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Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 7
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
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Fünftes Kapitel.

Es war ein mächtiges Ereigniß, das in jener Nacht über des Kindes Seele hingegangen – aber der Sturm, der Bäume ausreißt, streift oft die zarte Blume nur, ohne ihre Wurzeln zu lockern; er entführt ihr höchstens ein paar Staubfäden, um die Keime ihres lieblichen Daseins weiter durch die Luft zu tragen. – So war der Sturm in der Seele des Fremden schonend an ihr vorüber gegangen, nichts von ihr mit sich nehmend als ein wehmüthiges Empfinden, ahnungsvolle unbestimmte Gedanken, ein paar Staubfäden der Seele. Auf Gräbern war sie erwachsen – hier wurzelte ihr Dasein – im Bann des Todes; der Tod aber läßt sich nichts rauben.

Friedhofsblume hatte er sie genannt, – berauscht von ihrer Lieblichkeit, war er vor ihr gestanden, wie wir oft bewundernd vor einer prachtvollen Blüthe auf einem Grabe stehen. Aber es ist ein uraltes Vorurtheil im Volke, daß man nach einer Todtenblume, und sei sie noch so verlockend, die Hand nicht ausstrecken darf, denn das wäre ja Gräberraub! – Wer möchte sich auch mit einer Rose schmücken, die auf einem Grabe erblüht?

So stand die wundervolle Knospe ungefährdet und unberührt im Schutz von Friedhofsmauern und der Eine, dem sie erblühte, Walther, gehörte gleich ihr – dem Tod. War er ihm auch entrückt für den Augenblick – sie wußte es, er werde zurückkehren zu ihr – zu den Gräbern, in denen sein Leben wurzelte wie ihres; und auf diesem Boden konnten sie dann ein stilles Glück genießen, ein bescheidenes aber seliges Loos.

»Verlasse dies Grab nie –« hatte der Fremde gesagt – »Du sollst darauf erblühen zu einem schönern Dasein!«

Der thörichte Herr, – konnte er denn meinen, daß es Schöneres gäbe, als ein Dasein eben auf diesem Grabe? Was wußte er von dem stillen Glück, das sie mit dem fernen Gefährten einstmals darauf genossen und wieder mit ihm zu genießen hoffte, wenn Walther zurückkam? Wie wollten sie es dann pflegen, welch' einen Zaubertempel von Blumen, von Schönheit, Liebe und Glück wollten sie daraus machen! Und wenn sie einst sterben würde, wie schön unter dem Rosendach zu ruhen – unter dem Stein, der ja schon ihren Namen trug, als wäre er für sie bestimmt!

Und seit der Fremde dagewesen und ihr von der anderen Maria erzählt, die da drunten ruhte, da war es ihr oft in der Stille des Abends, als riefe die verklärte Namensschwester sie und flüstere ihr liebliche Botschaft aus einer besseren Welt zu. – Und die Blumen auf dem Grabe, welche die Thränen des Fremden genetzt, und die stummen Palmen, welche seine Trauer mit angesehen – sie erzählten ihr eine Geschichte von Liebe und Schmerz, von Schuld und Reue, die wunderbar nachklang in der stillen einsamen Seele. –

Aber je mehr sie heranreifte unter der Ahnung des tragischen Geschicks, das hier verborgen, desto bewußter ward sie sich ihrer Sehnsucht nach dem Gefährten, und wenige Wochen waren vergangen, da erkrankte das Kind bedenklich und der Arzt konnte nicht sagen, was ihm fehlte.

Es hatte beständig Fieber und war so schwach, daß es zu Bett liegen mußte. Der Arzt meinte, das Dachkämmerchen, wo die Kleine schlief, sei zu eng und dumpf, das Kind müsse bessere Luft haben, und so legten sie es denn herunter in die große Stube des Erdgeschosses, wo die künstlichen Todtenkränze aufbewahrt wurden. Da stellten sie ihm das Bettchen so, daß es ins Grüne sehen konnte und die Georginen und Malven nickten ihm ins Fenster herein. Die Magd wurde in die Kammer daneben gebettet, um das Kind zu pflegen, aber es weckte sie nie, denn es brauchte nur Ruhe und Alleinsein.

Ganz allein war es aber doch nicht, denn der treue Wächter im verstaubten Kittel schlich allabendlich um das Haus und wußte Alles, was vorging. So hatte er auch entdeckt, daß Maria von der Dachkammer heruntergelegt worden und seitdem brachte er die Nächte vor dem kleinen Fenster des Erdgeschosses zu.

