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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Hexenringe

Im schnittreifen Roggen ist's nicht geheuer zur geheimnisreichen Unterstunde: da tanzen die Hexen ihre Ringe aus, und die Möhn geht um! Nicht um Mitternacht kann's gefährlicher sein! Kein Lufthauch rührt sich über den weiten gelben Breiten. Die Bauern sind auf ihren Pferden davongeritten, die Feldarbeiter des Gutes in langer, müder Reihe zu Hofe gezogen. Wie vergessen liegt im Sonnenbrande das regungslose Feld. Das ist die Stunde, in der Kornblumen suchende Kinder die wilde Roggenmöhn fürchten. Die Möhn hat lange, spitze Hörner auf dem Kopfe. Wenn sie plötzlich vor einem Schnitter aufspringt oder gar ihn stößt, so frißt ihn der Schweiß ins Rückgrat, und er fällt kraftlos um. Und wenn sie mit ihren schrecklichen langen Krallen ein Kind fängt, so frißt sie es auf. Deshalb sputen sich Buben und Mädel in dieser Stunde auf dem Heimwege.

Wie geisterhaft dies Schweigen in der Runde! Um Mitternacht wauwaut der Waldkauz, klatscht und pfeift die Nachtschwalbe, blasen im Bruche brechende Wildschweine, schrecken Rehe, schlägt vom Dorfe das Gebell der Hunde herüber. Jetzt dösen selbst die Hunde in ihren Hütten. Kein Vogel gibt einen Laut, der Wald hat sich eine graue Schlafmütze von zitternder Luft aufgesetzt, und die Roggenbreiten ducken sich in brütender Bangigkeit, als lauschten sie schon den in der Ferne rauschenden Sensen ihrer Schnitter. Kornmöhn geht um! – –

In den Ähren des Roggenschlages am Steinholze rauscht es leise. Ein griesegrauer Kopf mit langem Gehörn taucht auf, an dem die weißen Enden wie Dolche blitzen.

Lange äugt er vorsichtig und unverwandt sichernd die ganze Gegend ab. Seit drei Wochen hat er den Wald verlassen, in dem es vor Stechfliegen, Beerenweibern und Grasschnittern nicht mehr auszuhalten war. Hier im Roggenschlage fehlt ihm nichts: mitten drin liegt ein Wasserloch, und frischen Klee findet er überall unter den Halmen. Hier sollte ihm mal einer beikommen wollen! Wenn vom Turme her die Mittagsstunde schlägt, entfernen sich die Arbeiter. Dann tritt er aus, das heißt auf den Rand des mannstiefen Grabens mitten in der Roggenbreite, auf dessen Grunde Pfefferminze, Goldweiderich und Vergißmeinnicht stehen. Da ist es frisch, selbst zur heißesten Stunde. Eine Ringelnatter, die sich dort auf dem Steine gesonnt hatte, schleicht vor dem Bocke fort. Eine Fasanenhenne tritt mit ihrem Gesperre vor ihm in den Roggen zurück. Am Rande des Kreuzgrabens, in den die Drainröhren münden, steht ein alter Weidenstrauch. Den nimmt der Bock, wie schon gestern einmal, mit gesenktem Haupte an, und fegend tanzt er im Kreise um ihn herum. Als ob seine Mörderspieße noch nicht blank und scharf genug wären. Dann reckt er sich auf und hebt noch das blitzende Gehörn. Plötzlich aber sichert er und ist blitzgeschwind im Roggen verschwunden, ohne auch nur mit einem Tone zu schimpfen. Fort, als habe die Erde ihn verschluckt!

