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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 26
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Die Liebes-Kraill'n

Gute Bergluft heute im Hinterstübl beim Hirschenwirt. Wer von draußen kommt, wo der blitzblanke Wintertag das Herz beflügelt, meint, er müsse sich erst mit dem Weidmesser eine Gasse hauen durch den Qualm, den die Kerle hier mal wieder zusammengepafft haben. Aber sitzt man erst mitten drin und schmaucht mit, kann man alle erkennen.

Ah, ja so! Dort in der Ecke am Horaziorentische sitzt der Hias vom Eisunkelhof und neben ihm, mitten zwischen dem Mannsvolke, Frillen-Müllers Moni. Schau, schau, wia der die blanken Äugerln blitzen! Ihr Plapperwerk steht still und das Goscherl sperrangelweit offen. Verstehst? Der Hias läßt den Redebach laufen! Er ist von der Militari zurück. In Afrika bei der Schutztruppe hat er gestanden. Ja du mein; Brüaderl, da kann einer was verzählen!

Der Sepp vom Rubnbauern frißt den Groll still in sich hinein. Mit der Moni ist's gar aus, das siecht er wohl. Jetzt ist sie dem Hias ganz aufgesessen, als ob er sie verhext hätte. So wird's auch sein: der Sepp hat's woll g'spürt, wie ihr bei den Geschichten von braunen Wilden ein Frierer über den Leib kommen ist, und jetzt – – jetzt sauft er in stiller Wut seinen Maßkrug leer und macht seinem Zorn mit Deckelklappern Luft.

»Na, was host denn?« blast ihn 's Lenerl, die Schaffnerin, an, wie sie den Krug nimmt. – Meinoad, was soll er hab'n? Gar nix hat er mehr auf dera dreckaten Welt! Sein' Stutzen halt noch und zwei Schultern so breit, wie keine anderen im ganzen Tal, und zwei Fäuste, die ohne Hammer den Spund aus dem Fasse treiben. Zwei Riesenbratzen, braune. Aber was helfen die ihm jetzt bei dem Deandl! Vor vier Wochen, da hat die Moni ihr Patscherl auf Sepps Bärenbrante gelegt, heilige Maria vom Schnee; jetzt aber hat er geseg'n, wie der Hias ihre Hand in der seinigen hält, als wäre das immer so g'wen!

Was soll er sonst noch haben, der Sepp? Einen Mordsdurst! Himmelsakrament, das andere siecht man auf d' Nacht beim Raufen eh!

Grad ist der Hiasl mit seine G'schichten recht im Zuge, da stapfen draußen Schritte. Die Tür geht auf, und es kommt der Herr Förschtner und hinter ihm her der alte Mirt. Der kommt vom Wolfsgraben, wo schon um Uhre dreie sein Wild auf frisches Heu in den Raufen paßte. Wie er den Sepp siecht, nickt er z'frieden: hat das Wild doch aa amol sei Kirta-Ruah!

Der Förschtner hat neben dem Hiasl in der Horaziorenecke hinsitzen müssen. Der Mirt setzt sich zum Sepp. A bißl Spekulier'n kann eh nöt schad'n! denkt er. Und wenn der Sepp na a so weiter sauft, kunnt eahm eppa 's Maul übergeh'n, dem Loder, dem verdammten! Schamen müßt' er si, der reiche Bauernbua, wildern wia a Lump!

Krügelklappern und knarzende Bänke. Jetzt sitzen die zwoa. Nimmer d'erwarten können's die Buam – jetz muß der Hiasl vom frischen anfangen.

Alles spannt.

Den Sepp reißt's selber beim Hören, wia die da wochenlang in die Schluchten mit Kugeln überschütt' wurden sind und den Feind nie g'seg'n hab'n, und wia es auf den langen Ritten koanen Tropfen Wasser geben hat fürs Roß oder den Reiter.

»Söll wär nix für di, Sepp!« frotzelt 's Lenerl den schiachen Brummbär.

»Laßt's mi aus mit Enkerem Afrika! Teufel na amol, koan oanzig's Tröpferl Bier. – Na, na, da bleib i besser dahoam bei meine guat'n Hirsch'n!« Dabei spielt er mit den Grandeln an seiner Ketten. Der Scharinger-Mirt kennt guat, was dös hoaßt: auf den Vierzehnender hat's der Lump abgeseg'n, auf den Starken, der im Wolfsgraben auf d' Nacht fuattert, wenn droben und herunten alles schlaft! – Nur beileib nix merken lasten!

Aber jetzt loost der Alte. Grad hat der Hias die G'schichten verzählt, wia er den Panther derwischt hat, den Legoparden, wia man's in Afrika hoaßt. Und Moni spielt mit der Kraill'n, die der Hias an der Uhrkett'n hat. Der Mirt klaubt sein Sacktuch auseinander, schneuzt eahm, schaut in's Tüchel und faltet's hübsch sauber wieder z'samm. Jetzt kennt er si aus. Wart nur, du Lump!

»Hast nia nix g'hört von Vermeinkraill'n, Deandl?« fragt er die Moni, die feuerrot anlauft.

