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Fritz Bley

Fritz Bley: Fritz Bley - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleFritz Bley
publisherR. Voigtländers Verlag
year1923
printrunDritte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180216
projectidc161a1b3
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Der Herr der Wildnis

»Schaudervoll!«

Der andere schweigt. Nochmals untersucht er die Einbettung der schweren Falle. Kein Zweifel: der Jäger hatte am Risse das Eisen gelegt, um den Bären zu fangen, der den starken Hirsch geschlagen hatte. Und ist durch Unvorsichtigkeit beim Entsichern dem Abzuge zu nahe gekommen und mit beiden Händen in dies selbstgestellte Eisen geraten! Dessen schwerer Anker dann festgehalten hat bis zum bitteren Ende!

»Ob es der Bär war, der ihn gerissen hat?«

Der alte Dan schüttelt ungläubig den Graukopf.

»Kalkuliere: Wölfe! Moccasin Joe hat sich an den Hirsch gehalten. Wölfe hätten die Steine dort nicht fortwälzen können, mit denen er den Riß bepackt gehabt hat!«

»Ob der arme Kerl noch gelebt haben mag?«

»Sicherlich! Aber kurzer Endkampf war's!«

»Schaudervoll!«

Dan Mc. Cleod hat inzwischen Dürrholz über das Gerippe des Verunglückten geworfen und wemmt nun mit dem Schafte einer Jungtanne zwei dürre Fallstämme heran. Dann wirft er eine Kohle hinein und schürt das aufprasselnde Feuer.

»Wollen wir nicht Steine über die Asche wälzen?«

»Gewiß!« antwortet der Alte. Prüfend mustert er die nächsten Stämme. Hinter dem Schirmmantel einer Douglasfichte gewahrt er einen Jungstamm. Mit drei schwungvollen Axthieben schlägt er den ab und putzt ihn dann zu einer zweiten Brechstange. Inzwischen hat der Jüngere neues Holz herbeigetragen und aufs Feuer geworfen.

»Komm an! Hilf!«

Sie setzen die Stangen unter den größten der Steine und bringen ihn mit arger Not ins Rollen.

»Moccassin Joe kann das besser!« lacht der Schotte.

Schließlich haben sie sechs Blöcke dicht an das Feuer heran.

Dan untersucht die Asche und nickt befriedigt. Auf den Hebebaum gestützt, schaut er ernst und schweigend dem verprasselnden Feuer zu. Ab und an drückt er die verkohlenden Kloben fest aneinander, damit sie Glut halten.

Dann wälzen sie die Steine auf die verglimmende Asche und werfen kleinere dazwischen und darauf, bis es ein Hügel wird, in den ein aus den Hebebäumen hergerichtetes und mit Fichtenwurzeln verbundenes Kreuz gesetzt wird. Dann bergen sie das Bäreneisen. Soll morgen mit einem Packpferde geholt werden.

Ehe sie weiter gehen, nehmen sie die Kappen ab und beten ein stilles Vaterunser. John Dan Mc. Cleod bekreuzigt sich.

Schweigend kehren sie zu dem Lager zurück, das sie im lauschigen Felsenwinkel hinter den Silbertannen am Hellen Quell aufgeschlagen haben. Aber der Deutsche schaut sich nochmals um nach der Stätte, wo im Herbste das grauenvolle Trauerspiel der Wildnis sich abgespielt hat, das die Aprilsonne nun im Schnee bloßlegen mußte. Doch aus seinem Sinnen fährt er auf; vom Lager her schallt wütendes Gebell der Hunde. Rovers Stimme klingt wie Standlaut, obgleich der alte Bursche an der Kette liegt.

Der Alte schreitet frisch aus.

Als sie zu den Pferden kommen, wiehert die alte Schimmelstute auf, und die anderen Gäule, selbst »Charley«, der während der ganzen Reise durch Auskneifen und Gepäckabwerfen sich unnütz gemacht hat, stimmen freudevoll in den Gruß der alten Mähre ein.

Verständnisvoll schauen die Jäger einander an, und der Alte läßt prüfend den Blick über den Unterwuchs der Umgebung des Lagers gleiten.

Hinter den Bergen sinkt die Sonne des kurzen Apriltages, und die Schneehäupter des Wolfsberges und Sturmhornes leuchten in rosigem Abendglühen. Drüben rauscht der Wasserfall in den Wildbach hinab, dem auch der Abfluß des Hellen Quelles zuströmt.

