Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelmine von Hillern >

Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

So war Walther nun draußen in der Fremde, aus dem Bann und Schutz der trauten Heimath – des Todtenviertels herausgerissen. Für die kleine Marie schien die Papierfabrik am andern Ende der Stadt, bei den fremden Menschen, die dem Leben, nicht dem Tode gehörten, gerade so weit, als wäre Walther an das andere Ende der Welt verschlagen, unter fremde Völker, deren Sprache und Sitten er nicht kannte, von wo er nie wieder den Heimweg finden könne.

Und der Gedanke war so groß und schwer, daß ihn das kleine Köpfchen fast nicht zu tragen vermochte, – es fing an herabzuhängen, wie das Köpfchen einer verschmachtenden Blume.

So saß das Kind still und allein auf den Gräbern herum und nur von Weitem, oder im flüchtigen Vorbeischreiten durfte der arme Bildhauer es grüßen. Sowie er mit ihm reden wollte, entfloh es wie eine menschenscheue Elfe. Der Bildhauer schwieg und trug seinerseits nicht minderes Leid, denn das arme kleine Schmerzensbild so einsam trauern zu sehen, ohne ihm helfen, ihm liebend beizustehen, das war zu viel für das heiße Herz des Knaben. Doch er hatte es ja gelernt, all sein Weh und all sein Sehnen in sich zu verschließen! Seine Vertrauten waren die Marmorblöcke, die er bearbeitete. In die harten Steine meißelte er alles Leben und Empfinden seines weichen Herzens ein. Hart und kalt wie jene war ihm das Leben – in schwerer Arbeit und Entsagung gingen seine Tage hin und jedes Grabmal, das einem Todten aus der Werkstatt seines Meisters errichtet ward, es war auch zugleich das Grabmal unzähliger stiller Hoffnungen, im Marmorstaub erstickter Lebenstriebe.

Immer bleicher sah er das Kind werden; ja, es schien ihm fast, als würde es immer kleiner. Eine namenlose Angst erfaßte ihn. Sollte es so dahin schwinden, das liebliche Geschöpf, sollte es sich verklären und in Duft zergehen wie ein Engel, der eine zeitlang Menschengestalt genommen, um ihm, dem armen Heimathlosen, hinauf zu winken nach einer bessern Heimath? –

Und so lebten die Beiden Tag für Tag dahin – getrennt und doch einander nah, ein freudloses Dasein.

Das Mägdlein saß jetzt fast immer, wenn es dämmerte, in dem Rosentempel, den die Kinder das Grafengrab nannten. Der Herr, dem es gehörte, war seit vielen Jahren nicht mehr in der Gegend gesehen worden. Die Kleine wußte nichts von ihm, als daß er ihrem Vater immer große Summen Geldes schickte mit dem strengen Befehl, das Grab müßte so gehalten sein, als wenn er es täglich besuchte. Da er aber nie kam, dachte sie gar nicht mehr an ihn und lebte sich allmälig in eine Art von Besitzrecht auf das verlassene Grab ein. Sie pflegte es allein –, sie besuchte es allein –, sie gehörte hierher; denn hier, zwischen diesen Rosen, hatte sie ja alle Abend mit Walther Märchen gelesen und geträumt, es war ihr der liebste Platz auf der ganzen Welt. –

Die Rosen waren verblüht und statt ihrer leuchteten gelbe Blätter durch das Laub. Die Kleine saß still und ruhig wie immer auf der Bank im Grünen versteckt; die Thür hatte sie zugezogen, damit Niemand aus Neugier eindringe. Sie hatte die Augen geschlossen und das Köpfchen an den Stamm einer Palme gelehnt, deren lange schmale Blätter auf ihre röthlichen Locken herabhingen.

