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Friedrich de la Motte Fouqué: Das Schauerfeld

Friedrich de la Motte Fouqué: Friedrich de la Motte Fouqué: Das Schauerfeld - Kapitel 1
Quellenangabe
titleFriedrich de la Motte Fouqué: Das Schauerfeld
booktitleDas Schauerfeld
authorFriedrich de la Motte Fouqué
typenarrative
year1812
senderrf-hendricks@vr-web.de
created20010114
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Friedrich de la Motte Fouqué

Das Schauerfeld

Eine Rübezahlsgeschichte

Am Fuße des Riesengebirges, in einer blühenden schlesischen Landschaft, hatten sich, einige Zeit vor dem Westfälischen Frieden, unterschiedliche Verwandte in die Erbschaft eines reichen Bauern zu teilen, der ohne Kinder verstorben war und dessen mannigfache Grundstücke hier und dort durch die fruchtbare Gegend hin zerstreut lagen. Man kam zu diesem Endzwecke in einer Schenke des Hauptdorfes zusammen und wäre bald über die Anordnung des Teilungswesens einig geworden, hätte es nicht unter der Nachlassenschaft einen wunderlichen Acker gegeben, welcher das Schauerfeld geheißen war.

Dort blühete es von vielen Blumen und war mannigfach wucherndes Gesträuch aufgeschossen, allzumal des Bodens kräftige Fruchtbarkeit bezeugend, aber ebensosehr dessen Vernachlässigung und Verödung beurkundend. Denn seit vielen Jahren war keine Pflugschar drüberhingezogen, seit vielen Jahren keine Saat darauf gefallen. Oder hatte man desgleichen ja hin und wieder versucht, so waren die Stiere unter dem Joch in eine unbegreifliche Wut geraten, und selbst die Ackerknechte und Säeleute hatten den Platz mit wildem Entsetzen geräumt, beteuernd, es ziehen dort gräßliche Gestalten umher, die sich in furchtbarer Vertraulichkeit zu den Arbeitern gesellten, so daß kein menschlicher Sinn davor ausdauern könne und einem schon immer der Wahnwitz drohend über die Schulter blicke.

Wer nun die verrufne Stelle in seine Erbschaft mit aufnehmen sollte, das war die große Streitfrage. Jedem kam es vor, als werde, was ihm selbst unerträglich und untunlich schien, der andere leicht ertragen und ausrichten können, wie es denn wohl in der Welt zu gehen pflegt, und so stand man rechtend einander gegenüber bis in den späten Abend. Da fiel einer von den Erben auf eine Auskunft, aber freilich auf eine gar nichtsnutzige. – »Wir sollen ja«, sagte er, »nach dem Testamente irgendeine fromme Huld erweisen an der armen Muhme, die hier im Dorfe wohnt. Nun ist uns das Mädchen doch nur sehr weitläufig verwandt; zudem auch fände sie wohl ohne alle Aussteuer einen wohlhabenden Mann, denn sie ist gut und wirtlich, und man heißt sie ja nur die schöne Sabine. Da denke ich, wir treten ihr das ganze Schauerfeld ab; so sind wir unsrer Verpflichtung mit einem Male los, und es ist doch fürwahr ein gar reichliches Geschenk, falls sie sich nur einen Ehemann schafft, der damit umzugehen versteht.« – Die andern stimmten allesamt ein, und man fertigte einen der Vettern ab, der Beschenkten die erwiesene Huld anzuzeigen.

