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Gutenberg > Esaias Tegnér >

Frithjofs-Sage

Esaias Tegnér: Frithjofs-Sage - Kapitel 10
Quellenangabe
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typelegend
authorEsaias Tegnér
titleFrithjofs-Sage
publisherHermann Gesenius
editorPeter Johann Willatzen
translatorG. Mohnike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Buchschmuck

Achter Gesang

Der Abschied

*

Ingeborg

Es tagt bereits, und noch kommt Frithjof nicht!
Und doch ward gestern Thing gehalten schon
Auf Beles Grab – der Platz war gut gewählt,
Das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden!
Wie viele Bitten hat es mich gekostet,
Wie viele Thränen – Freia zählte sie! –
Des Hasses Eis um Frithjofs Herz zu schmelzen,
Das Wort dem stolzen Munde zu entlocken,
Aufs neu die Hand zu bieten zur Versöhnung!
Ach, hart ist doch der Mann! Für seine Ehre
(So nennt er seinen Stolz) dünkt's ihn gering,
Ob er ein treues, liebevolles Herz
Mehr oder minder rücksichtslos vernichtet.
Das arme Weib, an seine Brust gelehnt,
Gleicht einem Moosgewächs, das auf der Klippe
Mit blassen Farben blüht; nur mühevoll
Hält sich das unbemerkte fest am Fels,
Und Thränen, Tau der Nacht, sind seine Nahrung,
So ward denn gestern mein Geschick entschieden!
Die Abendsonne ging derweilen unter,
Und doch kommt Frithjof nicht! Erlöschend schwinden
Die blassen Sterne, einer nach dem andern,
Und, ach, mit jedem Sterne, der erlischt,
Geht eine Hoffnung meiner Brust zu Grabe.
Doch warum hoffen auch? Walhallas Götter,
Sie lieben mich ja nicht, sie sind erzürnt.
Der hohe Balder der mein Schutzgott war,
Ist schwer beleidigt; denn der Menschen Liebe
Ist nicht den Blicken eines Gottes heilig,
Und Erdenfreude darf sich nimmer wagen
In jene Hallen, wo die ewig hohen
Gewalten ihren Sitz sich aufgeschlagen.
Und doch! Worin hab' ich gefehlt? Was zürnt
Der fromme Gott ob einer Jungfrau Liebe?
Ist sie nicht keusch wie Urdas blanke Woge,
Nicht unschuldsvoll wie Gefions Morgenträume?
Es wendet nimmermehr die hehre Sonne
Ihr Strahlenauge von zwei Liebenden;
Die Sternennacht, des Tages Witwe, hört –
Obgleich selbst trauernd – ihre Eide gnädig!
Was unterm Himmelsdach gestattet ist,
Was wäre sündhaft unterm Tempeldach?
Ich liebe Frithjof! Ach, so weit zurück
Ich denken kann, hab' ich ihn stets geliebt.
Mit mir zugleich geboren ward die Liebe;
wann sie begann, ich weiß es nicht, und nimmer
Kann ich es fassen, daß sie einst nicht war.
Wie sich die Frucht setzt rings um ihren Kern
Und auswächst und um ihn im GIühn der Sonne
Den goldnen Ball sich runden läßt und reifen:
So bin auch ich gewachsen und gereift
Um jenen Kern, und all mein Wesen ist
Die äußre Schale nur von meiner Liebe.
Vergieb mir, Balder! Mit getreuem Herzen
Trat ich in deinen Saal, und mit getreuem
Auch will ich scheiden: ich nehm' es hinweg
Mit über Bifrosts Brücke, stelle mich
Mit meiner Liebe hin vor Walhalls Götter.
Da wird sie stehn, ein Asensproß wie jene,
Sich in den Schilden spiegelnd, und wird fliegen
Mit freien Taubenflügeln durch das blaue,
Unendlich weite All zum Schoß Allvaters,
Woher sie kam. – O, warum ziehst in Falten
Du deine klare Stirn beim Morgengrauen?
In meinen Adern fließt wie in den deinen
Des alten Odins Blut. Was willst du? Sprich!
Ich kann nicht opfern meine Liebe dir,
Ich will's nicht; sie ist deines Himmels würdig!
Doch opfern kann ich wohl mein Lebensglück,
Wegwerfen es, wie eine Königin
Den Mantel von sich wirft und doch dieselbe
Noch bleibt, die sie gewesen. 's ist beschlossen!
Die hohe Walhall soll nicht ihres Bluts
Sich schämen; dem Geschick entgegentreten
Will ich, wie's Helden thun. – Doch dort kommt Frithjof!
Wie wild, wie bleich! Es ist vorbei, vorbei!
Mit ihm zugleich kommt meine zorn'ge Norne.
Ermann' dich, Herz! – Frithjof, sei mir gegrüßt!
Bestimmt ist unser Los, es steht zu lesen
Auf deiner Stirn.