Aber dem Schotten ist das alles gleichgültig in diesem Augenblicke. Wie ein Terrier auf ein Mauseloch starrt er auf den Tannenbusch, der sich ein wenig bewegt hat.

»Will verdammt sein: er war's!«

Sein Gefährte hat die Büchse erhoben, läßt sie aber wieder sinken, und beide blicken unverwandt zu der Stelle im Schatten der Silbertanne hinüber. Aber nichts rührt sich dort mehr, kein Laut wird hörbar. Nicht umsonst heißt Alt-Ephraim in diesen Bergen Moccassin Joe. Lautlos wie eine Rothaut hat er sich davon gemacht.

Sie säubern die Büchsen und legen sie in die Holzkeile an der Blockwand des halboffenen Schuppens, der ihnen zur Herberge dient. Dann holt der Alte die Pferde an den Lagerplatz heran. Und der Deutsche wirft frisches Holz auf das niedergebrannte Feuer zwischen den Steinen. Bald brodelt im Kessel eine Forelle, und die Zinkblechkiste spendet Buchweizenmehl und Speck zu Pfannkuchen und selbstgezapften und in der Pfanne gerösteten Ahornzucker dazu.

Im Salzfasse steckt Wildpret von einem Hirsche. Dazu die Schinken von einer Bärin. An der Sonnenseite des »Jagdschlosses«, wie der Lagerschuppen heißt, schwitzt ihre zum Trocknen aufgespannte Decke. Der Kopf war abgekocht und zum Trocknen auf das Dach gelegt. Aber Rover ist hinaufgeklettert und hat ihn abgeknabbert, obwohl die Hunde Wildpret genug gekriegt haben.

»Verfluchter Kerl! Daß kein Schädel vor dem Halunken sicher ist!«

»Sei's zufrieden. Ist auch kein Bär vor ihm sicher!«

»Weißt du, was ich glaube?«

»Ja!«

»Hallo, wie kannst du?« Der Deutsche lacht.

Dan kaut und schlürft Tee über sein Stückchen Ahornzucker.

»Du denkst, daß er ihr Witwer ist!«

»Stimmt! – Meinst du nicht, daß er nach ihrem Wildpret im Salzfasse kam?«

»Nein, das lockt ihn nur in natürlichem Zustande!«

»Wenn es stinkt?«

»Sicher! Verdammte Schande, daß wir das halbe Wildpret den Hunden gegeben haben!«

»Meinst du, daß er wiederkommt diese Nacht?«

»Wer kennt seinen Sinn? Er ist frech und vorsichtig!«

»Und du meinst, daß er's war, der den dort drüben auf dem Gewissen hat?«

»Sind Wölfe gewesen! Aber sicher hat der alte Bursche den Hirsch gerissen, wenn's nicht seine Bärin getan hat!«

»Unsere Bärin, meinst du?«

Die Nacht zieht kalt herein. Sie wickeln sich beide in die Decken und schlafen. Ab und an legt einer frisches Holz ans Feuer.

Gegen Mitternacht schlägt Rover an. Erst mißtrauisch knurrend, dann heftiger.

Dan lauscht in die Nacht hinaus und legt dem Gefährten die Hand aufs Knie.

Dann verschweigen die Hunde. Und Stille ist ringsum in der von Sternen übersäten Nacht. Aber der Alte mag nicht schlafen. Schneidet sich einen Priem von der Tabakrolle, kaut und schaut und spuckt ins Feuer.

»Well, dem Alten da drüben wird nicht zu helfen sein! Kalkuliere, werden morgen seine Decke neben der seiner Bärin aufspannen, wo sie guten Platz hat!«

»Weißt du, was ich glaube?«

»Ja!«

»Nun, was denn?«

»Daß du mich für abergläubisch hältst!«

»Bist du es nicht?«

»Vielleicht! Aber wahr ist doch, was ich eben gedacht habe! Diese beiden sind Menschenbären, und ich mag das Salzfleisch von der Alten nicht essen!«

»Wie kann man nur an Menschenbären glauben!«

»Lebe nur mit der Rothaut! Wirst es schon lernen! Hast du nie einen Totempole gesehen?«