Derweil hatte in der einbrechenden Dämmerung jemand an Sabinens Hintertür geklopft, und auf ihre Frage, wer draußen stehe, kam eine Antwort zurück, vor der sich die Riegel des kleinen Fensterleins alsbald auftaten. Es war eine langersehnte Stimme, denn sie gehörte dem jungen Kunz, der, schön und gut wie Sabine, aber ebenso arm, sich vor zwei Jahren in Kriegsdienste begeben hatte, um auf diese Weise vielleicht die Heirat mit dem geliebten Mädchen möglich zu machen, deren Herz auch ihm in frommer Liebe gänzlich zugehörte. Es war hübsch anzusehen, wie Sabine mit hellen Tränen in den wunderschönen Augen zwischen den Efeuranken des Hüttchens hervorlächelte und der hohe schlanke Soldat voll sittiger Freude nach ihr aufschaute und ihr die treue Rechte entgegenbot. – »Ach Kunz«, flüsterte sie verschämt, »gottlob, daß du lebendig wiedergekommen bist! Das ist alle Abend und alle Morgen mein herzliches Beten gewesen, und solltest du auch übrigens gar nichts von dem gehofften Glück erringen.« – »Mit dem Glück«, entgegnete Kunz und schüttelte lächelnd den Kopf dazu, »mit dem Glück sieht es auch nur sparsam genug aus. Aber es ist doch besser als da ich wegging, und wenn du Mut genug hast, denke ich, wir können einander heiraten und uns mit Ehren durchbringen.« – »Ach«, seufzte Sabine, »du treuer Kunz! Dein Wohl und Weh so fest an das einer blutarmen Waise zu knüpfen!« – »Liebchen«, sagte Kunz, »nicke mir ein freundliches Ja heraus, wenn du Vertrauen zu mir hast. Ich versichere dich, es geht, und wir leben vergnügt miteinander, wie die Könige.« – »Und hast deinen Abschied? Bist kein Soldat mehr?« – Kunz suchte aus einem ledernen Beutelchen, das sein gewonnes Gut enthielt, einen Silbertaler heraus und reichte ihn Sabinen hin, welche sich so damit stellte, daß der Schein des Lämpleins im Zimmer auf die Münze fiel. Mit altväterlichem Witze war eine zersprungene Trommel darauf gebildet, und darüber standen die Worte: »Gottlob, der Krieg hat« – »Gottlob, der Krieg hat ein Loch, soll es heißen«, fügte der erläuternde Kunz hinzu. »Es ist zwar noch nicht Friede; aber mit dem Kriege will's auch nicht recht mehr fort, und da hat mein Oberster seine Schar auseinandergehn lassen.«

– In Friedens- und Liebesfreude hielt Sabine ihre Hand dem Liebling hin und vergönnte nun auch dem Bräutigam, in das Stübchen zu treten, wo er sich neben sie setzte und ihr erzählte, wie er seine wenigen Gold- und Silbertaler im ehrlichen, offnen Kampfe von einem tapfern Welschen gewonnen habe, den er bezwungen und ihm für diese Ranzion das Leben geschenkt. Ein holdes Lächeln auf den mutigen Verlobten fallen lassend, drehte die fleißige Braut wieder emsig ihre Spindel und freute sich, daß weder an ihrem noch an Kunzens dereinstigem Erwerb das mindeste Unrecht haften werde.

Da trat eben der Vetter herein und wollte seine Botschaft anbringen. Sabine stellte ihm mit sittigem Erröten den heimgekehrten Kunz als ihren Bräutigam vor, und sagte: »Nun, da komm ich just zur rechten Zeit, wie bestellt; denn wenn der Verlobte nicht eben Reichtümer aus dem Kriege mitgebracht hat, wird ihm wohl sehr willkommen sein, die ich der Braut im versammelten Erben anzubieten habe, da es ja der Testor so verfügt hat, daß wir sie mit irgendeiner guten Gabe bedenken sollten.« – Für Kunz lag etwas zu Hochmütiges in der Art, wie ihm das neue Glück angeboten ward; er konnte gar keine Freude darüber empfinden. Aber die demutsvolle Sabine nahm nur Gottes Gnade darin wahr, durchaus nicht beachtend, wie sich die Menschen bei deren Austeilung bezeigten, und so senkte sie freundlich das Haupt mit dankbarem, herzensfrohem Lächeln. Aber als sie nun hörte, man habe ihr das Schauerfeld zur gänzlichen Abfindung beschieden, da drang ihr die feindliche Kargheit der Vettern mit schmerzhafter Kälte ans Herz, und sie konnte die hervorstürzenden Tränen der getäuschten Hoffnung nicht zurückhalten. Der Vetter lächelte höhnisch dazu, sprechend, es tue ihm leid, wenn sie sich noch auf mehr Rechnung gemacht habe. Dies sei doch ein ungleich größeres Glück der Erbschaft als ihr eigentlich zukomme.

