Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Bley >

Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 25
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
Schließen

Navigation:

Die Gambsschützerinnen

Allerheiligentag. Klar stehn die grauweißen Grate der Dolomiten in den tiefblauen Himmel hineingeschnitten. Und kristallrein braust die Fella zu Tale, ins Welschland hinaus. Am Rande der Wiese bei Stein und Dornbüschen summen verflogene Berghummeln um Thymian und letzte Bergastern. Vom Gries am Schienoutz sind sie herabgeflogen, die Hummeln. Bald wird der Frost ihnen den Garaus machen. Nur ihre Weiseln, die sich in die Tiefe des mit Immenbrot ausgepolsterten Baues droben zurückziehn, werden im Lanks das neue Leben begrüßen. Aber die Vertriebenen, Verflogenen ficht das wenig an. Heute noch und morgen und, wer weiß, vielleicht noch bis Mitte Nebelungs, wenn der Hochzeitstanz der Gambserln droben beginnt auf dem ersten Schnee, lacht ihnen im Sonnenscheine das Leben! Und ihr Summen erfüllt den Herbsttagsfrieden nach dem Hochamte mit stillfröhlicher Feierlichkeit, wie sie dem Tage gehört.

An der Schattseite des »Turmes« prallt der Südost ab und trägt aus dem dunklen Kare dem Tale feine Kühlung zu. Und doch ist um den Fluß und die fröhlichbelebte Straße, um die Bauernhöfe und Keuschen mit ihren Gärtlein in allem die lebenbejahende Stimmung des Südens, die noch dem Nebelung seine Freuden aufprägt. Rot glüht an allen Talhängen noch die Berghauswurz, und Aurikeln senden weithin ihren süßen Duft, Bergastern geben den tropfenden Felsen anmutvolle Farbe.

Zwischen Vesper und Aveläuten ziehn glückliche Paare straßauf, straßab. Vor dem »Schwarzen Bären« stehn in Gruppen die Männer, die Joppe über die Schulter gehängt, fast jeder eine Spätnelke im Munde. Und dem Schwarzroten vom Küstenlande wird wacker zugesprochen.

Drinnen im Stübel, in dem einst der alte Ramoser gesessen, ist der Förschtner von Lusnitz beisammen mit dem Jagdgaste, den der Lebensherbst auch nun schon hübsch angegraut hat. Aber sonst ist er noch derselbe und sein Geschirr auch.

Alter Jäger, alter Gams,
Reif im Bart und grob das Wams!

Und wieder wie damals geht der Dischkurs um die Gambsei'n. – Ja, ja!

Und um denselbigen Bock von übermorgen. Drüben am Schienoutz soll er stehn im Kare, wo der Turmspitz aufragt. Und von dem Kare will der Förschtner nichts wissen.

»Baleibes nöt. Mehrschlimm geht's da zua!«

Ist noch ein lebfrischer Jaager, der Förschtner, ein Mann in seinen besten Jahren. Und dass er sich vor dem Türken nicht fürchtet, davon wissen die aus Bosnien ihre Stuckerln zu verzählen. Aber wie gesagt, von dem Bocke im Kare dort droben will er nichts wissen. Aber drucken tut's ihn schon und – no ja, a Lutherischer ist der Herr doch eh!

»Aber, 's geht wirkli nöt!«

Langsam trinken beide aus. Dann ruckt der Förschtner noch a bissel zum Herrn. Und dann kimmt's so brockweis aussi, was er am Herzen hat. San woll viele Gambsei'n droben am Schienoutz und Turme. Aber an oanziger Bock is in die Laatschen bei die Stoaner, a Mords-Trumm dazu». Aaber – –

»Nun?«

»I sollt's Enk nöt sag'n, Herr!«

Der Förschtner schaugt si um. Klopft behutsam sei Pfeiferl aus. Und – – -

»Nun?«

»Os miagt's ja all's as dumms G'red estimier'n, Herr! Aber was Wahres is dran, i hab's sölm d'erfahren: der Bock im Kar drob'n is der heilige, der weiße mit die goldigen Krickerln! Und wer den d'erschaugt, muaß sterb'n!«

Hochauf schaut der Jäger. Der Förschtner vor sich nieder. Und beide schweigen.