»Das schon!«

»Nun also! Was bedeuten die Ahnenköpfe an der Säule und das Totemtier darüber? Daß der Bär oder Adler, Wolf oder Falke der Ahnherr der ganzen Familie ist! Denn jede hat ihr Wappen genau so wie unsre Clans im lieben alten Inverneß und bonnie Forfar! Ay, Sir, auch unsere Wappen haben mal mehr bedeutet. Sicher!«

»Das glaubst du im Ernste?«

»Ich glaube es, weil ich will! Und ich will, weil ich Jäger bin! Alle großen Jäger dieses Landes wissen, warum sie am Lagerfeuer die Geschichte von Büffelkindern und Wolfsmenschen erzählen. Aber der Bär ist der weiseste von allen. Haha! Und morgen werden wir ihn doch zusammenschießen, den alten Schlauberger! Aber essen mag ich ihn nicht! Pfui Teubel auch!«

Das Feuer zischt auf von Dans Priemspritzern. Und der Alte lacht grimmig. Dann erzählt er:

»Da war ein Pawnee lange Zeit mein Jagdkamerad. Der wußte Bescheid! Auf der Jagd nach Schneeziegen kamen wir einst in eine Talenge, wo zwei Gerippe lagen: ein Bär und ein Weißer. Ein Irländer muß es gewesen sein und ein Grünhorn, denn er hatte noch die gestreiften Hosen von hausgesponnenem Limmerick an den Knochen. Und mit Alt-Ephraim hatte er schlecht Bescheid gewußt. Einen hatte er allerdings geschossen. Vielleicht war es sein erster, jedenfalls sein letzter! Am ausgelegten Luder muß er sich angesetzt haben. Die Reste der Knochen des Hauptbären lagen noch herum, als wir die Bescherung fanden. Als die Bärin zum Luder gekommen ist, hat er wohl auf sie geschossen. Denn sie lag verludert auf seinem Gerippe. In der knöchernen Hand hielt er noch das Bowiemesser, mit dem er sich gewehrt hatte. Neben ihm lag sein Winchester zerbrochen. Bär und Jäger hielten sich wie ein Liebespaar umschlungen. Haha! Armer Kerl! War vielleicht herausgekommen mit so was wie einem Traume im Schädel!«

»Dem Lebenstraume von einem starken Grisly? Wäre das so lächerlich?«

»Verdammt, nein! Aber dieser Paddy war nicht der Kerl dazu.«

»Nun, und der Pawnee?«

»Ja der! Der machte große Medizin und klagte Tirawa, dem großen Geiste, den Tod der weisen und starken Bärin. Und blieb todtraurig lange Zeit, weil er zu spät gekommen sei, um die tote Bärin zu erwecken! So bei und bei habe ich dann von ihm allerhand Bärengeschichten erfahren, wie die Pawnees sie glauben und wie am Abende vor der Bärenjagd die Squaws sie erzählen.«

»Also Zaubergeschichten?«

»So was dergleichen! Sehr geheime und sehr große Medizin!«

»Bitte, erzähle!«

»Du hörst ja: ich will! Also:

Ein Pawnee fand auf Jagd einen Jungbären. Sein Vater war seines Totems ein Wolf; er selbst aber hatte ein Weib vom Totem des Bären genommen und ehrte also den Bären als sein Totemtier. So hatte er Scheu vor dem Bärlein, blickte es lange freundlich an und bat es, dem Söhnchen, das seine Squaw erwartete, ein Freund zu sein. Nach drei Wochen wurde dies Söhnchen geboren. Es wuchs groß, bestand bei seiner Mannbarkeitsweihe dreifache Martern und ward ein großer Krieger. Zwanzig Skalps von Sioux schmückten ihm Gürtel und Ärmel. Aber noch immer liebte er es wie als Kind, auf allen Vieren zu gehen und wie ein Bär zu brummen. Wassertaucherin, die heilige Frau seines Stammes, weissagte ihm große Zukunft als größte Medizin. Und die wurde er.

