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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 30
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Der weiße Auerhahn

Keine Sage erhebt seine Lichtgestalt zum Hüter eines Reiches der Ruffalki, Wilen oder Huldengel. Keinen Schatz bewacht er im goldreichen Ural. Keinem Helden kündet sein Anblick frühen Tod. Keinen Quellengeist erlöst sein Balzlied aus Wintersnot und Zauberschlaf. Der Baschkire sieht als jagdbar nur an, was sich hetzen läßt: den Wolf vor allem. Ohne den Wolfsschädel unter der Schwelle seines Hauses kann er sich kein Glück denken – wie auch der Mullah schelten mag über alten heidnischen Schamanen-Aberglauben, den Allah ausrotten möge! Und der doch nicht ausstirbt, soweit Turkstämme wohnen von den Ufern der Ssamara bis zu den östlichen Säumen der großen Kirgisensteppe! Möge Mohammed sie verdammen, die Irrlehrer, die im Gebirge ringsum den ehrwürdigen Handel mit Koransprüchen und mit den wundertätigen Ellenbogenknochen vom Schafe schädigen! Der Baschkire ehrt seinen Mullah; denn das ist er sich und dem Propheten schuldig. Aber im Punkte des Wolfsschädels folgt er der alten Lehre aus vorislamitischer Zeit. Alles andere achtet er gering. Nach dem weißen Hahne hat er noch nie gefragt.

Der balzt auch nicht, wo der Schlitzäugige haust. Denn dort steht keine Fichte mehr; die letzte ist längst zu Geld gemacht oder verbrannt. Nur der Birkenwald dehnt sich dort meilenweit hin mit gewaltigen Stämmen, von denen anmutiges Gezweig tief herabfließt, jedem Lufthauche zum Spiele. Dort rodelt der Birkhahn den Frühling heraus, wenn noch der Schnee die Fährte des Luchses zeigt, der dem Schwarzen nachschleicht bei der Nacht und am Tage. Auch die kleinen Hähne sind nicht immer rein blauschwarz, sondern mancher ist am Bauche und bis in den Schild hinein mit weißen Federn durchsprenkelt; Einflüsse der monatelangen Nachtlager im tiefen Schnee, in dem er sich Gänge ausscharrt bis auf den Erdboden hinab. Jetzt wird der Schnee morsch und brüchig, die Kruste hart. Da muß der Schwarze wieder in Wipfeln schlafen. Doch, wo er nur kann, flieht er den weißen Birkenwald und nächtigt drüben im »Bor«, dem dunkelen Kiefernwalde, wo nicht jeder Luchs und Uhu auf Elendsweite ihn im Mondlichte eräugt. Aber ehe der Morgen graut, fällt er unter den Birken ein zum Tanzen und Raufen und kann auch den Schnabel noch nicht halten, wenn schon die Quellwässer murmeln und die Bäche in den Schluchten tosen und der Birkenwald sich mit duftigem grünen Schleier überzieht, in dem die alten Stämme noch silberheller blinken.

Bricht der Morgen dann mit goldener Pracht durch den Duft, daß die Birken hochauf leuchten, so muß er hinauf zur Sonnenbalz und alle die andern mit ihm, und dann kocht der Wald von ihren Liedern. Aber niemand fragt nach ihnen als Goldadler und Uhu, die unerwartet daherschießen, und der Luchs, nach dem die leichtsinnigsten Jodler allezeit seitwärts sichern, da sie ihn hinter jedem Stamme auf dem Astwerke vermuten. Der Baschkire achtet auch ihrer nicht! ...