Viele Leute gingen vorbei, sie achtete nicht darauf. Da aber geschah, was noch nie geschehen, – ihr Heiligthum wurde plötzlich geöffnet, die Gitterthür knarrte in den Angeln. Sie schlug die Augen auf und in demselben Moment trat der Eindringling wie betroffen, fast erschreckt, einen Schritt zurück und zwei tiefliegende graue Augen ruhten wie gebannt auf dem eigenthümlichen Bild. Das bleiche Engelsköpfchen zwischen den dunklen Palmen und Cypressen schien nichts Wirkliches – war es ein Todesengel, der sich an dieser stillen Ruhestätte niedergelassen?

»Was willst Du hier?« fragte endlich eine herrische und doch von einer heimlichen Bewegung unterdrückte Stimme.

»Was wollen Sie hier?« fragte das kleine Mädchen, entschlossen, sein Hausrecht zu wahren. »Da darf Niemand herein!«

»Das Grab ist mein,« sagte der Fremde, immer noch zögernd; denn es ging ein Zauber von dem kleinen Wesen aus, der ihn befangen machte.

»Das Grab gehört mir!« sagte Marie – und dann, wie sich besinnend, setzte sie hinzu: »Und – dem Grafen, wenn er kommt!«

»Und kannst Du wissen, ob ich dieser Graf nicht bin?« fragte der Fremde, und ein leichtes Lächeln überflog das finstere Gesicht.

Da erschrak das Kind und schlüpfte hervor aus seinem Blätterdickicht, um dem Besitzer den Platz zu räumen. Dieser überflog die ganze Erscheinung mit den Augen eines Kunstkenners.

»Also doch etwas Wirkliches!« murmelte er und verfolgte jede Bewegung der Kleinen bis zur Thür. Da warf sie noch einmal einen Blick auf ihr verlorenes Paradies und der Fremde ward davon so wunderbar ergriffen, daß er das Kind mit einer raschen Bewegung zurückhielt.

»Nein, bleib!« sagte er leise, und eine schöne Rührung flog über das strenge Gesicht – »Friedhofsblume! Du gehörst hierher. Ich komme, um einen Act der Liebe zu vollziehen, und das Erste, was ich thue, soll eine Lieblosigkeit sein?« sprach er wie zu sich selbst legte die Hand auf des Kindes Locken und bog ihm den schönen Kopf zurück. »Du bist eine Waise – nicht wahr?« fragte er plötzlich, als er eine Weile in den großen, ruhig auf ihn gerichteten Augen gelesen. »Hast Du Vater oder Mutter verloren?«

»Die Mutter!« sagte leise das Kind. »Und – und –« da füllten sich die Augen mit Thränen und es konnte nicht weiter reden.

»Und den Vater?« fragte der Fremde.

Das Kind schüttelte den Kopf. –

»Nein, – nicht den Vater? Wen denn?« fuhr der Fragende fort, von immer steigendem Interesse erfaßt. Das Kind aber schwieg beharrlich und suchte die erröthende Stirn der Hand des Fremden zu entwinden und das Gesicht zu verbergen.

»Seltsam!« murmelte dieser nachdenklich. »Wie alt bist Du!«

»Elf Jahre!«

»Und trauerst um einen kleinen Freund?« – Das Kind machte eine heftige Bewegung, aber er hielt es fest: »Nein, nein, sei ruhig – Blüthenknospe – ich dringe nicht in Dein Heiligthum!« Es lag eine wunderbare Milde in diesen Worten und dem Kinde klang der weiche tiefe Ton wie das Läuten einer fernen Abendglocke.

»Komm,« sagte er, schloß die Thür und zog die Kleine in das Blätterdunkel des Grabes. Dann ließ er sich wie müde auf die Bank nieder, Maria stand neben ihm. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand über Stirn und Augen. Es kämpfte in ihm, als wolle er etwas sagen und schäme sich. Es war spät geworden und kein müßiges Auge weit und breit. Lange saß der Fremde so und starrte vor sich hin. Das Kind sah sein Herz gewaltig pochen. Immer tiefer wurden die Schatten der Dämmerung und hüllten die Beiden ein. Da plötzlich schlang er den Arm um das Kind, legte die Stirn an die kleine Brust und ein leises Stöhnen drang aus dem verschlossenen Munde, wie es wohl der Verwundete ausstößt, wenn er, nach langer Pein auf dem harten Boden des Schlachtfeldes, zum ersten Mal das Haupt auf weichem Pfühl ausruhen läßt. »Ein Herz – zwar nur ein Kindesherz« – murmelte er: »aber doch ein Herz, in diesem Augenblick!«

