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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Das Nachtgespenst

Der Jägerstern steht noch hoch am Himmel. Da wird leise und vorsichtig die Parktüre geschlossen. Von der ruhenden Herde her schallt verschlafener Glockenton. Sonst Stille ringsum. Der Wind? Noch immer Ost? Bei halbem Winde dem Walde zu; dann am Bestandrande dem Wechsel des gestern bestätigten Hirsches näher.

Drüben auf dem See schlägt ein Erpel mit den Flügeln. »Paak, paak paak!« Dann wieder feierliche Stille. In den Kronen rauscht der kühle Morgenwind. Es ist, als ob der Wald Zwiesprache hielte mit sich selbst oder mit dem ersten bleichen Scheine, der hinter dem Winde heraufzieht. O ihr herrlichen schweigsamen Stunden, o du wundervolle Waldeswelt!

Anders mag der Vierzehnender denken, der um die gleiche Zeit sorgsam sichernd am jenseitigen Seeufer den Waldsaum abäugt, ehe er sich zum Auswechseln versteht. Die Welt wird immer schlechter, und den Menschen namentlich ist immer weniger zu trauen, am allerwenigsten der nichtsnutzigen Sorte, die so verdächtig gekleidet ist, daß man nicht weiß, ob man einen Buchen- oder Eichenstamm vor sich hat, und die allemal da auftaucht, wo es keine halbe Nase voll Witterung gibt. Der Vierzehnender hat triftigen Grund zu dieser mürrischen Lebensbetrachtung, die er sorglich auf seine beiden Beihirsche, einen guten Zehnender und einen leider noch immer naseweisen Achtender, überträgt. Auch er hat einmal acht Enden getragen und sorgenloser sich den Daseinsfreuden hingegeben; aber das ist ihm schlecht bekommen!

Es war zur Zeit der Haferreife, in einer warmen und schwülen Nacht, just wie heute, als er in früher Morgenstunde hinauswechselte auf ein Feldstück in der benachbarten bäuerlichen Gemarkung. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß um diese Zeit der schlimme Feind ihm auflauern könnte, zumal er doch gewissenhafter Weise alle drei Tage seinen Wechsel änderte. Kaum aber hatte er den tiefen Graben überfallen, der das Haferstück vom Walde trennte, als ihm ein Blitz entgegenfuhr und etwas auf die Decke geblasen wurde, das gräßlich schmerzte und alle Freuden jenes Herbstes ihm vergällte, da er lahm, kampfunfähig und unlustig bei Beginn der Brunft auf den Rauf- und Tanzplatz trat. Den ganzen Winter über hat er gekümmert, und die bösen Folgen machten sich auch in seiner äußeren Erscheinung geltend. An Stelle der schön geperlten Achterstangen schob er im nächsten Jahre ein faseliges Geweih, das statt der Aug- und Eissprossen nur kurze Knöpfe trug und in korkzieherförmigen Windungen endete. Das ganze Rudel behandelte ihn mit geringschätzigem Mitleid; und der starke Husten, der ihn plagte, trug ihm bei der Jägerei den Spottnamen der »Husterhans« ein, den er verdiente, zumal sein quarrender und kurz abgebrochener Schrei weder auf Hirsch noch Tier den geringsten Eindruck machte. Das war ein Jammerleben dazumal! Aber ein Gutes hat es doch gehabt: der »Husterhans« hat Welt und Menschen kennen gelernt und sich die für einen angehenden Haupthirsch gebührende Lebensanschauung angeeignet. Dabei ist er zu Jahren und, wie sein knuffiges, schwarz geperltes und in weißen Enden blitzendes Geweih beweist, wieder zur alten Kraft gekommen, der Abgott aller Schmaltiere und der Schrecken aller Schneider. Aber um Jungfern und grüne Jungen kümmert er sich jetzt nicht. Nur im Notfalle zieht er aus seiner schützenden Deckung heraus; seinen Stand wählt er mit Wohlbedacht.

