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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 24
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Tütvagelheide

»Kümmst ut de Angst gor nich rut,« heult Jochen, als ihn der Bullkater tüchtig auswäscht, »in'n Sommer, wenn't dunnert, und in'n Winter in'e School!«

Wild wie das Unwetter hinter heftiger Eilung längs der See hergefahren kam, ist es vorübergerast. Nun blitzen die Tropfen in Strandhalm und Seemannstreue, und die krummen Hängebirken, die einsam auf Tütvagelheide hindösen, blinken schön sauber und frischgebügelt im Abendsonnenlichte, das wie gelbrote Stichflammen unter dem grollend abziehenden düsteren Gewölk hervorbricht.

Jochen lacht schon wieder. Wenn keiner heutzutage mehr Hütejunge sein mag, er ist's gern. So weit der Himmel blau und die Heide rot ist, gehört ihm die Welt. Kein Mensch kümmert sich hier um ihn, und nicht einem fragt er nach. Wie schön es sich hier draußen liegt zwischen verblühendem Heidekraute und dem rot lodernden Porste vom Erlengrunde. Mollig, sich so den trockenen Sand aus dem Fuchsbau durch die Finger laufen zu lassen und dem blitzenden grünen Käfer oder dem Fluge der Vögel zuzuschauen! »Äwerst de School, de School; nich rut kümmst ut de Angst!«

Jetzt muß Jochen nämlich auch im Sommer hinein, zweimal wöchentlich. »Na jah, dat is jo denn ok woll nödig. Wegen Rechnen un Schriewen un bibelsche Geschichte von Zefanzahn un Habakucken und Maleachi'n un ...«

Verdammter Bengel, was hast du dabei zu grieflachen? Jochen hat sich bäuchlings auf seine Jacke gelegt, stützt den Flachskopf auf die Fäuste und trocknet die Barfußsohlen im Abendwinde. Er kann sich nicht halten, läutet in der Luft mit den Beinen und muß mit der Sonne lachen. Halblaut grient er vor sich hin: »Na jah, dat wier ok wedder to dull gistern!«

Der Herr Schulinspektor war da, der es nicht leiden kann, wenn den Jungen der Schnabel plattdütsch steht, wie beim alten Kantor. Was hat er gescholten, oh! Und fragte alles, was Jochen nicht wußte: von den Königen in Juda, von den Kindern Aarons und den Kindern Issaschars und von Zefanjahn un Habakucken und alle den andern, die ein ordentlicher deutscher Junge kennen muß. Und dann kam die Ottegravieh, die Jochen schon gar nicht leiden kann, weil daß sie »dämlich« jetzt ohne »h« schreiben sollen, und was er, der Herr Inspektor ist, der heißt doch selber Dehmel mit 'nem h! Das hat Jochen den Jungens in der Zwischenstunde verklart, und Müllers Krischahn hat gepetzt, und darauf ist Jochen ein Donnerwetter über den Kopf gekommen. »Dat wier noch duller as de Bullkater von vörhen! Je ja, je ja, kümmst ut de Angst nich rut!«

»Tlaüh, tlaüh, taüh; tütt-tü-tü-tüht!«

Der Junge dreht den Kopf: »Is dat soo? Siid ji all door?« Das kommt davon, wenn einer mal einen Tag lang nicht auf Posten ist! Wahrhaftig, sie sind da, alle miteinander sind sie da, die großen Tütvögel, nach denen die Einöde hier ihren Spottnamen hat. Ist ja auch ihre Zeit! Alljährlich im August versammeln sie sich hier an der Küste, die großen Brachvögel oder Kronschnepfen, wie sie in der Schule heißen. Aus dem Norden kommen ihre Scharen, und von den Wiesen und Luchen im Binnenlande, wo sie gebrütet haben, kommt Flug auf Flug herbeigestrichen; und einer kann immer schöner wie der andere: Tlaüh, taüh, tüih-tüht! Mit abnehmendem Tonfall im Rufe klappt eben dort ein Alter die weitspannenden Flügel hoch zusammen, stellt niederschwebend die langen Ständer auf den Sand und deckt sich dann langsam mit den Fittichen zu. Und dann putzt er sich mit dem gebogenen Langschnabel, zupft sich den kurzen weißgrauen Stoß zurecht und streicht sich das Brustgefieder glatt.

