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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Garnspinnen

Bimm, bamm, bomm!

Die Glocke vom Olander Kirchlein.

Über Langeneß her trägt der Wind ihren dünnen Ton über das Watt zu der Hallig herüber. Noch vor Stunden Sturm und Brandung. Jetzt hat der blanke Hans den strengen Befehlston abgebrochen, still und hellhörig liegen Luft und Wasser unterm Lichte des Vollmondes, der die Wolken frißt. Den Schwerklang der Nebelhaufen drückt er fort, und alle heimlichen Farbenwunder der Nacht tun sich auf über dem glitzernden Meere.

Da zieht es selbst die verliebten Seehunde von der Bank ins Wasser. Langsam treiben sie, bis zur Brust herausgehoben, auf der mondbeglänzten Fläche dahin. Und dann wieder lassen sie in übermütigen Kopfsprüngen ihre tolle Fröhlichkeit aus. Denn dies ist ihr Reich, die unberechenbare, bald wütend stürmende, bald silbern blinkende oder im grauen Nebel träumende See!

Wo sind die alten Utlande geblieben? Von verschollenen Dörfern erzählt sich das Friesenvolk, von Glocken, die in stillen Nächten von versunkenen Türmen aus der Tiefe herausklingen. Was ragt dort aus dem Sande hervor? Ein Leichenstein mit verwitterter Inschrift! Ein schlafender Strandvogel darauf. Und dort: verschlammtes Gemäuer, vielleicht der Rest eines Brunnenkranzes oder einer Warftmauer. Vielleicht der Grundstein vom Altare eines zerstörten Kirchleins! Wo sind sie geblieben, die fruchtbaren Inseln, die ehedem fetten Weidegrund für schweres Vieh und fröhlichen Menschen traute Wohnstätte boten?

Tiefer sinkt die Nacht herab. Da schwimmt einer auf weiter Wasserfläche daher; sichernd hebt er den dunklen Kopf mit den sammetweichen Sehern. Ihm war, als habe er einen seltsamen Ton gehört.

Bimm, bimm!

Abermals lauscht er auf. Die Nickhaut hebt sich bis zum letzten Reste über den dunklen Sehern. Der muskellose Gehörgang, der unter Wasser durch besondere Muskeln verschlossen war, steht weit offen.

Bimm, bomm, bamm!

Jetzt lauschen auch die anderen auf. Alle Süßigkeit des Liebestaumels ist vergessen.

Bamm, bimm, bamm, bomm!

Mit geheimnisvoller Macht zieht der seltsame ferne Vierklang die ganze Sippe in den Priel. Und, bis zur Brust aus dem Wasser erhoben, streben sie verzückt der Quelle des feierlichen Wohllautes zu. Erst als das Geläute des Kirchleins verschweigt, kehren sie zu ihrer Bank und zu ihrem Liebesspiele zurück. Aber noch immer hallt der Ton, der sonderbare, rätselhafte Zauberlaut, in ihrer Erinnerung nach. Und es ist, als ob der geheimnisvolle Ruf aus der Menschenwelt sie mächtig gelockt und angezogen hätte.

Die blinkt jetzt aus kleinen Fenstern der Halligenhäuschen in traulichem Frieden über das Watt herüber. Der letzte Sommergast ist abgezogen. Die Stranddörfer atmen wieder gesundes Behagen. Der Plunder von Fremdart, der die Friesenhäuser in den Hochsommermonaten zu abgeschmackten Modenestern gemacht hatte, ist nun vorbei wie ein kurzatmiger Mummenschanz. Keine Blechmusik mehr stört abends des Herrgotts Strandfrieden. Die Böte, die im Sommer nur zu müßiger Kurzweil die See belebten, sind ihrem ernsten Berufe zurückgegeben. Die Küstenfahrer sind heimgekehrt von ihrer letzten Reise, und ihre Schiffe liegen im Hafen vor Anker.

O die Seligkeit, wenn nun in den blitzblank gehaltenen Häuschen am alten Kachelofen das Leben der Schummerstunde beginnt! Wie sind sie dann reich, die armen Halligen!

Porzellan und Silbergeschirr im Glasschranke funkelt im Helldunkel, auf dem Tische sauberes Linnen; in der Ecke auf dem Bücherbrette steht ein ehrwürdiges altes, stark vergriffenes Hausbuch, die Bibel, in die seit Urväter Tagen Freud und Leid der Familie eingetragen ist. Und auf einer glasierten Kachel an der Ofenstirn steht der Spruch zu lesen:

Durch Schiffahrt und durch Robbenfang
Ernährt Gott viele Leut und Land.

Zwischen diesen Erinnerungen geht das »Garnspinnen«, wie die seebefahrenen alten Graubären es nennen, sachtchen eben und hübsch bedachtsam hin und her, wie der Tickel an der alten Uhr im messingbeschlagenen hohen Gehäuse. Weit genug sind sie alle herumgekommen! Und haben doch die Herrlichkeit der schönsten Länder nicht vertauschen mögen mit dem harten Leben hier auf der rauhen Hallig. Nord, Süd, Ost, West – tohus is best! Sind ja auch starke Fäden, die das echte Friesenherz mit der Heimat verbinden – Herrgott, welche Mühe und Plackerei klebt an jeder Scholle von ihrem zähen Klei, an jeder Grasnarbe unter ihren Dünen!