Drüben an der Schlucht, in der der sonst so traulich plaudernde Waldbach jetzt in wütenden Strudeln mit knirschenden Schollen zu Tale rast: dort auf der krüppelknästigen Wetterföhre hat der Urhahn seinen Stand, der Balzkönig mit dem leuchtend grünen Schilde und den schwarzen Perlen darunter im weißen Brustgefieder. Ein ganz Erfahrener! Wenn er aus der Dickung des unter bester Aufsicht stehenden Kronsforstes in der Morgenfrühe hier einsteht, so schwingt er sich nicht mit prasselndem Hallo ein, sondern schlüpft wie ein Raubvogel auf seinen Standbaum. Dort sichert er lange, nur den Kopf nach allen Richtungen hin wendend. Jeden Stein, jeden Busch am Hange der Schlucht äugt er ab, jede Kiefer, auf der ein Marder oder Luchs lauern könnte. Dann läuft er den Ast entlang bis zur Spitze hin, tritt wieder langsam zurück, überstellt sich auf einen andern Ast und noch einen dritten. Dann bresselt er und kehrt dann erst auf den ersten Ast zurück und dann: kilipp, kelöpp, klöpp, klipp, klöpp, klöpp, – dödlrrrr – zwiwiwiwidliwittschtschitt! Das kann er fein: dies »schtschitt« am Schlusse des Zwitscherns, mit dem sein Balzlied schließt, dem der Hauptschlag und das Schleifen des mitteleuropäischen Hahnes fehlen. Wer das russische Schtscha nicht aussprechen kann, mag's bei ihm lernen! Und wie der Verliebte dabei die Lider halb geschlossen hält, daß sie weiß herausleuchten! Jetzt, wie er im heller werdenden Dämmerscheine mit hastigem Knappen frei heraustritt auf die Spitze seines Balzastes, erkennt man auch, wie hell das Silbergrau seines Kragens, wie schlohweiß Brust und Bauch sind und wie das zarte Graubraun der Deckfedern auf den Schwingen in leichtem Bronzegrün erschimmert. Der Stoß enthält in den schwarzen Schaufelfedern viel weiße Mondflecken, die Deckfedern sind silbergrau wie der Kragen. Tänzelnd und in den Schultern sich wiegend, setzt der Hahn einen Fuß vor den andern und zeigt den reichen haarfeinen Federbesatz, der ihm anstatt der hornigen gefranzten Balzstifte des mitteleuropäischen die Zehen schmückt. Diese weiche pelzartige Befiederung bietet nicht nur Schutz gegen die hohe Kälte des nordischen Gebirgswinters, sondern dient dem Hahne auch als Reifen, die ihm das Laufen über Schnee erleichtern.

Drüben auf der alten Fichte, in dem Kiefernhorst und auf dem Dürrlinge dasselbe Lied. Und auf dem zwischen sanften Hügeln eingekesselten Moosmoraste ein ganzer Chor. Rein schwarzbrüstige, gesprenkelte, fast weiße: alle bunt durcheinander, wie sie groß geworden sind im Neste der selben Henne. Aber keiner unter ihnen so siegsgewiß, so herausfordernd wie dieser mit der weit hinausleuchtenden schlohweißen Brust und dem Kranze schwarzer Perlen unter dem grünfunkelnden Schilde! Jetzt bäumt er ab zu den zockenden Hennen im Schnee. Wie er von Leidenschaft bebend mit gestrafften Schwingen den Schlitten zieht! Bald Kopf und Kragen tief senkend und dann wieder hoch aufwerfend, verzückt zum kranken Monde hinaufjubelnd, der bleich hinter dem Walde versinkt!

Nicht lange treibt er dies Spiel. In einer der nächsten mondlosen Nächte, als sein leuchtendweißes Kleid ihn vor allen anderen verrät, prasselt der Balzkönig im Wipfel seines Schlafbaumes. Fittichschlag, Gerumpel und dumpfer Aufschlag. Im Morgengrauen rote Tropfen auf dem Schnee und daneben die Fährte des abgesprungenen Luchses. Drüben auf dem Moore Knappen und zwitschernder Balzgesang. Ein Tag zieht herauf wie alle andern. Wer fragt nach dem weißen Hahne! ...

D-juk, d-juk, d-juk! Sanft warnend lockt die Henne ihre Küchlein im hohen Heidelbeerkraute, wo sie lustig nach Beeren picken, die früh gereift sind in diesem heißen Sommer. D-juk! Da hast du was, Schwarzbunter, dem schon die Hahnenfedern durchbrechen: eine Schnecke aus Mutters Schnabel! D-juk! Eine Spinne für dich, kleiner Hellbrauner mit dem weißlich durchbrechenden Unterkleide!

