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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 31
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Die Nacht aller Jäger

In durchsichtiger Klarheit ist der heitere Tag des zweiten Nebelungs versunken. Ein stummes Frohlocken hebt an im Gewölke, das wogend des heraufziehenden Vollmondes harrt, und auf der See, die in flachen Wellen anrauscht gegen den Strand. Den ganzen Tag über hatte die Nehrung fernsichtig gedürstet, »gedärscht«, wie der Litauer in der Niederung drüben es nennt. Jetzt ragen die Sturzdünen vom Predin, Perwellberge, Walgun und Schwarzen Berge in geheimnisvoller Feierlichkeit bleich in die tiefe Nacht hinein.

Da hält es den alten Uhu im Erlenwalde von Wentaine nicht länger. In weichem Fluge gleitet er über das Röhricht und das dunkele Haff. Drüben um den Kamm des Bruchberges schwebt er dreimal im Kreise, dann schraubt er sich hinab und blockt auf dem Steine zu Häupten des Jägergrabes auf. Unbeweglich wie aus Erz gegossen sitzt er dort, die goldhellen Seher hinaus auf die langsam anrollende See gerichtet.

Unter ihm zur Linken flutet im Schaume der leichten Brandung des schlafenden Meermannes grünes Haar. Zuweilen heben aus der See sich bleiche Nebelgestalten auf, wallen und schweben, verwehen und versinken. Aber eine zieht heran, weit drüben vom Grunde vor Bornholm her, rüstig ausgreifend, als triebe der Westwind sie geradewegs an den Strand.

Leise lüpft der alte Uhu die Schwingen. Er ist's! In weit ausgreifendem Troll kommt er daher über das Meer, hellauf leuchten die weißen Läufe, und jetzt, da er den Strand betritt, blitzen im ersten fahlen Scheine des Mondes die hellen Enden seines Schaufelgeweihes. Langsam, bedächtig, sichernd, oft das Haupt gegen die Schlafstelle des Meermannes hin rückwärts wendend, zieht der tote Elch zum Dünenkamme empor. Dort, neben dem Grabe, schlägt er sich eine Grube aus und tut sich nieder.

»Schuuh-huh!« ruft der Alte vom Wentainer Niederwalde. Langsam und feierlich ruft er das wie Verkündigung in die Nacht hinaus über das Meer.

Dort blitzt und blinkert auf den Wellen der Schein des heraufziehenden Vollmondes, an dem gespenstische Wolkenschatten vorübereilen. Wie eine Heerschau grausiger Vorzeitriesen stößt und drängt das einander. Urelefanten schwingen die gewaltigen Rüssel, Wildhengste bäumen mit flatternden Mähnen und Schweifen sich gegeneinander auf, langhaarige Mammute und Nashörner trollen ihnen nach, breitmäulige Nilpferde schreiten schleppfüßig hinterdrein. Höhlenbären und Urstiere blicken drohend aus eilendem Gewölke heraus, und in gewaltigem Schwarme jagen Riesenwisente dahin, daß See und Himmel unter ihren Hufen erzittern. Hinter ihnen ziehn nackte braune Jäger auf, Kerle mit Flachköpfen, Wulstlippen und eckigen Kinnbacken, Gesicht, Brust und Arme tätowiert, und mit Steinhämmern sind sie bewehrt. In den wilden Augen leuchtet tückische Freude, denn sie führen Gefangene mit sich, die sie in den Grashütten der Nachbarstämme überfallen haben und nun zum Opfertode schleppen. Ihre Buben jubeln, denn sie dürfen sich an den Gefangenen im Steinschleudern üben. Und sie blicken mit Verachtung auf die nachfolgenden Jäger, die mit Steinpfeil und Bogen dem Wilde nachstellen, und schimpfen sie Aaslumpen und gemeine Reißzähne.

»Schuuh-huh!« ruft abermals der wissende alte Uhu.

