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Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 8
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
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Zweiter Theil.

Sechstes Kapitel.

Fünf Jahre sind verstrichen. Wieder ist es Herbst. Schon um sechs Uhr Abends steht der rothglühende Sonnenball tief unten am Horizont, als besänne er sich noch, in welches der purpurnen Wolkenbetten rings um ihn her er sich versenken wolle.

Es ist Spätherbst, oder besser Nachsommer. Da und dort blüht noch ein vereinzeltes Herbströschen am Stock und Tausende von Astern spielen in bunten Regenbogenfarben im Garten.

Am Zaun des Friedhofgärtners, hinter dem Haus verborgen, hält ein Wagen. Der Herr desselben ist abgestiegen und biegt sich im traulichsten Gespräch über den Zaun. Innerhalb des Gartens steht eine Jungfrau, von etwa siebzehn Sommern, in der ersten Entfaltung überwältigender Mädchenschöne. Kaum zu unterscheiden ist das hochblonde Haar, die rosige Wange, der dunkelrothe Mund von den unzähligen Farbentönen des strahlenden Abendhimmels. Sie verweben sich damit, sie fließen mit den tausenderlei Lichterscheinungen zusammen in ein einziges großes Flammenbild. Und der Herr des Wagens hängt trunkenen Auges an der wundervollen Gestalt. Sie hat die linke Hand um seinen Hals geschlungen, während die Rechte eine letzte Rose vom Strauche bricht. Schweigend steht sie da, es ist als schimmere die Liebe durch die gesenkten Lider, während sie auf die Rose niederblickt, als zögere sie noch, sie zu brechen. In den Zweigen über ihr singen die Vögel ihr Abendlied; eine Amsel kommt ganz nah in den Busch geflogen und sieht das Paar vertraut an. Der sonst so scheue Vogel muß die Liebenden genau kennen.

Jetzt ist die Rose gebrochen, der Strauch zittert ein wenig nach und der Vogel fliegt erschreckt auf. Die Jungfrau reicht die Rose dem Geliebten mit einem Blick, in dem eine Welt von Glück und Hingebung liegt. Er steckt die herbstlich kalte Blume an die Brust und küßt zum Dank die heißen Lippen der Geberin.

Die stattlichen Rappen strecken die Köpfe herein – einer davon stößt seinen Herrn an, als wolle er sagen: daß sie nun lange genug gestanden. Das Mädchen streichelt ihnen mit zarter Hand die Nüstern und hält ihnen als Leckerbissen das Laub der abgebrochenen Rose hin. Der Wagen aber, an den die schönen Thiere geschirrt sind, ist der schwarze »Brautwagen« von ehedem und der Herr desselben ist der Leichenkutscher – Walther.

Seit jener Nacht, wo der Knabe zu Maria zurückgekehrt, hatten sich die Kinder nicht mehr getrennt.

Walther fand bald beim Todtengräber, bald bei dem Schreiner Arbeit, der die Grabkreuze macht. Vor einem Jahre aber starb der alte Leichenkutscher Martin, und nun bekam er die »schöne Stelle«, die ihn allabendlich am Zaun des Gärtners vorüber führte. Dort stand Maria regelmäßig und erwartete ihn, denn seit sie erwachsen waren, ging es der Leute wegen nicht mehr an, daß sie in dem alten Rosentempel auf dem Friedhof bei einander saßen. Maria hatte nach und nach, als sie vom Kind zur Jungfrau erblühte, die Schranken jungfräulicher Scheu um sich gezogen. Sie standen sich anders gegenüber, denn als Kinder. So war es nun fast die einzige Stunde, in der sie sich sahen, wenn Walther Abends mit dem Todtenwagen heimkehrte und hier an der einsamen Seite hielt, wo der Garten an den Anger grenzte. Und mit welchem Entzücken harrte das junge Herz dem düstern Gespenst entgegen, von dem sich das Auge der Menschen abwendet, wenn es ihnen an einem sonnigen Tage den Weg kreuzt! Mit welchem Entzücken sah sie das schwarze Gespann daher traben und schaute in das ernste Gesicht seines Lenkers. Und wenn er dann anhielt und vom Wagen sprang in seiner jugendlichen Kraft und Schönheit, da schlang sie die Arme um seinen Hals und hing an seinen Lippen, als käme er aus einer Welt der Freude und brächte ihr des Lebens reichste Güter daraus mit. Kam aber der Herbst mit Regen und Sturm, oder der Winter mit Schnee und Eis, so war es wieder wie einst das schwarze Dach des Leichenwagens, das ihnen Schutz gab. Walther hob Maria dann über den Zaun, und wie einst als Kinder, verkrochen sie sich unter dem hohen Palankin mit seinen schaukelnden Troddeln und Quasten. Hier war es, wo sie sich zum ersten Mal als Braut und Bräutigam geküßt, denn das Gefühl des erwachsenen Paares war ein anderes, als das der Kinder, und lange sogar hatten sie dies neue Gefühl vor einander verborgen. Der Kuß, den sie sich als Kinder gegeben, war nicht mehr der rechte; und bis sie den Muth zu einem besseren fanden, berührten sich ihre Lippen nicht mehr. Auch von dem »Mann und Frau« spielen war keine Rede mehr. Sie standen einander still und verlegen gegenüber!

