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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 21
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Der Gams vom Totenkar

Im »Schwarzen Bären«. In den Gläsern funkelt der Schwarzrote vom Küstenlande. Aber die zwei, die jetzt über den Tisch gebeugt am Dischkurieren sind, haben über ihre Kreidestriche und Fleckerln ganz aufs Austrinken vergessen. Der alte Förschtner Ramoser ist's und sein neuester Lehrling. Freilich auch kein heuriger Has' mehr: einen Vollbart trägt er und am Schädel angehenden Mondschein, als sei ihm im Kloster die Tonsur ausgefleckt. Aber doch des Förschtners Lehrling, und grad jetzt bei dem Spekulieren und der Zeichnung auf dem Tische handelt sich's um Lehrvertrag und Freispruch.

Das kam nämlich so. Als der Jagdgast vor Jahren zum ersten Mal zur Birsch hier am Steinernen Jäger und Unter der Gamsmutter kam, musterte er im stillen die Grünjoppen vom Tale. Waren woll alle woiterne Steiger und sakrische Jaager gewiß! Dürr und wetterbraun und dazu unter buschigen Brauen Augen mit Adlerblicken. Die Stutzen nicht gerade von der neuesten Art, alle noch für Schwarzpulverladung. Aber gut beisammen; man sah's dem sauberen Schießzeuge an, daß es sein Kügerl auch sauber mitten ins Blattschwarz bohrte. Der norddeutsche Gast, der seinen Stutzen um die halbe Welt getragen hatte, soweit sie einsam und menschenleer ist, war bald kein Fremder mehr unter diesen sehnigen, schneidigen Kerlen. Aber was er auf dem Herzen hatte, mochte er doch keinem von den »Grünschnäbeln« sagen, die alle noch in den Vierzigern steckten, wie er selbst. So ging es im zweiten wie im Vorjahre. Der Förster vom Orte oder der Holzmeister brachte den Gast auf der Birsch auf Gams an oder ließ ihn zur Brunstzeit »a bissel hihocka«, um einen alten Raufbold zu erwarten. Ab und an drückte ihm der großmäulige Kowatsch aus dem windischen Dorfe wohl auch mal an der hinübrigen Seite vom Tale auf dem Zwangswechsel einen Alten mit dicken Pechkrucken heraus. Und waren gute Kerle unter der Beute, einer ein Mordsprügelbock, wie er lange nicht aus dem Berge herausgetragen war.

Wenn solch einer an der Hüttentür hing, schlief sich's doppelt gut in kalter Herbstnacht auf der Fichtenstreu im Stadl, durch das der Wind in daumsbreiten Ritzen pfiff. Und daheim die strahlenden Augen von Weib und Kind, und gar das Erstaunen der Freunde, wenn beim »Sechsachtelschoppen« im »Rosenheck« die Krucken von Hand zu Hand gingen. Manch eine von denen hätte eine Medaille verdient, wenn dem Erleger das Ausstellen nicht zu dumm vorgekommen wäre.

Was zum Kuckuck liegt denn an solch einem blanken Klimperdinge und was an dem Gaffen und Wundern der Zechgenossen, die vom Gebirge und von der Jagd noch weniger verstehen! Herrgott, sakra, das ist keine Jagd: sich so an einen Bock ranschieben zu lassen, grad bis er da steht und nichts zu tun bleibt, als draufzuknallen. Und in all der Herrgottspracht alleweil den Führer hinter sich wie die Kindsmagd mit der Ludel! Rein zum Auswachsen ist's für einen alten Wildnisgänger, der in der Jagd die Freiheit sucht und liebt! Und für ihn stand es fest: so durfte die Geschichte nicht weitergehen, so nicht! Aber wie loskommen von diesen lieben Menschen, denen die Augen vor Freude blitzten, wenn's am nächsten Morgen wieder los ging hinein in die klare kalte Nacht?

Der hohe Gerichtshof in Klagenfurt hatte endlich ein Einsehen und half. Zwei Weiber hatten gerauft, zwei Windische, und sich dabei wacker in die Naslöcher gegriffen, die dazu eh wie geschaffen sind. Und geschimpft und gescholten hatten sie einander zum Grauen. Die Förschtner vom ganzen Tale, die gerad vom Rapport beim Forstmeister kamen, hatten dabei gestanden und lachend zum Frieden gemahnt, was natürlich die Tapferkeit der Streitenden nur noch erhöhte. Und nun gab's einen großen Fez am Landgerichte wegen Ehrenbeleidigung. Das halbe Tal und die ganze Forstpartie mußte nach Klagenfurt. Jessas, Jessas, die Hetz!