Es mochte wohl die dritte Nacht sein, die Magd schlief schon in der Kammer, der Vater hatte sein Zimmer auf der anderen Seite des Hauses, Alles war ruhig und in tiefem Schlafe. Nur das Kind wachte. Es hielt seinen Rosenkranz in der Hand und betete, denn heute war Allerheiligen und das war auch noch dazu sein Geburtstag. Allerheiligen! Und es durfte nicht hinaus und die Gräber zieren! – Sein Geburtstag –! und Walther war fern, zum ersten Mal, seit sie sich lieb hatten! Heute war Marie zwölf Jahre alt geworden; aber kein Mensch dachte daran.

Die mageren Fingerchen schoben zitternd und unsicher die Perlen am Rosenkranz hin und her, das Köpfchen lag matt auf dem Kissen und Thräne um Thräne rollte darauf nieder. Alle Pulse klopften vom Fieber so stark, daß der kleine Körper förmlich davon in eine vibrirende Bewegung versetzt war.

Da pochte es leise ans Fenster. Maria fuhr erschreckt auf. Aber draußen stand, durch das dünne Vorhängchen ganz deutlich erkennbar, im Mondschein, der Bildhauer. »Maria – kannst Du nicht einen Augenblick öffnen, ich muß Dir etwas sagen!«

Sie raffte sich mit aller Kraft auf, denn der arme Geselle hatte sie schon so lange nicht mehr angesprochen – es mußte etwas Wichtiges sein, was ihn um diese Zeit herführte.

Wenn sie bis zum Fußende des Bettes herunterrutschte, konnte sie das Fenster erreichen, ohne aufzustehen. Sie öffnete.

Es war eine wundervolle, fast taghelle Herbstnacht, Alles lag wie im Mondenschein gebadet.

»Maria,« begann der Bildhauer schüchtern, »heute ist Dein Geburtstag und da möchte ich Dir eine kleine Freude machen, aber bei Tage durft' ich Dir's ja nicht bringen. Es ist nur eine Kleinigkeit – Du weißt, ich habe ja nichts! – Da hab' ich Dir 'was gearbeitet, – sieh, ob Du's erkennen kannst!«

Und er reichte ihr eine kleine Büste von Thon herein. Maria hätte beinah aufgeschrieen: »Walther!« –

Es war Walther's Kopf! So ähnlich, daß es sie fast erschreckte. Maria kauerte unten am Bettende und hatte die Decken um sich geschlungen.

Zum Fenster herein fluthete die erfrischende Nachtluft. Der volle Schein des Mondes fiel auf das kleine Kunstwerk und spiegelte sich in Mariens Augen, die mit einem Blick unaussprechlich freudigen Staunens auf den Bildhauer gerichtet waren.

»Anselmo,« sagte sie endlich, »Du bist so gut gegen mich und ich bin immer so häßlich gegen Dich gewesen! Aber ich will's gut machen, verzeih mir!«

Und sie reichte ihm die fieberheiße Hand hinaus. Ihm war, als sei das Höchste, was ein Mensch an Glück erleben könne, vom Himmel für ihn herab gekommen. Sein Werk war gelungen – Maria hatte die Büste augenblicklich erkannt, – sie hatte ihm zum ersten Mal die kleine Hand zu freundlichem Druck gereicht! Ihm war, als rausche mit sanftem Flügelschlag eine Gottheit zu ihm nieder, küsse ihn liebend auf die Stirn und flüstre: »Verzage nicht – es giebt noch ein Glück für Dich, aber nur an meinem Herzen wirst Du es finden!« Es war die Kunst! –

Gedankenschnell wie es gekommen, zerrann das Wahngebild. Aber auf seiner Stirn fühlte er doch den Weihekuß, den es ihm gegeben, – nein, war's möglich, waren es Mariens Lippen, die seine Stirn berührt? Auch das nicht, er besann sich, es war sein Werk, auf dem sie geruht. – Das Kind hatte die Stirn der Büste geküßt, so lebendig schien ihm das Abbild! Das war der Zauber der Gottheit, die zu dem armen Bildner herniedergestiegen.

»Maria,« sagte er nach kurzem Schweigen wieder gefaßt und ruhig, »ich bin nicht allein deswegen gekommen – ich – wollte Dich fragen, ob Du wohl recht Heimweh nach Walther hast?«

»O – so sehr!« sagte das Kind und drückte die Büste an die kleine Brust.