Nach einer Weile fragt der Gast ruhig:

»Weiß, sagt's ös? Ganz und gar schlohweiß?«

»Söll schon nöt, am Buckerl und Halse mehr silbergrau!«

»Und die Krucken?«

»Blaßgelb!«

»Ein Albino also,« denkt der Jäger bei sich, »für das Älplervolk aber der Goldgehörnte! Einerlei: den muß ich sehn!«

Und dann, zum Förster gewandt, fragt er gelassen:

»Habt's eahm denn g'seg'n, den Weiß'n?«

»Woll, woll! Mangari – ös derft's nöt lachen, 's ist schon wahr, was i sag. Hätt i ehm decht liaber nie nöt g'seg'n. Als i hoam kemma bin, hat sie mei arm's Wei g'legt. All's G'lob'n af die Betschnur, all's Opfern für die Schmerzhafte is umasunst g'wen. Noch in demselbigen Monet is mei arm's Wei am Freithof g'leg'n! Schaugt Herr, i woaß ja woll grad g'nua, daß dös alls sündhafter Aberglaub'n ist, aber so oft i drent am Grabe steh, seh i den weiß'n Tuifl und moan, er hatt's tan. So g'wiß wie's Amen in der Kirchen!«

Schweigend trinken beide aus.

Vom Kirchlein tönt das Aveläuten über Dorf und Tal.

Der Förschtner bekreuzigt sich. Dann drückt er dem Herrn die Hand und geht.

Der steht noch ein Weilchen am Fenster und schaut zwischen den Rosenstöckln hinaus auf das herüberdämmernde Gebirge.

Des Försters Geschichte hat ihn nachdenklich gestimmt. Und altes Erinnern ist mit ihm von Sagen aus dem Tirolerlandel und weiterher. Er denkt an keltische Vorzeit, an versunkene Glocken und ihre Hüter tief, tief im schottischen Meere, und an die Glocken hoch droben im Eise von Tanneneh in Tirol. An Avalun und die Gralsburg. Und an Huldas Paradies und die Saligen Fräulein über dem Kaunsertale und ob der Morin. Der weiße Bock mit den goldenen Hörnern, gewiß, das ist ja Freyas Steinbock gewesen! An seine Stelle ist der Gambsbock getreten. Unter dem Gepatschferner, da ist früher das Avalun der Berge, das selige Reich der gottgefeiten Liebe gewesen, das Alpenparadies für Adler und Gambsgeier, Murmenteln und Alpenhasen, Urhähne und Spielgeflüg, Schneewild, Flühvögel und Gambserln. Uralte Arven, mächtige Alpenrosen und Hochtalweiden umsäumten den Garten Gottes und ein schlohweißer Gamsbock mit goldenen Krücken stand als Wächter vor dem Eingange zu dem Kar.

In der Kram drüben bei den Windischen nennen sie den Goldgehörnten den Zlatarog, was ja dasselbe ist. Aber doch auch nicht dasselbe! Denn die Windischen sind ein stumpfsinniges Volk mit breiten Kinnbacken, dicken Stumpfnasen und großen Mäulern. Und aus der schönsten reinsten deutschen Sage haben sie eine gemeine Schatzgräbergeschichte gemacht, weil sie in ihrer Dummheit nichts wissen von der Seligkeit der Sehnsucht nach dem Reiche der reinen und tiefen Himmelswahrheit. Die Deutschen sind halt auch nicht mehr die Deutschen von ehedem, und so bejubeln sie die windische Verschandelung der reinsten Alpensage! Die Welt ist halt auch anders geworden. Die Habsucht der Menschen hat die Saligen vertrieben. Und nur der weiße Gamsbock irrt hier und da noch herum. Und wer ihn sieht, muß sterben; denn es gibt niemand mehr, der würdig wäre des Reiches der ewigen Wahrheit und der reinen Liebe.