Nur einer blieb zurück, ein schmächtig ausschauendes Mannderl von damals zweiundachtzig Jahren, der alte Ramoser vom Forsthause unter der Raibler Scharten. Abends kam er im Auftrage des Forstmeisters und fragte, ob der Herr morgen in der Früh mit ihm gehn möcht, im Schartengraben müßt er halt a bisserl nach italienischen Wilderern ausschauen, die da gern jetzt über die Grenze kämen und den ganzen Graben ausräumten. Dann könnt man die Gambserln leicht auf der herübrigen Sonnseiten treffen. Zu Schusse sollt der Herr woll kommen.

Um halber fünf am nächsten Morgen, als der Gast an den Fensterladen des Forsthäuschens klopfte, das wie ein Schwalbennest an den Fels über der Raibeler Straße angeklebt ist, war Ramoser schon munter frischauf und gleich bei dem Herrn. Der Wind blies hübsch kalt zum Tale heraus, aber der Alte ging wie immer im offenen Hemde, das Hüaterl hinten auf den Bergsack gebunden, in dem auch kein Greisl zu viel war. Grad ein paar Äpfel, sonst nix.

»Bal van z'vui frißt, nacha kriagt er a Durst, un bal er a Wasser sauft, schwitzt er, un nacha friert er drob'n an der Schneid – und wann er si verkühlt, na is er ba'm Teifi!«

»Stimmt, Förschtner!«

»Söll is für a Jaager grad g'nua: a Apfel oder, bal's hoch kimmt, zwoa!«

Dabei nahm der Alte einen Schritt wie ein Sechzehnender, so daß der Gast bitten mußte, anfangs a bisserl langsam anzugehen, bis man auf Stein komme.

»Ja, ja, die Berg g'falln manchem, wann lei 's Steig'n net war!«

Aber dann bog er doch rechts ab, und auf felsigem Steige ging's weiter in dem geruhsamen Knieschritte, der so langsam scheint und so wacker fleckt. Ehe das blasse Grün der Dolomiten in Dunkelrot überging, standen die Jäger auf der Schneid am Einödkar und blickten schweigend in die sanftgeneigte Tiefe, in der die Morgennebel von Krummholz und Alpenrosen flatternd Abschied nahmen.

Der Wind begann an der Sonnseite aufwärts zu ziehn. Die Schatten unter der drüberen Wand wurden matter; über die Schneid brach das Licht herein. Die Jäger waren niedergesessen. Tick, teck, tack – tong: drüben steinelte es.

Ramoser arbeitete schon mit dem Spektiv. Der Jagdgast zupfte ihn leise am Ärmel und ruckte dichter an ihn heran.

»Woll, woll, sella Bock kenn i guat gnua! Aber i wüßt's hart inz'richt'n, dem anz'kemma.«

Hm, freilich: auf dem Bande stand er sicher! Von oben nicht einzusehn. Und sobald sich von unten was regte, barg ihn ein Satz in die Laatschen.

Aber von hier aus sollte der Schuß nicht zusammenzubringen sein? Der Gast setzte auf seinen Streifenlader das Fernrohr, stützte den Ellenbogen aufs Knie und zielte sich ein.

»Kruzitürken, ös werd's do net schiaß'n!«

Peng! – –

Drüben schlegelte der Bock in den Laatschen.

»Blattschwarz abgekommen!« antwortete der Schütze gelassen.

Der Alte schaute entrüstet auf den Herrn und dann mit dem Spektiv auf den steintot drüben liegenden Bock.

Dann seufzte er und kraute sich den weißen Kopf.

»Da soll der Teifi heunt Gambsbock spial'n!«

Der Gast lachte und sie kraxelten hinüber zu dem Bocke. Mit dem ersten Griffe fühlte der Herr nach den Krücken. Sakra, das Mordspech und die trutzigen Hakln.

Ramoser besah den guten Blattschuß und wendete den Bock. Kein Ausschuß, doch unter der Decke fühlte er das gestauchte Kügerl. Mit ein paar Griffen war der Aufbruch getan und der Bock zum Auskühlen gerichtet.

Von der Laatsche brach der Alte einen Trieb, tauchte ihn in Schweiß und legte Haar vom Einschusse darauf. Dann auf dem Messer dem Gaste den Bruch reichend, sagte er mit einem seltsamen Zittern in der Stimme:

»Da, Herr, nehmts den Bruch! Aber i bitt schön, sagt's baleibes drent koaner Seel nöt, wia weit ös hi'g'halt'n habt! I müßt mi z' Tod d'erschamen!«

Dabei blitzten die alten Augen unter den weißen Brauen.

