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Friedrich Rückert

Gustav Theodor Fechner: Friedrich Rückert - Kapitel 1
Quellenangabe
titleFriedrich Rückert
sendergustav@rz.uni-leipzig.de
created20000929
authorGustav Theodor Fechner
typeessay
firstpub1821
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Gustav Theodor Fechner

Friedrich Rückert

Aus den Blättern für literarische Unterhaltung 1835. No. 60–63.

Bei Gelegenheit der jüngst erschienenen Sammlung seiner Gedichte.

Friedrich Rückert‘s gesammelte Gedichte (in Einem Bande). Erlangen, Heyder. 1834.

Man charakterisiert Rückert zur Hälfte, wiewohl nur zur Hälfte, wenn man ihn einen Virtuosen in der Poesie nennt; nicht, weil er die Virtuosität bloß halb besäße, sondern umgekehrt, weil die ganze Fülle derselben doch nur die Hälfte von dem ist, was an ihm zu betrachten und großenteils zu schätzen ist. Über Ausdruck, Bilder, Rhythmus, Reim, kurz die ganze Äußerlichkeit der Poesie übt er eine angeborene Macht aus; was nur immer zum äußern Zubehör des Gedankens gehört, von andern erst mühsam diesem als Zutat beschert wird, wächst bei ihm ungesucht mit dem Gedanken, ja, zu üppig oft ohne den Gedanken hervor und gestaltet sich so bald als natürliche Anmut, Leichtigkeit und Zierlichkeit, bald als eine Künstlichkeit, die eine Bewunderung ihrer Art in Anspruch nimmt. Ihm ist die Sprache der Poesie, die Andere erst wie eine ausländische erlernen müssen, die angeborene, die Muttersprache; er braucht den Mund nur zu öffnen, so entquillt ihm, wie jener märchenhaften Prinzessin, eine Blume und eine Perle. Darum beträgt sich aber auch Rückert als reicher Mann. Wenn man Wilh. Müller Jahr aus Jahr ein in seinem saubern sonntäglichen Handwerksrocke, Heine in seinem phantastischen Studentenaufzuge, Platen in seinem ängstlich gebürsteten antiken oder arabischen Maskenanzuge einhergehen und das alternde Kleid mit einigen zurückbehaltenen Abschnitten vom ersten Stück immer wieder aufputzen sieht, sieht man Rückert in immer neuen und prächtigen Gewändern sich verkleidet - bald unter die Indier, Araber, Perser, Chinesen, Juden, jetzt unter den Pöbel und jetzt unter die Götter mischen; sein Ungeschick im Tragen des fremden Gewandes verrät ihn, und, was das Beste ist, wenn er sich dann als Rückert gehen läßt, behält er nichts von jenen fremden Anzügen an sich, und indem er sich in schlichter Erscheinung vor uns stellt, sieht man jetzt, daß jene bunten Äußerlichkeiten nicht die Zersplitterung, sondern die Ausstrahlung eines innern poetischen Kerns sind.

So schön aber dieser Kern ist, so verdient doch die fast noch wunderbarere Schale die erste Betrachtung. In der Kunst der poetischen Äußerlichkeiten hat Rückert vielleicht die Dichter aller Zeitalter übertroffen; hierin ist sein Talent universal; hier fehlt er höchstens durch Überschreitung, nie durch Zurückbleiben hinter den Grenzen; hierin hat er seine Kraft und Meisterschaft vom frühesten Auftreten in seinen "Geharnischten Sonetten" bis zu seinen neuesten orientalischen Wunderwerken gleichmäßig beurkundet. Was die innere Seite der Poesie betrifft, so geselle ich zwar auch hierin Rückert unbedenklich den Besten bei, aber nur auf beschränkterm Gebiete und nur in seinen besten Erzeugnissen, zu denen freilich fast alle seine neuern gehören, denn diese sind goldener Sand, seine frühern aber nur Goldsand und öfters nur Sand. Rückert hat nie einen Inhalt ohne Form gegeben; aber öfters Formen oder Zierrat ohne Inhalt. Er hat zu beiden einen unerschöpflichen Quell in sich; aber dennoch überwiegt der Reichtum an äußeren Formen; er kann ihn nicht für die Gedanken verbrauchen; so überlud er manche damit, und andere Male warf er ihn fast ohne Gedanken hinaus; und erst in seiner letzten Periode hat er besser damit wirtschaften und ihn auf die rechten Stellen häufen lernen.