Da geschah es zum ersten Mal, seit Walther mit dem Todtenwagen kam, daß es schneite. Maria zitterte vor Kälte und Walther hob sie über den Zaun und setzte sie wie als Kind in den Wagen.

»Komm auch herein,« sagte sie, denn die Schneeflocken häuften sich wie ein weißer Pelz auf dem schwarzen Gewand des Jünglings. Er folgte der Aufforderung nur zu gern, und als sie so fröstelnd neben einander saßen, da legte er den Arm um sie, als wolle er sie erwärmen. Aber immer enger zog er sie an sich, und immer heißer wurden sie bis zum Erglühen. Da auf einmal, sie wußten selbst nicht wie, hatte Maria ihre Arme fest um seinen Hals geschlungen – und ihre Lippen suchten die seinen – und Brust an Brust, Mund an Mund tauschten sie einen einzigen langen Athemzug – einen Augenblick der Ewigkeit! Nun hatten sie ihn gefunden, den rechten Kuß, und mit ihm auch das Wort und die allgewaltige Erkenntniß der Liebe zwischen Mann und Weib! Was in den Kindern unbewußt schlummernde Knospe war, das war jetzt aufgegangen zu voller, berauschender Blüthenpracht – hier im Todtenwagen – und im Winterschnee.

Seitdem war es wieder Frühling geworden, Sommer und Herbst – und die Erde hatte kein glücklicheres Paar. Sie wußten wohl, daß sie noch lange warten müßten, bis sie einst den Kindertraum verwirklichen dürften, denn der Kirchhofsgärtner wollte mit der schönen Tochter höher hinaus und hätte sie nie dem armen Leichenkutscher gegeben. Aber der Besitzer der Leichenkutscherei war ein alter Mann und kinderlos. Er liebte den jungen, braven Knecht und hatte ihm versprochen, er wolle ihm in zwei Jahren das ganze Geschäft überlassen und sich zur Ruhe setzen. Dann war Walther ein gemachter Mann und Mariens Vater konnte nichts mehr gegen ihn einwenden. Maria selbst war nicht mehr ganz arm, denn nach jener seltsamen Begegnung mit dem Fremden vor fünf Jahren hatte dieser an den Vater eine namhafte Summe geschickt mit der Bestimmung, dem Kinde von nun an eine bessere Erziehung geben zu lassen. Der Vater aber fand die bisherige Erziehung der Kleinen gut genug und vergrößerte mit dem Gelde sein Anwesen so, daß er es nicht mehr überschauen konnte – zum Glück für die Liebenden, denn nur dadurch waren die Grenzen des Gartens so weit hinaus gerückt, daß sie sich unbemerkt am fernsten Ende treffen konnten.

Friede war in ihnen und um sie her, und die Welt ihnen offen. Warum sollten sie nicht glücklich werden? Alles war ja so einfach und gestaltete sich so gut. In zwei Jahren waren sie Mann und Frau und bewohnten draußen im großen Hause der Leichenkutscherei ein paar trauliche Stübchen mit der Aussicht auf die duftig blauen Gebirgszüge und die grünen, prangenden Felder.

Und sie malten sich's gerade heute so lieblich aus – der Abend war so sonnig. Ein Meer von Licht spiegelte sich in ihren Augen, wenn sie sich ansahen. Auf einer so schönen Erde konnte es nichts Böses geben und nichts Trauriges – sogar der schwarze Schatten des Todes, auf den sie ihre Existenz und ihr Hoffen bauten, war aufgesaugt von der strahlenden Sonne, die ihnen heute schien, und zurück blieb nur das milde Antlitz des ernsten Freundes, ohne alle Schrecken und düstere Verzerrung, die er für Andere um sich verbreitet.

»Morgen ist Feiertag,« sagte Walther, »weißt Du's noch? Da sind's fünf Jahre, daß mich Anselmo zu Dir brachte, Nachts an Dein Fensterchen, wo Du krank lagst!«

»O mein Gott, wie schön war das!« sagte Maria und legte den Kopf an seine Brust. »Von dem Augenblick an war ich gesund! Es war wie ein Wunder! Mein Dasein ist nur in Dir, Walther; Du bist mein Leben und mein Tod!«

»Maria,« sagte Walther – »ich denke manchmal, es sei zu viel, wenn Du das sagst! Gott im Himmel weiß es, ich fühle mich Deiner nicht werth. Du bist zu gut für mich armen Knecht, sie werden Dich mir nicht lassen!«

»Nicht lassen?« rief das Mädchen. »O, daß Du immer zweifeln mußt! Sei ruhig! Bei den Heiligen, deren Fest wir morgen feiern, schwör' ich Dir's – uns trennt nichts, als der Tod. – Aber nun geh', Herzlieber – ich hab' noch viel für morgen zu thun, die Gräber müssen mir schön werden. Ich bin ja so selig, ich möchte die ganze Welt schmücken – und allen Wesen Gutes thun!«

»Darf ich nachher, wenn es dunkel wird, ein bischen kommen und Dir helfen?« sagte Walther.

