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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Avalun

»Yoh heily ayo!

Mein Leben entflieht,
doch herrlich und groß war der Tag!
Nie sang mein Schwert ein süßeres Lied,
als da Olaf Lacher erlag!

Und gut war das Lied, das die Sturzwoge sang,
von Lochlins Norwegens. Heldenblut rot!
Ay aheily joheh,
euer Wurfhammer sprang
auf die Schädel mit Donnerschlagsnot!

Kear-mor mit der Harfe, nun singe mir du
meine Wegelied für Avalun!
Ihr anderen rüstet mein Königsboot zu
für die lohende Todesfahrt nun! – –

Kear-mor, wo liegt Avalun, dein Land?
Sprich es aus, sprich es aus, Kear-mor!« –
Der Barde rührt nicht Lippe noch Hand,
starrt schweigend auf Nebel und Moor.

»Ist's Eyrin, der Tränen und Hoffnungen Land,
der Regen und Sonnbögen Reich?
Ist's Manainn Manainn, die Insel des Manannan, des Gottes der Wasser, des Sohnes Eyrs; die heilige Insel, heute Man.? Ist es Heklabergs Strand,
wo die Nebel lagern so bleich?«

»Nicht ist es Eyrin, noch der feurige Thron
des Eislands in nordischer See;
allem Forschen der Lebenden bietet Hohn
der Zauber der Morgenrotfee!«

Der König stöhnt. »Avalun, Avalun!
Deiner goldenen Äpfel Hain
und der Seligen Saal, wo find ich sie nun
bei des Mondes heiligem Schein?«

Der Nachtwind rauscht von dem Speermoore her,
wo die Feinde erschlagen ruhn.
Weiß segelt der Mond durch das Wolkenmeer.
Und der Sterbende fragt: Avalun?

Kear-mor der Harfner rührt voll und weich
seiner Schwalbe erbebendes Gold
und singt von der Mütter verschüttetem Reich
und der Sehnsucht Saelde und Sold.

Und der König: »Aber die Heldenschaft
meiner Ahnen, treff ich die nun?« –
»Nur reine Hand und Herzenskraft
erschließen das Land Avalun!«

»Meine Hand, oft troff sie von Feindesblut!« –
»Zu Orklands und Zetlands Ehr!
Dein Heldentum leuchtet in Abendglut
über Lochlins und Albainns Schottlands. Meer!«

»Und findet zur Heimat die Seele nun,
der Tausende fallend geflucht?«
»Der weilt schon im Herzen von Avalun,
der es herzlich in Sehnsucht sucht!

Richt ihn auf, richt ihn auf deinen Königssinn,
und im Tode voran, voran!
Dein Heldentum bleibt deines Sterbens Gewinn
im Gedenken von Mann zu Mann!«

König Arthan, gestützt auf des Schildes Erz,
verhaucht seinen Atem. Und nun
unter Heldenwonne und Todesschmerz
jauchzt sein Gruß: »Avalun, Avalun!«

.

Kear-mor mit der goldenen Schwalbe im Arm,
wie ist dein Blick umflort,
dein Herze, dein müdes Herze voll Harm
wie Nebelnacht
und Gram,
der vom Moore des Elends kam,
Kear-mor zu dir
in die Felsen-Einsamkeit
halber Ewigkeit
voll Kummer und Not!
Wehe Kear-mors Harfengold!
Ach, die einsame Träne rollt
seit Arthans, des Helden, Tod!
Seit im heiligen Boot
in des toten Mondes Nacht
in Wehr und Flammenpracht
er fuhr aufs Meer gen Avalun –
wie hat sich nun,
Kear-mor, dein Blick umflort!

Weh deiner Harfe: in mancher Schlacht
ging der Sieg verloren, der Orkneys Ruhm,
der Glanz von Zetlands Heldentum
an den Wiking vom Sognefjord,
Kear-mor, harfender Held!
Und die Träne, die Träne fällt
um deines Landes Leid,
wie der Nebel tropft vom moosigen Steine der Macht
ewig bei Tag und Nacht
ins Meer der Ewigkeit!