Jochen kennt das alles. Und kennt auch die herrlichen Flötenrufe, die nachts um diese Zeit die übers Meer herbeiziehenden Geschwader der Brachvögel herabschicken, ehe sie selbst sich niederlassen zu den Gefährten auf der Tütvagelheide. Er kennt sie aus den Wiesen her, wo sie im Frühling im Balzfluge wetteifern mit den meckernden Himmelsziegen, den Bekassinen, und kennt auch das Jugendkleid ihrer halbflüggen Jungen, die er oft in der Voßmaratz zwischen Seggestengeln und Binsen gegriffen und dann wieder laufen gelassen hat. Dort brüten sie. Aber ihre Lust und Seligkeit, das ist die freie Palwe am rauschenden Meere, der Strandhafer in den Dünen, wo sie die Riesenohrwürmer aus ihren Sandhäufchen herausholen, die sonnverbrannten Heidelbeeren am Hünengrabe. Aus Schweden kommen jetzt auch die Regenbrachvögel; sie treten aber in kleinen Trupps auf und sind auch am hellen Mittelstreifen auf dem Kopfe zu kennen. Na, überhaupt, der Regenpfeifer ist ja viel schmächtiger als unser großer; das weiß man doch! Der Herr Kantor meint, sie seien schwer zu unterscheiden. Aber man kennt sie doch an der Stimme, der Regenpfeifer trillert, und unserer flötet. Das weiß doch jeder Hütejunge! Man muß nur mal gehört haben, wie so ein Großer sein Weibchen sucht oder wie er klagt, wenn nach ihr geschossen ist! Ach-chott, ach-chott, klingt das kläglich: »Tlaüh, tlauih, tlau-ühd!« Jochen kann das fein nachmachen und lockt sie immer dicht an sich heran. Namentlich wenn er liegt, haben sie gar keine Scheu vor ihm. Aber sobald er sich rührt und sie merken, daß sie genarrt werden, stoßen sie ihren Warnruf aus: Tüihüd, tüd, tüd, tüüd! Und dann geht es in hohen Bogen um den Störenfried herum.

Ja, wenn einer so die hellen lauen Nächte hier draußen liegt bei seinem lieben Vieh, da lernt er was auf Tütvagelheide! Das Trompeten der Kraniche und das Schwingenrauschen der Schwäne, das so feierlich klingt. Jochen kennt auch ein Lied, das die Großmutter sang von »drei Schwanen ut Norrlands Königsgoren«; aber singen mag er das nicht, nur flöten tut er es still und sachtchen eben vor sich hin. Singen ist ihm zu schanierlich!

»Nu kiek eens den Racker, hett allwedder een!« Richtig, da rennt der grüne Laufkäfer mit einer Fliege in den scharfen Zangen seinem Loche zu. Das Unwetter hat sich nun verzogen. Der Sand der Dünen glänzt wie matter Sammet, es will Abend werden. Die Sonne zieht Wasser. Ihre Strahlen zittern auf dem Farbengewoge der Heide, aus dem Porste und Röhricht der Voßmaratz steigen leichte Dämpfe auf und tanzen in bleichen Schwaden um glotzende Weidenstümpfe und zerzauste Birken. Der Rehkiefer, der dort im Sande bleicht, leuchtet auf einmal hell auf wie Elfenbein, und durch die Luft klingeln Stockenten fernen Feldern zu, wo die Gerste auf der Schwad liegt. Pui, pui, pui, wich, wich, wich! Noch ein Schoof; dies Jahr sind sie rar, die Dürre vom vorigen hat Moore und Brücher ausgedörrt. Jochen kennt das alles, er treibt ja jeden Tag sein Vieh diesen Weg, der eigentlich gar kein Weg ist, sondern bloß die ungefähre Richtung zwischen Krähenbrink und Lüttenhagen. Wegweiser gibt's nicht auf Tütvagelheide. Mit den stahlblauen Augen, wie die Menschen sie hier haben, wo man nur Wasser und Heide sieht und den Abendwind schon vormittags riecht, findet jeder auch ohne Wegweiser zurecht. Jochen kennt jeden kleinsten Strauch, jeden Rehwechsel und jedes Loch, wo der Dachs gestochen hat, jede Birke, die noch voll Maibaumshoffnung grünt, und jeden alten, von Wind und Wetter plattgedrückten krummen Knüppelknast, der die Zweige hängen läßt wie ein lahmer Storch die Flügel. Viele Menschen kriegt er nicht zu sehen, aber diese wenigen kennt er so gründlich wie sein Spitz. Sie machen ihm aber nicht so viel Spaß wie das, was um ihn herum krabbelt, kriecht, hopst und fliegt. »Nu seh einer man blot den Ameisenlöwen! Jetzt het he all de sößte in sinen Trichter!«

Der Abend rückt langsam vor. Ein Schauer trägt von feuchten Birken schweren Duft herzu, und aus der Voßmaratz kommt der herbe Ruch des Porstes, vermischt mit fauligem Brodem des Bruches herüber. Eine Mooreule streicht über den Jungen hin, daß ihr Sammetfittich ihm die Wange streift. Wieder ziehen Enten, aber anders klingt es diesmal. Knäkenten sind es, die in der Nähe einfallen. Enten sind sehr was Schönes, keine Art wie die andere. Löffelenten und Kricken und Moorkricken und Braunköpfe und die Spießenten, die so schön fliegen können. Das muß man im Frühjahr zur Reihzeit sehen, je ja! Aber im Winter ist's auch schön, wenn die See bedeckt ist mit Tausenden von nordischen Gästen, von denen einer bunter ist wie der andere. Aber dann muß Jochen ja zum Herrn Kantor und zu Zefanjahn und Habakucken! »Je ja, de School, de School, kümmst ut de Angst gor nich rut!«