Höher und höher steigt mählich der Mond herauf. Als er die Wolken durchbricht, senken sich die Schatten der Dünen. Und durch den Schlaf des Waldes zieht ein Seufzer seliger Sehnsucht. Unter moosigen Steinen rührt sich ein Aufwärtsdrang zum Lichte, in verschlossenen Gewölben sprengt er die Tore, und vom Grunde der See steigen längst Vergessene herauf, dem Segen verheißenden Lichte entgegen.

»Schuuhuh!« ruft der alte Uhu zum dritten Male. Und ein Jubel ist diesmal in seiner Stimme. Die Nacht aller Jäger bricht an.

Auch das Grab auf der Düne gehorcht dem Rufe der Stunde. Aus einer Decke von Eichenbrüchen, mit denen treue Liebe ihn überschüttet hatte, hebt ein Graubart sich empor. Langsam öffnet er die des Lichtes entwöhnten toten Augen. Dann setzt er sich auf die Wölbung des Grabes, den sehnenden hohlen Blick dem Monde entgegen richtend.

Wedelnd ist »Freya«, seine treue Schweißhündin, herangekrochen aus dem Hügel am Hange der Düne, wo man sie bestattet hatte, als sie auf dem Grabe des Herrn verendet war. Schmeichelnd legt sie den Kopf ihm aufs Knie und blickt in hoffendem Erwarten zu ihm auf.

Droben am Himmel braust wilder, immer wilder der Heerzug toter Jäger und toten Wildes aus allen Wäldern, allen Einöden der Erde dahin. Wütend stellt sich von Irlands Mooren das Rudel der Riesenhirsche vor der Meute hechelnder Wölfe. Das schwere Geweih vermag sie nicht vor den flink zuspringenden Frechlingen zu decken, und einer nach dem andern der Riesen fällt dem Reißzahne zum Opfer. Auf dem gesattelten Renhirsche folgt der Tunguse dem wolfsartigen Spürhunde über die tiefverschneite Tundra auf der Fährte des letzten Rudels wilder Rener. Hinter Löwenhunden jagen fröhliche Buren auf sehnigen Rossen mit schußbereiter Büchse dem Könige des Grasfeldes nach. Dem Wolfe der Kirgisensteppe erstarrt das Genick in wilder Flucht vor jauchzenden Reitern auf feurigen Rossen und flach am Boden her sausenden Winden. Mandaner-Indianer tanzen, wie einst am Platteflusse, den Büffeltanz, um die verschwundenen Herden zurückzuzaubern. Jeder trägt die Büffelmaske mit den Hörnern, daran den Rücken des Stieres mit dem Schwanze, der auf der Erde hinter dem Tanzenden nachschleppt. Jeder hält in der Hand seinen Lieblingsbogen, und ringsum stehen die Jünglinge auf Posten. Dort ist ein Tänzer ermüdet, er neigt sich vornüber. Ein anderer schießt mit stumpfem Pfeile nach ihm, wie ein Büffel stürzt der Getroffene zu Boden. Alle springen herzu, schleifen ihn aus dem Kreise, ziehen ihre Messer und ahmen das Zerwirken eines erlegten Büffels nach. Ein anderer tritt an die Stelle des Ermüdeten, und der Tanz geht weiter. Plötzlich aber herrscht Jubel, und alle werfen sich auf die Pferde; die ersehnte Herde ist erspäht! In wildem, unabsehbarem Schwalle wälzen sich dunkele Scharen zottiger Büffel unter dem Monde dahin, gefolgt von den jauchzenden Jägern. Bogensehnen schwirren, und im ganzen Stamme herrscht Dank für des Großen Geistes Gerechtigkeit und Güte.

Auf einem lahmenden Schimmel kommt ein Schwarzfuß-Indianer geritten, ein einsamer Greis, der Letzte seines wehrhaften Geschlechtes. Doch im Lichte des Mondes belebt sich des Rosses Kraft, und mit erhobenen Nüstern jagt es einem Lichtalben gleich in weitem Bogen dahin. Und in Roß und Reiter ist ein stummes Grüßen zu dem Toten am Grabe auf der Düne herüber.

