Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Bley >

Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
Schließen

Navigation:

Im Jägerparadiese

Blitzauge, der zottige Rotbart, liegt kauend vor der Höhle. Auf dem Heu, das die Dirnen mit den Honighaaren an der Sonne ausgebreitet haben. Auf das Feuerchen neben sich legt er Faulholz von der Moorweide und schaut dem Rauche nach. Steil zieht der aufwärts, dem toten Monde zum Opfer.

Häh! Wie das bitter riecht!

Prrrr! Da kommen auch die Pferdchen! Ohne Scheu wälzen sich die wilden Zottigen unter dem Rauche, prusten und niesen. Hier darf kein Reißzahn sie ängstigen. Und die schwarzen Säulen von biesenden Mücken verjagt der quiemige Rauch. Viele beißt er tot. Die fallen aufs Wasser und werden von Fischen geschnappt.

Blitzauge schaut auf zum Himmel, an dem der abgeschlagne Kopf des Mondgottes hinfährt. Schwarz ist er, der Totenkopf; Unheil bringt er dem Jäger!

Aeh! Der Rotbart rekelt sich auf dem Heu und beißt einen Happen vom Dörrfische ab. Kauend knurrt er unverständliche Laute. Ärgerlich ist er, der sonst so Fröhliche, und Ursach hat er dessen. Was hilft sein Reden! Sie lassen es nicht! Wieder haben sie Gruben gemacht am Rande des Eises. Drei Reihen hintereinander, jede auf der Lücke der vorigen. Und jede mit Matten von armdicken, federnden Knüppeln bedeckt. Hinein treiben sie das Wild. Und fangen doch nur die Kälber! Pfoi! Sie sind wie die Jerfe vom Moore des Unheiles, die sich vollschlingen zum Platzen und dann zwischen Weidenstämmen hindurchzwängen, um das Aas zu verdauen! Pfoi! Wie die Braunen sind sie, die vordem hier hausten und stanken! Pfoi!

Bald wird kein Kalb mehr den Herbst erleben. Das Mammut stirbt aus und das Ren und mit dem alten Bären der alte Jägerschlag! Pfoi!

Vorüber, vorüber! Alte Träume sind bei dem Rotbarte und altes Wissen. In drei Tagen goldet sich der Mond und wandert dann und hängt seinem schwarzen Weibe an, bis er sie aufgezehrt hat in brünstiger Liebe. Dann glänzt er als Vollmond im Glücke!

Aeh! Ärgerlich wirft Blitzauge die abgenagte Fischgräte fort.

Aeh! Schwarz ist das Weib, wie der bittere Rauch vom Moorweidenstrauche: hinter dem Goldmonde wird sie wieder zum Vorscheine kommen und ihn auffressen, die Schwarze, die Alte!

Würde der Mond fortlaufen, käme er davon! Aber er schaut sich um nach der Schwarzen. Das ist sein Tod, pfoi!

Gähnend reckt sich der Riese. Dann springt er auf, daß die Pferde auseinanderstieben vor Schreck, und schüttelt sich wie ein Hengst. Ebenso Ulf, der zottige, weißgraue Wolf, sein Jagdgefährte. Nochmals packt den Rotbart das Grausen beim Gedanken an die Alte, die Schwarze: pfoi, pfoi! Und den Speer wirbelt er, daß der Schwingkreis einer surrenden Scheibe gleicht, heidjo, joho! Und streichelt Ulf, der aufjaulend ihn umspringt.

Dann lacht er, daß die Freude ihm aus den Blauaugen blitzt. Über die Dirnen und Buben, die im Wasser des Gletscherabstromes sich im Tauchen üben und Fische greifen! Krebsrot hat sie die Kälte gebissen, brrr! Aber – eyala, hopp! – immer wieder kopfüber frisch hinein! Und dann die Zappelfischchen, die silbernen, in die Weidenkörbe und im Wettlaufe damit hin zur Mutter! Die kauert am Zelte und flickt Netze mit dem Pfriemen aus Rengeweih und Sehnen vom lieben Ren.