Wehe dem Wissenden! Alles, alles dies ist uralten Ursprunges! Welch wundervollen Zauber haben diese Kelten über alles Land getragen, das ihr Fuß betreten hat! Und wie hat germanische Innigkeit diese Harfentöne unsagbar süßer Wehmut von Schottlands ginsterüberblühten Hochhalden aufgefangen und in traulicher Herzlichkeit ihnen Form und Gestalt gegeben!

Und du, was hat dich hergeführt, um dies reine Wunschglück zu zerstören?

Nicht nur mit der Kugel aus weithin treffendem Stutzen, die den weißen Bock unter dem »Turme« in die dunkelen Zündern betten wird – nein, mit deinem Wissen von dem Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Runenlieder!

Einheitlich verlagert liegt vor deinem Blicke von Island bis zum Ganges hin die geschlossene Masse arischer Mondsagen, aus denen die Sonnensagen sich entwickelt haben, wie aus dem Mondjahr das Sonnenjahr. Der Mond als Sinnbild des Werdens, Vergehens und Wiedererstehens aus der Schattenwelt, die Sonne als sieghaftes Gestirn des Wahrheitsdranges und der Heldenkraft: deutlich weist diese Übereinstimmung auf gemeinsame Heimat hin! Über ihr, dem einstigen Lande Thule, liegt das Packeis oder rollt seine Wogen das rauschende Meer. Weit, weithin sind längst die alten Völker gewandert, die ehedem die hochnordische Heimat bewohnten, manche bis zu den Durstfeldern verbrannter Länder, in denen ihr nun gebräunter Leib verschmachtet wie ihre Seele. Aber, wie in der Tiefe der Muschel noch immer die Sehnsucht nach der Meeresheimat rauscht, so klingt aus den Sagen aller Thule-Völker die unzerstörbare Kindheitserinnerung der arischen Menschheit an die dreißigtägige Morgenröte, die der langen Wintersnot voll düsterer Bangigkeit folgte. Der Schwarzmond an Hels winterbleichem Mittagshimmel und die sommerliche Mitternachtssonne waren ja Merkmale, die diesen Zeitpunkten zu zähem Gedenken verhalfen. Jauchzend preist die indische Veda die Morgenröte auch noch in einem Lande der ewigen Tag- und Nachtgleiche, die das Tagesgestirn in hastiger Gleichgültigkeit für braunschwarze Menschen heraufführt, die ihrerseits längst nicht mehr, wie einst ihre blonden Ahnen, erröten können.

Die Jägervölker sind dem alten Thulewilde gefolgt, das bei der ersten Vereisung südwärts wich. Aber wie die edelsten Tierformen, der Edelhirsch, Wisent, das anmutvolle Reh, als die edelste aller Antilopen unser Gams, und als stolzeste aller Wildziegen der Alpensteinbock, der Heimat erhalten geblieben sind, so ist mit dem Nashorn, Nilpferde und Elefanten, der Giraffe und den Großantilopen auch der Neger frühzeitig abgewandert und über die in der alten Urheimat erreichte Stufe nicht hinausgekommen, während der Arier in der harten Auslese des Nordens die Eigenschaften entwickeln konnte, die ihm die Herrschaft über die Erde sichern. Und geblieben sind ihm in der alten Heimat mit dem edelsten Wilde die herrlichsten Sagen! Sollen auch die nun wirklich restlos verschwinden? Willst du im Ernste morgen dem Heiligen der Sage die Kugel antragen, um mit ihm den Zauber dieser Berge zu zerstören?

Du willst es nicht. Aber du wirst es tun!