»Was? Vermeinen?« fragt sie z'ruck, ruckt aber doch a wengerl vom Hias weg.

»Na, na, brauchst di nöt ferchten. Söll woaß woll a jed's, daß die Kraill'n von dene wilden Katzenviecher guat san geg'n Beschrei'n. Un sölle vom Panther voraus!«

»Halt mi net für Narr'n. – Hias, is dös g'wiß, daß die Teufelskraill'n G'walt hab'n vom Ganzanderen?«

Der Hias lacht. So weit is a nöt gefeit. Aber der Mirt schmunzelt, ob dös net wahr wär', daß die Schwarzen Pantherkraill'n anhängen z'wegen ihre Weiberleut?

»Woll, woll! Söll schon. Aber dös is do ganz anderscht; a guater Jaager kann's do von eh mit die Weiberten!«

Herrgott, dös glanzige G'schaug, das dös Deandl dem Hias aber hindraht! Dem Sepp druckt's die Gurgel zu, un der alte Mirt wischt sich den Bierschaum vom Maul.

»Siehgst es, Deandl, a so steht's mit dera Teufelsg'walt von die Jaagersleut'; bal di oaner mit sölle Kraill'n festhakelt, laßt er di nimmer aus! Dös ham i lang für g'wiß g'wußt. Da schaugt's her! Kennt's ös die Kraill'n dader?«

Unter dem Brustlatze hat der Alte ein Täschchen hervorgezogen, und jetzt rumpeln alle her, Buam und Dirndln, und schaug'n, was der Mirt da auspackt. Daß er die Deandln hat verhexen können, weiß man eh schon. Heunt no kann's koaner wie er auf der Zither und beim Landler. Heunt no tanzen die saubersten Deandln gern mit eahm, und der Weißkopf drückt die jüngsten Burschen beim Schuhplattler aus. Bal schnalzt er mit die Fingern, bal grug'lt und blast er wia a Spielhoh'. – Na, wia der jung war! – Und was bringt er jetzt daher?

»Dö Kraill'n hab i in die Berg' bei die Ungarn mir g'holt. Wißt's: von an Luchsen, den i amol verwischt han, wia i Regimenter bei dera groß'n Holzfirma g'wen bin. A damischer Tropf war er!«

Jetzt schaut nur, wie sie alle bei der Sache sind, Buam und Deandln! So haben sie nie nicht Obacht geben beim Herrn Lehrer in der Schul, wie hier beim Mirt!

»Ja du mei da drent im Afrika! Is a Land da drent, wo man's Ägyptien hoaßt, da san die Katzen heilig g'west wia dahier die hochselige Gottesmutter. Einbalsamiert haben's die damischen Viecher – zwegen der Macht, die sie vom Monde hatten!«

Auf schreit die Moni, und 's Lenerl hätt' vor Schreck fast 'n Krug fall'n lass'n. Der Hirschenwirt bekreuzigt sich. Und der Mirt schneuzt si. Der Sepp schaut starr als wie behert und wie besessen auf die Luchskraill'n.

»No, braucht's enk nöt zu d'erschreck'n. Söll ist lang, lang her. Aber Heiden gibt's freili no im Afrika drent! – No, und was wollt's? Habt's no nia nöt a Kater g'hört, wia der auf die Döcher nachts sei Ständchen zum Monde auffi miauzt?«

Grad geht's Lenerl wieder vorüber mit an frischen Krügerl.

Der Mirt wirft ihr einen Blinzler zu: »No, söll is do allewei klar, daß die drei Ding z'samm g'hörn: der Mond, und 's Fensterl'n und die Katzenviecher!«

»Mirt!« schreit der Sepp. Mehr bringt er nicht raus. Ihm würgt was in der Kehle.

Aber's Lenerl hat die Sprach nöt verlor'n:

»Is a Deandl für Enk Loder nur grad' wia a Bleamerl, wo a jed's brochten derf vom Weg?«

»Schau, schau! I moanet: bist aa koa heuriger Haas mehr, daß d' dös alles so viel guat woaßt!«

»Von mir selm kunnt i 's nöt wissen,« sagt's Lenerl und werd rot. »Aber von meine Kameradinnen han i 's grad genua g'hört! Dane han i von Münka aufi, ganz a G'scheite, an anderne vom Pustertal, vane vom Allgäu. Und alle haben's dös selbige g'sagt: auf dera ganzen Welt san die Buabm nix nutz!«

Der Sepp hat si derhoben. Das z'widere Geschwätz von der Lene acht' er nöt. Mit die Fäust' hebt er si am Zirbentisch und schaugt gradfort auf die Luchskraill'n.

»Mirt, magst a Handelschaft mit mir?«

»Sepp, i sag dir's: trink' an Weichbrunn, der laßt oan an jeden Verdruß vergessen.«

»Mirt, i frag' noch oanmal: magst a Handelschaft hab'n?«

»No, no, wann's dir Ernst is, – warum nacher nöt?«

Weiter sagt der Mirt nix. Putzt si 's Nas', falt' sein Sacktüchel. Na steht er auf. »Irzt kimm!« –

Totenstille im Zimmer, als beide zur Türe hinausgehen. Nur der Herr Förschtner kann sich's Lachen kaum verbeißen. Den anderen ist zu Mute, als ob draußen der Sepp jetzt dem Teufel seine Seele verkaufe.