»Thu's lieber nicht, denn heute arbeitet der Vater selbst auf dem Kirchhof, und ich weiß nicht, wie lange er bleibt. Und dann sind heute so viele Leute draußen, um Gräber zu zieren – wenn's Einer dem Vater sagte, daß er uns bei einander gesehen! Wir sind ja jetzt leider zu groß, um uns auf dem Grafengrab verstecken zu können.«

»Nun, wenn's ganz dunkel ist, sehe ich doch einmal nach, ob Du noch dort bist. Adieu, mein Engel, mein Alles – mein Himmel diesseits und jenseits.« Noch ein letzter, flammender Kuß. Er sprang auf den Wagen und dahin trabte lustig das schwarze Gespann.

Maria schaute ihm nach, so lange sie es noch sehen konnte. Als der letzte Punkt am Horizonte verschwunden, wandte sie sich langsam und ging nach dem Friedhof. Wieder hatte sie das Haupt gesenkt, wie vor fünf Jahren. Diesmal aber war es, wie wenn der Blumenkelch, schwer vom befruchtenden Regen angefüllt, sich niederbeugt. Ihre Seele war voll Thränen, nicht des Schmerzes, sondern des Glücks, des Dankes gegen Gott, der sich ihr in der Liebe so wunderbar offenbarte!

Es ist ein merkwürdiges Treiben und Regen auf dem Friedhof am Vorabend von Allerheiligen. Wer nie in einer kleinen katholischen Stadt gelebt, der ahnt nicht, welch ein Fest dies Allerheiligen ist. Für diesen Tag werden alle Todtenhügel mit Blumen und Kränzen geschmückt. Der ganze Friedhof in einen Garten verwandelt. Es giebt kein heitereres Bild, als dieses Gräberfest an einem sonnigen Tage. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Durcheinandereilen des bunten, mit Kränzen beladenen Schwarmes, daß das Auge nicht weiß, wo es haften soll. Und aus allen Gesichtern die Freude und Heimlichkeit einer Mutter oder Schwester, die den Kindern oder Geschwistern den Weihnachtsbaum schmückt. »Morgen werdet ihr sehen, was wir gebracht haben,« sagen sie zu ihren Todten dort unten, – und wie die Kinder, die gewöhnlich von einer ganz anderen Seite, als man denkt, durch die Thürritzen zusehen und die Ueberraschung für den folgenden Tag vorweg nehmen, so schauen lächelnd die verklärten Seelen zwischen den purpurnen Wolkenspalten hindurch, den Vorbereitungen zur morgenden Ueberraschung zu. Da wird mit triumphirender Miene eine gewaltige Guirlande papierner Rosen um ein weißes Kreuz geschlungen, denn die Spenderin weiß: »etwas Schöneres giebt's auf dem ganzen Kirchhof nicht!« Hier wird eine Fülle prangender Astern gepflanzt, dort ein Namenszug in Blumen, ein Kreuz oder ein Kranz mit schimmernden Glaskugeln gespendet. Alles Alte, Verwelkte wird von den Gräbern entfernt und durch Frisches ersetzt. Hunderte weißer und bunter Schleifen flattern lustig im Wind und die Wangen der Arbeitenden röthen sich immer mehr von der frischen Herbstluft und der freudigen Arbeit. Es ist ein Auferstehungsfest lieblichster Art. Das Fest, an dem die Seele sich erhebt aus dem Bann des Erdenschmerzes. Es ist der Sieg über den irdischen Tod, diesseits und jenseits, der da gefeiert wird. – Friede auf Erden und Friede in der Höhe! Und wo noch ein Herz voll Bangen ist, daß der Todte, dessen Grab es schmückt, einen Groll mit hinüber genommen habe um mancher längst bereuten Kränkung willen, da wird es fröhlich und guten Muths, während es seine Herrlichkeiten darbringt; denn wenn der Todte dies Liebesopfer sieht, wird er verzeihen! Frommer Glaube, wer Dich nicht ehrt auch in dem kindischen Tand, der papiernen Blume und dem gläsernen Spielzeug aus thränengetränktem Grabe, für den giebt es kein Auferstehen; denn ihm fehlt das, was über Tod und Vernichtung triumphirt – die Liebe! –

Ein Grab war's besonders, das Aller Augen neidisch auf sich zog, denn die beste Regung ist in der gemeinen Menschennatur nicht frei von den Schlacken ihres menschlichen Ursprungs. So giebt es auch eine Art Gräberneid! Jeder will seinem Todten das Beste gebracht, die größte Liebe bewiesen haben, und betrachtet mit scheelem Blick die anderen Gräber, ob sie nicht schöner seien als das seine! Dieser harmlose Ehrgeiz aber fand sein Ziel dem sogenannten »Grafengrabe« gegenüber, denn mit diesem konnte Niemand wetteifern, und mit der Möglichkeit des Gleichthuns fiel auch der Neid weg. Man wußte ja, daß gewisse seltene Blumen gar nicht zu haben waren, da der Kirchhofsgärtner sie nur für den Besitzer des geheimnißvollen Grabes ziehen durfte. Und an Tagen, wie heute, pflegte die Gärtnerstochter Alles auf dem Grabe zu vereinigen, was der Vater Kostbares in seinen Treibhäusern hatte. Aber das Schönste und Leuchtendste von allem war sie selbst inmitten der Blumen, die sie in malerischen Gruppen aufbaute.