Da gibt's Arbeit, ihr Rangen! Jede Dirne kriegt einen Schaber aus Feuerstein, und alle balgen sich um den besten. Ja, den hat Blitzauge am Ende passend geschlagen, daß er griffig in der Hand liegt! Eine Seite ist schartig gehauen, das schuppt gut ab. Mit der Schneidseite wird der Fisch geschlitzt. Dann kriegt ihn die ehrwürdige Mutter zum Rösten auf den heißen Steinen. Was die Ewighungrigen und Nimmersatten nicht aufzehren, steckt die Mutter auf Weidenstäbe. Die hängt sie im Zelt auf, wo kein Jerf sie stehlen kann.

Die Buben laufen wieder hinaus, um junge Moorhühner zu fangen. Die Mädchen aber setzen sich zur Großmutter, der Weißen, die so selig macht wie Mondleuchten mit dem Abendsterne darin. Sie schauen ihr zu, wie sie geduldig die Achsel in Vaters Langrock aus weißem Renkalbfell einpaßt und wie sie den Vorderstoß mit Otter verbrämt. Dann wird ein Frauenmantel bewundert, der mit Hermelin gesäumt und mit herrlich glitzernden Seemuscheln besetzt ist. Und dann die eigenen nagelneuen Kleidchen! An denen müssen sie mit den feinen Nadeln aus Renknochen und dem Zwirn von Renflechsen nähen, nähen, nähen und, wenn es falsch war, wieder auftrennen und von neuem nähen! Damit alles hübsch weich anliegt, wenn der Schneesturm wieder um das Winterheim in der finsteren Felshöhle braust!

Von weicher Decke des Renkalbes ist auch der Stoff zum Hemde, das außen mit Weidenrinde und Birkenöl rotbraun gegerbt ist. Mit der Haarseite wird es nach innen getragen. Aus Renhaut sind auch die Hosen, die bis zum Knöchel reichen und vom Knie ab mit Riemen verschnürt werden, und die schönen Stiefel, die jeder Kälte trotzen!

Blitzauge hat sich der Höhle zugewandt. Da gibt es mehr Spaß. Die Dirnen dort haben alle Hände voll zu tun. Die Lemminge schleppen bereits Heu in ihre Baue, das sie abgebissen und an der Sonne getrocknet haben. Da dürfen die Mädchen nicht länger säumen, alles herzurichten. Die Höhle war bereits im Frühsommer von allem Unrate gesäubert. Jetzt ist sie nochmals mit Birkenbesen blitzblank gefegt. Da ist das Mannsbild im Wege. Hohjoheh, fort mit ihm! Springen muß Ohm Rotbart, um nicht mit dem Kehricht hinausgefegt zu werden. Und acht blaue Augen lachen in die seinigen, daß das Blut wie Speerlieder gegen sein Herz angeht.

Dann wird frisches Heu zur Lagerstätte aufgeschüttet. Abseits der Rückwand, damit es nicht feucht wird. Davor werden Steine gepackt, um das Lager vor Feuer zu schützen. Und die Steine wärmen sich an, wenn die Glut sie bestrahlt. Das ist des Urahnen wohligwarmer Platz. Vor den Eingang wird im Winter eine Renhaut gehängt, die nur oben soviel Luft läßt, daß der Rauch abziehen kann. Jetzt aber ist die Höhle den ganzen Sommer über gelüftet und hell. Alles kann man übersehen: die Feuerstelle und die Holzstöße vom Weidicht, die Torfklumpen, die fest gepackt sind. Und an der Rückseite, wo das Licht hinfällt, die heiligen Bilder. Urähne hat sie in sicheren Umrissen mit fester Hand in die Wand eingeritzt und mit geschabten Stücken von farbiger Erde bemalt. Oh, wie wunderschön ist der wütende Wisentbulle und das große Mammut mit den zottigen Haaren und den mächtigen Zähnen! Den langen Rüssel schwingt es so wütend wie der Bulle, der den Ohm Blitzauge niederreißen wollte. Aber erreicht hat er ihn nicht. Ohm Blitzauge hat ihn unterlaufen und mit einem glühenden Pfahle geblendet. Dann haben alle Männer der Horde große Steine herbeigeschleppt und ihm den Dickschädel zerschmettert. Wenn Urähne ein Wild im Bildzauber festgehalten hat, dann ist es verloren: seine Seele gehört dann der Horde!