Der andere aber stand beschämt. Dann warf er den Ehrenbruch zornig weg. Gewiß, der Schuß hatte gut gesessen, aber weidmännisch war er deshalb dennoch nicht!

»Hier meine Hand, Förster! Und Dank für die Lehre, Ihr seid mein Mann!«

Ramoser starrte den Gast mit offenem Munde an. Der fuhr mit dem Handrücken über die Stirn. Aber dann kam's heraus, was ihm so lange das Herz abgedruckt hatte. Wie sie so abstiegen und der Alte es sich bei Verzürnen nicht hatte nehmen lassen, den schweren Bock zu tragen, da kam's brockweise heraus. Wie der Fremde sich gut genug bewußt sei, daß das alles keine Gamsjagd ist, was da heutzutag getrieben wird. Und ob Ramoser ihn nicht als Lehrling nehmen möcht und ihn zum richtigen Jaager erziehn, von Grund auf und vorne an? Wie sie so im Bachbette von Stein zu Stein kraxelten, hatte der Fremde sich das alles von der Leber heruntergeredet. Dann an der Straße, als sie a wengerl rasteten, hatte der Alte nachdenklich hinübergeschaut auf die Gräben am Gewänd, als weilten seine Gedanken in der alten, alten Zeit, da er noch selbst als Lehrbub bei seinem Vater selig war. No, und dann sind sie einig geworden in der Handelschaft. Der Gast hat seitdem immer nur gebeten, ob nicht der Ramoser ihn führen dürfe. Und zwischen ihnen ist's ausgemacht, daß im heurigen, als im dritten, Jahre der Herr sein Gesellenstück machen solle: einen alten Prügelbock allein sich ausmachen, allein angehn und abends vom Buckel abliefern im »Schwarzen Bären«. Also, so ist's halt gekommen! Und jetzt bei dem Dischkurse dreht sich's um den Krüselwind im Gamsmutterkar. Aus Welschland drüben kommt ja nicht mal ein guter Mensch, geschweige denn ein guter Wind. Und wenn der dort oben sich stößt, ist alles gefeit. Aber schließlich, so wie der Herr es vorschlägt, mag's gehn. Also in Gotts Nam!

Sie trinken ihren Wein aus, und mit »Weidmannsheil« verläßt Ramoser das Herrnstübl, um durch die Nacht heimwärts zu stapfen.

Um Mitternacht ist auch der Jagdgast draußen und schaut empor zu den im Glanze der kalten Sternennacht geheimnisvoll flimmernden Dolomiten. Dort oben zwischen den hohen Stöcken liegt das heimliche Kar, wo der alte Exzellenzbock steht, – so heißt er, weil ihn der Exzellenzgraf von Wien gefehlt hat vor drei Jahren, als er ihm plötzlich, um eine Ecke biegend, gegenüberstand. Keiner ist seitdem mehr auf den alten Schlaumeier zu Schusse gekommen.

An der Straße hier unten flüstert's wie Totenlied in trocknen Maisstengeln, und wie Todesgeruch weht es vom dürren Fallaube herüber.

Vorwärts! Vor Büchsenlicht muß der Jäger am Sattelgries sein, wo das Edelweiß so viel schön tut wachsen und der Ausblick auf das Köpfle am Karmunde ist, auf dem der Alte einsiedelt.

Auch droben an der Schneid klingt das Lied vom Tode. Wenn der Föhn oder sein Widerpart, der Nordsturm, um die grauweißen Stämme abgestorbener Zirben pfeift, die gleich gespensterhaften Leichen ihre Arme hilfeheischend gen Himmel recken. Unter dem Leichenfelde heißt man's verwegen »das Totenkar«. Und noch aus anderem Grunde. Unter einem tischgroßen Steine, den kein Kreuz und kein Zeichen schmückt, liegen seit alter Zeit zwei Lumpen aus Italien, von deren Ende nicht mal die Raben wissen.