Weil du ein Jäger bist, im Herzen noch immer den wilden unbezwingbaren Urtrieb, mit dem der Vormensch dem Höhlenbären nachgeschlichen ist, um dem Erlegten das warme Mark aus den Knochen zu schlürfen!

Und weil neben diesem sinnlichen in dir ein geistiges Erbteil des Eiszeitmenschen mit unbezähmbarer Gewalt noch wirkt: das Begehr, den Schleier zu heben von dem, was droben die Sterne und hienieden das kreisende Leben der Menschheit lenkt!

Darum wirst du zum Mörder an der Scheu vor den heiligsten Rätseln der Geistesgeschichte! Tausendfach schlimmer ist dieser Mord, als der Schuß auf ein einzelnes Lebewesen. Und dennoch wirst du jubeln und mit Alpenrosengrün den Hut dir schmücken, wenn auch dies Geheimnis entblättert vor dir liegt, wie der Bock vom Kare der Saligen dir seine Krucken lassen muß!

Dennoch! Und die Welt wird dich als doppelten Sieger feiern und beneiden!

Schau, wie dort drüben über der Gamsmutter der junge Mond heraufsteigt: wird dir nun erst der reinste Zauber des Reiches der Saligen kund? –

*

Dennoch!

Noch in der Allerheiligen-Nacht ist der Jäger zur Hütte unter dem Schienoutz aufgestiegen, um nicht am Tage Allerseelen frommes Empfinden zu stören. Droben hat er den Schnerfer ausgeladen, den alten Stadl gesäubert und frische Fichtenzweige zum Lager aufgeschüttet. Zum Aufstiege am schmalen schiechen Rande unter dem Turme hin wär's eh zu spät. Also hat er abgekocht, einen Schwarzen getrunken und dann, wie der Abend kam, hinabgeschaut auf das Tal, aus dem es feierlich zu ihm heraufblinkte in der klaren kühlen Nacht. Auf den Kirchhöfen drunten feiern sie im Kerzenglanze an blumenüberschütteten Gräbern mit ihren Toten das Fest Allerseelen.

Heidnischen Mummenschanz nennen es die weltabgewandten Diener der eigenen Kirche des Jägers. Und doch, wie seltsam ergreift es das Herz, dies Alpenvolk in lichtheller Freude an den Gräbern seiner Lieben zu sehen, als gäbe es in Wahrheit keinen Tod! Wo mag der Ursprung dieses im Grunde doch echt deutschen Brauches zu suchen sein? Sicherlich nicht in den Katakomben der verfolgten Christen, nicht in der Weltflucht finsterer Asketen! Wie Grüße von Freya und Baldur flimmert es zu dem Fremden empor. Und sinnend meint er, drunten den Förster zu sehn am Grabe von seinem jungen Weibe.

O Avalun, Reich der Saligen, bist du als Tod das Ziel und Ende aller Sehnsucht, das dein heiliger, weißer Bote verkündet?

Langsam dunkelt droben im Geschröff der rosige Anhauch des Abends ab. Und über den im Nebel weich verschwimmenden trümmerbedeckten Schründen, schmalen Sätteln und scharfen, steil aufragenden Nadeln, die das einsame Gambsparadies umgeben, leuchtet nur noch der Felsturm in der Krone leichten Neuschnees in die hellblaue Nacht hinein.

»Und wärst du der Wächter der Hölle, dein weißes Geheimnis entreiß' ich dir doch!«

Die Nacht zieht hin, und die Lichter auf den Kirchhöfen drunten verlöschen mählich; dafür flimmern am Himmel alle Sterne auf. Es ist, als ob die fernsten und kleinsten persönlich dabei sein wollten, wenn morgen früh der Sagenhafte zum Gewände zieht. Der Jäger schürt das Feuer, wickelt sich fester in den dünnen Lodenmantel und streckt sich auf der Fichtenstreu in der Thaie zu kurzem, erquickendem Schlafe aus. Längst ehe die Firnen sich färben, muß er hinaus, um vor dem Tage in der Scharte am Kar zu sein.