Nur eins noch blieb
nach dem Morde von Ruhm und Lieb,
Kear-mor, deiner Harfe und des säuselnden Windes Klang:
beim Mondesschein
die Sehnsucht allein
nach der goldenen Äpfel Hain,
wo Arthan und seine Helden ruhn
in Avalun!

Doch ach
wenn Kear-mors Schmerz die goldne Harfe rührt,
jach
wie Sturmespfiff ums Klippenriff
und Möwenschrei
über tosende Flut
eilt der Haß herbei
und des knirschenden Ingrimmes Wut.
Und die Saite klirrend springt,
wenn Kear-mor zürnend singt
am Steine der Macht
in Nebelnacht
von Arthans Ruhm,
von Orklands Witwentum,
von besser nie geborenem,
einst für Avalun
erkorenem
und, ach
möwenjach
nun, ewig nun
ewig verlorenem
Heldentum!

.

Kear-mor, der Finstere, in Harnisch und Eisenwehr
träumend liegt er an Stromneß Felsenstrand,
sieht nicht der Spiegelpracht heiteres Blau,
nicht den Frieden der Vogelwelt
an der Klippen Band,
nicht das blitzende Spiel vom Sonnenstrahl
in der Stranddistel perlendem Morgentau
und der goldigen Ginsterblut.
Schaut auf den Strandschaum unverwandt
und das sanfte Spiel von kosenden Winden,
als hielt' er das eigene wilde Herz in der Hand
und lehrte es nun
überwinden.
O Avalun!

Kear-mors trotziges Herz ward greis,
seines Hauptes sturrige Locke weich und silberweiß.
Heimlich flüstert sein Lied nun und leis:
Oh,
Kear-mor, weltvergessener Barde du, wann und wo
finden, ach finden
wir Avalun?

Stille ringsum; die Sonne siegt.
Kein Erpel paakt, kein Tölpel fliegt.
Kein Möwenschrei über der glattblauen See,
rings in der Wildbrut herrscht Frieden.
Die Wellen schlafen, keine schäumt,
alles Erdenweh ist hinweggeträumt
vor dem wonnigen Hauche von Süden.

Kein Adler, kein Falke
greift Baßtölpel und Alke
oder die dummen
Trottellummen.
Draußen auf dem Meer
ringsumher
schlafen die Möwen. – Nur ein Schwan
ein silberweißer voll stolzer Ruh
zieht dem Strande zu
leise segelnd seine feierliche Bahn.

Kruthlodas Kruthloda, der keltische Siegvater. herrlicher edeler Sohn
bringst du Arthans verlorene Kron? –
Kear-mor, greiser Träumer, störe nicht das Lied,
das der Schwan dir als Botschaft singt!
Und hörst du nicht, wie aus jeder Saite
deiner träumenden Harfe mitschwingend erklingt
wie Selbstgeleite,
was durch die Seele des Morgens zieht?

Fernen Südlandes schmeichelnder Flötenton,
ungewohnt des Nordlands eisenklirrendem Sohn
und doch dem Waldbache gleich, der brausend herniedergeht,
der Libelle, die unter Lorbeerblüten und rotem Mohn
an dem Hügel toter Helden glitzernd steht.
Versunkene Mannrosse neben Marmorbildern,
darüber Lauben heißen Feuerweines verwildern.
Heldenlied, das gleich der Biene von Sage zu Sage schwärmt
und Sehnsucht, schluchzende Sehnsucht, die in Harfenklängen beim Mondenschein
sich um verlorene Heimat edler Helden härmt!

Aus seiner Ruhe da fährt Kear-mor hoch:
dies Lied voll grollender Sehnsucht kennt er doch!
Und dennoch nein! Nur ein Schattentraum
ist's! Von Kruthlodas Welteschenbaum
ein verlorenes, welkes, verwehtes Blatt!
Und doch und doch in strahlender Wehr
ein Held und Barde – wo kam er her,
dessen Botschaft das Lied des Schwanes bringt?

Und der Silberschwan auf dem blauen Wasser singt Siehe S. XI.
von dem Lande edler reiner Formenschönheit Lied auf Lied.
Von der Harfe Klang und preisendem Dichterwort,
von Adlers stolzem Flug und kreischender Dohlen Hohn,
von Sängertreu als festem Königshort
und von Sang und Tanzschritt als der Helden Ruhmeslohn.
Trunken flicht der Lenz sich Veilchen, flicht er gar
edler Rose Knospen in das Lockenhaar,
Lieder schallen zu der Flöte süßem Laut
und im goldnen Stirnreif steht des Heldenjünglings Braut.