»Vel lewer dod, as wenn man dorvunn weg scholl!« murmelt die alte Frau auf der Bank unter der Uhr.

»Un so gooden Grogg as tohus giwt dat ock nargns in'ne Welt,« meint schmunzelnd der alte Kapteihn Nisten.

»Na ja, is ock olen Arak! Hält uns Vadder vör twintig Johren mitbröcht von sin letzde grobe Reis ut Batavia!«

»Jeja, jeja, dat 's en Drunk vör Mag und Lewer!«

Nun ist das Eis gebrochen, und das Schnacken kann losgehen. Aber sie verstehen sich noch besser, wenn sie langsam und bedächtig in ihrem Platt einander die Gedanken ablesen und schweigen.

»Dat wär sin letzde Reis! Gode Gott, mi is ümmer noch, as müßt he werrkamen, wenn ick so in' Maanschien de Klock hör un de dumpe Stimm. Denn kommt mi son Schudder un Gräsen an, un ick mutt denken, he kann in ne See nicht lewen un nich starwen vör Lenken.«

»Ach wat, Mudder Weenken, dor spaelt de Salhunn opp'en Knüll an't Rummelloch!«

»Woher weet he denn, ob dat nich 'n Stimm is ut en verdrunken Minschenhart?«

Kapteihn Nisten sieht nicht danach aus, als ob er an solche Stimmen glaubte. Aber er schweigt. Da liegt so mancher auf dem nassen Grunde, wo Schiffer Weenk damals sein Ende gefunden hat, als sie den Holländer retten wollten, der im Sturme auf Ladung trieb! So mancher arme Strandfischer und Bernsteinsucher dazu! Da lacht kein echter Friese zu den gruglichen alten Weibergeschichten, wenn er auch noch so sehr am frischen Leben hängt.

Kapteihn Nissen rührt sich ein neues Glas an und denkt an das wilde Leben im siebzehnten Jahrhundert, als seine und Weenks Vorväter mit den Holländern auf den Walfischfang zogen oder mit den Hamburgern auf den Robbenschlag. Je, ja, je ja! Veerdusend Mann alle Johr, jeja, jeja!

Totenstill ist es im Zimmer geworden. Nur die Gedanken gehn noch wie der Uhrtickel hin und her zwischen Zeit und Ewigkeit: Tock, tack!

Twe son Fohrten het Kapteihn Nissen as jungen Kerl mit de Norwegers noch mit makt. Nu is dat ock all lang vörbi!

Tock, tack!

»Door fallt mi doch ne narrsche Geschicht in, Mudder Weenken! Vun en Kerl, den wi an Bord harr'n bi uns grode Reis nah de Dannemarkstraat, wo de Norwegers dotomal Klappmützen fungen, as dat Geschäff bi Jan Mayen nich mehr lohnt. Dat sind wille Beester, de oll' Klappmützen, un mit dat Slagen op'n Jis wär dat man so'n Sak, wenn een nich dat Scheetgewehr bi de Hand harr. De lange Nils wär vun Amerika kamen, un uns Kapteihn harr em besopen in Tromsoe upgräpen, wil uns een von uns Jungs krank wor'n wär. An Bord wär he flitig un orndlich, aber verstürt und gnattig. Jümmer keek he sik üm, as harr he'n slecht Geweten. Een Abend, as de Wind so sinni in die Segel spaelt, schriet he up. Un as ik em frog, gew he to Antwort: ›He hett sik mellt!‹ Un ob ik nich dat Led von de Robb hört harr, dat em de Dod verkünnit. ›Mann, wesens nich narrsch!‹ reep ich em to. Awer he säd blot: ›De Robb röpt, de Robb röpt!‹« – –

Verdutzt blickt Kapteihn Nissen sik um. Mutter Weenken stöhnt vör sik hen, de Hann in'n Schoot folt. Kapteihn Nissen is en beten benaut wor'n, als ob he na Luft snappen dee. Wegen Mutter Weenken, verstaht mi!

»Jeja, jeja, nu sind ja na dissen anner Tiden kam!«

Uns ole Kapteihn mutt ganz von sülm hochdütsch dorbi denken, wenn he sik de niemodschen Badegäst vörstellen deiht.

»Tja freilich, eine schreckliche Quälerei war es ja da oben in der Dänemarkstraße für Mensch und Tier! Dies Hinslachten der armen Robben! Der Rückweg von's Eis war sie ja doch abgesnitten. Und dann das Specksneiden, uijeh!«

Tock, tack!

Mutter Weenken starrt vör sik hen. Un fragt blot: »Un he, de Nils?«

Kapteihn Nissen kratzt sik den Kopp.