Und so ist's. Der Gottseibeiuns kommt zu ihm, aber in längst bekannter Gestalt: als Jagdteufel. Und der Sepp hat sich ihm verschrieben. Noch am selbigen Abende reist er ab. Ohne mit dem Hias wegen der Moni abzurechnen, fährt er mit der Bahn drei Tage und drei Nächte, wie der Mirt es ihm aufgeschrieben hatte: über Salzburg, Wien, Ofen bis nach Kronstadt an die Grenzen der alten Türkei.

Der Mirt aber schmunzelt, und der Förschtner denkt: Büaberl, di san mir los!

»Schaug, Sepp!« hatte ihm der Mirt gesagt, »bist do selm a Jaager und kennst di aus! Die Kraill'n da, wenn i dir 's aa geben tat, kunnt dir dengerscht nix nutzen! Selm muaßt dir oane holen und rechtschaffen verdeant muaßt 's sein. Derbarmen tuast mi, Bua, weilst so dalkert bist!«

Der Sepp hätte dem Mirt in diesem Augenblicke alles geglaubt. Ja gewiß: selber der Mann! Das war ganz sein Fall! Und der Mirt verriet ihm alles: nicht nur gegen das Vermeinen schützen selbsterbeutete Luchskrallen, auch den Krampf heilen sie. Und die Hautflechte, die man Zitterachen nennt, vergeht, wenn man sie mit der Kralle umringt. Den Augenstar kann man damit reißen. Und, dem Deandl in die Lebensfurche der linken Hand gedruckt, macht solle Kraille die Harbste völli verruckt nach dem Jaager!

»Aber ba'm jungen Monde mußt 'hn fang'n, den Luchsen! Denn woaßt, die Kraill'n san wia die Mondsich'l! Und söll ist's ganze G'hoamnis von eahnere Kraft!«

Wie wild brannte der Sepp auf dies Erzmittel. Aber ins Ungarland – so viel weit tät das sein! Ob's nöt in die Alpen umanand a gehen kunnt?

»Naa, Freundl,« gab ihm der Wirt gewichtig zur Antwort, »den letzten Luchs in Bayern hab'n's scho Anno achtzehnhundertvierzig bei Hindelang im Allgäu g'schossen! Hübsch oaner is aa g'fangen im Tritteisen. Da waren in der Franzosenzeit im Allgäu zwoa Jaager, Vater und Sohn, Schorschl und Kaspar Angerer ham si di g'schrieben, die hab'n in achtundvierzig Jahren g'wiß dreißig Luchs gefangen, und a Werk is g'wen mit die Viecher, die liaber im Eisen na annehmen tat'n. Die meisten san in die königliche Kuch'n kommen, wo die hohen Herrschaft'n na dös Luaderzeug g'fressen hab'n. G'seg'n's Gott! I tät's nöt mögen! Für Gambsen und Recher und für d' Hahnen war dös woll a schlimme Zeit. Aber für die Jaagersleut war's guat! Denn's Jaagerrecht für 'n Luchs war besser als wia füar 'n Bären. Ein Gulden un dreißig is' g'wen, und dös war a Fetzen-Geld dazumalen. Wia der letzte Luchs, bei Hindelang in Bayern, hin war, hat's in Karnt'n no geb'n. ›Risa‹ hoaßt man da bei die Windischen in die Karawanken den Luchsen. Heunt san's alle hin, der letzte ist im Siebzigerjahre g'seg'n. Im Bregenzer Walde, am hohen Iffer, hat amol a Luchs sechshundert Schaf' in den Abgrund gejagt. No, dös is lang her! Der letzte is dort achtzehnhundertfünfundachtzig abig'schossen. Im Tirol der letzte Anno achtzehnhundertzweiundsiebzig vom Färber Mathoy ob Tanders, wo man den Kofl ›Pitz lat‹ hoaßt. Im Bündnerischen derft woll no ab und zu oaner sein. Aber für so einbildnerisch hätt' i di nöt glaubt, daß d' akrat den derwischen möcht'st. Aber in die Karpathen, – ja du mein, da san's no grad g'nua! Woaßt: an Oachkatzl nimmst af's Tritteisen oder an Nußhacher, – sölle mag er gern, der Luchs! – –

No, und was is?« setzte der Alte hinzu. »Moanst ebba, a Roas ins Ungarland war glei wia nach Amerika? Grad zwoa, drei Täg mit dera Bahn und da bist! Söll wirst dengerscht kapieren?«

Also ist der Sepp losgefahren. Und der Vierzehnender hat sei Ruah, bis er wieder z'schreien anfangt und derselbige fürnehme Jaager kimmt auf'n Herbst!

Dulliädihüh, dulliöh!

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