Ernst und bedächtig folgt ein alter Trapper vom Walde der Mammutzedern am alten Jägerpfade, einer, der den Weichfüßen des Ostens flucht. Und dem Toten auf der Düne ist, als schluchze die See und rausche der Erlenwald ihm zu Füßen den alten Seufzer aller Jäger nach dem Lande verlorenen Heldentumes: Avalun!

Immer dichter staut und drängt sich das wallende Wogen unter dem hellen Monde. Aus den nebelnden Gestalten leuchten Dietrich heraus, der Held von Berne, und Hildebrand der Getreue, Siegfried von Niederland und Hagen, der finstere Jäger. Schnobernd hebt »Freya« die hohle Nase, als Tristan einherzieht, den Bracken am Leitseile führend. Grafen und Äbte, Kurfürsten und Erzbischöfe ziehn auf in höfischem Gepränge, und ihnen folgt mit der Armbrust Kaiser Max, der letzte Ritter. Dann wieder gespenstische Falkner vom Morgen- und Abendlande, in sausendem Wolkenritte, bleiche Gestalten, alle geschart um Friedrich den Staufen und seine Sarazenen. Polternd schimpft der alte ehrliche Hademar von Laber hinter schlechten Bogenschützen drein. Da braust Hackelbernd, der wilde Jagdgraf vom Harze, daher und heißt ihn aufsitzen, auf daß Hiff und Jaff der Meute und Hornes süße Töne sein altes Jägerherz ergötzen. Wie zornig geballtes Gewölk stiebt mit ihm das Wildgejaid dahin. Doch noch ehe es sich verloren hat, zieht ein anderer herauf, Pfalzgraf Hugubert von Aquitanien, Enkel des Königs von Toulouse, der ein Wildgraf gewesen ist, wie Hackelbernd, bis im düsteren Ardennenwalde von Chiny die gottvergessende Jagdlust hinter der läutenden Meute ihn den hochgeweihten Hirsch in das schaurige Tal verfolgen ließ, in dem ihm zwischen den Geweihstangen seines Opfers das Bild des Gekreuzigten erschien und eine Stimme von oben ihm zurief, in sich zu gehn. Vor ihm, der als reuiger Bischof von Maastrich und Lüttich gestorben und heilig gesprochen ist, zieht in feierlicher Prozession, das Miserere singend, eine Schar frommer Mönche. Aber hinter ihm, dem himmlischen Fürsprecher der sündigen grünen Gilde, drängen und bäumen sich geisternde Rosse unabsehbarer, unzählbarer roter Felder: Damen und Herren in roten Fracks hinter Pikören mit buntscheckigen Meuten; in Puderperücken und Dreispitz grinsend die einen, in steifen Seidenhüten die anderen, in allen, allen aber die jauchzende Lust am frohen Gejaide auf herbstlich brauner Heide. » Vive le Roi et ses chasssurs!« die einen. Die anderen mit knöchernen Fingern den Handschuh schüttelnd: »Es lebe das Leben!«

Vor seinem Wolkenschimmel läßt der Heilige sie vorüber, und seine Mönche ziehn in langgestrecktem Nebelschweife hinterdrein. Auch das Bild des Hubertus verblaßt mählich, und der Mond verfinstert sich, als Schar auf Schar unter ihm dahinjagt: Prunkjagden fürstlicher Schwächlinge, fuchsprellende Mätressen, des Sonnenkönigs Gelichter aus den Hirschparks unter dem Jubel: le Roi s'amuse!

