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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 13
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Im Vollmondnebel

Groß und friedlich verglüht das Abendrot drüben über dem Brieselang als Zeichen von Baldurs Verkündigung. Wieder ist der große Wandertrieb über alles Wild gekommen. Immer leidenschaftlicher und andächtiger steigt das tausendfältige Preislied der Liebe von allen Wipfeln zum Schnepfensterne empor.

Am Waldrande über dem Voßluche liegt Jagdschloß »Uriansruh«. Drei Birkenbüsche davor bilden den Park. Sie geben den Blick frei über den Flußlauf der faulen »Töpperkarline«, auf dem tagsüber weiße Segel dahinziehen und noch weißere Möwen sich tummeln, auf das Luch, wo die Kiebitze schwärmen und der märkische Strauß, der Trappe, schweren Fluges sich einschwingt. In sich birgt das Schloß alles Behagen, das ein einsiedelnder alter Jägersmann braucht. Es ist ja nach den eigenen Plänen des Jagdherrn erbaut. Und er selbst hat es hier am Abhange des Waldes eingebuddelt. Aus besonderem Anlasse, dem es seinen Namen verdankt: um auf einen Keiler, der dort wechselt, an der Kirrung zu passen. Hübsch warm und sicher ist der Ansitz. Inwendig eine duftige und federnde Fichtenstreu und eine Bank am Ausluge. Draußen eine Eindeckung mit altem, fauligem Kartoffelstroh, die keine verdächtige Witterung durchläßt. Die Kirrung ist oft genug bis auf die letzte Kartoffel angenommen; allemal, wenn der alte Jäger nicht da war. Und ihm und allen Grünröcken zum Trotze und Spotte lebt »Urian« noch.

Als richtiges Schloß hat »Uriansruh« auch seinen Wartturm, den Hochsitz in der alten krüppelknästigen Föhre über dem Bau, und daneben ein Burgverließ in einem alten Fuchsbau, in dem der Jagdwein kühl steht. Und als Schatzkammer unter Fichten versteckt eine Kiste, in der geschützt die wollene Decke ruht, des Schloßherrn köstliche und einzige bewegliche Habe.

Da ruht sich's gut, wenn Küchenmeister Rucksack die Abendmahlzeit geliefert hat. Hinten im Fichtenhorste schwingt sich prasselnd und gackernd ein Fasanenhahn ein. Wehmutsvoll verklingen Rotkehlchens abgebrochene Zeilen. Das verzückte Gestammel der Zippen und Amseln erschweigt. Von ferne her sammeln sich lärmend die Krähen, um auf ihren Schlafbäumen einzuprasseln. Und der Kauz wauwaut jauchzend um die alte Linde, seiner brütenden Käuzin zuliebe.

Da horch! »Pst, pst! Quorr, kock!« Laut puitzend und murksend kommt, faul wie eine Schleiereule, ein auf der Reise verspäteter Schnepf gestrichen. Doch, sobald er den Jäger sichtet, ist er flapp, flapp um die Randkiefern herum. Bleibe bei uns und lasse deine Liebste hier brüten, gaukelnder Frühlingsbote, hier bist du gefeit und magst dich erfreuen am unvergleichlichen Spiele deines Fluges, bis der Abendstern, dein Stern, versinkt. Du Irrwisch mit dem Zickzack der Fledermaus, dem aufjagenden Stoß der Schwalbe und dem weichen Traumfluge der Nachteule, jetzt hast du Frieden zu Balz und Brut!

Zur Seite des Schlosses blühen und duften die holden Frühlingsboten, aus heimlichem Versteck schlägt das Veilchen das dunkle blaue Auge auf. Es hält immer treu mit dem Grase zusammen, denn es braucht Schatten und wechselndes Sonnenlicht, wie das Menschenherz auch.

Seit gestern ist auf Flügeln ewiger Sehnsucht, die ob diesen Wäldern webt, auch die Nachtigall heimgekehrt. Im Schloßpark unter dem Birkenbusche schlägt und klagt sie von der Liebe und wie »sie blüht, sie blüht, sie blüht!« Und jubelt von der heiligen Baldursgewalt des ewigen Neuerblühens. Dem Alten darf man nicht von begrabenem Glücke sprechen. Aber der Nachtigall und der Jugend und dem Erneuen der grünenden Erde gehört noch immer wie einst sein Herz.