Frithjof.

Stehn dort nicht auch
Blutrote Runen, die von Schimpf und Lohn
Und von Verbannung reden?

Ingeborg.

Mäß'ge dich!
Berichte, was geschehn: das Schwerste ahnt' ich
Schon lang' und bin gefaßt auf alles, Frithjof!

Frithjof.

Zum Thinge kam ich auf der Väter Hügel,
An dessen grünen Seiten, Schild an Schild,
Das Schwert zur Hand, des Nordens Männer standen,
Der eine Ring dicht hinter einem andern,
Bis an den Gipfel. Auf dem Richterstein
Saß wie Gewitterwolken düster Helge,
Dein blut'ger Bruder mit den finstern Blicken,
Und neben ihm, ein ausgewachs'nes Kind,
Saß Halfdan, achtlos mit dem Schwerte spielend.
Da trat ich vor und sprach: »Es steht der Krieg
Den Heerschild schlagend an des Landes Grenzen;
Dein Reich ist, König Helge, in Gefahr:
Gieb deine Schwester mir, alsdann leih' ich
Dir meinen Arm im Streit; er kann dir nützen.
Laß zwischen uns den Groll vergessen sein,
Nicht gern heg' ich ihn wider Ingborgs Bruder.
Sei billig, König: rette dir zugleich
Die goldne Krone und der Schwester Herz!
Hier meine Hand! Bei Asathor! Ich biete
Zum letztenmal sie zur Versöhnung dir!« –
Da braust es durch das Thing. Zustimmung klirrten
Wohl tausend Schwerter rings auf tausend Schilden;
Das Erzgetös', gen Himmel scholl's, der froh
Trank freier Männer Beifallssturm fürs Recht.
»Gieb ihm doch Ingeborg, die schlanke Lilie,
Die schönste, die in unsern Thälern wuchs!
Er ist in unserm Land die beste Klinge,
König! gieb Ingborg ihm!« – Mein Pflegevater,
Der alte Hilding mit dem Silberbarte,
Trat auf und redete zum Volk voll Weisheit.
Wie Schwertschlag kernig klang's und kurz,
Und Halfdan selbst sprang auf vom Königssitz,
Mit Worten stehend so wie mit Gebärden,
Vergebens! Jede Bitte war vergeudet,
Gleich wie an einen Felsen Sonnenstrahlen:
Sie locken kein Gewächs aus dessen Herzen.
Das Antlitz König Helges blieb sich gleich,
Ein bleiches Nein fürs Fleh'n der Menschlichkeit.
»Dem Bondensohne (sprach verächtlich er)
Gäb' Ingborg ich; jedoch dem Tempelschänder,
Scheint mir, gebührt die Walhallstochter nicht.
Brachst du nicht, Frithjof, Balders Tempelfrieden?
Hast du nicht meine Schwester dort gesehn,
Wenn vor dem Frevel sich der Tag verbarg?
Ja oder nein!« – Da scholl es aus dem Ringe
Der Männer brausend: »Sprich nur nein! Sprich nein!
Wir glauben dir aufs Wort; wir frei'n für dich,
Sohn Thorstens, der an Wert ein Königssohn!
Sprich nein, sprich nein, und dein ist Ingeborg!« –
»An einem Wort hängt meines Lebens Glück,«
Sprach ich, »doch König Helge, fürchte nichts!
Ich will mir nicht erlügen Walhalls Glück,
Nicht das der Welt. Ja, deine Schwester hab' ich
Gesehn, gesprochen in des Tempels Nacht,
Doch damit war sein Frieden nicht gebrochen.« –
Mehr reden konnt' ich nicht. Ein Schreckensruf
Flog durch das Thing: die mir am nächsten standen,
Sie wichen wie vor einem Pesterkrankten.
Wohin ich sah, da lähmte jede Zunge
Der dumme Wahn und färbte jede Wange,
Noch eben hoffnungglühend, schreckenbleich.
Da siegte König Helge. Und mit einer Stimme,
So schauerlich wie die der toten Wala
In Wegtamsqvida, als vom Sturz der Asen
Und Helas Siegen sie vor Odin sang,
So sprach er: »Nach der Väter Satzung könnte
Verbannung oder Tod ich nun verhängen
Für dein Verbrechen; aber mild sein will ich,
Wie Balder, dessen Tempel du entweiht.
Im Westmeer fern liegt eine Inselgruppe,
Von einem Jarle Angantyr beherrscht.
So lange Bele lebte, zahlte jährlich
Tribut der Jarl, jetzt aber ist er säumig.
Zieh' übers Meer und treib' mir ein die Schatzung;
Dies sei für deine Frevelthat die Strafe.
Es heißt« – sprach er voll Hohns – »daß Angantyr
Harthändig sei und wie der Drache Fafner
Auf seinem Golde brüte; doch wer steht
Im Kampf dem neuen Sigurd Drachentöter?
Versuche du nun männlichere That
Als Jungfräulein im Tempel zu bethören.
Im nächsten Sommer kehr' alsdann zurück
Mit Ehren, doch vor allem mit der Schatzung,
Wo nicht, erklär' ich, Frithjof, dich für ehrlos
Und vogelfrei auf ewig hier zu Lande!«
Das war das Urteil, das des Thinges Schluß.

