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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Pompejus

Ob er wohl noch lebt? Zweifellos; denn der lange Oberförster hätte mir sonst sicherlich seinen Tod gemeldet. Aber da seine Tage gezählt sind, so will ich ihm schon bei Lebzeiten einen Nachruf schreiben. Denn einen solchen Birschgaul gibt es nicht zum zweiten Male.

Ich hatte schon von seinen und seines Herrn Streichen gehört, ehe ich beide kennen lernte. Aber als ich Pompejus zum ersten Male sah, geriet ich aus Rand und Band vor Lachen. Da stand der dürre Klepper in der Koppel und bläkte und schielte mich an wie ein »Studierter«. Als er aber vom Knecht ergriffen werden sollte, kehrte er seine wahre Seite heraus. Mit den Vorderhufen ging er auf Johann los, und als ein paar wohlgezielte Peitschenhiebe ihm das austrieben, jagte er in Bocksprüngen in dem Koppelgarten umher, als gelte es ein Rosengreifen. Die unschöne Blässe über dem gläsern stierenden linken Auge sah man nicht mehr, und die steifen alten Knochen waren auf einmal geschmeidig geworden. Ungarblut und halbverrückte Zigeunererziehung; der arme Johann plagte sich vergebens, den verdrehten Gaul zu greifen.

Der Oberförster lachte ihn aus. Beiläufig bemerkt, er mißt seine vierundsiebzig Zoll, der lange Oberförster. Ein paar Schultern hat er – in seinem Rucksack hätte ganz gut noch ein kapitaler Rehbock neben mir Platz; und ich glaube, er trüge uns beide, den Rehbock und mich, über seine Berge nach Hause. Seinen Schnauzbart könnte er im Nacken zusammenbinden, und seine stahlblauen Augen blitzen unter den buschigen blonden Brauen hervor, wie klares Bergwasser unter überhangenden Tannen. Jedes Steinchen sieht man auf dem Grunde und jede lustige Forelle, die blitzschnell vorüberschießt. Wenn so eine nach Mücken schnappt, gibt's ein silbern Aufblitzen und einen verzitternden Ring, und dann leuchtet es wieder klar aus der blaugrünen unverdorbenen Tiefe. Füge ich noch hinzu, daß er wie ein Buer schießt, trotz seines Hünenleibes wie ein Fuchs schnürt, die Schreibstube wie des Satans Schmorloch haßt und in seinen Beamten Ehrgefühl und Jagdpassion scharf macht, wie in jungen Teckeln den Raufschneid, so brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, wie sehr ich für den langen Oberförster schwärme. Gott sei Dank, von dem Schlage gibt's noch mehr im deutschen Walde! Aber einen zweiten Gaul wie den Pompejus gibt's nicht!

Auf der Landstraße von Zigeunern hatte ihn der Oberförster einmal gekauft, frischweg vom Bettelkarren. Gott mag wissen, wie die an den Racker gekommen waren. Vermutlich hatte er bei ihnen den Wald kennen gelernt unter der Piatra mare und sich das fürwitzige Auge blöde geschaut am nächtlichen Anblicke des Mannes, der im Monde sitzt und den Mond auffressen würde, wenn der goldene Apfel nicht immer nachwüchse. Und vermutlich hat der lange Oberförster dem Gaule diese Herkunft auf den ersten Blick angesehen. Denn auf Gäule versteht sich der wie ein Kunstreiter, der von Kirgisen stammt. Und seine Erziehungsweise – nun, von der wollte ich ja gerade erzählen.

