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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Im Düwels-Luch

Richtiges Aprilwetter das! Bald Frost mit steifem Nordost, bald Sprühregen. Bald der Vollmond groß und rotgelb, wie zur Sonnenwende, und dann wieder Heulen und Balgen in den Wolken und Ächzen des gequälten Waldes. Frühlingstoben, Hexenspuk!

Einerlei! Als um drei Uhr der Wecker schnurrt, erhebt sich der Jäger, zieht die Langschäftigen an, nimmt Rucksack und Büchse und stiefelt los. Stockfinster ist's draußen. Hol's der Kuckuck, eigentlich doch eine Narrheit, bei dem Wetter nachts durch das quabbige Luch zu patschen! Aber das hat er nun seit vierzig Lenzen an jedem Balzmorgen gesagt, in der Erdhütte ist er aber doch noch nie geblieben. Hübsch warm ist's da drin auf Streu und Decke. Und gemütlich, zu hören, wie draußen am sandigen Waldrande Adam und Eva sich zanken: der Kiefernknorren, der in den Ästen und Wurzeln knarrt, wenn der Sturm ihn im struppigen Wipfel packt, und sein Weib, die Birke, mit den offenen Haarsträhnen, die fortwährend heult und Tränen vergießt, weil sie alle beide rausgemußt haben aus dem Paradiesapfelgarten; siehst du wohl!

Aber was hilft's? Aus der Hütte schießt man keinen Hahn, also raus! Der Weg ist weit, und das Wasser ist tief in der großen Blänke. Aber die Langschäftigen halten dicht, und ist man erst im Loche auf dem Seggebrink, hat man's geschafft. Zu Walpurgisträumen hat der Herrgott seine Jäger nicht geschaffen. Wäre auch schade drum!

Also los! Patsch, quutsch! Dunnerkiel, wenn dat man 'n goden Gang nimmt! Junge, Junge, steck mal afwesselnd Dumen und Lüttjenfinger in't Mul un treck se rut, dat et luscht, denn weetst de, wo dat geiht hier in'n Dustern: Quatsch, putsch! –

»Gaaik, gack, gack, gaaik!«

Nordwärts zieht hoch oben durch die Dunkelheit ein Flug von Saatgänsen hin. Das wird aber wohl auch alles sein in dieser stockfinsteren Nacht! So war es nun alle Morgen; man sollte glauben, das Luch wäre ausgestorben. Aber laß nur die Sonne herauf sein, dann fängt doch das Schauspiel an. Herrgott, ist das eine Dusternis heute! Na, endlich: dort tauchen die Jungferneichen auf. Rechts dran vorbei ist der Seggebrink. Plunsch, plansch! Nun aber hübsch sachte durch die große Blänke. Na, das ist ja gut gegangen! Und soo – das ist das Loch!

Rucksack herunter. Decke raus. Viel Platz findet der Alte nicht da unten. Aber als er erst auf dem Rucksacke sitzt und die Decke um die Knie geschlagen hat, fühlt er sich ganz mollig. Die Beine lassen sich ausstrecken, denn der Sitz ist vorn ausgehöhlt. Das Dach ist im Herbste tüchtig mit Heu eingedeckt und hält Wind und Wetter aus. Schießluken sind ausgezupft und mit Büscheln verschlossen. Nun kann der Tanz losgehen.

Aber das Luch schweigt. Nur ein Kibitz jagt klagend auf, und eine vereinzelte Bekassine meckert. Ganz weit drüben hinter den Erlen schnattern die Gänse. Und vom Röhricht am Schwarzen Loche her antwortet der Wasserochs: »Ü-prump; ü-ü-ü-prump; ü-prump!« Es ist kein verlaufener Stier, der dies Gebrüll ausstößt, das meilenweit tönt. Die balzende Rohrdommel ist es. Und spaßig genug, wie sie das fertig bringt! Erst richtet sie die Schnabelspitze piel wie einen Blitzableiter gen Himmel. Dann plötzlich senkt sie den Kopf auf die Brust herab und pumpt damit den ersten Ton heraus. Der zweite folgt, wenn der Schnabel wieder nach oben fährt. Das folgt so fünf-, sechsmal schnell aufeinander, wobei die Kehle wie ein Beutel anschwillt. Sobald der Brüllton heraus ist, steht die Dommel wieder steif wie ein Stock, den Schnabel gen Himmel gerichtet.

