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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Der Gambs-Epptehmi

In der kühlen Talenge der Maurach, wo das Wildwasser durch Felsen und wüstes Moränengeröll hindurchtost, begegnet man zur Sommerszeit wohl manchem aus dem Salzburgischen herüberkommenden Wanderer. Jetzt, im Herbste, löst oben in den braunen Thayen der Jäger den Senn ab, und im Tale ist es einsam geworden. Da geht keiner mit flüchtigem Gruße am andern vorüber. Jeder tauscht mit jedem aus: ein Pfeifchen Tabak gegen einen Schluck frischgebrannten Enzian, Nachrichten vom Leben draußen in der Welt gegen die vom Berge.

»Schau, schau, wo kimmt's ös denn daher?«

»Grüaß Gott ba'nand! Vom Gamskogl abi!«

»Soo? Vom Gamskogl, schau! Seid's der Schwoager groben?«

»Woll, woll! Dös is mei Wei!«

»Soo, die Sennerin! Na, wia schaugt's auffi bei Enk droben? Hat's Gambsein g'nua heuer?«

»A naa! 's hat nimma so vui wia sunst!«

»Ja, wiaso denn?«

»San alle umg'stand'n!«

»Umg'stand'n? Ja z'wegen wos denn?«

»Der Eppthemi hat's alle umbracht!«

»Der Eppthemi? – Ah, soo – ös moant's woll die Epidemie?«

»Naa, naa! Der Eppthemi hat's umbracht!«

»Der Eppthemi? – Ah, ja soo, der Eppthemi! – Ja, freili, freili! – Habt's eam denn amoal g'seg'n, wia er ausschaugt, der Eppthemi?«

In die Tragriemen seiner Kraxe schliefend, meint der Senn, etwas zögernd: »Lei tät der Herr amoal den Herrn Pfarrer frag'n!«

»Oder den Jager-Franzl,« fügt das alte Weiblein spitz hinzu. »Der hat'n g'wiß g'seg'n! Da kinnt's d'erfrag'n, so vui as's miagt!«

Der Jager-Franzl hat den Gambs-Eppthemi leider auch nicht gesehn und meint als gebildeter und aufgeklärter Mensch, das alles sei ja dummes Zeug, dalketes. Die Gambserln am Gamskogel hole die böse Räude.

Aber als er sich die Pfeife gestopft hat und sie mit einem Kienspan am Hüttenfeuer anzündet, meint er, etwas unsicher im Tone, da werde wohl so ein alter Aberglaube dahinter stecken von einem Unholde, und daß die Menschen sterben müssen, die den erblicken.

Das war das einzige Gescheite, was der Franzl am ganzen Abende sagte, obgleich er schnell hinzufügte, daß das ja alles dummes Zeug sei und so weiter.

»Anthropomorphisches Denken« nennen die Gelehrten solche Vorstellung natürlicher Vorgänge durch einfache Leute, wie die Gebirgler sind. Es klingt sehr tiefsinnig, sagt aber auch nicht mehr, als der Franzl bei seinem Kienspan anzugeben wüßte. Und es wäre doch so wertvoll, gerade an diesem Beispiele zu erfahren, wie die geheimnisvollen Vorgänge im Naturleben Gestalt gewinnen in der Anschauung des Volkes. Ich gäbe was darum, wenn ich wüßte, wie der Schwager vom Gamskogl sich den Eppthemi denkt! Ein grauslicher Unhold ist er gewiß, der Wüterich, der die Gambserln erwürgt! Vielleicht so einer, wie der Klaubauf, der die kleinen unartigen Kinder aufklaubt, oder der Orko, der das Almvieh auseinanderjagt, daß es sich verläuft und über die Klippen abstürzt. Oder gar wie der Blutschink, der in Tirol in einem finsteren See wohnt, dem er allnächtlich in Gestalt eines fürchterlichen Bären mit dräuendem Rachen und blutendem Fuße (Schink) entsteigt, um stumm und unhörbar wie der Schatten des Todes durch das Land zu schweben und seine Opfer zu würgen oder sie mit sich hinunterzuziehen in seinen verfluchten See, aus dem bei Mondschein das Blut aufsteigt und winselnde Klagetöne kommen! Zähne hat er gewiß wie ein Werwolf, der Gambs-Eppthemi, und fingerlange Krallen; und fliegen kann er auch, so wie eine Fledermaus, um, sobald ein Mensch kommt, in Felsspalten zu verschwinden, als habe der Berg ihn verschluckt!

Sterben müssen, die ihn erblicken – so wird's schon sein. Ja, gewiß: so ist's!