Ueber der Mitte des Eingangs hing an unsichtbaren Drähten, wie frei in der Luft schwebend, eine Krone von duftigen, weißen Blüthen, und von ihr aus fielen hängende Gewinde mit weißen Blumendolden herab und bildeten einen Baldachin über der Thür. Im Hintergrunde hob sich ein Madonnenbild, Mariä Himmelfahrt, auf Goldgrund, von der grünen Rückwand zwischen Palmen und Tujen ab. Alles war voll Bewunderung. Maria selbst freute sich des gelungenen Werkes und dachte bei sich: »Wenn er es nur sähe, der unglückliche Herr, wie würde es ihn freuen! Aber heute gerade wird er nicht kommen, wo das Grab so schön ist – so geht es ja immer im Leben!«

Aber noch nicht ganz vollendet war die Arbeit, denn für das gläubige katholische Gemüth giebt es keinen frommen Opferdienst ohne das Licht geweihter Wachskerzen, wo es irgend ein gedeckter Raum gestattet. Maria hatte solche mitgebracht, befestigte sie in kleinen eisernen Armleuchtern rechts und links von dem Muttergottesbild und zündete sie an, daß der Kerzenschein den Goldgrund des Bildes in dem dunklen Grün aufleuchten ließ wie eine Sonne. Als dies geschehen war, schloß sie ab und ging, die Gräber ihrer und Walther's Mutter zu schmücken.

Es fing an zu dunkeln und der Menschenschwarm verlief sich. Die Gräber waren fertig und harrten nun, bis am kommenden Morgen die Seligen herabschauen und ihre Festbescherung in Empfang nehmen würden. Jetzt begann die große Münsterglocke den Feiertag einzuläuten. Die reine Herbstluft trug den mächtigen Ton in langgezogenen Schallwellen von der Stadt herüber. Maria kniete auf dem Grabe der Mutter nieder und betete. Auch die letzten Nachzügler hatten sich verloren und einsam ward es wieder auf dem Friedhof wie vorher.

Da war es ihr, als riefe etwas ihren Namen, – ganz leise, wie ein Geisterhauch, zitterte es durch die Luft. Sie lauschte, ein ungewohnter Schauer überlief sie, sie wußte selbst nicht, warum. Das Geläut der übrigen Kirchenglocken der Stadt und der Dörfer ringsum fiel jetzt im Chor mit ein in den Grundton der großen Münsterglocke und von allen Seiten brausten die mächtigen Schwingungen daher und verwischten jedes andere Geräusch.

Aber Maria klang es ununterbrochen im Ohr, der leise Ruf, und ohne sich weiter Rechenschaft zu geben, sprang sie plötzlich auf und eilte nach dem Grafengrabe.

Weithin strahlte die Helle der brennenden Kerzen aus der Laube über den Weg, aber sie warf auch einen Schatten heraus – den Schatten eines Mannes. Riesengroß dehnte er sich vor ihr über dem Boden hin. Maria zuckte unwillkürlich davor zurück, sie sah es wohl, das war nicht Walther – das konnte nur der Graf sein! Was erschreckte sie denn so? Sie schalt sich kindisch, und mit einer gewissen Ueberwindung schritt sie über den Schatten weg auf das Grab zu. – Die Laube stand offen und die hohe Gestalt des Grafen mitten drin.

»Nun sind Sie doch gekommen!« sagte Maria, nicht ohne ein leises Beben der Stimme: »diesen Abend dacht' ich noch, wie hübsch es wäre, wenn Sie heute das Grab sehen könnten!«

Sie streckte ihm bescheiden zögernd die Hand hin. Er aber ergriff sie nicht. Wie versteinert starrte er sie an. Sie stand gerade unter der Blüthenkrone des Eingangs, so daß es war, als ruhe diese auf ihrem Haupt. Der goldne Widerschein des Bildes und der Kerzen hüllten sie in eine Glorie von Licht. Die Umrisse der hohen jungfräulichen Gestalt hoben sich weich ab von dem dunkelblauen Nachthimmel draußen und in vollen Schallwellen wogte das Geläut der Glocken um sie her, als begrüße es eine Braut des Himmels.

»Bist Du – sind Sie – Maria, das Kind von damals?« frug er wie ein Träumender.

»Gewiß bin ich's,« sagte das Mädchen und ließ beschämt die nicht ergriffene Hand sinken.