Doch was ist das? Gock, gock, go-ik! Weg, wie fortgeblasen sind sie alle, im bräunlichen Bodengesträuche geduckt, als der Schatten des Goldadlers über sie hinstreicht. Und nur vorsichtig, schüchtern wagt die Alte aufzuschauen. Aber der Goldadler denkt jetzt nicht an Beute, sondern an die Sicherheit der eigenen Brut. Mit jauchzendem Schrei erfreuten seine Prinzen sich am Spiele zur kühlen Morgenzeit oder wenn die Sonne hinter dem sanftgeschwungenen Bergsaume versank. Jetzt ist ihres Bleibens nicht mehr. Hochauf kreisen die Alten schon seit Tagen, und hart klingt ihr Warnschrei. Es liegt was in der Luft, das spürt auch das junge Paar. Von den Mooren Sibiriens zieht es her durch den heiß flimmernden Mittag, dick und schwer mit beißendem Rauche. Und von den Ufern der Ufa bis zu den Wäldern der Kama hinüber kommt es schwelend geflogen. Das ist nicht mehr des Sommers Glutendürre, das ist der Brand der Moore und Wälder, der nicht weiß, wo hinaus, und alles verschlingt.

Unruhig wandert der Elch waldauf, waldab, denn alle Moore sind verdorrt, alle Bäche versiegt. Der Bär gräbt niesend und blinzelnd die Nase in das Erdreich, das auch keine Kühlung mehr gibt, und irrt rastlos vom stinkenden Moraste zum taulosen verschmachtenden Walde. Der Wölfin hängt die Lecker heraus und brennt die Kehle. Ärgerlich wischt sie sich die Nase im knirschenden Dürrmoose.

»Huuh, wa, ba, ba!«; auch ihre Jungwölfe greinen auf. Der stinkende Muff beißt sie in die Seher. Ärgerlich pustend wischt die Jungfähe sich das Näschen: »Huuho, aeho-eh, rrr!« Wo kommt das her, was soll das werden?

Das Auerwild am Boden des Heidelkrautes hat noch am wenigsten zu klagen. Sind die Beeren auch trocken, so sind sie doch süß. Und doch fehlt ihnen was, das nur die Alte kennt, der Tau am Morgen. So muß sie ihr Gesperre gegen alle Gewohnheit zur Tränke führen. Und dort lauert die Gefahr: Hermelin und Marder, Fuchs und Luchs. Aber den Räubern steht in dem sengend heißen Luftstrome, der daherzieht, der Sinn nicht auf Raub. In dem hohen Bachufer birgt sich der Fuchs. Im letzten trüben Tümpel kühlt sich der Saigabock und wehrt mit der langen Krummnase sich die frech biesenden Bremsen von den schlagenden Flanken.

Da bricht es herein über sie alle, das Furchtbare, das atemversetzend ihnen schon tagelang alle Ruhe geraubt hatte. Immer röter der ferne Schein, immer gelber die Luft, immer wilder der sengende Glutstrom zu ihren Häuptern. Wütend prasselnd jagt er durch die Kronen des Waldes daher. Vor ihm beugen sich die rauschenden Kiefern, wie die zitternden schlanken Birken, an deren Rindenfetzen der Brand zuerst mit gierigen Zungen leckt. Wie Gewehrsalven rollt das Knacken von Millionen brechender Äste, um alsbald nur noch verkohlte Stämme zurückzulassen. Dazwischen das Stürzen alter Urwaldriesen wie dumpfes Geschützfeuer aus weiter Ferne. Hochauf schießen die Flammengarben, stinkende Rauchschwaden verfinstern den Himmel, wie schwarze Schleier zieht es unter dem glutroten Sonnenballe hinweg, dem Feuermeere nach von Schlucht zu Schlucht. Am Boden ist längst alles Dürrmoos und Beerengesträuch vom Sturme des Feuers verzehrt. Und was nicht rechtzeitig sich mit den Adlern davongemacht, mit den Elchen Kühlung in den Flüssen gesucht hat, erstickt in qualmendem Torfe neben seiner verkohlten Brut.