Damit wollte er zur Tür hinaus, aber Kunz vertrat ihm den Weg und sagte voll der ruhigen Kälte, die oftmalen den sich ganz überlegen fühlenden Mut zu begleiten pflegt: »Herr, ich sehe, daß Ihr mit dem guten Willen des Abgeschiedenen Euern Spott zu treiben beliebt und daß Ihr allzusammen gesonnen seid, meiner Jungfer Braut auch keinen nutzbaren Heller zukommen zu lassen. Aber wir nehmen in Gottes Namen Euer Anerbieten an, verhoffend, es könne vielleicht unter den Händen eines braven Kriegsmannes dennoch mehr aus dem Schauerfelde werden, als es sich neidische und geizige Memmen einzubilden vermögen.«

Der Vetter, vor Kunzens soldatischem Anstande scheu, wagte nichts zu erwidern und machte sich etwas bleich davon. Darauf küßte der Bräutigam seiner Braut die Tränen ab und eilte freudig zu dem Pfarrer, die Trauung zu bestellen.

Nach wenigen Wochen waren Kunz und Sabine Eheleute und fingen ihren kleinen Haushalt an. Der junge Mann hatte seine Gold- und Silbertaler meist alle dazu angewandt, sich ein paar herrliche Stiere zu kaufen; das übrige davon war auf Saat und den nötigsten Hausrat verwandt worden und an Gelde nicht mehr in der kleinen Wirtschaft zu finden, als gerade hinreichen mochte, um aufs spärlichste und arbeitsamste bis gegen die Ernte im künftigen Jahre auszureichen. Aber als Kunz mit Stieren und Pflug auf das Feld hinausging, lachte er fröhlich nach seiner holden Sabine zurück, sprechend, daß er nun das rechte Gold aussäe und es übers Jahr um ein gut Teil reichlicher dabei zugehn solle. Sabine sah ihm ängstlich nach und wünschte, er möge nur erst von dem verrufenen Schauerfelde wieder heim sein.

Wohl kam er heim, und zwar noch ehe die Abendglocke läutete, nur bei weitem nicht so freudig, als er es um die Morgenstunde in seinem zuversichtlichen Mute gehofft hatte. Den zertrümmerten Pflug schleifte er hinter sich drein, führte mühsam den einen, sehr verletzten Stier mit fort und blutete selbst an Schulter und Haupt. Aber er sah doch immer noch frisch und freundlich drein und tröstete mit ungedämpftem Soldatensinne die weinende Sabine. – »Halte dich nur zum Einsalzen fertig«, sagte er lachend, »denn der Spuk auf dem Schauerfelde hat uns eine große Menge Rindfleisch beschert. Der Stier nämlich, den ich mit hereinbrachte, hat sich in toller Angst dermaßen beschädigt, daß er zu keiner Arbeit mehr taugt, der andere lief in die Berge hinein, und ich mußte zusehn, wie er sich von einer Klippe in den reißenden Bach stürzte, wo er gewiß nun und nimmer wieder zum Vorschein kommt.«

»Die Vettern, die bösen Vettern!« klagte Sabine. »Nun hat ihr verderbliches Geschenk dich noch gar um dein mühsam erfochtnes Eigentum gebracht, und, was viel schlimmer ist, dich auch verwundet, du herzenslieber Mann!«

»Damit hat es nichts zu sagen!« entgegnete der wackre Kunz. »Die Stiere kriegten mich nur einmal zwischen sich, als sie just in der tollsten Wut waren und ich sie nicht loslassen wollte. Aber es ist gottlob noch gut abgelaufen, und morgen geh ich wieder auf das Schauerfeld hinaus.«

Nun trachtete Sabine auf alle Weise, den geliebten Mann davon abzubringen, aber er sprach, ungenutzt solle das Feld bei seinen Lebzeiten nicht liegen, was man nicht umpflügen könne, müsse man umgraben, und er sei ja kein scheues Ackertier, sondern ein erprobtet, standhafter Soldat, dem der Spuk nichts anhaben solle. Dann schlachtete er den wunden Stier, zerhieb ihn, und während Sabine am frühen Morgen das Geschäft des Einsalzens begann, war Kunz schon wieder auf dem gestrigen Wege und eben nicht viel minder vergnügt als damals, wenn er gleich statt der kraftvollen Stiere und des gut gezimmerten Pfluges nur Karst und Spaten zur Arbeit mit hinausnahm.

