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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Frühlings-Spuk

In der Valparola und zum Gadertale hinaus heulte der Tauwind drei schlackrige Tage und drei schwere Nächte lang sein schauerliches Lied. Kreuzkofel, Roßkopf und Marmolada zogen sich die graue Mütze über die Ohren. Dann schlug das Wetter um, der Wind pfiff von Norden aus dem Pustertale herauf und brachte frische Grüße vom Hochfeiler und Groß-Venediger mit. Das Lied klang freilich anders, mein Lieber! Da verging dem Kauze, der im hohen Dürrlinge über dem Stadel der Schafalm haust, die Lust zum Jauchzen und Stöhnen. Stumm strich er im dunklen Holze hin, schlug zu Hungers Notdurft zwei, drei Mäuse und kroch, ehe der Fanesspitz aufleuchtend den Morgen verkündete, wieder in sein warmes Loch.

Nun aber ist es Ernst geworden mit dem Lanks. Die Erle am Bach rührt sich, den Alpenrosenknospen will's das pralle Mieder sprengen, der Haselbusch am Friedhofszaun schmückt sich mit Gold und Rubinen, unter Schneeplaggen am Waldsaume lugen Ranunkelkraut und Enzian hervor. »Kuwitt, kuwitt!« da sind ja wohl gar schon die ersten Anemonen? »Huhuhuhuuhu!« Nun aber los die liebe lange Nacht hindurch, denn das Herz ist gar zu voll! Das Vronerle steckt den Kopf in die Kissen, weil der Kauz gar so schaurig lacht, als ob der gehörnte Grünäugige sich über eine arme Sünderin freue. Aber dem Kauze selbst ist die Liebe ins Blut geschlagen. »Waha hahaha-uh!« wehahwehzt er hinter der dickköpfigen Käuzin her, und das ganze Tal ruft er zu Zeugen seiner Sehnsucht auf. Der Lanks kommt!

Nein, er ist schon da! Abends, wenn die Dolomiten der Sonne die letzten Scheidegrüße nachsenden, ertönt im Tale Drossellied und Amselschlag durch die ahnungsreiche Luft.

Auch zum Walde hinauf will der Lenz, und von stolzerem Boten läßt er sich dort verkünden. Über den Wipfeln liegt schon der zarte Duft von Braun, das grün werden will. Aus jeder Bergspalte rauscht und quillt der Frühlingssegen herab. Das strömt und sprudelt ums trotzige Gestein und rast in tosendem Gischte zu Tale. Unter den dunkelgrünen Laatschen und noch kahlgrauen Lärchen stehen ein paar alte, zottige Zirbelkiefern. Ihre lang herabhängenden Moosbärte sind vom aufbrausenden Dunste des Wildbachs gesäugt. Und tiefer dem Tale zu dunkle Fichtenhorste vom Schleierdunste des Schmelzwassers umwebt. Dazwischen ein paar alte Kohlplatten und halb vermoderte Windbruchriesen bei moosgekröntem Gesteine: das ist sein Reich! Und die weihevolle Stunde, wenn die Sterne erbleichen und die flimmernden Firnen den ersten Gruß des Morgens verkünden: das ist die Stunde des königlichen Frühlingssängers.

Unweit seines Standbaumes liegt eine Gruppe zerklüfteten Felsgesteins. Die nimmer rastende Zersetzungskraft des Tropfwassers und der sprengenden Kohlensäure hat diese Brocken losgenagt von den hohen Riffen, die einst das große Beben der schrumpfenden Erdrinde aus dem Meeresboden zu dieser steilen Höhe emporgequetscht hat. Über den Korallentieren und Kalkalgen, deren Reste dies verwitternde Gestein noch zeigt, hüpfte und flatterte einst die seltsame Flugechse Archaeopterix, das Gemisch aus vorsintflutlicher Echse und werdendem Vogel. Als dieser Urgreif das Fliegen erlernte, hatte die gütige Natur ihm ein langes Höhensteuer gegeben, wie der Mensch seinen Eisenvögeln es jetzt auch wieder gibt. Am Rande der Korallenbänke über der Lagune des Jurameeres wiegten damals Farne und Zykaden ihre leichtgeschwungenen Wedel. Heute krönt sie der trotzige Laatschenbusch mit dunklen Dolden, und in der Zirbe über ihnen balzt der Nachfahr des Greifes, der Urhahn, der älteste der Vögel, der in der Schwellfalte des Geöhrs noch das Erbe aus verschollener Ahnenzeit bewahrt. Noch heute ist er kein besonderer Meister im Fliegen, und wenn er über das Tal hin reitet, kennzeichnet auch der lange gefaltete Stoß ihn weithin in seiner rückständigen Art.