Bei herrlichem Lichte geht es an schmalen Bändern und auf dem von jauchzenden Gießbächen glattgewaschenen Gesteine dahin. Vor Tau und Tage macht der Jäger am Karmunde Halt und läßt dann das Fernglas arbeiten. Über den Laatschen drüben stehen Gams, und sie ziehen herüber.

Als das Büchsenlicht sich bessert, steht eine Kitzgais an der Ritsche und äugt zurück zum Kamine. Dort an den Steinen regt sich was Helleres. Zwei, drei Stück ziehn herab auf die Grasbänder.

Der dort drüben steht wie angemauert. Jetzt hebt er den Grind – er ist's, der mit den Goldkrucken! Nun vorwärts, fein stad und vorsichtig hinüber!

Aber da webt es im Kargrunde herum wie graue Gespenster. In langen Schleiern wallt es empor, zerflattert und verweht, um wieder zusammenzufließen, als reichten Nebelgeister einander die Hände. Wie ein Reigentanz gaukelt es um Stein und Laatschen, ballt und staut sich, immer fester und immer dichter. Als der Jäger das Band unter dem Turme erreicht, sieht er sich vom Schrecken des Gebirges, den Gamsschützerinnen, gefangen.

Trotz alledem! Vorwärts!

Er kennt ja das gefährliche Band, und um Mittag wird der Spuk ja weichen. Unter der Wand hin tastet er, Schritt für Schritt gewinnt er den Abhang. Auch der Abstieg gelingt, ohne daß ein Steinchen geht. Nun vorwärts über wilde Ritschen, schroffe Runsen und klare Sickerwässerlein, hinauf und hinab – da steinelt es über ihm. Ein Gambs ist hinauf, am Wasser steht im weichen Boden die frische Fährte: ein Teufelskerl von Bock!

War es der Gesuchte?

Der Nebel verwehrt jede Antwort. Immer dichter zieht er um den Turm und zwingt, an den Heimweg zu denken. Noch einmal steinelt es: droben im schützenden Mantel der Saligen steht der Abgesprungene.

Und das Herz des Jägers gibt Antwort: er ist's, der gefürchtete Todesbote!

Langsam nur geht der Abstieg von statten. Als der Saumpfad erreicht ist, rastet der Jäger, frühstückt und denkt an das im Nebel liegende Leben im Tale, an das Geheimnis im Kare über ihm. Und es will weder Zorn noch Wutärger noch Bedauern in ihm aufkommen.

Wie der Nebel dort am Köpfle, das der Morgensonnenschein trifft, balgen sich in seinem Herzen Lichtalben und Nibelunge. Lachend klopft er sich aufs Herz und trinkt dem anständigen Kerle da drinnen eins zu, damit er »den Nibelung unterkriegt«.

Gott sei Dank, daß der Schuß verhütet ist. Nun mag der Weiße leben bis zum Ende der Alpenwelt!

»Mach dich doch nicht lächerlich!« raunzt der da drinnen. »Möcht's hören, wie du juchazen tät'st und blasen, wenn er jetzt geknebelt auf dem Schnerfer hinge, der heilige Bock! Ach du mei – –«

»Maul halten, du Lump! Wahr ist's: den Hut hätt' ich geschwenkt und einen Juchzer aus den Kniekehlen raus gerissen, wenn der Goldgehörnte vor mir liegen tät'. Und mit dem Horne hätt' ich die Saligen zum Ländler geladen. Aber hinterdrein hätt' ich mich zu Tode geschämt – damit du's weißt! So, nun gib dich! Jetzt packen wir auf und gehn zur Hütte!«

Aber hart geht sich's selbst auf dem Saumpfade bei dem Kruzitürkennebel. Und warum auch eilen? Ist es nicht zauberhaft schön, wie von allen Laatschennadeln die hellen Perlen funkelnd abtropfen und die ganze Welt in lautloses Träumen versunken ist?