»Allmächtiger Gott,« murmelte der Fremde vor sich hin: »hast Du es so lange gelitten, daß ich Dich verleugnete – Dich und Deine Wunder – und schickst mir nun Dein schönstes Wunder, um mich zu bekehren? O – es wäre eine zu milde Strafe für den Sünder!« Er nahm den Hut ab und hielt ihn zwischen den gefalteten Händen wie ein Betender! »Maria – Heilige, erbarme Dich einer armen Seele; Königin, ich stehe da als ein Bettler, denn all meine Erfahrung und all mein Menschenwitz ist nichts vor Dir!« –

Maria wagte kaum zu athmen. Welch eine Sprache war das? Sie wußte nicht, was beginnen. Sie wollte nicht hören und hörte doch – sie wollte fort und blieb – sie wollte zürnen und vergab doch. Solche Worte hatte sie nie vernommen und dennoch verstand sie dieselben! –

Ihr schwindelte, als ob sie statt der Madonna, ihr gegenüber, von Wolken emporgetragen würde und sie bebte vor dem Sturz aus dieser Höhe, der nicht ausbleiben konnte, denn sie war ja eine Sterbliche! Sie hatte die Augen niedergeschlagen: »Sie müssen nicht so mit mir reden – bitte, nicht!« stammelte sie, und es lag eine so unaussprechlich rührende Einfalt in den wenigen Worten, daß der Fremde beschämt vor ihr stand, als habe er ein Unrecht begangen: »Mein Gott, lehre mich die Sprache der Unschuld, damit mich dieser Engel verstehe! – Liebe Maria,« begann er dann, sich zu einem ruhigeren Ton zwingend: »Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie erschreckt! Ich habe Sie als ein Kind verlassen, wohl als ein bezauberndes, fast überirdisches – aber doch immer als ein Kind! Ich habe das Bild dieses Kindes in meiner Seele getragen, wie das meines Engels: es ging mit mir und verließ mich nicht, selbst im tollsten Strudel der Welt. Wenn ich von überlebten, längst entwertheten Vergnügungen nach Hause kam, so war es, als winke mir mein kleiner, bleicher Engel – zurück zu diesem Grabe. So zog mich's unwiderstehlich nach fünf Jahren hierher, wo ich das Kind wieder zu finden hoffte, ohne das ich nicht mehr leben mochte. Aber statt seiner steht eine Jungfrau vor mir – eine Krone auf dem Haupt, übergossen von goldenem Licht, blühend und stolz in der ganzen Majestät weiblicher Schöne – sollte mich das nicht verwirren – überwältigen? Maria – ich suchte ein Kind und finde eine Königin! – Kind – Kind – warum bist Du so schön geworden, so groß und so schön!« Er legte die Hand über die Augen, als könne er den Anblick nicht mehr ertragen: »O mein kleiner, bleicher Engel von damals, wo bist Du – warum hast Du mich verlassen!«

Maria ward von einer tiefen Wehmuth ergriffen. »Ich bin das Kind noch von damals,« sagte sie weich: »Mein Herz ist das gleiche geblieben! Ich habe täglich für Sie gebetet auf diesem Grabe, ich habe Sie nicht vergessen in all den Jahren und weiß noch jedes Wort, das Sie mit mir geredet! Warum sollten Sie mich nicht wieder erkennen auch in der veränderten Gestalt?«

Er sog jedes ihrer Worte mit unaussprechlichem Entzücken ein: »Ist es wahr, Maria, Sie haben meiner gedacht – für mich gebetet? Mein Gott, ich fange an zu glauben, daß Du mich auf dem Gnadenwege erlösen willst! Ja, Maria, Sie sind der Engel noch von damals. Aber Sie müssen mir helfen, Sie in der neuen Gestalt wiederzufinden. Wollen Sie? Wollen Sie Geduld haben mit einem Unglücklichen, der sich erst an der heiligen Flamme läutern muß, die in Ihnen glüht?«

Maria schwieg. Es war halb Mitleid, halb Furcht, was in ihr kämpfte – Mitleid mit einem tragischen Geschick – Furcht vor einem dämonischen, fremdartigen Element, das sie zurückstieß und doch anzog!

»Maria, Sie verstummen? Das Kind von damals wäre nicht verstummt. – Sehen Sie wohl, es ist doch anders geworden!« klagte er: »O Maria, gieb mir meinen Engel wieder!«

Da siegte das Mitleid in dem Herzen des Mädchens, sie sah eine Thräne in seinen Augen schimmern – das war ein echtes menschliches Gefühl. Wer solch einer Thräne fähig war, der konnte nicht schlecht sein.

»Lieber, armer Herr!« sagte sie – und reichte ihm nochmals die kleine, warme Hand. Er ergriff sie und hielt sie fast schüchtern, wie damals, in der seinen. Seine Augen hingen an ihr mit Furcht und Hoffen.