Wie große, Rettung verheißende Inseln ragen aus diesem Feuermeere einzelne Wälder im hohen Ural auf, unter deren Kronen der Wolkentau das Gras gesäugt und den Boden frisch gehalten hat. Dorthin ist der Goldadler gezogen, dorthin der waldkundige starke Elch, dorthin der Schwarm landflüchtigen Auerwildes von allen Seiten des verfluchten und versengten Landes ...

Ahoah, Sjerucha! Eh! ruft Pawl Michailowitsch der Stute zu, die hinter dem Schlitten seines Gefährten zurückblieb und nun flott auftrabt. Über die verkohlten Wälder hat der Schnee sein stilles, feierliches Tuch gelegt. Und die Stämme werfen darauf ihre gespenstischen Schatten, die wie ein Grabgitter den Waldboden überspannen. Todesstille ringsum. Keine Meise zirpt. Keine Fährte steht am Wege. Drohend starren graue Felsnasen herab auf die im Hohlwege sich hinschlängelnde Straße. Iwan Trofimowitsch kümmert das nicht. Vergnügt liebkost er »Swonok«, seinen fuchsköpfigen Verbeller, der im fernab liegenden, verschont gebliebenen Walde seine Sache heute wieder gut gemacht hat, wie immer. Freilich, den Elch kann der Hund nicht halten, und mit dem Bären bindet er nicht an. Aber vor Auerwild ist er unübertrefflich. Spaßig, wenn er unter dem Baume sich vor Eifer überschlägt, daß alle Hähne auf ihn herabschauen! Iwan kann sich dann nahe genug heranschleichen, um mit der sparsamen Sibirierbüchse, die mit winzig wenig Pulver aus dickem Laufe nur ein einziges Schrotkorn verfeuert, Hahn um Hahn herabzuholen. Wenn der unterste fällt, schauen die andern neugierig zu, was denn dem fehle, bis das nächste Kügelchen sie darüber belehrt, was los ist. Ja, ja, Iwan ist schon einer, der es versteht; und er nimmt sie, die Auerhühnchen, Hähne wie Hennen!

Jetzt kommt auch bald die Zeit, da die dummen Luder im hohen Schnee schlafen. Dann hält Iwan noch leichter Ernte. Es ist verboten, aber die Gesetze sind ja doch nicht für Iwan Trofimowitsch da, sondern für die Einfältigen, die sich daran kehren. Wenn das Auer- und Birkwild abends abgebaumt ist und im tiefen Schnee ruht, kommt Iwan mit seinem Jungen, der jetzt schon ein Jäger ist und den Auerhahn mit dem Kescher in der Schlafgrube zu fangen versteht. Aber das ist halbe Arbeit. Ein Staknetz, wie zum Fischen gebraucht wird, muß man haben! Also das bringt sich Iwan mit, und dann überspannt er mit seinem Jungen, leise heranschleichend, den ganzen Schlafplatz. Purr, di purr! Das muß man erleben! Das lohnt bester, als Schlingen zu stellen vor Astverhauen in kleinen Türlein, in die die Hühnchen hineinlaufen und dann zappeln. Denn die kann ausnehmen, wer weiß und will! Nämlich, wenn das Marderchen sie nicht vorher schon gefunden hat oder der gierige Vielfraß!

