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Friedrich Hölderlin: Friedrich H - Stuttgart
Quellenangabe
typepoem
booktitleExzentrische Bahnen
authorFriedrich Hölderlin
year1993
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02313-9
titleStuttgart
pages33-37
created20010824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Hölderlin

Stuttgart

An Siegfried Schmidt

1
                Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
    Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
    Und von Regen erfrischt, rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch' und alle gebundnen
    Fittiche wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
    Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich und irren untereinander,
    Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.
Denn so ordnet das Herz es an und zu atmen die Anmut,
    Sie, die geschickliche, schenkt ihnen ein göttlicher Geist.
Aber die Wanderer auch sind wohlgeleitet und haben
    Kränze genug und Gesang, haben den heiligen Stab
Vollgeschmückt mit Trauben und Laub bei sich und der Fichte
    Schatten; von Dorfe zu Dorf jauchzt es, von Tag zu Tag,
Und wie Wagen, bespannt mit freiem Wilde, so ziehn die
    Berge voran und so träget und eilet der Pfad.
 
2
Aber meinest du nun, es haben die Tore vergebens
    Aufgetan und den Weg freudig die Götter gemacht?
Und es schenken umsonst zu des Gastmahls Fülle die Guten
    Nebst dem Weine noch auch Blumen und Honig und Obst?
Schenken das purpurne Licht zu Festgesängen und kühl und
    Ruhig zu tieferem Freundesgespräch die Nacht?
Hält ein Ernsteres dich, so spars dem Winter und willst du
    Freien, habe Geduld, Freier beglücket der Mai.
Jetzt ist anderes Not, jetzt komm' und feire des Herbstes
    Alte Sitte, noch jetzt blühet die Edle mit uns.
Eins nur gilt für den Tag, das Vaterland und des Opfers
    Festlicher Flamme wirft jeder sein Eigenes zu.
Darum kränzt der gemeinsame Gott umsäuselnd das Haar uns,
    Und den eigenen Sinn schmelzet, wie Perlen, der Wein.
Dies bedeutet der Tisch, der geehrte, wenn, wie die Bienen,
    Rund um den Eichbaum, wir sitzen und singen um ihn,
Dies der Pokale Klang und darum zwänget die wilden
    Seelen der streitenden Männer zusammen der Chor.
 
3
Aber damit uns nicht, gleich Allzuklugen, entfliehe
    Diese neigende Zeit, komm' ich entgegen sogleich,
Bis an die Grenze des Lands, wo mir den lieben Geburtsort
    Und die Insel des Stroms blaues Gewässer umfließt.
Heilig ist mir der Ort, an beiden Ufern, der Fels auch,
    Der mit Garten und Haus grün aus den Wellen sich hebt.
Dort begegnen wir uns, o gütiges Licht, wo zuerst mich
    Deiner gefühlteren Strahlen mich einer betraf
Dort begann und beginnt das liebe Leben von neuem;
    Aber des Vaters Grab seh' ich und weine dir schon?
Wein' und halt' und habe den Freund und höre das Wort, das
    Einst mir in himmlischer Kunst Leiden der Liebe geheilt.
Andres erwacht! ich muß die Landesheroen ihm nennen!
    Barbarossa! dich auch, gütiger Christoph, und dich,
Konradin! wie du fielst, so fallen Starke, der Efeu
    Grünt am Fels und die Burg deckt das bacchantische Laub,
Doch Vergangenes ist, wie Künftiges, heilig den Sängern,
    Und in Tagen des Herbsts sühnen die Schatten wir aus.
 
4
So der Gewalt'gen gedenk und des herzerhebenden Schicksals
    Tatlos selber und leicht, aber vom Äther doch auch
Angeschauet und fromm, wie die Alten, die göttlicherzognen
    Freudigen Dichter ziehn freudig das Land wir hinauf.
Groß ist das Werden umher. Dort von den äußersten Bergen
    Stammen der Jünglinge viel, steigen die Hügel herab.
Quellen rauschen von dort und hundert geschäftige Bäche
    Kommen bei Tag und Nacht nieder und bauen das Land.
Aber der Meister pflügt in der Mitte des Landes, die Furchen
    Ziehet der Neckarstrom, ziehet den Segen herab.
Und es kommen mit ihm Italiens Lüfte, die See schickt
    Ihre Wolken, sie schickt prächtige Sonnen mit ihm.
Darum wächset uns auch fast über das Haupt die gewaltge
    Fülle, denn hieher ward, hier in die Ebne das Gut
Reicher den Lieben gebracht, den Landesleuten, doch neidet
    Keiner an Bergen dort ihnen die Gärten, den Wein,
Oder das üppige Gras und das Korn und die glühenden Bäume,
    Die am Wege gereiht über den Wanderern stehn.
 
5
Aber indes wir schaun und die mächtige Freude durchwandern,
    Fliehet der Weg und der Tag uns, wie den Trunkenen, hin.
Denn mit heiligem Laub umkränzt erhebet die Stadt schon
    Die gepriesene dort leuchtend ihr priesterlich Haupt.
Herrlich steht sie und hält den Rebenstab und die Tanne
    Hoch in die seligen purpurnen Wolken empor.
Sei uns hold! dem Gast und dem Sohn, o Fürstin der Heimat!
    Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf!
Immer hast du Gesang mit Flöten und Saiten gebilligt,
    Wie ich glaub' und des Lieds kindlich Geschwätz und der Mühn
Süße Vergessenheit bei gegenwärtigem Geiste,
    Drum erfreuest du auch gerne den Sängern das Herz.
Aber ihr, ihr Größeren auch, ihr Frohen, die allzeit
    Leben und walten, erkannt, oder gewaltiger auch,
Wenn ihr wirket und schafft in heiliger Nacht und allein herrscht,
    Und allmächtig empor zieht ein ahnendes Volk,
Bis die Jünglinge sich der Väter droben erinnern,
    Mündig und hell vor euch steht der besonnene Mensch –
 
6
Genien des Landes! o ihr, vor denen das Auge,
    Seis auch stark und das Knie bricht dem vereinzelten Mann,
Daß er halten sich muß an die Freund' und bitten die Teuern,
    Daß sie tragen mit ihm all die beglückende Last,
Habt, o Gütige, Dank für den und alle die andern,
    Die mein Leben, mein Gut unter den Sterblichen sind.
Aber die Nacht kommt! laß uns eilen, zu feiern das Herbstfest
    Heut noch! voll ist das Herz, aber das Leben ist kurz,
Und was uns der himmlische Tag zu sagen geboten,
    Das zu nennen, mein Schmidt! reichen wir beide nicht aus.
Treffliche bring ich dir und das Freudenfeuer wird hoch auf
    Schlagen und heiliger soll sprechen das kühnere Wort.
Siehe! da ist es rein! und des Gottes freundliche Gaben
    Die wir teilen, sie sind zwischen den Liebenden nur,
Anderes nicht – o kommt! o macht es wahr! denn allein ja
    Bin ich und niemand nimmt mir von der Stirne den Traum?
Kommt und reicht, ihr Lieben, die Hand! das möge genug sein,
    Aber die größere Lust sparen dem Enkel wir auf.
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