Ingeborg

Und was thust du?

Frithjof.

Bleibt mir wohl eine Wahl?
Heischt meine Ehre nicht, was er begehrt?
Ich thu' nach seinem Wort, ob Angantyr
Sein elend Gold verbarg in Nastrands Fluten.
Noch heut' geht's fort.

Ingeborg.

Und mich läßt du zurück?

Frithjof

Nein, nicht zurück; begleiten sollst du mich.

Ingeborg

Unmöglich!

Frithjof.

Hör' mich, eh' du weiter sprichst.
Dein weiser Bruder Helge, scheint's, vergaß,
Daß Angantyr der Freund war meines Vaters,
Wie Beles Freund. Vielleicht giebt er im guten,
Was ich zu fordern komme; doch, wenn nicht,
Besitz' ich trefflichen Fürsprecher, hier
Das Schwert, das ich an meiner Linken trage.
Das liebe Gold send' ich alsdann zu Helge,
Und damit lös' ich beide uns auf ewig
Vom Opfermesser des gekrönten Heuchlers.
Wir selber aber, schöne Ingborg, hissen
Ellidas Segel über fremden Wogen;
Sie wiegt uns hin zu freundlicherem Strand,
Der eine Freistatt beut verfolgter Liebe.
Was ist der Nord mir, was ist mir ein Volk,
Das schon erbleicht vor einem Wort von Kindern
Und frech doch meines Herzens Heiligtum
Und meines Wesens Blumenkelch betastet?
Bei Freia, das soll ihnen nicht gelingen!
Ein Sklav' nur ist gefesselt an die Scholle,
Die ihn gebar, frei aber will ich sein,
Frei wie der Wind! Nur eine Hand voll Staub
Von meines Vaters und von Beles Hügel
Nehm' ich an Schiffes Bord – das ist's allein,
Das wir bedürfen von der Heimaterde.
Geliebte du, es giebt noch andre Sonne
Als die, die bleich steigt über jenem Schneeberg,
Und schönern Himmel giebt's als diesen
Und mildre Sterne, welche magisch strahlend
In lauer Sommernacht von ihm herab
In Lorbeerhainen treuer Liebe leuchten.
Mein Vater, Thorsten Wikingssohn, kam weit
Auf seinen Fahrten und erzählte oft
Beim Schein des Herds in langen Winternächten
Von Griechenland und seinen sel'gen Inseln
Mit grünen, wogumspielten Wundergärten.
Einst wohnte dort ein mächtiges Geschlecht,
Und Göttern diente man in Marmortempeln.
Die stehn zerbröckelnd nun; es wachsen Gräser
Auf öden Stufen, und ein Blümchen sprießt
Aus Runen, die der Vorzeit Weisheit reden,
Und schlanke Säulen ragen dort, umschlungen
