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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Spätherbstfäden

Im zerwühlten Kartoffelfelde bricht die Bache mit ihren Frischlingen nach den letzten Knollen. Der Bauer vom Kraigenbrink wird morgen seine helle Freude haben an dieser nächtlichen Arbeit! Unter zerrissenem Gewölke ruft die Wildgans. Gick–ack–gack–gaaick–gickgack! Weit von Sibiriens Eismoorsteppe kommt sie her. Jetzt strebt sie offenen Gewässern an deutscher Küste zu. Der alte eckige Kirchturm von Bollenthin, der in breiter, klotziger Masse aus dem Nebel aufragt, das ist ihr Wegweiser. Gick, gaaik, gaaik, aaaa–i, aaa–i, gack; gaaik! Und richtig: dort die müde alte Hängebirke und ihre Gefährten, die Knirkbüsche auf der einsamen Heide von Kraigenbrink! Rauschend läßt der Flug sich herab, und hochaufgereckt sichert er sich ein am Rande des großen Bültenbruches. Nur das Quieken der Frischlinge dringt herüber. Sonst kein Ton in der nächtlichen Stille. Da beginnen die Grauen zu rupfen. Ab und zu ein leises »Gack«. Sonst Schweigen ringsum, tiefes, nebelbanges Schweigen. Auch der alte Ganser, der abseits der Sippe steht und wachsam sichert, nimmt schließlich Gras auf. »Gack, gick, gack!« Zufriedene Gäste!

Tiefrot dämmert's im Osten. Da steht die ganze Gesellschaft auf und fährt mit Brausen durcheinander. »Gick, gack, gack, gick!« Doch bald gliedert sich alles, Gans hinter Gans, in schräger Reihe strebt der Zug über glitzernde Seen und blinkende Flüsse den großen Saatbreiten im Lande der Müritz und Tollense zu. Hoch über Dörfern und Feldern klingt es jauchzend von fröhlicher Fahrt: »Gick, ack, aaa–ik, aaa–ik, gack!«

Über Kraigenbrink will der Nebel nicht weichen. Langwallend nesteln seine Schleier sich an die einsame alte Birke, und mit tastenden Fangarmen umhalsen sie die dunkeln stachelnadligen Knirkbüsche, die gar nichts nach ihnen fragen. Nur mühsam löst die Heide nun, da die Morgensonne es schließlich gar zu gut meint, Schleier um Schleier von ihrer braungoldenen Pracht, zuletzt das feine Busenfürtuch, das am Mieder von rotbraunen Moorbüschen sich festgehäkelt hatte. Und dann glättet sie ihr von tausend Perlen blitzendes Brokatkleid unter dem klaren Hellblau des Spätherbsthimmels. Kein Lerchenliederjubel mehr und kein buntes Blütenspiel gaukelnder Falter, wie zur Sommerszeit. Aber rings ein stilles Frohlocken und traumseliges Leuchten. Glückstrahlend verstreut die einsame alte Birke ihr Blättergold – bald, wenn der Stiem über die Heide hin wuchtet, wird sie verzweifelt ihr langes Rutenhaar raufen. Worauf hofft sie eigentlich noch? Und was ist in die alten Knirkbüsche gefahren? Denken sie nicht daran, wie sie rucken und zerren werden an ihren Wurzeln, wenn der wilde Schneetanz beginnt? Wie verklärt stehen sie da im heiteren Morgenlichte, als seien sie Pinien im lachenden Weinlande Italien und nicht die einsamen Wirte nordischer Wachholderdrosseln auf der öden Heide von Kraigenbrink! Braunrot jubelt und leuchtet der Porst, glänzend wie Rotlack der sonnenverbrannte Heidelbeerstrauch, altgoldig schimmert das längst verblühte Heidekraut. Und doch ein feierlicher Ernst in all dieser Herbstglückseligkeit. Durch die hellhörige Luft zieht es wie Glockenton, der weit, weit her hallt aus heimlichem Lande. Wie Abschied von Heimat und Jugend klingt es und wie Abstreifen der Erdenschwere und seliges Hingleiten in weite, schweigende, sonnenbeglänzte Fernen. Und atemlos lauschen Baum und Busch und Strauch dem Rufe aus der fernen feierlichen Andachtsstille.