Also der lange Oberförster lehnte am Zaun und lachte seinen Johann aus. Dann schliff er wie ein Birkhahn. Darauf ließ Pompejus seine Bocksprünge und kam geradewegs auf seinen Herrn zu, der ihn ohne Halfter und Zaum auf den Hof ließ und zu dem Birschwägelchen wies. Unterwegs am Brunnen versuchte Pompejus noch, so im Vorbeigehen die Magd in die runden Arme zu kneifen. Und als die aufkreischend davonlief, leuchtete sein Scheelauge lustig auf. Dann stellte er sich in die Schere des niedrigen Karrens, die ihm an den Hinterbeinen kaum an die Sprunggelenke reichte. Johann warf das einfache Geschirr auf, wir sprangen auf, der Oberförster vorn, ich hinten, und los ging die Fahrt. Das heißt, nur bis zur nächsten Ecke. Da kriegte Pompejus seine Mucken, nahm den Kopf zwischen die Beine wie ein halsstarriger Esel und keilte aus, immer dem Oberförster vor der Nase vorbei. Der kannte das aber schon, bog sich zurück, gab die Leine lang und pfefferte dem Gaul ein paar Hiebe vor die Knie, daß er die Hinterhand herannahm und sich mit einem anmutigen Ansprung in die rechte Schulter warf. Und dann ging's wirklich los in einem Galopp, daß die Gänse auf der Dorfstraße zeternd auseinander stoben und das Weibervolk sich entsetzt auf die hohen Steintreppen flüchtete.

Brücke – links um die Ecke – Prellstein – Gott sei Dank! – Graben, hopp! – Büchse fest! – den Hohlweg hoch – Abhang vorbei! – Schlehdorn, Nase weg, Schleuderschurre – runter den Berg – Herrgott, dies ist ja wohl unsere letzte Fahrt!

»Das macht er immer so!« lachte das lange Laster vor mir. »Sitzen Sie gut? Der Wagen fährt sich flott, wie?«

»Na ja, er stuckert ein bißchen!«

»Sie haben wohl wandernde Nieren? – Tschjuh-cht!«

Wie unter dem Reiter pariert, stand der Gaul. Ich folgte dem Blicke des Führers. Am Hange der Schlagblöße standen Rehe: eine Geiß mit ihren Kitzen, ein geringer Bock zog ihnen nach. Langsam fuhren wir weiter. Über weiche Waldwege, um Köpfe und Hänge, unter altem Forste dahin, hier und da ein geringer Bock; der feine Abendgruß der Mutter Erde duftete uns aus dem Waldmoose entgegen. Hier wurde ein Siefen eingesehen, dort eine lange Wiese abgeäugt – immer noch nichts.

»Schade; hier steht ein Kapitalbock, aber den kriegen wir nicht vom Wagen aus. Habe ihn seit drei Jahren nicht gesehen. Förster Werner will ihn neulich – Himmelelement. Tschjuh-cht!«

Dicht an der Waldecke hielt der Gaul; vor uns auf der Blöße äste ein starker Bock. Auf dreihundert Schritt sprach ich das Gehörn mit bloßem Auge für handbreit über die Lauscher reichend an. Mit einem Satz vom Wagen. Vorsichtig entsichert – gut unter Wind, der Bock hat nichts gehört. Der Oberförster gibt dem Gaul einen Schlag auf die Keule. Ruhig, als ginge ihn die Geschichte nichts an, geht der langsam mit dem leeren Birschwagen weiter. Ich habe schon hundert Schritte am Waldsaume hoch gewonnen. Der Bock wirft auf. – Herrgott, das Kapitalgehörn! Nun aber kalt Blut – der Bock äugt nach dem Gaul, der nach dem Bock. Dort hinter dem Ginsterbusch, platt auf dem Bauche heran – hundertzehn Schritte sind's sicher noch. Zur Not ginge es, aber der Gaul kommt in die Schußlinie. – »Tschjuh-cht!« schleift es unten am Wege. Pompejus steht wie ein Baum. Der Bock rückt mir in fünf Fluchten näher und schimpft – nun gilt's. Unter Feuer quittiert, Lungenschuß – noch eine kurze Todesflucht, und im taufeuchten Heidekraute verzittert das Leben. Wir sind schon heran. Schnell sucht mein Genicker das tödliche Fleckchen, und mit ein paar kurzen Griffen ist der Aufbruch getan. Der Oberförster schleift den Bock zum Wagen, und weich schwingt sich der Hornruf »Bock tot!« über die abendlichen Wipfel. Und Pompejus? Steht ruhig dabei; kein Schuß, kein Schweißgeruch bringt ihn aus seiner Ruhe. Das alles kennt er ja. Hier oben im Walde keilt er nicht, hier ist er fromm wie ein Hund. Wie er die Nase hoch nimmt und die Nüstern bläht; wird wohl Rotwild in der Schonung stehen, wenn nicht gar Sauen! Eine Nachtschwalbe fliegt vor seinen Hufen über den Weg; fällt ihm nicht ein, zu scheuen: dies ist ja sein Wald, den kennt er doch! Aber als es zu Tale geht, dem Stalle zu, da greift er wieder aus, als ob er Paprika an gewisser Stelle hätte; wenn Birschwagen und Jäger heil von solcher Fahrt über Stock und Stein nach Hause kommen – für jedermann ist sie nicht.