Vom üppig grünenden Gerank des Südens.
Dort trägt der Boden ungesä'te Ernten,
Die Erde baut, was nur der Mensch bedarf,
Und aus dem Laube leuchten goldne Äpfel,
Und von den Zweigen hangen Purpurtrauben,
Die üppig schwellen, so wie deine Lippen.
Dort, Ingborg, bau'n in einer Meeresbucht
Wir uns ein Norden, schöner noch als dies,
Und jene Tempelhallen füllen wir
Mit unsrer treuen Liebe und erfreu'n
Mit Menschenglück die längstvergess'nen Götter.
Wenn dann mit schlaffem Tuch (dort giebt's nicht Stürme)
Ein Schiffersmann im Abendrot vorbei
An unsrer Insel fährt und von den Wellen
Des flüss'gen Goldes hin zum Strande blickt –
Auf eines Tempels Schwelle schaut er dann
Die neue Freia (Aphrodite, glaub' ich,
Heißt sie in jener Sprache), und bewundert
Die blonden Locken, die im Winde flattern,
Und Augen, leuchtender als Südlands Himmel.
Und um sie her wächst dann allmählich auf
Ein kleines Tempelvolk von jungen Alfen
Mit Wangen, daß du meinst, der Süden habe
Gepflanzt in Nordlandsschnee all seine Rosen. –
Ach, Ingeborg, wie schön, wie nahe steht
Der Erde Glück doch unsern treuen Herzen!
Nur daß den Mut sie finden zuzugreifen,
Dann folgt es willig ihnen und gewährt
Ein Wingolf ihnen hier bereits auf Erden.
Komm', eile! Jedes weitre Wort, es raubt
Uns einen Augenblick der Seligkeit.
Bereit ist alles, und schon spannt Ellida
Die dunkeln Adlerschwingen für den Flug,
Und frische Winde zeigen uns den Weg
Auf ewig fort von diesem falschen Strande!
Was zögerst du?

Ingeborg.

                    Ich kann nicht folgen dir.

Frithjof.

Kannst mir nicht folgen?

Ingeborg.

                    Frithjof, du bist glücklich!
Du folgst niemandem, schreitest selbst voran
Wie deines Drachen Bug, indes am Steuer
Der eigne Wille steht und deine Fahrt
Mit fester Hand lenkt durch empörte Wogen.
Wie anders aber ist es doch mit mir!
Mein Schicksal ruhet in den Händen andrer.
Die lassen nicht vom Raub, ob er verblute.
Sich opfern, klagen, sich in Gram verzehren,
Langsam – das ist der Königstochter Freiheit.

Frithjof

Bist du nicht frei, wenn du nur willst? Dein Vater,
Im Hügel sitzt er.

Ingeborg.