»Ich meine, es ist nicht gut, wenn Menschen sprechen können« – fuhr sie fort – »damals, wo wir fast nichts mit einander redeten, weil ich noch ein Kind war, verstanden wir uns besser!«

»Sie haben Recht, Maria,« flüsterte er – » Sie bedürfen der Worte nicht, denn Sie sind selbst eine Offenbarung! Ich aber, Maria, der ich nicht von so durchgeistigtem Stoff bin, – ich, das Kind der Materie, behaftet mit allen Mängeln und Schwächen meines Ursprungs, – ich muß sprechen, auf daß ich vor mir selbst nicht als Betrüger dastehe! Maria, setzen Sie sich hier auf diese Bank und hören Sie meine Beichte – Angesichts dieses Grabes und dieses Bildes Ihrer verklärten Heiligen will ich meine Seele entlasten von all meiner Schuld. Sie, Sie Maria, sollen mein Strafgericht – oder meine Erlösung sein!« –

Maria setzte sich still, – ihr bangte vor dem, was sie hören sollte. Der Graf blieb neben ihr stehen.

»Es ist eine alltägliche Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, – merkwürdig wird sie nur durch – Sie! In diesem Grabe ruht ein Weib und ein Kind – dieses Weib ist – die Schwester Ihrer Mutter – und Sie, Maria, sind ihr Ebenbild!«

Maria erbleichte und starrte ihn fragend an.

»Die beiden Schwestern, Ihre Mutter und Tante, waren die Töchter meines Erziehers, eines Lehrers auf den Gütern meiner Eltern. Es war eine rührende Gestalt. – Der alte Mann wäre eines bessern Loses würdig gewesen, als dessen eines Dorfschullehrers. – Eine Persönlichkeit, wie ein Apostel! Nie sah ich einen schönern Kopf, eine reinere Stirn, ein edleres Profil, als dieses schlichten Mannes, – Sie, Maria, haben ihn auch, diesen merkwürdigen Schnitt des Gesichts, der bestimmt scheint ein Diadem zu tragen! – So, wie Sie vor fünf Jahren, so trat mir einst die Tochter meines Lehrers gegenüber – eine kleine Nymphe – meine Spielgefährtin. Denn der Lehrer starb plötzlich und meine Eltern erzogen die jüngste Tochter, die schönste und feinstgeartete von Beiden, wie ein Kind des Hauses. Die andere Schwester, Ihre Mutter, Maria, blieb bei der kränklichen Lehrerswittwe als treue Tochter zurück, um sie zu pflegen. Was brauche ich weiter zu sagen – wir liebten uns. – Sie war ein Engel an Leib und Seele, an Geist und Herz. Ich schwor ihr, daß sie die Meine werden sollte – sobald ich selbständig sei. – Sie vertraute mir und – opferte mir Alles –! Der Tag kam, wo mein Vater mir mit seinem Fluch drohte, wo das geliebte Geschöpf verstoßen ward aus meiner Eltern Haus. – Ich war nicht mündig und konnte nichts thun. Die alte Frau starb aus Kummer über das Geschick der Tochter. Ihre Mutter, Maria, heirathete den Schloßgärtner, der an Bildung tief unter ihr stand, um der unglücklichen Schwester wenigstens ein Asyl zu bieten und zog mit ihr und dem Gatten hierher, wo man sie nicht kannte. Der kleine Engel, dem Maria das Leben gab, kehrte wenige Stunden nach seiner Geburt in das Jenseits zurück. Hier an dieser Stelle ließ ich ihn begraben. Für Mariens Unterhalt sorgten meine Eltern in reichem Maaße, ohne daß sie es wußte, denn zartfühlend wie sie war, hätte sie von uns keine Unterstützung angenommen. Deine Eltern mußten als ihre Wohlthäter erscheinen. So wußte ich sie geborgen.

Maria, – ich war ein und zwanzig Jahre alt. Das Leben und der Glanz einer erlauchten Familie zog mich in seine Kreise – Kreise, in denen ein Verhältniß, wie das meine zu Marien, lächelnd eine Jugendthorheit genannt wird. Man schickte mich mit Gesandtschaften in ferne Länder, – ich – vergaß sie! Eine wilde Leidenschaft zu einer Dame der großen Welt ergriff mich – die Eltern nährten die Flamme – es war eine sogenannte standesgemäße Partie, – ich vermählte mich. – Der Fluch folgte mir auf dem Fuße. Meine Ehe war eine Hölle. Was ich in dieser Zeit gelitten – keine Zunge beschreibt es, denn mit aller Macht erwachte die erste Liebe zu dem süßen Wesen, das ich geopfert, und mit ihr alle Furien der Reue. Da löste der Tod dies unglückselige Band, das mich fesselte, – meine Frau starb an einer Erkältung, die sie sich auf einem Ball geholt. Ich war frei! Nun konnte ich mich nicht länger halten, – ich eilte hierher, um mich zu Mariens Füßen zu werfen, mir an der treuen Brust Verzeihung zu holen, ihr zu sagen, wie elend ich, und wie furchtbar gerächt sie sei! – Ich reiste Tag und Nacht ohne Aufenthalt in fieberhafter Hast. Ich fand sie – todt, auf der Bahre! – Sie waren eben daran, den Sarg zu schließen. Auf ihren Lippen lag ein mildes Lächeln und in den armen abgemagerten Händen hielt sie einen Rosenkranz – so lag sie da – ein Bild der Geduld, – aber die Lippe konnte das Wort nicht mehr sprechen, das Wort der Vergebung.« – Er hielt inne – die Thränen erstickten ihm die Stimme. Maria saß da, wie ein Marmorbild, die gefalteten Hände fest auf die Brust gedrückt, die Augen niedergeschlagen.

