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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Sphinx

Wie diese Augen, diese starren, toten, glotzt die Ewigkeit auf die glühende Wüste! In ihrem hohlen Blicke ist ein Schrei von nie gestilltem Durste, von Leidenschaft, die in Hasseshärte versteint!

Wenn die Luft sich zitternd duckt unter der mitleidslosen Glut: diese Augen bleiben unbewegt! Der Samum säumt mit Wolken gelben Staubes die braunen Felsrücken: weit geöffnet blicken diese Augen in die Unendlichkeit!

Wegmüde waten die Dromedare der Karawane über das versengte Durstfeld, todmatt schwanken im Sattel braune Reiter vorüber am Aase gefallener Gefährten, von dem Schakale keckernd wegschleichen: diese Augen fragen unverwandt nach stummer Antwort des Himmels!

Dort in der Ferne, auf die ihr Blick gerichtet ist, glühen am Stromufer wild prasselnde Papyrusbrände auf. Angstvoll stürzen Enten, Flamingos, Ibise und Reiher durch Qualm und Funkengarben der offenen Flut zu. Das war seit ewig so! Die Scharen schwinden. Wo der Mensch über die Erde schreitet, folgt ihm die Wüste.

Weiter, weither durch die Glut der Abendsonne dringt ein Ton. Das Trompeten der letzten Elefanten aus den Graswäldern der letzten Zuflucht; nur das Ohr des stummen Lauschens vernimmt diesen Schrei der Ewigkeit. Von den geheimnisreichen Bergen des Mondes, aus denen der Fluß des Segens der Wüste zuströmt, klingt das letzte Gebrüll des letzten Königs der Wildnis herüber. Vom Rande des Ukerewe-Sees, des großen Lebensbornes der Vorzeit, stöhnt das Sterben der Schlafenden auf, in dem alles Leid von Afrika zittert. Aus den Wässern, die vom Bahr el Ghasal zur Linken dem Bahr el Djebel zuströmen, tönt die Klage vom Schwinden der Erschaffenen. Und aus dem brausenden Segen, den zur Rechten dem Weißen Nile Abessynien im Blauen Nile zuschickt, grollt und stöhnt von Djiren bis Danakil der Fluch aller verlorenen Paradiese: unstät und flüchtig in Ewigkeit!

Sie lächelt über alles, was der Wind ihr zuflüstert, der über die Füße der Verschmachteten weht. Aber dies Lächeln hat so wenig Licht in sich, wie der Anhauch aus der Schlucht der Königsgräber von Theben. Das Leben ist Tod, und nur in der großen Totenstadt wohnt Leben. Unter vergilbten Blumenkränzen bei den Mumien schlummert es, und aus der Nacht der Nächte hebt sich der Friede auf.

Säulen, Obelisken, Pyramiden, Ewigkeitswahn balsamierter Macht und Schönheit, Hauch der Jahrtausende – was anders sind sie als Tropfen am Gesteine der Höhle, als Luftspiegelungen am Saume dieses Sandmeeres! Mühsalvoller Traum und kurzes Ende! Nur in der Tiefe der Sterne wohnt noch Trost! Aber die Augen der Sphinx triefen von Blut, wenn in heimlicher Nachtstille sie fragend dorthin den Blick richtet.

Kalt und tot starrt sie wieder dann in die Weite. Ihre Seele schwimmt im Lichte des Mondes, und aus der Leere grinst das große Leid sie an.