                    Helge ist mein Vater,
Ist mir an Vaters Stelle; meine Hand
Vergiebt nur er, und Beles Tochter stiehlt
Ihr Glück sich nicht, wie nah es liegen möge.
Was wär' das Weib, wenn es sich risse los
Von jenen Banden, die Allvater schlang,
Daß starkem sich ihr schwaches Wesen eine?
Der bleichen Wasserlilie gleicht das Weib,
Die mit der Woge steigt und mit ihr fällt.
Des Seglers Kiel geht über sie hinweg
Und merkt nicht, daß er ihren Stengel schneidet.
Dies ist nun einmal ihr Geschick; jedoch
So lange fest die Wurzel noch im Sande,
Hat ihren Wert die Pflanze noch, leiht Farbe
Dort oben her vom bleichen Schwesterstern,
Und selbst ein Stern schwebt sie auf blauer Tiefe.
Reißt sie sich aber los, dann treibt sie gleich
Als welkes Blatt umher auf öder Woge.
In letzter Nacht – entsetzlich war die Nacht! –
Erwartet' ich dich stets, und du kamst nicht.
An meinem wachen Aug', dem thränenlosen,
Vorüber glitten schwarzgelockt die Kinder
Der Nacht, die düsteren Gedanken,
Und Balder selber, der blutlose Gott,
Warf Blicke mir des tiefsten Hasses zu –
In letzter Nacht hab' ich bedacht mein Schicksal,
Und fest steht mein Entschluß – ich bleib' zurück,
Ein willig Opfer dem Altar des Bruders.
Doch gut war's, daß ich dich vorher nicht hörte
Mit deinen Inseln, jenen Luftgebilden,
Wo ew'ge Abendröte Blumenwelten
Von Lieb' und Frieden wundersam umfängt.
Wer weiß, wie schwach er ist? Der Kindheit Träume,
Die längst verschwundnen, wachen wieder auf
Und flüstern mir ins Ohr mit einer Stimme,
So wohlbekannt, als wär' es die der Schwester,
So traut, als wär's die Stimme des Geliebten.
Ich hör' euch nicht, o nein, ich hör' euch nicht,
Ihr lockenden, mir einst so lieben Stimmen!
Was soll ich Nordlandskind im fernen Süden?
Zu bleich bin ich für seine üppigen Rosen,
Zu farblos ist mein Geist für seine Glut;
Die heiße Sonne würde mich versengen
Und sehnsuchtsvoll mein spähend Auge suchen
Den Stern des Nordens, welcher ewig steht
Und Wacht hält an den Gräbern unsrer Väter.
Mein edler Frithjof wird das Land nicht fliehn,
Das zu beschützen er geboren ward;
Er soll den Ruhm verscherzen nicht um so
Geringes wie die Liebe eines Mädchens.
Ein Leben steten Sonnenscheines voll,
Wo ein Tag immerdar dem andern gleicht,
Ein schönes, aber ew'ges Einerlei
Wär' nur für's Weib; jedoch für einen Mann,
Zumal für dich wär's unerträglich Leben.
Gedeihn wirst du im wilden Sturme nur,
Auf schäum'gem Renner über dunkler Tiefe;
Auf deinen Planken mußt auf Tod und Leben
Mit der Gefahr du um die Ehre kämpfen.
Die schöne Wüste, die du maltest, würde
Ein Grab der Thaten, die noch ungeboren,
Und mit dem Schild zugleich verrostete
Dein freier Geist. So aber soll's nicht sein!
Nicht will ich meines Frithjof Siegsruhm stehlen
Dem Lied der Sänger! Ich will nicht verlöschen
Im Frührot schon die Ehre meines Helden.
Sei weise, Frithjof! Laß den hohen Nornen
Uns weichen! Laß aus unsers Schicksals Schiffbruch
Doch uns die Ehre retten, da das Glück
Nicht unsers Lebens mehr zu retten ist!
Wir müssen scheiden!

Frithjof.

                    Weshalb müssen wir?
Weil deinen Geist schlaflose Nacht verstimmte?