Etwas spät kam er diesmal am Abende heim, etwas ermattet und bleich, aber sehr heiter und die sorgliche Frau bald beruhigend. – »Diese Art der Arbeit greift etwas an«, sagte er lächelnd, »denn es geht ein gespenstischer Kerl, bald so, bald anders aussehend, neben mir her und foppt mich mit Worten und Werken, aber er scheint sich doch selber zu wundern, daß ich mich gar nicht an ihn kehre, und eben daraus hol ich mir neue Kraft. Zudem kann die ja niemals einem tüchtigen Manne ausgehn, der in seinem Berufe steht!«

So ging es denn nun viele Tage hindurch. Der treue Kunz blieb unverdrossen am Graben und Säen und Ausraufen des Unkrautes. Freilich konnte er nun mit dem bloßen Spaten nur einen ganz kleinen Teil des Schauerfeldes bestellen, aber er hielt sich desto sorgsamer dazu und sah endlich eine Ernte heraufblühen, die, wenn auch nicht reichliches, doch genügendes Auskommen versprach und hielt. Auch das Geschäft des Einschneidens und vom Felde Karrens verrichtete er ganz allein, denn Tagelöhner hätten ihm wohl um vielen Gewinn auf dem verrufenen Schauerfelde nicht geholfen, und daß Sabine sich dahin wagte, ließ er gar nicht zu, um so minder, seitdem er Hoffnung hatte, bald von ihr mit einem Kindlein beschenkt zu werden. – Das Kindlein ward geboren, und in drei Jahren wurden es noch zweie, ohne daß sich außerdem eine Veränderung in Kunzens Lage gezeigt hätte. Mit Anstrengung und Mut wußte er dem furchtbaren Schauerfelde Frucht auf Frucht abzugewinnen und löste sein Wort, daß er Sabinen gut durchbringen wolle, als ein ehrlicher Mann.

Eines Herbstabends, als es schon tief zu dunkeln begann, brauchte Kunz noch fleißig seinen Spaten. Da stellte sich ein sehr großer, starkgegliederter Mann neben Ihn, schwarz und rußig wie ein Köhler, eine Schürstange in der Hand, und sagte: »Gibt es denn gar keine Stiere mehr im Lande, daß du dich mit deinen beiden Fäusten so abarbeitest? Du solltest doch, dem Umfang deiner Grenzen nach zu urteilen, ein reicher Bauer sein.« – Kunz wußte wohl, wer ihn anrede, und tat, wie er es gewöhnlich mit dem Spuk des Feldes zu tun pflegte. Er schwieg, wandte alle Gedanken nach Kräften von ihm ab und förderte seine Arbeit rüstig. Aber der Köhler tat nicht, wie es in des Spukes gewöhnlicher Art war, der auf solch ein Betragen zu verschwinden pflegte, um furchtbarer oder doch verstörender in andrer Gestalt wiederzukommen. Diesmal sagte er bloß ganz freundlich: »Gesell, du tust mir Unrecht und dir auch. Antworte mir zutraulich und wahrhaft! Vielleicht weiß ich für dein Übel ein gutes Mittel.« – »Nun, in Gottes Namen«, entgegnete Kunz. »Wenn du mich mit freundlichen Worten betrügst, ist es deine Schuld und nicht meine.« – Damit hub er an, alles zu erzählen, was seit der Besitznahme des Ackers vorgefallen war, ehrlich und getreu, verhehlte auch seinen Unwillen gegen den Spuk gar nicht und ebensowenig, wie sauer es ihm werde, unter den beständigen Neckereien, mit Karst und Spaten allein ausgerüstet, die Seinigen zu ernähren. Der Köhler hörte sehr ernsthaft zu, schwieg dann eine lange Weile nachsinnend und brach endlich in folgende Worte aus: »Ich meine, Gesell, du kennst mich, und da ist es recht brav von dir, daß du der Ehrlichkeit nichts vergibst, sondern rein heraussprichst, wie sehr du unzufrieden mit mir bist. Die Wahrheit zu sagen, fehlt's dir auch nicht an Ursache dazu; aber weil ich dich als einen gar tüchtigen Kerl erprobe, will ich dir einen Vorschlag tun, der manches wiedergutmachen kann. Sieh, bisweilen, wenn ich mich in Feld und Wald und Gebirg recht ausgetollt habe, kommt mir's lustig und wünschenswert vor, in einen Haushalt einzutreten und ein halb Jährchen lang recht ehrbar und ordentlich zu leben. Wie wär's, du nähmst mich auf sechs Monate zu deinem Knecht an?« – »Es ist schlecht von Euch«, sagte Kunz, »einen ehrlichen Mann zu foppen, der Euch Zutrauen beweist.« – »Nein, nein«, sprach der andre zurück, »nicht foppen; es ist mein voller Ernst! Ihr sollt einen wackeren Arbeiter an mir haben; und solang ich Euch diene, wird sich kein einziges Schreckbild auf dem Schauerfelde sehen lassen, so daß Ihr ganze Herden Stiere darauf umhertreiben könntet.« – »Das wäre mir schon lieb«, entgegnete Kunz nach einigem Besinnen, »wenn ich nur wüßte, ob Ihr Wort haltet, und dann hauptsächlich, ob ich auch recht daran tue.« – »Das mache mit dir selbst aus«, sagte der Fremde, »aber mein Wort hab ich noch nimmermehr gebrochen, solange das Riesengebirge steht, und ein feindseliges Wesen bin ich auch nicht, etwas lustig und neckisch und wild bisweilen, das ist es alles!« – »Ich glaube gar« sagte Kunz, »daß Ihr der bekannte Rübezahl seid!« – »Höre«, unterbrach ihn der Köhler etwas finster, »wenn du das glaubst; so denke daran, daß der mächtige Gebirgsgeist jenen Namen nicht leiden kann, sondern sich den Herrn vom Berge nennen läßt.« – »Das wär ein wunderlicher Knecht, den ich den Herrn vom Berge nennen müßte!« lachte Kunz. – »Du kannst mich Waldmann heißen«, entgegnete jener. – Kunz sah wieder eine Zeitlang still vor sich nieder, dann sagte er endlich: »Gut! Es gilt! Ich denke, ich tue nicht unrecht, Euch anzunehmen. Hab ich ja doch wohl oftmalen gesehen, daß man unvernünftige Tiere zum Bratenwenden und andern Hausdiensten gebraucht, warum nicht auch einen Spuk?« – Der Köhler lachte herzlich und sprach: »Nun, so ist es meinesgleichen wohl noch im Leben nicht geboten worden! Aber eben drum, es gefällt mir und schlagt ein, lieber Brotherr!« – Kunz machte noch die Bedingung, der neue Diener dürfe nicht wagen, sich es vor Sabinen und den Kindern merken zu lassen, daß er eigentlich vom Schauerfelde herstamme oder wohl vielmehr aus den weltalten Höhlengängen des Riesengebirgs; auch solle er nie irgendeine Spukerei in Haus und Hof treiben, und als Waldmann das alles recht treuherzig versprach, war der Handel in Richtigkeit, und sie gingen miteinander freundlich heim.