Durch das Meer der Wüste wogt altes Erinnern. Wie Brandung und Sturzsee schäumen die Felsen, und aus Kreidemeeren heben Gebirge, Stirnfalten der schrumpfenden Erde, sich himmelan, und Landbrücken versinken in gierig leckender Flut. Aus dem vereisten Norden wandert der Löwe her und wirft in der Wüstenglut sein Pelzkleid ab bis auf die Mähne. Nashorn und Elefant sind seine Begleiter. Die alten Drachen versinken im Schlamme der Vergessenheit, und die heiligen Gewässer erfüllt das Schnaufen des Nilpferdes, des Geweihten von Typhon-Seth, dem Herrn der Unterwelt An der Schmalseite der schönen Statue der Nilgottes im Vatikan sind Nilpferde und Krokodile im Kampfe dargestellt. Das Flußpferd war seit alter Zeit heilig gehalten, aber nur in der papremitischen Provinz; in allen anderen Gegenden wurde es leidenschaftlich verfolgt und das Krokodil nahm seine Stelle ein. Das vatikanische Bildwerk stellt also wohl den Kampf zweier Bekenntnisformen dar. Als Pförtner zur Unterwelt führt das Nilpferd den aus seiner Stellung zum Mondmythos erklärbaren und höchst bezeichnenden Namen »Fresser des Amenthes«, d. i. der Unterwelt. Aus dieser Auffassung seines Wesens heraus scheint es im Volksempfinden das Urbild der Ödipus-Sage gewesen zu sein. Denn die Ägypter sagten, daß es, sobald es erwachsen sei, den eigenen Vater tötet und fresse, um dann die Mutter zu gewinnen. Daher das Nilpferd in den Hieroglyphen Symbol der Ungerechtigkeit ist. Klar erkennbar bezieht sich dies ebenso auf das Nilpferd selbst, wie auf seinen mythologischen Begriff, der im Mondwechsel wurzelt., und sein Kampf mit dem angebeteten Krokodile, das der Blick Thots, des Mondgottes, bewahrt hat vor dem großen Sterben der Drachen.

Und heller wie Memnons Säulen beim Aufgange der Sonne tönt das Zittern der jungen Nacht im Harfenspiele der Felsen. Aus vergessenen Gräbern, die kein Pharao schmückte, hebt der Zug bleicher Nebelgestalten sich auf. Hunderttausende von freien wilden Kamelen schwanken vorüber. Hunderttausende von Elefanten trompeten empor zu dem ibisköpfigen Thot. Hunderttausende von Schakalen erheben ihren Gesang, Hunderttausende von Pavianen in stummer Verzückung ihre offenen Hände, wenn das volle Mondlicht sie umfließt und Thot, der Schreiber der Götter, das Rohr zur Spruchschrift des Totengerichtes ergreift.

In den Blicken des goldenen Gottes ist ein heiliges Vertrösten. Ein stilles Mahnen zieht mit Fäden der bleichen Spinne erdwärts; doch jach zerreißt es, wie ein verleuchtendes Meteor!

Schriller tönt in den Felsen das Harfenspiel des Erinnerns. Mit dem Löwen und Elefanten ist der Mensch gekommen, und von Jahrtausend zu Jahrtausend hat er seine Herrschaft über die Tierwelt ausgedehnt. Der Steppe flüchtige Tochter, die schlankhalsige Serâfe, fängt er in Gruben unter Mimosen, und den Rudeln der Gnus und Antilopen lauert er am Wechsel zum Wasser mit Pfeil und Bogen auf. Doch rottet er nicht mehr von ihnen aus, als Löwe und Leopard tun, die Lieblinge des Mondes!

Noch immer hält Thot auf der Totenwage das Bild der Wahrheit, die die Liebe ist, und in die Schale des Gerichtes wirft er das Herz des Toten. Und noch immer ist Amons Land ein Reich des Glückes. Unabsehbare Schwärme jeglichen Wildes treten durch Grasland und Sand ihre tiefen Wechsel aus. Wo die Mimosen, Tamarinden und Sykomoren sich berühren, ziehn die Tigerpferde hin, am Fuße des Affenbaumes lagern die Scharen von Straußen und Gazellen, im Röhricht stehen Rudel über Rudel trotziger Büffel, und im Flimmerlichte des Steppenrandes ziehn bei klotzigen Nashörnern in langer Reihe, eine hinter der anderen, wiegenden Schrittes die pardelfarbigen Giraffen dahin. An den Seen erglüht der Himmel von aufstehenden Wolken rosiger Flamingos, an den Ufern der Flüsse stehn Silberbänder von Edelreihern. Feierliche Marabustörche und Königsfischer am Ufer, Webervögel, Prachtfinken und Nektariden im Röhricht über Scharen von Nilpferden und Krokodilen, und über dieser rings nach Wild warm duftenden Welt die Donnerstimme des Herrn mit dem dicken Kopfe, des Königs der Wildnis!