Blitzauge lagert sich und nimmt ein Schnitzstück zur Hand. Die Rede der Mädchen gefällt ihm wohl, und mit hurtigem Griffe hascht er nach dem Fuße der lustigsten. Aber aufkreischend entspringt sie ihm, und wie ein Füllen schlägt sie hinten aus, ihm gerade auf die Nase.

»Oho! Unholder, soll ich Amma rufen, die Strenge?«

Abwehrend wischt der Gescholtene sich die Nase, und lachend blickt er den kichernd davonhüpfenden Schmaldirnlein nach. Dann aber wird er nachdenklich und schüttelt sich: pfoi! Neben ihn hat sich Ulf gelagert, die Schnauze auf des Herrn Knie gelegt. Blitzauge spielt ein Stück auf seiner Rohrflöte und betrachtet das Zauberstück aus Rengeweih. Bald wird es fertig sein: auf einer Seite der große Bärenkopf, auf der anderen der des Renhirsches von vierzig Enden, der so oft schon des Jägers Speere entkommen ist!

Nur Geduld! Bald werden wir uns treffen, Auge in Auge, johodihoh!

Die Mädchen suchen ihr Gerät zusammen. Jetzt, da sie den Ohm an der Arbeit sehen, stört keine ihn. Sie wissen, daß er allein sein will, wenn er das feine Steinmesser führt. Vor sich hin redet er dann Worte, die wie Speerschlag und Tänze klingen, und er mag nicht, daß man sie hört. Und oft steht er, streicht Abendtau auf seine Augenlider und schaut stundenlang zum schwarzen Neumonde hinauf. Dann kehrt er schweigend zu seiner Schnitzerei zurück und seufzt und lacht immer durcheinander.

Aber im Kampfe, da ist er kalt und rasch entschlossen. Keiner schmälert Ohm Blitzauges Kriegerruhm.

Die meisten von den wollköpfigen, haarbrüstigen Braunen, die vordem diese Höhle und dies Land bewohnten und die so schöne Feuersteine zusammengeholt hatten, sind von seiner Hand gefallen. Im Männerkampfe verschmäht er den Speer und den Pfeil der Knaben. Mit Malmer, dem wuchtigen Hammer, zerschmettert er alle Schädel.

Das meiste von dem großen Hordenschmucke, der dort in dem Höhlenschreine hinter einem Stück Mammuthaut verborgen ist, hat Blitzauge erbeutet. Die funkelnden Bergkristalle und den goldigen Bernstein, die blaßblauen und die rotgeäderten Edelsteine und die Speerspitzen, Äxte und Schaber – oh, nicht satt kann man sich an dem Schatze sehn!

Aber jetzt müssen die Mädchen den Ohm doch stören. Hurtig sputen sie sich, denn der Abend zieht herab, und dann treten die grimmen Bären aus ihren Höhlen aus. Sorgfältig werden die tagsüber in der Sonne getrockneten Renhäute auf das frischgeschüttete Heu gebreitet. Dann kehren alle zu den Zelten zurück.

Hinter dem Gletscher verglüht schon der Abend. Und feurige Himmelsschlangen züngeln um die Eistürme.