Auf ihn trifft wirklich das Wort zu: »Der Feisthirsch ist ein Nachtgespenst – das du nur ahnst und niemals kennst.«

Der schmale, lange Waldsee ist auf einer Seite vom steil abfallenden Ufer der Forst halbkreisförmig umschlossen, während auf dem Gegenufer ein breiter Schlag daran grenzt, der in diesem Jahre mit üppigstehendem Weizen bestellt ist. Mitten in diesem Schlage liegt die Brandkuhle, ein mit hohen Erlen und Schilf bestandenes Bruch; und gegen Süden zu geht der von Röhricht umsäumte See in eine Wiese über, die im Frühjahr und auch wieder zur Zeit der Weizenreife köstliche Äsung bietet. Dazu in dem hohen goldig schimmernden Getreide der zarte heransprießende Klee – was braucht ein alter Hirsch mehr, um feist und stark in die Zeit der wilden Kämpfe zu treten? Ruhe bietet ja ein solches Versteck, so gut wie die beste Kieferndickung. Am Seeufer ist der Weizen so üppig in die Halme geschossen, daß sein dunkles Grün kaum von dem Schilf und Röhricht zu unterscheiden ist. Und wenn ein Jäger es wagen sollte, in diesen verstrüppten Kessel einzudringen, so würde der krüselnde Wind ihn verraten. Dem »Husterhans« hat ein Zeichen des Himmels diesen sicheren Stand gewiesen.

Eines Mittags sah er vom jenseitigen Buchenhange aus, wie bei heller Sonnenglut in dem Kessel hier drüben die Heuschwaden in die Höhe getrieben wurden. In früher Nachtstunde liebt auch er dies neckiche Spiel. Aber welcher fürwitzige Schneider trieb denn am hellen Mittage solchen an Selbstmord grenzenden Unfug? Bei schärferer Beobachtung aber sah der »Husterhans«, daß gar kein Hirsch diesen Tanz der Heuschwaden verursachte, sondern daß ein ganz seltsamer Krüselwind das bewirkte. Langsam hob dieser Schwad um Schwad auf, trug sie feierlich im Kreise herum, um sie sacht und behutsam wieder herabgleiten zu lassen. Den Wirbelwind, der in tollem Strudel alles über den Haufen schmeißt und wie ein wahnsinniger Schratt über das Land tost, den kannte der »Husterhans« gar wohl. Aber nie zuvor hatte er dies anmutige Spiel liebkosenden Kreiswindes gesehen. Und als erfahrener Lebenskünstler zog der Hirsch daraus die gute Nutzanwendung: in diesem Kessel gab es immer warnende Witterung für ihn, von welcher Seite der verhaßte lautlose Schleicher im schilfgrünen Kleide auch kommen mochte!

Noch in derselben Nacht prüfte der »Husterhans« die näheren Umstände des Platzes, und das Ergebnis war: hier ist gut sein! Der naseweise Achter weiß diese Vorsicht nicht zu würdigen, ihn lockt es, Nacht für Nacht nach dem reifen Haferfelde; der schwere Weizen und der zarte Klee sind ihm nicht lecker genug. Er mag Gott danken, daß er der Führung des »Husterhans« sich angeschlossen hat. Da lernt er fein still im kühlen Bette sitzen zu bleiben, bis das verräterische Licht des jungen Mondes hinter den hohen Buchenwipfeln verschwunden ist. Erst wenn die Schatten von drüben auf den See und den Weizenschlag herübergreifen, reckt sich der Alte mit schwerem Beitritte auf, schüttelt die alten Knochen und die zottige Mähne und nimmt die Nase vor den Wind, um dann behutsam aus dem hohen Röhricht auf den Bergkopf zu wechseln, wo der Weizen härter und dünner steht und die freie Nachtluft mit wohliger Kühle ihn umspielt.

Nicht gar zu viel Zeit darf die heimliche Gesellschaft sich gönnen; schon als der Morgenstern über den Buchen herausschaut, mahnt der »Husterhans« zu vorsichtiger Rückkehr. Nur die Wiese am Seemunde, über der jetzt schützende Nebel liegen, wird noch mitgenommen, und ein Weilchen äsen alle drei vertraut am Rande des Röhrichts in dem zarten Grase, um dann durch den Weizen nach der Brandkuhle zurückzuwechseln. Kaum sind in dem unsicheren Lichte ihre Gestalten als schwimmende Punkte erkennbar, noch viel weniger ihre Geweihe anzusprechen. Aber die Fährte im feuchten Wiesengrunde, die verräterische Fährte! Nach Burgstall, Stäblein und Reiflein, den gerechten Zeichen vom edlen Hirsch, weiß der im Buche seines Waldes alles lesende Jäger jeden einzelnen Hirsch seiner Wildbahn als guten alten Bekannten anzusprechen.