Als er längst verschwunden ist, hebt sich hinter dem Wildrosenbusche am Quergraben ein verfaulter Baumstamm auf, in den plötzlich Leben gekommen ist. Der Jäger! In seinem verschossenen Kittel war er wirklich nicht vom Sauerampfkraute und Weiderich zu unterscheiden. Jetzt steckt er den Finger in den Mund und hebt ihn hoch, um den Wind zu prüfen. Ein leichter Hauch krüselt an diesem Graben, das kennt er aus Erfahrung wohl. Aber die Schnitter rücken drüben immer weiter, und morgen werden sie die Vorschwad in dieser Breite anhauen. Dann wandert der alte Kapitalbock sicher aus; der ist längst über die ahnungslose Jugend hinaus, in der er sich von den Sensen geduldig einkreisen ließ. Lieber tritt er nachts auf die frische Stoppel, als in einem Stücke zu bleiben, um das die erste Schwad gezogen ist. Oben am Steinholze, auf Nachbars Feldmark, hat er in vorletzter Nacht ein Schmalreh getrieben, immer im Kreise um die Hocken herum. Einen netten Hexenring hat er auch an der Mergelkuhl ausgetanzt; ohne Glas kann man den von der Grenze aus erkennen. Den starken Sechserbock, der dort steht, hat er krumm und lahm geschlagen. Der Jäger sah den armen Kerl vor drei Tagen aus der Wiese heraufziehen und meinte, daß er krank geschossen sei. Aber es war an dem Bocke, der ganz nahe an ihm vorbeizog, keine Verletzung zu sehen. In dem Augenblicke trat ein Schmalreh aus, und der Bock sprang auf dies zu. Aber schon nach wenigen Fluchten fiel er ins Gras und strampelte mit allen Vieren, ohne aufkommen zu können. Drinnen aber im Bruchwalde schimpfte mit einer bärengroben Stimme der alte Griesekopf, der Witterung vom Jäger gekriegt hatte. Jetzt hat er wieder eine halbe Mütze voll Wind aufgefangen. Hm, da wird man nach zwei Stunden an einem anderen Plätzchen mit ihm sprechen müssen!

Der Jäger schleicht sich zurück an den Rand des Roggenstückes, setzt sich dort in einen Graben und wartet. Drüben vom Waldrande her tönt das Dengeln der Sensen, vom fernen Dorfe her matt und verzagt der Schlag der Turmuhr. Am weiten blauen Himmel kein Wölkchen. Die Silberpappel am Feldtümpel hat das Zittern verlernt, bleigrau hängen ihre Blätter in der hauchlos brütenden Hitze. Nur die Luft zittert in langen Wellen; Roggenmöhn geht um.

Manch guter Bock hat zu solcher Stunde dran glauben müssen. Aber dieser alte Schlauberger dort hinten hat sich immer wieder durchgeschwindelt. Und dabei macht er die ganze Gegend unsicher. Im vorigen Jahre stand drüben im Bruchwalde der beste Bock des Reviers. Der »alte Geheimrat« wurde er wegen seiner Vorsicht genannt. Ganz dunkelrot die Decke und ein knuffiges Gehörn. Den hat der alte Griesekopf auch auf dem Gewissen. Eines Morgens vor Tau und Tag war der Jäger durch sein Revier gekrochen, hatte an der »Voßmaratz« alle Wechsel abgesucht und an der Brandkuhl einem guten »Zukunfts«-Bocke zugeschaut, der dort im Mengekorne sein Liebchen im Hexenringe herumjagte, daß ihr die Puste verging. Dann hatte er an der Heideneiche zwei Böcke beobachtet, die sich über einen Graben hinüber und herüber knufften, und war dann wieder zu der Wiese am Bruchwalde gekommen, wo auch ein Hexenring ausgetreten war. Da war es seltsam stille heute früh. Kein Bock, keine Ricke regte sich. Nur ein Schmalreh stand in der Wiese und äugte wie dumm und verstört herüber. Kopfschüttelnd ging der Alte weiter. Da traf er auf ein rubinrotes Tröpfchen, das im Grase perlte. Und nicht weit davon ein zweites, ein drittes – und hier ging die Fährte! Aus der Wiese ins Bruch hinein. Wenige Minuten später stand der Alte neben dem starken Bocke, der noch warm war und eben verendet sein mußte. Mitten ins Herz war ihm ein starker Stoß geführt.

Der alte Waldgänger streichelte ihm die spiegelglatte tiefrote Decke und das Haupt mit der schweren knuffigen Krone. Dann aber fuhr er wie aus Träumen auf, reckte sich hoch, nahm seinen Eichenstock und ging, nachdem er den verendeten Bock gelüftet hatte, hinaus, um den Wiesenrand abzuspüren. Drüben gingen die Fährten hin und her, nach dem Hafer hin und nach den Erbsen. Der Jäger brauchte nicht allzulange zu suchen. Als er an der Kante des Erbsenschlages hinschlich und eben über den flachen Bergrücken schaute, sah er den Mörder bei dem Schmalreh stehen, das vor drei Tagen der »alte Geheimrat« getrieben hatte. Mitten in dem dort getretenen Hexenringe stand der grieseköpfige Teufel, und in der Morgensonne leuchtete hellrot sein vom Herzschweiße des überwundenen Gegners gefärbtes Mördergehörn. Hoch über ihm zog ein Räuber der Lüfte seine weiten, sich immer steiler hinauf schraubenden Kreise. Wie die Erinnerungen brüten zu solcher Stunde! Aber schau'n wir, daß wir weiter kommen und unseren Griesekopf noch mal sprechen! – –

