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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Saehrimnir

Über dem Hofe mit den weiten Scheunen liegt der Abendfrieden. Von den Ställen her hört man das Knurpsen der abgefütterten Pferde. Ab und an ein Kettenrasseln, vom Kuhstalle her ein Aufbrüllen. Im Scheine des jungen Mondes schneidet Adebars Bild sich in den Himmel hinein. Klappernd legt er den Langschnabel noch einmal auf den Rücken, bevor er ihn unter den Fittich steckt.

Madam Möller, wie die Frau Oberamtmann von den Leuten genannt wird, sitzt vor Abendbrot mit ihren Söhnen noch ein bißchen vor der Tür, hört die Nachtigall im Parkgarten schlagen und atmet mit dem Dufte von letztem Flieder und erstem Rosmarin ein bißchen Pferdestall und Kuhdung ein. Sie ist auf ihre alten Tage noch die Seele der Wirtschaft und ist's zufrieden.

Darf's auch sein vor ihrem Herrgotte und dem Andenken ihres Seligen, der drüben unter der alten Linde neben dem grauen Kirchturme von Findlingssteinen ruht. Ihre Mädchen sind anständig verheiratet, und ihre Jungens sind geraten. Aber lachen muß sie, wenn sie denkt, wie verschieden die beiden sind.

Korling – du lieber Himmel, er ist nun schon vierzig Jahre alt, Professor und Familienvater; aber für sie bleibt er Korling! Er hätte Pastor werden müssen; sein Reich ist nicht von dieser Welt! Ein Glück, daß sein Mining so gut auf ihn achtet! Er studiert Tag und Nacht und schreibt Bücher über alte Götter von Völkern, an die kein Mensch mehr denkt. Im Dorfe bei den Leuten heißt er »uns' Mondperfesser«.

Fritzing ist das genaue Gegenteil: hinter der Wirtschaft her wie kein zweiter. Und wenn abends alles in Reih und Schick ist, mit der Büchse draußen. Frühmorgens vor Tau und Tage, ehe Liesing den Fensterladen öffnet, liegt auf dem Rasen gestreckt, was er geschossen hat. Und er ist derweilen schon wieder bei seinem Vieh!

Gott, ach Gott, was haben die beiden sich als Jungens geprügelt! Jetzt sind sie ein Herz und eine Seele. Fritzing frißt in sich hinein, was Korling ihm klar macht. Dafür versorgt Liesing dann Mining mit den beliebten »Freßkobern«.

»Korling, segg eens: wat het Adebar met'n Maan to dauhn?«

»Hast du in der Schule die Geschichte von Mosessen nicht gehabt?«

Liesing versucht umsonst, sich bemerkbar zu machen; das Abendbrot steht auf dem Tische.

»Na, nu lat doch man oll Mosessen!«

»Wollen wir nun nicht lieber essen?« wirft die alte Dame ein. Aber keiner achtet darauf. Korling doziert:

»Laß ihn nicht! Siehst du: dort schwimmt der Mondkahn mit dem Kindlein auf den Wolken! Und davor im Bilde steht Adebar. Und du fragst noch? Frag Liesing!«

»Nu hör up!«

»Tu ich nicht! Der Mond ist Helfer in schwerer Stunde: Vergiß das nicht, mein Jungchen!«

Fritzing lacht.

»Möchten die Herren nicht zum Essen kommen?« fragt das Hausmädchen, offenbar von Liesing geschickt.

»Ja, ja, glieks! Segg eens, Korling, hüt abend möt'st mi dat noch verteilen von dat oll Swin in'n Himmel bi Wodan! Dat, wat immer wedder lewig ward, wenn's ehm upeten harr'n!«

»Wollt ihr denn gar nicht zum Essen kommen?« fragt Liesing.

»Ja doch, ja doch!«

»Sieh mal dort den Mond an! Hinter den goldenen Zähnen sitzt der schwarze Kopf des Keilers!«

»Ja, wohrhaftig, Minsch!«

»Wollt ihr nicht lieber Schinken essen, als davon reden?« meinte die alte Dame.

»Ja doch, glieks, Mutting! – – Woans näumten's dat in Walhalla?«

»Saehrimnir, mein Jungchen!«

Jetzt nimmt »uns' oll Dam« unter jeden Arm einen von ihren Mondstudenten und zieht mit ihnen zu Tische.