Eine junge Eidechse, die nach Grashüpfern und Spinnen jagt, klettert auf die Spitze eines Heidekrautbusches und hält dort mit leuchtenden Augen Umschau. Neugierig und verdutzt schaut sie der Fahrt zu, die unternehmungslustig der Samen der alten Hängebirke jetzt antritt. Jedes Korn wird von zwei pergamentartigen Hautansätzen wie von abgestumpften Schmetterlingsflügeln getragen. So braucht es nicht zu Füßen der alten Mutter niederzusinken und im Gewimmel der Tausende elendiglich verderben. Frei schwingt es sich, vom Sonnenglanze losgelöst aus der geschwisterlichen Gemeinschaft, hinab und fährt im Gleitfluge dahin in die weite schöne Welt. Oh, so weit, so beseligend weit: bis an den weichen Saum des Bültenbruches oder wohl gar bis zum Poggenpfuhl hinüber, wo es in Gesellschaft von Schicksalsgenossen einen neuen Wald begründet! Gewiß, tausend werden auf Stein und Unland hilflos niedersinken, verdorren oder verfaulen. Aber was liegt daran, wenn nur eins von tausend den Boden zu fröhlichem Wurzelschlagen findet!

Die Weißbirke drüben am Bruche hat ihren Samen noch besser ausgerüstet zur fröhlichen Lebensfahrt, sie hat ihm eine Ankerzunge mitgegeben, die in feuchtem Boden sich festhakt. Aber keiner segelt doch so schön und sicher als die Früchte des Wollgrases, der krausen Distel und des Weidenröschens, die stiellos an ihren Federkronen befestigt sind. Wie kleine Luftballons durchqueren sie die durchsichtige Luft, denn ihr Haarschopf mit seinen trockenen Fäserchen behält seine Tragkraft in allen Höhenlagen, und jedem Hindernis weicht er nachgiebig aus. Selbst der Regen kann sie nur in langsamem Gleitfluge zur Erde niederdrücken. Aber kommt dann die liebe Sonne wieder und trocknet die Fäserchen aus, so kann die Reise mit dem nächsten Winde lustig weitergehen.

O wie köstlich diese herbstlichen Morgenstunden mit ihrer durchsichtigen Helligkeit nach nebelfeuchter Frühe, mit ihrem feinen, langsamen Übergange von fröstelnder Kühle zur leichten Wärme. Mit ihrem Blühen von verspätetem Löwenmaul, winzigen Stiefmütterchen und weißgestirnter Miere, diesem Lebensmute, der allen Todesdrohungen des Winters und allen Stürmen des Herbstes trotzt. Immer wieder ringt er, nach eisigen Schauern, sehnend dem Lichte zu und will nach noch so trübem Nebelmorgen doch seinen Frühling träumen.

O du leidbefreiter Sonnengedanke in herbstlicher Welt!

Am blauen Distelkopfe der Seemannstreue hängt ein zartes, weißes Gespinst. Eine letzte Tauperle funkelt darin. Hoffnungsvoll unternommene Fahrt hat da am Abende ihr Ende gefunden. Aber schon ist die fleißige kleine Luftschifferin an der Arbeit, um einen neuen Flugkörper zu bauen. Einen Teil des gestrigen Fadens hat sie, als sie festhakte, damit gerettet, daß sie an ihm in die Höhe kletterte und dabei das zurückgelegte Stück sich um die Beine wickelte. Jetzt hat sie die Spitze des Wacholderstrauches da drüben erklommen, stellt sich dort auf den Kopf und spinnt aus dem röhrenförmigen After und den zwischen den Eingeweiden gelagerten Drüsen einen neuen Faden dazu. Ähnlich wie die Seidenraupe aus der Unterlippe ihren Faden herausarbeitet. Das geht flink; denn der arme kleine Weber hat bei guter Kost genug Rohstoff angesammelt.

Wie ein Fähnlein flattern die ersten feinen Fädchen im Winde. Nun weiß die Spinne, woher der Wind weht, dreht den Kopf nach der Windrichtung und spinnt Faden auf Faden, bis ihrer genug sind, sie zu tragen. Dann wirbelt sie sich um sich selbst, um die Fäden im Unterteil zu einem Tragseile zu verflechten, läßt dann alle acht Füßchen zu gleicher Zeit los und stößt, den Rücken nach unten gekehrt, ab. Unterwegs verstärkt sie das Gewebe unausgesetzt durch neue Fäden und segelt so, emporgetragen vom warmen Sonnenschein, jubelnd in die weite, schöne, himmelblaue Welt.

Recht tut sie daran. Denn auch ihrer waren, just wie beim Birkensamen, viel zu viele im elterlichen Neste. Zwischen Blättern des Erlenbusches am Rande des Bültenbruches hatte dies gelegen. Eifersüchtig hatte die Mutter die Eier bewacht, die sie in einem prallen Säckchen im Juni dort abgelegt hatte. Aber je mehr die Kleinen gediehen, desto größer ward die Sorge ums liebe Brot. Bis der Weinmond kam mit herbstlich klarem Sonnenschein und die herangewachsene Brut nun selbständig genug geworden war, um aus eigener Kraft ihre Schicksalsfahrt anzutreten. Denn sie haben ja kein festes Schloß mit Gitter und Keller, wie ihre ansässigen Verwandten, die Rad-, Trichter- und Röhrenspinnen. Ihnen gehört nur die Weite, die sie durchsegeln, frei wie der Vogel und vogelfrei.

