Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Bley >

Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 29
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
Schließen

Navigation:

Der Wisent-Würger

Schuhuh! Aus dem Dunkel der Eichen ruft der Uhu. Eisigkalter Morgen, brrr! Und doch schon Ende Aprils, russischen Aprils alten Stiles! In Deutschland draußen schlagen jetzt die Nachtigallen!

Was war das? Horch, nochmals: tlack! Auerhahn!

Weit steht er, wohl im hohen Orte einsamer Kiefer, da so hell der Hauptschlag klang! Den Hennen sind die Gelege gestohlen, da geht die Balz von frischem los!

Tlack! Noch einer!

Reif überall auf Baum und Strauch! Jetzt frischt der Wind leicht auf. Da stäubt es wie Silberduft aus hohen Wipfeln. Leise rauschen die Kronen von efeuumrankten Eichen, Eschen, Espen, Erlen, Ulmen.

Dann wieder Schweigen, wo man geht. Und das Hinsterben des eigenen Trittes und hinter ihm seine schwarze Spur als einziges Lebenszeichen.

Und man geht – ganz allein – geht und geht –

Leise unter dem Fuße knistert der lehmige Sand der Waldwildnis, in dem der Schritt lautlos versinkt. Endlos dehnt sich voraus der breite, leere, eintönige Waldweg, der zum Kaiserschlosse und zum schmutzigen Dorfe, zur Bahn, zu der Judenstadt und zurück in die Welt führt. Du siehst geradeaus zu Seiten des Weges Wald, Wald Wald. Sonst alles verschwunden außer dem feierlichen frommen Erschauern, das ausgeht von dieser unabsehbaren Wildnis von Djelowjesch!

Endlos über der Waldstraße das breite Schweigen, selten nur von leisem Selbstgespräch der Wipfel unterbrochen. Kein Axthieb klingt hier, kein Fuhrmann flucht, schreit oder singt. Nur das Laub knirscht unter den Tritten, und der Reif stäubt, wenn die Kronen sich aus ihrer Erstarrung aufrichten und ihr winterkahles Geäst sich gegen das aufglühende Morgenrot abhebt.

Gemeinsam haben sie in ihrem Streben zum Lichte einander emporgetragen, Günstlinge eines kaiserlichen Willens, der jeden Eingriff von Menschenhand ihnen fernhält. Eichen, Kiefern und Fichten Einige tatsächliche Maßangaben dürften hier von Wert erscheinen: Eichen 40 Meter hoch und in Brusthöhe über 2 Meter Durchmesser. Fichten und Kiefern in Höhe von 42 Meter, in Brusthöhe 1½ Meter Durchmesser. Erlen 22 Meter hoch bei 1 Meter starkem Durchmesser in Brusthöhe.
Die Schilderung der weltabgeschiedenen Waldeinsamkeit, wie sie zu russischer Zeit bestand, trifft heute nicht mehr zu. Mit rauher Faust hat der Krieg auch hier zerstört, was so, wie er war, nie wieder wird werden können. Ein Berichterstatter, der den ehemaligen Urwald in seiner jetzigen Gestalt kennen gelernt hat, schreibt darüber:
»Es wurde festgestellt, daß der Wald einen geradezu unerschöpflichen Holzvorrat aufwies, etwa 84 v. H. waren alte schlagbare Bestände und zwar erstklassiges Material. Die Holzmasse ist mit über 34 Millionen Festmeter ermittelt, der Gesamtwert des Waldes wird auf 700 bis 800 Millionen geschätzt. Diese ungeheueren Vorräte galt es auszunutzen. Der Wald mußte also erschlossen werden. Rund 100 Kilometer Förderbahnen wurden gelegt, die alle auf einen riesigen Bahnhof zusammenlaufen. Ungeheure Sägewerke wurden geschaffen, 30 Sägegatter arbeiten ununterbrochen, Laderampen wurden geschaffen nach neuestem System, das jeden unnötigen Zeitverlust ausschaltet, kurzum, hier ist ein Riesenbetrieb entstanden, der seinesgleichen sucht. Daneben ist eine Holzwollfabrik geschaffen, für die Gewinnung von Harz, Kienöl, Holzkohlen ist gesorgt. Zur Weiterbeförderung dient einmal die Vollbahnlinie Tscheremscha-Lida, ferner die Stichbahn Gajuowka-Bjelowjesch. Diese Linien genügen natürlich nicht, der Wasserweg der Weichsel, der Narew und der Bug sind oder sollen herangezogen werden Dazu war ein großes Arbeitsheer notwendig. Große Barackenlager wurden angelegt, in denen Tausende von Kriegsgefangenen Unterkunft fanden, und nun begann der Betrieb zu arbeiten.
Der Urwald ist forstwirtschaftlich von den Russen kaum gewertet worden, er war in erster Linie der größte Wildpark des Zaren ... Die Zahl der Wisente ist auf 180 gesunken, die der Elche auf 5 bis 10 Stück ... Durch den Urwald pfeift die Lokomotive ...«
Das ist der Krieg! – Es war einmal! F. B.
in nie gesehener Höhe und Stärke, selbst meterdicke Erlen in kraftvoll aufstrebenden Stämmen ragen auf in diesem feierlichen Wunderwalde. Alle Altersklassen siehst du hier friedlich nebeneinander, wie alle Arten des gemischten Waldes. Als Denkmäler uralter Zeit erheben sich über diesem die Hauptstämme. Jede Art hat ohne Beihilfe von Menschenhand sich den ihr zusagenden Boden gewählt und auf diesem entfaltet. Nicht als Einzelwesen, nur als Glieder dieser höchst begünstigten Gemeinschaft haben diese Baumriesen die schlanken Stämme astfrei bis unter die knapp gehaltenen Kronen hinan treiben und zu höchster Vollkommenheit des Wuchses gelangen können.