Und das Kind fühlte, daß der fremde Mann schmerzlich bewegt sei und rührte sich nicht, um ihn nicht zu stören. Da läutete das Todtenglöckchen zur Vesper. Der Fremde merkte, daß das Kind über seinem Haupte die Hände faltete. Er blickte auf – nichts war mehr deutlich in der Dunkelheit, als des Kindes geisterhaft leuchtende Augen und die weißen schmalen Händchen, die es über der Brust gefaltet hielt.

»Kind,« sagte er leise, »kannst Du beten?«

Die Kleine nickte stumm.

»So bete für mich auf diesem Grabe!« –

Da sprach die Kleine mit ihrer melodischen Silberstimme den Rosenkranz:

Der Fremde legte die Hände über das Gesicht, immer höher hob sich seine Brust. – Jetzt that er sich keinen Zwang mehr an und ließ sich auf das Grab niedergleiten. Da lag er auf seinen Knien, barg das Antlitz in dem dichten Epheu und küßte den Stein, der darunter verborgen.

»Die Du mir diesen Trostesengel geschickt, daß ich nicht auf Deinem Grabe verzweifle, – die Du zu mir redest aus der Stimme des unschuldigen Kindes – ich habe Deine Sprache nicht verlernt im Weltgewühl – ich verstehe Dich noch! Gesegnet seist Du Maria – »Stern des Meeres,« der mir geleuchtet über den Ocean und mich den Pfad zu Deinem Grabe zurückfinden ließ – und damit zu mir selbst.« –

»Gebenedeyt seist Du Maria – und gebenedeyt sei die Frucht Deines Leibes!« betete das Kind.

»Gebenedeyt seist Du Maria, und gebenedeyt sei die Frucht Deines Leibes!« sprachen unwillkürlich wie einen eignen Gedanken die Lippen des Fremden nach, aber bei den letzten Worten brach der seltsame Mann in Thränen aus.

Das Geläut und das Gebet verstummte. Der Fremde blieb still und regungslos auf dem Grabe liegen wie ein Büßender.

Herbstlich kalt strich der Abendwind durch die raschelnden Blätter und aus den aufgethürmten Wolken tauchte die falbe Sichel des abnehmenden Mondes auf.

Da endlich erhob sich der Trauernde und sah sich nach dem Kinde um. Es hatte sich bescheiden in eine Ecke verkrochen. Er suchte es mit tastender Hand und zog es hervor.

»Du hast gesehen, was kein Mensch sehen sollte – kannst Du schweigen?«

»Ja,« sagte das Kind.

»Weißt Du auch, was ein Versprechen ist und wirst Du es halten?«

»O ja« – und es lag wieder etwas Räthselhaftes in dem Ton und Blick, mit dem das Kind diese kurzen Worte sagte. Der Fremde konnte ja nicht wissen, was es schon Ernstes gelobt, und wie es über ein Versprechen dachte!

»Wunderbares Kind!« flüsterte er leise und seine heiß geweinten Augen badeten sich in dem feuchten Glanz dieser Kinderaugen.

»Wie heißest Du?«

»Maria!«

Der Fremde zuckte zusammen: »Maria!«

Ein Augenblick des Schweigens. – Ein bleicher Mondesstrahl fiel auf die umschattete Stirn und die gesenkten Lider des Fremden. Er hielt des Kindes Hand sanft in der seinen, als wär's ein weißer Schmetterling, dem er die Flügel nicht verletzen dürfe.

»Was hat Dich hierhergeführt, liebliches Räthsel – heute gerade – heute?« frug er sinnend.