Er suchte ihren Blick, aber vergebens.

»Maria,« fuhr er leidenschaftlich fort, »soll ich Dir nun schildern, wie ich mich in den Strudel der Welt gestürzt, um mich zu betäuben und meine Qual zu vergessen – aber vergebens! Soll ich Dir schildern, wie ich in diesem Treiben oft nahe daran war, mich selbst zu verlieren und wie mich die Erinnerung an diese Heilige, diese geduldige Märtyrerin immer wieder emporriß, aus meiner Versunkenheit, zu neuen Folterqualen der Reue? Wie ich floh von einem Welttheil in den anderen, um mir selbst zu entfliehen und wie mich's stets zurückzog zu diesem Hügel, wie den Wallfahrer zum Heiligen Grab, weil mir die innere Stimme zuraunte: »Hier, hier nur findest Du Erlösung!« Und wie ich endlich über Meere hierhereilte, um an diesem Hügel zu büßen – um im Rauschen des Abendwinds, oder im Gesang der Vögel das Wort zu vernehmen, das sie nicht mehr sprechen gekonnt, nach dem ich schmachtete! – Und wie ich statt dessen ihr Bild fand – ihr leibhaftiges Abbild in dem Kinde der Schwester – nur noch schöner, noch vergeistigter! Maria – als ich Dich hier vor fünf Jahren sah, liebte ich Dich mit dem ersten Blick – aber ich wollt's nicht glauben, daß man ein Kind lieben könne, – und da ich dem Staate im Auslande dienen muß, ging ich von hinnen, wieder über den Ocean und nahm den Eindruck Deiner Begegnung mit, wie man eine Blume von einem geliebten Grabe auf dem Herzen trägt. Aber die Blume welkte nicht, vertrocknete nicht! Sie lebte, sie blühte, sie faßte immer tiefer Wurzel in meinem Herzen.

Und immer schaler ward mir die Welt, immer mächtiger das Bewußtsein, daß es für den Sünder nur Eines giebt – die Rückkehr zur Jugend, zur Reinheit, zur Unschuld, und diese nur durch die Blume, welche auf diesem Grabe blüht! – Begreifst Du nun, was Du mir bist? Du bist mir von der Todten geschickt, als Bote der Versöhnung, auf daß ich an Dir in der Liebe sühne, was ich an der Liebe verbrach. Du sollst mir das Wort der Vergebung sagen, ohne das ich nicht selig werden kann. Maria – auf Deinen Lippen ist es gelegt – sprich es aus – – um Gottes Barmherzigkeit willen – stoß mich nicht zurück in die Verdammniß!«

Er stand mit ausgebreiteten Armen vor ihr – das Licht der Kerzen brach sich in dem feuchten Schimmer seiner überströmenden Augen. Sie wagte nicht, ihn anzusehen – sie stand da – ein Bild der tiefsten Seelenqual.

Er faßte ihre Hände, sie wollte sich ihm entwinden – »Maria!« rief er und hielt sie fest – »fürchtest Du Dich vor mir? Mädchen, Du verstehst Deine eigene Hoheit nicht, wenn Du glaubst, vor Menschen zittern zu müssen. Du bist ein Seraph und die Seraphim tauchen furchtlos nieder in die Schlünde der Hölle! Auch das Erbarmen fordert Muth – ja, das höchste Mitleid – ist das höchste Heldenthum. Die Schwester der Barmherzigkeit, die in der Pest nicht vor der Ansteckung zurückbebt und nur dem Zuge der Charitas folgt, ist sie nicht eine Heldin? Der Hochherzige, der sich in den reißenden Strom stürzt, um einen Ertrinkenden zu retten, ist er nicht erhaben über Tod und Leben? Sind sie nicht Alle Mitstreiter in dem großen Heer der Hilfe, das Gott der armen bedrängten Menschheit sendet? Mädchen, willst Du Dich davon ausschließen? Und wenn die Seraphim den Muth haben, mit den Teufeln um ihre Beute zu ringen, ohne sich an der höllischen Gluth die Flügel zu versengen – willst Du scheu zurückweichen, wenn eine ringende, büßende Menschenseele, die sich nach ihrem Heil sehnt, die Arme zu Dir emporstreckt und Dich anfleht: »Rette mich!«

Er zog sie sanft zu sich heran. Sie ließ es geschehen, ihr ganzes Wesen war gehoben von einer mächtigen Bewegung. Er löschte die Lichter aus.