Nur wo eine Lichtung ist auf diesem dunkelen Grunde, hat ab und zu ein Baum im Freistande den Kronenmantel weithin um den vielästigen Innenraum geschlagen. Aber das Wesen seiner Art ist dadurch nicht verändert. Derselbe Heimatboden nährt den Freistehenden, wie das Reckenvolk der himmelanstrebenden Gemeinde.

Gewiß, die Birke mag dort, wo der letzte Nadelbaum zu Gelde gemacht ist, bei den Baschkiren im Ural und rings im träumenden Lande des namenlosen Elendes zu noch großartigerem Wuchse kommen. Und als hier noch bedeutender Holzeinschlag und an den großen Wegen umfangreiche Plänterhiebe stattfanden, sah das Weichholz, dieser Nachzügler aller ungeordneten Forstpflege, auch hier goldnere Tage. Aber seit kaiserliche Huld den Wald schützt, sind die Edelhölzer zur Herrschaft gelangt – man sagt um den Preis von zweihundert Millionen Rubel, den der Wert des schlagbaren und niemals geschlagenen Holzes in diesem Bannwalde darstellt!

Zwölfhundert Geviertwerst weit dehnt er sich hin, meistens in trockener Heide, nur zuweilen unterbrochen von den kleinen flößbaren Flüssen Narwa, Narewka, Bjela und Ljesna. Auf den trockenen Inseln zwischen Erlenbrüchern ist der Lieblingsstand von Linden, Spitzahorn und Weiden, die das Elch vor allem liebt. Dahinter Dickungen von Rottannen und Kiefern, die dem Wilde Schutz gegen Winterkälte und den Muttertieren heimliche Wochenstuben gewähren. Und dann wieder unabsehbare Flächen hoher Kiefern, mit weitmanteligen Fichten unterbaut.

Du gehst und gehst in dieser »Puschtscha«, Urwildnis. Amtlicher Name: Bjelowjeschskaja Puschtscha. als seiest du der erste Mensch am Schöpfungstage und Gottes Geist schwebe noch über diesen Wassern. Denn wie Meereswellen wogt und rauscht der Wald, sobald der Geist des Windes ihn rührt und aus brütendem Schweigen erlöst.

