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Friedli, der Kolderi

Carl Spitteler: Friedli, der Kolderi - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleFriedli, der Kolderi
pages31-70
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Carl Spitteler

Friedli, der Kolderi

«Mit solchen Knechten, wenn es bald vier Uhr am heiterhellen Tag ist und die Sonne schon hinter den Bergen und man doch heuen sollt', und faulenzen einem auf dem Spreuersack herum, als wären sie das vornehmste Herrenpack, soll der Teufel fuhrwerken!» schimpfte Matthys der Senn, während er mit der Faust an die Tür der Gesindekammer polterte.

Drinnen ächzten die Betten und stöhnte verdrossenes Gähnen, zwischen Munkeln und Maulen.

«Es hat einem ja nicht können träumen, daß Heuwetter kommt. Den ganzen Sonntag hat es ja gestern heruntergeschüttet wie nicht gescheit, und noch um zehn Uhr nachts ist der Oberluft gegangen.»

Und eine dröhnende Stimme rief herausfordernd: «Es wäre halt auch besser, wenn der Meister am Sonntag selber zu Hause bliebe, anstatt unten im Dorf bis Mitternacht in den Wirtshäusern herumzuhocken. So ist es keine Kunst, vor den andern auf zu sein, wenn man am Montag früh noch die Sonntagshosen von gestern abend an den Beinen hat.»

Ein unterdrücktes Kichern folgte diesen Worten.

Der Senn, welcher sich bereits getrollt hatte, schnellte zurück, beugte den Kopf gegen das Schlüsselloch und schrie: «Ich habe nicht nötig, Friedli, mir von meinen Knechten vorschreiben zu lassen, was ich am Sonntag tun oder nicht tun darf. Wenn's etwa einem bei mir nicht gut genug ist, so ist ja die Welt groß; ich halte niemand mit Gewalt.»

«Davor wäre mir jedenfalls nicht bange!» grölte es trotzig zurück, «ich habe noch allezeit meine Arbeit recht getan, und es müßte übel zugehen, wenn man nicht einen manierlicheren Meister im Lande fände.»

«So kannst du dir gleich einen suchen.»

«Mir auch recht. Lieber heute als morgen.»

Vom äußersten Ende des Ganges mahnte zischelnd eine Mädchenstimme: «Vater! Du weißt ja, daß der Friedli ein Kolderi ist; man darf es mit ihm nicht so genau nehmen, was er sagt. Und die Arbeit macht er ja sonst auch recht.»

«Willst du wohl auf der Stelle heim ins Bett, Mareili? Im Hemd und bloßen Füßen!»

Da schloß sich hurtig die Tür, und der Senn klapperte in seinen Holzschuhen die Treppe hinab, in den Hausflur, das Tor aufzurammeln.

Einer um den andern erschienen die Knechte in dem kalten, schmutziggrauen Dämmerdunkel des Ganges, taumelnd und schnaufend vor Schlaftrunkenheit. Und so oft einer zum Vorschein kam, tat sich am Gangende die Tür ein wenig auf und gleich darauf wieder zu.

Inwendig in der Kammer aber rumorte und spektakelte der Friedli, unter Verwünschungen und Flüchen. Unversehens schoß er hervor, unwirsch, wie ein Eber aus einem Haselbusch, mit Rock und Hut, eine Tasche über die Achseln gehängt und einen Knebelstecken in der Hand.

«Friedli», wisperte es dringend vom Ende des Ganges aus der Türspalte, «Friedli! ich bin's! Mach doch keine Schneckentänze und sei vernünftig! Du weißt ja, der Vater meint es nicht so, wie er sagt.»

Der Friedli, statt der Antwort, schmiß die Tür ins Schloß und stampfte grimmigen Trittes die knarrenden Stufen hinab, mit den Schultern Rechen und Becken von den Bolzen streifend, daß es vor ihm her kesselte und wetterte.

Vor dem Hause umringten ihn die Knechte, staunend und kopfschüttelnd.

«Ja was, Friedli? Du wirst doch etwa nicht!»