Nur in matten Umrissen noch steht das Lichtbild des Jägerpatrones über dem Meere. Und nur einmal noch flammt es auf, als Andreas Hofer und Speckbachers Jäger vom Neunerjahre heraufziehen, nach ihnen schwarze Scharen, den Tschako schwingend, und ein Feierklang todgeweihter Begeisterung die Jäger von Altenzaun und die Lützowschen mit dem Freiheitssänger in ihrer Mitte begrüßt: die wilde Jagd und die deutsche Jagd auf Henkersblut und Tyrannen! Aber immer mehr drängen nach, mit blutigem Eichenbruche geschmückt: die von Trautenau, Königgrätz, Hühnerwasser, Lipa, die von Colombey-Nouilly, die Bayern von Weißenburg, Fröschweiler, Beaumont, Bazeilles und Loigny. Kurasch, Kamerad, Kurasch! Potz Bomben und Granaten! Und die von Plessis-Picquet und Chatillon. Dulliähidihüh! Dulliöh! Ein Jubel ohnegleichen lebt in ihrem Schwalle. Ihnen antworten Radetzkys edelweißgeschmückte Kaiserjäger, die tiroler Draufgänger von Novara, Custozza und Solferino, die Feldjäger von Aspern, Wagram, Dresden und Mortara, die zähen Helden vom Predil und Malborghet! Tausende folgen auch aus dem Weltkriege, durch deren Reihen es jubelt: »Und von Enkel zu Enkel sei's nachgesagt!« Die mit dem blutigen Edelweiß aus den Opferschluchten des Karst, die Erstürmer des Lowcen und die Standschützen vom heiligen Land Tirol! Die bayrischen Kraxeler und die aus Yorks und Lützows Geiste! Von den Graten Serbiens und Mazedoniens huben sie sich auf und vom Geschröffe der Siebenbürger Alpen, aus der Hölle von Loretto und Arras, aus dem Dunkel der Argonnen und vom zermörserten Hartmannsweilerkopfe: Herr Kaiser, deine Jäger!

Sie ziehn vorüber. Und tiefe Schatten wogen hinter ihnen. Pöbelmassen knallen das Wild zusammen in blutiger Schlächterei. Als die Wildbahnen sich wieder erholen, herrscht auf Erden die goldene Kugel. Und die noch festhalten an der Lust der wilden Freiheit, treibt der alte Sturm der Leidenschaft hinaus über Länder und Meere, bis die letzte Einsamkeit in Urwald und Steppe des alten, alten Fluches inne wird, den schon der Eiszeitjäger im Anblick des ewigen Mondwechsels erfahren hat: unstät und flüchtig in Ewigkeit!

O du unbezähmbare wilde Sehnsucht des Jägerherzens, du bittersüße Peinigerin! Untilgbare Erbschaft hoher Ahnen, tosender Drang des Frühlingssturmes, wildgewaltige Wanderschaft des blätterfegenden Herbstwindes, was soll euer atemversetzendes Mahnen?

Bebend drängt die Hündin sich an den Herrn heran, und von Westen her lockt es in der Luft wie verzitternde Fanfaren.

Da steht bleich wie Silberglanz auf weißem Nebelgrunde das Bild des Heiligen vor dem Toten auf der Düne. Und wie ferner Orgelklang legt sich ein Tonbild über das Meer, aus dem sanft und feierlich des Büßers Stimme heraustritt:

Was müht sich dein Herze im Weh der Welt,
des Schicksales Schluß zu ergründen?
In der Nacht, die den Toren ist freigestellt,
laß ab von Sehnsucht und Sünden!

Mag prunken der Herbst auch in farbigem Schwall,
er wird mit der Erde verblühen!
Vom Eise umspannt ist der taumelnde Ball,
im Eistode wird er verglühen!

Bittend mit beschwörender Hand hat der Heilige gesprochen. Jetzt verblaßt sein Bild im Gewölke, das vom Haffe her aufzieht. Wie eine dicke Wand hat es dort bereits seit einer Stunde gestanden, wie allemal, wenn die Nehrung tagsüber gedürstet hat. Jetzt jagt es mit Eis und Schlossen herauf, den Mond verfinsternd, und geht dann in schwere Regenböen über. Rüdelaut, Jauchzen und Jubel: die wilde Jagd stürmt aus weiter Ferne zurück, alles mit sich fortreißend im wetternden Sturme. Als sie über das Grab auf der Düne hinbraust, fährt ein Blitz in die See, daß der Meermann brüllend und flossenklatschend vor Lust sich überpurzelt, und ein Donner folgt dem Schlage, als ob am jüngsten Tage die Grundfesten der Welt geborsten seien. Aus der Lohe der Blitze reitet Graf Hackelberndt heraus, der wilde Jäger, im Blicke düstere Zaubergewalt. Und wie Speerschlag auf dröhnenden Schild klingt sein Lied durch den Wettergraus:

Kehr heim, Huberte, zur Klosterzucht
und mich laß von Weidlust jetzt melden!
Wohl: hoch steht dein Lied von der Lebensflucht,
doch höher das Trutzlied der Helden!