Der Bodenüberzug strotzt von Gräsern, die selbst im Reife noch dem Wilde willkommene Äsung bieten, an den Rändern der Brücher steht das wie Waldmeister duftende Wisentgras. Im Moose Beeren aller hier möglichen Art, würziges Heidelbeergrün und unter den Kiefern kräftiges Heidekraut. Darüber wuchernde Dickichte von Brombeeren- und Himbeergeranke; für das Wild ist der Tisch allezeit gedeckt!

Zwischen den Fährten der Elche, Rothirsche und Wisente siehst du ab und zu auch die des Marders und Fuchses. Selbst Isegrimm und Luchs fehlen nicht ganz und halten den Wald sauber von Fallwilde und Kümmerern.

Über den hohen Kronen kreist der Goldadler, und der Flußadler blockt in königlicher Ruhe dort auf dem Dörrlinge der Wetterföhre am Ljesnaufer. Der Uhu führt jetzt ein beschauliches Leben im Geäste alter Eichen auf dunkelen Waldinseln. Die tolle Zeit seines nächtlichen Liebeswerbens ist vorüber. Mütterchen Uha brütet im Hohlstamme der alten Eiche, und er versorgt sie still, ernst und sinnig mit Krähen. Heute bringt er den ersten Igel, der sich auf dem bereiften Boden gezeigt hat. Mit dankbarem Blicke aus den großen Kullersehern nimmt Mütterchen den in Empfang. »Igel is sich Bestes, wo gibt!« sagt sich Pollack im Dorf nebenan. Uha ist derselben Meinung, wendet ihre Eier und watschelt heran, um an der Mahlzeit teilzunehmen. Von der Bauchseite wird die Beute angegriffen. Vater Uhu hält mit dem langbefiederten Fuße von der linken, Mütterchen von der rechten Seite fest. Dann geht das Reißen los, daß die Fetzen fliegen und die Fleischlappen nur so zu beiden Seiten herabhängen. Und dann wird alles langsam und bedächtig hinuntergeschluckt. Igelstacheln sind hübsch knusperig, nicht so labberig wie Federn vom Haselhuhn oder so eklig wie Hasenbalghaare. Dann kommen die knackend splitternden Knochen dran. »Pschjakrew, das is sich Spaß!« Und dann werden die saftigen Stränge und das Ingeräusch verschlungen. »Na sdarowie!« nickt Vater Uhu. Mütterchen aber geht ein bißchen auf die Seite. »Kuck doch nicht bei allem zu, du Ekel!« Dann hebt sie hinten auf und löst sich und wackelt dann mit stillzufriedenem Ausdrucke zu ihrem Brutgeschäfte zurück. Noch ein dankbarer Blick aus ihren Kullerchen. »Igel war sich gut. Kannst öfter bringen!«

Vater Uhu schüttelt sein Gefieder, rückt auf dem Eichenaste zurecht dicht an den Stamm heran, zieht die Nickhäute über die Kullerseher herab und will eben sachtchen eindämmern, da – pschjakrew! – fährt er auf. Dummes Luder von Alttier! Was hast zu schimpfen? Wopp, bubb, bauuh! Macht Lärm, als ob sie alleine wäre hier im Walde! Was ist los?

Lieber Himmel, dort hinten weit auf der großen Landstraße geht ein harmloser Grünrock. Darum der Aufruhr! Hopp, hopp! Das könnt ihr gut, Hirschchen, das habt ihr gelernt! Hoppla! So ist's recht, immer frisch weg über die höchsten Windwürfe und das Geknäck moosigen Fallholzes. Seid aber auch nicht allzu gut durch den Winter gekommen mit eurem struppig aufliegenden Haare. Und die Geweihchen, ei, pfoi, die machen sich schlecht! Du da Ohm, ei, wirst du wieder zwanzig Enden schieben wie im Vorjahre? Trägst die Geweihwülste wie ein Moospolster auf dem Kopfe! Kerl, was bin ich mit meinen zwei Federbüscheln zufrieden! Wenn ich auch solch ein Dings mit mir Herumschleppen müßte, wie du! – Und dabei schüttelt sich der Alte inwendig, daß sein Gefieder rauscht. Rückt sich dann zurecht, zieht die Nickhaut über die goldigen Seher und will schlafen.