«Was werde ich nicht? Meint ihr vielleicht, es brauche mir's einer zweimal zu sagen, wenn ich gehen soll?» Hierauf drückte er sich ohne weiteres der Mauer entlang um das Haus, schwerfällig, doch entschlossen.

Die Meisterin trippelte ihm keuchend nach, holte ihn jenseits der Ecke ein, zupfte ihn am Rock und riß ihn am Arm.

«Friedli», rannte sie ihm zu, «mach doch nicht immer den Kolderi! Es ist ja alles nur der Zorn und die Täubi, weil der Matthys gestern im Kartenspiel verloren hat. Am Nachmittag ist er wieder wie ein umgekehrter Handschuh.»

Der Friedli tat einen Ruck und strich stumm und störrisch weiter.

«Mein Gott», zeterte sie ihm nach, «so trink doch wenigstens zuerst noch ein Taßli Kaffee! So stark wird es deswegen nicht pressieren. Und der Lohn? hast du denn auch den Lohn? Herr Jesus Christus im Himmel oben, Friedli, du wirst doch nicht etwa fort wollen ohne den Lohn?»

«Ich brauche keinen Lohn; ich bin schon bezahlt.»

Über den Zaun des Pferchs, welcher den Hof umfriedete, klomm er leicht, ohne sich mit den Knöcheln zu stützen.

Jenseits raffte er zwei handgroße Steine vom Boden, schleuderte den einen an das Hundehäuschen, daß der Spitz heulend vor Entsetzen an rasselnder Kette sich in den hintersten Winkel verkroch, den andern wirbelte er in gewaltigem Bogen hoch über das Hausdach in die Krone des Lindenbaumes, wo er sausend durch den Wipfel an den Stamm schlug und mit faulem Fall, von Ast zu Ast prallend, in den Rasen plumpste, gefolgt von raschelnden Blättern und einem Regen von schweren Tautropfen.

Hernach stieg er langsam berghinan, gegen die Paßhöhe.

Weidende Herden bimmelten und schellten zu beiden Seiten des Pfades. Neugierig nahten die Kühe, pflanzten sich steif vor ihn hin wie Holzfiguren und glotzten ihn unverwandt an. Mit vorgehaltener Hand lockte er die vorderste, kraute ihr in den Stirnlocken, kniff sie in die Wampen und nannte sie kosend beim Namen.

Dem Stier, welcher ihn zwischen Zorn und Furcht anstarrte, schritt er behutsam im Zickzack entgegen, begütigte ihn mit der Stimme, reizte ihn jedoch gleichzeitig, indem er mit geschwindem Griffe ein Horn um das andere packte und wieder freigab. Mit Wohlgefallen betrachtete er, wie die Augen immer röter unterliefen, wie das Tier bald mit dem Schweif, bald mit dem Hinterhuf, bald mit dem Haupt unruhig schlug, wie es mit der Zunge links und rechts den Rücken leckte und mit kurzem hochtönenden Gebrüll den Schaum aus dein Maule warf

Aber als jetzt der Stier mit dumpfem Murren den Kopf senkte, versetzte er ihm mit einem lustigen Jauchzer einen festen Fußtritt in die Weichen, daß er verdutzt um eine Körperlänge zurücksprang.

Hierauf stieg er stetig bergan, gleichmäßigen, langsamen Schrittes, Windung um Windung, den Pfad abschneidend, an der Quelle und dem Vergißmeinnichtsumpfe vorbei, durch das nasse Gras, über Tümpel und Weiden nach dem Kreuz und vom Kreuz steil den Sturz hinauf, ohne Atem zu schöpfen, im selben Schritt, bis auf die Paßhöhe.

Oben auf der Höhe schwenkte er seitwärts nach dem Bödeli und steuerte nach einer Erdmulde, welche mit einem Kranze von gelben Enzianen wie mit brennenden Kerzen umleuchtet war.

Am Rande der Mulde stand eine einsame riesige Wettertanne, als Paßzeichen von der Gemeinde geschont.