Sabine wunderte sich über den unvermuteten Zuwachs ihres Haushaltes und empfand auch einige Scheu vor dem schwarzen, riesengroßen Knecht; die Kinder wollten zu Anfang gar nicht aus der Tür, wenn er im Gärtchen oder im Hofe arbeitete; aber sein stillfreundliches und fleißiges Benehmen söhnte bald alle mit ihm aus; und wenn er auch manchmal in eine Art von toller Lustigkeit fiel, sich mit dem Hunde herumjagend oder mit dem Federvieh, so fand man es mehr spaßhaft als befremdend; auch genügte ein einziger Blick des Brotherrn, ihn wieder in die gewohnten Schranken zurückzuweisen.

Auf das Wort des Berggeistes trauend, hatte Kunz den zeither gesparten Geldvorrat wieder unbedenklich zum Ankauf zweier schönen Stiere verwandt und zog nun mit dem zurechtgezimmerten Pflug lustig zu Felde. Sabine schaute ihm ängstlich nach, ängstlich am Abende nach dem Heimkehrenden aus, fürchtend, er werde mit zerstörter Hoffnung und wohl gar noch schlimmer verwundet als das erstemal zu Hause kommen. Aber singend und seine folgsamen, glänzenden Stiere vor sich hertreibend, schritt Kunz unter dem Läuten der Abendglocke durchs Dorf heran, küßte in großer Freudigkeit Weib und Kind und schüttelte dem Knechte zufrieden die Hand.

