Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelmine von Hillern >

Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Hinter dem Friedhof dehnt sich ein weites, freies Feld hin. Im Vordergrund das Exercirfeld und weiter hinaus das einsame Gehöft des Abdeckers, die Wasenmeisterei. Unweit davon ein langes, niederes Gebäude – die Remise und die Stallung des Leichenkutschers.

Wieder ist es Abend und Stille lagert über dem öden Feld; denn hier heraus kommt Niemand, als wer einen alten Hund oder ein krankes Pferd umbringen lassen will. – Hier heraus führt kein Spaziergang, alles Leben meidet den Schinder.

Nur aus der Ferne herüber tönt wie das Ticken des Bohrwurms – das Volk nennt ihn die »Todtenuhr« – das Ticken der Hämmer von Loreni's, des Grabbildhauers, Gesellen. Es ist noch nicht Feierabend und durch die feinen, weißen Staubwolken, die den Arbeiter und den behauenen Block einhüllen und der bang athmenden Lunge die Luft verdichten, schaut sehnsüchtig das geisterhaft glänzende Auge des armen, fremden Lehrlings nach der Richtung hinüber, wo soeben, wie eine feine Silhouette, der Todtenwagen mit seinem Rappengespann vom goldenen Abendhimmel sich abhebt. Die grellen Sonnenstrahlen zeichnen die harten Contouren des Wagens und der Pferde scharf aus, bis auf die Speichen der Räder und die Füße der Rosse, die in langsamer Bewegung wie ein Schattenspiel am Horizont vorübergleiten. Warum kann sein Auge nicht von dem Anblick lassen? Ahnt er, daß in dem leeren Raum zwei rosige Kindergesichter verborgen sind – die sich als Braut und Bräutigam träumen und daß in diesem Augenblick das düstere Gefährt ein »Brautwagen« ist? Glückselige Einfalt! – Das kindliche Brautpaar da drüben im schwarzen Todtenwagen ist so stolz wie nur je ein Brautpaar in purpurverbrämter Staatscarosse es gewesen!

Erst ein Tag ist verstrichen, seit die beiden Kinder auf dem Kirchhof vom Hochzeithalten geträumt und schon hat die erfinderische Phantasie des Mädchens den Brautwagen ausfindig gemacht und der Knabe muß mitspielen, anfangs nur um der Kleinen den Willen zu thun, denn er ist ja schon größer und vernünftiger – bald aber lebt er sich in die Täuschung hinein und sie wird ihm zur süßen Wahrheit.

Des Leichenkutschers alter Knecht kennt die Beiden schon von Klein auf, denn sie kamen manchmal zu ihm und spielten Versteckens in der großen Remise unter den schwarzen Dächern der Leichenwagen.

»Gewohnheit, dumpfe nur, macht Dich vom Schreckbild frei – Du hörest es und siehst's – und denkest nichts dabei« – sagt Rückert. Was Andern ein Ort des Schreckens gewesen wäre, das war den Kindern der Todtenstadt ein willkommener Spielplatz. Und als sie größer wurden, da war es ihnen ein trauliches Asyl, um ungestört zu lesen, denn sie hatten gar mancherlei Bücher.

Des Knaben Pathe war Lumpensortirerin einer großen Papierfabrik. Nun werden jedoch in einer solchen Fabrik nicht immer nur Lumpen, sondern es wird auch Maculatur aller Art eingestampft. Die »Gotte«, wie sie in der Gegend die Pathe nennen, war aber eine »nachdenkliche« Frau und warf beim Sortiren hin und wieder einen Blick in das Gedruckte. Darunter waren denn manchmal recht schöne Sachen, Bruchstücke von Gedichtsammlungen, von guten Schulbüchern, von geistlichen und weltlichen Schriften aller Art; und war es gar noch ein halber oder ein Dreiviertelsband, so erbarmte es sie, das in den Lumpenkessel zu werfen. Sie rettete es vor der Vernichtung und hob es für ihren Pathen auf. Freilich war dies eigentlich eine Veruntreuung, doch diese Leute betrachten das nicht so. – Von den vielen Centnern Maculatur ein paar Stückchen mit heim zu nehmen, das war nicht schlimmer, als wenn sich der Schnitter beim Mähen einen Strauß Feldblumen auf den Hut steckt. – Und aus diesen papiernen »Blumen« ging eine merkwürdige Saat hervor, denn der Knabe, in dessen Hände sie kamen, bildete sich daran und lernte denken.

Aus den zerrissenen Blättern stiegen verklärte Gestalten vor ihm auf und manches zündende Wort eines großen Dichters aus einer zerlesenen Encyklopädie weckte in der jungen Seele Keime eines höheren Lebens.

Wohl war es ein chaotisches Durcheinander, was die gute alte Lumpensortirerin ihm da zusteckte; aber es verlieh ihm immerhin einen ernsten Zug, der ihn von den anderen Knaben seines Standes unterschied und trennte. Nur das kleine Mädchen, – das einsame, mutterlose Kind mit dem rothgoldenen Lockenschleier um den Kopf und den tiefblauen Augen – gerade wie es in den Märchen beschrieben ist – das wählte er zu seiner Gefährtin und Vertrauten, mit dem genoß er heimlich die verbotenen Früchte des kleinen Diebstahls, den die »Gotte« am Lumpenkessel verübt.