Trauerspiel allüberall! Wie? Auch dort an den ehrwürdigen Wetterwänden, wo der helle Karminspecht, der neugierig dich umkreist, das fremde Menschenwesen noch nicht zu kennen scheint, wo die Alpenrosen im Gestein blühen, als habe nie eine Hand sie berührt, wo jeder Lärm im Anhauche der Unendlichkeit erschweigt, auch dort die Pest der Städte in ihrer widerlichsten Gestalt? Nicht der Tod, der mit Adlerfittich oder dem Blitze der sicheren Jägerbüchse den schwarzen Teufelsbock dahinrafft, als habe der rotbärtige Thor ihn erschlagen, den du jeden Augenblick meinst, aus einer der wilden Felsrunsen heraus erwarten zu sollen! O nein, ein juckender Dreck, der auch den Edelsten befällt, ihm erst das dunkle Hochzeiterkleid zerfrißt und dann ihm an den Kräften zehrt, bis er dahinsiecht wie ein Schatten und sich eines Tages in der entlegensten Spalte des Gewändes streckt, matt und herunter wie ein Verkommener, um im letzten Zittern das trübselige Ende seines Daseins zu erwarten, das so schön und so lebenskräftig begann in der stolzen Einsamkeit unter dem ewigen Schnee der Firnen! Man kann schon verstehen, wie da in den braunen Thayen der Aberglaube aufkommt von einem finsteren Unholde, der das scheue Wild der freien Berge erwürgt und dem keins entkommen kann! Keins!

Längs der Hohen Tauern hat sich die Geschichte hingezogen, dies langsam aber unerbittlich vorwärtsschreitende Sterben, das Stück um Stück, Rudel um Rudel des trutzigsten Bergwildes dahinraffte. Der Erreger der Räude war längst bekannt: die tief unter der Haut sich einnistende Sarcoptes-Milbe. Die befallenen Stücke sind sofort auf weite Entfernung erkennbar durch fahle Farbe und ruppiges Kleid, aus dem die Haare büschelweise ausfallen. Alsdann wird die Haut wund, und in den tiefen Rissen sondert sich eine übelriechende Flüssigkeit ab, die zum langsamen Verenden führt und gerade durch die Langwierigkeit des Leidens so sehr zur Ausbreitung der Ansteckung beiträgt.

Die Jägerei war wohl scharf auf dem Posten, um den Stolz ihrer Berge zu retten. Und sie wußte auch von Anfang an Bescheid. Das gleichzeitige Auftreten der Räude bei Ziegen und Krickelwild ließ keinen Zweifel daran, daß die Seuche durch das meckernde Hausvieh auf die Berge gebracht war, auf denen ja kein noch so einsames Plätzchen vor der rastlos kletternden Ziege und ihren munteren Zicklein sicher ist. Natürlich schalt nunmehr, nachdem die Seuche unter das Wild gebracht war, der Bauer auf die Gambserln, die von Berg zu Berg die Seuche verschleppen. Und die alten Reibereien zwischen Bauern und Herrschaftlichen fanden neuen Stoff und Grund.

Der Bauer meint, das Wild sei eh unnütz und hätte längst totgeschossen sein sollen. Und der Jaager meint, davon verstehe der Bauer nix. Überdies hätte er seine Ziegen wohl unten halten und den Stall gesündfizieren können. Aber da kommt er grade recht an beim Bauern, dem alle k. k. »veterinärpolizeilichen Maßnahmen« ein Graus sind. Möge er, der Jaager, doch die Gambsställe einstreuen und die kranken Luadern schmieren!

Ja, wenn die armen Hascherln sich fangen ließen, solange sie noch ein Glied rühren können! Und bestreut man ihre Lagerstätten, so meiden sie die und wechseln nur desto weiter fort.

Nein, es gibt zur Bekämpfung der Seuche nur ein Mittel: rücksichtslosen Abschuß aller erkrankten Stücke und Verbrennung ihrer Leichen. Da das Ansprechen der Erkrankten nur bei sorgfältiger Beobachtung möglich ist, muß der Abschuß auf Birsch oder Ansitz einzeln ausgeführt werden. Treiben oder Riegeljagden würden ja auch das Wild nur noch mehr zusammenjagen, was doch vermieden werden muß. Ja, ja, er versteht keinen Spaß, der Klaubauf oder Blutschink, der Herr Gambs-Eppthemi!