Purr di purr! Ja ja, das große Netz ist gut! Ist das eine Lust! Und dann immer hinein in die Säcke mit den Vögelchen, den zappelnden, bis sie alle drin sind, schwarze und weißbunte. Die ganz weißen werden von selber bunt in dem Gekrabbel. Man darf sie nicht gleich totmachen, sonst bringt man sie gefroren zu Hause an. Und dann wiegen sie zu wenig. Der Kaufmann im Kirchdorfe kauft sie vor Weihnachten nach dem Gewichte. Deshalb gießt Iwan ihnen, wenn er sie erdrosselt hat, tüchtig Wasser in den Hals und läßt sie dann frieren. Ja, Brüderchen, das muß man verstehen, wenn man ein Jäger sein will und ein richtiger Kerl! Auerhähne sind eine gute Sache, und der Kaufmann, der sie in Tonnen nach England schickt, verdient immer noch genug daran! Was er wohl zahlen mag dies Jahr, der Gauner, der Betrüger! Vielleicht, da Hunger im Lande ist, fünfundzwanzig Kopeken für den Hahn, auch wohl sechsundzwanzig oder gar achtundzwanzig! Wäre nicht übel! Und das Holz wird auch billig. Möchte der liebe Gott öfter brennen lassen, was brennen will! Wäre gut für Iwan Trofimowitsch. Zu was sonst sind auch die Wälder und die dummen Vögel auf der Welt?

Lustig spielt Iwan mit Zügel und Peitsche seinem »Woron« auf dem Rücken. Und der liebe rabenschwarze Hengst läuft, da es heimwärts geht, was er kann.

Eaha, Sjerucha! Die faule Alte ist schon wieder bummelnd zurückgeblieben und trabt nun wieder auf. Und auch Pawel Michailowitsch ist fidel. Er hat, während sein Schlitten nachblieb, sämtliches Auergeflügel, das er geschossen hat, aufgebrochen. Iwan wird ihn dafür wieder auslachen. Wollen sehen, wer zuletzt lacht! In einem Tüchlein hat Pawel das Weidkorn aus den Mägen der Hähne gesammelt. Zu Hause wird er das im Wasserglase abspülen. Wenn heute wieder soviele Goldkörnchen drin sind, wie letztesmal, weiß er, wo er im Frühjahre sein Goldsieb aufstellen wird. Und wäscht sich der Triebsand gut – wer weiß? Vor Pawels Träumen häufen sich Klumpen Goldes, die er graben wird in tiefen Gruben, von denen niemand wissen darf als er. O ja, der Auerhahn ist schon zu was Besserem wert, als der dumme Iwan meint! Ist kein Unterschied zwischen den schwarzen und den weißbunten und silberweißen: Goldkörnchen fressen sie alle und Edelsteinchen auch!

Eaha, Sjerucha!

Draußen liegt das weiße Feld, und der Wind jagt schneidend über die Blöße. Fern am Himmelssaume blinken trübe die Lichter des Dorfes auf. Dort winkt die Branntweinbude. Eaha, Sjerucha! ...

Rauhreif auf dem weiten Runde der Wälder. Jetzt enthüllt der Birkenhochwald erst sein eigenstes Wesen. Jede Rute von weichen Kristallen daumendick umfangen, das ganze Dickicht durchsichtig wie ein duftiges Gespinst. Darüber ein Sonnentag mit grünblauem Himmel, windstille Kälte, die das Herz beflügelt und die Seele mit Jubel erfüllt. Des Jägers Augen lachen hinüber zu dem Kiefernwalde, der in weißer Vermummung steckt, und das Blut springt ihm in die Backen, während sein Hengst lautlos durch den losen Schnee trabt. Die Kälte hat auch den munteren Burschen lustig herausgeputzt: jedes Haar ist mit Kristallen besetzt. Doppelt schwer fällt ihm im Schmucke des Reifes die zottige Mähne fast bis zur Erde nieder. Gegen Mittag hin weicht der zarte Duft, der über den Schluchten lag, und gibt den Blick auch in die Täler frei. Und der Kiefernwald schmückt sich mit grünem Kamme. Leise tropft es von den Zöpfen der alten Riesenbäume, die Sonne apert die Spitzen frei vom Reife. Doch eben auch nur diese. Wrrr, rupp, wupp, wupp, wupp! Da reitet einer daher durch die klare Luft und schwingt sich prasselnd auf die alte Wetterföhre ein, die frei am Rande einer Blöße steht. Ein zweiter und dritter folgen. Und jetzt ein ganzes Dutzend. Drüben auf der schlanken Spitze wiegt sich auch schon ein Hahn, und andere streichen herauf, die wohl dichtbei im Schnee geruht hatten. Immer mehr, wer kann sie zählen! Die Kronen schwanken, bis die Einfallenden festen Fuß gefaßt haben. Und dann beruhigt sich die ganze Gesellschaft und beginnt zu nadeln.