Wie seine Vorfahren aus der Saurierzeit Steine verschluckten, nimmt er aus dem Waldbache als Weidkorn die funkelnden Sternchen auf, die sie im Schotter führen, und die ihm im kräftigen Muskelmagen zwischen den scharffaltigen Reibeplatten als »Magenzähne« dienen und dabei selbst schön blank geschliffen und poliert werden.

Er sieht, ehe er abends die müden Seher schließt, im Mondscheine die Schleierbäche silbern funkeln. Und er lauscht am Morgen den Wildwassern, die mit Jauchzen zu Tale tosen, von immer neuen herzuspringenden Ankömmlingen begrüßt. Das fragt nicht woher, wohin und nach der Schönheit der Welt, die es zerstört. Nur vorwärts um Steine und ächzendes Wurzelwerk: der Gader und Rienz, der Drau und Donau, dem fernen Schwarzen Meere zu! Es muß doch ein Köstliches sein, Zigeunern, Serben und Tataren in überströmender Lust den Segen deutscher Alpenwelt zu bringen! O du heilige Gewalt des Neuerblühens, die auf ewigen Fittichen den Lenz über Berg und Wald daherführt!

Heute blitzen alle Sterne in den köstlich kühlen Frühmorgen hinein. Über Stauden und Moos hat der Rauhfrost seinen duftigen Brautschleier gebreitet. »Huhu huhuuh!« jauchzt der verliebte Kauz im Wald.

Und horch! Von der Zirbe her klingt leises Knistern. Der Auerhahn ist erwacht und bresselt. Jetzt läuft er auf dem Aste hin und her, dann reckt er den Kragen und sichert. Plustern und Flügelschlag, das Hochzeitsgewandl wird geputzt. Dann rupp, bubb, bubb-bubb! Er hat sich überstellt. Frei hebt er sich auf dem Dürrlingswipfel ab vom leise anglühenden Morgenhimmel. Tieftönig, heiser worgt er nun. Kelipp, kelp, kelipp! Höher zieht der warme Schein im Morgen über den Fanesspitz herauf, und um den Saß Songer flammt es auf wie Tausende tanzender Fackeln. Da reckt sich der Hahn, da fächert er den Stoß und öffnet die Schwingen. Wie wilde Mähne strotzt ihm der gesträubte Kragen, und hoch zur flammenden Morgenglut hinauf jubelt er in verhaltener Leidenschaft sein stolzes Lied. Erst knappend: kelipp, kelöpp, kilipp, klipp, klipp! Und dann schneller und schneller: töd, töd, töd, öd, öd, öd, dödl, dödl, dödl bis zum schnellen Triller. Verzückt hält er die Lider halb geschlossen und läßt Läufer und Triller einander folgen, um dann mit weithin schallendem Hauptschlag in kurzem Knall das Gesätzel zu enden und ohne Schleifen sofort das zweite Lied zu beginnen: kelipp, kelöpp, ke –

Was ist das? Er verschweigt, richtet, reckt sich. O du Frechling, du dummdreister Kauz! Mit langgerecktem Kragen sichert der Hahn dem Vorüberstreichenden nach und lauscht seinem mürrischen Lachen. »Waha, haha!« Da ist er schon wieder und stößt nach dem Hahne, der ihn ärgerlich abwehrt. Es ist nur Gspaßeln und Frozeln. Aber der Hahn bleibt verdrossen und sichert in den stillen Morgen hinaus. Als ob ihn der Kauz an einen andern erinnert hätte, der aus der Gaudi bitteren Ernst machen würde. Verärgert bresselt er nochmal, und dann laust er sich ein bißchen.

Unter ihm am Bache haben seine Hennen sich eingestellt. Eine äst dort am Hornkraut und Tausendblatt. Eine andere pflückt Knospen junger Hungerblümchen und sprossende Bachbunge. Hie und da, zwischen den hohen, moosigen Baumleichen, findet sich wohl auch noch eine große, mürbe Heidelbeere, die der Schnee über Winter für sie aufgehoben hat. Gock, hier unter dem Wurzelspiegel hängt ein goldgrüner Laufkäfer! Dort im Wurmmehl unter der Birke ein paar Tausendfüßler. Der Hahn macht sich nichts aus so weichlicher Atzung. Er nadelt lieber seinen harzigen Standbaum ab. Aber den Hennen gefällt die Abwechslung in der Kost. Gock, gar zu gern mögen sie diese bodenduftige Wildnis!