Dort warf er Hut, Stecken und Tasche von sich, unter das dunkelgrüne Geäst, und ließ sich gleichgültig auf die weiche Matte fallen, das Gesicht talwärts gekehrt, so daß er gerade nach dem Matthysenhof unten in der Tiefe sehen konnte.

Und wo er lag, blieb er liegen, das Kinn in die hohle Faust gestützt, mit der andern Hand Gras abstrupfend und mit den Zähnen zerkauend.

Hinter ihm rauschte es im Grase von schlurpenden Schritten, und Steine rollten in die Mulde.

«Was ist, Friedli?» fragte gedämpft eine Stimme, «hat dir der Matthys aufgekündigt?»

Friedli antwortete nicht, schaute sich auch nicht um, sondern rupfte das Gras büschelweise ab.

Der andere kam näher und fuhr fort: «Mir meiner auch. Auf nächsten Samstag. ‹Ue-Ue-Ueli›, hat er zu mir gesagt, ‹Ue-Ue-Ueli, meine Geduld ist a-a-aus›, hat er gesagt, der Hansjörg.»

Beide stießen ein gezwungenes Gelächter aus, dann stierten sie selbander ins Tal, Friedli liegend und Ueli stehend.

Unten im Matthysenhof, aus dem Sennhaus, klein wie eine Schachtel und gelb wie eine Schindel, krochen winzige Zwerge mit Sensen, Gabeln und Rechen hervor. Die zogen wie Ameisen am Stall vorbei, beim Brunnen vorüber, den Bühl hinab ins Tobel, versanken bei den Weiden, tauchten jenseits am Brücklein wieder auf und kletterten, immer kleiner, immer kleiner, rechts über der Alp, dem Rain entlang zur Matte vor dem Wald. Dort legten sie die Joppen unter einen Kirschbaum, banden sich Nastücher um die Stirn, rote und blaue, wie ein Strauß von Mohn- und Kornblumen, rückten zum Viereck dicht aneinander und drehten sich langsam nach allen Seiten um.

«Jetzt jauchzen sie», erklärte der Friedli sachgemäß, «aber es ist viel zu weit, man kann davon nichts hören.»

Das Viereck löste sich auf und dehnte sich in zwei lange Reihen, die im gleichmäßigen Takt sich bückten und wieder aufrichteten.

«Es ist schön mähen heute», urteilte Ueli mit Respekt. «Aber ein wenig spät sind sie; um halb fünf, wenn die Sonne schon über dem Holderbachfelsen ist.»

Der Friedli drehte sich heftig um und schrie ihn an: «Was? zu spät? Noch lange nicht zu spät, deswegen! Man muß nur rechtschaffen werken und nicht den Faulhund spielen wie du. Wenn ich dabei wäre, die Handvoll Gras wollte ich ihnen in zwei Stunden am Boden haben. – Was machen die Hansjörgen heute für Arbeit?»

«Sie sind niederwärts, ins Tal, der Stadt zu; auf den Markt; Lebwar verkaufen. Aber jetzt sag doch selber, ob sie nicht zu spät sind. Was ist denn das dort, das über den Wald kommt, denk' wohl, die Sonne? Jedenfalls kein Kerzenstock.»

Eine rauchende Lichtwolke streifte über die Wipfel. Diesseits vom Wald, herwärts der Mähder, zwischen Alp und Tobel, fiel ein hellgelber, scharf begrenzter Fleck in die saftige Weid, wuchs nach allen Seiten, stieg, immerfort sich ausdehnend, den Berg hinan, vereinigte sich mit einem zweiten kleinen Fleck, verdoppelte sich, lief plötzlich nach unten und oben bis zum Bach und zu den Felsen und eilte dann groß und ruhig, in breiter Fläche, fliegend und schwimmend dem Walde entgegen. Ein Blitz zuckte von einer Sense, dann noch einer, und einen Augenblick später standen die Arbeiter im hellen Sonnenschein.

«Was sagst du jetzt dazu, Friedli? Ich will auch lieber hier oben den Kühen zusehen, wie sie malmen, als dort unten in der Sonnenhitze werken.»

Der Friedli murrte ärgerlich und sah weg.

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