Es ist eine alte Erfahrung, daß das jugendliche Gemüth das erste Erwachen poetischer Empfindung ängstlich verbirgt, wie das erste Erwachen der Liebe. Es hat nur einen Vertrauten, dem es die Wunder der neuen Gefühle mittheilt. Und wie Poesie und Liebe in ihrem Wesen untrennbar, so fallen diese beiden höchsten Momente auch gewöhnlich zusammen, wenn die Vertrauten zweierlei Geschlechtes sind.

So auch diese Kinder. – Von einer zufälligen, ungeordneten Lectüre vorzeitig geweckt und erregt, verwebten sie die Gestalten der poetischen Fiction mit sich selbst und in den kleinen Herzen entstand ein unerklärliches Sehnen, ein sich Nimmermehrlassenkönnen, eine stille Trauer, die mit ihnen ging, wie die Ahnung all des großen Wehs, von welchem sie gelesen, daß es Menschen, die sich liebten, ergreife, wenn sie getrennt würden.

Und als sie gestern die Hochzeit des Todtengräbers mit ansahen, – da gewann all das unbestimmte Bangen eine greifbare Form: – Heirathen! Heirathen – das war das Nimmergetrenntwerden! Wer im Hochzeitswagen saß, der gehörte zusammen, der war unlösbar verbunden!

Und so setzten sich die armen Kinder in den Todtenwagen, als er heimkehrte; denn der alte Leichenkutscher, der sie gern mochte, nahm die lebendigen Passagiere, die nicht hineingehörten, lieber auf, als die todten, die hineingehörten.

Es war ein sehr schönes Vergnügen. Sie waren sehr vornehm, sehr reich und sehr stolz in dem großen Wagen, von den zwei stattlichen Rappen gezogen, die Abendsonne schien so lustig herein, die Troddeln und Quasten an den Vorhängen des Daches schwankten und schaukelten so prunkvoll hin und her! Freilich war's schade, daß sie schwarz waren – roth oder blau wäre hübscher gewesen; indessen man kann ja nicht Alles haben, wie man's will! Und der Bräutigam hatte den Arm um seine kleine Braut geschlungen und sie lehnte das Köpfchen an seine Brust. Sie hatte einen Brautkranz von weißem Hollunder auf dem Kopf und sah aus wie eine Prinzessin, so schön und so glücklich. Sie hatte sich auch Armbänder und einen Halsschmuck von Silberperlen gemacht, die ihr Vater zu den künstlichen Todtenkränzen brauchte; denn er war der Kirchhofsgärtner, dessen Häuschen drüben tief im Grünen versteckt lag.

Er war ein strenger, fleißiger Mann, der den ganzen Tag arbeitete und sich nicht viel um das Kind kümmerte. Die Mutter war vor zwei Jahren gestorben, seitdem wuchs es auf, wie eine wilde Rose, ohne Pflege und ohne Liebe. Da schloß es sich denn ganz an den Knaben an, der auch immer allein war und dessen Mutter fast zugleich mit der ihren gestorben war.

Der Knabe hieß Walther und das Mägdlein Maria – das war Alles, was sie von einander wußten.

Des Knaben Heimath war da drüben der einsame Fleck Erde, den alle Welt mied; er war des Abdeckers Sohn. –

Der Friedhofsgärtner aber hatte es nicht gern, wenn das Kind immer mit dem »Schindersbuben,« wie er ihn nannte, herumlief, denn der Abdecker stand ja tief unter ihm. Aber darum kümmerte sich die Kleine nicht – für sie war der arme Paria der Beste, der Schönste und der Liebste von allen andern Knaben. Wenn er sie mit seinen großen Augen so lieb und so treu ansah, so machte es ihr oft das kleine Herz schwellen in einer unnennbaren Empfindung, daß sie die Arme um seinen Hals schlang und immer wieder und wieder »Du lieber guter Walther!« sagen mußte. Das sagte sie so oft, daß sie auch Nachts im Schlaf, wenn der Mond durchs kleine Fenster auf ihr Bettchen schien, meinte, es seien Walther's Augen, die ihr entgegenstrahlten und das Köpfchen ihm zuwandte, während die Lippen: »Du lieber guter Walther« flüsterten.

Und da der Vater immer schalt, wenn er sie mit dem Knaben sah, so lief sie gewöhnlich zu diesem auf die Wasenmeisterei.

Da stand an der Mauer der große Hollunderbusch, von dem sie sich heute den Brautkranz gewunden, unter dem saßen sie, wenn des Knaben Vater fort war und lauschten den Vögeln, die hier so ungestört sangen, und sahen den Rehen zu, die vom fernen Waldsaum ruhig äsend auf den Anger heraustraten. Gefiel es ihnen da nicht mehr, kam der Meister heim mit seinen Gesellen, daß es laut auf dem Hofe wurde, dann gingen sie fort; sie hatten ja die Auswahl an schönen Spielplätzen und Verstecken, von der Wasenmeisterei bis zum Leichenkutscher und von diesem zum Kirchhof, – die Welt war groß und weit für sie!