Bald ist die schöne Zeit vorbei, da er dem Herbstzuge zuschauen darf, wenn die Wanderfalken in Scharen aus Schweden herüberkommen und sich Wegzehrung auf Tütvagelheide greifen. Bald streicht auch mal ein Seeadler, von Rußland her kommend, hier vorbei; und die großen Raubmöwen jagen über die Heide dahin: Agg, agg, agg! Wo die wohl herkommen mögen? Jochen sieht sie schon auf Elendsweite herjagen, und ehe gedacht, sind sie vorbei. Aber was greifbar ist, nehmen sie im Fluge mit.

Später, wenn der Nebel bretterdick über der Küste liegt, kommen aus Rußland auch die Seidenschwänze mit den bunten hübschen Deckfedern, und die großen Wacholderdrosseln, die zusammen auf den Knirkbüschen Wacholderbeeren ablesen, und die putzigen Birkenzeisige mit dem roten Brustlatze und den roten Flämmchen auf dem Kopfe. Viel singen können sie nicht. Und schöner klingt es wohl, wenn in der Mainacht die Sprosser in der Voßmaratz sich eifersüchtig anschmettern. Aber ausrücken, wenn der Winter kommt, das kann jeder! Der kleine Zeisig aber harrt aus und singt dazu. Nicht bloß der russische, sondern unser Schwarzkopf auch. Das gefällt Jochen, der sich über alles das so seine Gedanken macht in seinem »Dummejungenverstande«.

Nein, was mag er das Zeug gerne hier draußen auf Tütvagelheide! Zu und zu schön ist's hier! Denkt doch bloß an die Wassertreter und die Säger und die Sturmvögel – »alle Dage wat Nües!« Aber die liebsten sind Jochen doch »seine« Grabgänse. Eigentlich ist die Brandgans ja gar keine Gans, schon mehr eine Ente. Aber der Streit regt Jochen nicht auf. Er kann das lateinische s nur deshalb so hübsch an die Tafel malen, weil er dabei an den zierlich getragenen Hals seiner Grabgans denkt. Und weil es am Strande nicht Höhlen und Röhren genug gibt, buddelt er selber welche und freut sich wie ein Schneekönig, wenn ein Pärchen darin brütet. Pfiffig muß er dabei zu Werke gehen und mit einer Hacke an langer Stange tief, sehr tief die dünnen Gänge herauskratzen. Sonst sind die Nester gefährdet durch die Weiber, die der Gans die weichen Federn stehlen, die sie sich aus der Brust rupft, um damit ihre Eier zu bedecken, sobald sie vom Neste geht. Diese alten Weiber stehlen auch oft die Eier. Aber nie hat Jochen denen ein Nest verraten, und an seine Gänge kann keine ran!

Dafür hat er jetzt seine Freude an den Jungvögeln, die anfangs August die Bruthöhle verlassen haben und nun dort auf dem Bruche im Röhricht stecken. Zu spaßig ist das, wenn sie herauskommen und mit den Alten spazieren gehen! Zu spaßig – – zu – –

Ja, was hat denn der Junge? Er schirmt die Hand vor die Augen, und dann reckt er sich auf. Ah, ja so: ein Mensch! Kommt der aber langsam angeschlichen!

Spitz knurrt schon und läuft ihm entgegen. Wird schon ein rechter Bummler sein, hier draußen zu so später Stunde! Da hat der Hund einen Haske aufgetan. »Spitz, willste hierher! Spitz –« ja der! Erst muß er den Krummen in die blaue Pechhütte gejagt haben, dann kommt er jachend und hechelnd wieder. Jochen steckt zwei Finger in den Mund und pfeift – jawoll! »Kümmst ut de Angst nich rut;« denkt Spitz. Auf dem Sandhügel am Weidentümpel bleibt er liegen; mit den Prügeln eilt das ja nicht so sehr! Und schließlich dreht Jochen sich lachend um und wartet, daß Spitz von selbst wiederkommt.

Da ist der Fremde inzwischen heran. Herrgott, das ist ja wohl wahr und wahrhaftig der Herr Schulinspektor! Was will denn der hier studieren?

»Heh, du da. Junge, komm mal her!«

Jochen rührt sich nicht. Er denkt genau wie Spitz: »Dat ihlt jo nich!«

»Junge, komm doch mal her, will dich was fragen!«

Jochen denkt: Frag nur, ich kann schon hören. Näher kommend, ruft der Herr Schulinspektor:

»Wo geht hier wohl der Weg nach Lüttenhagen?« –

»Süh dor: wat helpen ehm nu sin' Zefannjah un Habakuck!«

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