Jetzt plustert sich der Hahn. Und »gock, gock, gock!« schallt es zu ihm herauf. »Back, back, back!« süßes Liebeswort von der anderen Seite. Da senkt er den Hals tief hinab, weitaus spreizt er die Fittiche, und im Stoße läßt er alle weißen Mondflecke erschimmern. In jeder Feder zitternd beginnt er zu knappen. Immer jubelnder der Triller. Wie lustiger Pfropfenknall der Hauptschlag. Und wie sanftes Sensenwetzen das Schleifen. Der ganze Hahn voll wilder Erregung.

Da reckt mit angstvoller Hast eine Henne den Hals, dann läuft sie davon, ins Bodengebüsch hinein.

Ein Schatten strich um Stämme und Wipfel. Wilder Schwingenschlag und Poltern auf dem Falzbaume. Schwerer Fall und dumpfer Aufschlag auf das Moos. Unter den Krallen seines Räubers verzückt der Hahn.

Als die Sonne über den Wipfeln heraufzieht, kreist ein Schwarm von Alpendohlen über den Resten von Federn, Schweiß und Knöcheln. Dort jener grüne Flausch war vor einer Stunde noch das Schild, das vor der Brust des königlichen Sängers eine Welt voll jubelnder Seligkeit deckte, als leuchtend sich in seinem ehernen Glanze der Strahl des ersten Frühlichtes brach! – –

Langweilig schleicht unter dem Gezänk der Dohlen der Tag dahin. Endlich kriecht die Sonne hinter die Wand hinunter, wohin der alte Uhu sie schon lange gewünscht hatte. Talabwärts streicht der kühle Abendwind, und der Mond zieht hinter dem Gewölke herauf. Da richtet sich der Alte auf, öffnet den Schnabel und knappt. Dann reckt er den Kopf, zieht ihn schnell wieder zurück, hebt die Nickhaut über die Seher und streckt den Kopf dann schnell über den Ast seines Schlafbaumes vor, um das Gewöll, die unverdauten Reste des heutigen Frühstücks, herauszuwürgen. Der dicke Kloß ist mit braunen Federn durchsetzt, und das Würgen verursacht dem Uhu sichtliche Erleichterung. Behaglich schüttelt er das Gefieder und tritt von einem Fuß auf den andern. Ernst und klar blicken die nun voll geöffneten goldgelben Seher in den verdämmernden Abend hinein. Als die Nacht herab ist, lüpft er zuckend die Schultern und streicht lautlos wie ein Schatten der Unterwelt ab, in die Valparola.

»Buhuh-hu. Schuhuhuh-huh! Huah, hahahauh-hu!«

Horch, das ist nicht des Kauzes Ruf!

Den Progfaller-Sepp, einen rechten Wildbretschützen von Bruneck auffi, der jetzt nach der Schafalm schaugn und dabei a bisserl die Hahnen verlosen will, graust es, als er das wilde Geheul hört. Er hat si am Stadl a wengerl hingelegt, um seinen Rausch auszuschlafen. Jetzt bei dem Höllenlärm, der da losbricht, ist er mit einem Mal nüchtern.

»Sakra, Bua!« spricht er zu sich selber, »dös geht amoal nöt natürli her da herob'n! Da ischt wahr und g'wiß das wilde Gejaid im Anzug!«

Kaum, wie er das gesagt hat, da jagen vom Saß Songer herunter drei Unselige daher, mit feurigen Sehern und grausigen Fängen und einem Mähnenkragen. Schuhu huhuhu! Huha, ha, hauhuh! Eine vorweg mit glatter Brust und frechem Schnabelklappen, das war gewiß des gehörnten Grünäugigen eigene Herzliebste. Und hinter ihr her mit wütendem Anprall und Fittichklatschen zwei eifersüchtige Teufel. Buhu, hu, hu-hu! Dazwischen der Rüdelaut der Meute des wilden Jägers in der grausig dunklen Luft. Huuh, hahahau! Ha-hau-uhuh! Dann wütendes Fauchen, Knappen, freches Kichern und heiseres Kreischen. Rähiick, ruhuhu-häik! Der Sepp hat schon gewußt, was einer zu tun hat in solchem Fall. Fein still hat er sich auf dem Boden ausgestreckt, Hände und Füße kreuzweis übereinander.

Da ist das wilde Gejaid haarscharf über ihn hingefahren mit erschrecklichem Geheul, Rüdelaut und Katzengeschrei, Natterngezisch und Eulengekrächze.

Zum Glück stürmte das Wildg'fahr schnell vorüber; so ist dem braven, frommen Burschen nichts weiter geschehn! Und der gute Mond schaut schmunzelnd heraus aus verwehendem Gewölke.

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