Eines Tages ritt er mit dreißig Kriegern gegen die Sioux aus. Als sie in ein schluchtenreiches Tal kamen, wo viele Graubären leben, wurden sie von den Sioux überfallen und niedergemacht. Da kam ein Bärenpaar, und der Bär war jener, in dessen Schutz der Pawnee sein erwartetes Söhnchen gestellt hatte. Er erkannte seinen Schützling. Und die Bärin sprach: ›Das ist der Jüngling, der uns so oft Opfer geraucht und unseren Tanz getanzt hat.‹ ›Schön‹, sagte der Bär, ›den müssen wir lebendig machen. Aber ich kann das nicht, wenn die Sonne nicht scheint.‹ Der Tag war nämlich nebelig. Aber die Bärin schleppte alle Stücke zusammen. Denn die Sioux hatten ihn als den Tapfersten kurz und klein gehauen und natürlich ihm wie allen den Skalp geraubt. Die Bärin legte sich auf den zerstückelten Toten, und allmählich rief ihre Wärme in ihm Leben hervor. Der Bär aber tanzte, gegen die Sonne gewendet, die hinter Wolken steckte. Bis sie hervortrat und alle dreißig Pawnees lebendig wurden. Aber sie gingen nicht aufrecht wie Menschen und brummten mit den Bären. ›Ihr müßt jetzt erst mit uns leben,‹ sagte die Bärin, ›bis alle eure Wunden heil und eure Skalpe wieder gewachsen sind.‹ So lebten sie im Walde von Beeren und Hirschen und wurden schlimme Feinde aller Sioux. Der Grausamste aber war der Anführer vom Bärentotem. Er wurde der Schrecken aller seiner Feinde vom Sioux-Stock. Die Assiniboines behandelten ihn gleich ehrfurchtsvoll wie die Krähen und die vom Arkansas und Osage. Zur Nachtzeit überfiel er ihre Lager und schleppte ihre Häuptlinge aus dem Wigwam fort. Im Gebüsche lauerte er den Jägern auf oder er arbeitete ihre Fährte aus, um in wildem Sprunge anzugreifen. Aus reiner Kampflust tat er das alles, nicht aus Not; denn er hatte Wildpret genug von Hirsch und Elch, um davon zu leben. Keine größere Lust kannte er, als einen seiner mit Speer und Kriegsbeil bewaffneten Feinde auf den Baum zu jagen. Nach stundenlanger Wache zog er dann mürrisch ab. Aber nur, um den Feind, sobald er heruntergeklettert war, aus dem Hinterhalte zu überfallen. Freundchen, das war köstliche Zeit: damals, als sie den Grisly noch ringsum hier in den Felsenbergen den ›Herrn der Wildnis‹ nannten!«

»Ich verstehe: auch die Bärin, die du mit dem Pawnee gefunden hast, war eine solche Herrin der Wildnis. Aber die Büchse des Weißen ist über ihre Kraft gegangen, und da sie verludert war, konnte keine noch so große Medizin sie wieder lebendig machen!«

»Das war's! Richtig!«

»Nun, und der Pawnee-Bär? Was ward aus dem?«

»Ein Pawnee wurde er wieder, natürlich! Die beiden Bären, die ihn vom Tode erlöst hatten, lehrten ihn alle ihre Weisheit, und nachdem ihm und seinen Gefährten aus Bärenfell neue Skalpe gemacht waren, zogen sie zu dem Lager ihres Volkes und warteten, bis es Nacht war. Dann ging der Anführer in den Wigwam seines uralt gewordenen Vaters und bat ihn um Pfeife, Tabak und Biberweiß. Und als er vier Züge in alle vier Himmelsrichtungen geblasen hatte, stand er vor dem Vater als stattlicher Krieger, mit allen Skalps geschmückt, die er als Bär den Sioux geraubt hatte. Und abermals vier Pfeifenzüge brachten alle seine dreißig Gefährten in lustigen Sprüngen zum Lager herein. Sie alle sind uralt geworden. Und ihr Führer ward der Erfinder des Bärentanzes der Pawnees. Und das ist ein verdammt feiner Tanz, sage ich dir, Junge! Den kenne ich gut, sage ich dir!«

»Und deine Geschichte?«

»Wir werden ja sehn! Jetzt leg dich rum und schlaf! Um drei Uhr Hunde füttern. Mais für die Pferde. Kalkuliere: wird ein harter Ritt werden hinter dem dort drüben!«

*

Nun hängt seine Decke neben der der Bärin an der Außenwand des »Jagdschlosses«, mit derben Nägeln festgehalten, hübsch lang und breit gezogen, soviel sie nur hergeben wollte. Und sein kluger Schädel ist abgekocht und, diesmal vor Rovers Schlichen sicher, aufgehängt. An einem langen, biegsamen Drahte, den auch keine Ratte beklettern kann. Herrgott, was für ein mächtiger Klotz, dieser Schädel mit den daumsdicken Fangzähnen!