Ufff!

Na, was gibt's denn nun wieder? Ob man denn wohl heute zu seinem Morgenschlafe kommt! – Uhu schüttelt sich wieder und zieht den Kopf ein. Der alte Keiler aus dem Narewkabruche! Wenn's weiter nichts ist!

Unter Uhus Schlafbaume bleibt der alte Basse stehn. Ufff! Er wittert da oben was Besonderes. Jetzt hat er den Alten am Eichenstamme eräugt und beginnt zufriedengestellt zu brechen. Hier war die Mast gut im letzten Herbste. Viel haben wohl die Wildenten aufgenommen, die zuerst beim Gründeln die schön gequollenen Eicheln auf dem Wassergrunde gefunden und dann an Land nachgesucht haben. Aber der Alte schuffelt sich doch aus dem Fallaube noch genug heraus. Hoch hebt er das Gebrech mit den wundervoll weiß herausblitzenden Gewehren. Und dann schiebt er sich in den Kessel ein, so tief, daß er kaum noch zu sehn bleibt. Uhu gerade gegenüber.

Nicht lange, so schlafen beide.

Uffff!

Langsam hebt Uhu den Blick. Der Keiler hat den Kopf hochgenommen, legt sich aber bald wieder. Es ist nur der alte Wisentstier, der Eingänger, der Stolz der ganzen Wildnis! Seit Jahren hat er hier seinen Stall. Blitzblank ist der getreten und gestampft, und keine Losung ist ringsumher zu bemerken.

Ehe er sich niedertut, kämmt und putzt er sich, wie sich das so für einen alten Urwaldbullen schickt und gehört. An der alten Erle, deren Rinde er schon blitzblank gescheuert hat, reibt er Blatt und Hals. Dann zieht er langsam zur Ljesna um sich im Schlamme zu suhlen. Pustend und schnaubend vor Wohlbehagen steigt er ans Ufer zurück und schüttelt sich, daß der Dreck bis zum Uhu hinaufspritzt, der ärgerlich hinter den Stamm seines Schlafbaumes rückt. Das Hinterteil des Bullen ist wie poliert, aber in der zottigen Mähne klebt der Schlamm wie ein Panzer, und auf dem Stirnhaare bildet er einen Schild, der in der eisigen Morgenluft steif friert wie ein Brett.

Das beruhigt so wildes Blut. Und wohlig stöhnend läßt der Alte sich nieder, um wiederzukäuen. Schupp herauf: ein bißchen wohlriechend schmeckt es noch vom dürren Büffelgrase, Hierochlia odorata, poln. u. russ. Subrowka. Mariengras. dazwischen würzige Farrenwedel und die ersten Blattknospen vom Huflattich, die er sich ausgeschlagen hat. Schluck hinunter: schließlich ganz angenehme Mischung! Man muß ihr nur Zeit lassen, recht viel Zeit, Stunde auf Stunde. Schubb nochmal rauf: gibt es was Schöneres auf der Welt, als so den alten Brei wieder und immer wieder zu kauen?

Der Keiler grunzt im Schlafe. Von den Wipfeln fallen ab und zu Tropfen, die das heraufziehende Morgenlicht ablöst. Uha brütet. Schluck hinunter!

Die Hirsche haben sich niedergetan. Uhu schläft. Schubb herauf, und der Stier kaut und döst. Warum soll er sich mit Gedanken plagen jetzt, wo es nichts zu hassen und zu lieben gibt? Drüben, weit drüben lagert das Rudel. Die Kühe gehen hochtragend zum Platzen. Und die ganze Sippschaft geht kaum noch vom Rande der Wiesen fort, wo ihnen immer noch vom Grünrocke Heu gereicht wird.

Nichts für den Stier! Schluck hinunter! Ruhe haben. Gar nicht denken müssen. Das ist Urstierglück!