Ingeborg.

Zu retten meine Ehre wie die deine.

Frithjof.

Des Weibes Ehr' ist eines Mannes Liebe.

Ingeborg.

Er liebt nicht mehr, die er nicht achten kann.

Frithjof.

Mit Launen wird die Achtung nicht gewonnen.

Ingeborg.

Die edle Laune ist Gefühl fürs Rechte.

Frithjof.

Noch gestern stritt's nicht wider unsre Liebe.

Ingeborg.

Auch heute nicht, doch desto mehr die Flucht.

Frithjof.

Notwendigkeit gebietet sie, o komm'!

Ingeborg.

Was recht und edel ist, das ist notwendig.

Frithjof.

Hoch steht die Sonne, und die Zeit entflieht.

Ingeborg.

Weh' mir, sie ist vorüber und auf ewig.

Frithjof.

Besinne dich! Ist das dein letztes Wort?

Ingeborg.

Besonnen hab' ich mich, es ist mein letztes.

Frithjof.

Wohlan, leb' wohl denn, König Helges Schwester!

Ingeborg.

O Frithjof, Frithjof, sollen so wir scheiden?
Du gehst und spendest keinen Liebesblick
Der Jugendfreundin, reichest nicht die Hand
Der Unglücksel'gen, die du einst geliebt?
Glaubst du, ich steh' auf Rosen hier und weise
Mit Lachen von mir meines Lebens Glück
Und reiße sonder Schmerz aus meiner Brust
Ein Hoffen, das verwuchs mit meinem Wesen?
Warst du nicht meiner Seele Morgentraum?
Fritjof hieß jede Freude, die ich kannte,
Und was das Leben Großes hat und Edles:
Vor meinem Blick nahm's deine Züge an.
Verdunkle mir nicht dieses Bild, begegne
Mit Härte nicht der Schwachen, wenn sie opfert,
Was ihr das Liebste war im Erdenrund,
Das Liebste sein wird in Walhallas Sälen!
So schon ist schwer genug dies Opfer, Frithjof;
Zum Trost möcht' es ein Wort doch wohl verdienen.
Ich weiß, daß du mich liebst, ich hab's gewußt,
Seitdem's begann zu tagen meiner Seele,
Und sicherlich gedenkst du Ingeborgs
Lang', lange noch, wohin du ziehen mögest.
Doch übertönt der Waffen Klang die Trauer,
Und sie verwehet auf den wilden Wogen
Und darf nicht sitzen auf des Kämpen Bank,
Wenn er beim Trinkhorn seine Siege feiert.
Nur dann und wann in stiller Nächte Frieden
Läßt du vorbeiziehn die verschwundnen Tage;
Dann taucht empor ein halb verblaßtes Bild:
Du kennst es wohl, mein Frithjof, denn es grüßt
Dich aus der Ferne dann – es ist das Bild
Der bleichen Jungfrau in dem Haine Balders,
O, weis' es nicht von dir, und wenn es auch
Dich traurig ansieht! Flüstre ihm dagegen
Ins Ohr ein freundlich Wort: die nächt'gen Winde,
Sie führen mir's auf treuen Schwingen zu,
Ein Trost mir doch – ich habe keinen andern! –
Für mich ist nichts, das meinen Harm zerstreue,
was alles um mich ist, mahnt mich an ihn.
Die hohen Tempelhallen reden mir
Von dir; des Gottes Bild, das dräuen sollte.
Im Mondschein nimmt es deine Züge an;
Blick' ich aufs Meer – dort schwamm dein Kiel und schnitt
Im Schaum den Pfad zur Sehnenden am Strande;
Blick' ich zum Hain – dort steht so mancher Stamm,
Dem du die Rune Ingborgs eingeritzt.
Die Rinde wächst nun aus, mein Name schwindet,
Und das bedeutet Tod, erzählt die Sage.
Ich frag' den Tag, wo er Zuletzt dich sah,
Die Nacht frag' ich, jedoch sie schweigen beide;
Das Meer selbst, das dich trägt, giebt mir am Strand
Auf meine Fragen Antwort nur mit Seufzen.
Ich sende Gruß dir mit dem Abendrot,
Wenn's glühend untergeht in deinen Wogen;
Dem Schiff des Himmels, dort der Wolke, geb'
An Bord ich mit die Klagen der Verlass'nen,
So werd' im Jungfrau'nsaal ich schwarzgekleidet
Als Witwe meiner Lebensfreude sitzen,
Gebrochne Lilien in den Teppich wirkend,
Bis einst der Lenz den seinen webt und ihn
Mit bessern Lilien schmückt auf meinem Hügel.
Doch greif' zur Harfe ich, in Schmerzenslauten
Mein Leid, das grenzenlose, auszusingen,
Dann brech' ich aus in Thränen, so wie jetzt – – –!