Manchmal zog nun auch Waldmann mit den Stieren hinaus, während Kunz in Hof und Garten arbeitete. Man riß ein gewaltiges Stück des Schauerfeldes um, und alles ging einen trefflichen Gang, zum Erstaunen aller Einwohner des Dorfes und zum neidischen Mißbehagen der geizigen Vettern. Freilich dachte Kunz oftmalen bei sich: »Es ist nur auf eine kurze Zeit, und wie ich's mit der Ernte anstellen werde, weiß Gott, denn alsdann ist Waldmanns Dienstzeit schon lange um und der Spuk auf dem Schauerfelde vielleicht wieder in bester Lust.« Doch das Einsammeln des Segens meinte er, sei eine Arbeit, die von selbsten Arm und Herz stärke, und vielleicht halte ihm sogar Waldmann noch bis dahin aus alter Freundschaft den Acker rein, wie auch dieser bisweilen in fröhlichen Augenblicken wohl zu verstehen gab.

Der Winter war darüber herangekommen, die Arbeit auf dem Schauerfelde beendigt, und Kunz fuhr nun mit seinen Stieren fleißig zu Holze, den Feuerungsbedarf für Ofen und Herd einholend. Das war auch einstmalen geschehen, als Sabine zu einer armen Witwe im Dorfe gerufen ward, die am Fieber darniederlag und der sie fleißig, soweit es ihr beginnender Wohlstand vergönnte, beizustehen gewohnt war. Sie wußte nur nicht recht, wo sie derweil ihre Kinder lassen sollte, aber Waldmann erbot sich, auf sie Achtung zu geben, und weil die Kleinen an seine Märchen gewöhnt auch recht gern bei ihm blieben, trat Sabine unbesorgt ihre fromme Wanderung an.

Etwa eine Stunde darauf kam der Hausherr aus dem Bergforste zurück. Er führte den Karren in den Schuppen, brachte die Tiere zu Stalle und ging dann frohgemut nach dem Hause zu, die erstarrten Glieder am behaglichen Herdesfeuer zu wärmen. Da scholl ihm das ängstliche Weinen seiner Kinder entgegen. Pfeilschnell hinzustürzend und die Tür des Zimmers aufreißend, fand er die Kleinen schreiend hinter dem Ofen zusammengedrängt und Waldmann mit wildem Gelächter in der Stube umherspringend, abscheuliche Fratzen schneidend, einen Kranz von Funken und Flammen im aufgesträubten Haar.

»Was geht hier vor?« fragte der Hausherr mit strengem Zorn, und der unheimliche Schmuck in Waldmanns Haaren verlosch, demütig und still stand der Knecht, sich entschuldigend, er habe nur ein Späßchen mit den Kindern machen wollen. Aber diese kamen schmeichelnd und klagend um den Vater und erzählten, Waldmann habe ihnen erst so häßliche Geschichten vorgesprochen und sei dann bald mit einem Widderkopfe, bald mit einem Hundehaupt vor sie hingetreten. – »Es ist genug«, unterbrach sie Kunz. »Fort mit dir, Gesell! Wir bleiben keine Stunde mehr unter einem Dach.« Damit faßte er Waldmanns Arm und schob ihn heftig bis zu der Hintertür des Gartens hinaus, den Kindern gebietend, sie sollten ruhig in der Stube bleiben und sich vor nichts in der Welt mehr bange sein lassen. Der Vater sei nun daheim und sie so sicher als in Abrahams Schoß.