Kein Wunder, daß der Sepp vom Brandkofl drüben, dem noch kein Stück gefallen ist, wie der Teifi den Sennen auf die Finger paßt! Soll ihm keiner ein X machen für ein U! Er hält ein scharfes Auge auf alle Böcke, zumeist aber auf die mit dem wackelnden Barte unterm Kinn. Und grad a sölla Bock fehlt dem Hias von der Gaisalm seit ein paar Tagen. Der Lugnschebs will dem Jaager weis machn, daß der Bauer den Bock abigtriabn habe. Aber der Sepp kennt si schon aus. Daderzua san eahm die Viacher do z'guat, für die wo er z'sorgen hat, seine Gambserln! No, er hat halt umanandspekuliert, immer sein Schweißhund!, die Her, am Riemen. No ja, lang hat's nöt braucht, da hat's Herl das Platzerl aufgezeigt, wo die zwoa Stuck san verscharrt word'n. Der Hias hat g'weimert und g'bettelt, daß der Sepp soll koa Anzeig nöt mach'n. Und hat bei allen Heiligen geschwor'n, daß koan oanziges Stuckerl jetz krank tät sein von seine Goaßn. Aber wia lang hat's dauert, da sitzt der Sepp amoal an der Scharflahnen, da wo's schiach abifallt in die Wetterklamm, und schaugt nach die Gambs, wo drüben umanand stehn an der Sulzen. Da siagt er's Elend: a Kitzgoaß springt wia halbverruckt, streckt und reckt si. Und wia der Sepp mit dem Spektiv naschaugt, da woaß er, was die Klock g'schlag'n hat. Hinter dem Blatt hat's a grindigs Fleckerl. Und das Kitz is a scho räudi – Peng! Peng!

Der Sepp machte Meldung im Forstamte. Die beiden Stuck lieferte er gar nöt erst ein, sondern verbrannte sie auf der Stelle, drüben wo sie lagen, die Goaß und ihr arm's Hascherl.

Aber's Herz hat eahm gebebt. G'wußt hat er: nun ist's gar und aus mit die Gambs am Brandkofl! Der Herr Forschtmeister is glei auffikemma und hat 'm Sepp auf die Seele gebunden, jed's Stuck abiz'schiaß'n, wo nur a Bissel a Fleckerl haben oder verdächtig ausschaun tät. A schwarer Bock ist der erste g'west, der folgen hat g'müßt. Mangari, der alte Hoamlituer vom Schiachen Grund! Und dann hat's getuscht. Tag für Tag, bis der Winter kemma is und die Lawinen dann begrab'n hab'n, was räudi g'west und z'sammbroch'n is.

Wia der Lanks kam, hat der Herr Forschtmeister den Bauern hübsch g'bet'n, daß er fein Obacht möcht geb'n, daß koan krankes Stuck auffi würd g'triab'n! Er müaßt sonst Anzeige erstatt'n beim Amt.

Aber der Bauer hat aufgestöhnt, an alle seinem Unglück seien nur die Jaager schuld mit eahnere dalketen Viecher! Auf'n Schragen möchten's 'hn bring'n, auf dös alloanig wären's aus alle mitanand. Ohne die Gambs, die elendigen, wär koane Räud in die Berg, und seine Goaßen wären heil und g'sund!

Da ist der Tierarzt grad kemma und hat visitiert und nix g'funden. Aber acht Täg, nachdem der Bauer hat auffitreib'n lassen, hat's droben schon wieder g'tuscht. Gambs um Gambs! Den Sepp hat's schier hing'rissen. Vor sich hing'starrt hat er Stunden und Tage lang.

Eines Tags hat sein Hexerl eahm wieder a frisches Grab angezeigt. Da hat er Rapport g'macht. Und der Herr Forschtmeister ist sofort aufs Amt g'fahren.

Da hat's der Bauer mit der Angst kriagt und auffi hat's 'hn triab'n auf d' Alm.

Grad an der Klamm, wo der Sepp die erste kranke Kitzgoaß d'erschaugt hat, san's z'samma kemma, hart auf hart, Bauer und Jaager.

Blut und Haar am Stoan und die abg'schoss'ne Büchs vom Sepp: das ist alles, was ma g'fund'n hat von die zwoa.

Aber drent in der Klamm hat's Hererl Standlaut geb'n an dem Fleck, wo's Wildwoasser sein toten Herrn hat abig'riss'n und den Bauern von der Brandkofl-Alm.

Das hat der Eppthemi tan! Wenn er nöt gar der Orko is, so hat er dessen Handwerk guat g'lernt. Statt Almvieh hat er denselbigen Bauer mitsamt dem Jaager über die Klippen in den schwarzen Abgrund gejagt. Aber wer woaß, lei is der g'hörnte Greanäugete sölm: der Gambs-Eppthemi!

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