So fuhren sie denn nun heute vertrauensvoll und glücklich mit einander zur Hochzeit in die Kirche: das war die Remise für die Todtenwagen. Als sie aber dorthin kamen und der Leichenkutscher die Pferde abschirrte und den Wagen hineinschob, fehlte es an einem Altar und an einem Pfarrer, der sie traute. Daran hatten sie nicht gedacht.

Doch bald wußte die Kleine Rath. »Komm auf den Kirchhof. Jetzt ist bald Feierabend und da suchen wir den Anselmo, mit dem gehen wir dann in die Todtenkapelle und dort muß er uns trauen – dort ist ja nie ein Mensch um diese Zeit.« –

Anselmo war der Bildhauerlehrling, der drüben pochenden Hammers und Herzens den Feierabend herbei sehnte und ihren Brautwagen von Ferne gesehen.

Anselmo war ja so brav, er that ihnen Alles zu Gefallen und war der einzige Gefährte, den sie unter der Jugend des Kirchhofsviertels hatten. Er war auch ernst und klug wie Walther, er konnte herrlich den Pfarrer spielen.

Und die Kleine schlug in die Hände vor Vergnügen über diesen Einfall. Der Knabe folgte ihr schweigend und sie zog ihn rasch mit sich über die Felder nach dem Kirchhof. Sie hatte sich nicht verrechnet; denn schon von Weitem sahen sie den armen Bildhauer kommen, der soeben den Feierabend antrat. Rasch und wichtig theilte ihm die Kleine ihr Anliegen mit und so lieblich bat sie und so reizende Grübchen bildeten sich in ihren rosigen Wangen, daß er nicht anders konnte, als ihr, wie immer, den Willen zu thun. Aber ein fast feindlicher Blick streifte den still dastehenden Nebenbuhler, der sein Glück nicht einmal zu schätzen schien. »Du freust Dich ja gar nicht,« sagte er mit gepreßter Stimme. »Vielleicht machst Du Dir nichts draus – dann laß mich der Bräutigam sein und sei Du der Pfarrer!«

»Nein, nein, ich will nur mit Walther getraut werden!« rief die Kleine heftig und klammerte sich an den Gefährten. »Warum bist Du denn nicht vergnügt?« fragte sie den stummen Bräutigam.

»Maria«, sagte dieser fast streng: »wenn wir uns in der Kapelle trauen lassen, dann darf es aber kein Spiel sein, sonst ist es Sünde! Was Du vor Gottes Altar versprichst, das mußt Du ernst meinen und halten, wenn Du es nicht hältst, dann bist Du meineidig und Du weißt, was wir von Untreue und Eidbruch gelesen haben! Willst Du mir also halten, was Du mir in der Kirche versprichst, bis wir groß sind und uns wirklich heirathen können? Dann will ich mit Dir gehen!«

»Ja!« sagte die Kleine, »gewiß, ich will's.« Und die blauen Augen füllten sich mit perlendem Thau, so sehr hatte das Kind den Ernst dieser Worte verstanden. –

Der Bildhauer sagte nichts mehr, er rang es hinunter, was in ihm bitter aufquoll, er war es ja gewohnt! Sie gelangten vor die Thür der Todtenkapelle, der junge Bräutigam drückte sie auf und die Drei standen in dem einsamen Heiligthum. – Aber als sie vor den Altar traten, als der Leichnam des Gekreuzigten starr und bleich im Schoße der Schmerzensmutter vor ihnen lag – als die wehmuthsvolle Stimmung und Todesruhe des geweihten Raumes sie umfing, da überlief es die Kinder mit heiligem Schauer und das Mägdlein fing laut an zu schluchzen, während es auf die Stufen niederkniete, des Bräutigams Hand fest in der seinen. Aber auch dies war gar schön, denn durch die wahre Empfindung wurde das Spiel Wahrheit und diese Wahrheit war so selig. Auch der Knabe erbebte, als vollendete sich in diesem Augenblick wundervoll sein Geschick, wie es wohl der fertige Mann empfindet, wenn er den unwiderruflich bindenden Schritt vor den Altar thut.

Der Bildhauerlehrling hielt eine seltsam zu Herzen gehende Rede und sie wechselten kleine bleierne Ringlein mit einem rothen und grünen Stein von Staniol, die das Mägdlein einmal als Meßkram bekommen, und schwuren sich ewige Treue. Der Bildhauer segnete sie mit bleichen Lippen, und als sie aus der Kirche gingen, da waren sie förmlich gewachsen, gehoben von dem Bewußtsein, daß sie jetzt Mann und Frau waren und sich nimmer trennen konnten! Denn was sie in diesem Augenblick gelobt –, sie wußten's, sie würden es halten! –

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.