Was wissen die anderen davon! Der Hirsch da drüben, alle Jahre muß er sich abquälen mit seinem weichen Dinge auf dem Kopfe. Und wenn er es endlich blank gefegt hat und nun wegen seines Röhrens meint, der ganze Wald gehöre ihm, was ist dann los! Ein paar Monate, und die ganze Herrlichkeit poltert hinunter, und das Elend geht von vorne an. Viel Geschrei und nichts dahinter. Wenn die Stiere kämpfen, brüllen sie nicht, aber der Wald kracht von ihren Stößen und der aufgewühlte Boden – schub herauf! Was dachte der Alte doch gleich? Ja richtig: der Boden, der kann was erzählen von Umherrasen und wütendem Kampfe. Na, bis dahin ist's noch lange hin! Schluck hinunter!

Langsam steigt die Frühlingssonne herauf, langsam geht sie nieder. Der Brutfrieden der Schonzeit liegt über dem Walde. Die Rottiere und Ricken rüsten sich das Wochenbett. Die Wisentkühe folgen ihnen, nicht alle zu gleicher Zeit, aber doch die Mehrzahl im Mai. Und mit dem Frieden sind die Blicke wachsamer Jäger, die tagaus, tagein am weichen Boden die Schicksalsfährten ihres Wildes lesen. Sie dulden auch das Raubwild. Selbst der alten Wölfin wird um diese Zeit nicht nachgestellt. Und Luchs und Fuchs sind jahraus, jahrein sicher vor Gift. Nur, was vor die Büchse kommt, wird fortgenommen.

Aber ein Raubzeug dulden sie nicht: den Wilderer! Als es nicht mehr so weiter gehen konnte mit dem Dorfe dort drüben und die Bauern schon die Hirsche in ihren eingezäunten Feldern einfingen und mit dem Spieße niedermachten, hat die Regierung sie ausquartiert. Reisekosten und Land in Westsibirien, für jede Kuh hier drei dort an Ort und Stelle. Jubelnd sind sie hinausgezogen ins »Russische Amerika«. Und der Wald hat seine Ruhe. Kein Zweibein mehr stört den Frieden des ruhenden Waldes!

Nur der wissende alte Vogel der Nacht wittert Unheil; schuhuh.

Für ihn ist das Leben hier immer ungemütlicher geworden, seit die Rothirsche die Elche aufgefressen haben! Ja, das haben sie getan, denn ihrer sind geworden Unzählige wie das Herbstlaub am Boden! Um die alten Schaufler aber ist es dem Uhu leid, denn das waren seine Lieblinge, die urigen Kerle mit den dicken Schöpfen und Zottelbärten! Vordem war der weite Wald ihr Eigen. Kaum daß man jetzt noch so viele zählt, als der Uhu ruft von Abend bis Morgen. Und wie sehn die wenigen aus! Wo ist die Pracht der alten Schaufeln geblieben? Das ist langsam so gekommen. Zuerst haben die Hauptschaufler sich in das Schutzröhricht an der dunkelen Narewka zurückgezogen, wo ihnen nicht die Brunftwitterung des Rotwildes die Luft verdarb. Dann sind die Elchtiere nachgefolgt. Und als Schmalhans auch dort Kostmeister wurde, ging es mit den Schauflern zurück. Viele sind ausgewandert und in den Nachbarjagden erlegt. Andere wurden im Geweih geringer und immer geringer, bis schließlich nur noch Stangler blieben! Schuhuh!

Wenn das der große Kaiser wüßte, dessen Hand schützend auf diesem Walde ruht!

Statt der Elche zackelt nun Damwild im Walde herum, und das Rotwild ist unzählbar geworden. Ein Stück äst dem andern das bißchen Gras vor der Nase weg, das der Schatten des dunkelen Waldes aufkommen läßt!

Der Schatten wäre gut, aber nur für Wisent, Elchschaufler und Keiler! Wer ein bißchen auf sich hält, liebt das Helldunkel. Schuhuh!

Das tut ja auch der starke alte Rothirsch. Aber den Uhu will bedünken, als ginge es mit den Hirschen auch schon bergab. Ihr Geweih, auf das sie so stolz sind, wird immer magerer. Und von den Wisenten erinnern auch nur noch einige, so wie der Hauptstier hier unter den Eichen, an die alten, gewaltigen Gestalten. Er hat ihn lieb, den zottigen, schwerfüßigen alten Stier des Mondgottes, ebenso lieb wie den Keiler mit den heiligen Mondzähnen. Denn auch er, der Uhu, der König der Nacht, dient dem Monde. Schuhuh! Huh!