Wupp, da ist ihr was in die Quere gekommen. Sie hebt sich auf und streicht, lautlos wie eine Eule, nur durch die lange Gestalt unterschieden, davon. Und wieder herrscht Stille im ganzen Luch.

Der Alte holt aus dem Fußloche heraus ein paar Handvoll trockenes Heu und stopft sie sich in den Rücken. Hol's der Kuckuck, die Knochen sind nicht mehr so rost- und wurmfrei wie früher. Aber so geht's, das hält schön warm.

Draußen immer noch alles still. Langweilig, solch ein fröstelnder Morgen. Endlich graut der Tag, und das Glas kann in Arbeit treten. Dort sitzt ein Hahn, ganz in sich zusammengesunken. Und dort drüben stehen vier, fünf, sechs mißmutig beieinander und wissen nichts mit dem Wetter und sich selbst anzufangen. Wollen sie mal locken: Tsch-schuhit! Prost Mahlzeit, keiner hebt auch nur den Kopf!

Endlich, endlich klettert der Sonnenball über den Waldsaum herüber und wärmt die verklamte Gesellschaft ein bißchen an. Da besinnen sie sich, fauchen, trommeln, spielen sich ein und springen. Tschchtt, kulukulukulu truruhtutututu! Auch zwei Ringeltauben sausen heran. Drüben an den Jungferneichen klatscht der Tauber mit den Schwingen, stellt sich auf dem Wipfel der höchsten ein und beginnt zu ruksen: kurúkuh kurrúh! Als der Jäger ihn mit verhaltenem Atem und dunklem Pfiffe nachahmt, kommt er angestrichen, zieht aber klatschend auf seinen Stand zurück, wo er nach mißtrauischem Sichern wieder beginnt: kurúkuh, kurrrrúh.

Drüben auf der Grasplatte erschallt lautes Flöten: »dláhü, dláhü« und kurz trillernder Abschlag: tüh, tüh, tütütütü! Zwei weiße Fittiche schlagen gegeneinander, und der hochstelzige Brachvogel läßt sich nieder. Eine weiße Rohrweihe schlägt nach dem Goldammer, der lustig sein »Friß, friß, friß und genieß!« gesungen hatte. Aber diesmal ist ihr der lustige Schelm entwischt, und sie streicht mit ärgerlichem Werfen ab. Auf dem Brink ist eine Gesellschaft von Staren eingefallen, deren Schilde in der Sonne schimmern. Ein Kranichpaar fällt ein, er trompetet laut und stolziert als steifleinener Hofmacher neben der Gefährtin dahin. Seine Halsfedern trägt er prächtig aufgestellt wie ein Spitzenjabot, und die schöngeschwungenen Federn des Stoßes geben der langstelzigen Gestalt etwas Gespreiztes, wie der wagerecht getragene Galanteriedegen dem Rockstoße eines Kavaliers Louis XIV. Unter der Kranichgattin darf man sich dann freilich nicht eine Marquise im Reifrock vorstellen, sondern zur Not die dürrstelzige Gnädige im Unschuldkostüm. Über dem Röhricht gaukelt die Mooreule, ein Sumpfhuhn schlüpft durch die Seggenbülten, Himmelsziegen meckern und geben mit rüttelndem Schwingenschlage bei ihren Flugtänzen dem Balzlaute verstärkte Kraft, und in den Werftweiden gackert ein Fasan. Dort schaut sein Scharlachskopf mit hellem Schnabel, glänzendgrünem Nacken und spitzen Gehörbüscheln aus dem Sumpfgrase heraus. Er traut dem Frieden nicht und sichert, obgleich die Birkhähne in voller Balz bleiben. Endlich ruckt er mit dem Kopfe, hebt, um nicht zu rascheln, vorsichtig den Fuß, faltet die Zehen, legt sie nach hinten; führt das erhobene Bein nach vorwärts, macht mit stolzaufgeworfenenem Stoße einen Schritt, hält zögernd wieder an, streckt den Hals, um dann, als er den kreisenden Bussard erblickt, schleunigst und mäuschenstill in seinen Weidenbusch zurückzulaufen.