»Der Mond ist heute wie ein Hirschgeweih. Zwölf müssen vergehn, dann schließt sich der Ring vom Monde der weißen Blumen und Nebelmonde und wieder Blumenmonde.« –

»Aber die Goldbögen des Mondes gleichen Zähnen!« –

»Wartet nur, bald steht der Goldgehörnte wieder auf! Nur drei Tage wartet, dann verjagt er den schlafenden Schwarzdrachen!« –

»Ja, und der muß dann alles, was er verschluckt hat, wieder hergeben, und Vollmond steht wieder und lacht!« –

»Großmutter weiß noch mehr! Sie sagt, der Mond führe die Toten ins Reich des Schweigens!« –

»Und die Blitze schleudert er, die zischenden Schlangen!« –

»In den heiligen Mittsommernächten bringen sie das himmlische Feuer!« –

»Wenn's einschlägt, muß jeder eilen, einen Spahn anstecken und zur Herdstelle tragen!«

»Ach, wäre kein Feuer, brauchte man keine Zelte!« –

»Aber Zelte sind doch gut!« –

»Ohne Feuer müßten die Kinder an der Mutterbrust bleiben, bis sie alles blutig beißen. Jetzt können sie Suppe trinken!« –

»Und Kochfleisch essen und Pflanzenmus, ei!« –

»Feuer gebt jedem, der bittet. Das ist heiliger Brauch!« –

»Großmutter quirlt es mit dem Hartbohrer in weichem Holze!« –

»Das hat sie noch von den Braunen!« –

»Ohm Blitzauge lacht dazu, er schlägt Stein auf Stein und legt Zunder von Bleichmoos dran!« –

»Sein Auge blitzt, wie der Funke; oh, er ist klug!« –

»Sein Weistum stammt ihm vom Monde!« –

»Er sah Mondes Wechsel und Wege!« –

»Von ewiger Wanderschaft weiß er Geheimes!« –

»Der Schwarzmond hat den goldenen Bruder erschlagen!« –

»Nun ist er unstät und flüchtig in Ewigkeit!« –

»Landfremd und friedlos wie der Wolf auf der Heide!« –

»Schweigt! Fürchtet die Toten!« –

»Und den Mond!« – –

So raunen die Mädchen während der Heimkehr, und langsam ist Blitzauge ihnen gefolgt. Er spielt ein Lied zum Monde hinauf, so weich, daß sein Leben zu einem Hauche wird und mit dem Abende fließt. Dann aber wieder singt er wilde Worte, die rauschen wie der Sturm, der vom Gletscher herabtost. Nicht achtet er der ringsum erwachenden Gefahr. Gern mißt er sich mit dem auf Raub austretenden Bären. Aber Braun meidet des Jägers Witterung. Und Blitzauge blickt gern im Zwielichte auf die Wolken und Gletschergluten. Auf die gewaltigen Massen von Bergeis, die der Frostriese über die Ströme des toten Feuerdrachen hinabwälzt, auf die unvergängliche Spur, mit der er seinen Siegesweg über das unterdrückte Land zeichnet. Nur an seinen Rändern noch duldet der Gletscher die Moossteppe. Und kaum Mannshand breit kann die Sonnenwärme in das Eismoor eindringen. Dennoch duftet der Heumond von würzigen Schellbeeren. Und aus dem Moose lachen die Bündel roter Bitterbeeren heraus und die weißen Moosbeeren mit den tiefroten Backen.

Horch! Aus der Ferne vom Eismoore her schallt langgezogenes Heulen: Huoh – ooh – ah!

Ist es die Wölfin vom Irrlichtsumpfe? Fast klingt es so! Aber nein, dort kommt Antwort vom Torffeuer her: Huau, huau! Varg war es, der rief! Und Unheil dort!

In schnellen Sätzen eilt Blitzauge zu den Zelten. Malmer ergreift er und den Doppeldolch von Hirschgeweih. Dann eilt er dem Rufe nach. Die andern hinter ihm her, alle die noch daheim waren. Jetzt haben sie Blitzauge eingeholt, denn er blieb stehen und schaute nach dem Monde. Aufstöhnend stieß er die Worte heraus: »Unheil bringst du. Schwarzer, dem Jäger!«

Am Natterloche ist's, wo das Unheil geschah. Vor der Höhle der Tropfen hat Mack, der Sohn des alten Varg, den Hauptbären gespeert. Aber der Bär hat ihn niedergeschlagen. Nun liegt er auf dem Angreifer und zerknackt ihm die Knochen.