Zum Beispiel gar nicht für Staatshämorrhoidarier, die dem Oberförster mit Schreibwerk das Leben verleiden und nichts vom Waldbau im Gebirge verstehen. Kam da auch einmal ein Überstudierter, der aus dem Walde den letzten Hirsch und die letzte Buche »beseitigen« wollte. Der Oberförster setzte ihn auf seinen Birschwagen und brachte ihm mit Pompejus' Hilfe Verständnis für die Eigenart seiner Berge bei. Das hat geholfen. Die Frau Oberförster freilich schalt mit ihrem »Alten« und brachte es auch wirklich mit Bitten und Schmeicheln dahin, daß er mit ihr zur Stadt fuhr und sich mit dem alten Herrn wieder anfreundete. Schwer hielt das freilich, denn trinken konnte die matte Seele von Vorgesetzten auch nicht. Nach Tische mußte er Selterwasser und schwarzen Kaffee nehmen; mit knapper Mühe brachte man ihn dahin, daß er abends das Konzert im Schloßpark besuchen konnte.

Die Damen paßten besser zusammen, und der Frau Forstrat gefiel auch unser Oberförster ganz außergewöhnlich gut.

Sie bot denn auch alle ihre Liebenswürdigkeit auf, um ihm den Besuch angenehm zu machen.

»Wie sehr müssen Sie doch in Ihrem Walde den Verkehr mit der Gesellschaft entbehren!« meinte sie, indem sie ihr Auge mit Genugtuung über die glänzende Parade von Zivil und Militär schweifen ließ, die über die »Lästerallee« am Schwanenteich zog. Eben spielte die Musik ein schmelzendes Adagio, zu dem man sonst an dem kunstsinnigen Regierungssitze keine Baßbegleitung zu hören gewohnt war – mit Entsetzen fuhr die Frau Oberförster herum; den Grundbaß kannte sie doch! Ihr »Alter« schnarchte wie ein Bär. Die Frau Forstrat besaß genug guten Humor, um der Sache ihre fröhliche Seite abzugewinnen; aber die gute Gesellschaft der kunstsinnigen Stadt rümpfte doch ihre ästhetischen Nasen. Leider hatte man im Gasthofe mit Pompejus keine besseren Erfahrungen gemacht. Er hatte sich losgerissen und mit den Nachbargäulen eine Keilerei angefangen, die ihm zwar ganz gut, den Stadtgäulen aber desto schlechter bekommen war. Als der Oberförster abends nach Hause fuhr, summte er: »Im Wald und auf der Heide!« Und daran tat er recht.

An einem Sonntag Nachmittage war's, als er mir das Stückchen lachend erzählte. Anderes Volk geht um die Stunde in die Schenke. Wir waren dem Kaffeebesuch der Frau Oberförster ausgerückt und lagen, da es zur Birsch noch zu früh war, im hohen Heidekraute, um uns die liebe Sonne auf den Pelz brennen zu lassen. Neben uns stand Pompejus und hörte zu. Einmal schnupperte er an mir herum, und als ich da so von unten in sein blödes Auge sah, war mir, als ob ein ganzes Bündel von lustigen Streichen darin säße.

Ob er wohl noch lebt, der alte Bursche? Wenn er einmal verendet, so soll ihn der Racker nicht auf den Schindanger fahren. Unter grünem Moose wollen wir ihn betten. Den Schädel aber sollen ihm die Ameisen polieren, und dann wollen wir den an eine Eiche hängen droben am Hochmoorkopfe, wo der Auerhahn balzt und der Lärm der Dorfglocken verworren aus tiefem Tale heraufhallt wie fernes Immensummen. Dort mag er warten, bis im Mondlichte der Uhu ruft und Wode seine Jäger und seine Birschgäule sammelt zum Freiheitsritte im wilden Frühlingssturme. Weidmannsheil!

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