Es gibt Gedichte aus Rückert‘s früherer Zeit, in denen wir die künstlichen Bewegungen der Sprache bewundern, zugleich aber den armen Gedanken bedauern müssen, der ihnen nur unbeholfen folgen kann und sich unnatürlich zieren und schmiegen muß, um das Spiel, das er eigentlich leiten sollte, mitzumachen. Manche haben an Rückert bezweifelt, die nur solche Gedichte von ihm gelesen, und freilich ist der Dichter nichts wert, dessen ganzer Wert in solchen Gedichten läge. Aber ernsthaften Tadel verdienen sie doch nur, wenn sie es auf ernsthaftes Lob absehen. Als Spiele aber und gymnastische Übungen der Poesie, um ihrer äußern Gelenke Herr zu werden, sind sie doch mindestens eben so anerkennungswert, als geläufig ausgeführte Exerzitien in irgend einer andern Kunst, indem sie eine Meisterschaft im Äußern beurkunden und schaffen helfen, die dann bloß ein anderes Mal als Dienerin der innern Poesie aufzutreten braucht, um eben so bewundernswerte als hier verwunderliche Produkte zu liefern. In der Tat, wie nicht der Bauer oder Knecht, der nie etwas Anderes als seine natürlichen Bewegungen gemacht hat, sie am schönsten und ungezwungensten vollbringt, und viele, die doch auch in der Natur der Gelenke liegen, gar nicht vollbringen kann, sondern der, welcher ihrer künstlichsten Weisen wenigstens Herr geworden ist: so ist auch bei Rückert die ganz mühelose ungezwungene Weise, in der bei ihm die Sprache in seinen schönsten Gedichten dem Gedanken folgt, nicht die Folge mangelnder, sondern vielmehr vollendetster Kunst im Äußern, die sich nun auch wohl manchmal ohne den Gedanken auf das Seil stellt und Verrenkungen und Sprünge statt Bewegungen zeigt, denen es ein Anderer nicht so leicht nachtut. Hiemit hängt denn auch teilweis Rückert‘s ungeheure poetische Fruchtbarkeit zusammen: er macht schon ein andres Gedicht, wenn ein Anderer erst einen andern Gedanken macht; denn die Gestaltung einer ganzen Gedankenreihe kostet ihm kaum so viel Mühe als einem Andern die Gestaltung eines einzigen Gedankens; er gebiert seine Gedichte nicht mit Schmerzen, sondern sie wachsen aus ihm hervor mit Lust; seine Poesie ist wie ein schwärmender Kolibri, der mühelos den Honig aus den Blumen aussaugt; andere aber müssen ihn erst mühsam ausquetschen und auskochen und dürfen ein anderes Mal nicht wiederkommen, während Rückert immer den Augenblick erschöpft und bei jeder Rückkehr eine neue Ernte zu machen vorfindet. Die Poesie ist ihm ein Garten, der sich nicht wie bei andern durch den Anbau erschöpft, sondern immer fruchtbarer wird, und worin ihm Liebe, Wein und Weisheit des Lebens, je öfter sich der Frühling erneut, um so schönere Früchte und um so müheloser in den Schoß fallen lassen. Andere sehen zwar wohl auch die Nester voll poetischer Eier, wissen jedoch oft nur vor den Knorren der deutschen Sprachstämme nicht dahin zu kommen; aber Rückert hüpft wie ein Eichhörnchen von einem zum andern wie auf Stufen und saugt mit Zierlichkeit ein Ei nach dem andern aus, während Andere mit langen Stangen darnach zielen und mit Steinen danach werfen und dabei auf Rückert schelten, daß er so zierlich hüpfen könne.