»Dat möt'st mi verteilen, Korling! So 'n Racker heww ik füllm.«

»Bist du unter die Einherier versetzt?«

»Nä, blot to'n Träng, wil dat's dor en praktschen Kirl brukten!«

»Na – danke, Liesing, sorge nur für Fritzing, ich futtere immer so eben weg beim Erzählen! – Also was ist das mit deinem Saehrimnir?«

»Irst möt'st mit vertelln, wat din bedüdt!«

»Will ich – gib mal das Sauerkraut her! Ja, Saehrimnir – das ist der schwarze Mond, den der goldne Held verzehrt und der doch hinter ihm immer wieder nachwächst. Heidrun ist die Wolkenziege, deren Milch die Helden trinken – gib mal die Heldenquelle mit der Liebfrauenmilch her!«

»Na ja, – aber du seggtest doch noch von goldenen Borsten, wo doch din Keiler de swarte Moan sin fall!«

»Komm mal raus!«

»Gott sall mi bewoahren!« ruft Liesing und zieht Fritzing, der wahrhaftig aufstehen will, an den Rockschößen nieder.

»Kinder, laßt uns doch bloß erst essen!« bittet lachend die alte Dame.

»Na, also nach Tische kannst du dir ja ansehn, wie den schwarzen Mond ein leichter Schein umstrahlt. Manchmal bei feuchter Luft ist es ein richtiger Hof. Bei den Indern ...«

»Drinken de ok Wien?«

»Dann wären sie keine Buddhisten!«

»Dat harr'k mi all lang dacht, dat de Kirls to'n Drinken nich to bruken wier'n! – Na, un woans is dat met dat Mondswin bi ehr ...?«

»Des Himmels roten Eber nennen sie den indischen Rudra.«

»Eber? Keiler heit he! Weidmännsch verstahn de Kirls ok nich? – Wo wir denn dat bi de oll'n Griechen?«

»Den kalydonkschen Eber der griechischen Sage, dem Meleager die Schwarte abstreift, hast du doch beim Rektor Bartel in der Schule gehabt! Und den erymantischen Eber, den Herkules bekämpft, auch. Und ebenso den Keiler, der Adonis mit scharfem Zahne tötet! Da siehst du, mein Jungchen, wie in allen Naturschilderungen – schenk mir mal ein! – der alte ewige Kampf wiederkehrt, dem der Mond zum Opfer fällt. Wie wir bei Apollodor lesen, hatten die schrecklichen Gorgonen gewaltige Keilerwaffen, und die Abbildungen bestätigen dies.

Nun vergegenwärtige dir, was die Edda uns in Grimnirsmal vom Keiler Saehrimnir sagt, der sich täglich erneut, und von der Ziege Heidrun, deren Milch, die klare Ätherflut, den Unsterblichen zum ewigen Trunke wird in Gladsheim, der golden schimmernden fünften Halle:

»da kiest sich Odin alle Tage
vom Schwert erschlagene Männer.
Leicht erkennen können die zu Odin kommen
den Saal, wenn sie ihn sehen:
mit Schäften ist das Dach besteckt und überdeckt mit Schilden,
mit Brünnen die Bänke bestreut.

Leicht erkennen können die zu Odin kommen
den Saal, wenn sie ihn sehen:
ein Wolf hängt vor dem westlichen Tor,
über ihm ein Aar.«

»Das habe ich auch in der Schule gehabt, aber alles wieder vergessen!« ruft Liesing aus. Mutting hat in stiller Andacht zugehört. Er weiß das alles auswendig. Ganze Bücher kann er herreden. Warum ist er – –

Da nimmt ihr Fritzing das Wort aus dem Munde: »Minsch, warum bist du nich Pastuhr wor'n! Denk mal blot!«

Korling hält zur Antwort das geleerte Glas hin. Dann, nachdem Fritzing die Flasche leer geschenkt hat, fährt er mit leisem Zucken um die Mundwinkel fort:

»Aus dem himmlischen Saale der seligen Helden heißt es von den Einheriern:

»Die Einherier alle in Odins Saal
streiten Tag für Tag.
Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim
mit Asen Ael zu trinken,
und Saehrimnirs satt sitzen sie friedlich beisammen.«

Äl oder Meth gewährt ihnen die Ziege Heidrun, von der schon die Rede war, Fleisch aber der Keiler Saehrimnir, der täglich gesotten wird und am Abend wieder heil ist. Andhrimnir heißt der Koch und der Kessel Eldhrimnir nach Grimnirsmal:

»Andhrimnir läßt Eldhrimnir
Saehrimnir sieden,
das beste Fleisch, doch erfahren wenige,
wie viele der Einherier essen.«

»Wat?« ruft Fritzing belustigt aus. »Dat's min ol Swin in de Voßmaraß!«

Und als alle lachen:

»Nu, kumm man rut! Buten drinken wi'n Buddel Äl, und denn vertell ik di von minen Saehrimnir!«

»Ist der auch goldborstig wie Freyrs Gullinbursti?«

»I Gott bewoahre! Awersten en höllschen Kirl is he! Vör Johren, as he noch Äwerlöper wier, hat ehm Franz Klaehn nachts en Stückschen ut de Keulen schaten. Dat het grad keen Einherier eten, äwerst Klaehns Hektor hett's upfreten. Äwerst de Keiler is dörchkamen. Vor twee Joahren hett ehm de Lüttendobberpfuhlsche Hilfsjäger nachts den rechten Haderer afschaten. Sörre de Tied is ehm dat Gewehr ut'n Gebrech rutwussen as 'n krummen Spargel. Un en Kirl is he – kumm, stoß an in fresch Äl: wi will'n ehm Saehrimnir döpen!«

»Wollen wir, Jungchen! Hoch soll er leben! – – Du! Guck mal bloß den Strahlenkranz von Gullinbursti am Himmel!«

*

Der Ukleysee ist tief und klar, aber nur im Kahne vom Langen Fließ aus zu erreichen. Das verbindet ihn mit der Stillen Lanke und dem Großen Möllenthin. Vom Lande aus hat kein Menschenauge je seinen blauen Spiegel erschaut, denn hohe Rohrwälder umkränzen ihn. Und was man sonst so Ufer nennt, ist bei ihm ein viele Büchsenschüsse breiter Streifen von Moor, Kaupen, Weidicht und suppenweichem Bruch. Kein Hund kann drin schwimmen oder waten. Auf dunkelen kleinen Erleninseln brüten Seeschwalben, Lachmöwen und Krickenten, stolzieren Kraniche und fischen Reiher, aber kein Kiebitz klagt, keine Bekassine meckert, keine Rohrdommel brüllt. Und wenn die lärmenden Möwen mit ihrer flüggen Brut das Waldmoor verlassen haben, liegt die »Voßmaraß« am Ukleysee in tiefem Schweigen. Oben am Berge rauscht dunkler Fichtenwald, und im Morgensonnenscheine glüht eine einsam stehende Randkiefer wie eine rote Fackel über den See hin und nach den strebsamen jungen Artgenossen in der Schonung am anderen Ufer hinüber.

Das ist die Veste des alten Bassen, den Korling und Fritzing Saehrimnir getauft haben. Bei den Grünröcken rings im Lande heißt er »Urian«. Nicht schlecht hat er seinen Standort gewählt. Wer in der Voßmaraß ihn suchen will, muß im Kahne kommen. Im Winter sorgen die Sprinde aus den Randbergen dafür, daß nicht das Eis eine Brücke schlägt. Und in hellen Mondnächten, wo kein Keiler dem grünen Teufel traut, findet er hier immer gedeckten Tisch. Süße Knollen der Seerose und Mummel, mit Kalmus gewürzt, dazu Kerfen, Larven, Nattern, frische Enteneier oder nackte Möwenbrut, im Herbste Rausch- und Moosbeeren und im Winter angeschossene Rehe oder sonstiges Kruppzeug.