Die beiden Kitze in der Schonung am Klaren See sind nun schon flink auf den Läufen und müssen sich jetzt selbst im Felde behelfen, da die Mutter auf Abenteuer geht und die Kleinen abschlägt. Das Böckchen spielt sich als den Beschützer des Schwesterchens auf. Aber in Wirklichkeit übernimmt dies die Fürsorge für den ewig zerstreuten kleinen Bruder. Nein, hat es mit dem seine liebe Not; er ist auch zu dumm! Ast er im Klee, so schaut er gar nicht auf, als ob es keinen Fuchs und keine bösen Bauernhunde gäbe auf der Welt! Und auf die Menschen versteht er sich gar nicht! Ein Glück nur, daß Schwesterchen Bescheid weiß mit denen, und daß es mit allen Vögeln im Walde gute Freundschaft geschlossen hat. Sogar mit der Krähe, die früher so garstig nach den kleinen Kitzen zu hacken versuchte. Jetzt ist sie eine nützliche Warnerin geworden. Sie hat eine große Menschenkenntnis, das Rehkitz hat schon viel von ihr gelernt. Zum Beispiel, daß die Menschen, die jetzt dort, vom Dorfe zur Arbeit zurückkehrend, hinter Pferden hergehen oder darauf sitzen, gute Leute sind, aber die kleinen, die hinter Kühen hergehen, nichts taugen. Solche, die unten dick und rund sind und im Walde Dürrholz sammeln, sind ganz unschädlich. Aber solche, die aussehen wie verfaulte Baumstümpfe und an der Waldkante hinschleichen, um plötzlich dazustehen, als seien sie aus dem Boden herausgekommen, die können Blitz und Donner machen, und vor denen hat die Krähe schreckliche Angst. Auch der Häher meldet diese Schlimmen kreischend an; aber der Zaunkönig schimpft mit dem ängstlichen »Zerr, zerr!« über die Halbwüchsigen und zetert ihnen eine Elendsweite nach.

Die Welt ist so voller Gefahren, und Brüderchen ist so sträflich leichtsinnig! Ein Glück, daß er sein Schwesterchen hat, das für ihn sorgt! Ihr feines Näschen sagt ihm, was los ist, wenn die Wildtauben klatschend abstreichen oder der Entvogel knäkend aufsteht. Aber daß der moosgrüne Mann mit der Blitzröhre nicht so schlimm ist, wie die Krähe ihn macht, hat das Rehkitz längst begriffen. So oft er an ihr vorübergeht, wirft er ihr einen freundlichen Blick zu; die spitzbübische Krähe wird ihm wohl auch nach den Augen gehackt haben, als er klein war! Neulich pickte sie den Junghasen tot, so jämmerlich er auch klagte. Jetzt brauchen die Rehkitzen diesen grauen Strolch, die Krähe, nicht mehr zu fürchten. Und auch der Fuchs kann ihnen nichts mehr anhaben. Desto mehr müssen sie vor den Dorfkötern auf der Hut sein, die zu zweien jagen. Und auch sonst sind Wald und Feld voller Gefahren. Neulich fanden die Geschwister ein anderes Kitz, das hing in einer Schlinge und war ganz steif und stumm. Als Brüderchen es stieß, regte es sich nicht mehr. Und Schwesterchen prallte zurück, als es die Stumme liebkosend lecken wollte. Die Witterung des stillen Rehes war sonderbar. Seitdem weiß das Kleine: wenn eins kalt und starr wird, das ist der Tod! Als es an der Leiche des Verunglückten zitternd die Wahrnehmung machte, schlich sich ein langer, düsterer Mensch heran, der nahm das Tote aus der Schlinge heraus, steckte es in einen Sack und trug es auf dem Rücken davon. Der ist noch schlimmer als Krähen und Dorfhunde, der Rehfresser! Und wie furchtbar dies Raubtier Mensch stank!