Man muß es gewiß anerkennungswert finden, daß Rückert die grenzenlose Gewalt über die deutsche Sprache, die er besitzt, und die zu verführerisch ist, als daß sie ihn nicht manchmal auch zum Mißbrauche derselben hätte verleiten sollen, mit der Zeit hat in ihre Schranken einzudämmen und von den unrichtigen Gebieten abzuleiten gewußt, dagegen er sie mit genialer Kraft und Freiheit noch da und nur da walten läßt, wo sie an ihrer rechten Stelle ist. Dies ist in den Übersetzungen und Nachbildungen orientalischer Dichtungen. Was er hier in sprachlicher Hinsicht geleistet hat, ist bisher unerreicht, ja ungeahnt gewesen. Mit den schwerfälligsten Ausdrücken wirft er da so behend um sich, daß er fast wie der Indianer erscheint, der mit dem Wurfe schwerer eiserner Kugeln leichte Bogen und Ringe durch die Luft zieht. Die widerspenstigsten Worte und Reime zäumt er auf und koppelt sie zusammen, daß sie den Gedankenwagen ziehen müssen wohin er will, manchmal ein wunderbares Gespann! Wo ein Anderer eine ganze Zeile braucht, etwas ringsum zu beschreiben, da schweißt er gleich drei Worte zu einem bezeichnenden Beiworte zusammen, das er als fassenden Ring darum legt. Für jeden Gedankenknäuel findet er einen entsprechenden Wortknäuel. Manches Wort sieht bei ihm aus wie ein kleiner indischer Götze, so vielgliedrig und heterogen ist es zusammengesetzt. Die Worte wachsen, wachsen zusammen, verlieren und gewinnen Formen unter seinen Händen; es ist als wenn er die Sprache nicht schon geschaffen vorfände, sondern selbst erst schaffte; er zwingt sie zu was er will, und scheint es auch manchmal, zu dem was sie nicht will, so wundert sie sich doch in der Regel nur für den ersten Augenblick über die Anmutung, und zuletzt macht ihr das neue Spiel ihrer Gelenke, was er sie lehrt, doch selbst Vergnügen: denn für so gewandt hätte sie sich nimmer mehr gehalten. Er lehrt sie ja gradezu indisch und arabisch sprechen, und in den künstlichen Windungen und Verschlingungen und Schnörkeln, worin sich die orientalische Sprache gebärdet, folgt er ihr nicht nur auf das genaueste, sondern tut es ihr, gleichsam mit ihr wetteifernd, oft zuvor, wenngleich diese den Vorteil voraus hatte, in freier Entwickelung, blos ihrem Genius folgend, ihr Produkt haben gestalten zu können, während Rückert der deutschen Sprache dieselben Bewegungen, die der orientalischen von Natur eigen sind, als Taschenspielerkunststücke erst lehren muß.Vgl. als Belege hierzu seine "Makamen des Hariri", "Nal und Damajanti", "Ganskritische Liebesliedchen" im "Musenalmanach" f. 1831 u. s. w. Daß dieses sich nun nicht immer ganz so ungezwungen als im Original ausnehmen kann, ist natürlich; aber, wenn man auch manchmal die Sprachgelenke knacken hört, hat es doch Rückert so weit gebracht, daß man versucht ist zu glauben, es sei mehr, weil die steiferzogene deutsche Sprache dergleichen Künstlichkeiten nicht gewohnt ist, als daß es ihr an natürlicher Anlage dazu fehle, und indem man zugibt, daß ihr manchmal Gewalt geschieht, ist man doch geneigt, diese Gewalt nur als ein nützliches Erziehungs- und Bildungsmittel anzusehen. Hierüber hat übrigens jeder seine eignen Ansichten. Daß Rückert in sprachlicher Nachbildung das Äußerste geleistet habe was sich leisten läßt, wird niemand leugnen; daß er die Nerven und Sehnen der Sprache auch oft überspannt habe, scheint vielen so. Auf das Urteil hierüber hat aber gewiß die Gewöhnung großen Einfluß. Wer mit Rückert‘s fremdartigsten Produkten anfängt, wo die deutsche Sprache gewissermaßen über sich selbst hinausgeht, wird aus Ungewohntheit leicht vieles für übertrieben, gezwungen, selbst lächerlich halten, woran sich der, der sich erst mit dem Gemäßigtsten befreundet hat, wahrhaft erfreut. Dieser wird nicht sowohl ein Spiel zügelloser Willkühr, als das einer sinnreichen, verständigen und mutigen Hand darin erblicken, die das, was im Gedanken verbunden ist, auch im Worte zu verknüpfen weiß und wagt, und das deutsche Wort, wenn es als Kleid von einheimischem Stoffe dem orientalischen Gedankenkörper nicht zusagt, durch geschickte Abänderungen und Faltungen ihm anzuschmiegen vermag. Das leuchtet wohl ein, daß der Poesie ein ganz neues kräftiges Wirkungsmittel in die Hand gegeben werden würde, wenn sie nicht mehr bloß eine gewisse Anzahl fertiger Worte, die immer nur fertige, abgemachte, in Prosa erdachte und in poetischer Anwendung längst abgestumpfte Begriffe, wie eben so viel Mosaikstifte, aneinanderzusetzen hätte, sondern sie mit derselben Freiheit verschmelzen und biegen könnte, mit welcher sie ja auch die gewöhnlichen prosaischen Lebensverhältnisse verrückt und in andere Beziehungen setzt. Was für feine und neue Nuancen der Gefühle und Bilder würde sie dann adäquat ausdrücken können; was für eine Kunst gewissermaßen eines sprachlichen Colorits würde entstehen, wenn diese Freiheit der Sprache erst sanktioniert wäre, wenn sie als poetische Regel und nicht mehr als poetische Ausnahme gälte. Nichts wäre hiebei zu fürchten als der ungeheuere Mißbrauch, der dann mit diesem neuen Mittel getrieben werden würde; denn wenn die Dichter dieselbe Freiheit, die sie in Verzerrung und widernatürlicher Verknüpfung prosaischer Verhältnisse zu haben und äußern zu müssen glauben — wobei sie aber doch die eisernen Worte noch unangetastet lassen müssen —, auch auf die flüssig gewordene Sprache ausdehnen könnten, so möchte das Wort "Poet" mit Recht bald noch verrufener bei den Verständigen werden, als es leider jetzt schon ist.

Es gibt außer Rückert allerdings noch andere Dichter, die wegen ihrer Kunst im poetischen Ausdrucke berühmt sind; die meisten aber sind es deshalb, weil sie, im Besitz eines schöngeformten Leisten, nun Alles über denselben schlagen und die Spitzen und Ecken der Sprache wegbrechen oder vorsichtig umgehen, die Rückert seinem Verse ganz natürlich einzubauen weiß. Sein deutscher Vers, von seinem orientalischen eben so verschieden als die deutsche von der orientalischen Natur, behält immer Charakter und Physiognomie; er schreitet anmutig und natürlich mit freientwickelten Gliedern fort, wo Anderer Verse wie mit Seife oder Öl bestrichen auf dem Bauche glitschen, und wenn man Rückert einmal keuchen oder schwitzen sieht, so ist es, wenn er wirklich Massen bewegt oder fremde Felsen ersteigt, bei denen Andere klüglich vorbeigehen oder die Hälse brechen. Die Form quillt bei ihm mit dem Gedanken hervor und ist zierlich oder zierig, prächtig oder schwülstig, je nachdem dieser es ist; er beleckt nicht erst lange was er geboren hat; es soll nicht glätter sein, als es gewachsen ist; er feilt die Gestalt nicht aus dem Block heraus, sondern der Meißel macht bei ihm die Feile selbst überflüssig. Wo hätte auch Rückert Zeit gehabt, seine unzählige Menge Gedichte zu feilen; denn Rückert gleicht einem Weinstock, der nicht einzelne Beeren, sondern ganze Trauben von Gedichten auf einmal mit natürlicher Rundung und Fülle hervorquellen läßt. Er kann sich um das Gedicht nicht mehr kümmern, was er einmal geboren oder verloren hat; denn das zweite wartet schon und drängt sich jenem nach. Statt das erste zu bessern, macht er ein besseres, oder doch ein anderes.