Der Wind zieht talabwärts heute, nach Welschland hinaus. Da bleibt nur der Aufstieg im Bache möglich. Eine halsbrecherische Kletterei! Durch die Grünerlen in die Höhe, vom Gischt durchnäßt und in hartem Kampfe mit den niederwärts gesträubten Zweigen. Doch höher hinauf wird's besser. Da senken nur noch herbstliche Genzianen ihre dunkelblauen, von blaßgrünen Blättern getragenen Blüten schämig zum tosenden Wasser hernieder. Auf der Wurzel einer herabgewaschenen Baumleiche zwitschert, mit dem Sterz wippend, die Alpenamsel. Und der Wind zieht hier gegen die Schneid hinauf.

Am Sattel droben tritt das Spektiv in Arbeit. Auf dem Spitz des kleinen Köpfels, das mitten im Kare sich erhebt, hat der Alte seinen Platz. Richtig: da steht er schon und schaut wie gestern hinab. Er weiß, keiner kann ihm da ankommen.

Aber wart nur, Brüaderl! Man muß sich halt nur in deinen Bläßschädel a bissel hineindenken!

Der Jäger schaut auf die Uhr, dann schlieft er vorsichtig zurück und wendet sich dem Steige zu, der von der Schafalm herabkommt. Er braucht dort nicht lang auf den Halterbub zu warten, den er herbestellt hat. Und der Toni nickt nur, als er kommt. Weiß schon Bescheid.

Also kraxelt jetzt der Jäger weiter, in der Spalte hinab auf den Kargrund, soweit er gedeckt ist. Inzwischen steht der Toni auf dem Sattel frank und frei und ruft, als ob er seine Ziegen locke: »Gees, Gees, Gees!« Dann läßt er sich geradewegs hinab und geht am Schattenhange des Köpfels hin.

»Gees, Gees – Gees!«

Der alte Bock ist schon verschwunden. Auf den Hang an der Sonnenseite ist er getreten. Ehe er dort Umschau halten kann, ist der Jäger unter Wind unter den Laatschen am Schattenhange, wo eben der Toni durchgegangen ist. Der Bub aber kraxelt jetzt in der jenseitigen Karwand hoch. Jetzt steht er droben, und klar klingt es herüber: »Gees, Gees!«

Dann geht der Bub zurück und geht, immer noch rufend, an der Sonnenseite durch. Ruhig ist ihm der alte Bock ausgewichen. Denkt nicht daran, dem Lausbuben zulieb sein Köpfel zu verlassen. Grad nur auf die andere Seite tritt er. Aber – da hat si's g'feit!

Peng! – –

Ringsherum trägt der Widerhall den Knall.

Und wie der Toni den Rabenschwarzen in die Steine abikug'ln sieht, geht er in die Kniee und reißt einen Juchzer. Dann jodelt er, daß das Gewänd im ganzen Kare rundum singt: Dulliähdihüh, dulliöh!

Drüben unterm Steinernen Jäger hat Ramoser den Schuß gehört und schmunzelt. Dann hält er die Hand ans Ohr. Ah, jaso! Woll, woll, da kommt's herüber über Berg und Tal in hellen und klaren Tönen. Erst weich und ruhig und dann lebhaft auffrischend und zu hellem Jubel und dann getragen verklingend der Hornruf: Gams tot!

Zwei Stunden später liegt das Gesellenstück vor dem »Schwarzen Bären«, der alte Trutzbock vom Köpfl im Totenkar, dem keiner gekonnt hatte, weil er jedem Versuche, ihn anzubirschen, auswich und, sobald er die Treiber vernahm, sich aus dem Kreise stahl. – –

Den alten Ramoser deckt nun längst die kühle Erde. Aber an den sonnigen Nachmittag, an dem vor dem »Schwarzen Bären« der Freispruch seines Lehrlings begossen wurde, erinnert diesen ein hübsches Bild. Und das hat auch noch seine kleine besondere Geschichte.

Grad als die Förster und Jagdgehilfen nach Vollziehung des feierlichen Weidmannsbrauches lustig beim Tottrinken waren, rollte ein Wägerl heran, in dem die Frau Hauptmann von den Jägern aus der Grenzfeste saß, die natürlich wissen mußte, was es hier so Lustiges gab. Und dann wollte sie eine Aufnahme machen und bat und schmeichelte solange, bis Ramoser »lieb« war und den Gamsbock aufruckte, um sich und den Herrn zusammen im Graben hinter dem »Bären« am anstehenden Gesteine aufnehmen zu lassen. Was die Herrin will, will Gott. Also zog man lachend ins kleine Tal hinein.

Grad in dem Augenblicke kam Kowatsch, riß Maul und Nase auf, und dann stammelte er verwundert:

»Jessas, Jessas, hiaz tragts ös woll die Gambsei'n in'n Berg eini!«

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