Vielleicht geht die Reise nicht weiter als gestern, etwa bis zur nächsten Stranddistel oder einem Windhalme, an dem der Faden sich fängt. Dann muß die Gestrandete morgen von neuem beginnen.

Aber oft trägt umschlagender Wind die kleine, rötliche Seglerin weit, weit hinaus auf das blaue Meer. Dann muß sie spinnen, spinnen, spinnen, um sich selbst zu erleichtern und ihr Schifflein tragfähig zu erhalten, bis die letzte Kraft erlischt und ihrer Tausende, die der Wind über Wasser dahergetragen hat, schließlich niedersinken und vergehn. Andere vielleicht finden besseres Heil und segeln über herbstliche Fluren goldigschimmernden Buchenwipfeln entgegen, dorthin, wohin die Graugänse in dieser Nacht ihren fröhlichen Flug genommen haben. Leicht kann dann die luftige Fahrt beendet werden. Die Spinne klettert einfach am eigenen Faden hinauf, wickelt diesen wie ein Knäuel um ihre Beine und läßt sich so, wie an einem Fallschirm, im Gleitflug zur Erde nieder.

Auf alle Fälle dauert der Flug immer nur bis Sonnenuntergang. Denn mit Abkühlung der Luft sinkt der Faden und nötigt die Luftschifferin zur Zwischenlandung und Aufsuchung eines Obdaches für die Nacht. Erst wenn am nächsten Morgen die Sonne neue Wärme spendet, kann die Reise weitergehen.

An den drei Knirkbüschen bei der Hängebirke ist die Hauptstraße der Marienfäden; ihrer Hunderte hängen da in den Wacholdernadeln fest. Ein Jägersmann rastet dort jetzt mit seiner Schweißhündin. Er hat dem Keiler nachgespürt, der auch in dieser Nacht nach der Bache drüben im Kartoffelacker gebrochen hat. Auch diesmal ist er erst frühmorgens gekommen; denn seine Fährte hat die der Rotte zertreten. Morgen früh will der Jäger ihn am Rückwechsel erwarten. Jetzt steht der Sinn ihm nicht nach Wild und Jagen. Kann es Schöneres geben, als das stille Traumglück solcher sonnigen Spätherbststunde? Langsam dockt er den Riemen auf; dann streichelt er Freya den ausdrucksvollen Kopf, den sie mit treuherzigem Aufblicken ihm aufs Knie gelegt hat. Nachdenklich läßt er die Fäden vom Knirkbusche durch die Finger gleiten und freut sich, als er sie dem leichten Lufthauche zurückgibt, ihres Weiterfluges.

Gar manchen Tag hat er aus diesem Versteck heraus heraufziehen sehen. Denn vor Jahren schon hat er die Büsche mit dem Weidmesser an den Innenseiten ausgeputzt, daß sie eine lebendige grüne Hecke bilden; hat Plaggen zum Sitze gepackt und für die Füße ein Loch ausgegraben, in dem sie sich behaglich strecken können. Hier hat er den Frühling belauscht, wenn die Spielhähne ringsum kullern und das Rehwild auf dem Bruche sich zusammenzieht, um die Weidenröschen zu äsen, deren Samen jetzt im Herbste so lustig segelt. Hier hat er dem Grauganser die Kugel gegeben, als der heraufziehende Tag ihm den ganzen Flug bei der Äsung am Bruche zeigte. Hier hat er dem Kiwitt und dem Tütvagel zugenickt und am Meckern der Himmelsziege sich erfreut, hier am lauen Sommerabende dem roten Bocke aufgelauert und hier in klarer Winternacht den Fuchs geschossen, der bellend auf der Fährte seiner Fähe schnürte.

Und hier hat er den Marienfäden seines Weidmannslebens nachgesonnen, die ihn gen Ost und West geführt haben, um jenseits blauer Meere Neuland für frische Arbeit zu suchen.

Ehe geahnt, ist darüber der Herbst des eigenen Lebens herbeigekommen. Um die Schläfe spielt es silbergrau, und durch den Blondbart ziehen sich weiße Fäden. Aber das Weidwerk ist immergrün und ewig treu.

Horch! Noch immer dieser geheimnisvolle Ton in der Luft, wie aus unendlicher blauer Ferne! Wie aus einer kochenden Muschel, in der das Meer in tausend ewigen Erinnerungen rauscht.

Herz in dem Wechsel der Zeiten, bist du noch immer jung?

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