Überhaupt hat sich Rückert von jeher als eine Art Rabenvater gegen seine poetischen Erzeugnisse bewiesen. Andere Dichter sammeln das, was sie mit Mühe erbrütet haben, sofort zum Haufen, zärtlich darüber wachend, daß ja kein teures Haupt verloren gehe, und recken die Hälse dem schwarzen Punkt, der Kritik, die drohend über ihnen schwebt, in fieberhafter Angst entgegen. Rückert aber, ganz aus der Dichternatur geschlagen, hat seine poetische Brut sorglos sich zerstreuen lassen in alle Winkel, so daß er selbst kaum sie wieder zusammenfinden dürfte.In seinen 5 Bänden von Gedichten und eben so vielen Bänden "Weisheit der Brahmahnen" hat Rückert dies allerdings später nachgeholt. Wohl der größte Teil seiner Gedichte ist verzettelt in Taschenkalendern und Musenalmanachen, und ungern vermißt man viele der allerschönsten darunter in seiner jetzigen Sammlung, die solchergestalt Rückert vollständig weder von seiner günstigen, noch auch von seiner ungünstigen Seite kennen zu lehren vermag. Hat Jemand ihn um eine Gabe angesprochen, so hat er in sein Wundersäckel gegriffen und herausgelangt Goldmünzen und Kupferdreier, wie sie ihm in die Hand gekommen; nur aber immer eine ganze Hand voll, und hat sich nicht gekümmert, was weiter daraus geworden ist, wohl wissend, daß jeder neue Griff ihn eine neue Hand voll finden lassen würde.

Wer bloß Rückert‘s Glanzleistungen im Sprachlichen hat kennen lernen, wird sich übrigens überrascht finden, wenn er sieht, wie Rückert eben so geläufig als den höchsten, auch den niedrigsten Dialekt der Poesie zu sprechen, da wo es gilt, ihren Bänkelsänger- und Dudelsackton nicht minder als ihren Harfen- und Glockenton zu treffen vermag. Als das gesammte deutsche Vaterland der Aufregung zum Kampfe bedurfte, sandte Rückert seine "Geharnischte Sonette", Engel mit feurigen Schwertern durch Würde, Kraft und Pracht ihrer Sprache, aus, den edeln Kern des Volkes zu versammeln und gegen den Feind zu führen, und zugleich erschienen von ihm in seinen "Deutschen Gedichten" und seinem "Kranz der Zeit" Lieder, grob, ja fast lumpig angetan, um sich wie gemeine Landsknechte unter den Troß des Volks zu mischen und es in seiner Sprache und nach seiner Weise nach gleicher Richtung zu treiben. An sich freilich haben diese Produktionen gar kein Sprachliches und nicht mehr poetisches Verdienst, als eben an seinem Platze war; aber mit den andern zusammengenommen dienen sie so gut wie die vollendetsten Sprachkunststücke Rückert‘s, seine Universalität in der Kunst des poetischen Ausdrucks zu bezeichnen, dessen erste Regel ja die Angemessenheit zu Stoff und Zweck ist.