Aber dann welche Schicksalswende mit der Ausbreitung des herrschsüchtigen Volkes der Braungelben vom Strande der Thetis! Dem freien Kamele der Wüste legt dieser Mensch seine Lasten auf, und unter den Borassuspalmen des Tieflandes Fakara, der großen Mutter des West-Sudan, zähmt er den Elefanten zur Arbeit von Halbgöttern. Den Wildhengst bändigt er mit festem Schenkel, die Kuh wird ihm zur Dienerin des Heiligtumes und Nährmutter des Hauses und der Wüstenwolf zum Jagdgefährten!

In den Augen der Rätselgestalt mit den Löwenbranten zuckt es wie ein langverhaltener Zorn, wie Durst nach alter, nie gestillter Rache.

Ja, er, an dem das große Werk der Schöpfung verdirbt, er selbst hat alle Gestalten der Sternennebel und des Erdenseins durchlebt und überwunden und wiederholt in jeder Frucht des Mutterleibes diesen Werdegang vom niedrigen Wurme bis zur Vollendung seiner Gottähnlichkeit. Um doch schließlich, als der Weiße den Braunen bewaffnet, zum Henker alles Glückes zu werden, das ihm die Gottheit überwies! Wie der Sand vor dem Samum schwindet vor ihm das reiche Leben dahin, das seinem eigenen Denken so viel Herrliches an Sinnbildern und altem Weistume überliefert hat! Sich selbst setzt er zum Herrn und Mittelpunkte der Schöpfung, und er geht daran zugrunde, ohne zu wissen, warum und wie, der kindische Tor!

Drüben vom Röhricht im Sumpfe tönt das Abendlied der Frösche herüber in vollem Chor, in dem jeder Ton satten Behagens vertreten ist, vom höchsten Fisteljubel bis zum tiefsten Baß, der aus dem Grunde des Sumpfes zu stammen scheint. Denen geht es wohl, wenn Ibis, Schwarzstorch und Edelreiher vertilgt werden! Das Lied des Morastes an Stelle heiliger Feierklänge: das ist der Schluß der Schlüsse!

Das ist der Sphinx uraltes, ewig waches Leid! Von ihm erbebte ihr Busen, als sie lag im Sande von Theben in den dunklen Nächten, da Amons Heiligtum und sein durchgeistigter Gottesdienst von Chu-en-aten, dem Sohne der Tii, dem Dienste der alten Sonnenscheibe zuliebe verlassen ward.

So lag sie schweigend im Sande von Theben, als nach des Abtrünnigen Tode der alte Dienst wieder zu Ehren kam, und dachte im Doppelwesen ihrer Mannweibnatur dem Rätsel Thots nach, wie die beiden Leben, die ein Leben sind und sich berühren, ganz zu einem Leben werden können.

So lag sie im Sande von Theben und tötete voller Seligkeit jeden, der des Weges kam und ihr Rätsel nicht raten konnte. »Was ist morgens vierfüßig, mittags zweifüßig, abends dreifüßig?«

So lag sie, als Ödipus, der Sohn und Mörder des Königs Laios von Theben, ihr die Antwort gab: der Mensch! Ingrimmigen Hohnes voll aber weht ein Lächeln um ihre toten Züge, wenn sie der Sage gedenkt, daß um dieser Deutung willen sie sich ins Meer gestürzt habe.

Vierfüßig ist morgens der junge Mond als Stier mit dem goldenen Horne. Zweifüßig mittags als Mann mit vollem Gesicht. Dreifüßig abends der kranke Mond als Amons hinkendes Roß!