Alberner Zierbengel! Den Birkhähnen ist er so zuwider, wie dem Edelhirsche der langwedelige Damhirsch, den der nur für einen geadelten Ziegenbock ansieht. Den Hanswurst mit seinem unausstehlichen Umherbummeln am hellichten Tage! Die Birkhenne ist noch empfindlicher. Sie betrachtet jede Störung ihres Brutfriedens als empörenden Mangel an Zartgefühl. Und der alte Jäger klagt darüber, daß mit dem Zunehmen der zappeligen Fasanen die ritterlichen Sänger mit dem schwarzweißen Stoße verschwinden.

Jetzt hat der Alte das Glas erhoben. Drüben am Bahndamme gehen zwei Jungen, von klagenden Kiebitzen umschwärmt. Werden Eier suchen, die Schlingel! Aha, da kommen sie ja gerade recht als Treiber! Der alte Trappe, der dort auf der Insel wie eine große Federkugel balzte, hat sich lang aufgereckt und sichert. Dort hinten die beiden silbergrauen Dinger gehören auch zu ihm, es sind seine Gänse. Richtig, jetzt hebt sich die ganze Gesellschaft auf und streicht auf den Seggebrink und den Jäger in der Birschwarte zu. Herrgott, machen die einen Lärm in der Luft. Und als der Trappe sich herunterplumpsen läßt, hört sich das an, als wolle er sagen: jetzt kommen hunnertdusend Dahler! Die Kranichfrau stelzt mit geringschätziger Kälte davon; sie will mit dem aufgedonnerten Protz nichts zu tun haben. Die soll sich doch bloß nicht so haben! Was ist er denn, ihr Herr Geheimrat mit den dürren Stelzbeinen und dem krummen Hofmannsbuckel! Doch nur ein armer Verwandter vom Trappen! Na, und sie erst! Worauf bildet sie sich denn soviel ein? Auf ihre dürren Ständer vielleicht? Wenn sie doch nur zu der Trappgans nicht den gesellschaftlichen Abstand markieren wollte – zum Protzen gehört das nötige Moos! Und daß der Großtrappe in seinem Hochzeitsstaate der stattlichste Kerl vom ganzen Düwels-Luche ist, wird die dürre Kranichin doch nicht bestreiten wollen! Na ja, ein bißchen klotzig sind ihm die Beine mit den kurzen, dicken Zehen ja geraten! Als er jetzt sich aufputert, den Stoß gefächert auf den Rücken legt und die geblähten Schwingen nach vorne strafft, daß es rauscht, und dann in schaukelndem Gange dahintost, daß der Moorboden wackelt, und dumpf dazu trommelt, springt ein Kitzbock, der mit seinem Schwesterchen im Morgensonnenlichte gesessen hatte, entsetzt davon, und fünf, sechs Krumme machen Kegel vor Schreck. Aber schön ist er doch! Keiner kann den Hals so blähen wie er, und solch einen Schnurrbart wie er hat kein einer und einziger weit und breit. Seht bloß, wie er den Bart jetzt sträubt, der wunderschöne Kerl! Umsonst wird ihm doch auch nicht so nachgestellt. Namentlich von den Berlinern. Aber die »alten Zicken« von denen kennt er schon lange! Auf Verkleidungen in Weiberröcken fällt er nicht herein, und dem Mistwagen guckt er auch zwischen die Räder, ob da nicht ein Jäger dahinter geht! So ist er nun mal, dieser dickköpfige, mißtrauische, piffige märkische Strauß!