Der Reichtum an äußern Mitteln der Poesie bei Rückert würde aber nur ein kaltes Staunen erwecken, wenn er nicht durch eine Fülle innerer poetischer Elemente Wert und Bedeutung erhielte. Möglich, daß die letztern für sich keine so ungeteilte Bewunderung verdienen als die erstern; wenn jedoch etwas an ihnen zu tadeln ist, so rührt es nicht von einem Mangel, sondern nur von einem mangelnden Gleichgewicht daran her. Man kann freilich leicht versucht werden, wenn man eine gewisse Anzahl von Rückert‘s Gedichten gelesen, ihm das gemütliche Element, diese Seele der Poesie, abzusprechen; es ist wahr, in hundert Gedichten desselben ist kein Funken davon vorhanden, und bei mancher Sammlung von Gedichten in manchem Taschenkalender kommt es mir fast vor, als wenn Rückert mit seinem Federkiele in eine Schüssel Seifenschaum geblasen hätte, so daß ein Haufen von bunten aber leeren Blasen herausgequollen ist. Und doch frage ich, welcher von unsern Dichtern, die durch und durch nichts als Gemüt sind, im Stande gewesen wäre, etwas Ähnliches hervorzubringen als des gemütlosen Rückert‘s "Liebesfrühling", seine "Märchen" und so manches andere Gedicht in seiner Sammlung so wie in den neuem Jahrgängen des "Musenalmanachs". Meines Erachtens löst sich dieser Widerspruch so: es fehlt Rückert gewiß so wenig an Gemüt als an irgend einer andern Eigenschaft eines echten Dichters; aber die andern Elemente, Geist und Phantasie, sind überwiegend und lassen jenes oft selbst da nicht zu Worte kommen, wo es allein zu sprechen hätte; sie greifen dem Gemüt oft ins Handwerk und glauben das, was dieses allein machen kann, auch durch Nachmachen hervorbringen zu können. Geist und Phantasie spielen und läppschen bei Rückert mit dem Gemüte oft nur, wie ein paar Erwachsene mit einem schönen Kinde. Dies ist denn auch unstreitig Ursache, daß Rückert der orientalische Charakter der Dichtkunst so zusagt, oder vielmehr, jenes Übergewicht von Phantasie und Geist über das Gemüt, und das Spiel der erstern mit letzterm macht ihn unmittelbar zum orientalischen Dichter; denn dies ist der gemeinsame Charakter dieser Dichtungen. Die ganzen "Östlichen Rosen" Rückert‘s sind ein Beleg hiezu. Man muß nicht sagen: Rückert wollte sie in orientalischem Geiste dichten, sondern der orientalische Geist Rückert‘s hat sie gedichtet. Man kann dieses Buch, das einzige, was Viele von Rückert kennen, weil es bis jetzt das dickste war, mit nichts besser vergleichen als mit einem Kaleidoskop, worein Liebe, Wein, Rosen und Nachtigallen geworfen; man dreht es, wenn man es zur Hand nimmt, immer mit Vergnügen ein paarmal um, aber legt es auch bald gesättigt wieder hin. Für uns gemütliche Deutsche, die entweder eine handfeste Gestalt oder ein dickes Gefühl im Gedichte verlangen, werden diese bloß aus Rosenschaum zusammengeflossenen Gedichte im Ganzen wenig Ansprechendes behalten; aber den Orientalen würde Rückert ein zweiter Hafis dadurch geworden sein. Immer ist etwas Sinnreiches in jedem Gedicht; aber es ist nicht der natürliche Sinn der Dinge, der, aus der Tiefe herausgeholt, auch wieder zur Tiefe dringt, sondern ein konventioneller Sinn, der kunstreich eingebildet worden, mehr Sache der orientalischen Convenienz als der unsern ist. Wie das gemütliche Element gewissermaßen mit den andern Elementen kämpft und doch immer von ihnen überwogen und unterdrückt wird, davon gibt auch seine "Amaryllis" einen recht auffallenden Beleg. Was man so recht eigentlich ein gemütliches Lied nennt, hat Rückert wohl kaum gemacht; das im Blauen schwebende Lied verwandelt sich bei ihm immer in ein gehendes Gedicht oder einen stehenden Spruch, und in der Klarheit, Bedeutsamkeit und Rundung solcher Gedichte und Sprüche ist Rückert von Niemandem übertroffen worden; ja, er übertrifft darin meines Erachtens selbst Goethe; nicht, als ob nicht die besten Goethe‘s den besten Rückert‘s gleichkämen, aber nur wenige von Goethe kommen vielen Rückert‘s gleich. Nicht die Poesie ist in diesen Gedichten alt und weise, sondern die Weisheit jung und poetisch geworden und reicht uns, um mit Sirach zu sprechen, ihre goldenen Äpfel in silberner Schale. Es ist ein stiller, erfreulicher Friede darin zwischen der Poesie mit dem Verstande. Pflanze eine dürre Regel in Rückert‘s Garten, sie wird ausschlagen und grünen. Rückert hat sich in diesen Gedichten, worin er seinen Verstand, so wie in denen, worin er sein wirtliches eigenstes Herz gab, so durchaus alles fremdartigen Schmucks entäußert, daß man ihn hier, um mich so auszudrücken, ganz in seiner nackten Schönheit erblickt.

Im Gegensatz gegen diese Art von Gedichten, worin der Gedanke von Rückert nicht zugestutzt, vorgetragen oder entwickelt wird, sondern wie eine selbstlebende Erscheinung seiner innersten Natur vor uns heraustritt und uns anspricht, lassen sich unzählige andere als Beispiele dessen anführen, was er in künstlicher poetischer Arbeit zu leisten vermag. Ich will hier nur an ein paar kleine Beispiele erinnern, seine Dreizeilen (Ritornelle) und Vier-Zeilen,Vgl., außer den persischen Vierzeilen in seiner Sammlung, die hier noch mehr ins Auge gefaßten im Jahrgange 1822 der "Urania". Die Stelle der Ritornelle vermag ich nicht mehr nachzuweisen. die niedlichsten Dinger, die mir noch je in der Poesie vorgekommen sind; kleine Gedanken, so spitz und glatt und zierlich und überaus allerliebst zugerichtet, daß nichts darüber geht. Spielend zusammengereiht wie ein Kranz oder Band von kleinen sauber geschliffenen Juwelen, wollen sie alle nur dasselbe, das Haupt oder Herz der Geliebten schmücken oder ein anderes Mal den Pokal umkränzen; aber in welch lieblicher Abwechselung poetischen Schimmers tun Sie das! Nichts beweist vielleicht mehr die üppige Triebkraft und Unerschöpflichkeit von Rückert‘s Poesie, als diese Kleinigkeiten, deren jede eigentlich die Knospe eines vollständigen Gedichts ist und deren übermäßige Wucherung zu hemmen ihn wohl mehr Arbeit kostete als ihr Hervortreiben. Wie glücklich würde sich mancher andere magere Dichter schätzen, wenn ihm die Natur die Brosamen geschenkt hätte, die hier von Rückert‘s Tische abfallen, oder das Brot, das er, um Überladung zu vermeiden, gar nicht darauf bringt. Was Rückert aber an einem Tage verliert, das zu suchen hätte unsern Tagesdichtern Jahre gekostet; und wenn sie es gefunden, so würden sie jedem dieser Gedanken, der bei Rückert mit dem zephyrleichten Leibe von drei oder vier Zeilen so rasch und munter, vom folgenden gedrängt, vorübereilt, einen dicken Bauch von schwerem Stoffe angemästet haben und uns statt 67 dreizeiliger Ritornelle, die wenig Seiten füllen, einen Band mit 67 dreistrophigen Gedichten dargeboten haben. Wie viel schöner aber ist es, eine Schnur von 67 Perlen als Geschenk für die Geliebte durch die Finger laufen lassen, als 67mal den Stein des Sisyphus wälzen.