»Tü, tü, tü, tü, tüh, trrr-zitt! Sie glüht, sie glüht, sie glüht!«

Wer denn? Die Sonne, die dort mit letztem Abglanze scheidet? Oder die Liebe im Sängerherzen?

Ja, du Bote unsterblicher Sehnsucht, du ahnst es, wovon das Krähengesindel in seiner krächzenden Gier keine Ahnung spürt: daß noch jeder Lenzmorgen die Finsternis gerichtet hat!

Dort hüpft er hin, der liebe Kerl, den Stoß aufwerfend und lockend: »fi-id, tack, tack!«

Kein Vogel sucht so sehr wie er des Menschen Nähe. Und doch: wie lange, wenn's so weiter geht, und die letzte Nachtigall hat in Deutschland gesungen! Zwischen dem Spessart und dem Maine ist's schon gar und aus mit ihr. Und wie selten wird sie im begradigten Walde mit seinen »reinen« Kiefern-Vierecken, in denen alles Unterholz und Gebüsch als Forstunkraut beseitigt ist!

Und unsre Kirchhöfe! Im Rosenstocke hinter dem Dorfkirchlein, im Fliedergebüsche vor dem Tore der alten Stadtmauer hat sie uns an den Gräbern unsrer Lieben Trost ins Herz gesungen. Was aber soll sie in der großen Mietskaserne der Toten zwischen qualmenden Schloten, rasselnden Bahnzügen und paffenden Stinkdroschken? Pfui Teufel über diese Großstadt-Wüstenei vor und nach dem Tode!

Bleibe bei uns, Künder deutscher Sehnsucht, denn es will Abend werden! Komm, wollen dich mal locken, Meistersänger mit dem rostbraunen Stoße! Fii-id, tack, tack! Da hüpft er wieder herbei und ereifert sich, schier liebestoll: »Lieb, lieb, lieb, lieb, Liebe blüht! Sieh, sieh, sieh, sieh: sie blüht, sie blüht, sie blüht, sie blüht!« Und der Mond, mit einem unheimlich großen und roten Gesichte und einem mächtigen Hofe, steht über der stillen Welt, um die sich glänzender bleicher Nebel lagert: wer mag da schlafen! Überhaupt hat's der Alte damit so eilig nicht. »Dreiviertel seines Lebens verschläft der Dachs vergebens!«

Der Tag war schön, der eben so wundervoll verglommen ist! Die Balz der Spielhähne steht jetzt auf der Höhe. Die Hennen haben das Gelege angesetzt, manche brüten schon. Aber kann Liebe darum ihre Seligkeit verschweigen? Und so manches Jüngferchen hat noch das Jawort zu vergeben, so mancher Strauß mit Nebenbuhlern muß noch bestanden werden. Das sprudelt und strudelt noch immer von toller Leidenschaft und kullert in Frühlingsluft und Seligkeit!

Heute abend waren sie wie halbverrückt gesprungen. Jetzt haben sie wohl auf ihren Schlafbäumen drüben im Bruchwalde die Siegellacksköpfe unter die Fittiche gesteckt. Über die nebelbrauenden Wiesen streicht die Mooreule hin, deren Weibchen im Seggebruche brütet. Ein Ziegenmelker gaukelt vor ihr fort. Ein Weilchen steht sie über der Wiese. Da hat sie das Mäuschen weg. Mit zärtlichem »Käw, käw!« grüßt sie das Weibchen und trägt ihm die Beute zu.

Da, horch: was ist das? Hinten am Erlenhorste balzt ein alter Hahn! Ist's glaublich? Um zehn Uhr im Vollmondnebel, der in flachen, durchsichtigweichen Schwaden über den Wiesen wogt? Wie verzaubert von der phantastischen Schönheit dieser Nacht jubelt und schluchzt der Hahn. Das ist der, den der alte Jäger so oft frühmorgens vertreten hat, ob er auch schon vor drei Uhr zum Schirme am Bültenhügel schlich. Und einmal hat er ihn gar im Kugelschusse gestreift und nur eine Schwingenfeder am Anschusse gefunden. Jetzt gilt's! Schnell das Birschglas her und Vollmantelpatronen in die Büchse; vorwärts, drauf! Erst schnell und dann langsamer, schließlich fein behutsam, immer dem Balzliede nach, das bald kullernd, bald jodelnd und jauchzend vom Erlenhorste herüberschallt. Da taucht schon ein schwarzes Ungetüm aus dem Nebel auf, das ist der Weidenbusch an der Grabenkreuzung. Willkommene Deckung!