Und ob einst in Eise und Nebeltod
der wonnige Wald mag versinken,
laßt noch aus Nornenneide und Not
Thors trotzige Trostkraft uns trinken!

Solang wir noch spüren in Grabes Haft
der Jägernacht drangvolles Dehnen:
willkommen du ew'ger Erlösersaft,
du seliges Sickern und Sehnen!

Willkommen du brausende Sturmgewalt
des Lenzes in grünenden Zweigen,
von der uns raunet der Rauschewald
im Grabe mit Flüstern und Neigen!

Muß dann auch am Ende die Erde vergehn
mit all ihren Schmerzen und Wonnen,
so wird sie schöner und größer erstehn
aus Urkraft von siegenden Sonnen.

Und läßt sich nicht wenden, was düstergroß
der Nornen Verheißungen melden,
so läßt sich doch adeln das letzte Los
durch ehernen Hochsinn der Helden!

Mit Ehrfurcht und stillem Frohlocken in staunenden Augen hat der Tote dem Liede des Wildgrafen gelauscht. Der Meermann liegt regungslos, atemlos auf flacher Welle. Der Sturm ist gebrochen, und eisige Kühle ist ihm gefolgt, in der das Rund des Mondes von goldigem Hofe umgeben erstrahlt. Schon neigt sich seine Bahn dem Meere zu, aus dem die Nebel ihm entgegensteigen.

Doch unter ihm hebt ein Gewölk sich auf wie Geschröff im Hochgebirge. Und weiß wie Firnenschnee leuchten seine Gipfel. Dort steht, vom Strahl des Mondes beschienen, der weiße Gamsbock mit den goldenen Krücken, der gefeite Hüter von Huldas Reiche.

Langsam steigen die Nebel auch zu ihm empor, um schließlich ihn zu überschweben. Engelgleich zarte Gestalten wallen herauf, in spinnwebfeinen Kleidern von Silberzindel, die Saligen Fräulein.

Und wieder ist auf der See das Licht aus ungewissen Sternen und das feine Flötenspiel, das vom Monde her tönt zu den Gamsschützerinnen.

Als eine von ihnen den Toten auf der Düne fröhlich grüßt, rückt der Elch aus seiner Grube heraus dicht an ihn heran und schmiegt das zottige Haupt an seine Seite, die linke Geweihschaufel auf seinen Schoß neben Freyas Kopf gelegt. Und des Toten knöcherne Hand streichelt liebkosend den alten Urhirsch.

Sieh, da ziehn drüben neben dem weißen Gams andere herauf, die der Tote nur zu genau kennt, weil er ihnen ebenso wie jenem vergeblich nachgestellt hat und eben darum vor allem erbeuteten Wilde sie in Erinnerung hält: der alte Zwanzigender von den sieben Bergen im Barbacariwalde der Karpathen, der starke Eingänger-Büffel aus dem Röhricht des Flußtales von Chutu, der Mannfresser-Löwe von Kawewa, der Graue Bär vom Hamlockfichtengrunde. Alle kauern sie sich nieder zu der Saligen Füßen.