Wenn Rückert in diesen kleinen Gedichten Herz und Seele immer auf die anmutigste Weise, aber doch nicht anders handhabt als der Juwelier Edelstein und Perle, so hat er dafür einem Edelstein und einer Perle selbst Geist und Seele einzuhauchen gewußt. In der märchenhaften Auffassung der Natur, die sich in dem Gedichte, das jenen Titel führt, kund gibt, hat Rückert seines gleichen nicht einmal an sich selbst wiedergefunden. Eine solche Vereinigung der quellendsten und doch in den reinsten Schranken der Anmut sich haltenden Phantasie mit der zartesten Sinnigkeit und erquickendsten Gemütlichkeit, dieses vertrauliche und verträgliche Mit- und Durcheinanderleben der Natur- und geistigen Wesen, dieser niedliche Pomp, diese vom kleinsten Stäubchen freie Nettigkeit und spiegelnde Abrundung der Form, und was sonst noch alles darin zu finden ist, weiß ich in nichts Ähnlichem wiederzufinden, und nichts ist mir wunderbar geblieben, als daß die Deutschen, die dies Gedicht nun schon seit 12 Jahren haben,Es erschien zuerst in der "Urania"von 1823 und ist in seiner jetzigen Sammlung mit aufgenommen.es auch fast ebenso lange vergessen haben, so daß nicht einmal beiläufig mehr seiner gedacht worden ist, während sie so vieler Andern Schwachheiten noch nicht satt geworden sind. Freilich sollte man sich noch mehr wundern, daß der größere Teil sogar der Gebildeten unter dem deutschen Volke vom ganzen Rückert bisher noch so gar wenig erfahren hat, als daß es ein Gedanken- und Wortverdreher sei, von dem man nur Spaßes halber einige Proben zum besten geben könne, und daß es die vollen goldenen Ähren, die er nicht müde geworden ist jedes Jahr unter dasselbe auszustreuen, immer noch hat unbeachtet liegen lassen, um nach alten, längst leergedroschenen Ähren und einigen neuen tauben Körnern daneben zu hacken. Ich hoffe wohl, Rückert‘s Gedichte und Rückert selbst werden das Schicksal des Edelsteins teilen, den er besingt; denn ihr unverwüstlicher Wert kann sie nicht untergehen lassen, aber bevor nicht das deutsche Volk Seine 50 Folianten Kommentare über Goethe‘s beide "Faust" vollendet haben und die poetische Kritik nicht mit der Hydra Heine und Börne fertig sein wird, wird es freilich noch nicht Zeit haben, sich um den lebendigen Rückert zu kümmern.

Was bei Rückert eben so wenig vorkommt als rein gemütliche Lieder und unstreitig teilweis aus gleichem Grunde, sind Romanzen und Balladen. Uhland wandelt wie ein Geist oder Geisterbeschwörer in alten Burgen um; aber Rückert baut lieber wie Amphion Schlösser durch seinen Gesang, als sich auf ihre Trümmer zu setzen, und wenn er einen Trauerzug führen soll, behält seine lebensmutige Gestalt wohl den willkürlichen, aber nicht den unwillkürlichen Anstand bei, der dazu gehört; er kann es nicht lassen, den lebensdurstigen Blick rechts und links zu wenden und erstickt noch die Leiche mit Blumen, die er auf sie wirft und die einem Hochzeitschmuck ähnlicher als einem Grabesschmuck sehen. Die "Ländliche Todtenfeier"Agnes", Bruchstücke einer ländlichen Totenfeier, in 30 Sonetten, gedichtet im J. 1812, erschien im "Taschenbuch für Damen" für 1817.ist ein guter Beleg dazu. Seine Poesie ist weder eine Poesie der farblosen Zukunft, noch der nebligen Vergangenheit, noch der grauen Ferne, noch der blauen gestaltlosen Höhe über, noch der finstern Tiefe unter uns; sie weiß nichts von der Nachtseite, ja nur dem Dunkel der Natur und Seele; seine Poesie ist vielmehr eine reine Poesie des erquickenden Morgens und sonnenhellen, oft nur zu heißen und trockenen Tages, der bunten wechselnden Gegenwart, des lebendigen, quellenden Daseins in allen seinen reichen und von ihm bereicherten Beziehungen und Symbolen um und an und in uns. Wie ein Janus aber mit quergesetztem Haupte blickt sie mit göttlicher Klarheit rechts und links in die Gegenwart hinein und weiß alles, was auf dem Weltkörper außer uns und im Weltkörper in uns, dem Herzen, geschieht, soweit es geistiger Klarheit zugänglich ist, aber nichts von ihren unheimlichen Heimlichkeiten. Ihr Hauch vermag nicht das unergründliche Meer dieser innern Welt, das Gemüt, von seiner einsamen, dunkeln Tiefe aus aufzuwühlen, sondern mit demselben Zuge, mit dem er die lachendsten Gefilde der Natur durchstreift und Blüten von Bäumen und Sträuchern schüttelt und Düfte und Nachtigallen mit sich führt, gleitet er auch über den zu Tage liegenden Spiegel der menschlichen Seele und schlägt glitzernd Wellen darein, doch kräftig genug, um bis zur Tiefe zu dringen. Die Deutschen aber lieben in der Poesie Träume, Schäume, Nebel, vorwärts oder rückwärts sich dehnende und krümmende Sehnsucht, verzehrende Schmerzen, Verschmachten, Verbluten; darum haben Rückert‘s Gedichte bei dem größten Teile derselben bisher so wenig Anklang gefunden. Und zu leugnen ist freilich nicht, daß der ganze unendliche Zauber, der in dem Mondlichte der Poesie enthalten ist, bei Rückert nicht zu finden ist; es ist ein anderer, aber nicht und nie dieser.