Urian ist kein Kostverächter. Er macht nicht viel Federlesens mit einem jappenden Kitzbocke, dem er im Moore den Weg abschneiden kann. Aber er fragt nach weißen Mohrrüben und derlei Näschereien wenig, solange Eiche und Buche ihm nahrhafte Mast streuen; es ist eine Verleumdung seiner unwissenden Feinde, die sich in die Seele eines alten Hauptschweines nicht hineindenken können, daß er aus Grundsatz und persönlicher Bosheit die Bauernfelder umbreche. Das tut er nur, wenn im Walde Schmalhans Kostmeister wird, oder im Spätherbste, wenn die Leidenschaft ihn zu der Rotte zieht, die es nicht lassen kann, nachts auf den Feldern zu naschen. Wie dumm solche Dreistigkeit ist, hat Urian schon in früher Jugend als kaum dem Gesäuge entwöhnter Frischling erfahren. Die alte Bache führte ihn mit seinen Geschwistern nur in dunklen Nächten auf die Kartoffeläcker, bei zunehmendem Monde nicht vor Mitternacht und bei abnehmendem frühzeitig, ehe die verräterische Sichel heraufzog. Und doch hat sie in einer solchen Nacht sich den Tod geholt! Und Urian hat der Donnerblitz, den ein Bauernjäger aus einem dunkelen Erdloche in dem Kartoffelfelde ihm entgegengeblasen hat, gräßlich in den Knochen gewurmt. Die rechte Schulter ist ihm zeitlebens steif von den juckenden kleinen Donnerkeilen geblieben, und mit dem Vorderlaufe tritt er seitdem in die Kaul. Wenn er's eilig hat, geht er auf drei Läufen flüchtig, und an dieser Fährte kennen ihn die verwünschten Grünröcke als die größte Berühmtheit seiner Art zwischen Möllenthin-See und Ucker. Damals war er noch so einfältig gewesen, die schmerzende Wunde, die er selbst davongetragen hatte, und die, an der seine Mutterbache unter elenden Qualen im kaum noch erreichten kühlenden Moraste verendete, als Folge eines natürlichen Blitzes anzusehen. Aber seit dem Liebesabenteuer vor drei Jahren weiß er es besser, und er kümmert sich seitdem noch sorgfältiger um die Fährten der Grünröcke, als die um die seinige. Er war damals schon ein hauendes Schwein und lebte zur Rauschzeit in grimmiger Feindschaft mit einem anderen Keiler, der sich allzu mausig bei den Jungbachen machte und ihm frech entgegentrat. Da setzte es in jeder Nacht statt Liebe Hiebe, Schmisse und Bisse, und auf beiden Seiten ging das nicht ohne zorniges grobes Blasen ab. Der Boden des Kampfplatzes sah am nächsten Morgen übel aus, zumal in den verwünschten Kartoffeln, in die sie durch die Rotte wieder hineingelockt waren! Und das führte zu bösem Leumunde und lautem Geschrei. Der Bauer schalt die Jäger, daß sie den Sauunfug begünstigten. Und der alte Knasterbart von Förster, der seines Reißens wegen den nächtlichen Ansitz am Wechsel nicht mehr vertragen konnte, warf dem Hilfsjäger in den zärtlichsten Ausdrücken Abneigung gegen Klammfrost und Nebel und Vorliebe für die Ofenecke in der Dorfschenke vor. Zu seiner Zeit sei das alles anders gewesen! Aber die heutige Jugend habe kein Verständnis mehr für die Schönheit einer bereiften Dezembernacht und nichts als Schürzenjagd im Kopfe. Försters Lieschen hatte infolgedessen verweinte Augen, und der eheliche Frieden im Forsthause wurde hinter der Gardine oft durch rauhe Barschheit gestört, die Urian ungemein natürlich empfunden haben würde, wenn er sie hätte vernehmen können. Der alte Förster knurrte: »Lieber ein Kampf mit 'ner wehrhaften Sau, als einer im Bau mit 'ner zänkischen Frau!«

Während Urian seine liebe Not hatte, den scharfen Hieben des wendigen Nebenbuhlers auszuweichen und Nacht für Nacht seinen Platz zu behaupten, ahnte er nicht, was seiner Schwarte von anderer Seite drohte. Zwar war er schon längst mißtrauisch gegen den Kartoffelacker und suchte die Bachen von ihm fernzuhalten. Aber wenn er sie mit wütendem Blasen umkreiste, um sie zusammenzutreiben, so band sofort der Gegner mit ihm an, und dann gab es für die Rotte kein Halten mehr, und im scharfen Trott trollte sie durch Bruch und Heidewald hinaus auf die verbotenen Felder. Da war nun zum Glücke ein vom Walde umschlossener Kesselwinkel, in dem der Wind fortwährend krüselte, so daß die aufmerksame alte Geltsau sofort Witterung kriegte, von welcher Seite auch der Jäger sich nahen mochte. Aber der Teufel treibt heutzutage selbst in den dunkelsten Nächten mit einem ehrlichen alten Borstenkittel sein Spiel, und die Menschen werden alle Tage schlechter und namentlich die Jäger immer abgefeimter.