Aber freilich: hart ist der Ritt gewesen, der ihn zur Strecke gebracht hat! In der Morgenfrühe waren beide Jäger ausgeritten, die angepflöckten Packpferde auf gut Glück ihrem Schicksale und der Wache von drei jungen Hunden überlassend. Gegen Morgen hatte es tüchtig gefroren, und der Bär war auf Krustenschnee mit schlecht witternder Spur fortgewechselt. Die Hunde hatten Not und Mühe, die Spur zu halten, und die Pferde traten durch. An einer Steillehne war der alte Bursche hochgestiegen und über den Kamm hinüber in das Nachbartal gewechselt. Aber die pfiffige Lissy hatte seinen Schlich durchschaut und gab bald auf seiner Fährte hellen Hals, die ganze Meute mit sich reißend. Das gab für Roß und Reiter böse Kletterei über spiegelglattes Gestein und einen wackeligen Abstieg drüben! Aber die Pferde schafften es und rutschten, hübsch Gleichgewicht haltend, die eisige Lehne hinunter bis in die von Krüppelholz bestandene Mulde. Von dort aus ging die Jagd lauthals weiter über Schluchten und verstrüppte Hänge. Aber die Gäule hielten durch, und gegen Mittag wurde der Boden weicher und das Geläute stärker: die Hunde hielten den Bären mit Standlaut in einem Eichengestrüpp, wo er einen Felsblock erklettert hatte, um sich vor Lissys listigen Achterbissen zu schützen. Rover lag mit grobem »Dauff, Dauff, Dauff!« auf der Brust vor dem Blocke. Zwei-, dreimal bereits war der Bär herabgesprungen, und jedesmal hatte er einen Hund erledigt. Aber jedesmal saß ihm auch Lissys Biß zwischen den Keulen und jagte ihn auf seinen Stein zurück.

Für die Jäger gab das zum Schlusse mühselige Kletterei zu Fuße. Aber als der Deutsche auf hundert Gänge heran war, ließ er die Büchse sprechen, und mit dumpfem Stöhnen brach der Bär auf seinem Steine zusammen, um dann im Verenden langsam herabzurutschen und in schwerem Falle mitten zwischen den auseinander spritzenden Hunden aufzuschlagen.

John Dan Mc. Cleod blieb nichts weiter zu tun, als die vom Bären geschlagenen, elend zugerichteten Hunde mit ein paar Gnadenschüssen von ihren Qualen zu erlösen. Nur der lahm herbeihumpelnde Scheck wurde verbunden und aufs Pferd genommen. Vom Bären wurden nur Decke und Keulen aufgepackt, über den Rest machten sich die Hunde her, bis sie nudeldick wie Säcke waren.

»Soll mich wundern, wie lange wir auf die Bande warten müssen!«

»Da ist ja schon einer! Vor Nacht werden sie schon alle da sein! Keine Sorge darum!«

»Deine Geschichte vom Pawnee-Bären war gut, John Dan Mc. Cleod, und sie hat geholfen! Magst mehr solche erzählen! Jetzt komm an, alter Junge, laß uns den Herrn der Wildnis tottrinken. Meine, dieser Teepunsch ist seiner würdig!«

»Dein Punsch ist gut, aber deine Rede übel.«

»Weshalb?«

»Spotte nicht! Du weißt nicht, was du verspottest! In dem Seelenwanderungsglauben der Rothaut steckt mehr Naturgeschichte, als du ahnst! Kannst du bestreiten, daß der Mensch alle Stufen der Tierwelt durchgemacht hat? Daß jedes Kind im Mutterleibe sie noch heute durchmachen muß? Nun also! Dann lache nicht über den Indianer, der Sonne und Mond für ein Elternpaar hält, das sich in Tiere verwandelt hat, um die Menschen schaffen zu können.«

»Donnerwetter, Dan, du bist ja ein Philosoph!«

»Stopp deinen Schnack, Junge! Bin ein Jäger. Und habe Zeit genug gehabt, über Weiß und Rot nachzudenken. Das ist alles!«