Dafür tritt uns aber an Rückert eine um so schätzbarere Eigenschaft entgegen, eine kernhafte poetische Gesundheit, wie sie Wenigen eigen ist. Man hat verschiedentlich als den Charakter der neuern Poesie Zerrissenheit und Selbstironie ausgesprochen; dann aber muß man Rückert aus den Repräsentanten derselben streichen. Weder weinerliche Klagen noch greuliche Selbstzerfleischungen, daß alle Eingeweide dem Dichter zum Leibe heraushängen, wie sie seit Heine und durch Heine so Mode und eben als Mode abscheulich geworden sind, findet man bei Rückert. Seine Poesie ist immer nervig, selbst wenn sie spielt, und oft macht sie, ohne zu ermatten, lange Reisen durch die anmutigsten Gegenden, immer den Blick offen und frei behaltend; aber sie wirft sich nie träge hin und verkauft uns das Seufzen und Stöhnen dieser Faulheit für ein tüchtiges Werk. Wenn Andere alle Gewänder zerreißen, um ihre nackte, mit poetischem Blute beschmierte Brust zu zeigen, putzt Rückert mit ein paar bunten Lappen ein paar Püppchen an und macht seine eigne Brust nur frei, um sie vom Ostwinde umspielen und von der Morgensonne kräftigen zu lassen. Er ist immer auf dem Platze, schafft und wirkt immer in seiner Poesie, er bindet, gießt und sät, drechselt, schnitzelt und verschnitzelt; aber er geht nicht müßig umher und freut sich nicht, den schönsten Blumen mit dem Spazierstock die Köpfe zu knicken. Darum hat aber auch Rückert für Jeden etwas, der nur in sein gastfreies Haus kommen will, woran er sich erbauen, erfreuen, erquicken und nähren kann.

Es mag sich übrigens mit der Zeit in Rückert vielleicht manches noch gar schön gestalten von dem, was wir jetzt an ihm vermissen. Denn Rückert scheint mir noch nicht fertig; nicht, als ob sich neue Elemente in ihm bilden könnten, aber die angeborenen können in andere Verhältnisse zu einander treten. So scheint mir schon jetzt eine frühere und spätere Periode bei ihm deutlich zu unterscheiden und ein bedeutender Fortschritt von ersterer zur letztern, zwar nicht in jedem einzelnen Gedichte, aber doch im Ganzen seiner dichterischen Tätigkeit sichtbar. In jener hatten sich die verschiedenen Elemente derselben noch nicht gehörig gesondert, und hier ist es namentlich, wo das Verdecktwerden des Gemütlichen durch andere Elemente oft mißfällig hervortritt; wiewohl die Macht und Tiefe seines Gemüts sich schon damals recht wohl geltend zu machen wußte, wenn es vom Leben, nicht von der Phantasie aus angeregt ward, wie der größte Teil seines "Liebesfrühlings" und so manches andere Gedicht jener Periode beweist. Wenn ich aber recht bemerke, so ist bei Rückert neuerdings eine sehr wohltätige, bleibende Spaltung seiner verschiedenen Seiten, ein klarer gesondertes Wirken seiner mannigfaltigen Mittel eingetreten. Wie reich auch der innere Born seines Gemütes war, so wurde er doch von der Hitze seines Geistes und seiner Phantasie immer wieder ausgetrocknet, und statt des fröhlichen und freien Wachstums, das die Quelle aus jenem hätte unterhalten können, kamen oft nur fremdartige Treibhausblumen und Früchte, oft zum Verwundern prächtig und glänzend hervor, oder es entstand auch zuweilen eine fast gänzliche Dürre; aber jetzt nährt er den Überfluß jener Flamme in einem abgesonderten Raume mit orientalischen Hölzern, und nun fließt die Quelle des Gemüts rein und lebendig, nicht mehr verzischend und in Regenbogenfarben versprühend, sondern bloß noch durchwärmt vom Geiste und brechend die bunten Lichter der Phantasie. So enthalten namentlich die neuern Jahrgänge des "Musenalmanachs" eine große Menge Gedichte von ihm mit gemütlichem Grundtone, aber dabei einer so geistigen Bewegung und einem so anmutigen Colorit, daß Sie nur mit der größten Erfreuung gelesen werden können.