Und wieder andere, Schar auf Schar in endlos scheinender Menge, folgen: schlanke Gazellen und schwere Elen-Antilopen, flüchtige Strauße. Und ein Zentaurenzug von Pferden mit lang wehenden Roßschweifen, aber dicknackigen Ochsenköpfen und weißen Bärten, Gnus, wechselt schweifwedelnd heran, Zebras und Giraffen folgen in langen, unabsehbaren Reihen, Büffel mit wuchtigen Gehörnen dazu, Nashörner und Flußpferde, Löwen und Leoparden, und mit gewaltigen Stoßzähnen bewehrte Elefanten. Doch alle diese wie durchsichtige Gallert, gespenstisch wesenlos und bleich und doch wie eine stille Verheißung.

In das tote Herz des Jägers auf der Düne tragen sie seltsame Ahnung und frohes Hoffen. Und wie aus langem Traume erwachend, erkennt er das Geheimnis dieser Züge von Millionen und Abermillionen ungeborenen Wildes, die Verheißung unverlöschlicher Weidlust und unzerstörbarer Heldenart. Und des eigenen Lebens und weithin reichenden schützenden Wirkens schönsten Gewinn!

Der bleibt!

Ist den Gamsschützerinnen ein schöneres Los beschieden?

Und noch ein Anderes bleibt ihm zu dauerndem Gewinne: die Umwertung des kindischen Größenwahnes, der den Menschen als alleiniges Ziel der Schöpfung betrachtete!

Die Lösung des bittersten Rätsels der Sphinx!

Kehr heim zu deinem Frieden, Alterchen, du darfst ruhig schlafen! Hast auf Jahrhunderte hinaus gedacht, geschafft, gerungen: in kommenden Rudeln wehrhaften Wildes den Trost seelischer Steigerungsmöglichkeiten gerettet für kommende deutsche Geschlechter!

Da kuschelt sich links an den Toten seine Freya, rechts der alte Elch an ihn an, als wollten beide fragen: nicht wahr, uns hast du doch lieber als alle Büffel, Wassersauen und Rüsseltrompeter zusammengenommen?

Noch einmal, als schon im ersten Dämmern des heraufziehenden Morgens die Sterne abdunkeln und der Mond erbleicht, hebt sich in verblaßtem Bilde der weiße Gamsbock empor als Bote und Herold der schönen Huldinnen des verschimmernden Hochgebirges.

Und drei weiche, eine Hölle voll Aufruhr in sich bergende und doch unsagbar schmerzlich beseligende Stimmen rufen dem Toten das Abschiedswort der Ewigkeit zu! –

 

Da fallen die Nebel, und die Sonne siegt. Auf der Spur der entschwebten Saligen ist das Morgenrot entglommen. In seinem Frühglanze blitzen an Gras und Stranddisteln auf den Dünen Millionen Tropfen als Rest des wilden Wetters dieser Nacht. Fröhlich zieht ringsum der herbfrische junge Morgen herauf. Hornrufe grüßen das Leben. Rosse wiehern. Rüdelaut erschallt. Im Walde und auf der Heide bricht heiter der Tag aller Jäger an. Hallo, zum fröhlichen Jagen! Aus der Ferne klingt ihr jubelndes Lied:

Frischauf, die ihr atmet im sonnigen Licht,
frischauf nun zu Holze gezogen!
Wem heut aus den Augen kein Jägerblut spricht,
der ist um sein Erbe betrogen!

Dem schenke Uhls Küster die Ofenruh
mit Grübeln und Selbstkasteien –
wir jagen und jauchzen dem Heile zu
im Väterbrauche der Freien!

Das Weidwerk geliebt und die Schönheit geküßt
und der Freundschaft das Herz gegeben
und sterben, vom Schlachtendonner gegrüßt,
fürs Vaterland: hussa, das Leben!

Auch auf das einsame Grab auf der Düne legt sich der warme Sonnenschein mit zärtlicher Inbrunst. Er weckt die Marienfäden, die durchnäßt am Strandhafer haften, zu neuer fröhlicher Fahrt ins Weite. Juchhei, lustig hinaus, ins Land Nimmernot, Land Nirgendwo!

Und wie heimliches Klingen einer gläsernen Glocke umzittert den Grabhügel das Letztwort der Saligen Fräulein:

Deine Sehnsucht war Dein Avalun!

 

*

 

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