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Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
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Drittes Kapitel.

Als die kleinen Hochzeitsleute nach der Trauung so mit einander dahinschritten, sagte ihnen der Bildhauerlehrling gute Nacht – er hatte keine Lust zum Weiterspielen.

Aber auch das kleine Ehepaar war still geworden. Es war als ob sie sich vor einander genirten, sie waren fremd und verlegen und setzten das Spiel nicht fort, welches eigentlich kein Spiel mehr war.

Schweigend besorgten sie nach ihrer Gewohnheit die Gräber, denn das sogenannte Grafengrab mußte jeden Abend begossen werden. Dann sagten auch sie sich kurz gute Nacht und gingen auseinander, Jedes nach seiner Heimath zu. Aber sie waren nur wenige Schritte gegangen, da faßte es die Kinder wie ein plötzlicher Schmerz und mit einem Male drehten sich Beide zugleich um, flogen sich in die Arme und hielten sich weinend umschlungen. »Adieu, Mariele« – »Adieu, Walther!« Dann ließen sie sich los und Jedes ging leise schluchzend seinen Weg. –

Als das Kind heimkam, zog es noch vor der Thür das Brautgeschmeide aus und trug es in die Stube zu den Todtenkränzen zurück. Das bleierne Ringlein aber behielt es an.

Der Vater war nicht da und Maria schlich sich leise in ihre Dachkammer hinauf. Sie öffnete das kleine Fenster und blickte hinaus nach dem funkelnden Stern, der gerade über dem Hause stand. Es war ihr, als zöge ein weißer Engel langsam dem Stern zu, an allen den andern Gestirnen vorüber, immer ansteigend – jetzt – jetzt hatte er ihn erreicht und verhüllte ihn einen Augenblick! – Dann zerfloß die Erscheinung und der Stern leuchtete wieder ruhig und klar wie vorher. Aber dort drüben, unter den dunkeln Gebüschen stand wirklich eine helle Gestalt, die nicht zerfloß beim längeren Ansehen. Marien kam es vor, als wär's der staubige Anzug des Bildhauers. Was hatte denn der noch hier im Garten zu thun und nach ihrem Fenster hinaufzuschauen?

Es ward ihr unheimlich, sie schloß das Fenster und schlüpfte in ihr Bettchen. Lange konnte sie nicht einschlafen. Der Todtengräber und seine Frau durften doch beisammen bleiben nach der Hochzeit, sie aber mußte warten bis morgen Abend, ehe sie den lieben Gefährten wiedersah, – wenn es doch nur erst morgen wäre!

Und es ward morgen, aber ein trüber Tag. Es hätte gerne geregnet, aber der Wind ließ es nicht dazu kommen. Marie hatte des Nachmittags keine Schule, denn es war Mittwoch, da haben die Kinder frei und nun trieb sie sich unruhevoll daheim herum, half dem Vater beim Jäten und Gießen, ward es aber bald müde, und der Vater ließ sie springen. Wie ein Vogel aus dem geöffneten Käfig flog sie davon nach dem Kirchhof zu. Dort wartete sie auf Walther, aber vergeblich, und als es ihr zu lange währte, eilte sie hinaus über die Felder zur Wasenmeisterei. Der Sturm, der nach jener Seite hinging, trieb sie förmlich vor sich her, wie eine kleine Mänade, mit wehenden Haaren und fliegenden Gewändern, und eine Menge Vögel, die in der starken Luftströmung nicht mehr steuern konnten, wurden nach derselben Richtung mit gerissen und umflatterten das schöne Kind wie ein festliches Geleit. –

An der Mauer unter dem Hollunderbusch machte sie halt und setzte sich erwartungsvoll auf die Bank. Auch die Vögel faßten Fuß über ihr in den dichten Zweigen. Hier war er immer um diese Zeit und harrte ihres Kommens. Aber es war öde und still ringsum. Nur der Sturm brauste über das weite Feld und peitschte aus den vorüberjagenden Regenwolken einzelne Tropfen herab. – Weit, weit drüben stapfte langsam ein Jäger mit seinem Hunde hin und her, machte eine Kitte Feldhühner auf und schoß. Man hörte den Schuß kaum, so stark rauschte der Wind. Ein Huhn war getroffen; es flog schräg abwärts, zappelte, schwang sich noch einmal auf und sank dann flatternd und zuckend herab. Dann war Alles wieder still, der Jäger verlor sich in den Wald – und unendliche Einsamkeit umfing das Kind und wiegte es mit kalten Armen in eine Art von Todesruhe ein.