Aber dann, aufsträubend das Gefieder
furcht der edle Wildschwan auf und nieder
seine Bahn und singt vom großen Leid
längst verklungener Zeit,
von der großen Sturmflut wildem Siege,
von des Nordens alter Völkerwiege,
die versunken in der großen Flut
und doch immer noch in alter Sage
lebt und ewig stellt die Sehnsuchtsfrage
nach der Menschheitskindheit Heldenglück.
Und der Schwan erhebt die bange Klage
um das wunderbare Land,
zu dem, ach, kein Pfad den Wandrer leitet,
und zu dessen meerbedecktem Riffe
noch kein Wagemut drang vor auf gutem Schiffe.
Und der Schwan weiß auch gar wohl, warum!
Weil des Nordens Windgott schreckhaft breitet
seinen Nebelmantel drüber her
und die grauenvolle steile Barre
starren Eises, drin des Lichtes blaue Flammen schreckhaft zucken,
sperrt die Zufuhr ab vom freien Meer!

Kear-mor, Finsterer in Harnisch und Eisenwehr,
was ergreift dich in des Schwanes Lied
zu Tränen und wildem Sehnen?
Auf ist Kear-mor da gesprungen,
und ein Schrei, den seine Harfe nie gekannt,
hat sich seiner alten Brust entrungen:

»O du, o du,
Kruthlodas Bote, herrlicher Schwan,
nun liegt zerrissen der letzte Wahn,
vor meinem Blicke die Helle!
Dank dir, o Dank, Gutgeselle!
Ja, bei des Donnerers rotem Bart,
nun soll mein Herze gesunden,
aus Nebelwogen der Irrefahrt
nun hab ich zum Hafen gefunden.
Nicht ziemt die Klage der Harfe Gold
um des Einzelnen Schicksal hienieden.
Um Länder und Meere der Würfel rollt,
über Völkerwohl wird entschieden!

Du Stromneßrock, dran sich die Woge bricht,
ihr Orklands Pfeiler im Meere,
auch ihr müßt fallen, wenn Kruthloda spricht
und über euch gähnet die Leere!

Doch der Leere
der Meere
entsteigst du Schwan,
und Herrliches weißt du zu melden:
wie gewaltig in Wehen die Erde auch kreist,
unterm Eise die Sudquellen gären,
die Gletscher Berge gebären
und das Feuer den Stein aus dem Berge treibt,
das Gewaltigste doch vom Gewaltigen bleibt
des Menschen wahrheitsdurstiger Geist
und der Schicksalstrotz eherner Helden!

Und du, o du,
versunkne Heimat, unsrer Väter Land,
du Land der Menschheitskindheit, dich hab ich gefunden
nun in des Schwanes Lied, und nimmermehr
laß ich dich nun!

O du, ja du
Land einstiger Pracht und blühender Herrlichkeit,
nun in Ewigkeit
bedeckt von der Wogen Nacht –
du, ja du
bist Avalun!« – –

Da ist auf dem Meere, dem glatten Meer,
ehe Kear-mor gedacht,
Kruthlodas Bote verschwunden.

.

Held Kear-mor schläft. Oder schläft er nicht?
Seine Lider sind fest geschlossen,
sein Antlitz im bleichen Mondeslicht
von Seligkeiten umflossen.
Die Schwalbe hält er im Arm, im Arm,
und sie klingt, wie in alten Zeiten,
leise erbebend in Wonne und Harm,
wenn der Wind streicht über die Saiten.

Der Wind, der kommt her von dem Elendsmoor,
drin die Eichenwälder in uralter Zeit
versunken
und die Blüte von Lochlin gefunden den Tod
an Arthans Tage der Speere.