Der junge Hilfsjäger war kein Freund von nächtlichem Ansitze. Er schoß seinen Keiler lieber bei gutem Büchsenlichte. Aber in diesem Falle mußte er sich schon zur nächtlichen Warte bequemen. Wie Urian diesen Grünschnabel haßte, der seine Nase in jede Fährte steckte, die ein verliebter alter Keiler am Waldrande hinterlassen hatte! Ganze Geschichten, die ihn gar nichts angingen, las er sich da aus allerhand kleinen Anzeichen zusammen; und wenn er hinter Urians heimlichste Schliche und Herzensschwächen gekommen war, so grieflachte er noch dazu! Den Rückwechsel durch das Teufelsbruch hatte er ihm durch einen langen Drahtzaun versperrt, und eine Schütte verlockender Kartoffeln mit Mais war dort aufgehäuft. Hinter der Kirrung war ein hoher Steinhaufen, den Urian nicht umkreisen konnte. Er mußte an dem Drahtzaune entlang an die Kirrung heranwechseln. Bei Nordwind war das schlimm! Denn der stand geradewegs in das abgesperrte Teufelsbruch hinein. Und sobald Küsters rostiger Kuckuck auf dem Dorfkirchturme nach Norden stand, saß der schlechte Kerl, der Jäger, bei dem schlechtesten Sauwetter in seinem Loche und wartete. Den Bachen tat er nichts, denn er hatte es nur auf Urian abgesehen. Vor sich auf dem flachen Decksteine des Haufens hatte er ein braunes Ding liegen. Wenn er daran drückte, so gab es einen hellen Schein, wie eine Sternschnuppe zur Zeit der Weizenreife, nur ruhiger und andauernder. Und wenn er wieder drückte, so war alles dunkel und die Nacht so kohlrabenschwarz wie zuvor.

Die Rauschzeit näherte sich bereits ihrem Ende, da brach das Unheil über Urian herein. Die Nacht war schwarz genug, und Urian konnte kaum den Pürzel seiner Lieblingsbache vor dem eigenen Gebrech sehen. Eigentlich hätte er da ganz sicher sein dürfen. Aber als er hinter der Rotte an den Kirrplatz heranwechselte, drängelte sich wieder der verhaßte Nebenbuhler heran, und es gab eine Mordsrauferei, keine zwanzig Schritt weit von dem verteufelt verdächtigen Steinhaufen.

Eben hatte Urian den Nebenkeiler abgeschlagen, und mit wutschäumendem Gebrech, den Pürzel ausgestreckt, stand er hochaufgerichtet da, im Stolzgefühle des behaupteten Sieges. Da leuchtete ein geheimnisvoller Schein auf, ihm gerade in die Lichter hinein, so daß er nicht erkennen konnte, was hinter dem blendenden Scheine vorging. Und ehe er zum Nachdenken kam, blitzte es noch einmal, aber diesmal rötlich. Nur Urian wurde grün und gelb vor den Lichtern. Er hat auch den kurzen scharfen Knall nicht gehört, der dem Blitze folgte. Denn in wildem Schmerze wälzte er sich, alle viere in die Höhe, am Boden. Aber nur einen Augenblick! Dann war er auf und hinter der fortstürmenden Rotte her. Am Waldsaume rannte er mit dem Gebrech gegen den Drahtzaun, daß es brummte. Das brachte ihn zur Besinnung und riß ihn herum: durch den Buchenwald flüchtete er in das Moosbruch, dann über die Mühlwiesen und in das Röhricht des Ukleysees hinein. Da kam ihm in dem furchtbaren Schmerze im rechten Lichte zum Bewußtsein, daß der Blitz nicht vom Himmel, sondern aus dem Erdloche gekommen war, genau so wie damals, als er als Frischling das Feuer auf der Schwarte brennen fühlte. Diesmal hatte es aber nicht den Schild getroffen, sondern den Kopf. Wütend vor Schmerz warf er sich ins Wasser, um den Brand zu kühlen. Und dann entsann er sich, daß hier seines Bleibens nicht sei. Morgen würden ihn die verwünschten Hunde finden; denn die Fährte, die er heute hinterlassen hatte, die würde noch tagelang stehen, bis eine starke Neue sie deckte. Zitternd richtete der alte Bursche sich auf. Dann glitt er nach einigen vorsichtigen Schritten leise ins tiefe Wasser und rann durch den See, um drüben an der Voßmaratz ans Ufer zu steigen.