»Meine, John Dan Mc. Cleod, das sei gerade genug!«

»Vergiß nicht, Junge, daß das alles doch bloß Anschauung, Vorstellung ist! Dämlich sind nur, die das alles wortwörtlich nehmen und den armen Indianer deshalb verachten! Meiner Treu: er hat niemand seines Glaubens wegen verbrannt oder verachtet!«

»Ich verachte ihn nicht, Dan.«

» Ay, Sir, ich sage dir: der Wilde ist besser gewesen als das Gesindel, das ihn ausgerottet hat! Du kennst den roten Mann nicht! Niemand kann ihn heute noch kennen. Er kennt sich selbst nicht mehr in der Affenjacke, die der Yankee ihm angezogen hat. Und du kennst den Bär der alten Zeit nicht mehr! Dieser von heute war noch einer; wirst schwerlich noch einen zweiten strecken wie diesen!«

»Nun, es gibt ihrer doch noch genug und stärkere als diesen!«

»Mag sein! Lachsbären von der braunen Sorte oben in Alaska und in Britisch-Kolumbia! Aber der Grisly geht zugrunde, wie der Rote Mann verdorben ist! Geh in den Park, da kannst du sehn, wie er am Menschen verdirbt! Frißt schließlich der Küchenmagd aus der Hand und ludert auf den Abfallhaufen wie ein Bettler herum!«

»Wie der Herr, so der Knecht! Wie der Jäger, so das Wild! Das ist wahr, John Dan Mc. Cleod!«

» Ay, Sir! Ich bin ein Hochlandschotte, und diese Rocks sind meine zweite Heimat gewesen! Was hat der Yankee aus diesem Garten Gottes gemacht? Pfui Teufel über dies Tal der Verworfenheit! Und darum die Ausrottung von Millionen tapferer Rothäute! Mit Mord, Betrug und Blatternpest! Darum ihre Verdrängung von einem Ozean zum anderen, ewige Wanderschaft und ewige Heimatlosigkeit! Well, die ersten Kerle, die herausgekommen sind, waren so übel nicht. Rauh und roh, aber gute Jäger und Pioniere darunter. Schätze: von der Art sind Dan Boone und Royers Clarks gewesen, die alten Pfadfinder von Kentucky. Aber dann das Goldgräbergesindel. Gottes Segen auf meine Seele! Es war schon alles im besten Werden, Weiber und Kinder lachten in den Forts und Vieh graste auf den Weiden. Gottes Paradies schien gekommen für jeden ehrlichen Mann, der ein ganzer Kerl war! Da kam der Auswurf. Und dann sind die Bonanza-Könige über das Land der Freiheit gekommen, die richtigen Gottesgeißeln. Aber nur Geduld: auch das Pack hat seinen Meister gefunden, Junge! Denn zum Schlusse kam sie! Verstehst du, Junge, was das heißt: sie

»O ja, Dan, verstehe schon: das american girl

Siehst du, Junge, es gibt eine vergeltende Gerechtigkeit im Himmel und schon auf Erden. Die Rothaut haben sie vertilgt. Jetzt macht dies Zwittergeschäft aus ihnen eine Brut von verweiberten Memmen. Kurz gesagt, das ist ihre Geschichte: vom Moccassin zum Pantoffel

»Du bist ein Hauptkerl, John Dan Mc. Cleod! Stoß an! Daß ich dich gefunden habe, das ist mir mehr als alle Bären und Dickhörner der Felsenberge. Gib die Hand, lieber, lieber alter Freund!«

»Wirst sie nicht lange mehr schütteln können, Junge! Ich gehe den Weg der Rothaut!«

»Den Weg aller Jäger!«

»Ja bei St. Bridget und der schottischen Mary, den Weg aller Jäger! Wünsche mir nichts Besseres, als ehrlichen Jägertod! Weißt du, der Kerl, der Paddy, kommt mir nicht aus dem Sinne. War ein dummes Grünhorn. Aber kein schlechter Geschmack: solch ein Tod in der Umarmung des tödlich getroffenen Bären! Was ist, wenn's zum Sterben kommt, alles Gold vor Bonanzahill gegen den roten Rausch in der Erdrückung des röchelnd verendenden Herrn der Wildnis! ... Ay, Junge, stoß an: bis dahin laß uns zusammen als freie Jäger leben! – –

Übrigens, dein Teepunsch ist wirklich gut!«

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