Wie ein Wirbelwind ist Blitzauge heran und Ulf um den Bären herum. Hinten beißt der Grimme sich ein, der halb Wolf, halb Zeltrüde ist. Auf brüllt der Bär. Aber Ulf hält fest, und Blitzauges Dolchstoß trifft gut. Da richtet der Gewaltige sich auf. Doch ehe er hochkommt, sitzt ihm der Doppeldolch tief in der Brust. Stöhnend, knurrend, brüllend beißt der Bär nach der Waffe. Und treibt damit nur das spitze Oberende sich in die Kehle.

»Eyo heilo joho!« brüllt Blitzauge. Und sein Malmer saust krackend auf den Bären nieder, daß der Dolch die Zunge an den Gaumen nagelt und der Schädel wie Jungeis zerbricht.

Wie verhallender Donner grollt das Gebrüll, mit dem des Bären Leben verröchelt. Blitzauge aber hält ihm das Schnitzstück vor und taucht das Bild in den Purpurquell, der vom Verendenden niederrieselt. Und dann blickt er zum Monde auf. Und leise murmelt er: »Eyo heilo joho!«

Still treten die anderen heran. Sie falten die Hände und bitten den toten Alten von der Höhle der Tropfen, daß er ihnen vergeben möge. Dann aber, hurtig, geht es ans Aufschärfen. Ulf kriegt seinen Rüdebissen, den er mit halb verkniffenen Lichtern schmatzend kaut, und dann den schwarzen Schweiß von der Leber, in die Macks Speer gefahren war.

Vom Lager her kommen schon die Weiber gelaufen. Sie bringen Irdentöpfe und Holzkannen, um den Schweiß zu bergen und zu quirlen zum köstlichen Opfertranke.

Schnell ist der Bär zerwirkt. Da endlich kommt Amma, um Mack zu verbinden. Lachend rückt sie ihm die Kopfhaut zurecht, die Musch, der wilde von der Höhle der Tropfen, ihm halb abgestreift hat, und streicht kühlendes Renfeist darauf mit Heilkraut vermischt. Mit Weidenbast und Birkenruten umwickelt sie den Arm. Dann lacht sie wieder und reicht dem Stöhnenden Labsal vom schäumenden Bluttrunke.

Auf Varg, den Vater, gestützt, wankt der junge Jäger mit den anderen heim zu den Zelten.

Dort werden die Röhrenknochen des Bären mit dem Reißzahne und Unterkiefer seines Vorgängers zerschlagen, und als Wonnemahl der Helden kreist das warme Mark.

Dann hebt der Bärentanz an mit Gebrumm und putzigen Sprüngen um den alten Varg herum, der in der Decke des Erlegten den Geist des Alten von der Höhle der Tropfen spielt.

Und über die lohenden Feuer springen Hand in Hand die Mädchen, hinter ihnen drein in Tanzmasken die Burschen. Zu Ehren dem Sieger, heilo joho! Zu Ehren der Jagd; Ulf, hoh, Rüd, ho! Zu Ehren ihrem Gotte, dem Monde, der die Blitze wirft – – –

Da tritt Blitzauge unter sie und heischt Schweigen:

»Der Mond ist tot! Gestraft ward Macks tumbe Meintat! Ruhn sollen Hammer und Speer in den Dreinächten! Unheil bringt Schwarzmond dem Jäger!«

Flugs verlöschen die Feuer. Einer winkt den Tänzern. Und der Lärm verstummt. – – –

Drüben am Rande des Eises wogt der Wald der wandernden Rener. Mit drei guten Beihirschen folgt dem Rudel der starke Vierzigender. Schlotternden Schrittes, mit hängendem Halse und knickenden, knisternden Fesseln zieht der Reichgekrönte dahin, kümmerlich anzuschaun, wie das eintönige Moor der trostlosen Eissteppe.