Tor, der nicht wußte, daß jedes Ewigkeitsrätsel doppeldeutig ist! So sind sie alle, alle! Die Schöpfung wähnen sie überwunden zu haben, weil ihnen gelang, von der Kette der Ewigkeitsfragen den ersten Ring zu lösen. Doch schon am zweiten erfüllt sich ihr Geschick, und dem Titanentrotze folgt unter dem Lachen der seligen Götter der Sturz in die grausige Tiefe. Weil sie die Riesen der Schöpfung vernichten konnten, fühlen sie sich als Sieger des Weltalls, wie Ödipus einfältigen Sinnes gegenüber der doppelsinnigen Sphinx. Der Zwerge haben sie vergessen, der unsichtbaren Allerkleinsten der Kleinwelt, von deren Dasein sie nichts mehr ahnen, ob sie doch gleich selbst von ihnen als Erregern alles Lebens und alles Todes abstammen. Wie Ödipus über sein Land Theben die Pest, bringen sie den Würger des Schlaftodes, des Fiebers und tausend anderer Pestilenzen in ihre lustigen Sippen und wissen nicht, wer denen zum Tanze aufgeigt, wie einst dem Perikles im schönheitstrunkenen Athen!

Und sie selbst in ihren Massenpferchen: welches Elend haben sie aus eigener Torheit sich aufgebaut! Affen halten sie sich in vergitterten Käfigen, um an den Greisengesichtern der armen Kinder Thots ihren Spott zu üben. Ihrer selbst aber sind mehr als alle Pavianshorden zu Aila, der Stadt der Verwunschenen am Roten Meere, und alle Meerkatzen der großen Vergangenheit! Spottgeburten der alten Heldenart! Wie Kaninchen und Mäuseplage mehren sie sich, nehmen einander Brot, Licht und Luft und verlernen immer mehr, die schauervolle Sprache der Wüste, das Brausgeheimnis des Meeres und das feierliche Wort der Ewigkeit im Rauschen des Waldes zu verstehn!

Über die Erde schreitet der Mensch, ihm folgt die Wüste! Nein, ein Schlimmeres! Denn die Wüste ist schön in der wilden Größe ihrer sandverwehten Hügel. Aber der ekle Graus, den der Mensch hinterläßt, das ist der Weltunrat, den die Griechen im alten Theben das Chaos nannten!

Und zum Schlusse ergreift ihn selbst, den Zerstörer, das große Leid der Sphinx. Der unstillbare Hunger nach unwiederbringlich Verlorenem. Das Grauen vor der Nacht, der keine Morgenröte mehr folgt!

Und ob sie wähnen, auch den schlimmen Zwerg zu überwinden, der in tausend Seuchen sie bedroht, und wenn sie wirklich ihn überwänden, so wäre auch das doch nur ein Ring aus der unendlichen Kette des Weltschicksals, des Leides der Ewigkeit!

Außerhalb irdischer Kraft in der Sonnenbahn liegt das Schicksal des Mondes, liegt das letzte Schicksal der Erde. Liegt das letzte Rätsel der Sphinx. Und ihre Augen triefen von Blut, wenn sie der Frage nachsinnt, auf die keine Ewigkeit ihr Antwort gibt.

So liegt sie beim Harfenspiele der Felsen im Sande von Theben, und die Luft zittert in heftigen Wellen um dies furchtbare Spiegelbild, das nichts Festes im Raume hält, und dessen Sein doch rings die weite Wüste erfüllt.

Der Strom der Müßiggänger und Emporkömmlinge des ganzen Erdballes zieht tagtäglich an ihr vorüber, ohne ihr Dasein zu ahnen. Und läge sie in Steinen vor ihnen, wie ihr männliches Abbild vor den ragenden Schreckensdreiecken der Pyramiden von Gizeh: – diesen Zerwaschenen, die kein Orion mehr besternt, hätte sie doch nichts zu sagen.

» Oh indeed, o yes!« quarrt und quäkt es von ihnen zu dem schwatzhaften Kerle hinüber, der das Rätsel der Memnonssäule in zwei Minuten erklärt.

Und ein rundlichvoller Schlauch nickt befriedigt: »Aha!«

Vermessene Sehnsucht haben diese in ihren grillenhaftesten Stunden nie gekannt, und das Tönen der Morgenröte ist doch selbstverständlich Schwindel und fauler Zauber!

»Aber ich bitte Sie, in welchem Jahrhundert leben wir denn?«

Gelangweilt, wie sie gekommen, ziehn sie davon.

Wie Riesenfittiche eines unsichtbaren Vogels rüttelt die Luft über der Wüste.

Mit ihren Rätseln bleibt die ewige Sphinx allein – ewig allein – –

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