Er dient dem Monde und kennt die Träume, die wie süßer Meth auf die Menschen herabtauen. Und kennt die Wünsche der Torheit, die ewig sind. Nicht jene, die über die Sterne hinausranken und ihre Blüten entfalten an den Wassern des Lebens, sondern was so dahinkriecht zwischen Furcht und Hoffen und Ruhm und Eitelkeit. Schuhuh!

Wären der Hirsche nicht soviele Tausende, gäbe es wohl besseren Geweihschmuck. Aber bei der großen Festjagd im Herbste lägen dann nicht so viele auf der Strecke. Schuhuh!

Und dann regneten keine Sterne vom Himmel! Schuhuh!

Was haben die Menschen nun aus diesem Walde gemacht, den des Zaren Wille als Urwildnis schützen wollte! Vor Langeweile sind die Vielzuvielen darin auf Dummheit über Dummheit gekommen! Schuhuh!

Das Rotwild schält. Ekelhaft, wie die alten Schachteln überall die Rinde an den Jungstämmen aufreißen!

Die Sauen werden gefüttert. Na ja doch, Brüderchen! Zu was habt ihr denn euer Väterchen, den Wärter, als dazu, daß er euch füttert, da ihr zum Brechen zu faul seid! Schuhu! Jetzt habt ihr den ganzen Winter euch nur noch aus dem Kessel erhoben, wenn die Glocke im Joche des Futterschlittens bimmelte. Na ja, wie seht ihr aber auch aus, ihr dürren Luder! Schuhuh!

Wie anders war's, als das Wild hier noch wild war und das Leben wie vom Sturmgotte geschaffen! Aber zuweilen hat das liebe Mondchen ein Einsehen! Frißt die Wolken und läßt den Tau aufhören! Und der Litauer singt:

Leise, leise fährt sich Mondchen – vom Berg ins Tälchen
läßt erbeben nicht die Waldesblüte – noch das Roß des Reiters!

Ewigklare Tage führt der Mond herauf, und wärmer werden die Nächte. Draußen in der Welt herrscht schon im Mai sengende Glut. Hier im dunklen Walde bleibt es auch jetzt noch kühl. Nur in den Heideteilen kündet sich ein Unheil an. Den bösen Feinden des Nadelwaldes geht es dort allzu wohl. Alle Buntspechte, Meisen, Goldhähnchen, Kleiber und Kamelhalsfliegen können die Brut nicht vertilgen, wenn das Wetter dem Auskommen der in tiefen Rindenritzen versteckten Eier günstig war und die Spiegelraupen bei ihrem Auskommen bereits die ersten weichen Triebe vorfanden, an denen sie sich nach der Absonderung vom sechsten Tage ab nähren. Dann geht im Mai die Wanderung der sechzehnfüßigen Jungraupen los, und wenn der Juni kommt, stehn Kiefern, Fichten und Tannen ratzekahl. Unter den öden Wipfeln verpestet der doppelt so lange als breite Kot die Luft. Aber er düngt den Boden und verschafft dem Sonnenlichte Zutritt. Wenn demnächst Sturm und Wetter aufgeräumt haben werden mit den abgetöteten Stämmen, wird man auf gut fünfzig Geviertwerst hin üppiges Gras aufschießen sehn, das dem Wilde neue Äsung bringt! Recht so! Leben muß das Wild! Und was Zweibein nicht schafft, muß schließlich Sechzehnbein schaffen! Das sieht ein Uhu ein. Schuhuh!

Dem Alten ist's, als läge was in der Luft, wie Schadenfreude der Drecksteufel und unendliches Weh und Weinen der Wilen. Huldinnen des Flachlandwaldes. Eine Stimme vermeint er zu hören aus grauenvollem Elende her und ein Todeswiehern über hohlem Röcheln. Schuhuh!