Dort war er in Sicherheit. Nicht Hund noch Jäger hat dort seine Fährte gefunden. Und langsam ist er von der bösen Wunde dort bei schmaler Kost und grimmenden Schmerzen genesen. Aber wie hat der Schuß ihn zugerichtet! Den rechten Haderer hat er ihm fortgerissen, und das rechte Licht ist ausgelaufen. Desto trotziger und entschlossener blickt Urian aus dem linken in die Welt hinein, und das rechte Gewehr hat nun Platz, sich ohne Widerstand vom Haderer desto länger auszuwachsen. Und jedenfalls hat Urian jetzt aufgehört, Spaß zu treiben und Spaß zu verstehn.

In der letzten Rauschzeit hat er dem Keiler, der an all seinem Pech die Schuld trug, einen Schmiß in die linke Flanke versetzt, der ihm das kleine Gescheide rausgerissen und seinen Zudringlichkeiten ein Ende gemacht hat. Und den Bachen folgte er auch nicht mehr auf die Felder, sondern er trieb sich eine Jungbache in die Voßmaratz hinein, aus der er sie erst wieder herausließ, als er eine andere zum Ersatze fand.

In der Jägerwelt ging, da man nichts mehr von ihm spürte, das Gerücht, er sei damals an den Folgen des schweren Kugelschusses verendet und der eigenen Rotte zum Fraße verfallen. Andere meinten, er sei ausgewechselt, der Kuckuck wisse, wohin. Jedenfalls galt er als verschollen, und ein fünfjähriger Keiler, der auf den Feldern bei seinen allnächtlichen Besuchen sowie an den Suhlen eine grobe Fährte hinterließ, wurde an des alten Statt mit dem Ehrennamen »Urian« belegt.

Da kam der strenge Winter, der selbst die Sprindquellen der Voßmaratz in Eis legte und den alten Weidspruch zu neuen Ehren brachte: »Der beste Leithund, das ist der Schnee; der bringt den Sauen Tod und Weh.« Da hieß es in der Jägerei wieder, in der Voßmaratz stecke ein Hauptschwein, und es wurde vermutet, Urian sei doch noch am Leben. Aber der Alte hielt sich trotz Schnee und Eis zurück und drückte sich bei der Treibjagd in mürrischer Vorsicht durch die Treiber. Und der daran glauben mußte an diesem für die Rotte so schwarzen Tage, das war der Fünfjährige, der falsche Urian, der den Hunden noch mit Grobheit glaubte zusetzen zu können. Schließlich brach auch das Bolleis der Voßmaratz, Lilien, Froschlöffel und Sumpfdotter sproßten wieder auf, und die bitterste Not war vorüber. Der Spielhahn rodelte, die Schnepfe kehrte wieder, und ein alter Rehbock machte Urian zuweilen um der saftigen Moorgräser willen Besuch.

Da kam etwas wie ein Trotz über den alten Burschen. Um diese Zeit bestellen die Bauern ihre Felder, und auch die Förster setzen auf ihrem Dienstlande jetzt die Kartoffeln. Das ist eine gar zu köstliche Leckerei, in ihrer Seltenheit weit verführerischer, als im Herbste die üppig vollen Felder. Also versuchte Urian es in einer besonders finsteren Nacht. Und wohl wissend, daß der verhaßte Grünrock ihm in der nächsten Nacht auflauern würde, nahm er in dieser das Dienstland des Nachbarförsters an und dann das eines dritten und vierten Grünrockes oder das Zwergstück eines Eigenkätners, bis der Ruf seiner Schandtaten seinen ganzen Wirkungsbereich erfüllte und es ausgemacht und bestätigt war, daß er jedesmal in die Voßmaratz zurückwechsele.

Ja, ja, Urian, so stehn die Dinge!

Und nun muß auch noch der Mondprofessor mit seinem Strahlenkränze und Freyrs Gullinbursti kommen!

*

»Soll mich doch wundern, ob wir ihn heute kriegen!« meint Korling, als am Morgen »die halbe Gegend« zur Polizeijagd anrückt. Die Bauern von Grünwalde haben keine Ruhe gelassen, das Amt hat unter Androhung von Polizeijagd die Möllenthiner Verwaltung aufgefordert, für besseren Feldschutz zu sorgen. Die Förster haben zu dem Schaden nun auch den Spott. Und wenn sie Urian schon vordem auf dem Striche hatten, begreift man, wie sie ihm jetzt grün sind! Alles haben sie versucht. Ankirren mit Mais – prost Mahlzeit, eine Bache mit Frischlingen brach die Schüttung weg. Aber kein Urian kam! Der blieb bei seiner Möwenkost. Dann fiel der Aprilregen; da hörte das Spüren überhaupt auf. Urian aber tat dies Sauwetter wohl! Er träumte bereits vom heraufziehenden Zeitalter der großen Weltsuhle. Da sollte es nun doch anders kommen.