Wo nur die Mutter heute stecken mag? Nirgend können die Kitze ihre Fährte finden! An dem Weizenschlage beim Klaren See hat sie einen Hexenring getreten, und hinter ihr jagt ein alter Bock mit griesem Grind und mächtigem, in hellen Enden blitzenden Gehörne. Vorhin waren Bock und Ricke in der Wiese, ohne zu merken, daß der Jäger jetzt ihnen dort auflauert. Er hatte schon die Büchse abgestochen, aber so oft er ansetzte, so oft stellte sich der Bock ungünstig oder die Ricke kam in die Schußlinie, und schließlich jagten beide wieder in den Weizen hinein.

Sollte er hier blatten? Der alte Bock würde ihn dann sicher umgehen, um sich Wind zu holen. Aber: drüben in der Wiese am See, da mag es gehen! Dort steht der Wind auf den See hinaus, und die Erlen am Ufer bieten gute Deckung. Langsam geht der Jäger fort, und erst nach ein paar hundert Schritten wendet er sich zum Seeufer hinab, an dem er dann zurückschleicht. Als er an dem Erlenbusche angekommen ist, wartet er noch ein Weilchen. Dann blattet er. Zunächst der Fiepruf: Fiup! Nichts rührt sich. Noch einmal der Fiepruf. Dann: Pi – juh! Wieder alles still. Der Jäger rührt kein Glied, achtet aber sorgfältig auf die Weizenhalme. Vielleicht, daß der Bock geschlichen käme? Aber der sitzt befriedigt im hohen Weizen bei seiner Ricke und kümmert sich den Teufel um das Fiepen dort unten.

Nach einem Weilchen aber sieht der Jäger, daß ein Kitz zögernd auf die Wiese tritt, dann ein zweites, ein Böckchen folgt. Beide kommen zögernd näher. Unangenehme Störung. Gleichviel: der Weidmann stößt jetzt auf dem Blatte das Angstgeschrei aus: »Piji-iii-iiä!« Da rauscht es wild auf im Weizen, und in hohen Fluchten stürmt ein Reh heran. Schon hebt der Jäger die Büchse. Aber es ist die Ricke, die, als sie ihrer Kitzen ansichtig wird und das nochmals ausgestoßene Angstgeschrei eines Schmalrehs hört, hilfsbereit und in höchster Angst schimpfend auf und ab springt und sich gar nicht beruhigen kann. Bööb, bööb! böb, böb, böööb! Und dazwischen der Angstschreiruf: »Piji-iii-iii-ä!«

Jetzt wird auch dem alten Griesekopfe im Weizen der Spaß zu bunt. Wer ist der Frechling, der sich da unmittelbar in seiner Nähe an einem Schmalreh zu vergreifen wagt? Jetzt ein schmachtend schmelzender Klageton: »Piju! pi-jä!« Das durchschauert den Bock bis ins Herz. Abermals dieser Schrei, in dem sich der Schmerz und die Süßigkeit des ersten Liebesempfindens paaren. Und dazu immer wieder das grobe Schmälen der Ricke! Da ist es um die Selbstbeherrschung des alten Bockes geschehen, und wütend stürmt er herbei, um den vermeintlichen frechen Nebenbuhler zurückzuschlagen.

Im nächsten Augenblicke hat er die Kugel und liegt verendend im Wiesengrase ...

»Das dachte ich mir wohl,« meint der Jäger, »daß du nicht ruhig bleiben würdest, wenn die ganze Familie schimpft und schreit!« Und lachend blickt er den Kitzen nach, die mit wippenden Spiegeln hinter ihrer noch schmälenden Mutter hersetzen. Dann prüft er das reichgeperlte starke Gehörn des Bockes, der so oft ihn genarrt hat und nun doch einmal vertraulich hat mit sich reden lassen. Als er ihn aufgebrochen hat und in den Rucksack steckt, zieht das Kitz in den Weizen, an dessen Rande es voller Entsetzen dieser Bluttat zugeschaut hat.

Und seitdem gibt es der Krähe recht: auch die Menschen, die wie verfaulte Baumstümpfe aussehen, sind schlimme Rehfresser. Die Welt ist schlecht, und die Menschen sind die schlimmsten Raubtiere darin. Und doch hat der dort so gute, treue Augen und kann so lieb und herzig das kleine Reh anblicken!

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