Doch sanft und weich ist des Moores Gesang,
wenn es seufzet schmerzestrunken
in Grames süßer Lust
von ewigen Sterbens Not
und bang
im Mondlichte hebt seine Seele empor:

»In deinem Strahl, in deinem Schein –
oh, oh! –
muß ich dem Schicksale lauschen!
Die Eichen im versunkenen Hain,
die goldenen Birken am schwarzen Loh
immer noch höre ich rauschen.
Durch wallende Abendnebel zieht
wild und froh
der Riesenhirsche Röhren,
wehmutsvoll singen ihr Abendlied
die Wipfel der braunen Föhren.
Allein, allein bin ich nun
im baumlosen Witwenkleid!
Nur des Porstes Glut
und des Spätsommers Fädenglast
an verwelkter Heideblut
sind mein Geschmeid
und Trosteinsamkeit! –

Und du?
Du selbst, Strahlender in Avalun
im Lichtpalast,
was weckest du
meiner Unkenbrut
Stöhnen,
meines Herzens erstickte Glut
mit des Gottes mitleidslosem Höhnen?

Locke sie nicht,
aus meinem Grunde
dunkler Erinnerung
locke nicht
uhunk, uhnck! –
die schwarzen Gedanken empor!
Das Moor, das Moor
klagt um dich, taumelnder Tor,
und deine Schicksalsstunde!

Balde, ach balde, uhunk, uhnck,
wenn dein Tod vollbracht,
über dein stolzes Licht
siegen Finsternis und Nacht!
Dann wirst mit Leid du niederfahren –
ohuh, ooh, uhnck, unk!

Weh mir, dem Moor, dem dunklen Moor
um meines Wissens Qual!
Du in des Himmels Saal
dünke dich nicht als Überwinder ewig jung!
Dein Auferstehen auch hat ein Ende,
oh, ohuh, oh, uhunck, uhnck!
Du taumelnder Ball im Seligkeitsschimmer,
balde, balde kommst du zu Fall,
zum letzten Fall
für immer und nimmer!

Wenn diese Erde im Kreiselreigen
wird schwankend sich zur Seite neigen
in langem, langsamem Schwung –
ohuh, oh, uhnck! –
dann wirst du Blasser heruntersinken
wirst nimmer droben leuchten und scheinen,
nimmer lachen, nimmer weinen,
du taumelnder Tor!
Ruhen wirst du an meiner Seiten
im Meere und trinken
den kalten Tod! – –
Bis ich die Decke
langsam werde spreiten und breiten
über dich, damit niemand dich wecke
zu Hoffnung und Erinnerung.
Niemand mehr,
uhnck, ohuh, uhnck,
unter dem Moor, dem moosigen Moor!«

Also hat das Moor, das braune Moor gesungen
aus der Herzensnot von ewigschalem Leid.
Horch! Da rauscht das Meer; der Wind ist umgesprungen,
und er zieht aus Nordens Herrlichkeit.

Und die Woge schwillt dem Mond entgegen
und die Sehnsucht drängt empor zum Licht.
Und es singt und klingt auf ihren Wegen:
laß dem Leide deine Seele nicht!

Kear-mor, auf nach ewigen Heilsgeboten!
Siehe, auferstanden ist der Mond
schon am dritten Tage von den Toten,
hell zur Rechten er der Sonne thront!

Auf, hinauf zu Arthans Heldenhöhen;
Adlers Fittich kündet dir die Bahn!
Und es gibt ein ewiges Auferstehen
aus des dumpfen Zweifels Nacht und Wahn!

Silberschwäne, sieh, auf weißen Schwingen
tragen deine Seele sie empor,
die in Erdennacht und Herzensringen
ihren Heimatglauben nicht verlor!

Blicke auf! Schon öffnet sich die Pforte
zu der Sterne heiliger Tafelrund,
und du schaust an leidentrücktem Orte
alles Glaubens tiefsten Himmelsgrund!

Aus des Mondes heiliger Wolkenschale,
draus die Träume und die Tränen tau'n
auf der Erde Dürsten, aus dem Grale
trinkst du nun des Himmels Kraftvertraun.

Einen letzten Minnetrunk dem Leben,
das so köstlich war trotz allem Leid;
und du fühlst dich selbst dich überschweben
in dem Harfenspiel der Ewigkeit!

Auf hinauf! In Tiefen unermessen
unter dir liegt längst die Erde nun
und du schaust in seligem Vergessen
ewig nun den Gral in Avalun!

.

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