Deshalb gilt es nun für den erfahrenen alten Hirsch fein vorsichtig zwischen den beiden Wechseln zu wählen, die in schützende Deckung zurückführen. Und wenn der Achtender unklug genug ist, hierbei den Vortritt zu nehmen, so wird der »Husterhans« ihm das sicherlich nicht verwehren. Er kommt hinter dem Zehnender immer noch früh genug. Heute hat er es der großen Nässe wegen überhaupt nicht so übermäßig eilig. Leichte Wolkenschäfchen leuchten bereits in zartem Rot. Bis an den Rücken gedeckt stehen die Hirsche da im hohen Weizen, nur das hochgehobene Haupt vom ersten bleichen Grauen des Morgenlichtes umflossen.

Langsam und äsend zieht der Achtender auf dem gestrigen Wechsel dem Röhricht zu, während der Zehnender mit dem »Husterhans« ihm in kurzem Abstande folgt. Da blitzt es seitwärts unter halbem Winde hell auf, und in einer hohen Flucht setzt der »Husterhans« auf, um dann, den Äser tief am Boden, in rasender Eile dem Röhricht zuzustürzen, in dessen Dickicht er verendend zusammenbricht. Den Achtender hat er mit sich in die Dickung hineingerissen, während der Zehnender herumgefahren ist und in hastiger Flucht der Wiese zustrebt. Aber ehe er den Rücken des nächsten Hanges erreicht, trifft auch ihn die halbspitz angetragene Kugel aus der Doppelbüchse des jungen Jägers, und mit immer kürzer werdender Flucht zieht der Hirsch über die sumpfige Wiese dem Walde zu, um dort in einem hohen Dunkelschlage zusammenzubrechen und zu verenden. Ratlos schaut der Achtender sich nach seinem gefallenen Führer um, dann zieht er in der Brandkuhle besorgt hin und her, schließlich findet er es doch richtiger, sich davonzumachen, und durchrinnt den See, um auf den früheren Stand in der Dickung hinter den Buchen zurückzukehren. Auch das Rudel auf der Wiese ist von dem doppelten Knall aufgestört und zieht unruhig in den Buchen hin und her, wo der starke Schweißgeruch von der Wundfährte des Zehnenders den Tieren nichts Gutes sagt. Erst als das Sonnenlicht kommt, entschließt sich das Leittier, Kehrt zu machen und auf einem andern Wechsel über den Rücken des Berges weg der Fichtendickung zuzustreben. – Da plötzlich schreckt das Alttier und prellt in eiliger Flucht, von seinem dichtgedrängten Rudel gefolgt, den Hang hinunter. Unweit des Zehnenders aber steht ein ahnungsloses Schmalreh, das sich verwundert fragt, warum vorhin den stolzen Hirsch ein so seltsames Zittern überlief und er nun so steif und starr die Glieder streckt. Es weiß auch nicht, was der sonderbare Klang des Hornes bedeutet, der drüben von der Brandkuhle her sich zu den Buchenkronen herüberschwingt, und fährt aus seiner furchtvollen Scheu erst auf, als es einen hirschbraunen Hund durch das Brombeergestrüpp daherziehen sieht, die dunkle Nase tief am Boden und am straffen Riemen gefolgt von einem alten Grünrocke und einem jüngeren Jäger. Schreckend springt es davon und lauscht in der schützenden Dickung, die es angenommen hat, wiederum denselben seltsamen Klängen des Hornes, die es vorhin vernommen hat. Dann hört es das Knarren eines Wagens und sieht aus seiner Dickung diesen auf dem holprigen Waldgrunde vorbeifahren. Der alte Graubart lenkt die vorgeschirrten Rappen, und auf dem Rücksitze streichelt der junge Jäger den Schweißhund, der seinen ausdrucksvollen Kopf liebkosend dem Herrn auf das Knie gelegt hat und mit fragendem Ernste zu ihm aufschaut. In dem Wildkorbe liegen übereinander die beiden starken Hirsche! Um die Wipfel der Buchen glüht das Licht des heraufziehenden Tages.

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