Aber seht: was war das? Auf lauscht der Hirsch, auf lauschen die Tiere, nun Bilder voller Kraft und sprühenden Lebens. Vorn ist das Leittier eingebrochen, und zwei, drei, vier Stücke neben ihm versuchen vergebens, aus dem federnden Knüppelgeflechte herauszukommen. Mit blökendgrunzendem Schrecken hat die Alte das Rudel gewarnt.

Da heult es hinter ihm auf: wauuu – huuh! Diesmal ist es kein Täuschruf. Die Alte ist's, die Dürre, die Schreckliche vom Irrlichtsumpfe. Und von rechts her antwortet der Altwolf: wuuhuuh – ooahoaah! Da ist kein Halten mehr im Rudel, vorwärts bricht es, Hals über Kopf, in die Gruben hinein, die schrecklichen, die mit Reisig und Moos überdeckt sind und kein Stück mehr herausgeben, das mit den Läufen zwischen die federnden Stangen gerät.

Und von allen Seiten hecheln und eilen die Wölfe herbei zur wilden Metzelei.

Nur der starke Hirsch mit einigen Stücken, die er mit sich fortgerissen hat, ist seitwärts entkommen. Durch den Schnee am Rande des Eisfeldes stieben sie in hohen steilen Sätzen dahin, zumeist mit allen vieren in der Luft; hochauf trägt der Alte das vom schweren Geweih gekrönte Haupt und hochauf den langen Wedel. Wie Tanzklappern schellen die Oberrücken und Schalen durch die Nacht, und über Stein und Gletscherschutt fliegt das Rudel dahin. Über weiches Moos vorwärts fort; die weitstehenden Schalen helfen dazu gut. Eine glatte Fläche kommt. Auf die Keulen setzt sich das Wild, und mit vorgestreckten Läufen saust es in windschneller Schlittenfahrt über das Gletschereis dahin.

Hinter ihm blieb das Heulen des letzten Wolfes zurück, wie Knistern des Schilfes, das der Wind verweht. Weit, weit, meilenweit geht seine Fahrt.

Wenn der Morgen heraufzieht, wird der Wald der Rengeweihe verschwunden sein am Gletscher über den Zelten der Horde. – –

Um das still gewordene Lager der Schläfer hin eilen mit den Wolken die Nebelschatten, die um den Tod des Mondes klagen.

Wie schwere Bürde trägt der müde Wind den Rauch vom schwelenden Lagerfeuer über das feuchte Moor. Aber die Mücken auf dem Sumpfe erheben sich über den Rauch und steigen in Säulen auf. Und ein Sang kommt von ihnen, langsam wie eine Last von Weh und Tränen. Die ganze lange diesige Nacht biesen und jauchzen und singen sie über der Spur, die zur Stätte führt, wo Musch fiel, der Riese aus der Höhle der Tropfen.

Betäubend steigt aus Porste und Sumpfbeeren der schwüle Rauschduft auf.

Sterbensmüde schleppt der finstere Rauch sich weiter über das unkende Moor.

Und mit den Schatten und den Irrlichtern über dem dunklen Grunde sind drei wilde Schreie der Ewigkeit: das Brüllen unsichtbarer Gefangener aus einer Finsternis, die kein Licht mehr gebiert; der Grimm des Ekels auf den Höhen und das Weinen der Sehnsucht im Winde.

Als Blitzauge, der wilde Rotbart, nach der Nacht des Verrates den Schrei des Windes an den Weiden vernahm, war der Ekel am Niedrigen in ihm. Und er wandert seitdem unstet und flüchtig durch die Nacht, aus der kein Tag mehr geboren wird. Nur wo er einen trifft, dem gleich ihm zwischen den Blauaugen auf weißer Stirn das Mal des Einsamen flammt, da ist Stolz der Höhe bei ihm und das Glück vom alten Jägerparadiese.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.