Es saß da wie ein Marmorbild, eine kleine Statue der Erwartung, das Ohr lauschend nach dem Hause gerichtet und nicht wagend, einen Finger zu rühren, um desto besser hören zu können, wenn der Schritt nahe, der liebe, bekannte Schritt. Heute gerade hatte sie sich so auf ihn gefreut – und gerade heute blieb er aus! Eine unerklärliche Angst befiel sie und auf einmal kam es ihr wieder wie gestern Abend beim Lebewohlsagen, wo sie weinen gemußt, ohne zu wissen warum. Jetzt plötzlich war es ihr, als errathe sie einen Zusammenhang zwischen jenen Thränen von gestern und dem, was ihr heute bevorstehe – und sie schloß die Augen und hielt ihr kleines pochendes Herz mit beiden Händen. Sie wagte nicht aufzustehen, nicht nachzusehen, aus Angst, das zu erfahren, was sie fürchtete. So mochte sie lange gesessen haben; wie lange wußte sie nicht. Es war ein kalter herbstlicher Abend, sie fror, aber sie merkte es selbst nicht, ihr dürftiges Kleidchen war feucht vom Regen und klebte an den feinen zierlichen Gliedern, sie zitterte halb vor Frost, halb vor Angst und eine Thräne um die andere rollte aus den geschlossenen Lidern. Da faßte plötzlich etwas ihre Hand – in seligem Schreck schlug sie die Augen auf – aber es war nicht der Erwartete – es war nur der Bildhauerlehrling!

»Marie,« sagte er athemlos, denn er war rasch gegangen: »Komm hier weg, Du wartest auf den Walther, aber der ist nicht mehr da.«

»Nicht da –,« schrie das Kind auf: »Wo ist er denn?«

»Er ist seinem Vater in der Nacht davongelaufen. Der hat gestern einen Knecht weggejagt und wollte nun, der Walther solle für diesen eintreten, er sei groß und stark genug. Aber der Walther will nun einmal durchaus nichts mit der Wasenmeisterei zu thun haben und da gab's Verdruß und der Walther lief fort –, hinaus auf die Fabrik zur Pathe. Er hat mir gestern Nacht noch ans Fenster geklopft und gesagt, ich sollt' zu Dir gehen und Dir einen Gruß bestellen und Du sollst nicht vergessen, was Du ihm gelobt hast. Wenn er groß sei, komme er dann und hole Dich mit dem Brautwagen.«

»Ach Gott, so ist er doch fort!« jammerte das Mägdlein und warf sich mit dem Kopf auf die Bank, in helle Thränen ausbrechend. Wie ein Kind um seine Mutter klagt, so weinte die verlassene Kleine um ihr Einziges, was sie auf Erden besaß, von dem sie nie getrennt gewesen, – den trauten Gesellen.

»Walther, o mein lieber guter Walther, komm, komm wieder,« schrie sie laut hinaus in den Wind und Regen und kein Trösten des Andern half, – sie schleuderte seine Hand von sich, wenn er sie berührte und jedes beruhigende Wort beantwortete sie mit dem Ruf: »Nein, – Walther soll kommen!«

Aber der hörte es nicht und kam nicht und der Freund stand rathlos da – seine Theilnahme wurde verschmäht, sein Trost war machtlos.

»Komm wenigstens heim, Du wirst ja krank da, in der Nässe.«

»Ich werd' schon heimgehen, wenn's Zeit ist,« schluchzte die Kleine in der Ungeduld des Schmerzes. »Geh nur, geh, ich mag Dich nicht!«

Was konnte der Knabe anders thun, – er ging. Aber nur so weit, bis sie ihn nicht mehr sah. Denn, sie jetzt ihrem Schicksal überlassen, das hätte er nicht übers Herz gebracht.

Lange noch trug der Wind des Kindes Klagelaute zu ihm herüber und jeder Schrei ging ihm wie ein Messer durchs Herz. Allmälig ward es stiller – er hörte sie nur noch leise schluchzen, dann schwieg sie. – Die Nacht kam unversehens und deckte die Erde mit einem bleiernen lichtlosen Himmel. Nichts war zu hören als das eintönige Rieseln des Regens und das Pfeifen des Sturmes über den öden Wasen weg. Hin und wieder heulte einer der gefangenen Hunde innerhalb der Mauer laut auf, dann war Alles wieder still. Nun wurde es dem Knaben doch zu lange und er schlich leise hin, nach dem Kinde zu sehen. Da lag es ausgestreckt auf der Bank unter dem Hollunderbaum und der Regen rieselte unaufhaltsam auf die zarte Gestalt herab. Der Knabe stand scheu vor ihr und betrachtete die kleine Verlassene, wie sie da lag, – er wußte nicht, ob schlafend, ob erstarrt, den Elementen, der Nacht und der Einsamkeit preisgegeben, wenn auch er sie verließe! Und er faßte schüchtern ihre Hand, denn er fürchtete, sie stieße ihn wieder von sich; aber sie hatte sich müde geweint und hob nur langsam das Köpfchen. Ihre Hände waren kalt, ihre Glieder steif vor Nässe. Der Knabe zog sich sein Röckchen aus und hing es ihr um, das war noch warm von seinem eigenen fieberheißen Körper und die Wärme that ihr gut durch die nassen Kleider hindurch.

»Aber dann friert Dich,« sagte sie matt, denn der Regen und Sturm durchpeitschten nun das zerrissene Hemd des armen Gesellen bis auf die Haut. Aber er lachte nur selig, denn sein dürftig' Gewand schützte ja das geliebte Kind.

»Komm', ich trag' Dich heim,« sagte er, aber das wollte sie nicht. »Ich kann schon laufen,« sagte sie.

Dann sprachen sie nichts mehr auf dem ganzen Heimweg, doch zum öfteren mußte er das Kind stützen, denn der Sturm riß es fast um und die kleinen Füße trugen es nur strauchelnd in der Dunkelheit über den vom Regen aufgewühlten Boden hin.

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