Aus der Hütte hat sich ein Büchsenrohr herausgeschoben. Aber der Jäger denkt nicht an Schießen. Er bezielt den stattlichen Trappen nur, um ihm das Leben zu schenken. Eigentlich ist es zu dumm, daß das Gesetz gerade im April den Abschuß verbietet, da es doch gerade jetzt auch unerfahrenen Jägern möglich ist, selbst auf weite Entfernung den Trappen in der Balzstellung von der Gans zu unterscheiden! Außerdem aber sollte nur den Jungens schärfer auf die Finger gepaßt werden, denn alle Kugeln von Sonntagsjägern würden die Trappen nicht ausrotten, wenn die verdammte Eiersucherei es nicht täte!

Der Alte hat seine Büchse zurückgezogen. Auch den Birkhähnen mag er nichts zu leide tun. Es ist kein fünffedriger drunter. Desto mehr belustigt ihn ihr Spiel und das Leben ringsum in diesem Wildnisparadiese, das die Bauern so gering schätzen. »Luch und Trug« schelten sie es. Und jeder, sagen sie, trage dort seinen Grenzstein in der Tasche. Bald genug werden seine Tage gezählt sein. Dann karrt man muffiges Berliner Müll hinein mit Korsetten, Blecheimern, Liebesbriefen, Nachtgeschirren, alten Knochen und falschen Zöpfen. Der Dreck bringt Tausende von Ratten mit, und hinter denen sammeln sich die Krähen. Pfui Teufel noch mal! Verhüte Gott, daß man die Kultur noch erleben muß!

Da seht nur einer den Spießbock! Der erste Bast am Gehörne juckt ihn; er hat noch nicht begriffen, was dieser peinigende Reiz bedeutet. Mit komischem Zorne stößt er das Gehörn ins Moos, keilt vor Ärger mit den Hinterläufen aus oder springt mit allen Vieren zugleich, wie ein Ziegenlamm. Im nächsten Jahre wird er die Geschichte schon kennen und sich ein junges Bäumchen zum Fegen aussuchen, wie die älteren Böcke ihm zeigen.

Warm liegt die Strahlenpracht der Frühlingssonne nun über diesem geheimnisreichen Stückchen vergessener Welt. Die Hähne haben ihr Morgengebet, wie der Jäger das kurze Nickerchen zwischen Frühbalz und Sonnenbalz nennt, beendet und schwingen sich auf die Werftbüsche ein. Da kann man sie nun auf Stundenweite hören, wie sie jubeln und rodeln.

Herrgott, da ist ja wieder die balzende Henne, das verdrehte Weibsbild. Sie ist hahnenfedrig und weiß nicht, wozu sie auf der Welt ist. Bald vertreibt sie eine ehrliche Mutter von ihrem Gelege, um auf fremden Eiern zu brüten. Bald spielt sie sich als Hahn auf, strafft die Flüttgen und versucht zu kullern. Kriegt's aber nicht raus, trotz allen »Studierens«, wie der Jäger ihr Quarren und Quinkelieren nennt. Ja, ja, der Bauer kennt das ja an seinen Haushennen auch. Uralt ist das Sprichwort:

»Mädchen, die pfeifen, und Hühnern, die krähn,
soll man beizeiten die Hälse umdrehn!«

Wer's heute laut sagt, gilt freilich für schrecklich ungebildet. Dem alten Jäger ist's gleich. Was er weiß und sieht, streitet ihm niemand ab. Der Balzplatz hat nicht nur seine Romantik, sondern auch seine ewige Naturgeschichte. Zither und Klinge gehören da noch untrennbar zusammen für den ritterlichen Sänger. Und dem, nicht aber den Kopfhängern oder Schneidern gehört der Tanz- und Raufboden der Liebe! Denn nur der lebenzeugende Wille schafft ein kühnes, freudig aufwärtsstrebendes und vorwärtskämpfendes Hahnengeschlecht.

Kch, kckh, cht! Tschch-chuischt!

Hört ihr's! Alle alten Hähne lachen über das betuliche Gepluster der hahnenfedrigen Närrin.

Kch, kckh, cht! Der Hahn, der Hahn, und nicht die Henne!

Tschch-chuischt! Tschuch!

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