Der wunderliche Knecht ließ sich alles schweigend gefallen, aber als er nun mit Kunz einsam in der winterlichen Gegend stand, sagte er lachend: »Hört, Brotherr, ich dächte, wir vertrügen uns wieder! Ich hab einen gar dummen Streich angefangen, jedoch es soll gewißlich nicht wieder geschehen. Die alte tolle Laune überfiel mich nur so.« – »Eben deswegen, weil sie das kann«, entgegnete Kunz. »Du möchtest mir leicht noch meine Kindlein bis zum Wahnsinn erschrecken. Mit unserm Kontrakt ist es zu Ende.« – »Mein halbes Jahr ist noch nicht um«, sagte Waldmann trotzig. »Ich will wieder ins Haus.« – »Nicht an die Schwelle!« rief Kunz. »Du hast den Vertrag gebrochen mit deinen verwünschten Spukereien. Alles, was ich an dir tun kann, ist, daß ich dir dein volles Lohn gebe. Da nimm's und packe dich fort!« – »Mein volles Lohn?« hohnlachte der Berggeist. »Kennst du meine reichen Kammern unten in den Höhlengängen?« – »Es ist mehr um mich als um dich«, sagte Kunz, »ich will niemandem etwas schuldig bleiben.« – Und damit drängte er ihm das Geld gewaltsam in die Taschen. – »Was soll aus dem Schauerfelde werden?« fragte Waldmann ernst, beinahe grimmig. »Was Gott will«, entgegnete Kunz. »Mir wären sechzehn Schauerfelder nichts gegen ein Härlein vom Haupt meiner Kinder. Hinaus mit dir, oder ich treffe dich, daß du dran denken sollst!« – »Sachte!« rief der Berggeist. »Wenn meinesgleichen leibliche Gestaltung annimmt, sucht man sich eine tüchtige aus. Du könntest bei der Schlägerei leichtlich unten zu liegen kommen, und dann sei dir Gott gnädig.« – »Das ist er immerdar gewesen«, sprach Kunz, »und meine leibliche Gestaltung hat er mir auch recht tüchtig ausgesucht. In deine Berge zurück, du häßliches Untier! Ich warne dich zum letztenmal.«

Da fiel Waldmann im gereizten Grimme über Kunz her, und es entstand ein hartnäckiges Gefecht. Man rang hin und wider, man schwang sich miteinander herum, ohne daß sich der Sieg für den oder jenen entscheiden wollte, bis endlich Kunz durch ein geschicktes Ringerstück seinen Gegner zum Fallen brachte und ihm auf die Brust kniete, wobei er wacker mit beiden Fäusten auf ihn losarbeitete, sprechend: »Ich will dich's lehren, dich an deinem Brotherrn vergreifen zu wollen, du verfluchter Herr vom Berge!«

Der Herr vom Berge aber lachte so herzlich dazu, daß Kunz, in der Meinung, er verspotte ihn, immer heftiger zuschlug, bis jener endlich die Worte herausbrachte: »Laß doch ab! Ich lache ja nicht über dich, ich lache über mich und bitte um Pardon.« – »Da ist's ein andres«, sagte Kunz ehrbar, richtete sich in die Höhe und half dem Besiegten auch auf die Beine. – »Ich habe das Menschenleben recht aus dem Grunde kennengelernt«, sagte dieser noch immer lachend. »Es hat wohl noch keiner meinesgleichen das Studium so gar genau getrieben. Aber höre, Gesell, das mußt du mir zugestehn, ehrlichen Krieg hab ich geführt! Denn du wirst doch wohl einsehn, daß ich mir leicht ein halb Dutzend Berggeister hätte zu Hülfe rufen mögen. Freilich konnte ich vor Lachen nicht gut dazu kommen.«

Kunz sahe den noch endlos fort lachenden Rübezahl bedenklich an und sagte: »Ihr habt nun wohl einen Zahn auf mich, und das wird mir nicht nur auf dem Schauerfelde, sondern vielleicht auch anderwärts schlecht bekommen; aber, Herr, bereuen kann ich dennoch nicht; was ich tat! Ich habe Hausrecht geübt, und zwar um meiner lieben Kindlein willen. Wär es noch zu tun, ich tät es mit voller Überlegung wieder.«

»Nein, nein«, lachte Rübezahl, »inkommodier dich nicht! Ich hab an einem Mal vollkommen genug. Aber das sag ich dir: Auf dem Schauerfelde kannst du künftig ackern jahraus, jahrein, und es soll sich kein unheimlicher Schatten darauf regen, von nun an, so lange das Riesengebirge steht. Gehabt Euch wohl, mein freundlich-gestrenger Brotherr!«

Damit nickte er zutraulich und verschwand, und Kunz hat ihn nachher im Leben nicht wieder gesehn. Aber Rübezahl hielt Wort und tat noch viel mehr. Ein ungewöhnlicher Segen zeigte sich in allen Geschäften des Hausherrn, und er ward bald der reichste Bauer im Dorfe. Auch wenn seine Kinder auf dem Schauerfelde spielten, welches sie und Sabine jetzt ohne alle Furcht betraten, erzählten sie bisweilen abends, der gute Waldmann sei gekommen und habe ihnen artige Märchen vorgesagt. Sie pflegten dann in ihren Taschen gewöhnlich Näschereien oder blankes Spielzeug oder wohl gar schöne Goldtaler zu finden.








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