»O, die Opferkerzen!« rief sie.

»Das Feuer in Deinen Augen ist Opferflamme genug, es bedarf nicht des irdischen Lichts!«

Und jetzt, wo es dunkel um die Beiden war, warf er sich auf das Grab und küßte, wie damals, den Stein: »Du da unten, die sie mir sandte – milder, versöhnlicher Geist, bitte bei ihr für mich!« und er blieb regungslos auf seinen Knieen liegen, als wolle er den Geist walten lassen, den er angerufen. Maria ergriff ein namenloser Schmerz um den armen Mann, der von der Todten erflehte, was die Lebende nicht geben konnte. Sie legte das Gesicht in die Hände und weinte bitterlich.

Da wandte er sich und umschlang ihre Knie: »Maria, Du weinst?« sagte er leise und zog ihr sanft die Hände von den Augen. »Siehst Du, die Todte hat für mich gesprochen! O, Himmelsthau, reinigende Fluth, Du erquickest den Verschmachtenden! Maria, gieb mir diese Thränen – ich fordere nichts weiter, – nur diese Thränen!« Und er erhob sich ein wenig auf seinen Knieen und küßte ihr mit zitternden Lippen die Thränen vom Auge.

Sie ließ es geschehen, der Augenblick war zu groß, um es zu weigern.

»Ich danke Dir« – sagte er mit einem tiefen Athemzug, »Gnadenspenderin Du! Und auf daß ich dieses Geschenkes würdig sei, – verlasse ich Dich jetzt. Gute Nacht für heute!«

Er erhob sich. Noch einmal legte er wie in schwerem Kampf die Hand auf ihr lockiges Haupt – dann aber riß er sich los und eilte mit einem Blick voll überschwänglicher Liebe hinaus in die Nacht.

Wie gebannt saß Maria und lauschte den Tritten, bis sie sich in der Ferne verloren. Ihre Seele war entrückt in eine neue Sphäre, eine nie geahnte. Zeichen und Wunder waren geschehen – sie hatte hinabgeblickt in die Tiefen der Hölle und hinauf in den Strahlenglanz des Himmels und das Alles vereinigte sich in einer einzigen Menschenbrust – und über das Alles sollte sie herrschen als Königin! Eine Thräne aus ihrem Auge löschte die Feuersqual des Verdammten – ein Druck ihrer Hand zog ihn empor in die Gefilde der Seligen! – War sie es denn? Sie – die schlichte Gärtnerstochter, – eine Königin?

Da, wie aus einem magnetischen Schlaf, erweckte sie ein Geräusch. Sie blickte auf, Walther stand vor ihr. Maria stieß einen Schrei aus, halb des Schrecks, halb der Freude, und eilte mit offenen Armen auf ihn zu. »Walther, mein Walther!« Der aber trat einen Schritt zurück und wehrte sie mit fester Hand von sich ab.

»Maria!« hub er an, seine Stimme war leise, aber es ging ein Beben hindurch, das die furchtbare Erregung seines Innern verrieth: »Maria – ich bitte Dich, mach' es Dir und mir nicht schwer. – Daß zwischen uns Alles aus ist, versteht sich, wie Du einsehen wirst, von selbst. Du sollst keinen Vorwurf von mir hören: Ich weiß es wohl, ich bin nur ein armer Teufel und das ist ein reicher, vornehmer Herr. Aber eins muß ich Dir sagen: Wie arm und gering ich auch bin, ich bin mir doch zu gut, um mit solch einem Herrn zu theilen

»Walther,« schrie Maria entsetzt auf, »hast Du gehorcht?«

»Nein, ich horche nicht, das wäre mir zu gemein. Aber, als ich mich leise heranschlich, weil ich glaubte, Du seist allein und Dich überraschen wollte, da sah ich, – wie der fremde Herr vor Dir auf den Knieen lag und Dich küßte. Da zog ich mich still zurück, und wartete in der Entfernung bis er – ging!« Die Zähne schlugen ihm bei diesen Worten zusammen, wie vor Frost.

»Barmherziger Gott, Walther, Du thust mir Unrecht, – hättest Du doch nur gehorcht, es wäre besser!« Sie versuchte noch einmal, ihn zu umschlingen, aber wie von Erz war der Arm, mit dem er sie von sich fern hielt: »Frag' Dich, Maria,« sagte er und seine dunkeln Augen schauten sie durchdringend an. »Frage Dich selbst, hier, auf diesem Grabe, ob Du mir treu warst. Und wenn Du Dir die Frage beantwortet hast – soviel Ehrlichkeit traue ich Dir noch zu – dann sage mir, ob ich Recht gehabt! – Lebwohl, Maria!«

Keines Wortes mächtig sank das Mädchen zu seinen Füßen nieder; aber seine dicht verwachsenen Brauen zuckten nicht. – Mit eiskalter Hand wie ein Todter hob er sie auf und setzte sie auf die Bank. »Nimm Dich zusammen, Maria, das kann ja nichts helfen!« sagte er milde aber fest, wandte sich von ihr und ging.

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