Den Umstand haben allerdings mehrere Dichter mit Rückert gemein, daß das Fehlerhafte ihrer Poesie im Zuviel liegt, aber nicht den, daß durch Beschränkung dieses Zuviel etwas Gutes entsteht; bloß ein Übel wird entfernt. Wer bloß schwülstig ist oder in der Poesie rast, kann allerdings den Schwulst wegschneiden oder zu Verstande kommen; allein hiermit ist auch meist zugleich die ganze Poesie weggeschnitten, weil die Poesie nicht den Schwulst als Auswuchs trug oder in Raserei war, sondern die Poesie selbst war dieser Auswuchs oder rasende Paroxysmus eines sonst gewöhnlichen, prosaisch und praktisch vielleicht recht nützlichen Menschen, und die Kritik leistete ihm einen Dienst, wenn sie ihn davon zu heilen vermochte und in seine Expedition kuriert zurückführte. Bei Rückert‘s Zuviel kommt es aber nicht sowohl darauf an, es wegzuschneiden, als es zu organisieren, alle Elemente in rechter Harmonie und am rechten Orte wirken zu lassen. Er ist so reich, daß er sich nie ganz geben darf und, wenn er einmal alle Köche zusammenarbeiten lassen will, einen versalzenen oder überwürzten Brei bringt; aber er stelle jeden an seinen Platz, und es kann ein herrliches Gastmahl geben. Andere fühlen wohl, daß, wenn sie sich ganz geben, sie doch noch nichts geben, sie wollen sich daher verdoppeln oder verdreifachen und geben ein doppeltes, ein dreifaches Nichts, die dreifache Menge Wasser; sie fühlen, daß das einfache klare Wort für ihre Empfindungen keine Poesie enthalten würde; sie schreien es daher in unverständlichen Zungen in die Weit hinein, und weil ihre gewöhnliche Physiognomie seinen Reiz hat, fangen sie an, fremdartige Gesichter zu ziehen. Führt man das Alles auf seine Elemente zurück, so kommt das alte Nichts, die alte Klanglosigkeit und Unbedeutendheit heraus; führt man aber Rückert auf seine Elemente zurück, so findet man, daß sie gut und tüchtig sind, und daß bloß ihre übermäßige Häufung und falsche Verteilung ihn manchmal außer Gleichgewicht gebracht hat.

Um zum Schluß zu kommen, so hat Rückert zwar nicht das ganze Gebiet der Poesie in gleichem Grade durchmessen, noch wird er es zu durchmessen vermögen; er ist ein Ungeheuer, das viele andere Dichter in seinem Bauche beherbergen kann; aber die Poesie ist allerdings ein noch größeres Ungeheuer, das unsern Rückert selbst nur als eines seiner ausgebildetsten Jungen im Bauche trägt. Wenn andere, übrigens ganz nette Dichter bloß kleine Maulwurfshügel sind, welche die Aussicht auf die nächsten Blumen und Bienen ringsherum haben und mit jedem Jahre überharkt werden, so ist Rückert vielmehr eine große Gebirgsmasse, die ununterbrochen von Osten nach Westen verläuft. Aber sie ist im Osten mehr angebaut, bietet größere Plateaus und weitere Aussichten dar als im Westen, gibt dort als Hauptgebirge Flüsse zum Meere, während sie sich hier in die andern Gebirge verläuft und nur einzelne schöne Bäche abgibt.

Betrachte ich Rückert von einer Seite, so kommt er mir vor wie eine Art orientalischer Palast aus "Tausend und eine Nacht", Alles darin schön geordnet, geschnitzt, getäfelt, blitzend von Gold und Kristall, gekühlt von Weinranken und Springquellen, erhitzt und durchduftet von brennendem Gewürz und von Rosen. Nachtigallen, verzauberte Prinzen, Perlen, Edelsteine, Blumen, Alles spricht; prächtige goldene Sprüche stehen an den Wänden: bloß Menschen sind nicht darin, die sprechen. Das Herz selbst und die Liebe mit Freud und Leid sind hier nur wie Blumen in Teppiche gewebt. Köstliche Arabesken ziehen sich allenthalben herum; überall gucken Gesichter, lustige, weise, trunkene, liebliche und fratzenhafte daraus hervor, nur keine Physiognomie. Was das aber prächtig und glänzend und laut und lustig und zum Teil wieder trocken, fabrikmäßig und seelenlos, und geschwätzig und endlich ermüdend ist! Doch das ist bloß die eine Seite. Angebaut ist aber an diesen Palast eine Hütte, worin Rückert selbst wohnt, und daran ein Garten mit heiterm Grün und einer verständig lispelnden Quelle. Willst du Rückert besuchen, er wird dich durch alle jene, prächtigen Gemächer führen, und zuletzt wirst du doch am liebsten bei ihm selbst in seinem kleinen Hause ausruhen.








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