»Arbeiten wir erst mal mit dem Nachtglase!« denkt der Jäger bei sich. Noch nichts zu sehen! Drüben jodelt er: Juhuhuhu! Rüber über den Graben, die hohen Stiefel schaffen es; springen darf man nicht. Drüben empfängt den Jäger wieder des Hahnes Kullern: Kulukuluh, Kulutrukulruruhruruh! Und da plötzlich, nicht allzuweit neben ihm, faucht einer und dort noch einer: Tschscht!

Jetzt ist er mitten in der ganzen Sippschaft drin, und schön mißtrauisch sind die auch schon! Alle Wetter noch einmal! Kchcht! Nun heißt es, stille sitzen, Weidenbusch im Nebel spielen.

Allmählich beruhigt sich das argwöhnische Volk, und nun geht es los, daß der Mond seine helle Freude daran hat, Blasen und Jodeln und Kullern und Springen durcheinander, alles in nächster Nähe. Der Jäger hört, wie sie einander gleich bissigen Kötern an die Gurgel fahren. Einem schnappt in höchster Wut die heisere Stimme über, und er setzt von vorn mit tiefem, stoßweisem Schluchzen ein. Ein alter Hahn verprügelt einen Schneider und jagt ihn davon, daß die Federn stieben. Aber nichts zu sehen, wie auch durch das Glas sich der suchende Blick in den Nebel hineinbohrt.

Da springt was Schwarzes – weg ist er, und schon schleift er drüben!

»Nur Geduld, Freundchen! Jetzt kommen wir an die Reihe und reizen. Paß mal auf! Ein junger Schüchterling stellt sich dir vor: Bsch – schühit!« Macht keinen Eindruck. Mit solchen Schneidern scheint er gar nicht anzubinden.

Also etwas gröber: »Tsch-tschscht!« Auch keine Antwort.

»Nun, so höre den Balzsprung. Du Wildling: Kch–ch–kck–kck–kck!«

Heidih, das ist ihm in die Knochen gefahren; meterhoch setzt er auf. Noch einmal! Wieder ein Sprung. Und nun Ruhe!

Da reckt er sich und lauscht, kommt neugierig auf den Jäger zu und macht einen neuen, mächtigen Sprung.

Seinen letzten! Im nächsten Augenblicke hat Reinecke ihn beim Wickel, der wie eine Schlange im Grase herangeschlichen ist und nun seine Beute ergreift. Mit kurzem Schütteln hat er den Hahn erledigt, und mit lustigem Schwenken der Standarte macht er sich auf den Heimweg.

Da blitzt es auf. Vor dem alten Weidwerkgänger verzuckt der Fuchs. Und daneben liegt der Alte vom Erlenhorste im gelbblühenden Hahnenklee, auf der schwarzen Brust rubinrote Tröpflein Schweiß. Fünf breite Sicheln in der Leier. Und hier am linken Fittich fehlt die zweite Schwingenfeder, die der Alte damals auf dem Anschusse aufgehoben hat. Hoch hält er links den Fuchs und rechts den Prachthahn gegen das Vollmondlicht. Wie dem die breiten Rosen glühen! Und wie tiefblau Brust und Nacken und der weit gebauschte Kragen schillern; und das schlohweiße Spiel hinter den glänzend schwarzen Sicheln!

Daheim vor »Uriansruh« wird ihm, als er neben seinem roten Räuber in der Kiefer hängt, der Ruf »Hahn tot!« in die ewigen Jagdgründe nachgeblasen, und aus dem letzten Schluck in der Flasche grüßt der Alte vom Altane seines Schlosses sein verschleiertes, schweigendes Reich. Wie phantastisch schön diese bleichen Nebelschwaden im Mondlichte wallen und weben, sich heben und versinken, aufleuchten und abdunkeln. Als tanzten Lichtalben dort einen Beschwörungsreigen!

»Bööb, bäbb, böbb – bä-öbb!« schimpft hinten am Rande der Schonung einer mit grober Baßstimme. Der »heilige« Bock vom Düsteren Grunde. »Na beruhige dich doch nur. Vorläufig ist ja noch Schonzeit, und solange du dort stehen bleibst, tut dir kein Mensch was zuleide!«

Ein Prachtkerl, der starke Bock!

Aber bis ans Ende seiner alten Tage vergißt der Jäger nicht den Tod des Sängers vom Erlenhorste im bleichen Nebel der Vollmondnacht.

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