Und dann kommt der Tag herauf, der das Elend bringt. Zitternd mit flackernden Lichtern und schlotterndem Gebrech hat sich der alte Keiler im Kessel auf der Eicheninsel eingeschoben, um nie mehr aufzustehen. Kein Ruf des alten Freundes vom Eichenaste her weckt den griesen Bassen mehr, als das letzte Zittern ihn überlaufen und er zum letzten Male sich gestreckt hat. Der Tag scheint stillzustehen. Da gleitet der Uhu lautlos ab und streicht durch den Wald. Und wo er aufhakt, da sieht er das Elend unter den Rotten, die gedrängt und geduckt beieinander stehn und fallen wie im Herbstfroste die Fliegen. Aus ihren Lichtern rinnen unablässig Tränen. Ihre Losung ist wie grünes Wasser, mit dunklem Schweiß durchzogen. Und wo sie sich lösen, werden die Spritzer des Kotwassers in dem äsungsarmen Walde dem Rotwilde zum Verderben.

Mit rasselnden Lungen stehen die Rottiere bei ihren eben gesetzten Kälbern, und die stolzen Geweihträger sinken dahin.

Nicht besser ergeht es den edelen Wildstieren!

Da erfaßt die treuen Beschützer ihres Wildes, die Jäger, die Seelennot. Und um zu retten, was zu retten ist, müssen sie abschießen, was rettungslos erscheint.

Dann kommen die Gelehrten, untersuchen und stellen die Ursache des großen Sterbens Septicaemia haemorrhagica bovum. Die Wildseuche. Der Erreger liegt im Boden und wird vom Schwarzwilde mit der Erdmast ausgenommen. Von Bollinger beschrieben, bisher nur in übersetzten Parks festgestellt. fest. Und dann kommt das Totenfest des wilden Würgers. Scheiterhaufen auf Scheiterhaufen loht, und die Mittsommernächte sind glutrot gelichtet wie im hohen Norden von der Mitternachtssonne.

Wild streicht der Uhu um die Brände im verpesteten Walde, in dem die Kraft von Tausenden angeworbener Arbeiter kaum ausreicht, um das Aas der Gefallenen zu verbrennen.

Die Brut fliegt aus, und der Herbst vergeht. Ein banger Winter folgt dem Sommer des großen Sterbens. Doch das Wiehern des Todes und das Röcheln seiner Opfer will nicht enden. Der Sommer kommt, und der Winter geht, und wieder schreit des Uhu Brut nach Atzung. Da packt es die alten Hirsche, zahnlose, überaltete Kümmerer, die längst hätten abgeschossen sein sollen. Unter den eingeführten Riesenrehen wütet die Finnenkrankheit und unter den alten Wisenten der Leberegel. Aus dem Wildparadiese ist ein großes Siechenhaus geworden. Wo man ein Rudel sieht, hört man Husten und Röcheln.

Die stolze Zeit ist dahin, als Elch, Wisent und Keiler hier Alleinherrscher waren und nichts wußten von Durchfall-, Zahn- und Leberplagen. Und still, still ist der alte Vogel der Nacht geworden im Grauen vor dem Unbegreiflichen, das ihn umlauert.

Eines Morgens aber, als er zurückkehrt zu dem alten Schlafplatze auf dem Eichenwerder, da entringt sich ihm ein Schrei, wie die Wildnis nie zuvor ihn gehört hat. Unter ihm im gewohnten Stalle liegt zitternd und verendend der alte Wisentstier, der Eingänger, der Stolz der Wildnis. Nur einmal noch hebt er das rauhgemähnte Haupt zu dem Freunde auf dem Eichenaste empor, reckt und rafft sich, um hochzukommen. Dann bricht er mit dumpfem Falle nieder für immer.

Da starrt der alte Uhu nieder, regungslos, fassungslos, wie auf ein Unbegreifliches.

Und dann reißt ihm, was er auf dem Herzen getragen hat alle die Jahre lang an Weh und Grimm der Wildnis.

Väterchen Zar in deinem fernen Goldpalaste, warum hast du nicht einen, einen wissenden Warner!

Schuhuh, schuh!

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.