Ist nicht auch diese Feierstille der Gambsschützerinnen Gabe? – – –

»Bäa-uh!«

Rupp, rupp!

»Bäa-u!«

Alle Wetter, die grobe Stimme! Wie zu Stein erstarrt steht der Jäger, und mit kaum merklicher Bewegung hebt er den Büchsriemen über den Kopf und den Stutzen langsam an der Brust herunter.

Entsichert, fertig!

Rupp, rupp! – Wie kommt der Rehbock hier oben herauf?

Nun, nur Geduld, du wärst nicht der erste, den wir im Nebel erwischten!

»Böb, bob, bob! Bäa-u!«

Scheinst dich nicht auszukennen, alter Bursche? Wollen dir antworten: Bäa-uh!

Rupp, rupp, rupp!

Wie ein Elefantenküken steht er da im Nebel.

Peng!

Da schlägelt er in den Laatschen.

Ein Mordskerl und noch mit vollem Aufsatze! Ein braves Gewichtl noch obendrein! Siehst du, du Lump da drinnen, den haben die Saligen geschickt als Opfer an des Weißen Stelle! Kannst du das bestreiten? Na, wenn du hübsch still schweigst, sollst du auch den letzten Schluck haben, der in der Flasche ist. Prost!

Eine Stunde später hängt der Rehbock am Holznagel der Hüttenwand, und seine Leber wird am Feuer geröstet. Der Jäger wartet auf den Förster, der gegen Abend kommen soll. Vor ihm aber kommt ein anderer: Wind. Noch dazu aus der Heimat im Norden! Der pfeift um die Höhen, bläst alle Runsen rein und jagt den Nebel davon.

Wie wär's, wenn man's doch noch mit einer Birsch versuchte? Als der Jäger in halber Höhe am Grate hinschleicht, steinelt es unter ihm im Graben bei den Grünerlen. In dem Laatschengestrüpp steigt ein Mordskerl von Gamsbock herauf.

Der hat's nicht eilig. Den treibt nicht die Liebe! Alleweil macht er ein Steherl und schaut abwärts. Was ärgert ihn da? Immer näher steigt er heran. Nun, so wird's bald gehn!

Als es schnallt, gibt auf den Widerhall des Schusses drunten ein heller Juchzer Antwort. Der Förster ist's! Er hat unten im Graben Holz angewiesen, ist gleich auf dem nächsten Wege heraufgestiegen und hat dem Jäger den guten Bock zugedrückt.

Und was für einen! Einen richtigen Prügelbock, teufelsschwarz und mit dicken Pechkränzen an den Krucken mit neun Jahresringen!

»Hab ihn woll g'seg'n, den Loderer! Aber daß ös grad so kommod droben wart'n tätet, söll hab i do nöt geahnt!«

»No, weil wir 'hn nur ham!«

Schnell ist der Bock aufgebrochen. Und nach einer halben Stund hängen die beiden Hubertusböcke nebeneinander an der Hüttenwand. Und über die Täler und Gräben hin schwingen sich die weichen Rufe: Rehbock tot – Gams tot!

Da juchzt am Steige unter der Hütte noch einer. Der Sepp, der auf der Kraxe eine Korbflasche mit Schwarzrotem mitbringt. Und am Feuer werden die Hubertusböcke noch einmal totgeschossen und totgetrunken.

Da meldet sich heimlich wieder »der Lausbub« in der Brust des Jägers: »das Doppeltschießen und Doppelttrinken kannst du doch nicht lassen!«

Willst du ruhig sein! Von dem Erlebnisse dieser Morgenfrühe hab ich kein Sterbenswörtlein verraten. Und Opfer der Gambsschützerinnen sind und bleiben die Hubertusböcke doch!

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.