die Nacht macht kein Aufhebens davon, und jede Wegestunde hat andere Qualen und andere Wonnen.

Mitternacht zieht heran. Der Leopard hat sich immer noch dicht an den Termitenbau geschmiegt. Da wird es im Gezweige lebhaft. Eine Horde Affen springt herzu, um über den Strom zu wechseln. Hurtig und vorsichtig setzen sie in die Krone des Gottesurteilbaumes, und der alte Hauptaffe klettert an der Ranke hinab, die oben von der Großmutter in Schwung gebracht wird. Hopp-la, Hopp-la – los! Schubheidih, der zweite drüben. Und so fort, drei, vier, fünf. Nur ein Jährling ist noch übrig, da taucht der Leopard auf. Kreischend und zeternd klettert die Großmutter zu dem Jungen hinab und treibt ihn scheltend zum Sprung an. Schubb, ein paar Backpfeifen. Schubb – endlich springt er. Aber zu kurz! Und schwupp, schnappt ein Krokodil nach ihm und verschwindet mit ihm unter Wasser. Mit gellendem Keckern, Keifen und Belfern springt die Bande am jenseitigen Ufer hin und her und ruft in ohnmächtiger Wut dem Flußräuber ihre schlimmsten Schimpfworte zu. Nur die Großmutter am schwankenden Ende der Ranke bewahrt Geistesgegenwart. Über sich den Leopard, unter sich die schnappenden Krokodile setzt sie ihre Schaukel mächtig in Schwung und – Schubheidih! – ist sie drüben. Ärgerlich grunzt ihr der Leopard nach. »Aoahu-uohu, o ahu!« Dann gleitet er am Stamme herab und drückt sich auf dem untersten Aste des Baumes. Jetzt hat er von beiden Seiten des Wechsels guten Wind. Lange noch lauscht er, mit hochgezogenem Barte, dem Schimpfen der drüben abziehenden Affenbande.

Nichts mehr zu holen hier! Der Löwenangriff auf das Flußpferd hat alles Schalenwild verscheucht, und das Affengeschrei hat das übrige getan.

Die Nacht geht hin, und der Wind springt gegen Ost herum. Deutlicher dringt von Fimbos Dorfe der tobende Lärm herüber. Die alte ansteckende Volkskrankheit will wieder mal vor lodernden Bränden sich ausrasen.

Richtig: rote Flammen züngeln auf, die Weiber trillern, dumpf dröhnen die Trommeln! Sie haben den Beschuldigten verbrannt. Sein Heimatdorf führt den Namen von der schräg stehenden Schirmakazie vor dem Eingange. Mtakalala, das heißt: will umfallen. Nun ist er gefallen, der Mann von Mtakalala, und der Wind trägt den brenzlichen Geruch seiner Knochen über die Steppe hin.

Der Morgen kommt näher. Am Boden heben und senken sich schwere Nebelmassen, aus denen Baum und Strauch wie aus der Überschwemmung herausragen. Der Leopard wartet noch immer. Jetzt reckt er sich mit krummem Buckel auf und gleitet ärgerlich am Stamme herunter. »Uoahu, ohaoa!« Grollend schleicht er davon. Hier ist für ihn nichts mehr zu holen.

Drüben heult eine Hyäne auf. »Huuh-hi!« Gierig schleicht sie dem verlockenden Dufte von verbrannten Knochen entgegen. Dann wieder Stille ringsum. Niemand stört die Hyäne beim Morgenschmause. Fimbo und sein Dorf schlafen im beruhigenden Bewußtsein, daß der Zauberer verbrannt ist und das Land nun Frieden hat.

Der Mond geht still hinter Nebeln unter. Da knackt es leise im hohen Ufergehölze. Der heimlichste und tapferste, wildeste und mißtrauischste aller Großen dieses Waldes tritt nun in der stillsten Stunde behutsam aus. Langsam schiebt sich das mächtige, wohl anderthalb Meter spannende Gehörn aus dem tiefsten Gebüsch heraus. Ruhig und fest ist der entschlossene Blick auf die kleine Blöße zwischen Sykomoren vor ihm gerichtet. Nur leises Zucken der breiten, von Schrammen zerfetzten Geöhre verrät, wie er sichert. Noch ein Schritt, und in voller Gewalt heben sich Brust und Schultern des Büffels vom Dorndickicht ab. Der erste Glanz, der sich durch der Zweige Gitter hindurchstiehlt, wirft blaue Lichter auf die vom Tau glänzende schwarze Decke. So blickt er wie ein erzgegossenes Bild in stolzer Ruhe dem Morgen entgegen, er, der alte Eingänger, dessen Dasein keine Fährte je auf freier Blöße einem Jäger verrät.

Über ihm rauscht leise der Morgenwind, und zartes Rot umspielt die Herrscherkrone des Gottesurteilbaumes.

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