Merkwürdig wenig Hennen dabei und selbst die wenigen abseits. Sie suchen weiche Äsung am Boden unter dem Schnee oder Vogelbeeren am Busche. Am Wolfsluder, das Waschka drüben am Hange ausgelegt hat, sitzen jeden Mittag ihrer fünf oder sechs.

Unter den Hähnen zeigt die Mehrzahl dunkle Brust, die Weichenfedern mit großen weißen Flecken durchsetzt. Bei einigen wiegt das Weiß vor. Junghähne vom Jahre haben den Schild kaum grün, vorjährige zeigen immer noch einige graue Federn, die den Glanz des Schildes stören. Dreijährige erst weisen die volle grüne Pracht auf. Und ganz alte von der weißen Spielart zeigen unter dem weithin funkelnden Schilde die scharf abgesetzten schwarzen Perlen. Diese weißen sind sehr schwer anzusprechen, wenn sie etwas tiefer inmitten der bereiften Kiefern stehen, sehr leicht aber, wenn sie auf einem Wipfel nadeln und der Sonne die volle Brust bieten. Da wiegt sich so einer auf der schlanken Föhre und schlägt mit den Schwingen, um sich zurechtzustellen.

Peng!

Sichernd schaut der Alte auf und dann hinab zu dem Junghahne, der am Fuße des Nachbarstammes verblättert. Dann macht er sich lang und dünn wie ein Stock und sichert. Dort drüben, weit hinten der Fichtenbusch kommt ihm verdächtig vor. Spannend blickt er lange unverwandt hinüber. Aber dort rührt sich nichts. Anscheinend beruhigt, nadelt der Hahn weiter. Aber dann reckt er Kopf und Kragen, um zu ergründen, weshalb der große weiße Klumpen hinter dem Kiefernbusche sich eben bewegte. Ärgerlich schlägt er mit den Schwingen, um sich im Gleichgewichte zu halten. Erst als sein Verdacht beruhigt ist, nadelt er weiter. Aber wieder reckt er sich auf, lang, ganz lang.

Peng!

Da reißt es ihn zusammen, und herabgestürzt verblättert er neben dem toten Gefährten. Hinter dem Busche aber wird der Schnee lebendig. Im weißen Ren-Hemde tritt der Jäger heraus. Auf seinen Hornruf kommt Waschka angetrabt mit den Pferden. Lang wallt auch ihm der weiße Ziegenpelz bis auf die Bügel herab, und unter der struppigen Pudelmütze blitzen ihm vor heller Lust die Augen. Um der Büchse und ihres sauberen Fernschusses willen. Solch kleines Rohr; knallt fast gar nicht und trifft so weit, oh, oh. Nach den Hähnen fragt Waschka nur des guten Teegeldes wegen, das der Herr ihm geben wird. Was der an dem Hahne hat, will nicht in Waschkas Struwelkopf hinein.

In den Packtaschen, die zwischen dem Bocksattel und der Decke zu beiden Seiten herabhängen, werden die Hähne geborgen, nachdem sie fein sauber in Leinwand gewickelt sind. Dann sitzt der Jäger auf, und bald verhallt der Hufschlag der hintrabenden Pferde im losen Schnee und leisen Rauschen des Waldes. Der Abendwind streicht auffrischend durch die Kronen und wirbelt ganze Wolken feinen Reifes herab. Dunkelgoldig spielt der Abglanz der Sonne um bärtige Kiefern und weiße Birkenschäfte. Noch ehe der Tagesabschied rot verglüht, ziehen im Osten die Sterne herauf, und über die einsamen Berggipfel des Ural breitet die Nacht ihr feierliches Schweigen. Da, horch! Aus weiter Ferne vom Kordon her schallt noch einmal ein Hornruf herüber: Hahn tot! Der letzte Gruß an die schöne nordische Bergwelt des weißen Hahnes ...

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