»Ich habe über Dein Kranksein nachgedacht und ich meine, ich weiß, was Dir fehlt, denn ich weiß, wie Herzeleid thut und wie vergebliche Sehnsucht nagt. Nicht wahr, wenn Du Walther hättest, dann würdest Du gesund?«

»Ach, Anselmo, Du hast's errathen! Ja, ja – das Heimweh bringt mich um!«

»Wäre Dir's recht, wenn er auf einmal käme – und würde Dich's nicht zu sehr erschrecken und Dich noch kränker machen?«

Das Kind starrte Anselmo fragend an. »Er ist doch nicht – da?«

»Willst Du ruhig sein, ganz ruhig? Willst Du mir versprechen, daß Du Dich nicht aufregst? Dann hol' ich ihn Dir!«

»O Anselmo, – lieber guter Anselmo, – hol' ihn schnell!« flehte die Kleine und der Bildhauer ging zum Gartenzaun und winkte.

Da sprang etwas herüber und eilte ans Fenster. Ein leiser Schrei, – die wohlbekannte Gestalt schwang sich auf das Fenstersims und zwei kräftige Arme umschlangen den zarten kranken Körper des Kindes. »Walther!« sagte sie noch mit brechender Stimme, – dann schloß sie die Augen und das Köpfchen sank lautlos an seine Brust.

Es war doch zu viel für sie gewesen, sie war zu schwach.

Wie ein sterbendes Reh lag sie in des Knaben Armen. Aber allmälig erholte sie sich und der Puls, der vorher so rasch gegangen und dann ganz still gestanden, hob sich wieder und nahm jetzt einen regelmäßigeren Schlag an. Es war, als habe er früher nur so gejagt, weil er dem entschwundenen Freund nacheilen wollte, und nun er ihn gefunden, ging er wieder ruhig. Die Fieberhitze wich und eine natürliche milde Wärme belebte den ganzen Körper.

Wieder und wieder schlang das Kind die Aermchen um den Zurückgekehrten: »Nicht wahr, Du gehst nicht mehr fort – Du bleibst bei mir?« flehte es mit rührender Angst.

»Nein, Maria, ich gehe nicht mehr fort – sei ruhig – ich schwöre Dir's, bei Gott: Eher vor Deiner Thür verhungern, oder erfrieren, als Dich wieder verlassen!«

»Ach, nun ist ja Alles gut!« Maria athmete auf wie aus einem bangen Traum erwacht. »Wo bist Du denn so lange gewesen, Du böser, böser Walther, – warum bist Du nie zu Deinem Mariele gekommen?«

»Maria, Du weißt ja – ich konnte nicht kommen! Wenn ich meinem Vater in die Hände gefallen wäre, dann hätte er mich ja zu dem gezwungen, was ich nun einmal nicht kann! Eher sterben! Als ich zur Gotte kam, suchte gerade eine Herrschaft, die zum Besuch aus der Fabrik war, einen Groom. – Das ist nämlich ein Knabe, der dem Kutscher beigegeben wird für kleine Dienste; und ich gefiel ihnen so gut, daß sie mich gleich mitnahmen in eine große Stadt – weit von hier. Es war auch ganz schön dort und ich bekam einen großen Lohn und dachte, ich könne was ersparen für die Zukunft – weißt Du, Mariele, – wenn wir einmal groß wären und heirathen könnten! – Aber das Heimweh brachte mich schier um und als mir der Bildhauer schrieb, Du seist so krank und er meine, aus Sehnsucht nach mir, ich solle doch kommen, da litt es mich nicht mehr. Ich kündigte meiner Herrschaft und eilte her!«

»Der Anselm hat Dir's geschrieben?« rief Maria: – »o Anselmo, das war brav von Dir!«

»Ja und er hat noch mehr gethan,« fuhr Walther fort: »Er hat vorher mit der Gotte gesprochen und die setzte es beim Vater durch, daß ich nicht mehr bei ihm arbeiten muß, sondern mir hier auf dem Friedhof mein Brod suchen darf.«

»Ach, das ist ja herrlich,« jubelte leise das Kind: »Welch ein Glückstag! Erst bringt mir der Anselmo Dein Bild und dann Dich selber,« und sie reichte Walther die Büste: »sieh, das hat er mir gemacht!«

»Jesus! das bin ja ich!« rief Walther, dem die Treue der Büste ganz unheimlich war. »Wie ist es möglich, daß ein Mensch das machen kann?«

»Nicht wahr, das ist schön? Aber ich muß es gut verstecken, daß es Niemand sieht, sonst erkennen sie's Alle!«

In der Kammer war es, als habe sich die Magd geregt. Noch einmal umschlangen sich die Kinder, dann sprang Walther vom Fenster herab. Anselmo hatte geduldig draußen gestanden und gewartet.

Maria reichte ihm die Hand hinaus: »Anselmo,« sagte sie innig, »wenn wir Dir's nur einmal lohnen könnten!«

»Mach Dir darum keine Sorgen,« erwiderte der Bildhauer und es lag eine stille Größe in dem Ton, mit dem er dies sprach: »Seid glücklich: Ich habe mein Theil Glück ja heute gehabt!«

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