»Ich bin immer hier« sagte das Kind. –

»Immer?«

»Ja, ich pflege das Grab und begieße es jeden Abend und dann bleibe ich hier sitzen bis zum Schlafengehn.«

»So bist Du das Kind des Friedhofsgärtners?« fragte der Fremde bewegt.

»Ja!«

»Also Du – Du schufst diesen Zaubertempel? Was Wunder, daß er so schön ist – so weihevoll!«

»Als ich klein war, besorgte es der Vater, – jetzt darf ich es allein thun,« erklärte das Kind wahrheitsgetreu.

Da flüsterte der Fremde gegen das Grab gewandt: »Die Engel selbst kommen, Dein Grab zu schmücken, – bist Du zufrieden, verklärter Geist?«

Das Kind sah ihn tief und fragend an. Und als gäbe er ihm Antwort auf die stumme Frage fuhr er fort: »Die da drunten liegt – hab' ich sehr lieb gehabt – sie war sehr gut« – er stockte: »nur zu gut!« fügte er mit bebender Stimme hinzu. »Pflege dies Grab, kleine Maria, pflege es treu – ich vertraue es Deinen unschuldigen Händen. Und bei jeder Blume, die Du in diesen Hügel pflanzest, denke an mich und grüße die von mir, die da drunten ruht! – Ich muß heute Nacht wieder fort, – meines Bleibens war nur diese Stunde, aber, Maria, – ich komme wieder – und hole mir vielleicht die schönste Blume, die auf diesem Grabe erblüht!« Und er zog das Kind an sich und schaute ihm lange in das verklärte Gesichtchen, als könne er die Augen nicht abwenden. Dann hob er es zu sich empor: »Gieb ihn her, den kleinen süßen Mund! – So!« – wie ein zur Feuersqual Verdammter den Thau von dem Kelch einer weißen Rose nippen würde, die ihm ein Engel böte, so trank der Fremde den Kuß der Unschuld von des Kindes Lippen, schüchtern – kaum sie berührend. Dann stellte er das Kind wieder zur Erde und betrachtete es lange, was wohl jetzt in ihm vorgehe? Das Kind stand da wie eine kleine Heilige, die weiße Stirn schimmerte wie von einem Nimbus umgeben, aber die großen Augen waren zur Erde gesenkt.

»Kind, was wünschest Du in diesem Augenblick? Sag's und wenn's das Höchste ist, – wenn – wenn's meine Seele ist, – Du mußt es haben! Sag, was willst Du?«

Das Kind hob mit seherhafter Geberde den Finger und deutete auf das Grab: »Hier möcht' ich einmal begraben sein.« –

Ein Schauer überlief den Fremden – er trat einen Schritt zurück – fuhr sich mit der Hand über die Stirn und die Lippen flüsterten: »Nein, nein – es ist ein Traum!« –

Da schlug es neun Uhr vom Thurm der Todtenkapelle.

Er kam zur Besinnung – er mußte fort! Noch einmal zog er das Kind mit schmerzlichem Ungestüm an sich: »Nein, kein Todesengel – ein Engel des Lichts sollst Du mir werden!« Dann riß er sich los. »Verlasse dies Grab nicht, es ist mein Heiligthum und Du sollst darauf erblühen – zu einem schönern Dasein! Leb wohl – ich komme wieder!« Und hinaus eilte er mit raschem Schritt an den Gräbern vorüber, wieder dem Leben zu. –

Das Kind aber ging heute nicht heim. Niemand vermißte es ja zu Haus. Es schlief die Nacht auf dem Grabe. –

Als am andern Tage die ersten Strahlen der Morgensonne durch das Laub fielen und die Vögel die kleine Schläferin auf dem grünen Hügel wachsangen, hob sie das Köpfchen, und das Erste, was sie that, war, daß sie die Epheuranken bei Seite schob, die den Stein verhüllten, den sie früher nie beachtet. Die Inschrift wollte sie lesen – jetzt auf einmal mußte sie wissen, wer da unten lag! Da stand es mit goldenen Buchstaben und glänzte ihr in der Morgensonne entgegen – nichts weiter als der Name: » Maria!« –

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.