Das Wildschadengeschrei der Grünwalder und Altenradunger nahm kein Ende, also hat das Amt Polizeijagd angeordnet. Na, die Schützen, die da angefahren, angeradelt und in neumodischen Ungetümwagen herangestöhnt kommen, sehen nicht aus, als verstünden sie sich auf Urians Schliche!

Freilich, den Rückwechsel zur Voßmaratz hat man ihm um Mitternacht verlappt. Aber sobald der Spektakel der wie blödsinnig brüllenden Treiber losgeht, drückt Urian sich am Schilfrande im Wasser entlang, wo die Hunde seine Fährte verlieren.

Endlich ist das Trari-trara vorbei. Eine Bache hat ihre Liebe zu den Frischlingen mit dem Leben bezahlen müssen. Das ist das ganze Ergebnis des amtlichen Lärmes mit Treiberklappern, Kötergekläff und Horntuten! Die ersten Wagen fahren und stöhnen schon davon, und die Gäste schimpfen auf die elende Jagdleitung.

Urian denkt an seine nächste Zukunft und will sich schon davonmachen. Da kriegt er Besuch von einem frechen Teckel, der sich mit arger Mühe durch das Schilfgestrüpp hindurchzwängt. Mit giftigem Grinsen sieht Urian ihm zu. Bald aber wird ihm die Gefahr der Lage klar. Das Krummbein da macht Ernst! Es läßt sich nicht schlagen, hält sich immer ab von Urians Gewehren; aber nach hellem Halsgeben setzt die verdammte Kröte jetzt mit grobem Standlaute ein. Und von zwei Helfershelfern kommt Antwort. Vom Ufer her erneuter Schall eines Hornes, der wie ein Läufer klingt und nichts Gutes weissagt.

Fort, marsch, ehe die Hunde kommen! Hinein in den See, um drüben zu landen, wo kein Hund zu Lande hindurch kann! Aber diesmal ist es zu spät. Laut bleibt der Teckel ihm auf, und bald wimmelt der See von Hals gebenden Hunden. Immerhin nützt Urian seinen Vorsprung. Aber als er unter der hohen Erle landen will, blitzt es. Durchs Herz getroffen hat der alte Basse eben noch soviel Kraft, festen Grund zu fassen. Dann bricht er zusammen und, gedeckt von den herandrängenden Hunden, bläst er seinen letzten Seufzer aus.

Da klettert Fritz Möller von seiner Erle herab, und Krischan Düsing, der Fohlenjunge vom Hofe, rudert den Kahn heran, um seinen jungen Herrn aufzunehmen.

Die beiden kannten seit jener Dezembernacht, als die Schweißfährte im See sich verlor, Urians Schlich. Und unzählige Male hatten sie ihm den nassen Rückwechsel zu verlegen gesucht. Immer vergebens, bis es endlich nun doch geglückt ist.

Unter dem Geläute der den Kahn anfüllenden Hunde tritt der alte Baffe seine stille Fahrt an über den im Abendlichte ruhenden Ukleysee.

Am Möllenthiner Ufer wartet Korling.

Fritzing zieht die Jagdflasche aus der Tasche.

»Prost, Korling! Will'n ehm dod drinken!«

»Jawoll, mein Jungchen! Und nochmals taufen: Saehrimnir!«

Dann holt Korling ein Eschendreiblatt. »Vom großen Weltbaume den Siegerschmuck!« wie er lachend sagt.

»Den Kopf laßt ihr euch doch ausstopfen?« fragt Franz Klaehn, ein bißchen benaut in Betrachtung der verheilten Mordsnarbe auf der Keule des Keilers versunken.

»Fällt uns nicht ein! Der wird behandelt, wie sich gebührt! Auf ein geschnitztes Dreiblatt kommen seine Waffen in Halbmondform, die Haderer dazwischen, als Füllung des Kreises und Abbild vom Schwarzmonde dahinter die gebundenen schwarzen Federn! Nicht wahr, Fritzing?«

»Minsch, Korling! Din Studeern is wiß un wohrhaftig doch to wat gaud!«

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