»Ja, dat 's ne olle verdeuwelte Geschicht! Je neger wi an de Robben ran kemen, je verrückter wur he. Een Abend ankerten wi unwit von de Brutbank, wo veel dicke ›Tewjaks‹ legen, as de Norwegers de Klappmützen nömen. Da stöhnt uns Nils weller, de Robb röp ehm. Un je mehr as de Bank ut de Ebb rut kem, desto verrückter wur he. Jan ten Brink, de dicke Holländer, den he gern möch, het he frogt, ob he nich dat Led von de Robb hürt harr. Un ob he all mal in See lebendige Fische snappt und freten harr. Un wat so'n dummes Tüg mehr wär. In de Nacht blinkert und blitzt de Vullmaan op de See. Door let de verrückte Hund sick nich länger holn. He wull sik en Fisch griepen! Meß en't Mul is he in de iiskole See sprungen un denn na de Bank hen swommen, wo de grode Strandmeester leeg, wat de Hauptbull von de Klappmützen wär. Ehner uns Lüd en Boot klor harrn, kem ehr Hülp all to lat. He wär nich mehr intohalen. Jan ten Brink het blot noch sehn, wo Nils den ollen Bullen attakeert hat. Annern Moorn, as an de Bank rantokamen wär, hewt wi den Rest von sin Knaken sunnen!«

Mutter Weenken stöhnt nur: »He hett sik mellt!« Un denn folt se ehr Hänn un sä sinni vör sik hen: »Un wohr is un bliwt dal doch von de dumpe Stimm ut verdrunken Minschenharten!«

Tock, tack!

»Tja, das ist die Geschichte von Nils Nissen. Wir haben ihn nach christlicher Sitte versenkt! – Der Kerl war höllsch verrückt!«

»Un dat 's ok wohr vun de Vergeltung bi de Robben un dat ehr Fluch un Ropen de Slachters de Dod bringt! Un dat 's denn ok de Orsak von de dumpe Stimm ut verdrunken Harten!«

Kapteihn Nissen schenkt sich noch een in, un nahdenkli röhrt he mit 'n Lepel in't Glas. Awer dünn lacht he godmödig vör sik hen und schüddeld sik en beten.

»Nä, nä, Mudder Weenken! Gott fall mi bewehren, dat 's jo doch all'ns man dumm Tüg un Abergloben! Häh! Dorr harr'n wi een an Bord, ock so'n dösigen Kerl ut Norwegen, de wüßt allerhand Snak und Leeders vun de Robben. Gruli kunn he een maken mit sin Singsang. Bi dat een Led schunkel he, un denn gung dat ümmer to'n Sluß, dat hew'k nich vergeten, dat wär schöön:

Taager tankerunge blege –
aoh, arroh, arroh, hoh! –
Dagens vakte Aander stege –
eyolohoh! –
ved den Sang of Sjöens Gründen!
Eyolohoh! Hoh, – hoh!«

»Wo heit denn dat?«

»I, dat 's so'n oll Led, dat een Hartspann maken künn vor Wehdag un Trurigkeit. De Norwegers säden, dat wär de Sang vun een Minschen, de verhert wär un wedder torügg müßt to de Robben, vun de he kamen wär. So'n Ort Wärwulf oder so wat! Ik weet nich mal mehr! Oll'n dämlichen Snack! Dat kämmt vun dat ungesunde Lewen door baben in't Iismeer. De ›Taagers‹, as de Norwegers de bleke Nebel nömt, fallt een op de Bost, un denn is't keen Wunner, wenn Dodesahnungen opstigen. Awer schöön gung dat ol dämliche Led: eyolohoh! Mindag kann'k dat nich vergeten!«

Na, dor möt een doch noch een op drinken! Un äwerhaup dat Drinken bringt 'n Minschen op vernünftige Gedanken. Oll dämlich Led, dat vun den norwegschen Kerl. Immer noch geiht dat sinni in uns Kapteihn: eyolohoh! aoh, harro, hoh! –

»Je ja, je ja, Mutter Weenken! Das ist swer da oben! Mein Sach wär das ewige Specksneiden auch nich, die verdammte Sweinerei! Pfui Deuwel noch mal! Aber ein schönes Stück Geld is doch dabei verdient. Und unse ollen Deuwelsfriesen haben's nich versoffen oder in Hamburg mit slechten Weibsvolke verjurt. Haben's ihren Frauens gebracht und ihre Warften damit festgemacht. Jeja, jeja, unse einsame arme Hallig!«

»Tack, tock!« spielt die Ewigkeit.

»Un doch mutt een sik mit de Gedanken vertrut maken, dat de Blanke Hans mal de letzde Rest von düt lewe Flag eer daltreckt! Unse Hallig, unse lewe Hallig! De See giwt ehr denn torügg an de Salhunn ut Rach vör all de Hunnertdusend, ja Hunnertmillionen von ehr Kinners, de uns Vadders henslacht hebbt in ole Tied! – –«

Dorbei bliwwt Mudder Weenken.

Tack, tock! – Tack, tock! – Tack, tock!

»Hürt Ji in'n Maanschien buten de dumpe Stimm von't verdrunken Hart, Kapteihn?«

»Mudder Weenken, dor spaelt de Salhunn opp'en Knüll!«

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