Frithjof.

Du siegest, Tochter Beles! Weine nicht!
Vergieb den Zorn mir – es war nur mein Schmerz,
Der sich in das Gewand des Zornes hüllte.
Nicht lang' vermag er dies Gewand zu tragen.
Du, Ingeborg, bist meine gute Norne.
Was edel ist, lehrt edler Sinn am besten.
Die Weisheit der Notwendigkeit kann bessre
Fürsprecherin nicht finden, als du bist,
Du schöne Wala mit den Rosenlippen!
Ja, weichen will ich der Notwendigkeit!
Von dir, doch nicht von meiner Hoffnung scheid' ich,
Die nehm' ich mit mir übers wilde Meer,
Die nehm' ich mit bis an des Grabes Thor.
Mit nächstem Lenze bin ich wieder hier;
Dann soll mich König Helge wieder sehn.
Dann ist mein Wort gelöst, erfüllt die Ford'rung,
Gesühnt das mir erdichtete Verbrechen,
Und dann begehr' ich, nein, dann fordr' ich dich
Auf offnem Thing mit meiner blanken Waffe,
Von Helge nicht, nein, von dem Volk des Nordens,
Und hier ist dein Brautwerber, Königstochter!
Ich sprech' ein Wort mit dem, der dich mir weigert!
Bis da leb' wohl! Sei treu, vergiß nicht mein,
Und nimm als Zeichen unsrer Jugendliebe
Den Armring hier, ein schön Waulunderwerk,
Mit Himmelswundern in das Gold geritzt:
Das größte Wunder ist ein treues Herz.
Wie paßt es schön zu deinem weißen Arm –
Ein Leuchtwurm schmiegt sich an den Lilienstengel!
Leb' wohl, o Braut! Geliebte, lebe wohl!
Nur wen'ge Monde, und dann ist es anders!

                               (Geht.)

Ingeborg.

Wie froh, wie trotzig und wie hoffnungsreich!
Er setzt die Spitze seines guten Schwertes
Der Norne auf die Brust, ihr drohend: »Weiche!«
Die Norne, armer Frithjof, weicht dir nicht,
Geht ihren Weg und lacht nur Angurwadels.
Wie wenig kennst du meinen finstern Bruder!
Dein offner Heldensinn ermisset nimmer
Des seinen düstre Tiefe und den Haß,
Der seine neiderfüllte Brust verzehrt.
Der Schwester Land giebt er dir nimmer; eher
Giebt seine Krone er, sein Leben hin
Und opfert mich dem alten Odin oder
Dem alten Ring, mit dem er jetzt im Kampf. –
Wohin ich blick', ist Hoffnung nicht für mich;
Doch freut's mich, daß sie lobt in deinem Herzen.
So will ich heimlich tragen meine Schmerzen,
Die guten Götter, sie geleiten dich!
Auf deinem Armring rechn' ich nach die schweren,
Die Leidensmonde banger Qual und Sorg';
Zwei – vier – auch sechs ... dann wirst du wiederkehren,
Doch findest du nicht deine Ingeborg.

Buchschmuck
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